Gejaule um Vergangenes

Die Vergangenheit frisst an mir wie ein wildes Tier. Und ich gebe mich dem hin, heiße das Alte willkommen, sich an meinem Leben zu laben, ich brauche es ja offensichtlich nicht.

Meine Tage sind gefüllt mit Sinnlosigkeiten und Nichtstun. Da kann mich die Vergangenheit ruhig einholen, locker überrunden, ohne sich anstrengen zu müssen. Verlockend ist das ja schon, wenn das, was eigentlich vergangen ist, wieder vor einem liegt, einstellen muss man sich da auf nichts Neues, Unbekanntes, vielleicht Unbequemes.
Ich habe Angst vor dem, was andernfalls kommt.
So sehr ich mich grundsätzlich nach Veränderung sehne, so sehr fürchte ich mich vor dem Blindsein für das, was kommen könnte. Und blind werde ich sein, ist ja jeder gezwungenermaßen.
Ich fürchte diesen Kontrollverlust, so dumm das vielleicht auch ist. Denn wann habe ich jemals irgendwas in meinem Leben kontrolliert? Wann hätte das jemals in meiner Macht gestanden oder in der irgendeines Anderen?

Die Menschen sind da nicht alle gleich, habe ich gemerkt, ja selbst ich bin meinem Phlegma da nicht immer treu. Manchen Tages bin ich so aufbruchsfreudig, ja fast schon umtriebig, dass ich achtzig Dinge gleichzeitig anfange, anderntags schaffe ich es gerade mal aus dem Bett unter die Dusche, wo ich anscheinend Stunden verbringe, denn obwohl ich weit vor Mittag aufgestanden bin, geht die Sonne schon fast wieder unter, wenn ich mich abgetrocknet habe.
Und dann wieder mag die Zeit manchmal nicht vergehen, egal wie sehr oder wie böse ich sie anstarre.

Überlegt habe ich, die alten Texte aus dem ersten Blog von vor über zehn Jahren hierher zu importieren. Nicht dass das technisch ohne Weiteres möglich wäre, im Gegenteil. Vorausschauend, wie ich war damals, habe ich keine Worpress-gängigen Dateien gespeichert, sondern reines HTML. Offensichtlich wusste ich damals schon, dass ich mich irgendwann mit Unnötigkeiten beschäftigen wollen würde. Und ich ahne jetzt schon, dass das Ausschneiden, Überarbeiten und Anpassen alter Texte an mein heutiges Wort- und Lebensgefühl nicht etwa nur wenige Wochen in Anspruch nähme, sondern eher Monate.
Monate, die ich so schon mal semikonstruktiv verplant hätte mit einem Projekt, das mich effizient von allem anderen abhält, was mich tatsächlich voranbringen könnte. Ich habe mich letztlich doch dagegen entschlossen. Wenn ich die Vergangenheit so toll gefunden hätte, dann hätte ich sie wohl gleich behalten. Durch ein Wiedererleben des Vergangenen ist mir nicht geholfen, ein anderer wird es nicht lesen und (im Fall, dass ich mich da irre) schon gar nicht davon profitieren.
Das Jaulen der Vergangenheit ergibt selbst mit Nostalgiefilter keine Harmonie. Und so lange ich die alten Geschichten an mir nagen lasse, werde ich nie erreichen, was ich mir trotz vorgeblicher Ehrgeizlosigkeit zum Ziel gesetzt habe.

Insofern: Neues schreiben, Neues machen, nur trauern, wenn es sinnvoll ist. Alles andere hinter sich lassen, was belastet. Was wir hinter uns gelassen haben, ist aus guten Gründen auf der Strecke geblieben.