Sie sahen Grün
Juli 1, 2026
In meiner Erinnerung war mein Vater oft ein Abwesender.
Unter der Woche war er im Büro, am Wochenende im Museum. Und wenn er weder im Büro noch im Museum noch am Schreibtisch war, war er unterwegs – zur Kur im Schwarzwald oder auf Bunkerjagd am Atlantikwall, an der Westfront oder wer weiß wo.
Als Kind habe ich das nicht verstanden. Die Arbeit nicht, das Museum nicht, die Bunker nicht. Auch nicht, wenn er mich mitnahm, damit ich als laufender Meter auf Fotos als Größenvergleich neben Türen und Durchgängen posieren konnte.
Vielleicht waren wir beide nicht besonders gut darin, uns gegenseitig in unsere jeweilige Welt einzuladen.
Er hat versucht, mir Klavierspielen beizubringen. Bei ihm sah das sehr leicht aus.
War es nicht.
Er hat mir Canasta erklärt.
Tatsächlich verstanden habe ich es erst Jahre später.
Er wollte mir zeigen, wie man schnitzt.
Nachdem ich mir beinahe einen Finger amputiert hatte, hat er mir den Drachen, den ich haben wollte, schließlich selbst aus dem Holz geschnitten.
Er nahm mich mit ins Museum.
Ich saß mit meinem Gameboy in der Ecke, bis ich wieder nach Hause gehen durfte.
Und er hat immer wieder Geschichten erzählt, die meisten davon, soweit ich weiß, auch wahr. Wenn er das richtige Publikum hatte, war er kaum zu stoppen.
Diese Publikum war meistens nicht ich.
Später dann, nachdem ich zum Studium fortgegangen war, war ich der Abwesende. Wenn mein Vater und ich uns am Telefon nicht anschwiegen, ging es häufig um seine Computerprobleme, die Museumshomepage, die Horchstelle oder irgendein historisches Ding, das ich beim nächsten Besuch auf dem Weg nach Hause einsammeln sollte.
Mich hat das immer ein bisschen aufgeregt, weil ich das Gefühl hatte, einfach nur jemand zu sein, der Dinge für ihn erledigen sollte.
Heute sehe ich das anders.
Heute glaube ich, dass wir uns ähnlicher waren, als ich lange dachte.
Ich habe nur seine mir öden Themen gesehen, nicht seine Neugier.
Und sein Interesse auch für mein Leben.
Dabei war er der treueste Leser meines Blogs. Seine Rückmeldungen waren zwar selten überschwänglich, meistens eher formell – aber sie bedeuteten doch: ich habe dich gelesen.
Heute glaube ich, dass seine Bitten um Hilfe mit dem Computer oder der Homepage weniger praktische Anliegen waren als seine Art zu sagen: Ich will dich gerne sehen.
Als ich meinen Vater zuletzt besucht habe, hat er mir eine Geschichte erzählt, die ich noch nie gehört hatte. Er erzählte von seinem ersten Bunker. Davon, wie er als junger Mann allein, nur bewaffnet mit einer Taschenlampe, einem Notizblock und einem Kugelschreiber in unbekannte und tatsächlich gefährliche Tiefen hinabgestiegen ist. Ohne jemandem Bescheid zu sagen. Ohne Rettungsleine. Seine Neugier größer als jede Vorsicht. Wie in einem der Videospiele, die ich immer gespielt habe.
Diesen Abenteurer, musste ich feststellen, habe ich nicht gekannt. Diesen jungen Mann, der unerschrocken die Welt erforschen wollte: der war mir neu.
Dachte ich.
Dann nahm ich das Augenrollen fort, mit dem Kinder ihre Eltern gerne bedenken.
Ich nahm die Genervtheit fort.
Und plötzlich war er doch da:
Eigensinnig bis zur Unvernunft. Neugierig, intelligent, mitteilsam, kreativ.
Einmal hat er einen Kurzfilm gedreht mit dem Titel „Grün“. Eine Minute grünes Anführband. Er begann mit den Worten „Sie sehen grün.“ Und endete mit den Worten „Sie sahen grün.“
Ich habe den Film nie gesehen.
Ich kenne ihn doch.
Vor drei Wochen habe ich mir ein Buch gekauft, darin Bilder von Bamberg aus den 1950ern, also der Zeit, in der mein Vater Kind und Jugendlicher war.
Mein Vater hat häufig gesagt – vor allem, wenn ich mal wieder Gameboy spielend im Museum saß – wie freudlos doch seine Jugend im Vergleich zu meiner gewesen sei; um dann davon zu erzählen, wie er und seine Freunde durch die Nachkriegsstadt gezogen seien, Fahne flieg! gespielt oder aber mit einem kleinen Damm den Fluss aufgestaut hätten.
In dem Buch gibt es ein Bild spielender Kinder am Fluss, im Vordergrund, verschwommen, ein Junge. Ich wollte meinen Vater noch fragen, ob er das gewesen sein könnte.
Dazu ist es nicht mehr gekommen.
Ich werde ihn nicht mehr fragen können, ob er dieser Junge war.
Ich werde ihn nicht mehr nach dem jungen Abenteurer fragen können.
Aber ich glaube, ich habe in den letzten Wochen begonnen, ihn ein wenig besser zu sehen.
Und dafür bin ich dankbar.
Danke, Papa, für die Zeit, die wir hatten.