Die Japan-Angst

In der Tiefe der Nacht tauche ich in meine Seele und finde das erste Mal seit 2001 auch wieder die leibliche Angst des Sterblichen. Die Ereignisse in Japan, die ich so wenig wie alles andere an mich heranlassen wollte, brechen nun auch meine letzte Gegenwehr.
Ich habe Angst, wirkliche, wenn vielleicht auch unbegründete Angst vor dem, was in Japan gerade passiert, und das ist ja nicht nur das Erdbeben und der Tsunami, sondern das sind vor allem die erschreckenden Vorgänge im Kernkraftwerk Fukushima.

Es ist 3:15 Uhr unserer Zeit. Wolken verdecken unsere Sterne.

In Fukushima 1 sind zwei Reaktorhüllen explodiert, die Generatoren, die ersatzweise die Reaktorbecken kühlen sollten, sind ausgefallen, der vierte Block von Fukushima 1, in dem abgebrannte, aber immer noch gefährliche Brennstäbe lagern, wütet unkontrollierbar ein Feuer, der Ministerpräsident verlangt von seinen Bürgern, sich mindestens 20 km weit vom Kernkraftwerk zurückzuziehen. Dabei hat er keine eigene Einschätzung, keine eigenen Experten, das gibt er zu, er kann nur die Informationen weitergeben, die er von einem Unternehmen bekommt, das seit Jahren die Wahrheit über seine Reaktoren verschleiert.

Ich habe Angst.
Die Bundesregierung hat es mit der Ankündigung des Ausstiegs aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft sogar bis in die japanischen Nachrichten geschafft, und doch singen bestimmt auch morgen früh noch viele Regierungspolitiker, dass kein Grund bestehe, sich übereilt aus der Atomkraft zu verabschieden, als sei die nicht kontrollierbare Technik ein zweites Afghanistan, das zu verlassen uns ethische Grundsätze verletzen ließe.
In Wahrheit, und deswegen sehen die Atomlobbyversehrten immer so verstörend schuldbewusst und ertappt aus, widerspricht es nach heutigem Kenntnisstand (und damit meine ich den schon vor zehn Jahren existierenden Kenntnisstand im Vergleich zu den Kenntnissen der 1970er) sowohl dem gesunden Menschenverstand als auch der gesellschaftlichen Wohlfahrtsverpflichtung der Regierenden, eine Technologie, die bereits durch dumme Zufälle als Massenvernichtungswaffe wirken kann, nicht sofort abzuschaffen.

Meine japaninduzierte Angst ist ja nicht, dass Erdbeben Biblis oder Neckar-Westheim erschüttern, meine Angst ist vor allem, dass die Verantwortlichen, und das sind gewinnorientierte Businesstypen, niemandem die Wahrheit sagen würden über die tatsächlichen Vorgänge in den AKWs, selbst wenn die Kernschmelze kurz bevorstünde.
Ich habe Angst vor diesen japanischen Verhältnissen, wo die Wahrheit nur Stück für Stück ans Licht kommt, und sich letztlich als doch noch schlimmer entpuppt als der ursprüngliche GAU. Dass die deutsche Politik da mithalten kann, hat sich ja im Fall Guttenberg auch gut gezeigt.
Ich habe Angst.
Angst vor unserer Regierung.
So weit ist es schon.
Und so spät.