ANDERSWOLFFORTSCHREITUNGEN
Weil Stehenbleiben auch nicht hilft.
Der Berg wird nicht kleiner, nur weil du oben stehst | 24.08.12 | Von der Front

Vielleicht könnte ich das endlich mal zugeben. Dass es mir bei aller Kokettiererei mit dem Leid und Selbstmitleid, bei aller Schaumschlägerei um fatalistische Abschiede und reuige Neubeginne, bei aller Lust am Dokumentieren des vermeintlichen eigenen Untergangs auch ein kleines bisschen darum geht: oben zu stehen.

Eigentlich schließe ich das ja für mich kategorisch aus, den Erfolgswillen, den Ehrgeiz, eine materielle Motivation. Und doch will ich es fühlen, sehen, begreifen: das Oben-sein.
Der Weg, das lernt man beim Wandern (selbst wenn man es schon zu wissen glaubte), der Weg also ist das Ziel.
Es geht nicht um einen Endspurt, nicht um das Ankommen, das Überschreiten einer imaginierten Ziellinie, es geht einzig ums Gehen. Einen Fuß vor den anderen zu setzen, auch wenn der Oberschenkel vor Erschöpfung brennt, weil er die letzten Stunden nichts anderes getan hat, als einen Fuß vor den anderen zu setzen. Den Körper einen Schritt nach dem nächsten tun zu lassen, auch wenn das Gewicht des Rucksacks zum Stehenbleiben, zum Pausieren, zum Verharren auffordert. Gegen das Selbstmitleid, gegen den Selbsthass, gegen das Unverständnis anlaufen, was man sich eigentlich dabei gedacht habe, eine Zehntagestour laufen zu wollen, so untrainiert, so unvorbereitet, so naiv, wie man war.
Und doch ist da dieser Weg, der nicht kürzer wird. Der Berg, der nicht kleiner wird und nicht näher kommt.
Es sind einzig und allein die Schritte, die man macht, die noch zählen. Und ein einziger Schritt geht auch noch, dann vielleicht noch ein weiterer, und dann irgendwann, wenn man nicht mehr auf seinen Atem achtet und nicht auf das viel zu hohe Gewicht auf dem Rücken, dann ist man irgendwo anders. Auf einem Grat, einem Gipfel, an einem vermeintlichen Ziel, das doch nur ein Zwischenhalt ist, ein Ort für eine Pause, vielleicht ein Ort zum Übernachten, auf jeden Fall aber ein Ort, der wieder nur einen Punkt für einen neuerlichen Aufbruch darstellt.

Darum zählt auch ein Gipfel nichts.
Auch wenn es der vierte Gipfel der Tour und der höchste ist, vielleicht auch der mit der besten Aussicht auf den Bodensee. Auch das erste Kreuz, der letzte Grat, sie alle zählen nicht, denn vor mir liegt nach einem Aufstieg immer wieder nur ein Abstieg.

Zum Beispiel: der Hohe Freschen und der davor liegende Binnelgrat. Zu Beginn des Binnelgrats steht ein Schild vor dem Wanderer, das über den vorausliegenden Weg sagt, man solle ihn möglichst nicht gehen. Man könne passieren, wenn man erfahren, schwindelfrei, trittsicher sei. Solle es aber eigentlich nicht, gefährlich bleibe es allzumal.
Eine Wahl haben wir aber nicht, denn es ist nun schon 15 Uhr, die einzige Unterkunft, die wir in den nächsten drei Stunden erreichen können, liegt am Ende des Weges, den wir noch zu gehen haben, eine Umkehr kommt also nicht in Frage.
Hinter dem Schild allerdings liegt ein Weg, der schmal ist, an beiden Seiten schroff ein- oder zweihundert Meter abfällt, und in sich selbst auch leicht schief verläuft. Später führt er durch ein auch nicht viel breiteres, dafür aber krautig überwachsenes Hochplateau, dann an einem Steilhang empor, in engen, stahlseilgesicherten Serpentinen an den Berg gepresst, bevor jäh das Kreuz in Sicht kommt, dann eine letzte Kehre, bevor ich mich über den Rand nach oben ziehe.
Und an der Südkante einer riesigen, nach Norden hin sanft abfallenden Ebene stehe, wo irgendwo in der grasigen Weite das Freschenhaus steht, unsere Unterkunft für die folgende Nacht. Unfassbar finde ich das, und gleichzeitig überschwemmen mich zweierlei Emotionen: das Glücksgefühl des Aufgestiegenen, Emporgekommenen, der eine Leistung erbracht hat, die weit jenseits seiner Vorstellungskraft stand; und die Enttäuschung über einen so scheinbaren Triumph, der nur die unnötige Mutprobe ist, an einer Abbruchkante entlang einen motorisiert gut erfahrbaren Berg zu erklettern.

Eitel finde ich mich da und eitel auch mein Streben, nach oben zu kommen, zu einem Oben, einem Gipfel hin, der keiner ist, sondern nur erhöhte Landschaft. Eitel finde ich mich und auch ein bisschen dämlich, dass ich einem Aufstieg, den schon so viele andere vor mir gemeistert haben, so viel Bedeutung beimesse.
Und dann wieder - nicht aus der Distanz der Heimat und auch nicht aus der Entfernung der vergangenen Tage aus besehen, sondern einzig und allein aus einer größeren Nähe bei sich selbst heraus - ist die Bedeutung gerechtfertigt, die Euphorie angemessen, ist die Leistung - so selbstmörderisch, selbstvergessen, selbstüberschätzend sie war - eine beachtenswerte Leistung. Vielleicht nicht für das olympische Kommitee oder die milchschnitteverliebten Huber-Buam. Vielleicht nicht für den Rest der Welt, aber beachtenswert doch für mich. Denn ich habe mich auf den Weg gemacht und ich bin die Schritte gegangen, die nötig waren, und ich habe die Kraft aufgebracht, zu tun, was notwendig war, um mein Ziel zu erreichen, das ich nicht definieren konnte, bevor ich es erreicht hatte.
Es war meine Leistung, und ich finde sie beachtenswert, denn sie zeigt mir vor allem eines: dass ich trotz allen diesgerichteten Behauptens nicht verlernt habe, ein Ziel zu haben und zu verfolgen, und sei es nur aus einem Mangel an Alternativen heraus. Dass es sinnvoll ist, mich anzustrengen, mich zu fordern. Dass es aber vor allem aber nicht sinnvoll ist, so zu tun, als wüsste ich mehr als eine grobe Richtung, wenn ich irgendwohin aufbreche.
Ich kenne das Ziel nicht, ich kenne nicht den Ausgang eines Plans, ich weiß nur den Weg dorthin, auf dem es keine Abkürzung gibt: einen Fuß vor dem anderen, einen Schritt nach dem vorigen, immer voran auf dem Weg, der mal aufwärts, mal abwärts führt, immer mal wieder auch Pausen erfordert, um mich zu orientieren, und vielleicht auch mal erlaubt, die Aussicht zu genießen.

Vielleicht muss ich dies eine aber tatsächlich zugeben, diese Erkenntnis, die ich in den Bergen hatte, und die mir vielleicht auch in meiner bergelosen Heimat helfen kann. Ein Weg ist vielleicht nur ein Weg, ein Gipfel nur ein Gipfel, ein Tal eben ein Tal. Doch alles, was ich erlebt habe, der gesamte bisherige Weg, ist notwendig gewesen, um mich zu dem vor mir liegenden Weg zu bringen. Und auch wenn ich mir selbst immer wieder Erfolge madig mache und behaupte, weder Selbstbewusstsein noch Ehrgeiz zu besitzen, so ist doch der gegenteilige Fall die Wahrheit: selbstverständlich will ich nach oben und höher hinaus, selbstverständlich will ich wahrgenommen werden als Einzelstimme in der Kakophonie aller, selbstverständlich will ich etwas erreichen.

Das am schwersten zu Erkennende dabei aber ist: ich habe keinen anderen Weg dazu als zu schreiben. Ich kann noch so sehr behaupten, ich lebte meine Kreativität jetzt anders aus, im Theater, in meinem Brotberuf, in den Lügen, die ich erzähle; ich kann nicht anders, ich fühle mich niemals wirklich ausgefüllt, wenn ich nicht schreibe, wenn ich nicht Wort an Wort, Satz an Satz reihe und eine Geschichte erzähle, die mehr oder weniger wahr ist, und sei sie es nur für die Zeit, in der sie sich in meinen Worten formt.
Und das noch Schlimmere ist: jene eine Geschichte, die ich nun schon zum hundertsten, vielleicht tausendsten Mal für erledigt erklärt habe, jene Geschichte von dem Jungen voller Angst, der keine andere Wahl hat, als sich in dem Moment in den Abgrund zu stürzen, da er ihn zu verschlingen droht, sie hat mich auf der Wanderung hinauf und hinab begleitet. Diese Geschichte kann ich nicht einfach hinter mir lassen, nicht vergessen oder ignorieren. Ich muss sie erzählen, Wort für Wort, Schritt für Schritt.