Anders Wolf

Fortschreitungen

Herausforderungen, my ass

Usus operi | September 16, 2020

Ich weiß gar nicht, wo anfangen. Theoretisch schreibe ich gerade an einem Newsletter für den Verein, tatsächlich jedoch bleibe ich an irgendwelchem nöligen Zeug hängen. Und an reddit, weil sich ja sonst nix ergibt. Der Newsletter jedenfalls beginnt mehr oder weniger damit, dass die letzten sechs Monate eine Zeit voller Herausforderungen waren, und ich denke nur: Herausforderungen! Natürlich, was sonst? Als ob das Leben nicht immer herausfordernd wäre. 

Ganz ehrlich: die letzten 40,25 Jahre meines Lebens waren herausfordernd. Die letzten zehn- bis vierzigtausend Jahre der Menschheit waren herausfordernd. Die letzten Jahrmillionen hier auf der Erde waren herausfordernd. Die Jahrmilliarden seit dem Urknall waren herausfordernd. Alles war und wird immer sein: herausfordernd! 

Ich habe keine Toleranz mehr für dieses Wort. Für dieses Gefühl. Für diesen Zustand. So wenig wie ich in meiner täglichen Yoga-Praxis das Kamel länger als einige Sekunden halten kann (wenn überhaupt länger als eine Sekunde), so wenig ertrage ich dieses Herausforderungsmantra: Dieser Weg wird kein leichter sein.

Gleichzeitig weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Denn nur dadurch, dass ich mich dem Wort verweigere oder den Dauerzustand emotionaler Anspannung vermeiden will, wandelt sich ja nicht gleich alles zum Besseren. Jetzt brennen auf Samos statt in Moria die Zelte, Donald Trump könnte immer noch wiedergewählt werden, die Deutsche Bahn bekommt es immer noch nicht auf die Kette, die richtige Wagenreihung ihrer Züge anzuzeigen, und ich, ja ich höchstpersönlich scheitere ja auch an der Herausforderung, einen Text über Herausforderungen zu schreiben, ohne das Wort "Herausforderung" zu benutzen.

Was also tun? Vielleicht nicht so sehr auf die Anstrengung und das implizierte Scheitern konzentrieren, sondern eher auf die Chance zum Wachstum.

Pfft.

Klassischer Selbsthilfe-Ratgeber-Sprech. Willkommen in der Neufassung des Gelassenheitsgebets. Nicht hilfreich, wenn man eigentlich einen Newsletter schreiben will. Oder sich zumindest selbst vergeben, dass man die Zeit der Corona-Herausforderungen nicht genutzt hat, um das Herausforderungsmanagement zu verbessern oder aber sich aus dem Würgegriff der akuten Perspektivlosigkeit zu befreien. 

Denn darum geht es ja eigentlich: nicht so sehr darum, Herausforderungen zu meistern, sondern wieder eine Perspektive zu bekommen, die einen konstruktiven Blick in die Zukunft erlaubt. Momentan gibt es das für mich nicht. Natürlich ist jede Kontrolle Illusion, das hat uns ja das letzte halbe Jahr noch deutlicher gezeigt als alle Jahre zuvor. Natürlich hatte ich auch schon vorher nur begrenzte Kontrolle über mein Leben. Aber jetzt bin ich so sehr von außen gesteuert, dass ich mich gar nicht mehr in irgendeine Richtung bewegen kann.

Und auch das ist Illusion. Eine wunderbare kleine Selbstlüge, die es mir erlaubt, die Verantwortung für meine Tätigkeiten und mehr noch Untätigkeiten einfach abzugeben. Als hätte ich so viel Zeit auf reddit verbracht, weil das Leben plötzlich zu unberechenbar geworden wäre, um einfach an meinen Geschichten zu arbeiten. Oder mir irgendwie einfallen zu lassen, wie ich wieder Theater machen kann in einer Zeit, da Theatermachen einfach nur nicht geht. Oder eben nur nicht einfach geht. 

Und da kann ich mich also jetzt über das Wort aufregen oder über die Daueranspannung, letztlich konzentriere ich mich dabei doch nur auf einen Nebenschauplatz. Die Herausforderung stellt sich mir ja bloß, weil ich nicht aktiv an die Dinge herangehe. Das Hindernis muss ich ja nur überwinden, weil ich meinen Weg nicht sorgfältig genug geplant habe. Und ja, Pläne gehören in das gleiche Reich der Legenden, wo Kontrolle über die Zeitläufte möglich ist, aber zumindest kann man sich ja mal in eine Richtung bewegen statt einfach nur liegenzubleiben, wenn man beim Üben des Kamels einfach umgefallen ist. 

Was also tun? Nicht nachdenken und einfach den Newsletter schreiben. Und dann einfach weitermachen, einfach immer weiterschreiben und weiterhin nicht nachdenken, denn wozu muss ich denn nachdenken, wohin mein Leben gehen soll? Ich weiß es ja im Grunde schon: ich will - immer noch - Autor sein, Bücher schreiben, Geschichten erfinden und vielleicht ein bisschen was über die Welt erzählen. Denn auch wenn meine Sicht der Dinge vielleicht nicht spektakulär ist oder aber irgendwen aufrüttelt: mir ist es wichtig, mich in dieser Welt zu verorten und zu verstehen, warum die Dinge so sind wie sie sind. Und auch wenn niemand außer mir selbst je lesen sollte, was ich hier schreibe, ist es doch immerhin für mich relevant zu wissen, wie ich irgendwann einmal gedacht habe über die Welt und die Herausforderungen, denen ich mich stellen muss.