Der Stern des Anstoßes

Bei den Schriftstellern* tobt eine Diskussion um das Gendersternchen. Partiell nachvollziehbar, weil der Stern sowohl für das menschliche Auge als auch für maschinelle Lese- und Interpretationshilfen ein Hindernis darstellt. Allerdings sind die Schriftsteller desinteressiert an technischer Umsetzungsschwierigkeit, das Gendern selbst entzündet Herzen, Hirne und alles, was dazwischen baumelt. 

Mein einer Verein führt dieselbe Diskussion, nur in konstruktiv. Während dort nach der optimalen Form gesucht wird, möglichst viele Menschen in ihrer Individualität anzusprechen, erregt bei den Schriftstellern allein schon das Wort "Gendern" einen Furor, der mir im vergangenen Jahr lediglich bei den Janas aus Kassel aufgefallen ist. Aber klar, auch sie befinden sich im Widerstand, nicht gegen das Corona-Regime der Merkel-Diktatur, sondern gegen den Genderwahn der Sprachpolizei. Nichts dürfe man mehr sagen, alles sei verboten, vorauseilender Gehorsam sei der einzige Weg, um unbehelligt zu bleiben von den Blockwarten. Oder eigentlich ja fast ausschließlich: Blockwartinnen. 

Parallelen zum oktroyierten Sozialismussprech der DDR werden gezogen (bislang sind die Umerziehungscamps für Uiguren unerwähnt geblieben), zwischendurch gibt es Ausflüge in den (Anti-)Rassismus, das Beispiel binärer Geschlechtsanerziehung durch rosarot-himmelblaue Zielgruppenwerbung wurde angebracht, kurz auch die Bibel zitiert. Es geht aber auch um alles, nämlich darum, der angeblich von denen da oben verordneten Gehirnwäsche durch Sprachhygiene die Stirn zu bieten. Oder den Arsch, je nach Temperament.    

Alles wie immer also, könnte man denken. Alle Seiten haben ihre Kronzeugen, ihre Statistiken, ihre Wahrheiten, ihre Drohszenarien. Appelle an die Vernunft stoßen auf taube Ohren, resigniert ziehen sich einige Diskutanten zurück, nur um von frisch Entflammten ersetzt zu werden. Um meinen Vater zu zitieren (der natürlich auch nur andere zitiert hat damit): "Es ist bereits alles gesagt, nur noch nicht von jedem."

Der Göttergatte fragt zurecht: "Warum tust du dir das an? Hast du nichts Besseres zu tun?" Noch habe ich keine definitive Antwort.

Eine Stimme aus dem Forum, die glaubt, mich zu kennen, vermutet als Antrieb für meinen Einsatz pro inklusiver Sprache das mir selbst innewohnende Bedürfnis nach Anerkennung, Wahrnehmung, vielleicht auch Verbindung. Als setzte ich mich nur dafür ein, andere sprachlich nicht auszuschließen, weil ich selbst oft genug schon ausgeschlossen wurde (und das eben nicht nur sprachlich). Ob mir allerdings mein Einsatz für eine inklusive Sprache hülfe, dieses Ziel der Akzeptanz zu erreichen, das sei fraglich, sagt die Stimme.

Recht hat die Stimme damit schon. Selbst wenn alle genderten, müsste ich immer noch in mir selbst die Zufriedenheit mit meinem Werk finden, die mir das Selbstvertrauen gibt, irgendwas zu veröffentlichen. Gleichzeitig frage ich mich: Was soll diese Formulierung? Ob mir das hülfe. Als sei ich hilfsbedürftig, als sei ich kaputt, fehlerhaft. Als sei ich dadurch reparabel, dass sich alle anderen meinem Wunsch nach nicht-diskriminierender Sprache anpassten. 

Klar: so war das bestimmt nicht gemeint. Nur weil ich selbst weit vorher erwähnt hatte, mich in meinen Kindheits- und Teenagerjahren als nicht zugehörig, ausgestoßen und schlimmeres wahrgenommen zu haben, heißt das nicht, dass die Stimme darauf anspielte. Wem der Schuh passt, der zieht ihn sich an, so ist es doch. Getroffene Hunde jaulen. Nur Sensibelchen und enttäuschte Narzissten beziehen alles auf sich und machen sich gleich zum Opfer. Kann doch die Stimme aus dem Forum nix dafür, dass die Stimme in mir, die ich kaum erheben mag, gleich einen persönlichen Angriff unter der Gürtellinie vermutet, nur weil da jemand meine Position durch eine (aus einem komplett der Diskussion fernstehenden Kontext extrapolierte) Fernanalyse meiner psychischen Befind- und vielleicht Verletzlichkeit untergräbt.

Um wenigstens diese Frage zu beantworten: Nein, das hülfe mir nicht. Zumindest nicht, zufriedener oder angenommener zu empfinden. Das bleibt eine Angelegenheit meines Herzens, Hirns und von allem dazwischen. Was mir zumindest zeigt, dass es nicht um eine persönliche Grille meiner Selbst geht, sondern um etwas anderes, nämlich um die Forderung, erst zu denken (eventuell auch an andere) und dann zu sprechen (oder zu schreiben). 

Worum es nicht geht: sprachpolizeilich eine neue Weltordnung auf den Weg zu bringen, in der all jene, die ausschließend schreiben, eins mit dem Lineal auf die Finger kriegen. Nicht nur ist das absurd, es wäre auch gar nicht umzusetzen, weil nicht nachprüfbar. 

Aber das wollen die Schriftsteller nicht hören, da kann man es auch noch so oft sagen, sie picken sich nur raus, was sie in ihrer Weltsicht bestätigt, dass die da oben, die bösen Feminazis oder überhaupt die anderen gegen sie sind. Mit genüsslicher Häme pulen sie sich dann Unkrautbeispiele für schlechtes (und so nicht empfohlenes) Gendern aus den Hirnwindungen, nur um dann mit schlecht gespielter Ernsthaftigkeit zu fragen: "Wer soll diesen Unsinn denn wie aussprechen?"
Und dann klopfen sich die Schriftsteller selbst an die stolzgeschwellte Brust und einander auf die Schultern, denn man ist ja unter sich, und gleich pinkelt noch wer ins Eck (im Stehen natürlich), um mal deutlich das Revier markiert zu haben, das nun frei bleiben kann von irgendwelchen Sprachexperimenten, die das Patriarchat aufweichen könnten.

Armes Patriarchat. Ist schon sehr schwach geworden mittlerweile, dass die Aufforderung, das generische Maskulinum mal zu überdenken (nicht gleich ersatzlos in die Tonne zu kloppen), schon so die Klöten schrumpeln lässt.

Warum also tue ich mir das an? Habe ich wirklich nichts Besseres zu tun?

Wahrscheinlich schon. Das seltsame Buch über die Insel will geschrieben werden, auch wenn und gerade weil das ja auch von verletzter und verletzender Männlichkeit handelt, das andere Riesenprojekt hat sich mittlerweile in zwei Entitäten gespalten, die beide um Aufmerksamkeit betteln, meine anderen Kreativitäten buhlen um meine Zeit, und dann sind da noch zwei Vereine, deren durch Corona arg gerupfte Gestalten wieder in Form gebracht werden wollen. 

Vielleicht also doch Anerkennung? Von den Schriftstellern? Von diesen Schriftstellern? 

Eher nicht, ahne ich die Antwort. Klar, ich will schon auch irgendwie dazu gehören, und als Mensch, der seit jungen Jahren vor allem schreibend mit Anderen kommunizierte (weil Sprechen und gleichzeitig Gedanken sortieren halt echt nicht funktioniert, wenn 30 Gedanken gleichzeitig um einen einzigen Platz auf der Zungenspitze rangeln), bot sich das Schreiben halt sehr an. Wo will man da am Ende hin, wenn nicht zu den Schriftstellern?

Nicht, dass die nun die Speerspitze der Kunst wären. Oder generell in der Richtung unterwegs, die ich für mich sehe. Das zeigen mir ja die Wettbewerbe, an denen ich mit einem mich immer wieder selbst überraschenden Optimismus teilnehme, nur um dann zu sehen, dass meine in liebevoller Kleinarbeit zurechtziselierten Beiträge zwar polarisieren, aber zu meiner Enttäuschung nur im Mittelfeld landen, während meine im Frust über das Wettbewerbsfeld hingeschluderten Destruktivkommentare regelmäßig eine Begeisterung hervorrufen, die ich mir kaum erklären kann. 

Von diesen Menschen also will ich akzeptiert werden? Die Texte schreiben, die ich fragwürdig finde? Die Texte loben, die mir unverständlich bleiben? Die meine Verrisse bejubeln, die mit konstruktiver Auseinandersetzung oder gar einer Wertschätzung der Arbeit anderer wenig bis nichts zu tun haben? Will ich akzeptiert werden von Menschen, die ich im Analogen nicht als Freunde haben wollen würde?

Klar: ich habe Probleme mit meiner Selbstwahrnehmung und -akzeptanz. Immer schon gehabt, wird sich wohl auch so bald nicht legen. Das wird sich auch nicht legen, falls sich nun gendernde Sprache durchsetzt oder aber die Horde der sprachpolizeilichen Blockwarte unter den Schriftstellern, die die ganze Diskussion unter Spott, Häme und Herablassung begraben. 

Insofern: Nein. Das würde nichts helfen. Mir zumindest nicht. Denn mein Problem ist ja nicht meine Suche nach binärer Identität, sondern nach kreativer Anerkennung. Hinge mein Lebensglück davon ab, dass der Autor eines Wanderführers "Wandernde" statt "Wanderer" schreibt, ich hätte mehr gekämpft.

"Vielleicht hätten andere profitieren können", ist mein Gedanke, altruistisch will ich ihn nennen, auch wenn ich nicht sagen kann, ob er nicht doch nur egozentrisch ist. Soll ja Menschen geben, die tatsächlich darunter leiden, dass nicht-gendernde Sprache sie exkludiert. Aber die werden ihren Kampf dann wohl doch selbst führen müssen, so wie ich den meinen habe. 

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* sic!