Nacht. Gedanken.

Die Zeit rast. Wie oft schon habe ich diesen Satz geschrieben und wie viel öfter bedauernd als platitüdierend habe ich ihn gemeint.
Die Zeit rast, und ich habe die Kontrolle über mein Leben, mein Wollen, mein Träumen, mein Schreiben verloren. Ich bin nicht mehr ich selbst, sage ich mir, und doch weiß ich, dass das nicht stimmt, denn mein Leben bestimme ich mehr denn je selbst, mehr denn je bestimme ich den Kurs, weniger denn je kann ich die Verantwortung für die missratenen Dinge in meinem Leben Anderen anlasten.

Es ist Zeit, die Verantwortung zu übernehmen, die ich anderen schon lange abfordere. Politikern, Geschäftsführern, Eltern, Liebenden, sie alle sind verantwortungslos vor jenen gewesen, für die sie Verantwortung tragen. Sie alle haben vergessen oder verdrängt, dass ihre Entscheidungen, ihre Taten und Unterlassungen Konsequenzen nach sich ziehen, die teils schlimmer sind als das, was eine unbequeme Entscheidung verursacht hätte.

Mit zehn Kilometern pro Stunde laufe ich auf dem Band. Vor wenigen Wochen hätte ich das nicht erwartet, bei dieser Geschwindigkeit länger als zehn Sekunden durchzuhalten, und jetzt sind mehr als zehn Minuten bei dieser Geschwindigkeit vergangen. Ich bin kein Läufer, entgegen meiner astrologischen Zuordnung bin ich sehr irden, unbeholfen, schwerfällig. Ich habe nicht gelernt zu fliegen, auch wenn ich in all den Jahren seit meiner verschwundenen Kindheit davon geträumt habe, zu schweben, über den Dingen zu gleiten, all das, was mich beschwert, unter mir zu lassen, einfach alles loszulassen, einfach ein für alle mal alles unter mir zurückzulassen, was mich beschwert, beschäftigt, an dieser Welt hält.
Und heute verstehe ich schon wieder nicht, was mich hält, was mich davon abhält, meinen Gedanken den Raum zu geben, den sie brauchen, nicht meinen Gedanken überhaupt Raum zu geben.

Wer mich früher gelesen hat (auch wenn das nicht viele waren) und wer mich heute liest (was also niemand ist, denn auf meinen eigenen Wunsch hin kennt mich niemand mehr), wird wissen, wie sehr ich mich zurückhalte, über mich selbst zu erzählen. Finn, der mich immer nur gelesen hat wie ein Buch und mich nur in der Seele berührte, nie meinen Körper, obwohl wir uns so nah waren, dass er mich hätte küssen können, wusste, man würde mich nie wirklich kennen und niemals würde man den Menschen hinter der Fassade sehen, egal wie sehr ich versuchen würde mich zu öffnen.
Selbst mein Geständnis, ich spiegelte meine Umgebung in allen Eigenheiten, trug nicht dazu bei, mich verständlich zu machen. Verständlich, denn ich habe Angst davor, mich selbst zu enthüllen, selbst dann, wenn ich nichts zu verlieren habe.
Ich bin nie ich selbst und deswegen gestehe ich mir auch nicht zu, meine Geschichten zu erzählen, deswegen traue ich mir nichts zu, vor allem nicht, jemanden zu beeindrucken, vor allem nicht, wenn es jemand ist, der mich zu kennen glaubt. Es ist schwerer für mich, die Menschen, die ich liebe, davon zu informieren, dass ich einen Schatz an Ideen hüte, dass ich Ideen hüte, die vielleicht nicht nur ideellen Reichtum bergen. Ich vertraue gerade denjenigen, denen ich besonders mein Vertrauen schenken könnte, am wenigsten.

Wenn ich mich nachts ausziehe und Fremden meinen Körper zeige, dann kenne ich keine Scham, denn wer meinen Körper sieht, kennt mich nicht, kennt nicht meine Gedanken, nicht meine Seele, nicht meine Worte, nicht meine Träume, nicht meine Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte. Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich nicht meinen Freund, nicht meine Familie, nicht meine Freunde, nicht meine Kollegen vor mir. Wenn ich meine Augen schließe, dann sehe ich nur mich und mich, der sein Selbst beobachtet.
Ich empfinde es fast schon als skandalös, mich selbst betrachten zu wollen. Ich empfinde das Dunkel, das mich jetzt umfängt, als Sicherheit, als Schutz, als Panzer, der mich nicht nur vor anderen, sondern vor allem vor mir selbst schützt.

Wer bin ich, frage ich mich manchmal, und wohin will ich mich treiben lassen. Will ich immer weiter auf dem Laufband laufen, mich über jeden weiteren Kilometer freuen, den ich meinem irdenen Leib abmühe, will ich immer weiter meinen Körper und Geist der Nacht öffnen, die nicht urteilt, will ich immer weiter darauf verzichten, meine Gabe auszuschöpfen, bis der Brunnen der Worte, den ich besitze, von selbst austrocknet und mich in den verzweifelten, wortfremden Greis verwandelt, den ich jetzt schon manchmal in meinen Alpwachträumen vor mir sehe?

S. erzählte mir einst von ihrem Großvater, der über Jahre an Manuskripten gearbeitet, aber nie eines vervollständigt hätte, immer aber auf den großen Erfolg wartete. Der Großvater, der durch einen absurden Zufall für die sexuelle Introversion meiner Familie verantwortlich war, sei ein armer Tropf gewesen, und es sei gut, dass ich diese Illusion verloren hätte, allein mit Worten sei mehr als ein Blumentopf zu gewinnen.
Und dann denke ich immer noch an Miss Rowling, die einen Erfolg hatte, der seinesgleichen nicht kannte. Ich will mich nicht mit ihr vergleichen, und doch hat jeder altersunabhängig junger Autor ihre Lebensgeschichte vor Augen, wenn er schreibt und auf eine Veröffentlichung hofft. Miss Rowling kann nicht nur davon leben zu schreiben, sie kann sogar davon leben, nicht zu schreiben, das heißt, sie hat endlich die Freiheit, nicht schreiben zu müssen, sondern zu dürfen, sie hat endlich den Zustand der eigenverantwortlichen Kreativität erreicht, den eigentlich jeder Mensch anzustreben bestimmt ist, denn nur über Selbstverwirklichung können wir auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen überleben.

Wir haben zu lange fern von uns gelebt und die Zeit rast immer weiter. Sie wartet nicht. Wir müssen, ich muss endlich die eigene Bestimmung finden, denn das Leben, das wir führen, entfernt uns von unserer Freiheit, und so ungeordnet, wie dieser Text ist, wird unser Leben immer und immer wieder sein, denn die Nacht steht über uns und nimmt uns Stück für Stück unsere Freiheit, unser Leben und unsere Freude an beidem.

Die Zeit rast und zurück bleibt nur die Angst, zurückzubleiben, wenn all jene, die mithalten konnten, mit der rasenden Zeit, auf die Zukunft hinrasen und darüber hinaus und feststellen, dass die Zukunft, auf die wir schon immer zusteuerten, wundervoll sei, aber nur für die zu erreichen, die sich nicht abhängen ließen und sich mitnehmen ließen. Die Zeit raset, rennet, flüchtet, sie fliegt vor uns davon und uns fehlt bald der Atem, um mit- und hinterherzukommen. Wir haben Angst, zurückzubleiben, wir haben Angst, zu viel Zeit zu verlieren, und das zurecht, denn die Zeit rast.