Die Energie aller Welten erstarb und für einen endlos scheinenden Augenblick stand alle Bewegung still. Ich sah mich selbst und die drei Jenseitigen verbunden durch einen irrlichternden Strom aus Kraft, der gefroren war in der Zeit, ein Strom, der aus der jenseitigen Welt selbst stammte und durch meinen Körper brach und sich verzweigend Saphir, Rubin und Korund an mich band, uns vier zu einer Einheit machte, aber auch durch ihre Körper hindurchfloss bis zu den nahen Ausläufern der Dunkelheit, wo sie in silbriger Gischt ineinander übergingen. Und dann endete dieser Moment und die Zeit kehrte mit einem Schlag zurück, die Drei wurden von dem Strom mitgerissen in die Dunkelheit, die ihrerseits höher und weiter anstieg und sich wie eine Springflut über uns erhob und uns und den Riss in der Wirklichkeit unter sich begrub. Ich nahm nichts mehr wahr außer der Gewissheit, dass ich noch etwas wahrnahm, dass ich doch nicht verschwunden war in dem Aufeinanderprallen der Welten, doch fühlte ich auch, dass die Drei immer noch mit mir verbunden waren, dass sie immer noch in dieser Welt waren, die weder dies- noch jenseits war. Wir waren in einem Raum dazwischen, der überall und nirgends war.
Und dann schwand das Dunkel. Als die Flut sich zurückzog, brachte sich mein Bewusstsein zurück ans Licht des Tages und ich sah, dass die Stadt Tharb nicht mehr existierte. Ich kniete auf Gras vor einem Baum, und hinter dem Baum stand ein Turm aus weißem Stein, der in der zurückkehrenden Helligkeit und vor dem zurückweichenden Schatten zu gleißen schien. Ich stand auf und sah mich um, betrachtete den grünen Hügel, auf dem außer dem Turm neben dem Baum noch zwei weitere weiße Türme standen, die sich dem Himmel entgegenstreckten wie Arme, die den Himmel stützen wollen. Keine zehn Schritte von mir entfernt sah ich drei menschliche Gestalten, und noch ein Stück weiter weg eine weitere Gruppe. Ich ging zu den Dreien, von denen ich wusste, es handelte sich um Saphir, Rubin und Korund. Wie ich trugen auch sie keine Kleidung mehr, sie waren wie ich nicht viel mehr als ihre Körper. Ich wusste es, bevor ich es spürte: dass die Welle abgeebbt war, dass sie unsere Kraft mit sich davon getragen hatte. Wir waren weder sterblich noch unsterblich, wir waren reine Existenz.
„Was ist geschehen?“ fragte Eine. „Was ist dieser Ort?“ fragte Eine. „Wer bin ich?“ fragte Einer. „Ihr seid an einem sicheren Ort.“ „Wer bist Du?“ „Ich bin Yelda. Dies ist Tharb oder war es. Ein Schatten kam und ging.“ Sie sahen mich stumm an. Eine setzte sich wieder ins Gras und blickte in den blauen Himmel. Einer ging zum Baum und legte seine Hand auf den Stamm, schweigend, die Augen geschlossen. Die Dritte sah mir nach, als ich zu der zweiten Gruppe ging. Es waren die Männer und Frauen, die ich im Tempel der Stillen Götter beim Plündern gestört hatte. Sie waren zu sechst und sie sprachen schnell und leise miteinander. Sie waren nicht nackt wie ich und die Drei, sondern trugen die gleiche schmutzige Kleidung, die sie getragen hatten, bevor das Dunkel gekommen und gegangen war.
Sie gingen. Sie verließen die Stadt, denn es gab dort nichts mehr für sie. Alles war fort, die Türme waren nur hohle Felsnadeln, die den Boden durchbrochen hatten. Es gab nichts mehr außer Gras, den Türmen und uns fünf. Ja, fünf, denn Remde war ebenfalls noch hier. Er war in den Buchturm geflohen, als die Flut kam, und er hatte als einziges seine Kraft behalten. Doch er konnte mit ihr nichts anderes anfangen als Trugbilder zu erschaffen. Er verbrachte Tage und Nächte und Wochen und Monate in den Türmen, während Rubin, Saphir und Korund über das Gras schritten und in die Luft starrten. Denn von allem, was vorher war, hatten sie keine Erinnerung mehr. Sie wussten nicht mehr, was geschehen war, sie hatten vergessen, wer sie vor dem Dunkel gewesen waren. Sie hatten sich so sehr verloren, wie ich gewesen war, als ich das erste Mal erwachte. Später zogen sie sich in den einstigen Turm der Folterer zurück, der keine Spuren mehr vom Blut der Misshandelten und Geschändeten trug, sondern so rein und gleißend war wie der Buchturm und der Turm an der Mauer. Ich lebte im Buchturm und sah in die Ebene, die sich mit der Zeit mehr und mehr wandelte. Denn alle Magie, die wir fünf gerufen hatten, war nicht etwa verebbt, sie war über das Land um Tharb gezogen und hatte alles verändert: Bäume standen nicht mehr still, sondern wanderten durch die Ebene, fliehende Schatten und flüsterndes Licht durchzogen die magisch belebte Landschaft. Wesen, die weder ganz von dieser, noch von jener Welt waren, lebten in Eintracht mit farbwechselnden Pferden und haushohen Hummeln. Oft suchte ich nach Spuren der Welt vor dem Schatten, doch außer dem Fluss und den langsam verfallenden Häusern der Äußeren Stadt von Tharb war nichts mehr zu erkennen. Die Menschen waren geflohen und fort, vielleicht hatte sie auch der Schatten oder die Magie berührt und verändert. Der Zauber wirkte auch fort, denn selbst wie ein Tier zog er durch die Ebene und veränderte immer wieder alles, was er berührte. Ich spürte, das war das einzige, was von meiner Kraft geblieben war, das Lauern der Kraft in der Erde und spürte, dass diese Kraft immer noch und viel mehr als zuvor die Erde durchzog, dass sie in allem wohnte, und alles, mit dem sie verbunden war, befähigte, sich ihrer zu bedienen. Und so formte sich die Welt neu und immer wieder neu um den Felsen von Tharb, der über Jahrhunderte so blieb, wie ich ihn erschaffen hatte: als grünen Hügel mit drei Weißen Türmen, die sich in die Höhe streckten wie Arme, die den Himmel stützten.
Ich hatte in der jenseitigen Welt, und vor allem in Sobekans Übungen erkannt, dass mein Körper zwar sterblich war, aber dass ich darunter einen weiteren feinstofflichen Körper besaß, der nicht die Grobheit der Relität besaß, sondern das feinmaschige Geflecht der jenseitigen Welt in sich trug. Und es war dieser Körper, der den letzten Rest meiner Magie hielt, jener letzte Rest, den ich aufgab und ausfließen ließ.
Ich sah Korunds wiedergekehrtes Lächeln einen Moment, bevor mein Bewusstsein sich aus meinem Körper löste, und ich spürte ihren Spott in dem Moment, als ihre Kraft in meinen sterblichen Körper einschlug. Den Schmerz spürte ich schon nicht mehr, doch ich erkannte das Zittern der Kuppel über der Stadt, als Korunds Kraft nicht nur Flammen über den Leib ziehen ließ, sondern auch über den silbrigen Himmel tanzen ließ. Ich verstand im Vergehen meines Körpers, dass ich mich getäuscht hatte, und Korund Recht behielt. Ich hatte bis zu diesem Moment tatsächlich immer ihren Plan erfüllt, und sie war es gewesen, die mich imperfekt geschaffen hatte, sie war es gewesen, die geplant hatte und deren Plan aufgegangen war. Und sie wusste, dass sie den Spalt zwischen den Welten nicht schließen brauchte, sie musste nur das von ihr geschaffene Tor, mich nämlich, vernichten, um zu beenden, was ich begonnen hatte. Denn mein Körper war es schließlich noch, der die Zerstörung aller Grenzen zwischen den Welten aufhielt, der die Kuppel hielt und verhinderte, dass die schwarze Welle auch über die Ebene von Tharb hinwegströmte. Mein Körper war es, den Korund vernichten musste, um sich zu retten und die wirkliche Welt der magischen zu unterwerfen.
Schlag um Schlag ließ Korund auf meinen Körper los, der allerdings den Schaden zu einem Großteil immer wieder an den Kuppelschild abgab, und Schlag um Schlag setzten nun auch Saphir und Rubin zu. Und ich sah nur noch eine Möglichkeit, die Welt vor der Vernichtung zu retten: ich musste nicht meinen Körper, ich musste mein Selbst opfern, um die Pläne der Jenseitigen zu verhindern.
Mit jedem weiteren Schlag flackerte das silberne Leuchten der Kuppel über uns, und die schwarzen Wellen aus genichteter Wirklichkeit fraßen sich jetzt in Wellenschlägen den Berg hinauf, während der brennend rot klaffende Riss in der Welt immer weiter auffaserte. Und ich zwang mich, an den letzten dünnen Fasern der Verbindung zu meinem Körper entlang zu folgen, versuchte, was ich schon zweimal gemeistert hatte, wenn auch unter schrecklichen Schmerzen, ich zwang meinen Geist ein letztes Mal in meinen sterbenden Körper, der mit jedem Schlag der drei Jenseitigen schwächer wurde und versehrt. Und doch fand ich zwischen all den Schmerzen und Verletzungen noch einen Teil meiner Selbst und erinnerte mich an das Gefühl, einen Körper zu haben, einen sterblichen Leib und erinnerte mich wieder an die Schmerzen, die ich auf Mandus Insel gespürt hatte, auf das schreckliche und alles auslöschende Gefühl, mehr als nur hier, sondern ein Teil von allem zu sein. Und plötzlich spürte ich das Brennen der Zauber auf meiner Haut und die Verbindung meines Geistes zur wankenden Kuppel über mir und die klaffenden Wunden, die sich jetzt, da ich zurück in meinem Körper war und selbst die Verletzungen tragen musste, in meinem Fleisch auftaten.
Und Korund lachte und rief: „Es ist zu spät für Dich, Yelda. Es ist zu spät für Deine ach so trügerische Heimtücke. Du hast Dein Schicksal besiegelt!“ Und ich fühlte das Aufreißen der Welt in meinem Rücken, als die Fasern der Wirklichkeit unter Korunds Befehl wichen und das brennende Rot der jenseitigen Welt in einem breiten Strom in das Diesseits quoll und an meinen Füßen nagte. Der Schmerz all meiner Verwundungen drohte mich bewusstlos werden zu lassen, doch ich wusste, wenn das passierte, hätte Korund gewonnen, und so hielt ich mich an meinem Schmerz aufrecht und griff mit meinem Geist nach dem Strom aus Kraft, der mich vernichten sollte, und fühlte die alles übersteigende Macht dieses Stroms, der die reine Essenz jener Welt war, von der Rubin, Saphir und Korund immer nur ein kleiner Teil gewesen waren. Und ich spürte das Vergehen meines Körpers, das Erzittern der Kuppel und das Ansteigen der Wellen und dazwischen die Drei und mich und die Verbindung zwischen all dem, und ich warf meinen Körper und meinen Geist gegen die Drei und zog die Kraft und die verbleichenden Fäden der Wirklichkeit mit mir.
Mit einem Mal und für einen Moment war alles still. Der Schatten brach über uns herein und die rot brennende Welle der Kraft vermischte sich mit den Wogen aus Dunkelheit. Im selben Moment fiel die Kuppel in sich zusammen und an dem Punkt, da sich Schatten, Kraft und Kuppel vereinten, standen Saphir, Rubin, Korund und ich. Und dann explodierte die Stille im Zusammenprall aus Wirklichkeit, Kraft und Nichts und alles verschwand.
Diesmal musste ich mich nicht mehr konzentrieren. Ich ließ einfach los. Ich vergaß die Verbindung, die ich mit den Strömen der Kraft und des Lebens gehabt hatte und befreite mich aus den Bindungen, die sie mir aufgelegt hatten. Ich ließ alles los bis auf die Verbindung zu meinem Schild und ich wusste, dass mich die Drei nicht mehr würden angreifen können. Sie hatten ihre Chance vertan, und nun, da sie in der Falle saßen, waren sie ihrem Untergang geweiht. Ein bisschen tat es mir leid um Remde, der eigentlich für keine seiner Taten wirklich etwas konnte, und den die Geschichte einfach mit sich gerissen hatte. Seine Entscheidungen waren falsch gewesen und er hatte einen meiner Freunde getötet, aber es war keine Absicht gewesen und er zum Zeitpunkt seiner Tat vollkommen unzurechnungsfähig,. Natürlich dachte ich dabei an den Remde, den ich im Wald kennengelernt hatte und nicht den Remde, der auf einer Seite mit denjenigen stand, die mich vernichten wollten. Dieser Remde allerdings spendete nur noch seinen Körper für einen von Macht und Gier zerfressenen Geist. Es tat mir leid um Remde, aber nicht um diesen Fremden.
Ich hielt nicht mehr zurück, was ich die ganze Zeit in mir gehalten hatte. Wie aus einer zerplatzenden Blase die Luft entweicht, floss die Kraft von mir ab, und ich hielt mich ausschließlich noch an das Netz in der Kuppel. Und dann spürte ich es und ich wusste, dass auch die Drei und Remde es spürten. „Ich habe Euch eine Falle gestellt. Und Ihr könnt nicht mehr entkommen.“ „Was hast Du getan?“ „Begreifst Du es denn nicht?“ „Halt es auf!“ „Es gibt nichts mehr, was ich aufhalten könnte. Der Schatten kommt, der Schatten, der aus Wirklichkeit besteht. Er wird über uns alle hinwegfegen, er wird uns vernichten, vor allem aber wird er auch über die Verbindung der Welten in Eure Welt einbrechen und er wird sie vernichten, wie Ihr plantet, alles zu vernichten, was in dieser Welt lebenswert ist.“ „Du ahnst nicht einmal die Hälfte von dem, was Du angerichtet hast.“ „Nicht? Warum habt Ihr dann solche Angst, warum richtet Ihr nichts dagegen aus?“ Anstatt auf eine Antwort zu warten, sagte ich: „Weil Ihr nicht könnt. Ihr habt keine weitere Handlungsoption mehr. Euer Spiel ist vorbei, Ihr seid besiegt. Noch nicht einmal, wenn Ihr mich noch vernichtetet, nicht einmal dann könntet Ihr aufhalten, was Euch erwartet.“ Und dann sah ich sie. Die Welle aus Nichts, die sich nicht etwa aus allen Richtungen außerhalb der Stadt auf uns zu bewegte, sondern die innerhalb der Mauern des Inneren Kreises an dem Netz der magischen Kuppel entlang nach oben ausbreitete wie ein sehr schneller Bewuchs mit Efeu oder Wein. Nach und nach stieg die Dunkelheit auf und stieg immer höher und höher, und sie warf ihr dunkles Licht wie schäumende Gischt in die Straßen der Stadt. Noch waren wir am höchsten Punt der Stadt und damit außerhalb der Reichweite der leckenden Wellen, doch war es unmöglich, ihr auf Dauer zu entkommen. Die Zeit arbeitete gegen uns, oder vielmehr gegen die Drei, denn ich hatte mich mit meinem Schicksal schon abgefunden. Ich würde so und so keine Zukunft mehr haben, denn ich wob den fünften, den letzten Zauber.
Ich ahnte nicht, dass es genau dieser Zauber sein würde, der wirklich alles veränderte. Ich hatte vorher gedacht, dass es die Vernichtung der Drei durch die Wellen des Schattens sein würde, doch ich täuschte mich. In fast jeder Hinsicht.
Der dritte Zauber würde der anspruchsvollste von allen sein, und der vierte und fünfte Zauber die einzige mögliche Konsequenz aus dem dritten. Mir war bewusst, dass ich riskierte, die ganze Welt zu vernichten, denn wie Terno es mir erklärt hatte, mussten die Welten voneinander getrennt werden, damit beide überhaupt existieren konnten. Mein Plan bestand darin, diese Grenze einfach aufzuheben und die Quelle der Magie von der anderen Seite von jenseits der Realität in dieser Welt zu verankern, so wie ich mich in beiden Welten verankert hatte. Es schien in der Theorie einfach, und ich hatte auch schon gesehen, wie es funktionieren würde. Das, was Remde Mandu angetan hatte, als er ihre Kraft nahm, entsprach dem, was ich für die Welt geplant hatte. Ich plante das selbe für die dünne Wand zwischen Wirklichkeit und der anderen Welt. Ich hatte in Remdes Erinnerung das Geflecht wiedererkannt, aus dem Mandus Bewusstsein bestand, ich hatte es erkannt als das gleiche Geflecht, als das ich die Oberfläche der Realität erkannt hatte. Ich sagte mir, und darauf allein basierte mein Plan, dass ich im geschützten Raum der Inneren Stadt von Tharb genau das gleiche mit den beiden Welten machen könnte. Ich würde die Ströme der Kraft und des Lebens von ihrer Quelle lösen und sie direkt in Tharb verankern. Ich ahnte, dass nicht alles meinem Plan entsprechend verlaufen würde. Dass ich mich aber fast vollkommen irren würde, war mir nicht klar.
Ich stieg die Stufen des Buchturms wieder herab. Mit mir nahm ich das unvorstellbare Gefühl, mit diesem riesigen Netz über mir verbunden zu sein, diesem Schild, der alles auffing, selbst wenn er nicht um mich selbst gespannt war, sondern nur alle Angriffe von mir ableiten würde. Ich ahnte zwar nicht, wie die Drei mich angreifen würden, aber ich hoffte, dass der Schild mich dennoch schützen würde, bis ich meinen letzten Zauber gewirkt haben würde. Das Dunkel im Inneren des Tempels war jetzt leer. Es interessierte mich nicht, ob die Plünderer tatsächlich die Stadt verlassen hatten oder nicht. Tatsächlich hatten sie noch nicht einmal die Nähe des Tempels verlassen, auch wenn ich das jetzt noch nicht wusste. Erst später sollte ich das herausfinden.
Ich ging noch einmal zu Sobekans Grab und kniete mich vor den Stamm des Baumes, der über mir seine Krone an den Buchturm der Stillen Götter lehnte. „Ach Sobekan“, seufzte ich. „Wenn Du doch noch am Leben wärst. Du könntest mir viele Fragen beantworten. Du wusstest so viel mehr als ich über die Zauberei und die Kraft. Aber wie die meisten, die mich unterstützten, bist Du nicht mehr am Leben.“ Und dort, unter dem Baum, bereitete ich mich auf meinen dritten Zauber vor, der nichts anderes war als das, was mir Terno und Sobekan geraten hatten: Die Änderung aller Regeln, den Umsturz allen, was ich bislang bei meiner Wahrnehmung der Zauberei gespürt und gelernt hatte. Und obwohl ich nicht sagen hätte können warum, wusste ich doch, dass ich es schaffen konnte. Ich war aus dem Urgrund der Magie geboren, mit der Kraft von vier Jenseitigen erschaffen als Kanal für die reine, ungebundene Kraft, wenn jemand das schaffen konnte, was ich erreichen wollte, dann war ich das. Remde, dessen Kraft nicht seine eigene war und von den Dreien kontrolliert wurde, wäre dazu nicht in der Lage gewesen. Hätten sich Rubin, Saphior und Korund zusammengetan, sie hätten es vielleicht schaffen können, doch wenn ich die Trennung der Welten erst einmal aufgehoben hätte, wären nicht einmal sie in der Lage gewesen, den Spalt wieder zu schließen. So dachte ich.
Ich schloss meine Augen und tastete mit meiner Wahrnehmung nach der Grenze der Wirklichkeit. Ich fühlte es sogleich und spürte auch, dass es sich von dem unterschied, was ich selbst geschaffen hatte. Mein eigenes Gewebe war nur ein dünner Schleier, der aus Kraft bestand und nicht aus der Welt selbst. Ich griff mit meinem Geist nach dem, was wirklich war, und konzentrierte mich auf das, was dahinter lag, zwang meinen Geist durch die dünne Wand, und ich fühlte zwar einen Widerstand, doch mit meiner machtvollen Verbindung zur Quelle der Ströme der Kraft und des Lebens, die direkt durch diese Membran auf mich zuströmten, fiel es mir leicht, einen Spalt zu finden, den ich erweitern konnte. Als ich die Augen öffnete, sah ich, dass sich nicht nur mein Geist, sondern auch meine Hand durch die Realität gebohrt hatte. Mitten in der Luft vor mir hatte ich meine Hand in einen schmalen Spalt gezwängt, aus dem heraus es düster leuchtete, wie ein Fehlen von Licht und Wärme, das nicht schwarz war, wie die Nacht schwarz ist, sondern in dunklem Rot pulsierte, wie wenn man durch geschlossene Lider ins Licht sieht. Und tatsächlich lief auch ein einzelner schwarzer Tropfen einer Flüssigkeit an meinem Arm herunter, und wo er meine Haut innerhalb der Wirklichkeit berührte, verbrannte er mein Fleisch.
Plötzlich wurde mir die Gefahr meines Plans wirklich bewusst, denn wenn ich plante, die Ströme in diese Welt zu holen, dann würde tatsächlich alles vernichtet werden, was mit ihnen in Kontakt geriet. Andererseits hatte ich genau das geplant, und es sollte eine Falle für die Drei werden, die in ihren von ihrer Kraft geschaffenen Körpern nicht im Stande sein würden, der reinen Kraft zu widerstehen. Sie würden ebenso verzehrt werden wie ich, doch die Welt würde anders sein danach und sie würde frei sein von den Einmischungen jener, die nach einer Herrschaft über eine Welt suchten, die ihnen nicht gehörte und sie, wenn sie jemals ehrlich gewesen wären, auch gar nicht interessierte.
Ich schloss meine Augen wieder und besah mir das Gewebe der Realität erneut. Das geflochtene Muster erinnerte mich stark an mein Werk, und wie dieses sich unter meiner Führung ganz leicht und wie von selbst in seine neue Form hatte bringen lassen, so zerfiel auch das Gewebe der Realität unter meiner Berührung bereitwillig und gab eine breite Öffnung frei, die groß genug war, um ein kleines Kind bequem hindurchschleusen zu können. Ich zog weiter vorsichtig an den Fäden und schnell hatte sich die Öffnung erweitert, dass ein großes Kind, bald ein Junge von Bamars Größe, bald ein Mann von Antejars Statur hindurchgepasst hätte. Als ich die Augen wieder öffnete, hatte ich direkt neben dem Buchturm einen Riss in der Wirklichkeit geöffnet, hinter dem form- und wesenlos das dunkle Licht pulsierte und strömte, sich immer wieder zu fast erkennbaren Formen zusammenballte und wieder auseinander driftete. Ich stand nicht länger in direkter körperlicher Berührung mit der anderen Welt, auch wenn weiterhin an den Rändern die seltsame Flüssigkeit in die Wirklichkeit sickerte. An meiner Hand hatte der Tropfen eine rot brennende Narbe hinterlassen, die zu heilen ich mich aber nicht genötigt sah. Weder hätte ich dafür Kraft aufwenden wollen, wo ich mich schon darauf konzentrieren musste, den Schild an mir zu halten und gleichzeitig den Riss in der Welt nicht noch größer werden zu lassen. Außerdem sah ich nicht, warum ich einen Körper heilen sollte, der ohnehin innerhalb der nächsten Stunden vernichtet werden würde.
Denn damit rechnete ich. Ich hatte Remde einen Zeitrahmen von zwei Tagen genannt, damit die Drei wissen würden, dass sie bald, am besten sofort zuschlagen mussten. Ich wusste, dass sie, hätte es in ihrer Macht gestanden, mich gleich angegriffen hätten, doch durch meine Anwesenheit im Inneren Kreis konnten sie das nicht. Ich musste also warten, dass sie zu mir kamen, und ich wusste, sie würden kommen, sie würden bald kommen, und sie würden nicht erwarten, dass ich ihnen eine Falle gestellt hatte, der nicht einmal sie entkommen würden können.
Und tatsächlich kamen sie bald. Angeführt von Remde näherten sie sich dem Tempel der Stillen Götter. Als sie nahe genug waren, um mich zu sehen, ließen sie Remde zurück und liefen auf mich zu. Ihre Körper waren anders als beim letzten Mal, und sie sahen angestrengter aus, ihre Erscheinungen waren gröber und gleichzeitig auf befremdende Weise falsch proportioniert. Die Augen zu groß, die Münder zu breit, die Arme lang und die Beine zu kurz. Sie hatten nichts mehr von den überirdisch schönen Wesen, als die sie den Dorfbewohnern vor so langer Zeit erschienen waren, und mir wurde klar, dass die Erscheinung damals ein Werk ihrer Magie gewesen war. Sie hatten sich den Erwartungen der Dorfbewohner an übermächtige Wesen angepasst und es nicht gewagt, sich in ihrer eigenen Vorstellung von Macht zu präsentieren. Obwohl die Situation, in der ich mich befand, recht kritisch war, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen, und auch das tat eine gute Wirkung bei den Dreien, die nun, da sie sahen, was ich getan hatte, langsamer wurden und sich nur mit vorsichtigen Schritten näherten.
„Was hast Du getan?“ „Warum lächelst Du?“ „Wir haben Deinen Plan durchkreuzt. Unser Bote hat Dich verraten!“ „Nichts habt Ihr durchkreuzt. Er hat meinen Auftrag genau so ausgeführt, wie ich es wollte.“ Der Blaue wandte sich an Remde, der nun auch endlich angekommen war: „Hast Du uns hintergangen?“ „Nein, Herr, sie hat mir gesagt, sie wollte einen Zauber wirken, Euch zu ihr zu bringen, einen Zauber, dem ihr Euch nicht würdet entziehen können. Ich empfand es als meine Pflicht, Euch zu warnen, Herr.“ Fast hatte ich Mitleid mit Remde, dem offensichtlich gerade aufgefallen war, was er gesagt hatte. „Wie gesagt: Remde hat seine Rolle gut gespielt. Und ob ich wirklich plante, einen Zauber zu wirken, der Euch zu mir bringt, oder nicht, ist relativ egal, denn hier seid Ihr. Man könnte fast sagen, der Zauber hieße Neugier, sei eine Finte, und Ihr darauf hereingefallen.“ „Scherze ruhig, es wird das letzte sein, was Du tun wirst.“ „Davon gehe ich nicht aus. Meine letzte Tat wird Eure Vernichtung, nicht Eure Verspottung zum Ziel haben. Ich werde Euch antun, was Ihr mir antun wolltet. Ich werde Euch Eure Kraft, Eure Unsterblichkeit, Euch Euer Wesen nehmen. Ich werde Euch zu dem machen, was Ihr zu sein verdient: weniger als die Sterblichen, geringer als sie, schwächer als sie. Ich werde Eure Welt mit dieser Welt verschmelzen, und es gibt nichts, das ihr dagegen tun könnt.“ „Närrin!“ „Du weißt nicht, was Du tust.“ „Oh Doch, ich weiß, was ich tue, und ich weiß, dass ihr versteht, dass ich nicht scherze. Ihr seht den Riss in der Welt vor Euch, und ihr wisst, dass das, was ihr seht, Eure Welt ist. Sie steht den Menschen offen, und die Welt der Menschen steht ihr offen. eine erste direkte Verbindung ist geschaffen und der Riss ist schon zu groß, um sich noch schließen zu lassen.“ Ich tippte weitere Fäden der Realität an, und der Riss verbreiterte sich schnell, als die Fäden sich zurückzogen und das Gewebe sich löste. Ich sah Schrecken in den Gesichtern von Dreien, doch es war auch Remde, der mich entgeistert ansah, und Korund, die mich mit Hohn im Blick ansah. „Du bist eine größere Närrin, als wir es von Dir gedacht hätten. Es war immer unser Plan, die Welten miteinander zu verbinden. Genau dafür wurdest Du geschaffen. Und auch darum fällt es Dir so leicht, die Verbindungen zu trennen. Ob Du es willst oder nicht, Du entsprichst immer unseren Wünschen, denn du bist nach ihnen geschaffen und geben Dir dein Schicksal vor.“ „Nicht ganz. Ihr habt mich als fehlerhaftes Werkzeug geschaffen, es waren Deine eigenen Worte, du erinnerst Dich daran. Ich bin nicht vollständig, erst seit ich in Eurer Welt war, habe ich gelernt, mich mit ihr zu verbinden. Ich habe selbst getan, was Euch nicht gelang, weil Ihr dumm und arrogant wart. Ich selbst habe die Wirklichkeit vor dem Schatten gerettet, der mir folgt.“ „Geschwätz! Du bist ein unwissendes Kind, das …“ begann Korund, doch ich hatte keine Lust mehr, mich von ihr unterbrechen zu lassen. „Und so, wie ich den Schatten aufgehalten habe, kann ich ihn auch wieder rufen.“ Zum ersten Mal wich auch in Korunds Gesicht das überbordende Selbstbewusstsein, das sie bislang ausgestrahlt hatte. „Das kannst Du nicht.“ „Und wie ich das kann. Ich bin Herrin über mein eigenes Schicksal. Ihr seid nicht mehr als Wegbereiter. Und wie so viele, die mich auf meinem Weg begleiteten, seid Ihr dem Untergang geweiht.“ Und dann wob ich den vierten Zauber.
Es war Zeit für den zweiten Zauber. Ich machte mich auf den Weg in den Inneren Kreis. Ich wusste, dass weder Remde noch die Drei noch irgendjemand sonst sich einfach innerhalb der Mauern materialisieren konnte. Ich hatte die Kraftfäden eindeutig gesehen, ich wusste, dass sie keine magische Bewegung zuließen. Ich würde die Drei sehen, wenn sie sich näherten, und außerhalb musste ich die Begrenzung der Mauern nutzen. Im Zentrum des Mauerrings stand der Tempel der Stillen Götter und natürlich der Buchturm, den ich an diesem Tag das erste Mal betrat. Ich spürte, dass ich dort finden würde, was ich brauchte, auch wenn ich nicht wusste, was es war. Erst später war mir klar, dass es die Quelle war, die den Teich speiste, doch zunächst war nur wichtig, dass ich wusste, wo ich meinen Zauber weben musste.
Als ich in den Schatten des Portals trat, erkannte ich Menschen, die im Inneren umherschlichen. Es war dunkel im Tempel, doch ich konnte gut erkennen, dass es sich nicht um Diener von Göttern handelte, denn jene hätten sich nicht verstohlen umgesehen, bevor sie Edelsteine aus Fassungen schlugen oder Wandbehänge herunterrissen. Ich wusste zwar nichts vom Dienst an den Göttern, aber selbst mir war klar, dass das, wovon ich gerade Zeuge wurde, nicht die übliche Praxis war. „He!“ rief ich und erkannte an den Reaktionen der Menschen rasch, dass sie nicht damit gerechnet hatten, bei dem beobachtet zu werden, was sie gerade taten. „Verschwindet von hier. Ihr habt nichts hier verloren, es sei denn Ihr plant, Eure Leben hier zu verlieren.“ „Was willst Du?“ „Warnen will ich Euch, dass Ihr, wenn Ihr nicht verschwindet wie alle andere Menschen der Stadt – und zwar jetzt gleich und ohne Euer Diebesgut – ihr von der Vernichtung dieser Stadt ebenso anheimfallen werdet wie alles, was sich innerhalb der Mauern befindet.“
„Uns die Beute streitig machen, das willst Du!“ sagte einer der Gruppe, ein langer, aber nicht großer Mann, dessen graue Haare ihm strähnig bis auf den Rücken fielen. „Wir machen, was wir wollen, und wenn alle weglaufen, ist das für uns noch kein Grund, das ebenso zu tun.“ „Ich habe Euch gewarnt. Ich werde Euch aber nicht bestrafen. Es ist Eure letzte Gelegenheit, die Stadt zu verlassen, bevor Euch der Schatten, der sich über die Stadt legen wird, hinausdrängt.“ Aber der Mann lachte nur, und seine Kumpane stimmten in sein Lachen ein. „Die Hübsche will sich uns vielleicht aufdrängen?“ fragte ein anderer der Männer und grinste mich an. „Bist ein hübsches Ding, kannst uns wärmen in der Dunkelheit!“ „Wag es nicht, mich anzufassen. Der letzte, der das versucht hat, hat es nicht überlebt.“ Ich ging an ihm vorbei und etwas in meinen Worten oder meiner Ausstrahlung ließ ihn in der Bewegung innehalten. Ich ließ die Gruppe der Männer hinter mir und ging unter gesichtslosen Statuen weiter dahin, wo ich den Zugang zum Buchturm vermutete.
Die Stufen waren alt und ausgetreten, und es hätte mich nicht gewundert, wenn auch sie älter gewesen wären als der Rest der Stadt. Wie ich später erkannte, war der Turm tatsächlich aus dem gleichen Stein wie die Innere Mauer und auch er schien direkt aus dem Erdboden herauszuwachsen. Das gleiche traf auf den Turm des Todes und den der Inneren Wache zu. Sie waren alle drei uralt und von unzähligen Generationen der Menschen umgestaltet und umgenutzt worden. An jenem Tag aber fiel mir nur auf, wie ausgewetzt die Stufen waren und wie sich die Stufen in ihrer Höhe von der anderer Stufen, selbst im Tempel der Stillen Götter, unterschied. Die kreisförmig angeordneten Stufen schraubten sich aus der Tiefe hinauf auf eine Aussichtsplattform, die alle anderen Orte in der Stadt überragte, da auch der Felsen am Fuß des Turms schon höher war als die anderen Stellen im Inneren Kreis. Von der Aussichtsplattform konnte ich die anderen Türme der Inneren Stadt sehen und sogar bis auf die andere Seite der Brücken, die Tharb mit der Ebene auf der anderen Seite des Flusses verband. Dort bewegten sich viele Menschen und auch viele Boote waren flussabwärts unterwegs. Das beruhigte mich, denn das hieß, dass viele meine Nachricht nicht nur verstanden, sondern auch gleich entsprechend gehandelt hatten. Es stimmte mich zudem zuversichtlich, dass meine Wahrnehmung der Kraftfäden mich nicht getäuscht hatte. Ich brauchte sie nämlich für meinen zweiten Zauber noch dringender als für den ersten.
Ich erinnerte mich an die Übung, die mich Sobekan gelehrt hatte: ich verließ meinen Körper und stellte mir vor, wie mein Wesen sich mit allen Fäden der Kraft verbände. Nach und nach wuchsen einzelne Fäden in die Höhe und da, wo sie mich fast berührten, griffen sie nach mir, banden sich an mich und aneinander, knüpften durch mich hindurch ein Netz, dessen Fixpunkt ich wurde. Ich war erstaunt, wie einfach das ging, auch wenn es nur wenige Fäden waren, die sich mit mir verbanden, doch waren sie schon genug, um eine Kettenreaktion innerhalb der Verbindung der Fäden untereinander zu bewirken. Wie sich die Fäden in mir verbunden hatten, strebten sie auch außerhalb meines Wesens aufeinander zu und verwoben kreuz und quer durch und über der Inneren Stadt miteinander, bildeten nach und nach immer mehr immer dichter werdende Netze aus hell schimmernden Fasern, die sich ausbreiteten und sich einander zuwandten und schließlich, wo sie aneinander grenzten, sich miteinander verflochten. Mit den Zentren der Netze verband ich mich selbst, so dass ich schließlich in einem schimmernden Kokon aus Fasern wie eine Spinne in ihrem Netz saß. Ich war erstaunt, wie einfach es ging. Es war fast, als hätten die Ströme der Kraft nur darauf gewartet, verbunden zu werden, denn ich hatte nur einen kurzen Anreiz geben müssen und fast von selbst, und ohne dass ich noch viel hätte nachhelfen müssen, hatte sich der Himmel über mir geschlossen. Ich hatte ein Werk geschaffen, das ich nicht aufrecht erhalten musste, denn es speiste sich selbst aus der Quelle der Kraft. Es war fast, als hätte ich die Arbeit eines anderen weitergeführt, als hätte es genau so schon immer sein müssen. Oder, dieser Gedanke kam mir erst sehr spät, als hätte es hier schon immer so etwas gegeben, bis ein wie auch immer geartetes Ereignis diese natürliche Ordnung zerstört hätte, und sich der Schirm nicht wieder eigenständig hätte regenerieren können. Und als ich mit meiner Wahrnehmung an dem Netz entlangstrich, fühlte es sich nicht anders an als es die Mauer getan hatte. Wäre es sichtbar gewesen, das Netz hätte sich mit der Mauer zu einer hell schimmernden Kuppel vereinigt, dessen hellstrahlende Säulen die drei ältesten Türme der Inneren Stadt waren, denn auch von den anderen beiden Türmen stiegen helle Strahlen bis zu der Kuppel auf. Ich hatte den Boden bereitet. Die Kuppel würde verhindern, dass die Jenseitigen einfach in der Inneren Stadt erscheinen und wieder verschwinden konnten. Die Innere Stadt war der Ort, an dem ich sie besiegen wollte und musste und konnte, und egal, was sie mir entgegenwerfen würden: die Innere Stadt von Tharb würde auf immer ihr Gefängnis werden.
Tatsächlich hatte mein Plan darin bestanden, Remde als Boten zu benutzen. Ich war froh, dass er diese Rolle so bereitwillig annahm, ohne zu wissen, dass er am Ende auch von mir als Werkzeug benutzt wurde. Aber er hatte mir ja selbst geraten, ihm nicht zu trauen. Zunächst hatte ich befürchtet, er könnte mich angreifen wollen, um mir meine Kraft zu rauben und dadurch von Saphir, Rubin und Korund unabhängig werden zu können. Ich war mir aber sicher, dass er mir nicht geglaubt hatte, dass ich mich selbst in der Lage sah, über die Drei zu triumphieren. Mir konnte das gleich sein, das Wichtigste war geschehen, denn entweder als meinen Verbündeten oder als meinen Gegner hatte ich Remde in die jenseitige Welt schicken wollen. Ich glaubte nicht, dass er bei einem Angriff der Drei auf mich teilnehmen würde, im Gegenteil würde er das gleiche tun wie Mandu und all seine Magie nutzen, um sich zu verstecken, denn das war Mandus Spezialität gewesen und ich bezweifelte, dass Remde dies nicht ausnützen würde, wenn es ihm genug Zeit schenkte, vielleicht die Kraft anderer Jenseitiger aufzunehmen.
Zunächst aber würde er die Drei von sich ablenken und auf mich hetzen. Ich war mir nicht sicher, wie viel Zeit ich haben würde, darum wob ich den ersten meiner letzten fünf Zauber. Ich konzentrierte mich auf die Ströme von Kraft und Leben, und dieses Mal war es das erste Mal, dass ich sie in ihrer vollen Stärke in und um Tharb sah. Vorher hatte meine unvollständige Verbindung mit der Quelle meine Wahrnehmung gestört, jetzt aber, da ich erkannte, wie tief meine eigene Kraft reichte, und wo sie an die Grenzen der Wirklichkeit und darüber hinaus reichte, erkannte ich, dass der Felsen unter der Stadt, unter der Erde und allem Boden so unglaublich tief reichte, dass ich sein Ende nicht erfassen konnte. Als ich den Wurzeln der Kraft nachfühlte, erkannte ich viele hundert Kraftfäden, die wie der Fels selbst aus dem Boden kamen und sich in einem weiten Kreis um den Inneren Kreis von Tharb verflochten, an der selben Stelle, an der der Mauerkranz die Stadtteile voneinander trennte. Und ich spürte, dass es dort sein musste, dass ich dort sein musste, wenn ich den Dreien begegnete. Gleichzeitig aber wusste ich, dass ich die Kraft nutzen könnte, dass ich sie auch nutzen musste, wenn ich Erfolg haben wollte. Und ich nutzte sie für alle meine fünf Zauber. Ich verband mich mit den Fäden und spürte auch, wie sie auf mich reagierten. Wie Blumen und Blüten sich nach der Sonne ausrichten, die über ihnen ihre Bahn zieht, so streckten auch all jene, die mit den Fäden in Berührung standen, ihr Bewusstsein nach mir aus, und sie konnten hören, was ich ihnen auftrug: „Verlasst die Stadt, denn ein Unheil zieht auf, eine Schlacht zwischen Hell und Dunkel, und es wird kein Überleben geben in diesem Kampf für jene, die menschlich sind. Verlasst die Stadt und nehmt alle mit, die Ihr liebt und um deren Wohl Ihr Euch sorgt. Verlasst die Stadt und flieht am Fluss entlang zu seiner Mündung. Verlasst die Stadt, denn die Stadt geht unter.“ Mit an diese Botschaft knüpfte ich die überzeugende Erkenntnis, dass die Zeichen eindeutig waren, dass mein Erwachen im Todesturm ein Zeichen gewesen war und der Kampf gegen Remde ein weiteres. Ich wusste nicht, ob tatsächlich alle dieser Botschaft folgen würden, doch ich wusste, dass genügend Menschen in der Nähe gewesen waren, als ich gegen Remde gekämpft hatte. Sie würden ebenfalls die Nachricht weitergeben, dass ein Kampf stattgefunden hatte. Ich wusste nicht, wie viel Zeit ich haben würde, ich wusste auch nicht, was ich tun konnte, um möglichst wenig Menschen zu verletzen, doch andererseits wusste ich auch, dass ich keine andere Wahl hatte. Ich musste die Drei und neben ihnen auch alle anderen Jenseitigen ihrer Stärke entheben, ich musste verhindern, dass sie, selbst wenn sie mich besiegten, die Herrschaft über die Menschen übernehmen würden. Ich wusste, sie würden es können, wenn sie erst einmal Remdes Vorschläge für mich erkennen würden.
Ich blickte mich um. Der Platz, an dem ich stand, war übersät von den Spuren des Kampfes zwischen mir uns Remde. Ich suchte nach einer Spur von Baneh, dessen Körper in Flammen und Rauch aufgegangen war, doch ich fand nichts. Für einen Moment überwältigt vor Trauer stand ich nur da und ließ die Tränen, die ich seit seinem Tod zurückgehalten hatte, endlich über mein Gesicht rollen. Ich erinnerte mich an Antejars Worte: dass im Krieg Menschen starben, die mit dem eigentlichen Kriegsgrund, mit den Zielen derjenigen, die den Kampf begonnen haben, eigentlich nichts zu tun haben, außer dass sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren. Baneh war eindeutig ein solches Opfer, denn er hatte mich nur verteidigen wollen in einer Situation, die mit ihm überhaupt nichts zu tun hatte. Ich dachte an Bamar, der seinen Bruder, kaum dass er aus seiner Geistesstarre erwacht war, schon verloren hatte. Ich hoffte, dass er irgendwann die Kraft finden würde, mir und seinem Bruder dessen Tod zu vergeben. Bis dahin aber blieb mir nichts anderes als hoffen. Und dann spürte ich eine Bewegung in den Kraftfäden des Felsens. Stimmen und Worte, Gedanken und Rufe nahm ich war, und als ich genauer hinhörte, ein vielstimmiges Gewirr, dessen Grundgedanke nur ein einziger war: Wir haben verstanden. Wir werden die Stadt verlassen.
Undeutlich erinnere ich mich daran, wie Antejar Bamar fortbrachte. Der Junge weinte und schrie und schlug nach dem Schiffahrer, der ihn aber ohne Zögern mit sich hinwegnahm. Als ich Antejar lange Zeit danach wiedersah, berichtete er mir, wie schrecklich es für Bamar danach geworden war, wie unverständlich es für ihn war, dass sein Bruder sich eingemischt hatte, und dass sein Platz immer an Bamars Seite hätte sein müssen. Er, Antejar selbst, habe sich in den folgenden Jahren abwechselnd Vorwürfe gemacht und sich von ihnen freigesprochen. Nie habe er den Jungen festhalten können, er habe nicht mehr damit rechnen können, dass Baneh sich in unseren Kampf einmsichen würde. Ich versuchte, ihn zu beruhigen, doch fielen mir nur wenige Worte ein, die ich ihm hatte sagen können. Es sei nicht seine Schuld, er könne sich die Verantwortung dafür nicht geben. Der einzige, der wirklich verantwortlich für Banehs Tod war, war Remde. Niemand, nicht einmal ich, die ich nur den Bruchteil eines Augenblicks vorher gespürt hatte, dass Remde Magie gegen den Jungen einsetzen würde, hatte noch etwas tun können. Bamar sah ich nie wieder. Antejar berichtete mir, dass er zwar mit dem Schiffahrer noch viel herumgereist war, doch irgendwann habe ihn die Erinnerung an seinen Bruder, die er für immer mit Antejar verknüpfte, nicht mehr ertragen können, und sei weiter nach Norden gegangen. Später habe ihn noch einmal eine Nachricht von Bamar erreicht, in der er schrieb, es gehe ihm besser, er arbeite wie Antejar als Bootsführer für den Herrscher des Landes, in dem er lebe. Ich habe nie versucht ihn zu finden, denn ich ahnte, dass er nicht glücklich über meinen Besuch gewesen wäre.
Ich war wie betäubt. Remde hatte vor meinen Augen einen Menschen getötet. Und nicht nur irgendeinen Jungen, sondern Baneh, der mir vertraut hatte. Baneh, der langsame, aber herzensgute Junge, der sein ganzes Leben seinem Bruder gewidmet hatte, und der jetzt erst ansatzweise frei zu werden begann, hatte seine Treue und seine Freundschaft zu mir mit dem Leben bezahlt. Remde hatte ihn getötet, ein Mann, den ich meinen Freund genannt hatte, und der mich offen in Gegenwart des Jungen bedroht hatte. Und ich hatte nichts getan, um ihn zu retten. Alles was ich jetzt noch tun konnte, war ihn rächen.
Doch als ich Remde ansah, als ich seinen Blick sah, der so ungläubig, so entsetzt aussah, erinnerte ich mich an den Ekel, an den Selbsthass, den er verspürt hatte, als er Mandu vernichtet hatte. „Ich wollte das nicht.“ Remdes Worte waren leise, kaum zu hören, doch die Stille, die uns umgab war so vollständig, dass ich ihn gut verstand. Und ich verstand auch, dass es wirklich nicht in Remdes Absicht gewesen war, Baneh zu verletzen. „Ich wollte das nicht.“ „Ich verstehe, dass Du es nicht wolltest.“ „Ich wollte doch nur, dass er aufhört. Ich habe die Kontrolle verloren.“ „Ach, Remde.“ Das war alles, was ich sagen konnte, denn eigentlich wollte ich ihn anschreien und meine Wut und meine Angst und meinen Schock und meinen Verlust einfach herausbrüllen, obwohl ich wusste, dass es nicht nur nichts mehr daran ändern würde, dass Baneh unwiederbringlich verloren war, sondern dass es vielleicht alles noch schlimmer gemacht hätte. „Ach, Yelda. Es ist alles wahr. Sie haben mich benutzt! Sie haben mich zu ihrem Werkzeug gemacht, das nur eines kann: töten und vernichten. Ich bin das, was sie von Dir erwarteten: eine Waffe, die sie gegen ihre Feinde einsetzen könnten.“ Ich kniete mich neben ihn und wollte meine Hand auf seine legen, doch er wehrte mich ab. „Du solltest mir nicht vertrauen. Ich würde es auch nicht tun. Ich habe nur begrenzt Kontrolle über meine Kraft. Sie haben mir nicht alles verraten, sie haben mir gesagt, ich müsste Deine Kraft an mich nehmen, um meine …“ Er machte eine Pause, in der er seine Hände auf sein Gesicht drückte. Er hatte recht, das wusste ich, wenn er mich warnte, mich ihm zu nähern ohne vorsichtig zu sein. Also legte ich einen Schild um mich, der alles, was er gegen mich richten konnte, auf ihn zurück würfe. „Ich müsste Deine Kraft an mich nehmen, um Mandus Kraft vollständig zu meistern. Ich habe ihre Kraft an mich genommen, aber ich habe auch ihre Erinnerungen. natürlich wusste ich, dass sie geflohen ist, ich wusste, dass sie eine Verfolgte war und ich verstand auch endlich ihre Motive, als sie Dich sterblich machen wollte.“ „Mandu hatte Angst.“ „Ja. Sie hatte Angst, und Du solltest sie auch haben. Die Drei sind entschlossen, Dich zu vernichten, sie werden nicht eher ruhen, bis sie ihr Ziel erreicht haben.“ „Wir können sie besiegen.“ „Nein. Keiner kann sie besiegen. Sie sind drei der mächtigsten Jenseitigen. Smaragd, den Du als Terno kennst, war mächtiger als sie es sind, und durch seinen Tod sind sie nur stärker geworden.“ „Sie haben ihn nicht besiegt, weil sie stärker gewesen wären als er. Terno hat sich geopfert, um mich zu retten.“ Remde blickte auf. Überraschung überzog sein Gesicht. „Hat er das wirklich?“ „Er hat mir einen Teil seiner Kraft gegeben, damit ich wieder in die wirkliche Welt zurückkehren kann.“ „Wenn das stimmt, dann könnte es sein, dass sie doch besiegbar sind.“ „Das sind sie. Warum sonst haben sie mich wohl nicht angegriffen, seit ich wieder in dieser Welt bin? Ich bin ein leichtes Ziel, so wie Du mich gefunden hast, könnten auch sie mich finden. Sie haben Angst vor mir. Sie wissen, dass ich sie in dieser Welt so sehr schwächen kann, dass sie nicht mehr in der jenseitigen Welt Stärke finden könnten.“ „Wie sicher bist Du Dir damit?“ „Sehr. Ich erkenne die beiden Welten besser, seit ich in beiden verankert bin. Ich habe durch den Kampf mit Rubin, Saphir und Korund meine Fähigkeiten besser verstanden und entwickelt. Sie können mir hier nicht mehr viel anhaben, denn da ich einen sterblichen Körper habe, bin ich hier stärker als sie, die einen Teil ihrer Kraft dafür aufwenden müssen, sich einen Körper zu erschaffen.“ „Aber wenn sie das wissen, wie willst Du sie dann besiegen? Sie würden sich nie wieder in Deine Reichweite begeben!“ Remde sah mich interessiert an, und ich musste zugeben: „Ich habe keine Ahnung, wie ich sie in diese Welt zwingen kann, und Du hast sicher recht, dass ich sie in ihrer Welt nicht besiegen kann.“ „Was also nun?“ „Ich habe einen Plan. Und dazu müssen sie nicht hier sein. Ich werde einfach die Spielregeln ändern. Ich weiß wie, ich weiß, was getan werden muss. Und ich muss nur noch wenig vorbereiten, damit ich meinen Plan umsetzen kann. In zwei Tagen bin ich bereit, die Existenz von Saphir, Rubin und Korund für immer zu beenden.“ „In zwei Tagen bereits?“ Remdes Augen verengten sich für einen Moment. „Was wirst Du tun?“ „Ich werde einen Zauber mit den anderen magisch begabten von Tharb wirken, der sie in diese Welt zwingt. Sie werden sich nicht wehren können.“ „Und dann willst Du sie besiegen?“ „Dann werde ich sie besiegen. Bist Du an meiner Seite?“ Ich hielt ihm meine Hand hin. Doch er sagte: „Nein.“ Und er verschwand vor meinen Augen.
Und dann ließ er ab von mir. Das plötzliche Fehlen seiner mich kurzzeitig überwältigenden Präsenz erzeugte eine Art Sog, die mir die Konzentration nahm und meinen Schild in sich zusammenbrechen ließ. Doch statt nun gänzlich von Remde besiegt zu werden, fiel er auf die Knie und starrte mich an. Tränen liefen über sein von den Flammen gezeichnetes Gesicht, und ich sah, dass er Schmerzen litt. Ich wusste, dass auch er die Bilder von Mandu gesehen hatte, aber auch die Bilder, die ich von der Welt hatte, die ich von meinem Kampf mit den Dreien hatte, die ich von Antejar, Bamar, Baneh, Sobekan hatte. Vor allem aber die Erinnerungen, die ich an ihn hatte. Ich hatte mich an meine Verwirrung bei unserer ersten Begegnung erinnert, an die endlosen Fragen, die ich ihm gestellt hatte, an meine lächerlichen Versuche, Verstehen zu zeigen, wo ich durch seine Erklärungen nur noch mehr irritiert war und neue Fragen sich in meinen Geist drängten. Er sah wie ich auch gesehen hatte, wie wir an Mandus Quelle saßen, sah meine Ohnmacht und meine Vision und sah, dass es meine Verbindung zu ihm gewesen war, die ich nicht als Liebe verstand, nicht verstehen konnte, die mich zu ihm geführt hatte, als das Dunkel ihn zu verschlingen drohte, und er musste erkennen, dass ich, obwohl ich unfähig gewesen war zu verstehen, dass ich ihn liebte, ihn doch geliebt hatte. Und es war diese Erkenntnis, die ihn zu Tränen und Reue rührten.
So fanden sie uns. Antejar, Bamar und Baneh, die sich solche Sorgen um mich gemacht hatten, weil sie seit Stunden auf mich gewartet hatten, hatten mich gesucht. Als sie einen Passanten anhielten, der von einer unerklärlichen Art Kampf berichtete, bei der überwiegend keine offensichtlichen Schläge ausgetauscht wurden, aber die gesamte Umgebung in Mitleidenschaft gezogen wurde, war ihnen schnell klar, dass sie schnellstens dorthin mussten. „Yelda?“ Antejars Stimme über mir klang sorgenvoll und, als ich meine Augen öffnete, sah ich, dass sein aufmunterndes Lächeln nur unzureichend die Angst in seinem Blick verschleierte. „Yelda? Bist Du verletzt?“ „Antejar?“ Ich musste mich knozentrieren, um sprechen zu können. Die verstörenden Bilder aus Remdes Erinnerung lagen wie ein Film über allem. „Bamar? Baneh? Was macht Ihr hier?“ Baneh sagte: „Wir haben von dem Kampf gehört, und wollten Dir helfen!“ „Mir helfen? Wie wollt Ihr das tun? Es ist kein Kampf für jene, die nicht zaubern können.“ „Aber wir sind Deine Freunde“, sagte Bamar, und der Ton, in dem er das sagte, ließ mich trotz meiner Erschöpfung lächeln. „Gerade weil Ihr meine Freunde seid, müsst Ihr fort von hier. Es ist nicht sicher hier für Euch, und Ihr könnt nichts tun.“ „Wir bringen Dich fort von hier.“ „Nein, Baneh, das wird nicht möglich sein.“ Ich wies auf Remde, der keine drei Schritte von uns entfernt am Boden kauerte und weinte. „Ist das Terno?“ fragte Antejar. „Nein, das ist Remde. Er ist ein alter Freund. Ich habe ihm viel zu verdanken, denn er hat mich damals im Wald gefunden.“ „Aber habt Ihr nicht gegeneinander gekämpft?“ Bamar sah sich die zerstörten Gebäude um uns an und sagte: „Ist es so gefährlich, mit Dir befreundet zu sein?“ Ich lächelte ihn an und sagte: „Manchmal entfernen sich Freunde so sehr voneinander, dass sie nicht mehr wissen, ob sie auf der gleichen Seite stehen. Und so wie Ihr aufgrund unserer Freundschaft gekommen seid, mir zu helfen, muss ich Remde helfen, sich wieder an sich selbst zu erinnern, wenn es noch nicht zu spät ist.“ „Dann wirst Du nicht mit uns kommen?“ „Nein Antejar. Ich kann nicht.“ „Dann bleiben wir bei Dir.“ „Das geht nicht. Es ist nicht sicher, das sagte ich doch schon. Ihr müsst fliehen, um unserer Freundschaft willen müsst Ihr mich verlassen.“ „Aber entfernen wir uns denn dann nicht auch voneinander?“ „Ja und nein. Antejar, Du verstehst, was ich meine, nicht wahr?“ „Ja. Ich verstehe es, und ich bin mir nicht sicher, ob ich gut finde, was Du vorhast. Und doch weiß ich, dass manchmal eine Aufgabe alleine erledigt werden muss. Ich habe einen Krieg hinter mir, ich weiß, was es bedeutet, eine Schlacht ohne Rücksicht auf sich selbst zu schlagen, wenn man die, die man liebt, dadurch retten kann.“ „Dann erkläre es den beiden bitte. Bring sie so weit weg wie möglich. Folgt dem Fluss an sein Ende und kehrt nicht mehr hierher zurück. Ich werde Euch folgen, so bald ich kann.“ „Ich kümmere mich um die beiden, versprochen.“ „Was heißt das?“ mischte sich Baneh ein. „Das heißt, dass wir jetzt gehen, Junge.“ „Aber wir können doch nicht …“ „Wir können und wir müssen. Komm jetzt.“ „Bitte Baneh, vertrau mir. Ich will nicht, dass Ihr verletzt werdet.“ Ein freudloses Lachen machte mich wieder auf Remde aufmerksam, der nicht mehr auf dem Boden kauerte. Er war aufgestanden, seine Augen noch verquollen, aber nicht mehr traurig. „Du magst diesen Satz, nicht wahr?“ „Remde? Ich sage nur die Wahrheit. Ich will niemanden verletzen.“ „Als ob Du nicht wüsstest, dass Du genau das doch am besten kannst.“ „Was meinst Du?“ „Was ich meine? Dass Du in Kauf nimmst, dass die, die Du Deine Freunde nennst, umkommen. Statt sie selbst zu beschützen, verlässt Du sie unter dem Vorwand, sie damit schützen zu wollen. Dabei entfernst Du sie doch nur aus Deinem Einflussbereich, damit Du Dich besser verstecken kannst. Du stößt die Menschen von Dir wie lästige Tiere.“ „Remde, das ist nicht wahr und Du weißt es.“ „Ist es denn nicht wahr, dass Du mich verlassen hast, kurz bevor die Jenseitigen mein Dorf zerstörten?“ „Geht“, sagte ich zu Antejar und den Brüdern. „Verschwindet.“ „Ja, schick sie nur fort, damit sie nicht die Wahrheit über Dich erfahren.“ „Sie sollen verschwinden, damit ihnen nicht das Gleiche geschieht wie Dir. Du hast recht, dass die Menschen, die mir nahe sind, viel zu oft zu Schaden kommen. Aber nicht, weil ich das will, sondern, weil ich ein zu deutliches Ziel abgebe.“ „Nein, weil Du die Schläge, die Dich treffen sollen, auf andere ablenkst!“ „Geht! Bei den Göttern, geht!“ rief ich Antejar zu, und er zog sich zurück, jeden der Brüder an einer Hand. Zu Remde gewandt sagte ich: „Ich weiß, was in Dir vorgeht, Remde. Ich gebe zu, ich habe Dich und Dein Dorf verlassen, kurz bevor das Dunkel über Euch hereinbrach. Aber wäre ich nicht gegangen, wäre Dein Dorf vollständig verschwunden gewesen. Es wäre nichts weiter als ein schwarzer Fleck in der Landschaft gewesen.“ „Und was ist es jetzt? Alle Menschen, die ich kannte, sind tot. Mein gesamtes Leben ist auf einen Schlag ausgelöscht, Deinetwegen!“ „Aber Du lebst!“ Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Antejar fast weit genug weg war. Ich hoffte, er würde schnell genug mit den beiden Jungen vorankommen, um sich und sie zu retten. „Ich lebe? Du weißt doch nicht einmal, was das heißt! Du hast doch keine Ahnung, was Leben ist und Leiden, was Liebe ist! Du bist doch nur eine Hülle, der Schatten eines Menschen!“ „Nimm das zurück!“ Ich hatte ihn nicht bemerkt, hatte nicht gesehen, wie er sich von Antejar losgerissen hatte, hatte nicht gesehen, wie er die Hände seines Bruders abgeschüttelt hatte, hatte nicht gesehen, wie er sich auf Remde gestürzt und ihn mit sich zu Boden gerissen hatte. „Nimm das zurück! Nimm es zurück!“ Immer wieder schlug Baneh mit seinen Fäusten auf Remdes Kopf und seinen Oberkörper ein. „Baneh! Nicht!“ rief ich, doch der Junge, der im Gerangel mit Remde nicht auf mich achtete, hörte mich nicht. Ich stürzte auf die beiden zu und sah aus den Augenwinkeln auch Antejar, der mit langen Schritten näherkam, doch wir beide kamen zu spät. Ich spürte, wie Remdes Kraft sich Bahn brach und sich durch den Körper des Jungen entlud. Baneh wurde ein Stück in die Luft geworfen, und grüne Flammen umzüngelten ihn, bevor er sich in Staub auflöste. Remdes ungezügelte Kraft hatte Baneh vollständig verzehrt. Baneh war tot.
Remde verfügte über mehr Macht, als ich gedacht hatte. Seine Zauber waren nur zu Beginn des Kampfes einfache Schläge gewesen, die selbst an meinem simplen Schild einfach abprallten. Ich spürte die Erschütterungen und auch die Macht, die nach unten in den Boden floss, wie das Wasser nach einem Regenguss einfach versickert. Doch nach und nach fühlte ich eine Veränderung in Remdes Schlägen, wie ein Gewitter, das sich zunächst nur durch Wind und leichten Regen angekündigt hat, nach und nach aufgeladener, kräftiger, aggressiver wird. Remdes Angriffe prallten nicht länger nur ab, sie knisterten über meinen Schild, überflossen ihn in alle Richtungen, als suchte Remde unter seinen Schlägen nach einer Schwachstelle in meiner Verteidigung. Mir wurde klar, dass Remde sehr viel erfahrenere Lehrer gehabt hatte als ich, und dass auch sie es gewesen sein mussten, die ihm zu der Finte der einfachen Angriffe geraten hatten. Das Ziel dahinter wurde mir klar: ich sollte, um einen langsamen Kampf zu vermeiden, Remde schnell, aber nicht tödlich überwinden oder es zumindest glauben, damit er mich dann im Nachgang noch besiegen könnte. Ich sollte meinen Schild für einen Angriff meinerseits fallen lassen. Dass ich es nicht getan hatte, erschien mir nun, da ich erkannte, wie gut er seine Kraft beherrschte, wie ein Segen.
„Sie haben Dich gut instruiert“, rief ich zwischen den Schlägen und hörte das Summen meines Schildes, das durch die darauf tanzenden Magieblitze erzeugt wurde. „Ich wusste, Du würdest mich unterschätzen.“ Remde sah nicht angestrengt aus, als er gleichzeitig sprach und weiterhin seine Zauber auf mich warf. „So wie Du mich eigentlich ohnehin nie wirklich beachtet hast, wusste ich, dass Du mich auch diesmal nicht wirklich sehen würdest. Mir war klar, dass dies Deine größte Schwäche sein würde. Und es wird Dein Ende sein.“ „Also gibst Du es zu!“ „Dich töten zu wollen? Deine Kraft zu wollen? Natürlich gebe ich es zu.“ Er lachte. „Sie ist doch verschwendet bei Dir. Du verdienst nicht, was Du hast, Du weißt es ja nicht einmal richtig zu schätzen. Du weißt nicht, wie es ist, machtlos zu sein, schwach zu sein. Niemand, der so viel Kraft besitzt, sollte mit ihr so sparen, wie Du es tust.“ „Was sollte ich denn mit ihr machen?“ „Was denn nicht? Du könntest alles damit erreichen! Du könntest die Herrscherin über alle Menschen werden. Du kannst Reiche errichten und zerstören. Aber das weißt Du nicht, nicht wahr?“ „Was sollte das bringen? Was soll ich mit dem Leid von Menschen?“ „Du bist so edel. Kein Mensch, der über die Kraft verfügte, die Du besitzt, würde sich diese Frage stellen. Diese Kraft ist dazu geschaffen, dass man sie einsetzt.“ „Das ist nicht wahr!“ rief ich, doch am Rande meiner Wahrnehmung bemerkte ich etwas, ein Zittern in meinem Schild, eine Unregelmäßigkeit. Ich wollte meine Aufmerksamkeit dahin richten, doch dann lenkte mich Remde ab: „Du hast diese Kraft nicht verdient! Alles, was Du verdienst, ist der Tod!“ Ich war so schockiert von diesen Worten, die Remde, mein Remde, der mich gerettet hatte, und der mich geliebt hatte, aussprach und offensichtlich so meinte, dass ich einen Augenblick zu spät reagierte, und der Zauber, der knapp unterhalb meiner Wahrnehmung durch einen Spalt in meiner Verteidigung gedrungen war, mich treffen konnte. Ich wollte mich noch verteidigen, doch alles, was ich vermochte, war, die Kraft zu zerstreuen, die sich auf mich legte, und in meinen Geist eindrang. Mir wurde schlagartig klar, dass die ganzen ersten einfachen Angriffe, deren Kraft nur versickert war, in Wahrheit nur der erste Teil eines viel größeren Zaubers war, der mich jetzt zu überwältigen drohte. Ich spürte, wie ich später auch das Aufsteigen des Wassers unter dem Buchturm der Stillen Götter spürte, wie Remdes Kraft sich aus der Tiefe wieder nach oben arbeitete, wie ein steter Fluss aus Kraft durch den Spalt in meiner Verteidigung drang und von innen meinen Schild aufzubrechen drohte. Gleichzeitig überzog auch mich sein Zauber wie eine schillernde Haut, fesselte und lähmte mich und versuchte auch in meinen Geist einzudringen. Ich spürte Remdes Kraft auf meinem Wesen wie ich die Finger des Soldaten auf meinem Körper gefühlt hatte, doch ich wusste, dass ich diese Verletzung nicht würde heilen können, wenn ich sie zuließ. Ich wusste, dass Remde mir meine Kraft nehmen würde und nicht nur meinen Körper verletzen würde. Ich spürte seinen tastenden Geist und sah auf einmal die Bilder, die seine Erinnerung davon gemacht hatte, wie er Mandus Seele ausgeweidet hatte.
Mandu, die alte Frau, die eine der Jenseitigen gewesen war und die ihr Heil in der Flucht in die Wirklichkeit gesucht hatte. Ich sah noch weiter zurück, erkannte, was Remde in Mandu gesehen hatte, wie er sie schon lange vor meiner Ankunft im Dorf erst gefüchtet, dann bewundert, dann beneidet hatte, wie er in jungen Jahren einmal bei ihr gewesen war, als seine Schwester im Sterben lag. Sie, die weise Frau, die Uralte vom See, sollte helfen, und obwohl sie nicht gegen das Schicksal, das den Menschen auferlegt eingreifen konnte, so hatte sie es doch vermocht, die Familie ein letztes Mal zueinander zu führen und Remdes Schwester friedvoll einschlafen zu lassen. Remde war von Mandus Macht schon immer angezogen worden, wie ein Nachtfalter dem Mond zustrebt, und als dann später der Verlust Remdes Familie zerstörte, wünschte er sich oft, Mandus Macht zu haben und seine Schwester wieder zurückbringen zu können, damit seine Eltern sich nicht über den Tod der Tochter gegenseitig zerstörten. Und so sah ich Remde in seiner eigenen Erinnerung am Ufer des Sees stehen und ins Dunkel über dem Wasser zu starren, doch all sein Flehen und seine Bitten wurden nicht erhört, weder von Mandu noch von den Göttern, an die zu glauben er sich immer weniger vorstellen konnte. Und ich sah Mandu, als ich ihre Insel zerstört hatte, am selben Ufer sitzen und über das Wasser starren. Hinter ihr standen die Drei, Rubin, Saphir und Korund. Sie sprachen nicht, und doch war ihre Botschaft klar: Mandus Flucht habe ein Ende gefunden, sie könne sich nicht mehr, nie wieder verstecken. Sie, die sie mit den Menschen gelebt habe, müsse entweder ihre Macht freiwillig abgeben oder sie sich nehmen lassen. Und Mandu spottete, sie hatte nichts mehr zu verlieren, und sie wusste, dass die Drei mit ihrer Macht nichts anzufangen wüssten, denn sie war gebrochen und nichts an ihr konnte jenen noch etwas geben außer die Erinnerung an so viel Leben unter Menschen. Doch als Remde, dessen Verbrennungen vernarbt waren und dessen Körper gleichzeitig dünner und stärker schien, in ihr Blickfeld kam, erstarb das Lächeln auf ihrem Gesicht. „Nicht er“, sagte sie, und doch konnte ich selbst noch in der Erinnerung, die mich streifte, erkennen, dass sie sich nicht mehr wehren würde. Sie wusste um die Unabwendbarkeit ihres Schicksals und darum, dass es keine Alternative gab. „Bitte“, sagte sie, die nie um etwas gebeten hatte, „nehmt meine Kraft selbst, lasst nicht ihn es tun.“ Doch Remde, den die Drei nicht nur körperlich geheilt hatten, sondern ihm auch genug Kraft gegeben hatten, Mandus Gegenwehr zu überwinden, und die ihm gezeigt hatten, wie er dem Wesen der Jenseitigen anhe genug kommen konnte, um ihnen ihre Stärke zu nehmen, griff nach ihrem Arm und nach ihrem Geist, drang wie durch die Oberfläche des Wassers durch den Spiegel ihres Bewusstseins und löste die Knoten, mit denen sie in sich verbunden war. Er zerrte gewaltsam an den Fäden ihrer Kraft und zerriss das Gewebe ihres Selbst, und ihr Selbst zerfloss in ihrem Geist, bis nur noch die Essenz ihrer Kraft in ihr blieb und Remde nahm sie in sich auf wie ein Verdurstender an der Quelle trinkt. Es war beängstigend, dies in Remdes Erinnerung zu sehen und seine Wildheit zu spüren, seine Faszination über das, was er durchmachte, und gleichzeitig auch die Abscheu, die ihn ergriffen hatte, als er Mandu verschlang, und ich spürte den gleichen Selbstekel jetzt auch bei ihm, als er seine Kraft auf das Gewebe meines Selbst legte.
Was Antejar mir über Tharb erzählt hatte und was ich später selbst aus den Aufzeichnungen im Buchturm der Stillen Götter erfuhr, waren alles nur Hinweise auf das, was Tharb und der Fels, auf dem die Stadt lag, tatsächlich darstellten. In meinen Jahren ohne Zahl in der Stadt der Drei Türme, wie sie von jenen, die ihre lebensbedrohliche Reise durch das versehrte Land nach Tharb überlebt hatten, genannt wurde, entdeckte ich mehr, viel mehr über den Ort, der so viele hundert Jahre meine Heimat werden sollte.
Als die Menschen die Stadt verließen, blieb ich zurück. Ich musste in Erfahrung bringen, was ich im Kampf gegen Remde gespürt hatte, was ich vielleicht auch geweckt hatte. Im Brunnen unter dem Turm erfuhr ich viel, denn das Wasser, in dem ich mir oft den Staub der sterbenden Straßen vom Körper wusch, entsprang nicht etwa einer vom Fluss gespeisten Grundwasserquelle, sondern arbeitete sich aus viel tieferem Grund empor, einem so tiefen Grund, dass er schon fast die Grenzen unserer Wirklichkeit berührte. Und auch das erfuhr ich erst später: dass es neben unserer Wirklichkeit und der jenseitigen Welt noch viele andere Welten und Realitäten gibt, die alle ihre eigenen Regeln und Verbindungen zueinander finden. Ich habe niemals einen Weg in eine andere Welt als die jenseitige gefunden, habe allerdings nie wirklich danach gesucht. Auf meinen zahllosen Wanderungen durch die Verwüstung des Wilden Zaubers, den ich entfesselt hatte, spürte ich oft die Nähe einer anderen Welt, die Möglichkeit einer Passage, allein, es wäre mir unmöglich gewesen, denn meine Kraft hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon lange erschöpft. Ich hätte Kontakt zum Strom haben müssen, doch das blieb mir auf ewig verwehrt, nachdem ich Ternos Rat befolgt und alle Spielregeln geändert hatte. Und auch nie strebte ein Wesen der anderen Welten in die Unsere, als wisse es, dass der Wilde Zauber es verzehren könnte, wie er alles verzehrte, was ihm zu nah kam. Ich dachte oft an Sobekan und daran, dass er die Stadt nicht mehr wiedererkennen würde, nicht mehr wissen würde, wie die Ruinen, die die kaum noch erkennbaren Straßen säumten, vor seiner Gefangenschaft und seinem Tod ausgesehen hatten. Ich verbrachte viel Zeit bei dem Baum, unter dem wir Sobekan begraben hatten, und dieser Baum, der niemals dem Schatten anheim fiel, der nach und nach alle Pflanzen und Tiere in und um Tharb versehrte, war mir oft Trost und Schutz. Er erinnerte mich an die Tage meines frühesten Bewusstseins, als ich unschuldig und rein wie der frisch gefallene Schnee unter den Bäumen, die ich Familie nannte, erwacht war.
Der Innere Kreis von Tharb war wie der Fels im Moor, wie die kahle Anhöhe, wie die rot leuchtende Grotte ein Sicherer Ort, einer von jenen, von denen Terno wusste, dass sie die Ströme der Kraft ablenkten und all jene, die sich bei ihnen aufhielten, vor jenen, die aus der Kraft heraus nach ihnen suchen würden, verbarg. Doch Tharb war mehr als einer der gewöhnlichen Sicheren Orte, denn der Felsen der Stadt war gleichzeitig ein Schild und ein Brennglas. Erst später, als ich meinen ersten richtigen Sturm miterlebte, entdeckte ich, was die Menschen unter dem Auge eines Orkans verstanden. Tharb war das Zentrum einer riesigen Machtumwälzung und es war die uralte Mauer, die aus den Gebeinen der Erde selbst stammte, die bewirkte, dass der Innere Kreis unversehrt blieb. Vielleicht aber war er auch überhaupt erst für den Orkus verantwortlich, in dem die Kraft um die Stadt wirbelte.
Später habe ich auch oft versucht, meine Kraft, die ich im Kampf mit den Drei geopfert hatte, wieder zu gewinnen oder wenigstens Kraft aus dem Felsen selbst zu ziehen, doch nie mehr konnte ich gestalten. Meine Wahrnehmung konnte ich ausdehnen, ich konnte gezielt nach den Fäden der Kraft greifen und ihre Spur verfolgen, doch die Manipulation der Wirklichkeit, eine wirkliche Ausdehnung des Einflussbereichs außerhalb meiner körperlichen Kräfte waren mir unmöglich. Andererseits, und das war für mich selbst viel überraschender, konnte auch mir selbst nichts mehr etwas anhaben. Ich stand wie schon zu Beginn meiner Bewusstwerdung außerhalb aller Regeln. So gesehen hatte ich nur eine kurze Zeit, in der ich tatsächlich den Spielregeln der Wirklichkeit unterstellt war, nämlich von jenem ersten Schluck aus Mandus Quelle bis zu jenem Kampf mit den Dreien, der ihre Existenz grundlegend veränderte und mich gleichzeitig befreite und unterjochte. Diese Wochen waren die einzige Zeit in meiner Existenz, da ich wirklich nach den Regeln der Welt und nach der Definition der Menschen gelebt habe. Vorher und nachher war ich unangreifbar, unantastbar, unverwundbar. Und es war erst in jenem Kampf gegen Remde, der seine Seele für geborgene Macht eingetauscht hatte, da mir klar wurde, wie machtvoll ich wirklich war, da ich noch eins in mir war, dass ich noch heil und gesund war. Remde war in sich gebrochen, zerbrochen, in ihm wütete ein eigener Wilder Zauber, der wie in der Ebene von Tharb alles verschlang, was noch geblieben war von dem Mann, der mich einst im Wald gefunden und dann in sein Dorf gebracht hatte. Ich erkannte das bereits während des Kampfes mit Remde, und es war dieses Mitleid, mit dem ich Remde am Schluss überwand. Es war meine Liebe zu ihm, die ich damals noch nicht verstand und nicht erkannte, und selbst wenn ich sie damals erkannt hätte, es wäre zu spät gewesen. Remde hatte in dem Moment sein Leben verwirkt, als er in den Dienst der Drei getreten war. Er erkannte das aber nicht. Er wollte es vielleicht auch nicht sehen. Er konnte es nicht sehen wollen.
Erst viel später lernte ich das Konzept von Liebe kennen und noch viel später in meinem Leben erfuhr ich am eigenen Leib, was Liebe mit einem Menschen machen kann, wie viel Kraft und Freude eine erfüllte Liebe gibt, wie viel Hass und Wut einen Menschen erfüllen können, dessen Liebe unerwidert bleibt. Mittlerweile habe ich verstanden, dass es diese unerfüllte Liebe war, die Remde in den Untergang trieb. Er liebte mich seit dem ersten Moment, als er mich im Wald gefunden hatte, ich aber, die ich kaum das Konzept des Lebens begriffen hatte, konnte mit den gesellschaftlichen Eigenheiten der Menschen, deren erster Vertreter für mich Remde war, noch weniger anfangen. Remdes Liebe konnte in mir keinen Widerhall finden, doch er konnte das nicht verstehen und so wandelte sich seine Liebe zu Begehren und verzehrender Lust, die, als ich ihn schwerverletzt in seinem dem Untergang geweihten Dorf zurückließ, zu einem Dorn wurde, der nach und nach seine Seele vergiftete.
Remde hatte keine andere Möglichkeit, als für Rubin, Saphir und Korund zu morden, denn sie versprachen ihnen im Gegenzug dafür Macht, die meiner ebenbürtig sei. Er versprach sich dadurch, mich für sich zu gewinnen, und verstand doch nicht, dass ich nicht bereit für romantische Gefühle sein konnte. Dass ich ihn, der so viel getan hatte, um mir näher zu kommen, der solche Opfer gebracht hatte, dass ich ihn also noch mehr dafür ablehnte, was er getan hatte, als damals, als er keine Macht hatte, trug vielleicht mehr zu seinem Untergang bei als alle erdenklichen Zauber das vermocht hätten.
Remdes Attacken abzuwehren wäre nicht schwer gewesen, wenn wir uns nicht inmitten einer belebten Stadt befunden hätten. So aber musste ich mich vor allem darauf konzentrieren, dass seine abprallenden Zauber keine Unbeteiligten treffen würden. Den Großteil der Energie leitete ich in den Boden ab, doch der eine oder andere Zauber riss klaffende Löcher in die Mauer hinter mir. Bald standen wir alleine in der Straße, wo Remde mich gefunden hatte, da selbst magieunkundige Menschen mitbekamen, wenn etwas geschieht, das ihnen Schaden zufügen kann. Durch seine Angriffe erkannte ich viel besser, dass es nicht seine Macht war, die er verwendete. Jedem seiner Zauber haftete eine Spur der jenseitigen Welt an, die sich als blasser Schatten um ihn bildete, und ich konnte die Grenze zwischen dieser und jener Welt vibrieren spüren mit jedem Schlag, den Remde auf mich abgab. Meine größte Sorge bestand darin, Remde könnte womöglich aus Versehen die Grenzen ganz durchbrechen und den Schatten, den so viele in meiner Folge erwartet hatten, selbst hervorrufen.
Damals wie heute bin ich nicht sicher, ob meine Vision des Dunkels, das Remde verschlang, doch noch in Erfüllung gegangen ist. Ich versuche meine Zweifel oft damit zu beruhigen, dass nicht ich es war, die ihm seine Entscheidungen aufzwang, doch letztlich brachte ich durch mein Auftauchen im Wald bei Remdes Dorf ihn erst in Berührung mit der Magie, die auf ihn wirkte wie eine Droge, die er sich selbst nicht beschaffen konnte. Remde war süchtig nach der Erfahrung der Magie, und als er erst einmal damit Kontakt hatte, als er sie durch sich durchfließen spürte, vor allem aber all seine Ängste und Zweifel durch eine Demonstration seiner neuen Fähigkeiten, deren Grenze und Kosten er noch nicht erahnen konnte, beiseite wischen konnte, hätte er nicht mehr davon lassen können. In Remde hatten die Drei ein perfektes Opfer gefunden, das sich ihnen willig auslieferte, weil es nicht ermessen konnte, was der scheinbare Gewinn tatsächlich für ein Verlust war.
„Remde, hör auf!“ rief ich, doch glaubte ich nicht, dass er sich so leicht geschlagen geben würde. „Du kannst nicht gegen mich gewinnen.“ In dem Moment, als ich es aussprach, wurde mir bewusst, welch missliche Worte ich ausgesprochen hatte. Doch wie man einen entflogenen Vogel nicht allein durch Wünsche in einen Käfig bringen kann, ließen sich auch diese Worte nicht ungesagt machen. „Wie hochmütig Du bist“, rief Remde, doch seine Stimme klang schon gepresst, als bemerke er erst jetzt langsam die Anstrengung, die ein andauernder Angriff erforderte. Ich hatte diese Erfahrung im Kampf mit den Dreien gemacht, und damals war ich der Kraft näher als es Remde jemals sein konnte. „Ich will nur Dein bestes.“ „Wie auf Mandus Insel, als Dein Feuer mich versengte?“ „Remde, versteh doch, Du kannst nicht meine eigene Kraft gegen mich wenden. Nicht hier, nicht jetzt, nicht so!“ „Was weißt Du schon?“ „Ich weiß mehr als Du, ich kenne die wahre Form der Drei, ihr wahres Gesicht und all ihre Niedertracht. Remde, Du weißt nicht, mit wem Du es zu tun hast, und vor allem kannst Du nicht erahnen, welchen Preis Du zahlen wirst.“ „Ich kenne den Preis. Und diesmal ist er geringer als bei Mandu.“ „Also wirst Du mich nciht töten?“ „Ich habe Mandu nicht getötet.“ „Also hat sie Dir ihre Kraft aus eigenem Antrieb überlassen?“ „Woher willst Du wissen dass es ihre Kraft ist?“ „Ich kenne Mandu, ich erkenne ihre Kraft wie ich auch ihre Stimme ode ihren Gang erkennen würde. Daher weiß ich auch, das Mandu Angst hatte, dass sie um das fürchtete, was sie zu schützen bereit gewesen war, als sie ihre Existenz in jener Welt gegen ein Leben in der Wirklichkeit eintauschte. Mandu hätte das Sanktuarium ihres Baumes niemals freiwillig jenen geöffnet, die sie fürchtete. Du allerdings musstest sie vernichten, um an die Quelle ihrer Macht zu gelangen.“ „Ich habe sie nicht …“ „Alle Deine Zauber tragen ihre Handschrift. Es ist, als ob Du ihr Agent wärat, da alle Macht, die Du in Dir zu tragen glaubst, Teil der Welt ist, die sie schaffen wollte. Sp wenig ich auch über Zuaber wissen mag, ich bin nicht blind, auch wenn Du es mitunter wahrscheinlcih so empfinden magst. Nur weil ich Dich nciht gesehen habe, wie Du es wolltest …“ Meine Worte gingen in einem Hagel aus Zaubern unter, die Remde auf mich schleuderte. Ich musste aufhören zu sprechen, da mich sonst meine Konzentration verlassen hätte. Und ich wusste, dass Remde nicht lange zögern würde, fände er die richtige Gelegenheit. Er würde jetzt, da ich ihn gedemütigt hatte, nicht mehr zurückweichen. Der Kampf begann.
Remde war dort. Die Stadt spuckte ihn eines Tages vor mir aus. Ich war auf der Suche nach Antejar und den Brüdern. Wir hatten uns nach meiner Befreiung wiedergefunden, Antejar war schlecht behandelt worden, allerdings hatte man ihm kein körperliches Leid zugefügt. Die Brüder hatten sich für ihn eingesetzt und überraschenderweise auch seine Freilassung bewirkt. Nach dem allerdings, was Antejar über den vermeintlichen Freund, der uns verraten hatte, erzählte, hätte es nun doch einen Grund gegeben, ihn einzusperren.
Die Lage in der Stadt hatte sich ein wenig verändert. Die Nachricht von meiner Befreiung war wie ein Lauffeuer durch die Straßen gegangen. Diejenigen, die wie Sobekan Verbindung zur Magie hatten, hatten alles gespürt, hatten meine Anwesenheit ebenso wie meinen Kampf auf der anderen Seite mitbekommen. Offensichtlich hatte allein schon der Kampf und Ternos Opfer die Machtverhältnisse deutlich verschoben. Dadurch, dass die Drei einen meiner anderen Schöpfer vernichteten, ermöglichten sie es erst, dass ich wirklich Teil beider Welten wurde. Die Magier spürten das, und bei einigen war diese Wahrnehmung das einzige, das sie mit der Macht verband. Sie fanden mich in der Unterstadt, wo ich mich mit Antejar und den Brüdern zurückgezogen hatte. Wie ein Leuchtfeuer zog ich jene an, die sehen konnten. Und mit ihnen auch Remde.
Ich umarmte ihn stürmisch. „Du lebst!“ Remde löste sich aus meiner Umarmung und mit einem schiefen Blick sagte er: „Sollte ich nicht leben?“ „In einer Vision habe ich gesehen, wie die Drei das Dorf zerstörten. Ich befürchtete, auch Du wärst ihnen zum Opfer gefallen.“ „Sie haben das Dorf nicht zerstört. Sie haben jene bestraft, die gegen sie waren.“ „Bestraft? Remde, was sagst Du? Sie wollten nur, dass die Drei wieder gehen.“ Remde lachte, doch ohne Freude. „Und das ist kein Widerstand, den es zu bestrafen gilt?“ „Sie wollten doch nur in Frieden gelassen werden.“ Ich ging einen Schritt zurück. Fremd war mir dieser kalte Ton an ihm, das Fehlen von Herzlichkeit in seiner Stimme, von Freude. „Remde, was ist Dir geschehen?“ „Was sollte geschehen sein?“ ich blickte ihn an, und dann fiel mir auf, was ich unbewusst schon die ganze Zeit wahrgenommen hatte. Er strahlte Kraft aus, Stärke, Magie. „Was haben sie Dir angetan?“ „Nichts haben sie mir angetan.“ „Du trägst ihre Kraft. Sie haben Dich verändert.“ „Sie haben mich stark gemacht, das ist wahr. Ich war verletzt, verbrannt, falls Du Dich erinnerst.“ „Remde, es tut mir leid, ich wollte Dich nicht verletzen, erinnere Dich, ich habe Dich gebeten, Dich von mir fernzuhalten …“ „Als ob Du nicht gewusst hättest, dass ich das nicht konnte. Ich habe Dich geliebt, Yelda, ich habe nur für Dich gelebt.“ „Und jetzt lebst Du für die Drei?“ „Ich lebe für mich.“ „Nein. Du magst es vielleicht nicht sehen, aber ich bin nicht so blind wie Du.“ „Nenne mich nicht blind! Du weißt, dass ich es nicht bin, dass ich sogar noch weit mehr sehe als Du! So wie es immer schon gewesen ist. Du bist diejenige ohne Vergangenheit, ohne Wissen über sich selbst und die Welt. Ich musste Dir alles beibringen!“ „Remde, bitte höre mir zu. Die Macht, über die Du zu verfügen glaubst …“ „Du zweifelst an mir? Soll ich mich Dir beweisen?“ „Remde, nein! Ich zweifle nicht an Dir, ich bezweifle, dass Du weißt, welchen Pakt Du geschlossen hast.“ „Glaub nicht, dass Du mir überlegen bist. Woher willst Du wissen, welchen Preis ich zahlen musste, um zu erlangen, was ich jetzt habe?“ „Mandu“, sagte ich leise. „Was?“ „Mandu. Du hast sie getötet. Du hast Deine Seele mit ihrem Blut befleckt. Du hast das letzte genommen, was ihr geblieben war.“ Er starrte mich an, und ich wusste, dass ich recht hatte. „Es war ihre Bedingung. Sie haben Dich vor die Wahl gestellt, ob sie Dich tötet oder Du sie. Du hättest nicht wählen müssen.“ „Was meinst Du?“ Sein Ton war ruhiger, verletzlich vielleicht, denn ich hatte mit allem recht und auch seine Zweifel geahnt. „Sie hätten niemals Mandu gewählt. Sie hätten Mandu nicht die Kraft geben können, die ich ihr bereits genommen hatte. Mandu war am Ende ihrer Kraft, der Kampf mit mir hat sie mehr gekostet als den Schutzwall um ihre Insel. Es hat sie selbst zerstört.“ „Es macht keinen Unterschied. Sie haben mich gewählt, sie haben mir Kraft gegeben, die selbst Deine Kraft übertrifft.“ „Aber wozu, Remde? Ich weiß, wie begierig Du das haben wolltest, was ich nicht nutzen konnte. Du hast heimlich geübt zu lauschen, hast versucht, die Kraft zu spüren, den Zauber zu finden. Du wolltest sein wie ich.“ „Nein, ich wollte niemals sein wie Du. Armselig, einsam, traurig, unwissend. Was mir die Drei gegeben haben, ist mehr als ich mir jemals erträumt habe. Ich bin einer der ihren geworden.“ „Also bist Du einer der Drei?“ „Nein, natürlich nicht.“ „Wieso glaubst Du dann, einer von ihnen zu sein, wenn sie Dich nur als Handlanger sehen und nicht als Ebenbürtigen?“ „Ha! Ich verstehe, was Du willst. Du willst mich doch nur verunsichern.“ „Ich will Dir die Augen öffnen.“ „Du lügst!“ „Ich lüge nicht! Terno, der zuerst nach mir gesucht hat, er war wirklich einer von ihnen.“ „Und darum meinst Du, diejenigen zu erkennen, die zu ihnen gehören oder nicht?“ „Sie haben ihn vernichtet, als er ihnen nicht mehr nutzte.“ „Er hat sie verraten.“ „Er hat mich beschützt.“ „Gegen die Drei.“ „Ja, gegen die Drei, die mich vernichten wollten.“ „Sie wollten Dich nicht vernichten, sie wollten Dich schützen. Und sie wollten die Welt vor Dir schützen.“ „Sie wollten sich selbst vor mir schützen.“ Ich atmete tief durch. Remde sah einerseits müde aus, als hätte er seit Wochen nicht mehr geschlafen, andererseits aber so aufgedreht, als tränke er gerade direkt von der Quelle der Kraft. „Remde, siehst Du denn nicht, was sie sind? Sie benutzen Dich als Werkzeug, wie sie mich als Werkzeug benutzen wollten. Sie wissen, dass sie nur noch in ihrer Welt gegen mich bestehen können, darum brauchen sie jemanden, der mich in dieser Welt angreift.“ „Weder bin ich ihr Werkzeug, wie Du es auszudrücken wünschst, noch plane ich einen Angriff auf Dich.“ „Warum bist Du dann hier?“ „Ich habe Dich gesucht, um Dich davon zu überzeugen, Dir von den Dreien helfen zu lassen. Sie wollen Dir nichts Böses, es ist allein die Welt und die Wirklichkeit, um die sie sich sorgen. Sie haben einen schrecklichen Fehler bei Deiner Erschaffung gemacht, den wollen sie wieder gut machen. Dir wird dabei nichts geschehen, wenn Du Dich nicht wehrst.“ „Hör Dir doch selbst zu, Remde. Du bist das Sprachrohr ihrer Drohungen geworden. Siehst Du denn nicht, dass Du nur benutzt wirst?“ „Ich bin ihr Bote, das ist wahr, aber nur, weil sie in dieser Welt nicht existieren können.“ Ich sah, dass es zwecklos war, Remde zur Räson bringen zu wollen. Die Drei hatten ihn mit dem Geschenk von Mandus Macht korrumpiert. Ich konnte es nachvollziehen, denn was war erfüllender, als endlich das zu besitzen, das man sich schon seit langem wünschte. Und dann wurde mir Remdes tatsächlicher Auftrag klar. „Haben die Drei Dir verraten, warum Mandu sich dafür entschieden hat, in dieser Welt zu leben? Haben Sir Dir verraten, warum sie nicht mehr auf der anderen Seite war, sondern bei uns?“ „Ich wüsste nicht, welche Rolle das spielt.“ „Sie ist geflohen, Remde. Sie hat sich vor den Dreien versteckt. Sie hatte Angst, Angst vor der Dunkelheit, die ich bringen würde, Angst vor den Verfolgern, die ich ihr an die Schwelle ihres Reiches gebracht habe. Darum hat sie mit allen Mitteln versucht, mich daran zu hindern, ihren Schutzwall zu durchbrechen.“ „Mandu ist tot, und das ist das einzige, was zählt. Ihre Taten sind ebenso unwichtig wie die Dinge, die sie wollte.“ „Haben die Drei Dir gesagt, dass sie einen Krieg in ihrer Welt führen? Ihre Art bekämpft sich, und die Drei sind jene, die am wenigsten Rücksicht auf ihre eigene Art nehmen. Mandu wusste das, Mandu wusste es, und erkannte mich sofort. Darum hat sie mir einen sterblichen Körper gegeben, darum hat sie mich an ihre Insel gebunden. Sie wollte sicherstellen, dass ich nicht mehr gefunden werden kann, nachdem Du mich zu ihr gebracht hattest.“ „Mandu wollte das Dorf vor der Dunkelheit schützen, die Dir folgte. Nichts anderes wollen die Drei. Sie wollen Dich Deiner wahren Bestimmung zuführen.“ „Und die wäre?“ „Du sollst den Ausgleich schaffen zwischen den Welten. Du sollst sie miteinander verbinden, damit sie sich nie wieder voneinander lösen. Du sollst sie unsterblich machen.“ „Du irrst Dich, Remde. Ich soll die Drei unsterblich machen und unbesiegbar. Sie wollen nicht nur in ihrer Welt unbesiegbar sein, sondern auch in dieser Welt. Sie wollen nichts anderes als Herrschaft über alles Leben. Ich sollte ihr Tor sein, ihre Brücke, ihr Agent. Und jetzt haben sie Dich.“ „Nicht ich bin es, der sich irrt. Du gehst fehl in allem, was Du sagst.“ „Nein. Und Remde, erinnere Dich an etwas, das ich Dir vor langer Zeit sagte: ich höre nicht nur die Worte, die gesprochen werden, sondern auch das, was ungesagt bleibt. Ich kenne Deine wahren Gründe, warum Du mich gesucht hast. Und ich kann Dir sagen, es wird Dir nicht gelingen.“ Zum ersten Mal schien Remde wirklich zu zögern. „Was meinst Du?“ „Tu doch nicht so. Was könntest Du wollen, jetzt wo Du hast, was Du wolltest?“ „Ich habe nicht, was ich wollte, ich habe, was ich mir verdient habe.“ „Du hast mit einem Mord etwas erkauft, was nicht für Dich bestimmt war. Und es reicht nciht, habe ich recht?“ „Yelda, ich weiß nicht, was Du meinst.“ „Sie haben Dir genug Macht gegeben, um Mandu zu besiegen, und sie haben Dir genug Macht gegeben, um zu spüren, was Du noch werden könntest.“ „Ich habe, was mein ist.“ „Sie haben Dir meine Kraft in Aussicht gestellt, wenn Du mich ihnen zuführst.“ „Yelda, das ist nicht wahr.“ „Du sollst das Werkzeug sein, das meine Existenz vernichtet.“ „Sag das nicht, hör auf.“ „Du sollst mit mir das gleiche machen wie mit Mandu.“ „Yelda, zum letzten Mal, sei still.“ „Du sollst mich vernichten.“ Halb hatte ich mit dem Angriff gerechnet, die Hoffnung allerdings, dass ich mich täuschte, machte mich träge. Sein Gedankenschlag brannte in mir, doch konnte ich die schlimmste Wirkung ablenken, so dass ich zwar getroffen, aber nicht ernsthaft verletzt war. Seine weiteren Angriffe konnte ich mit einem einfachen Schild abblocken, durch den ich zwar nicht angreifen würde können, wenn Remde darauf wartete, doch vorerst hatte ich nicht vor, Remde zu verletzen. Noch nicht.
13660. Eine schwierige, eine schlimme Zahl, vor allem, wenn man die 2 auf der anderen Seite der Liste sieht. 13660 und 2.
Ich kann nicht glauben, wie schnell die Zeit verging. Wie schnell 30 Tage vorbei sind. Wie schnell auch die letzten beiden Tage vorbei sein werden. 13660 Worte in 2 Tagen. Unmöglich für mich, denn es hieße 6830 Worte pro Tag. Mein Leistungsmaximum waren 4762 Worte an Tag 24, die mir mehr abverlangt haben, als die ganzen Wochen davor. An 6 Tagen habe ich nichts geschrieben. Keine Zeile, kein Wort. Nicht einmal eine Entschuldigung habe ich dafür.
Natürlich könnte ich sagen, die Arbeit habe mich abgelenkt, aber gerade in den Wochen, in denen ich viel gearbeitet habe, habe ich auch viel geschrieben. Es ist nicht die Arbeit, es ist die gähnende Leere meines Alltags, die Verlockung der Serien, die gesehen werden müssen, die Ablenkung der Musik und des Schlafens, die Notwendigkeit, Tee zu kochen und Stollen zu backen. All die Dinge, die ich immer mache, machen wollte, machen musste, aber nie so unbedingt wirklich wahrhaben wollte. Vor allem aber ist es ein Fehlen von Disziplin, von Selbstvertrauen und Selbstwert, ein Mangel an Erfolgreich-Sein-Wollen. Ein Mangel, in der Tat.
Ich tue mir selbst leid. Und dadurch natürlich auch Leid. Bemerkt man als unreflektierter Geist vielleicht nicht, dass da tatsächlich ein Unterschied besteht, merkt man auch nicht, will man nicht wissen, ist auch egal, hilft ja niemandem was, ist ja nur Kleinkram, dessen Erwähnung andere nervt. Wie der Untergang des eigenen Intellekts, der sich seit Jahren nun schon um nichts anderes bewegte als um die eigene Unfähigkeit zur Selbstverwirklichung. Mein Thema schon immer und in jeder Facette: Selbst-Werden. Veränderung durch Blickwinkelwandel und Wahrhabenwollen. Niemals habe ich das stärker erlebt, diesen Niedergang und diesen Wandel – nicht zum Besseren – im Gespräch mit Freunden, deren Leben so viel geradliniger verläuft.
Sie machen sich keine Gedanken darum, dass ihr Intellekt verblassen könnte. Sie stehen aber auch nicht den ganzen Tag an der Käsetheke und müssen sich das attraktive Ausrichten der Käsestücke in der Selbstbedienungstheke als kreativen Akt schönreden.
Eben erkannt, wie sehr ich meine Zeit, wie sehr ich mich selbst da vergeude. Ich reibe mich auf zwischen Kunden und unfähiger Geschäftsführung, reibe mich auf zwischen gegeneinander intrigierenden Supermarktmitarbeitern, reibe mich auf in der Überbrückung des klaffenden Spalts zwischen Brotberuf und Traumberuf. Und mehr denn je ahne ich, dass ich das Schreiben aufgeben sollte. Mehr denn je. Auch so eine Floskel, die sich in meine Sätze eingeschlichen hat wie das ständig selbtmitleidige Pathos meines Zensors, der immer wieder darauf herumreitet, dass ich damals, als ich es mir noch leisten konnte zu schreiben, es nicht getan habe, und dass ich jetzt, wo ich mein Potential vergeude, indem ich gestressten LOHAS überteuerte Molkereiprodukte als Teil ihres Bio-Lifestyles andrehe, nicht immer noch glauben sollte, dass Schreiben so einfach wäre wie den Stift in die Hand zu nehmen.
Mehr noch aber ärgert mich die letzte Zahl, auf die ich jeden Abend blicke, wenn ich mein Tagessoll in meine verschiedenen Listen eintrage. Heute sind es 500000. Eine halbe Million Worte in 28 Tagen. Ich frage mich immer, wie das gehen soll. Wie man bei einer solchen Quantität tatsächlich Qualität erreicht. Ob das dann noch ein Ziel sein kann. Ob man eine solche Zahl an Worten wirklich noch einmal lesen will. Ob es der Wahrheit entspricht. Teils ist es natürlich auch Neid, der da spricht. Joyce angeblich habe pro Tag nur einen Satz geschafft, manchmal nur ein Wort. Natürlich eine falsche Anekdote, eine literarische Legende, die mich aber mehr beruhigt als mich die 500000 Worte motivieren.
13660 und 2, ein so ungleiches Paar, dessen volle Tragweite ich erst übermorgen Abend völlig ermessen kann, wenn ich mit dem geringsten Anspruch, den ich je an meine Sätze hatte, so viel Text wie möglich produziere. Schon jetzt sträuben sich alleine bei der Vorstellung daran alle meine Haare, denn das ist das einzige, was schon immer zwischen mir und jedem Erfolg stand: die Unfähigkeit zu akzeptieren, dass ich nicht immer das beste aufs erste Mal geben kann.
Goethe angeblich habe nie einen seiner Texte überarbeitet. Woher man das weiß, ist mir nicht bekannt, genauso wenig der Wahrheitsgehalt. Wichtig aber ist die Legende, die meine Großmutter mir erzählte. Dass Goetheblut in unserer Familie sei, dass in jeder Generation unserer Familie mindestens ein überkreativer Angehöriger gewesen sei, der nicht nur hervorragend schreiben, sondern auch in anderen kreativen Bereichen großartig gewesen sei. Sie selbst war ein Beispiel dafür, dichtete sie doch und malte anrührende Bilder. Die Legende trug mich durch meine Pubertät und ließ mich meine Andersartigkeit ertragen. Ließ mich verstehen, warum ich so seltsame Dinge dachte und sprach, warum es mir immer eine Notwendigkeit war, zu schreiben, meine Gedanken auszubreiten und zu sezieren, bis ich sie so sehr verdichtet hatte, dass ein Reim, ein Vers, eine Strophe geboren war. Und es bot mir die Aussicht auf ein Leben wie Goethe es hatte. Bis zum Ende der Pubertät, als ich erkannte, dass meine Andersartigkeit sich auf auf anderen Lebensbereichen bezog. Und je mehr ich mich selbst akzeptierte, umso weniger wünschte ich mir, anders zu sein, und mehr das zu sein, was die anderen waren: gleich und ohne Ambition. Unliterarisch.
Die letzten 28 Tage haben viel in mir bewegt, haben viel in meinen Gedanken bewirkt und haben mir vor allem gezeigt, dass ich stolz sein kann, wenn ich schreibe. Nicht alles, was ich schrieb, hatte Hand und Fuß, aber es war vor allem auch nicht alles Mist. Ich muss anerkennen, dass ich eine Geschichte aus dem Boden gestampft habe, deren Ende absehbar, aber noch nicht geschrieben ist, deren Figuren nicht ganz so platt wie ich befürchtet habe, die dummerweise aber auch überwiegend aus Dialog und Rückblicken besteht. Vor allem aber haben sie mir noch einmal vor Augen geführt, dass mir das Schreiben wichtig ist, dass es mir aber offensichtlich nicht so wichtig ist, dass ich ihm alles opfern würde. Welchen Schluss ich daraus ziehe, ist noch offen. Vor zwei Wochen habe ich mir selbst auferlegt, das Schreiben aufzugeben, alle literarischen Ambitionen zu begraben, wenn ich nicht die 50000 in 30 schaffen würde. Jetzt, da ich in 28, oder eigentlich ja nur 22 Tagen mehr an einer Geschichte geschrieben habe als jemals zuvor, will ich diesen Pakt nicht mehr einhalten müssen. Ich befürchte aber, dass es außerhalb meiner Entscheidung liegt. Wie sehr ich an den kommenden zwei Tagen bereit bin, meine Geschichte zu beenden und 13660 Worte zu schreiben, wird, ob ich will oder nicht, entscheidend sein für mein literarisches Leben, vor allem aber für mein Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl.
Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob es wirklich meine Schuld war, was mit Tharb geschah. Vor allem in den ersten Jahren, als die Folgen des Wilden Zaubers nach und nach alles das Land ringsum vernichtete und nur den Bereich im Inneren der Alten Stadtmauer verschonte, machte ich mir viele Gedanken und Vorwürfe. Ich hätte wissen müssen, sagte ich mir oft, wenn ich allein durch die verlassenen Straßen schlich, dass der letzte Kampf gegen Rubin, Saphir und Korund nicht auf dem Gebiet der Menschen hätte stattfinden dürfen. Ich hätte wissen müssen, sagte ich mir damals, dass der Ort, an dem ich den Wilden Zauber, der die Spielregeln für immer ändern würde, so tiefgreifend die Strukturen beider Welten verändern würde, lange Zeit nicht mehr nichtzauberische Menschen geeignet sein würde. Damals dachte ich das, doch heute weiß ich, dass weder eine Wahl hatte, noch dass mir die möglichen Folgen meines Tuns wirklich bekannt waren. Ich habe meine Zauber immer intuitiv gewoben, den Wilden Zauber, den letzten, den ich zu geben hatte, habe ich in fast völliger Unkenntnis der Nebenwirkungen gewirkt. Nur das Ziel meines Zaubers war klar: ich wollte die Macht der Drei in der Wirklichkeit und, wenn ich konnte, auch in ihrer eigenen Welt, brechen. Ich wollte die Drei und alle ihrer Art an diese Wirklichkeit binden und gleichzeitig ihre Verwurzelung in der Kraft beenden. Es schien mir die einzige Möglichkeit, und auch heute, knapp 3000 Jahre später, bin ich davon überzeugt, dass es keine andere Möglichkeit als den Wilden Zauber gab. Und wäre nicht überraschend Remde in Tharb aufgetaucht, ich denke nicht, dass es die Stadt so hart getroffen hätte. Ich hätte die Konfrontation in ihrer Welt gesucht, die Schlagwellen des Zaubers wären wahrscheinlich durch alle Tore zwischen den Welten gestoßen und hätte sicherlich auf ganz Thera Schaden verursacht, doch dieser wäre weitaus geringer ausgefallen als es durch die Konzentration des Zaubers auf einen einzigen Ort. Dadurch aber, dass Tharb das Zentrum des Wilden Zaubers wurde, konnte er wachsen und nach weiterem Land ausgreifen, so lange und so stetig auch nach dem Sanktuarium der Inneren Stadt, bis auch dieser letzte Schutzraum nach 1000 Jahren fiel, und ich endlich die Stadt, die ich in den Untergang getrieben habe, doch noch verlassen musste. Und spät, erst sehr spät in meinem Leben, fiel mir auf, dass die Bestimmung, die mir meine Erschaffer unbeabsichtigt mitgegeben hatten, doch noch eingetreten war, obwohl ich dachte, meinem Schicksal entflohen zu sein: das Dunkel war mir noch immer gefolgt, auch wenn die Zerstörung durch den Wilden Zauber kein entlebtes Land hinterließ, dann aber wohl doch ein Land, in dem zu leben schwierig war, das selbst für jene, die zauberkundig und stark waren, zum Verhängnis werden konnte. Heimtückisch hat der Wilde Zauber noch alle Seelen jener in Besitz genommen und vernichtet, die sich für unangreifbar, für unveränderlich, für stark hielten. Er hat sie verändert und gebrochen, und keiner, der mit dem Wilden Zauber in Berührung kam, sah die Welt und die Wirklichkeit noch annähernd so, wie er sie vorher gesehen hatte. Der Wilde Zauber hat die Welt verändert, ich habe die Welt verändert. Ich verband zwei Welten auf eine Weise miteinander, dass sie zu einer wurden, und ich kann nur hoffen, dass die Saat, die ich vor so langer Zeit gepflanzt habe, nun doch noch endlich dazu führt, dass der Wilde Zauber und damit alle Magie wieder aus der Wirklichkeit verschwinden. Ich hoffe, dass die Saat aufgeht und ich endlich sterben kann.
Wir begruben Sobekans Leiche unter einer Cathanie im Schatten des Buchturms der Stillen Götter. Ich ahnte damals nicht, dass ich in diesem Turm mehr über mich und die Welt erfahren würde als mir jemals jemand hätte sagen können. Ich ahnte nicht, dass die Prophezeihungen der Menschen mich schon vor Jahrhunderten vorhergesehen hatten. Vor allem aber gaben mir die Aufzeichnungen endlich das Wissen, dass meine Entscheidungen nicht willkürlich geschahen, sondern unausweichlich waren. Es war mir, das hatte Mandu einst gesagt, vorherbestimmt, die Ströme der Kraft aus der Welt außerhalb in und durch die wirkliche Welt fließen zu lassen. Es war mir vorherbestimmt, das Dunkel zu rufen, die Unsicherheit, die Wandelbarkeit. Ich war und bin die Hüterin des Schattens, und heute, wenn ich sehe, wie die letzten Geschöpfe der Jenseitigen sich in den letzten Zügen ihres nun schon Jahrhunderte andauernden Kampfes befinden, an dessen Ende sie sich gegenseitig ausgelöscht haben werden und auch ihre Schöpfer, dann kann ich für eine Weile den Schmerz vergessen, der mich zerfrisst und den ich doch nicht ablegen kann wie den ersten Schmerz des Körpers. Denn dieser Schmerz ist so viel anders: er erinnert mich nicht an das, was ich bin, er verbindet mich nicht mit den Welten. Dieser Schmerz ist der eines ewigen Auseinandergerissenwerdens, es ist der Schmerz, der entsteht, wenn man sich zwischen die Welten stellt und beide miteinander verbindet. Ich weiß noch nicht, ob mein Ende auch das Ende der wirklichen Welt ist, ich ahne aber, dass es das Ende der anderen ist. Die Jenseitigen sind dann für immer hier gefangen, für immer aber vor allem machtlos. Sie, die nur durch ihre Verbindung mit den Strömen jemals stark waren und nicht durch ihre eigene Leistung oder Fähigkeiten, sie haben dann endlich bekommen, was sie verdient haben.
Der Soldat musste mir erst die Bedeutung und die Vorgehensweise einer Beisetzung erklären, und als ich einfach durch Verändern der Wirklichkeit ein Loch schuf, schalt mich der Soldat: „Das ist falsch. Man muss das Loch graben, nicht einfach entstehen lassen.“ „Aber Sobekan hätte es auch so gemacht, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre.“ „Das denkst Du, aber ich glaube es nicht. Wir sind ehrfürchtige Menschen und auch Sobekan hätte die Rituale nicht verachtet, egal, was ihm geschah.“ „Woher willst Du wissen, was Sobekan von Ritualen hielt?“ „Ich weiß es nicht. Ich kann mir aber nicht denken, dass jemand, der Wert darauf legt, dass sein Körper, den er schon vor so langer Zeit verlassen hat und den er wohl nach eigener Aussage nicht wieder betreten, aber eben auch nicht verlassen konnte, begraben wird, dass eben jener Mensch nicht auch die Rituale wertschätzt, die mit dem Akt des Begrabens verbunden sind.“ „Obwohl verwirrend ist Deine Argumentation durchaus einleuchtend.“ Ich ließ das Loch wieder veschwinden. „Als einer jener, die ihn gefangen hielten, solltest Du auch graben, zumal der Junge ja auch zu schwach ist.“
Die Soldaten waren wieder aufgestanden, derjenige, der mir mit seinem Knie die Hand gebrochen hatte, stand mit offener Hose vor mir. Ich blickte an mir herab, Blut lief an meinen Beinen herab, fast schmerzhaft rot vor dem Weiß meiner Haut. Die Kleider, die ich seit dem Dorf getragen hatte, waren schmutzig und zerrissen. Der Soldat, der mich vergewaltigt hatte, als ich zu mir kam, nickte seinen Begleitern zu: „Fesselt sie, ich bin noch nicht fertig.“ „Wagt es nicht, mich noch einmal anzufassen.“ Die Soldaten lachten. Ich hob meinen Arm, dessen Hand in ungesundem Winkel abstand, spürte den Schmerz, ging ihm nach und wollte, dass er vorbeiging, wollte, dass meine Hand wieder in Ordnung war. Mit einem Knirschen und Schaben, das erstaunlich laut war, glitten alle Splitter zueinander, gerissene Sehnen verbanden sich wieder, Knorpel heilten. Außer einem blauen Schatten auf meiner Haut war nichts mehr von meiner Verletzung zu sehen. Die Soldaten, die eben noch nach mir hatten greifen wollen, verharrten. „Habt Ihr nicht gehört? Fesselt die Hure!“ Ich zog mir die Fetzen der Kleidung vom Körper und trat auf den Soldaten zu. „Was willst Du?“ fragte ich. „Willst Du leben?“ „Ich will ficken, Hure. Und wehe Du wehrst Dich. Die letzte musste ich auf eine Bank nageln, damit sie still hielt. Das hat ihr nicht gefallen.“ Er blickte an mir herab, musterte meinen nackten Körper und fügte hinzu: „Aber wenn Du mitmachst, werde ich Dir vielleicht auch ein bisschen Spaß bereiten, bevor ich Dich an meine Männer weiterreiche.“ Er hob die Hand, um meine Brust zu berühren, doch er zögerte, als er meinen Blick bemerkte. „Ich warne Dich ein letztes Mal davor, mich anzufassen.“ Doch er zog nur seine Lippen auseinander und enthüllte ein zahnfleischiges Grinsen. Dann presste er seine Hand auf meine Brust. Als er sie berührte, erstarb sein Grinsen. Der Soldat runzelte die Stirn und versuchte seine Hand zurückzuziehen, doch ich griff nach seinem Arm und presste ihn fest gegen meinen Körper. Er konnte spüren, wie ich seinem Körper Kraft entzog, um mich weiter zu heilen, die Wunde zwischen meinen Beinen zu schließen, er spürte, wie er schwächer und ich stärker wurde. „Du benutzt Deine Macht, um Dich über andere zu stellen und weißt nicht, wie die anderen, die schwächer sind als Du, durch Dich noch schwächer werden. Ich werde Dich schonen, wenn Du versprichst, Dich zu bessern.“ Da lachte er. „Du bist nicht nur eine Hure, sondern auch eine Heilige?“ Sein Lachen ging in ein Stöhnen über, als ich ihm noch mehr Kraft entzog. Er fiel auf die Knie, doch konnte er seine Hand nicht von mir lösen. Seine Soldaten wichen ein Stück zurück statt ihm zu helfen. „Du sollst keine Macht mehr haben über andere Menschen, du bist schwach und wirst nie wieder stark sein.“ Als er das Bewusstsein zu verlieren drohte, ließ ich ihn los, und sein Körper sackte in sich zusammen und fiel auf den Boden. Die anderen Soldaten starrten mich an. „Sobekan“, sagte ich. „Wo ist seine Zelle?“ „Wer?“ Der jüngste der Soldaten hatte als einziger noch Mut zu sprechen. „Ich kenne keinen Sobekan.“ „Er ist schon lange hier, Ihr kennt ihn nicht. Zeigt mir die Zelle, die nie neu belegt wird.“ Der junge Soldat war der einzige, der nicht davonlief, sondern mir tatsächlich die anderen Zellen zeigte. Ich rief immer wieder laut und in Gedanken nach Sobekan, doch er antwortete nicht auf meine Rufe. „Sobekan, wo bist Du nur?“ In der dritten Zelle, die mir der Soldat öffnete, fanden wir einen jungen Mann, der bleich und zitternd auf dem Boden seiner Zelle lag. Als ich mich über ihn beugte, um ihm ins Gesicht zu sehen, sagte der junge Soldat: „Er hat gestern aufgehört zu schreien. Seit der letzten Unterredung ist er so.“ „Du meinst Folter. Ihr habt ihn an den Rand des Todes gebracht, und ich bin nicht sicher, ob es nicht besser für ihn wäre, weiterzugehen.“ „Die Befrager wollten nur, dass er seine Kraft beweist.“ „Womit hätte er das tun sollen?“ fuhr ich ihn an. „Hätte der Junge auch nur einen Funken Kraft gehabt, Ihr hättet ihn nie erwischt. Er ist ein zufälliges Opfer.“ „Ich wollte das nicht.“ „Du hast aber auch nichts dagegen getan. Du hättest ihn retten können.“ „Dann wäre ich an seiner Stelle.“ „Wäre das schlimm?“ fragte ich, doch wartete nicht auf seine Antwort. Ich legte meine Hand auf den Körper des Jungen, suchte nach dem Rest seines Selbst. Ich war erstaunt, als ich seinen Körper wie leer und unbewohnt fand, nur ein Rest seiner Angst war noch verblieben, der mir verriet, dass er zwar geflohen war, aber nicht verloren. „Wo bist Du?“ flüsterte ich in seinen leeren Körper hinein, doch erwartete keine Antwort. „Du kannst zurückkommen, ich werde Deinen Körper heilen. Du brauchst keine Angst mehr haben.“ Zu dem Soldaten sagte ich: „Wenn Du einen Teil Deiner Schuld abtragen willst, dann wache hier über ihn. Zieh Dich aus, dass er Dich nicht als Soldat erkennt. Tu ihm nichts, wenn er erwacht, sondern beruhige ihn. Ich bin gleich zurück.“ „Ich werde tun, was Du sagst.“ Ich verließ die Zelle des Jungen und sah in die anderen, die alle leer waren bis auf die letzten beiden. In der einen lagen verschmutztes Stroh und ein kaputter Eimer, in der anderen auf nassem Boden ein schmächtiger alter Mann. Er atmete kaum noch und seine Hände waren zu Fäusten geballt. Sein Körper war fast nackt, das Haar, das noch nicht ausgefallen war, war schütter und schmutzig grau. „Sobekan“, sagte ich, doch der Mann reagierte nicht. Ich ging zu ihm hinein und berührte seinen Körper, der kalt war und restlos verlassen. „Sobekan“, sagte ich erneut, doch der Körper reagierte nicht. Am Rand meines Bewusstseins allerdings spürte ich etwas, ein Aufleuchten, ein heller Schatten. „Sobekan“, rief ich ihm zu, und dann spürte ich die Berührung seines Geistes wie die Flügel eines Schmetterlings. „Sobekan“, sagte ich ein drittes Mal und endlich bekam ich eine Antwort von ihm. „Yelda, Du bist zurück. Ich glaubte Dich verloren, ich fürchtete, Du würdest das Schicksal teilen, das ich erlitten habe.“ „Sobekan, warum bist Du nicht in Deinem Körper?“ „Ich kann nicht mehr zurück. Ich habe es versucht, doch er will mich nicht mehr. Ich kann ihn nicht mehr betreten.“ „Ich kann Dir helfen.“ „Es ist nicht nötig, Yelda. Mich erwartet nichts mehr. Ich hielt mich nur noch an ihn gebunden, weil ich auf Dich wartete. Ich weiß, was kommen wird, und für mich ist in dieser Welt kein Platz mehr.“ „Ich kann Dir einen Platz bereiten. Dir habe ich zu verdanken, dass ich meine Kraft beherrschen kann. Ich werde Dir helfen, wie Du mir geholfen hast.“ „Nein, Yelda. Du kannst mir nicht helfen. Manchmal muss man das Ende eines Weges akzeptieren. Ich war schon alt, als ich gefangen wurde. Ich will nicht mehr in einem Körper sein, der nichts mehr bietet außer Schmerz. Ich habe nur noch Deinetwegen nicht aufgegeben. Ich will jetzt loslassen können.“ „Aber Sobekan …“ „Nur eine Bitte habe ich noch. Lass meinen Körper nicht hier. Nimm ihn mit Dir in die Freiheit und begrabe ihn an einem schönen Ort. Ich will nicht hier verfallen.“ „Ich verspreche es Dir, Sobekan.“ „Ich danke Dir. Du hast alles geändert. Ich sehe es an Dir. Du bist nicht länger unsichtbar, Du strahlst wie die Sonne. Das ist alles, was ich wollte.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, was ich hätte sagen können, um seine Entscheidung zu ändern. Ich wollte ihn nicht verlieren, und doch verstand ich ihn. „Lebe wohl“, sagte Sobekan und verstummte. Nur Augenblicke später hörte der Körper auf zu atmen. Sobekan war tot.
Bevor ich die jenseitige Welt gesehen hatte, war sie in meiner Vorstellung wie der Grund eines Sees: erahnbar und doch weit fort, mit Formen und Farben, die bis an die Wasseroberfläche heranreichten und nur selten darüber hinaus. Alles, was dort unten, oder eben jenseitig, vorging, blieb demjenigen, der am See stünde und die Oberfläche betrachtete, verborgen.
Von der anderen Seite aber, von unten, könnte man, so dachte ich, sehen, was an Land geschehe, man beobachte genau, ohne gesehen zu werden, man handle, ohne dass die eigenen Handlungen Einfluss auf das Leben in der Wirklichkeit haben müsse. Erst wenn man sich entscheide, den Spiegel zu durchbrechen, könne man außerhalb der Tiefen etwas bewirken. Tatsächlich aber ist die jenseitige Welt etwas, das uns überall wie eine zweite Haut begleitet. Es haftet allen Dingen an wie ein Wasserfilm, den Nebel auf die Landschaft legt. In allen Dingen liegt ein Tor zur anderen Welt, man muss nur hindurch zu gehen vermögen. Mittlerweile weiß und kann ich das, doch im Kampf mit den Dreien, Rubin, Saphir und Korund, konnte ich das noch nicht sehen, zu verzweifelt versuchte ich, mich zusammenzuhalten und nicht meinen Geist in den Strömen der Kraft, die mich in Richtung der Drei durchbrachen, zu verlieren. Mit dem, was ich heute weiß, hätte ich den Kampf gewinnen können. Andererseits musste ich diesen Kampf verlieren, um später gewinnen zu können.
Mein Wesen zerfaserte immer mehr. Von dem, was mich, was Yelda ausgemacht hatte, war unter den reißenden Angriffen der Drei wenig geblieben. Mit Anstrengung nur noch konnte ich drei Worte fassen: Ich bin Yelda. Ich bin Yelda. Ich bin Yelda. Zuletzt bestand meine Gegenwehr nur noch daraus: zu schreien. „Ich bin Yelda! Ich bin Yelda! Ich bin… Ich…“ „Yelda!“ Der Ruf verwirrte die Drei, die immer noch in Schwaden um mich wirbelten und meine Essenz an sich zogen. „Yelda!“ Und dann, nur Momente, bevor ich vernichtet gewesen wäre, erschien in einem strahlend grünen Licht, Smaragd und Sommergras, Terno. Er warf sich in den Kampf, schlug nach Saphir und Korund, die erschüttert zurückwichen. Ich spürte im Zurückfließen der Kraft zu mir ihren Ärger und ihre Verwirrung, doch auch Widerwillen, einen der ihren zu bekämpfen. „Terno!“ Ich konnte nicht anders, ich musste seinen Namen rufen, bevor ich schrie: „Ich bin Yelda!“ „Yelda“ rief er: „Du musst fliehen, Du musst zurück. Du darfst nicht hier sein, dies ist nicht der Ort Deiner Stärke. Hier kannst Du sie nicht besiegen.“ Er wich einem roten Hieb aus. „Zu dritt sind sie zu stark für mich. Flieh! Ich kann sie nicht aufhalten, nur verlangsamen.“ „Ich kann nicht zurück, ich bin verloren.“ „Du bist nicht verloren, Du bist nur weit fort. Ich kann Dir helfen!“ „Du wagst es?“ Es war nun Saphir, dessen Angriff Terno traf. Das grüne Leuchten flackerte für einen Moment, dann gewann es wieder an Stärke. „Ich wage es! Ihr seid keine Herrscher über mich, Ihr könnt mich vernichten, aber nicht besiegen!“ „Narr!“ rief Korund, deren gelbes Schimmern über uns stand, während Rubins Rot unter uns glomm. „Du bindest Dich an Nichts, an einen Fehler im Gewebe.“ „Yelda ist kein Fehler! Wir haben sie geschaffen, alle Fehler, die sie sein und haben könnte, wären und sind unsere.“ Ich war schockiert. Terno und die Drei hatten mich erschaffen? Als die Drei gesagt hatten, ich wäre ihr Geschöpf, hatte ich Ihnen nicht geglaubt. Dass dies aber stimmen sollte und, viel schlimmer, auch Terno an meiner Erschaffung Anteil haben sollte, erschütterte mich. Auf der anderen Seite erklärte es seine Flucht damals am Fluss. Er hatte Angst, ich würde herausfinden, dass ich sein Werkzeug sein sollte. „Unser einziger Fehler war die Allianz mit Dir. Wir hätten nicht auf Dich hören sollen, als Du uns rietest, unsere Macht zu vereinigen. Sie ist das Ergebnis Deiner Täuschung!“ „Yelda ist das Ergebnis Eurer Angst vor dem Untergang.“ „Still!“ Rot überflutete uns. „Ihr hattet Angst vor Eurer Endlichkeit!“ „Es war genauso Deine Angst!“ „Es ist auch Deine Endlichkeit!“ „Ich habe keine Angst mehr davor, zu enden. Ich habe keine Angst mehr vor Euch. Yelda ist nicht mehr Euer Werkzeug, sie ist es nie gewesen.“ „Sie wird nach Dir vernichtet werden!“ „Sie wird hier enden!“ „Sie kann nicht fliehen!“ „Sie kann nicht fliehen, aber ich kann sie retten!“ Rubin, Saphir und Korund stießen auf uns herab, doch Ternos grünes Leuchten wich nicht zurück, sondern dehnte sich aus, umfasste mich, schützte mich vor den Angriffen der Drei, die stärker und stärker wurden, von Schlag zu Schlag wurde Ternos Selbst mehr erschüttert, so sehr, dass ich die Einschläge bald auch selbst spürte. Sie raubten mir keine Kraft, aber sie machten mir Angst. Vor allem aber fürchtete ich um Ternos Leben, denn er war sichtlich unterlegen, er wehrte sich kaum, schlug nicht zurück, sondern formte nur einen Schild um mich, als gäbe es nichts anderes, was ihm noch etwas gälte. „Yelda“, fühlte ich seine Stimme in meinem Geist. „Ich werde Dich zurückbringen. Es ist alles, was ich noch für Dich tun kann. Es tut mir leid, dass ich Dir nicht mehr die Antworten geben kann, die ich Dir schuldig bin.“ „Du hättest sie mir am Fluss geben sollen.“ „Ich hatte Angst, Du könntest mich hassen, Du könntest Dich gegen mich wenden, wenn Du erkennst, welche Rolle ich wirklich gespielt habe bei Deiner Erschaffung.“ „Terno, ich hatte keine Vergangenheit, mich machte immer nur aus, was ich tat und wie ich mit den Konsequenzen umging. Du hast mich gerettet, im Dorf und vielleicht schon vorher und jetzt erneut. Ich bin Dir dafür dankbar, und ich wäre Dir noch dankbarer gewesen, hätte ich die Wahrheit gekannt.“ „Auch wenn sie Dein Vertrauen in mich erschüttert hätte?“ „Schweigen und Lügen schaden mehr als die Wahrheit es vermocht hätte.“ „Du hast recht. Umso wichtiger ist, was ich Dir jetzt noch mitgeben kann.“ „Sie werden Dich vernichten, wie sie mich vernichten wollen, habe ich recht?“ „Ich bin von ihrem Verbündeten zu ihrem Feind geworden, sie werden mich nicht schonen. Dazu geht es um zu viel. Als wir Dich schufen, solltest Du sicherstellen, dass die Ströme der Kraft und des Lebens nicht versiegen. Mit Dir wollten wir sie aneinander binden, sie miteinander verknüpfen.“ „Wie hätte ich das gemacht? Und was ist schiefgegangen?“ „Um das zu erklären fehlt mir die Zeit. Nur so viel: es gab keinen Fehler mit Dir, allein der Gedanke war falsch. Wir hätten uns nicht in die Struktur der Wirklichkeit einmischen dürfen. Seit wir das getan haben, seit Du in der Welt bist, verliert unsere Welt an Struktur, an Essenz. Mit Deiner Erschaffung haben wir ein Loch ins Gewebe der Wirklichkeit gerissen, durch das wir seither Kraft verlieren.“ „Was kann ich tun?“ „Du musst die Regeln ändern. Ich weiß nicht genau wie. Wir wollten unsere Welt sicherer machen und haben sie der Zerstörung preisgegeben. Irgendwie musst Du das Netz wiederherstellen, sonst werden sie Dich vernichten wollen.“ „Um mich zu retten, muss ich diejenigen retten, die Dich vernichten werden?“ „Du musst die Regeln ändern. Es ist nicht gesagt, dass die Drei danach gerettet sind. Du musst entscheiden, ob Du Dich opferst oder die Welten näher aneinander führst.“ „Es ist zu spät. Kraft strömt in die Welt, die Zahl der Zauberer nimmt zu. Sobekan hat es mir gesagt, er sieht die Ströme, er sieht auch mich. Er ist ein Gefangener, wie ich auch gefangen wurde.“ „Dich zu opfern wird ihn nicht retten. Du hast keine Wahl mehr. Ändere die Regeln.“ „Ich werde es versuchen.“‚ „Versuchen wird nicht reichen. Jetzt geh.“ „Wie?“ „So!“ Ternos Grün hüllte mich für einen Moment vollständig ein wie eine Haut, dann fühlte ich einen Stoß, als er sich von mir löste und all seine Kraft gegen Rubin, Saphir und Korund richtete. Als ihre Energien gegeneinanderstießen, fühlte ich einen weiteren Stoß, der mich immer weiter in die Lichtlosigkeit am Rand der jenseitigen Welt drängte. Und es war vor diesem Hintergrund und dank der Erfahrung, auf das Wesentliche meiner Essenz reduziert gewesen zu sein, erkannte ich eine schwache Verbindung zur wirklichen Welt. Ich konnte mich wieder spüren, konnte den kalten Stein unter meinem Körper spüren und die Hände von Soldaten, die auf ihm lagen. Zwischen meinem Geist und meinem Körper lag eine dünne Schicht aus Wirklichkeit, die mich noch trennte, und ich fühlte Sobekans Geist auf der anderen Seite und hörte die Schreie des Jungen in seiner Zelle und fühlte plötzlich den Schmerz in meinem Körper, den mir die Soldaten zufügten, einen Schmerz, der mich zu Bewusstsein hätte bringen müssen, wäre ich noch in meinem Körper gewesen. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie es gewesen war auf Mandus Insel, wie es in meinen Visionen gewesen war und während der Übungen mit Sobekan, als ich wieder und wieder Besitz von meinem Körper genommen hatte, selbst als ich erschöpft und müde war. Doch ich konnte die hauchdünne Barriere der Wirklichkeit nicht durchbrechen, ich fühlte immer noch Rubin, Saphir und Korund in meinem Rücken, spürte, wie sie gegen den letzten Rest von Ternos Essenz kämpften, und ich dachte an sein Opfer und seine Worte und daran, dass ein Teil von mir sterben würde, wenn ich seinen Tod hier erleben würde und nicht auf der anderen Seite. Und dann brach mir einer der Soldaten die Hand, und der Schmerz zog mich so rasch durch die Wand zwischen den Welten, dass mein Körper sich aufbäumte und die Soldaten von mir geworfen wurden. Ich war nackt und verletzt, die Soldaten aufgebracht und verwirrt, und obwohl ich nicht genau wusste, was vorgefallen war, wusste ich, dass ich mir nichts mehr gefallen lassen musste. Ich hatte den Kampf gegen die drei Anderen verloren, und Terno hatte sein Leben gegeben, um mich zu retten, damit ich die Regeln änderte. Und vielleicht war es sein Tod gewesen oder einfach nur der Umstand, dass ich bar aller Eigenschaften nur noch ich selbst in der jenseitigen Welt gewesen war, doch ich spürte, dass sich etwas geändert hatte. Was ich seit meinem Erwachen unter den Bäumen immer gespürt hatte, das Lauern von Kraft in allen Schatten der Welt, die Drohung von Dunkel und Verderben, es war verschwunden. Das erste Mal seit meinem ersten Gedanken in dieser Welt fühlte und wusste ich, dass ich meine Kraft einsetzen konnte, ohne die Welt zu zerstören. Und das tat ich.
Später, viel später würden die Ruinen von Tharb einen sicheren Hafen für all jene verlorenen und verirrten Menschen in jenem Teil der Welt darstellen. Die Brücken und Häfen waren da schon verbrannt und zerstört, die Gebäude außerhalb der ältesten Stadtmauer kaum mehr als verwitterte Stümpfe eines sturmversehrten Waldes. Allein drei Türme im Inneren des Mauerrings blieben über all die Zeit nahezu unversehrt: der Wachturm der Inneren Garde an der östlichen Mauer, von dem aus ich später oft die wandelhafte Landschaft auf der anderen Flussseite beobachtete; der Buchturm der Stillen Götter, in dessen Tiefen ich nicht nur viel über Glaube und Angst der Menschen erfuhr, sondern auch einen Teich zum Schwimmen und Trinken fand; den Turm des Todestrakts, in dem mein Körper beinahe gestorben wäre, weil ich meinen Kampf für einen Moment aufgegeben hatte und mich von dem trügerischen Versprechen auf Freiheit durch Aufgeben hatte verführen lassen.
In der Leere außerhalb meines Körpers erinnerte ich mich an Sobekans Beschreibung meines Selbst: dass ich nicht sichtbar, nicht spürbar, nicht auffindbar sei, wenn ich es nicht wollte. Und tatsächlich konnte ich mich nicht mehr spüren, allein die Erinnerung an die Schmerzen, die ich durchlitten hatte, um in eben jenen Körper zu gelangen, und dass Wissen, dass es diese Schmerzen durchaus wert waren, sich wieder dorthin zu kämpfen, gaben mir die Sicherheit, dass ich eine Aufgabe hatte, zu der zurückzukehren es galt, auch wenn ich nicht wusste, wie mir das gelingen sollte. Wie sollte man etwas finden, das nicht existent schien? Und dann fiel mir noch etwas anderes ein, das Sobekan gesagt hatte: man würde mich nur finden, wenn ich gefunden werden wollte, ich müsste jene, die mich finden wollten, rufen. Irritierend fand ich das, denn ich wusste nicht mehr, ob das schon vorher so gewesen war. Hatten mich die Drei, hatte mich Terno finden können, weil ich sie gerufen hatte? Oder hatte erst der Aufenthalt auf Mandus Insel oder das Versenken im Fluss und der Welt mich unauffindbar gemacht? Wenn ich mich nicht verändert hatte, dann musste ich vorher schon das Bedürfnis gehabt haben, sie zu sehen, zu hören oder einfach nur zu treffen. Und noch mehr: ich musste offenbar gewollt haben, dass man mich findet. Ob ich getan hätte, was ich tat, wenn ich die Folgen nicht nur erahnt, sondern auch gefürchtet hätte?
Ich rief. Ich rief mich, ich rief Terno, ich rief die Drei. Ich rief, so laut ich konnte, dachte mir eine laute Stimme, dachte mir, meine Rufe wiederhallen zu hören, dachte daran, wie meine Rufe in meiner Zelle erschallen würden. Ich rief alle, die mich hören konnten: „Findet mich, ich will gefunden werden, ich gebe das Versteckspiel auf!“ Und dann hatte ich plötzlich Augen und ich öffnete sie und sah: Farben, Schatten, Töne. Ich sah die Schatten von Bäumen und Seen, die Laute von Vögeln und Fischen, die Bewegung von Baumkatzen und Käfern, die Erinnerung an alles, was war und wurde. Und ich sah mich selbst, Splitter meines Selbst und das Echo meines Schreis. Und dann sah ich sie: Rubin, Saphir und Korund, rot, blau und gelb auf mich zustürzen. Ich erwartete einen Aufprall, einen Schlag, einen Schmerz, doch statt dessen hörte ich nur ihre Stimmen und spürte ihre Kraft, die mich zu begraben drohte. „Sie ist da!“ „Sie ist unser!“ „Sie ist verloren!“ „Ich habe keine Angst mehr! Ich werde nicht mehr fliehen! Ich werde gegen Euch kämpfen!“ rief ich und hoffte gleichzeitig, ich müsste nicht kämpfen. „Lüge!“ „Trug!“ „Wahn!“ Das Dunkel um uns fiel zurück wie die Nacht in der Dämmerung versinkt, und aus der Tiefe tauchten die Gesichter aus, die ich in meiner Vision bereits gesehen hatte: die hartblickende Frau in Rot, die gelbe Frau mit dem zusammengekniffenen Mund, der Blaue mit dem spöttischen Grinsen. Und erst aus der Nähe fiel mir etwas auf, das ich durch meine Vision von ihnen nicht erwartet hatte: sie sahen sich nicht nur verblüffend ähnlich, sie hatten alle drei das gleiche Gesicht wie Terno. „Was werden wir mit ihr machen?“ „Was werden wir von ihr übriglassen?“ „Wir werden sie zerstören. Wir sind im Krieg. Wir haben keine Wahl.“ „Es gibt immer eine Wahl!“ „Dann wähle Dein Ende. Du hast keine Zukunft.“ „Die Welt will Dich nicht.“ „Die Welt braucht Dich nicht.“ „Dein Kampf ist vorbei.“ Und dann spürte ich den ersten Schlag. Ich hatte ihn teils befürchtet, teils erhofft, auf jeden Fall aber erwartet. Hätte ich mich nicht konzentriert, hätte mich der Angriff wie ein Sturm gefällt. Doch so konnte ich mich ihm entgegenstemmen, die Wucht ableiten und ausweichen, auch wenn mir nicht bewusst war, wie ich in einer Welt ohne Zeit und Raum und Richtung einen Angriff so abwehren konnte. Dem ersten folgte ein zweiter, ein dritter Schlag. Ich sah sie kommen und konnte ausweichen, doch meine Konzentration ließ nach. Selbst einzeln könnten sie mich leicht besiegen können, da ich die Ausweichmanöver nicht ewig durchführen könnten. Zudem war ich schwach. Mein Körper hatte seit langem nichts mehr gegessen oder getrunken, ich wusste, selbst wenn ich den Angriff der Drei überleben würde, müsste ich doch bald wieder an den Strömen der Kraft bedienen. „Sie will kämpfen!“ „Sie will siegen!“ „Sie wird verlieren!“ Und dann erkannte ich, dass ich mich nicht mehr zurückhalten musste. Ich befand mich nicht mehr in der Wirklichkeit, ich musste keine Rücksicht mehr nehmen, ich musste nicht befürchten, gefunden zu werden. Ich gab meine Angst auf, ich sperrte mich nicht mehr gegen den Wunsch, kraft- und machtvoll zu sein. Ich öffnete meinen Geist für die Ströme um mich, ich lud sie ein, mich zu überfluten, und spürte ein leichtes Kribbeln, ein zunehmendes Brennen und dann ein wildes Jagen der Kraft durch meine Gedanken. Ich spürte, dass diese Kraft der meiner Angreifer entsprach, dass sie sich der gleichen Macht bedienten, und dass sie mich, wenn ich mich der Kraft hingab, mich nicht verletzen konnten. Der nächste Schlag traf mich, doch er schwächte mich nicht, wieder und wieder griffen die Drei an, doch ich fürchtete sie nicht mehr. „Ich werde nicht verlieren!“ rief ich. „Du wirst, und Du wirst darum betteln, aufgeben zu dürfen.“ „Du wirst darum betteln, verlöschen zu dürfen.“ „Du bist schwach, Du bist weich, Du bist nichts.“ „Nein! Ich bin Yelda, ich bin stark und lebendig. Und Ihr seid nichts als Träume einer schrecklichen Wirklichkeit.“ „Sie spottet!“ „Sie spielt!“ „Sie hat keine Ahnung.“ „Sie soll es wissen!“ „Sie muss es erfahren!“ „Was muss ich wissen?“ Doch die drei antworteten nicht, sie umkreisten mich, ihre Gesichter verwischten zu farbigen Schemen. Ich versuchte, ihren Bewegungen zu folgen, doch waren sie zu schnell. Ihre Attacken hatten ausgesetzt, doch wagte ich nicht zu glauben, sie hätten für immer aufgehört. „Was muss ich wissen!“ Ich zuckte zusammen, als mich ein Hieb traf, den ich weder erwartet hatte noch abwehren konnte. Es fühlte sich anders an als die vorigen Schläge, mehr als würde der Schlag von mir selbst ausgehen statt auf mich zu stoßen. Sie hatten mich verletzt, das spürte ich, und die Wut darüber brach sich in einem Gegenschlag Bahn: ich konzentrierte mich auf den Kraftstrom, der durch mich hindurchfloss und stellte mir vor, wie ich ihn nahm, ausholte und nach den Schemen schlug. Tatsächlich spürte ich Widerstand und hörte den Schmerzenslaut des Blauen, doch ich ahnte, dass es mehr die Überraschung als der Schmerz war, der ihn hervorgelockt hatte. „Was muss ich wissen?!“ Und dann standen die Gesichter der Drei wieder still, und mit einer Stimme sagten sie: „Du bist der Traum und wir sind die Träumer. Du bist unsere Erfindung, unser Mittel, Du bist nichts als Gestalt unseres Willens. Du kannst uns nicht besiegen, denn wir wissen mehr über Dich als Du selbst.“ „Ich glaube Euch nicht!“ „Wir haben Dich geschaffen für einen Zweck wie die Menschen einen Hammer bauen, um Häuser zu bauen. Du bist ein Werkzeug und Du bist fehlerhaft!“ „Das ist nicht wahr! Ich bin kein Werkzeug, ich …“ „Du bist Yelda, Du bist die Schattenbringerin, Du bist die Vorhut der Dunkelheit. Dein Reich ist das Vergessen, Dein Wesen ist Untergang, Dein Schicksal ist es, nicht gegen das Unvermeidliche zu kämpfen.“ „Ich bin Yelda, die Hüterin, die Heilerin, die unsichtbare Masche im Netz. Ich gehöre nicht zu Euch!“ „Sie leugnet, was sie weiß!“ „Nein! Hört auf!“ Erneut griff ich nach dem Strom und hieb nach den Dreien, doch sie lachten nur. „Sie kann uns nicht treffen, wenn wir es nicht wollen.“ „Hört auf!“ „Wir hören auf, wenn Du uns zuhörst. Du musst wissen, warum Du vernichtet wirst.“ „Ich höre Euch zu, bevor ich Euch vernichte.“ „Du wurdest geschaffen, um die Distanz zwischen den Strömen und der Wirklichkeit zu erhalten.“ „Du wurdest geschaffen, um die Kraft nicht in die Welt fließen zu lassen.“ „Du wurdest geschaffen als einziges Tor. Du wurdest geschaffen mit einem Fehler. Du bist das Tor, das nichts und alles verbindet. Und darum wirst Du zerstört.“ Ich verstand nicht. „Habt Ihr mich geschaffen?“ „Wir haben Dich erschaffen, Du bist ein Teil von uns. Greifst Du uns an, verletzt Du Dich selbst. Du bist nichts ohne uns.“ „Aber was kann ich tun, was Ihr nicht könntet?“ „Du wurdest geschaffen aus Teilen beider Welten, Du solltest sicherstellen, dass die Ordnung erhalten bleibt.“ „Doch du bist geschaffen mit Fehlern, die die Ordnung beider Welten zerstören kann.“ „Aber das heißt doch nicht, dass ich die Welt zerstören werde!“ „Wirst Du nicht vernichtet, wirst Du Deine Kraft nutzen, und das wird die Welten zerstören. Es gibt nur einen Weg: Du musst vernichtet werden vor der Welt.“ „Ich lerne, ich habe schon lange nichts mehr vernichtet.“ „Sie hat gelernt.“ „Sie hat gelogen.“ „Sie hat schon immer versagt.“ „Für Fehler gibt es keine Verwendung. Es gibt keine Alternative.“ „Selbst wenn es Euch gelänge, mich zu vernichten: vernichtet Ihr Euch nicht dabei selbst?“ „Dich zu vernichten, gibt uns zurück, was wir bei Deiner Erschaffung gaben. Wir verlieren nicht.“ „Ihr werdet verlieren. Ich werde nicht aufgeben, ich werde mich wehren!“ „Wehr Dich, es wird nichts nützen.“ Und dann setzten die Schläge wieder ein, überzogen meinen Geist mit einem Feuer, einem Brand, der alles zu ersticken drohte, was an Erinnerung und Gefühlen in ihm war. Remdes Gesicht zog an mir vorbei, sein Hemd, seine Hand, seine Narben. Mandu, Terno, Bamar und Baneh, die Brüder, Sobekan, mein letzter Lehrer. Ich nahm alle Kraft, die ich bündeln konnte, und kämpfte gegen den Strudel an, der sich in meinem Geist auftun wollte, ich hielt an der Kraft fest, die mich mit allem verband. Und doch spürte ich mich schwinden. Ich rang nach mehr Kraft, zog an mich, was ich konnte, doch verlor gleichzeitig alle Konzentration und vergaß Dinge, vergaß, was ich gelernt hatte, was ich gemocht hatte an der Welt, an der Wirklichkeit. Ich spürte, wie mein Geist in Nebel überging, in Rauch und Schatten und wie die Kraft, die ich an mich gezogen hatte, einfach durch mich hindurchfloß und meine Peiniger stärkte. Ich versuchte nachzudenken und konnte doch nichts anderes spüren als Angst, mich hier zu verlieren, zu zersplittern zwischen Rubin, Saphir und Korund.
Und dann ging alles ganz schnell. Antejar brachte uns bei einem alten Bekannten, der uns allerdings verriet. Antejar und ich wurden gefangen genommen, Bamae und Baneh allerdings konnten fliehen. Wäre dem nicht so gewesen, sie hätten Antejar unmöglich rechtzeitig befreien können. Ich hatte Glück im Unglück. Als „zauberisches Wesen“, wie es der Befehlshaber der Soldaten nannte, die uns in Gewahrsam nahmen, kam ich in einen Trakt der inneren Burg, wo bereits Menschen waren, die im Verdacht standen, Zauberei auszuüben. Tatsächlich waren dort lauter unbequeme Menschen untergebracht, die unter Folter beweisen sollten, was nicht möglich war: Zauber zu bewirken. Natürlich überlebte niemand diese Behandlung, wenn nur das Präsentieren einer Fähigkeit, die man nicht besaß, das eigene Leben hätte retten können.
Dass mein Gefängnis also ein Todestrakt war, erfuhr ich von Sobekan, der in der Zelle neben mir saß und noch nicht gefoltert worden war, weil er tatsächlich über eine gewisse Form von Zauber verfügte. Er konnte sich übersehen lassen. Diese Fähigkeit ging nicht soweit, dass er dank ihr hätte fliehen können, aber immerhin ersparte sie ihm die Folter lange genug, um mir helfen zu können. Denn Sobekan wusste, wie man seinen Geist hinter Wirklichkeit verankerte, er tat es, wie er sagte, unbewusst, wenn er nicht gesehen werden wollte, und doch konnte er mir sagen, was er fühlte, wie er die Kraftfäden sah, die an ihm hingen und die ihn überströmten, wenn er nicht gesehen werden wollte. So hatte er mich auch wahrgenommen, als ich noch im Hafen war, denn er hatte viel Zeit gehabt, den Kraftströmen zu folgen und sie zu beobachten und dabei hatte er bemerkt, „wie die Kraftströme sich an einem Punkt stauten, wie ein Fluss um einen Felsen fließt“. Später hatte er auch von einem Knoten gesprochen, dieses Bild aber nicht zutreffend genug gefunden, um es zu mögen.
Trotz der Aussicht auf seinen Tod war Sobekan ein erstaunlich wohlgelaunter Zellengenosse. er führte es auf die Verbundenheit aller Dinge zurück, doch tatsächlich glaube ich, dass er ein bisschen verrückt war. Ihn hätte diese Einschätzung wahrscheinlich nicht gestört, da er immer wieder selbst darauf hinwies, wie wenig sich seine Erfahrungen mit den Strömen von Kraft und Leben sich mit dem gesunden Menschenverstand vertrügen.
Als er mir sagte, wie er seine Kraft gefunden hatte und einen Weg, sich mit ihr zu verbinden, erkannte ich meine eigenen Versuche wieder und auch das, was mir Mandu und Ternu bezubringen versucht hatten, vor allem aber erkannte ich, was ich bislang immer als gegeben hingenommen hatte und nicht als meine Verbindung mit der Kraft an sich. Sobekan zeigte mir, dass ich nicht etwa ohne Verbindung zu den Strömen stand, sondern so sehr Kraft aufgestaut hatte, die keinen geordneten Fluss fand, dass ich mich natürlich nicht verankern konnte, da ich surch die Störungen der Kraft viel zu sehr abgelenkt wurde. Ich fragte mich, warum mir meine bisherigen Lehrer das nicht hatten mitteilen können, bis mir auffiel, dass sie selbst es nicht hätten verstehen oder sehen können, da sie selbst so sehr Teil der Kraft waren, dass sie mich zwar wahrnehmen konnten, aber nicht meine eigene Präsenz in der jenseitigen Welt identifizieren konnten. Sobekan, der von außen auf die Kraft sah, war dies möglich, da er sich auch selbst in der Kraft widergespiegelt fand. Er beschrieb meine Instanz als eine Masche in einem Netz, die man nur wahrnehmen konnte, fand man sich außerhalb des Netzes stehend war. Jemand, der wie Mandu und Terno Teil des Netzes waren, konnten mich nur finden, wenn ich an den Fäden des Gewebes riss. Ich musste sie rufen oder zu ihnen kommen, wollte ich sie wiedersehen. Im Fall von Terno war ich tatsächlich versucht, genau das zu tun.
Gleich nach meiner Ankunft im Todestrakt nahm Sobekan Kontakt zu mir auf. „Du bist es!“ Die Stimme war sehr aufgeregt, gleichzeitig nah und weit weg. Sie war nicht gesprochen worden, und ich fühlte, dass es in der Gegenwart der Soldaten nicht ratsam schien, selbst zu sprechen. „Ich habe Dich beobachtet! Ich kann es nicht fassen, dass Du hier bist.“ Ich sah mich unauffällig um, doch außer den Soldaten, die mich begleitet hatten, sah ich niemanden, der mir noch Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Ich überlegte, ob derjenige, der sprach, meine Gedanken würde erkennen können. „Ich kann Dich hören, wenn Du an mich gerichtet denkst, so wie Du mich hören kannst. Ich bin Sobekan. Bis Du kamst, dachte ich, ich würde hier sterben.“ Ich war irritiert, dachte aber: „Sobekan, ich bin Yelda. Musst Du jetzt nicht mehr sterben?“ Die Stimme lachte. „Natürlich muss ich immer noch sterben, vielleicht aber nicht hier. Erst durch Deine Ankunft hier habe ich Anlass zu glauben, dass ich das hier überlebe.“ „Ich bin gefangen genommen worden.“ „Aber sie wissen nicht, wen sie gefangen haben. Und sie werden es bereuen.“ „Was ist das hier?“ „Es ist die Strafe für Anderssein. Die Menschen draußen haben Angst vor dem, was sie nicht kennen oder verstehen. Sie können nicht mit den Menschen umgehen, die nicht sind wie sie. So wie sie auch nicht mit Dir umgehen können.“ „Weil ich anders bin.“ „Weil Du machtvoll bist.“ „Ich habe keine Macht.“ „Du hast mehr Macht als Du Dir zugestehen willst. Du hast Angst vor Deiner Macht.“ „Du hättest auch Angst vor Deiner Macht, wenn sie Zerstörung nach sich zöge. Terno sagte, ich sei nicht richtig mit der Wirklichkeit verbunden und zerstöre sie daher.“ „Wer immer Terno ist, ich denke er hat recht, denn es erklärt viel. Und doch hat er nicht wirklich recht, denn Du bist mit nichts wirklich verbunden. Ich spüre Dich als Masche in einem Netz, als Lücke zwischen zwei Bäumen, als den Himmel zwischen Wolken. Du bist da, aber man nimmt Dich nicht wahr als das, was Du bist, sondern nur als das, was sich Deinetwegen begrenzt.“ „Ich verstehe nicht, was Du sagst.“ „Du wirst es verstehen.“ „Das glaube ich nicht. Ich weiß kaum etwas über mich und über meine Kraft. Alles, was ich weiß, habe ich von anderen erfahren, und ich bin mir nie sicher, wie viel von dem, was jene mir sagten, tatsächlich stimmt.“ „Wer kann das schon wissen? Ich bin seit langem unsichtbar und doch sichtbar. Ich bin der Schatten meines Schattens. Ich weiß kaum noch, wie ich war, bevor ich Zugang zu meiner Kraft fand, und doch fühle ich, dass ich irgendwann einmal auch anders gewesen bin. Die Wirklichkeit ist das, was wir sehen wollen, was wir formen, was wir wünschen.“ „Warum bist Du dann noch hier?“ „Weil meine Wünsche nicht stark genug sind. Weil meine Wünsche keine Mauern versetzen, keine Tore öffnen können. Aber Du kannst das!“ „Nicht, ohne alles zu zerstören, was um mich ist. Terno wollte mich lehren, meine Kraft gefahrlos einzusetzen, doch er konnte mir nicht wirklich helfen. Vielleicht wollte er es auch nicht wirklich.“ „Was ist mit ihm geschehen?“ „Er ist verschwunden.“ „Warum bist Du ihm nicht gefolgt?“ „Er ist nicht gegangen, er ist einfach verschwunden. Seine Art kann das. Sie verlassen die Wirklichkeit und kehren in die Ströme von Kraft und Leben zurück.“ „Terno ist ein Jenseitiger?“ „Ich kenne das Wort nicht, doch nach dem, was er von seiner Art erzählt hat, dass sie der jenseitigen Welt entstammen und von dort nach hier wandern können, nehme ich an, dass man sie so nennen könnte.“ „Es gibt einige Legenden über sie. Viele sagen, dass sie von den Göttern selbst abstammen, aber …“ „Es gibt keine Götter, sagt Terno.“ „Genau! Er muss ein Jenseitiger sein!“ „Dann konnte ich ihm darum nicht folgen, denn ich bin nicht von seiner Art.“ „Du könntest es aber sein.“ „Wenn ich die Welt zerstöre?“ „So weit wollen wir mal nicht gleich gehen. Fürs Erste reicht es vielleicht, wenn Du Deine Kraft beherrschst, ohne Dinge mit ihr anzurichten, die Du nicht geplant hast.“ „Das wäre gut. Ich kann nicht ewig davonlaufen. Mal von Hunger und Durst abgesehen.“ „Ich habe länger nichts mehr gegessen, als ich mich erinnern kann.“ „Du beziehst Deine Stärke aus der Kraft.“ „Ja. Warum machst Du das nicht?“ „Weil sie mich dadurch finden können. Wenn ich mich von der Kraft nähre, bin ich auffindbar.“ „Wer verfolgt Dich? Außer den Soldaten der Stadt offensichtlich.“ „Andere von Ternos Art. Sie wollen mich vernichten. Ich weiß nicht warum.“ „Umso wichtiger ist es also, dass Du Deine Kraft anzuwenden lernst. Ich kann es Dir beibringen.“ „Wie willst Du etwas schaffen, woran schon zwei andere gescheitert sind, deren Kraft für mehr ausreichend war als Unsichtbarkeit?“ „Weil ich Dich benutzen will, um mich zu befreien. Wir teilen das Interesse, Deine Kraft zu entwickeln aus zunächst gleichen Gründen. Wir wollen beide nicht hierbleiben, und um zu fliehen, muss ich Dich lehren, was Du noch nicht lernen konntest.“ „Dann lass uns beginnen. Folge meiner Stimme.“
Sobekan hielt Wort. Zuerst war es ein irritierendes Gefühl, meinen Körper bewusst hinter mir zu lassen, doch Sobekans Stimme und damit wahrscheinlich auch sein Wille zogen an mir und halfen mir damit über die ersten Schwellen hinweg, bis tatsächlich mein Körper nur ein Gedanke, eine Erinnerung, ein Kleidungsstück war, das in der Zelle zurückblieb. Ich erinnerte mich an Mandus Baum und den Eintritt in meinen Körper damals und fragte mich, ob es wieder so schmerzhaft werden würde, wie damals, doch gleichzeitig mit Sobekans beruhigenden Worten, dass es nicht so sein würde, erinnerte ich mich an Ternos und Mandus Worte, dass es nie wieder so sein würde. Gleichzeitig aber war die Verlockung groß, nie wieder in meinen Körper zurückzukehren, denn wozu, fragte ich mich, brauchte ich denn einen sterblichen Körper, wenn ich meinen Geist auch einfach von ihm lösen konnte. „Versuche es nicht“, warnte mich Sobekan. „Dein Geist ist nur so stark wie Dein Körper. Verlass nicht Deinen Körper mit dem Wunsch, nicht zurückzukehren, oder er wird Dich erwarten wie ein verschlossenes Haus.“ Ich dachte zurück an meinen Körper und spürte mich ihm gleich näher und auch den Sog, den der Körper auf meinen Geist ausübte, der ihn lockte, sich in ihn fallen zu lassen, statt die Anstrengung aufzubringen, sich von ihm fern zu halten. „Vertraue Deinem Gefühl“, sagte Sobekan, „und kehre zurück, wenn Dein Körper nach Deinem Geist ruft. Je besser er versteht, dass Du ihn nicht auf immer verlässt, sondern immer wieder zurückkehrst, desto eher wird er auch Deine Abwesenheit ertragen. Geh zurück.“ Und ich ging. Tatsächlich glitt mein Geist in meinen Körper wie Remde mich vor so scheinbar langer Zeit in sein Hemd gekleidet hatte. Und wie damals fühlte es sich an, als säße nicht alles richtig. Sobekan wusste das, denn er sagte: „Du musst Dich richtig strecken, damit Du alle Bereiche Deines Körpers erreichst. Mit mehr Übung wird Dir das besser gelingen, am Anfang aber ist es eine wichtige zu wiederholende Übung.“
In den nächsten Stunden übte ich das Verlassen un Betreten meines Körpers bis zur Erschöpfung. Ich hätte nicht gedacht, dass das rein geistige Reisen so anstrengend sein würde. Als ich das Sobekan gegenüber erwähnte, stimmte er mir zu. „Es ist wirklich anstrengend, doch unerlässlich, um Dich selbst auch dann wiederzufinden, wenn Du Dich verlierst. Wenn Du Teil dieser und der jenseitigen Wirklichkeit werden willst, musst Du Dich vertraut machen mit den Gegebenheiten in und außerhalb Deines Körpers.“ „Ist es gefährlich?“ „Ja. Es ist sogar sehr gefährlich. Du kannst, wenn Du unachtsam bist, vertrieben werden oder einfach nur den Kontakt zu Deinem Körper verlieren. Auch darum musst Du üben, denn je sicherer Dein Körper Deinen Geist erkennt, umso stärker ist Eure Verbindung, und irgendwann kannst Du vielleicht umkehren, was ich sagte: dann wird nicht Dein Körper die Stärke Deines Geistes bestimmen, sondern Dein Geist Deinen Körper tragen können, auch wenn er selbst keine Kraft zu haben glaubt.“
In dieser Nacht schlief ich nicht gut. Ich schreckte oft hoch, weil ich Stimmen gehört hatte, weil ein Geräusch neben mir war oder ich einfach nur Hunger hatte. Doch jedesmal, wenn ich aufwachte, war Sobekans Stimme da, die mich beruhigend wieder in den Schlaf wiegte. Der Morgen brachte Schreie. In der Nacht hatten die Soldaten einen jungen Mann gebracht, der um sein Leben bat, bettelte, der schrie und weinte, doch die Soldaten hatten ihn einfach in eine Zelle geworfen und ihn dort liegengelassen. Sobekan berichtete mir das, woher er es wusste, fragte ich nicht nach, immerhin war er die ganze Nacht über wach gewesen, ich hatte nicht mitbekommen, wie Türen geöffnet oder geschlossen worden waren. Ich hörte nur am Morgen die Schreie, die zu diesem Zeitpunkt schon lange angedauert hatten, wie Sobekan sagte. „Können wir ihm nicht helfen?“ „Was willst Du tun?“ „Kannst Du ihn nicht beruhigen? Ihm Mut machen?“ „Was soll ich ihm sagen? Dass alles gut wird? Dass er überlebt? Der Junge hat keine starke Verbindung zur Kraft, ich könnte ihn nicht einmal etwas lehren, wenn er es wollte. Er wird hier sterben.“ „Das darf er nicht!“ „Das wird er aber, wenn er nicht gerettet werden kann.“ „Dann werde ich auch ihn retten.“ „Zuerst musst Du Dich selbst retten. Alle anderen müssen warten. So wie auch ich gewartet habe und warten werde, bis Du genug gelernt hast.“ Als die Schreie des Jungen in Schluchzen und dann leises Weinen überging, waren wir in unserem Unterricht schon weiter gekommen. Sobekan musste mich mitunter sogar bremsen, wenn er das Gefühl hatte, dass ich mich zu rasch von mir fortbewegte. Einmal hörte ich nicht auf ihn, sondern testete, wie weit ich meinen Körper hinter mir lassen konnte, ohne ihn nicht mehr zu spüren. Ich glitt fort von mir, fühlte die wachsende Distanz, und eine seltsame Aufregung erfasste mich, gemischt mit Neugier und Angst. Denn ich wusste, dass das, was ich tat, gefährlich war, denn ich hatte keinen anderen Halt als die seltsam blasse Erinnerung an meinen Körper, der im Dunkel einer Zelle lag. Und dann hörte ich fern Sobekans warnende Stimme wieder, die mich rief, die bat und bettelte, die mir befehlen wollte, doch ich konnte ihm nicht Folge leisten, ich wollte frei sein, wollte mich nicht wieder in diesen Körper begeben, wollte nicht weiterleiden. Ich wollte fort von diesem Ort und das Jenseitige erreichen, ich wollte alles tun, was ich nicht konnte und doch: ich brachte es nicht über mich, wirklich zu gehen. Und so fasste ich den Entschluss, zu bleiben, so lange zu bleiben, bis ich mich befreit hatte, Sobekan und den Jungen befreit hatte, und ich würde herausfinden, was ich musste, um nicht mehr Gejagte zu sein, sondern Jägerin zu werden. Ich würde, sobald ich genug gelernt hätte, die Drei herausfordern und gegen sie kämpfen, gegen das, was sie mein Schicksal nannten, ankämpfen. Ich würde ihnen das Schlachtfeld nicht alleine überlassen. Ich musste zurück. Und langsam und zäh tastete ich mich zurück, zwang mir das Bild meines im Dunkeln liegenden Körpers vor Augen, streckte mich aus und weiter und tastete mich langsam voran, langsamer, und je langsamer ich wurde, umso furchtsamer, denn ich fand keinen Weg, ich fühlte keinen Körper, ich sah kein Zurück. Ich war zu weit gegangen.
Die Straßen von Tharb waren voller Menschen, Staub und Lärm. Zwischen den engstehenden Häusern, über denen nur schmale Streifen eines blaßblauen Himmels zu sehen waren, drängten sich grau und braun gekleidete Menschen in allen Größen und Formen aneinander vorbei und drängten uns vier, die wir aus dem Hafendistrikt kamen, sofort wieder an das Tor zum Hafen zurück.
„Wie werden wir das Brückentor finden?“, fragte ich Antejar, doch der schüttelte nur den Kopf und sagte: „Gar nicht, denn wir werden keinen Heiler aufsuchen. Kein Heiler kann Dir helfen, denn Du brauchst, wie Du sagst, einen Zauberer. Und die finden wir nicht am Brückentor.“ „Wo finden wir sie dann?“ „Das“, sagte Antejar, „ist eine gute Frage.“ Doch ich hatte nicht auf ihn gehört, sondern gleich eine ältere Frau, die uns in diesem Moment passierte, gefragt: „Kannst Du uns sagen, wo wir einen Zauberer finden?“ Die Frau machte nur ein seltsames Zeichen mit der Hand und eilte weiter. „Tu das lieber nicht“, sagte Antejar zu mir. „Überhaupt sollten wir uns hier wegbewegen. Ich bin mir relativ sicher, dass der Hafenmeister uns die Geschichte, die wir ihm erzählt haben, nicht glaubt. Solange die Neuigkeit von Deiner Ankunft noch nicht den Hafen verlassen hat, sind wir auf jeden Fall sicher. Danach werden wir wahrscheinlich nicht mehr sicher sein.“ „Nicht sicher?“ „In den Städten der Menschen wirst Du etwas begegnen, das du noch nicht kennst, das aber die Menschen ausmacht. Sie schaden sich gegenseitig auf manchmal unvorhergesehene Weise, und je länger die Menschen in einer Stadt leben, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie ihren eigenen Vorteil über das Wohl anderer setzen.“ „Du meinst, er wird anderen sagen, dass wir da sind? Warum?“ „Weil Du wirklich eine besondere Besucherin der Stadt bist. Du weißt selbst, dass Du nicht aussiehst wie die Menschen.“ „Ich bin größer und habe eine andere Haarfarbe, das schon. Aber so sehr anders als Ihr Menschen bin ich doch nicht.“ Bamar lachte. „Warum machst Du das?“ fragte ich ihn. „Weil selbst ich, der ich mich nicht an mehr als fünf Menschen erinnern kann, weiß, dass Du anders bist als andere. Du bist blasser, größer, vor allem aber strahlst Du etwas aus, das andere verunsichern kann, das sie aber auch Dir zuzieht. Die Menschen sehen, dass Du anders bist, wie ein Tier ein anderes als nicht zu seiner Art gehörig erkennt.“ Er holte tief Luft. „Und gerade diese Andersartigkeit, die die Menschen anzieht wie die Motten das Licht, hat mich aus der Tiefe meines Selbst geholt. Ich weiß nicht, was Du getan hast, aber bevor ich im Körper eines jungen Mannes erwacht bin, nachdem ich in meiner Kindheit eingeschlafen bin, habe ich Dich gespürt, habe Deine Energie wie einen Lichtstrahl gespürt, dem nachzugehen ich mich nicht weigern konnte. Du hast mich gerettet, und viele andere Menschen, die gerettet werden wollen oder müssen, spüren, dass Du das kannst. Wieder andere fürchten, dass Dein Licht etwas in ihnen beleuchtet, das sie nicht sehen wollen oder das andere nicht sehen sollen. Sie wollen lieber im Schatten leben und darum fürchten sie Dich. Sie sind es, die Dir schaden wollen.“ „Dann sollten wir mich vielleicht lieber irgendwo unterbringen, wo ich nicht gesehen werde?“ schlug ich vor, auch wenn mir eher danach war, durch die Stadt zu gehen und mir diese vielen unbekannten Dinge anzusehen, die die Stadt sicherlich für mich bereit hielt. Allein schon in der kurzen Zeit, die wir hier am Hafeneingang standen, war mir schon so vieles aufgefallen, das ich mir gerne näher angesehen hätte, aber nicht konnte, da ich wusste, meine drei Begleiter würden nicht mitkommen wollen. „Das sollten wir allerdings“, sagte Antejar. „Und ich habe auch schon eine Idee, wo wir einen Unterschlupf finden könnten.“
Der Nordhafen von Tharb breitete seine breiten Arme um unser Boot und öffnete uns das ruhige Hafenbecken. Antejar steuerte uns mithilfe eines Ruders auf einen schmalen Steg zu, an dem schon weitere Boote vertäut waren. Ein Mann, der uns offensichtlich schon von weitem gesehen hatte, winkte uns, ihm näher zu kommen. Als wir nahe genug waren, warf er uns ein Seil zu, das Baneh fing, und an dem entlang er und sein Bruder das Boot den restlichen Weg bis zum Steg zogen.
Der Mann ließ uns auf den Steg klettern, bevor er uns fragte: „Wie lauten Eure Namen und warum seid Ihr nach Tharb gekommen?“ „Ich bin Baneh, das ist mein Bruder Bamar. Wir sind nach Tharb gekommen, um hier zu arbeiten. Und dies ist“, er zeigte auf Antejar, „Antejar, der uns mit seinem Boot hierhergefahren hat.“ „Ich bin Antejar Schiffahrer.“ Der Mann der Stadt sah mich an, und sagte: „Und wer bist Du? Du siehst anders aus als andere Menschen.“ „Ich bin Yelda.“ „Was willst Du hier?“ Seine Worte kamen schnell, als wollte er mich damit verletzen. „Was führt jemanden wie Dich in die große Stadt Tharb?“ „Ich bin auf der Suche nach einem …“ begann ich, doch Antejar unterbrach mich: „Nach einem Heiler. Yelda sieht nur anders aus, weil sie eine seltsame Krankheit hat, sie hofft, dass ein Heiler der Stadt Tharb ihr helfen kann.“ „Ist das wahr?“ fragte der Mann mich, doch bevor ich antworten konnte, sagte Bamar: „Natürlich ist das wahr. Der Schiffahrer lügt nicht. Die Götter hätten sein Boot vor Tharb versenkt, hätte er geplant, in Tharb Lügen auszusprechen.“ „Und welchen besseren Beweis für die Wahrhaftigkeit von Antejars Worten könnte es geben als unsere unversehrte Ankunft im schützenden Hafen der großen Stadt Tharb?“ fügte Baneh hinzu. Ich verstand nicht genau, was das sollte, immerhin hatte Antejar nicht die Wahrheit gesagt und sein Boot war untergegangen, doch das konnte der Mann nicht wissen. Als der Mann der Stadt Baneh ansah, blickte Antejar mich an und zog die Augenbrauen hoch, als wollte er mir ein Zeichen geben. „Ist das wahr?“ fragte der Mann der Stadt mich erneut, und diesmal sagte ich nichts, sondern nickte bloß, wie Antejar es mir hinter dem Rücken des Mannes vormachte. „Dann sei es so. Ihr findet Heiler nahe dem Hafen am oberen Brückentor. Werdet ihr das finden oder soll ich jemanden bestellen, der Euch führt?“ „Wir werden es finden.“ „Ihr habt drei Tage, bevor Euer Boot beschlagnahmt wird. Kommt Ihr nicht vorher zurück, um Bericht über Eure Fortschritte zu erstatten, gehört Euer Boot der Stadt Tharb und Ihr werdet, wenn aufgefunden, der Stadt verwiesen.“ Er ließ Baneh und Antejar noch ihre Säcke aus dem Boot nehmen, dann sagte er: „Nun geht.“
Vor allem aber blieben mir die Menschen im Gedächtnis. Die größte Ansammlung von Menschen, die ich bisher gesehen hatte, war ebenfalls das Dorf gewesen mit seinen zwanzig Familien. In Tharb dagegen lebten, so schätzte Antejar, 20000 Menschen, was mir später, als ich allein in der Stadt lebte, noch unwahrscheinlicher vorkam als zum Zeitpunkt meiner Ankunft mit dem Schiffahrer und den Brüdern.
Ich weiß nicht mehr, was ich gedacht habe, wie es in der Stadt sein würde, wie ich weitermachen würde und was danach käme. Ich glaube nicht, dass ich erwartet habe, was kam. Vom ersten Moment an, da ich den Boden von Tharb betrat, waren alle vorher gemachten Pläne bedeutungslos.
Antejar hatte mir eine Sage erzählt, nach der Tharb die erste Stadt der Menschen sei, dass aber nicht die Menschen die ersten Lebewesen seien, die hier lebten. Als die ersten menschlichen Siedler hierhergekommen seien, hätten sie schon befestigte Mauern von enormer Größe vorgefunden, die auch heute noch das Fundament des innersten Rings der Stadt bildeten. Lange Zeit blieb jener Bereich innerhalb der Mauern auch unbebaut, da man dachte, die Götter selbst hätten sich diesen Ort zu ihrem Sitz erkoren. Erst in späterer, weniger göttergläubiger Zeit, habe man dann auch den inneren Ring bezogen, da man erkannt habe, dass die Mauern selbst einen Schutz böten, den man außerhalb niemals bekommen würde. Zunächst hatte man nur den Göttern geweihte Gebäude errichtet, bis später auch weltliche Gebäude hinzukamen. Die Gewissheit aber blieb, dass die Götter den Hügel von Tharb berührt hätten, und selbst wenn man, wie Antejar es von sich sagte, nicht an die Existenz von Göttern glauben wolle, könne man doch nicht leugnen, dass die Stadt an einem besonderen Ort erbaut worden war. Wie besonders dieser Ort war, dessen waren sich die wenigsten Bewohner der Stadt tatsächlich bewusst.
Tharb war die erste Stadt, die ich je sehen sollte, und auch wenn ich später noch andere, größere Städte sehen sollte, war ich nie wieder so überwältigt von einer menschlichen Siedlung wie von Tharb.
Wir hatten einen weiteren Tag auf dem Fluss verbracht. Baneh erzählte Bamar viel über ihre Eltern und die Zeit, die vergangen war seit Bamars Sturz, Antejar steuerte das Boot, und ich dachte über das nach, was Antejar mir erzählt hatte. Ich hatte Fragen gehabt und Fragen beantworten müssen. Antejar glaubte mir, dass ich vieles nicht wusste, dass ich vieles, was die Menschen als selbstverständlich hinnehmen, nicht verstand. Vor allem aber versuchte Antejar mehr als alle anderen Lehrer, die ich bisher gehabt hatte, Remde, Mandu und Terno, dies nicht nur zu respektieren, sondern auch auf Basis meiner Unkenntnis zu argumentieren. „Krieg“, hatte er mir erklärt, „ist wie ein Streit. Du hast Dich mit Terno gestritten, sagst Du, als weißt Du, was das bedeutet. Krieg allerdings ist größer als jeder Streit, den Du je mit Terno haben könntest. In einem Krieg sterben Menschen.“ Er machte eine Pause, suchte nach Worten. „Und die Menschen, die sterben, sind selten jene, die der eigentliche Streit betrifft. Ein Krieg ist ein Streit, der statt mit Worten mit Toten geführt wird.“ „Das klingt furchtbar.“ „Es ist schlimmer als es klingt. Alle Worte, die man benutzen kann, um zu beschreiben, dass Menschen, die man kannte, mit denen man getrunken, gelacht und geliebt hat, vor den eigenen Augen von Fremden ermordet werden, können nicht das Grauen der Wirklichkeit umfassen, die hinter den Worten stecken.“ Er verstummte. „Du hast bereits Kriege erlebt.“ „Einen. Und auch dieser ist einer zuviel.“ „Worum ging es in diesem Krieg?“ „Um Land, um Reichtum, um Neid, ich weiß es nicht genau. Meine Heimat wurde überfallen von Kriegern eines anderen Landes, vielleicht gab es auch Provokationen von unserer Seite. Oft kann man nach einem Krieg nicht mehr sagen, wer wann den Grundstein gelegt hat. Und man kann auch nie wirklich sicher sein, wer den Krieg gewonnen hat, denn am Ende haben alle Seiten verloren.“ „Zu welcher Seite gehörte Tharb im Krieg? Zu Deiner?“ „Tharb liegt weit fort von meiner Heimat. Der Krieg ist nie bis hierher gekommen und wird es hoffentlich auch nie. Man kann allerdings nie wissen.“ Mit einem Blick auf Bamar fügte er hinzu: „Es sind schon unwahrscheinlichere Dinge geschehen.“
Tharb, erklärte mir Antejar, sei eine mittelgroße Stadt, die auf einem Hügel in einer Flussschleife liege. Auf drei Seiten war es von Wasser umgeben, auf der vierten Seite von einer großen Mauer. Die Zugänge in die Stadt bildeten neben einem großen und zwei kleinen Toren auf der Landseite drei Brücken über den Fluss sowie je ein Hafen im Norden und im Süden. Auf der anderen Flussseite lagen viele kleine Dörfer und Bauernhöfe, die den Menschen in der Stadt Nahrung lieferten und dafür Waren bekamen, die sie selbst nicht herstellen konnten oder wollten. Das erschien mir sinnvoll, wenngleich ich mir nicht genau vorstellen konnte, was die Stadt bieten konnte. War ich naiv.
Als wir Tharb erreichten, war ich zunächst überwältigt von der Menge an unbewachsenem Stein, die sich vor uns erhob. Da die einzigen Bauwerke von Menschenhand, die ich bisher gesehen hatte, die Holzhäuser von Remdes Dorf waren, erschienen mir die hohen Häuser und Türme, die wie graue Zähne in den Himmel bissen zunächst befremdlich, wie ein enorm großer, versteinerter Igel, der sich vor so langer Zeit zum Schlafen niedergelegt hatte, um nie wieder aufzuwachen, dass mittlerweile ein Fluss seine Beine überspült hatte. Ich konnte mit lange nicht vorstellen, dass Menschen all dies erbaut haben sollten, nur mit der Kraft ihrer Hände. Ich nahm an, dass die Türme so gewachsen und dann ausgehöhlt worden waren, was an sich schon eine enorme Leistung dargestellt hätte. Dass tatsächlich aber die Menschen selbst so viel Gestein, Holz und Lehm aufeinander getürmt hatten, dass diese prachtvollen Gebäude entstanden waren, erschien mir mehr als unwahrscheinlich. Später, sehr viel später, habe ich natürlich andere Städte gesehen, die reicher und protziger waren als die einfachen Steintürme von Tharb. Und auch wenn ich goldbemalte Wände im Sonnenuntergang habe leuchten sehen und juwelenverzierte Königspaläste, hat mich von allen Orten menschlicher Machart doch immer noch Tharb am meisten beeindruckt und geprägt.
Tatsächlich fanden wir den Proviant bald wieder, die Zweige einer ausladenden Weide hatten ihn vor dem Weitertreiben bewahrt. Antejars Boot fanden wir am folgenden Tag, angespült auf einer Sandbank, die mitten im Fluss lag. Antejar schwamm hinüber und brachte es an unser Ufer. Wir setzten die Reise nach Tharb im Boot fort und erreichten die Stadt nach zwei Tagen Fahrt.
Bamar und Baneh waren jung, wie ich erfuhr. Zusammen erreichten sie nicht Antejars Alter. Seit ihrer Kindheit hatte sich Baneh um Bamar gekümmert, seit jeher war Bamar ein Träumer gewesen, unfähig, auf sich selbst zu achten. Baneh liebte seinen Bruder sehr, auch wenn er ihn nie wirklich verstand. Vor allem aber seine Träume machten ihm Angst. Sie machten uns allen Angst. Seitdem das Boot gekentert war, fuhr Antejar nicht mehr nachts, so dass wir an Land schlafen konnten. Meistens blieb Baneh wach, so dass er es auch war, der Bamars Traum als erster wahrnahm. „Bamar“, flüsterte er, „Bamar, wach auf, Du hast einen schlimmen Traum. Bamar.“ Doch Bamar wachte nicht auf, also schüttelte ihn Baneh ohne Erfolg, bis Bamar anfing lauter zu sprechen und unverständliches zu rufen. „Bamar, sei ruhig. Du weckst noch die anderen.“ „Zu spät Junge“, brummte Antejar, und auch ich war bereits wach geworden. „Was ist los?“ „Bamar träumt. Er will aber nicht aufwachen. Es ist kein guter Traum.“ „Dann lass ihn Träumen, Junge. So schlimm scheint er ihm nicht zu bekommen, wenn er nicht aufwachen will.“ „Ich glaube, er kann nicht.“ Ich ging hinüber zu den beiden. Bamar sah wirklich nicht aus, als wäre sein Traum angenehm. Die Muskeln in seinem Gesicht waren angespannt und die Hände zu Fäusten verkrampft. Ich nahm eine seiner Hände und spürte das Zittern seiner Muskeln. Als ich seine Faust aufbog, sah ich, wie sich seine Fingernägel in die Handfläche gegraben hatten, sie hatten dunkelrote Halbkreise hinterlassen. Ich legte ihm Bamar meine freie Hand auf die Stirn, um ihn zu besänftigen, doch dann blitzte ein Bild in meinem Bewusstsein auf. Ich schrak zurück und brach die Verbindung zwischen Bamars Haut und meiner Hand. Die Vision war verschwunden, doch Bamar wälzte sich immer noch wimmernd auf dem Boden. Baneh, der meine Reaktion bemerkt hatte, sagte: „Was ist los? Ist etwas nicht in Ordnung?“ „Ich weiß nicht. Ich habe etwas gesehen. Ich weiß nicht was?“ „Hast Du gesehen, was ihm Angst macht? Konntest Du seinen Traum sehen?“ „Ich glaube ja. Ich habe etwas Leuchtendes in großer Dunkelheit gesehen, und diese Dunkelheit näherte sich diesem Leuchten, als würde es gerufen.“ „Wird Bamar verschlungen?“ „Nein, ich glaube nicht, dass er es ist“, sagte ich zögernd. „Können wir ihn dann nicht einfach träumen lassen?“ Antejar klang nicht mehr schläfrig. „Ich glaube nicht.“ Ich hatte die Befürchtung, den Ursprung der Dunkelheit zu kennen, und auch, was es bedeuten könnte, hätte sie Bamars Geist erreicht. „Irgendwie müssen wir ihn wecken.“ Ich hatte kaum ausgeprochen, als Antejar schon an meiner Seite stand und Wasser aus einem Beutel in Bamars Gesicht spritzte. Baneh und ich sahen ihn an, und Baneh sagte: „Ich glaube nicht, dass das wirkt.“ „Hätte ja sein können“ grummelte Antejar. „Ich glaube, ich kann ihm helfen.“ „Wie? Was wirst Du tun?“ „Ich weiß nicht genau, wie ich es tun werde, aber ich werde versuchen, seinen Geist davon zu überzeugen, den Traum loszulassen.“ „Das kannst Du?“ „Vielleicht. Vielleicht bringe ich uns alle damit in größere Gefahr, als wir durch Bamars Traum jetzt schon sind, aber wenn ich es nicht wenigstens versuche, dann könnte Bamar sterben. Und vielleicht wäre er nicht der einzige.“ „Wir sind in Gefahr, weil der Junge träumt? Wieso das denn?“ „Ich kann es nicht erklären. Noch nicht. Ich glaube, mir bleibt nicht viel Zeit.“ Ich wartete nicht darauf, dass Baneh oder Antejar etwas sagten, sondern legte Bamar meine Hand auf die Stirn.
Diesmal wusste ich, was passieren konnte, und zuckte nicht zurück, als mein Bewusstsein von dem leuchtenden Punkt in der wallenden Dunkelheit angezogen wurde. Ich fühlte, ich kam näher, und je näher ich kam, desto besser konnte ich erkennen, was das Leuchten verursachte. Es war ein Kind, Bamar, weit jünger als jetzt, und er hielt einen Gegenstand fest. Tatsächlich war es nicht der Junge, der leuchtete, sondern der Gegenstand, der sein Licht durch den Körper des Kindes hindurchstrahlte. „Bamar“, sagte ich, und tatsächlich blickte der Junge von dem schimmernden Gegenstand auf, der sein Gesicht fahl leuchten ließ. „Yelda. Du bist hier.“ „Wir sollten nicht hier sein.“ „Das Dunkel kommt.“ „Ja. Darum müssen wir fort.“ „Nein. Wir müssen bleiben.“ „Aber wird uns das Dunkel nicht verschlingen?“ „Vielleicht.“ „Was passiert, wenn uns das Dunkel in Deinem Traum verschlingt?“ „Es ist kein Traum. Es ist die Wirklichkeit. Schau.“ Und er hielt mir die leuchtende Kugel so, dass ich hineinsehen konnte. Ich sah mich, über einen Körper gebeugt, neben mir Antejar und Baneh. „Warum sind wir hier?“ „Ich habe Dich gerufen.“ „Du hast mich gerufen? Warum?“ „Damit Du die Wahrheit erkennst. Damit Du erkennst, dass Du Dich nicht verstecken kannst.“ „Was meinst Du?“ Plötzlich schien Mitleid nicht das Gefühl zu sein, das ich Bamar entgegenbringen wollte. Im Gegenteil machte er mir Angst, und ich war mir nicht sicher, ob es eine weise Entscheidung gewesen war, mich den Männern anzuschließen. „Ich weiß, dass Du Angst vor dem Dunkel hast. Aber Du kannst nicht verhindern, dass es Dir folgt. Wenn Du immer davonläufst, wirst Du nie gewinnen können.“ „Ich weiß nicht, was ich gewinnen oder verlieren werde. Ich weiß nicht, wovon Du sprichst.““ „Natürlich weißt Du es nicht, denn Du willst nicht sehen.“ Er hob den Blick von der Kugel in seiner Hand und wandte mir sein Gesicht zu, das ich bisher nicht hatte erkennen können. Seine Augenhöhlen waren leer, die Löcher, wo einmal seine Augen gesessen hatten, waren blutverkrustet und schwarz. „Glaub mir, nicht sehen zu wollen, kann schlimme Folgen haben.“ „Was ist mit Dir geschehen?“ „Das ist nicht wichtig.“ Er drehte seinen Kopf wieder zurück, als wolle er erneut in die leuchtende Kugel sehen. „Was zählt ist, dass Du lernen musst, Deine Augen zu öffnen.“ „Du bist nicht Bamar.“ „Und doch ist er Herr über sich selbst.“ „Sind wir in seinem Geist?“ „Wir sind in der Welt hinter der Wirklichkeit. Bamars Geist hütet ein Tor dorthin. Wir schaden ihm nicht, wenn wir hier sind.“ „Wie kann es sein, dass er ein Tor ist? Er ist ein Mensch!“ „Sein Geist wandert zwischen so vielen Möglichkeiten, er kann nicht ahnen, dass er die Möglichkeit eines solchen Dunkels in sich trägt.“ „Wie kann ich ihm helfen?“ „Du bist nicht hier, um ihm zu helfen, noch wäre es möglich.“ „Kannst Du es?“ „Nein.“ „Dann sag mir wenigstens, wer Du bist.“ „Ich bin Teil der Welt hinter der Wirklichkeit. Wir haben uns nicht in dieser Zeit getroffen, und doch kenne ich Dich besser als Du Dich selbst.“ Er lachte leise, ein Lachen, das nicht zu dem Kind passen wollte, aus dessen Körper es kam. „Nicht dass das schwer wäre.“ „Du weißt, wer ich bin?“ „Ja.“ „Dann sag es mir.“ „Das kann ich nicht tun. Es ist Teil Deiner Geschichte, Teil Deines Wesens, es selbst zu erfahren. Alles, was ich Dir sagen würde, hinderte Dich daran, Deine Bestimmung zu erfüllen.“ „Was kann ich tun, um mehr über mich zu erfahren?“ „Du bist auf dem richtigen Weg. Du hattest die richtigen Lehrer. Du musst zwei Dinge noch lernen: Deine Kraft zu lenken und den Schatten, der Teil Deiner Kraft ist, nicht zu fürchten.“ „Aber wie sollte ich ihn nicht fürchten, wenn er alles auslöscht, das um mich ist?“ „Wenn Du den Schatten fürchtest, behält er seine Macht über Dich. Der Schatten überzieht die Welt mit Deiner Angst und löscht nur darum alles aus, was ist. Wenn Du dem Dunkel Macht gibst, wird es sie haben und benutzen.“ „Wird mir die Dunkelheit denn nicht schaden?“ „Sie ist kein eigenständiges Wesen, sie ist Teil Deiner Macht. Du trägst sie in Dir. Wenn sie über Dich kommt, wird sie Dir nicht Dein Selbst nehmen, aber sie nimmt Dir, worum Du fürchtest.“ „Warum gibt es sie?“ „Du kennst die Antwort. Bamar erwacht bald, wir haben nicht mehr viel Zeit.“ „Werden wir wieder miteinander sprechen?“ „Vielleicht. Diese Art der Kommunikation ist nicht ungefährlich, denn sie verrät Dich und mich. Momentan erwartet es noch niemand, darum brauchen wir hierfür keine Strafe zu erwarten.“ „Strafe?“ „Es gibt Unsrige, die Dich fürchten und vernichten wollen. Sie bestrafen auch jene, die Dir helfen wollen, wenn sie es herausfinden.“ „Sind darum Deine Augen verletzt?“ „Es spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass wir uns in einem Krieg befinden, und alle Parteien das Schlachtfeld verlassen haben. Der Kampf tobt im Geheimen weiter und es scheint, als fiele Dir eine entscheidende Bedeutung zu.“ „Ein Krieg? Was bedeutet das?“ „Die Dunkelheit ist nicht alleine eine Sache der menschlichen Welt. Wir alle gewinnen und verlieren. Die Zeit ist vorbei. Du hast Freunde auf dieser Seite, geliebte Yelda, vergiss das nicht, Du bist nicht allein.“ „Was bedeutet das alles?“ rief ich, doch die Dunkelheit, die uns umgab, flutete über mich hinweg. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass jemand neben mir auf mich einredete, und ich drängte die verwirrenden Gedanken über das Gespräch in den Hintergrund, um mich mehr auf die Stimme zu konzentrieren, von der ich wusste, dass sie mich zurück an die Oberfläche meines Bewusstseins bringen würde und an das Ufer des Flusses. Und dann war ich dort.
Bamar war wach, sein Bruder hatte sich über ihn gebeugt und umarmte ihn. Antejar stand ein Stück abseits, er hatte ein Feuer entzündet, das Wärme und Licht spendete. Sein Schatten flackerte über den Fluss in seinem Rücken, sein Blick aber war auf Bamar und mich gerichtet. Noch immer hielt ich Bamars Hand, doch ich spürte, dass das Tor, das in seinen Gedanken gewesen war, nun geschlossen und nicht mehr erreichbar war. „Baneh?“ Bamars Stimme klang anders, als ich sie bislang gehört hatte, so als sei er überrascht darüber, wo er war. Als sei er überrascht darüber, überhaupt am Leben oder wach zu sein. „Baneh? Wo sind wir? Was ist passiert? Wo sind die Bäume?“ „Welche Bäume meinst Du?“ „Bin ich denn nicht … Habe ich etwa geträumt?“ „Was hast Du geträumt?“ „Ich war hoch auf einem Baum, wir haben einander zu übertreffen versucht und ich war so weit nach oben gekommen wie noch nie zuvor, als der Ast unter mir brach und ich fiel. Ich fiel tiefer als der Baum hoch gewesen war.“ „Das war kein Traum, Bamar. Du bist gestürzt, wir dachten, Du wärst tot. Doch wie durch ein Wunder hatte Dein Körper kaum schaden genommen.“ Banehs Augen füllten sich mit Tränen und er hatte Schwierigkeiten weiterzusprechen. „Dein Verstand aber… Mutter sagte immer, die Götter hätten ihn bei sich behalten, bevor Du gefallen bist. Es sei… der Preis dafür, dass Du ihnen zu nah gekommen wärst.“ „Mutter… wo ist sie? Warum ist sie nicht hier?“ „Sie ist gestorben.“ „Was? Wann? Ich bin doch…“ „Dein Unfall ist acht Jahre her, Bamar. Wir waren noch Kinder und jetzt sind wir Männer. Mutter und Vater sind lange schon tot und begraben, wir beide sind fern unserer Heimat. Es ist acht Jahre her.“ Tränen strömten über seine Wangen und er umarmte seinen Bruder, der offensichtlich nicht glauben konnte, was er gerade gehört hatte. „Wie kann das sein? Wie kann ich acht Jahre geschlafen haben?“ „Du hast nicht geschlafen“, sagte ich. Bamar sah mich überrascht an, er hatte mich bisher nicht wahrgenommen. Jetzt aber sah er mich mit einem Ausdruck des Misstrauens an, als wollte er mich verantwortlich für seinen Gedächtnisverlust machen. „Wer ist das?“ fragte er an Baneh gerichtet. „Du kennst sie nicht?“ „Nein. Sollte ich sie kennen? Sie sieht anders aus als andere Menschen, habe ich recht?“ „Sie heißt Yelda. Und sie ist Deinetwegen hier. Du hast sie gerufen, bevor Du wieder aufgewacht bist. Ich glaube, sie hat Deinen Geist geheilt.“ „Was war vorher? Wie war ich?“ „Du hast Dich benommen wie ein vergessliches Kind. Ich hatte immer Angst um Dich. Ich kann nicht glauben, dass Du Dich daran nicht erinnern kannst.“ „Ich kann mich an vieles nicht erinnern. An unsere Kindheit habe ich Erinnerungen und an unsere Eltern, aber an alles seit meinem Sturz nicht mehr.“ „Ich werde es Dir erzählen.“ „Das wäre gut.“ Ich stand auf und ließ die beiden allein. Ich ging zu Antejar ans Feuer und sagte: „Wie auch immer die bisherige Reise mit ihm war, jetzt wird sie anders verlaufen.“ „Ich weiß nicht, was Du getan hast, Yelda, ich denke, es war gut. Niemand sollte so sehr in sich eingeschlossen sein, wie der Junge es war. Vielleicht hatte er so sehr Angst davor, auf dem Boden aufzuschlagen, dass sein Geist sich in ihm versteckt hat aus Angst, die Schmerzen zu spüren, die der Sturz verursacht hätte. Wie auch immer Du ihm diese Angst genommen hast, Du hast ihm einen sehr großen Gefallen getan.“ „Ich weiß nicht, was ich getan habe. Aber ich glaube, es ist umso wichtiger, dass ich in die Stadt komme und jemanden finde, der mir mehr über mich erzählen kann.“ „Wir werden die Stadt morgen erreichen, dann helfen wir Dir alle suchen. Es sollte nicht schwer sein, in Tharb jemanden zu finden, der Fragen beantworten kann.“ „Ich danke Dir. Darf ich Dir eine Frage stellen?“ „Natürlich.“ „Was ist Krieg?“
Plötzlich ist es schwierig geworden, die Geschichte zu fassen. Ich habe so viele Ideen gleichzeitig und doch keinen Anhaltspunkt, wo ich die ausfransenden Fäden wieder einbinden kann. Der Hintergrund der Geschichte wird komplexer als eigentlich gedacht, die Motive der Antagonisten bekommen einen völlig anderen Ton. Ich weiß nicht mehr so recht, was ich eigentlich mit der Geschichte sagen wollte. Vielleicht aber ist das genau der Punkt, wohin man in der Mitte einer Geschichte kommt, die man nicht plant und deren Verlauf man nicht vorhersehen kann.
Ich habe die letzten Tage über Schwierigkeiten gehabt, überhaupt an der Geschichte zu schreiben, da ich fortsetzen wollte, was bislang geschehen war. Doch das geht so nicht, da ich von einer anderen Prämisse ausgegangen bin. Wenn man jetzt dem Rohtext folgt, dann sind dort viele Sprünge, Ungereimtheiten und Widersprüche, teilweise auch nur dumme Entwicklungen enthalten, und ich muss mich zurückhalten, nicht auch neue Ideen für frühere Stellen dort einzufügen, wo ich sie später haben will.
Ich notiere mir die Stromschnellen, die Schwachpunkte, die Scheinwehen der Geschichte, mehr kann ich nicht tun, um die Weiterentwicklung des eigentlichen Plots nicht zu gefährden. Ich bin in einer hochgradig fluktuierenden Phase, denn jetzt nähert sich die Geschichte langsam dem Wendepunkt, wo Yelda genug über sich weiß, um von der Verlorenen und Gejagten zur Gestalterin ihres eigenen Schicksals zu werden. Es ist schwierig, sich diese Entwicklung so von der Protagonistin aus der Hand nehmen zu lassen, dass ich es noch mitbekomme und erzählen kann. Es ist schwierig, aber ich gebe nicht auf.
Ich hätte mir die Namen der drei Männer nicht über all die Zeit behalten, hätte ich sie nicht wiedergetroffen. Antejar, der Schiffahrer, wie er sich gerne nannte, obwohl er nie mehr als ein Boot sein eigen nannte und erst wenige Jahre vor seinem Lebensende sein erstes echtes Schiff bestieg, war ein großer Mann in jeder Hinsicht. Jene, die Angst vor ihm hatten, wenn sie ihn das erste Mal sahen, brachte er zum Lachen, jene, die schwach waren, stützte er. Vor allem aber erkannte er jene, die beides brauchten. Antejar wusste um seine Gutherzigkeit und schalt sich oft dafür, doch ist er friedvoll gestorben, was nicht jeder Mann von sich sagen kann, den andere fürchten und doch lieben.
Baneh und Bamar wurden Antejars beste Freunde, so sehr Antejar jemandem Freund sein konnte. Bamar war einige Jahre jünger als Baneh, sein Geist aber hatte sich irgendwo in sich verloren. Später in unseren Leben konnte ich ihm ein Stück seiner Selbst wiedergeben, doch Baneh, der sich dies mehr als alles andere gewünscht hatte, konnte es nicht mehr sehen. Baneh hatte immer den Beschützer für Bamar gespielt, und am Ende das getan, was er immer getan hätte: sein Leben für ihn gegeben.
Ich lernte die Drei weit vor der Stadt Tharb kennen, denn ihr Boot kenterte wenig nachdem ich sie nicht mehr hatte hören und sehen können. Antejar verfluchte Bamar oft dafür, dass er ihn sein Boot gekostet hatte, doch war er es gewesen, der ihm nachgetaucht war, als er in den Fluten des Flusses unterzugehen drohte. Baneh wollte nicht sagen, was genau geschehen war, doch Antejar schimpfte so oft darüber, dass ich fast das Gefühl hatte, dabeigewesen zu sein, als Bamar aufstand, an Land starrte und aufgeregt etwas rief. Antejar, der ohnehin schon gereizt war, schrie Bamar an, dann Baneh, doch bevor einer der Drei noch hätte reagieren können, lief das Boot auf einen Felsen auf, kippte und drehte sich. Baneh konnte sich aus eigener Kraft aus dem Wasser ans Ufer ziehen, doch Bamar, der niemals schwimmen gelernt hatte, ging unter. Antejar entschied sich gegen sein forttreibendes Boot und für Bamar, er tauchte dem Jungen nach und schleppte ihn gegen die Strömung schwimmend an Land. Lange bevor Antejar in der Lage gewesen wäre, seinem Boot zu folgen, war es schon außer Sicht- und Reichweite. So fand ich sie, Antejar fluchend, Bamar weinend, Baneh leise auf seinen Bruder einredend, alle drei durchnässt und mitgenommen im hohen Gras neben dem Fluss sitzend. Vielleicht aber war es auch umgekehrt, denn kaum, dass ich in Sichtweite war, drehte Bamar sein Gesicht in meine Richtung und sagte etwas. Hätte er mich nicht gesehen, ich wäre an ihnen vorbeigegangen, denn immer noch war ich mir nicht sicher, ob ich mich wieder anderen anvertrauen wollte oder nicht. Ich brachte, so dachte ich, nicht vielen Lebewesen Glück und die wenigen, die glaubten, dass es anders wäre, stieß ich von mir aus Angst, sie zu verletzen. So aber entdeckte mich Bamar, wie er mich auch später immer wieder fand, selbst wenn ich nicht gefunden werden wollte. „Da!“ Er stieß seinen Bruder an, der ihn beim ersten Mal nicht verstanden hatte. Er stand auf, während sein Bruder noch versuchte ihn aufzuhalten, rief: „Da ist sie!“ und lief in meine Richtung. Dann sah mich auch Baneh und er ging ein paar Schritte auf mich zu, während ich noch überlegte, ob ich weglaufen sollte. Dann aber war Antejar schon mit wenigen langen Schritten herangekommen und hielt Bamar drei Schritte vor mir mit einer Hand fest. „Laß mich“, sagte Bamar, aber er sagte es, als meine er es nicht. Gleichzeitig sah er mich mit einem Blick an, der mich an Bukon erinnerte, der mich für eine Tochter der Götter gehalten hatte, von denen ich bislang auch nicht viel mehr wusste als dass es sie wohl gab, aber sie niemand je gesehen hatte. „Laß mich los, lass mich los.“ Antejar ließ ihn nicht los, im Gegensatz zog er ihn einen Schritt fort. „Ich habe Dich einmal zu oft losgelassen, Junge. Das hat mich mein Boot gekostet. Glaub nicht, ich mach den gleichen Fehler mehrmals.“ Baneh war mittlerweile auch bei uns angekommen und griff nun auch nach Bamar. „Tut ihm nichts“, sagte ich. „Er hat mir nichts getan.“ Doch Antejar lachte und erwiderte: „Dir vielleicht nicht, Schätzchen, einige von uns sind aber seinetwegen ziemlich nass und böse.“ „Mutter hat …“ „Und sie werden noch böser, wenn Du nicht die Klappe hältst, Junge.“ „Komm Bamar.“ Baneh zog seinen Bruder von uns weg. Was bei Antejar einfach ausgesehen hatte, schien Baneh fast zu überfordern, denn Bamar wehrte sich heftig, so dass Baneh sein ganzes Körpergewicht gegen seinen Bruder lehnen musste, um ihn ein paar Schritte zurückzudrängen. „Lass mich! Lass mich!“ „Was ist geschehen?“ „Nichts, was Dich interessieren muss. Wer bist Du? Bist Du allein?“ „Ich wurde Yelda genannt. Terno hat mich geführt, er ist aber fort.“ „Yelda also. Ich bin Schiffahrer Antejar. Momentan ohne Boot wegen Nichtsnutz und Holzkopf dahinten.“ „Wer ist Nichtsnutz und wer ist Holzkopf?“ Antejar brüllte vor Lachen. „Du gefällst mir, Schätzchen. Der Lange, der mehr zappelt als ein Fisch auf dem Trockenen, heißt Bamar, und der Dicke, der an ihm hängt wie eine Kugel, ist Baneh.“ „Lass mich!“ „Halt still!“ „Schnauze!“ brüllte Antejar die beiden an, die so überrascht von seiner Lautstärke waren, dass Baneh seinen Bruder losließ, der aber gleichzeitig aufgehört hatte, sich zu wehren und darum einfach zu Boden fiel. In normaler Lautstärke sagte Antejar zu mir: „Besser. Wenn nicht bald Ruhe gewesen wäre, hätte es ungemütlich werden können.“ Er zog sein Hemd über den Kopf und drückte es mit den Händen aus. Sein Oberkörper war mit mehr Narben übersät als es der von Remde gewesen wäre. Gleichzeitig ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass Remde auch nicht so kraftvoll ausgesehen hatte, denn dessen Körper war schlank und schnell gewesen wie ein schnellender Zweig. Antejars Körper allerdings verriet selbst bei kleinen Bewegungen eine Kraft, die die der Brüder bei weitem übertreffen würde. „Wir sind gekentert“, sagte er mit einem Blick auf sein nasses Hemd. Zu den Brüdern gewandt sagte er: „Macht Euch mal nützlich und sucht Feuerholz, wir müssen trocknen, bevor wir uns auf den Weg machen können.“ Baneh zerrte an Bamar und zog ihn hinter sich her. Bamar, der mich immer noch anstarrte, sich aber nicht mehr gegen seinen Bruder wehrte, trottete hinter ihm in den Wald. „Was machst Du hier, Yelda? Und was ist mit Deinem Freund passiert?“ „Wir folgten dem Fluss, wir haben uns gestritten, dann ist er verschwunden. Und nun folge ich dem Fluss alleine.“ „Einfach so verschwunden? Tja, Schätzchen, Männer sind so, wenn die See zu stürmisch wird, sucht man sich ruhigeres Wasser.“ Er grinste. „Nicht dass andere Wasser nicht auch gefährlich werden könnten.“ „Du meinst, er ist zurück an den See? Das ergäbe doch keinen Sinn.“ „Ich weiß ja nicht, von welchem See Du redest, aber einen Sinn ergibt wenig. Glaub mir, Schätzchen, ich bin nicht erst seit gestern Schiffahrer, und noch länger bin ich Mann. Trau keinem, vor allem nicht, wenn er Dir sagt, Du solltest es tun.“ „Aber Terno hat mich gerettet.“ „Sicher hat er das. Oder es behauptet. Der einzige Mensch, der Dich wirklich retten kannst, bist Du selbst, glaub mir das.“ „Du hast Bamar gerettet.“ „Nichts da. Mit dem Holzkopf wäre er einfach nur flussabwärts getrieben. Ich hab ihn nur rausgezogen, damit ich ihn anschreien kann.“ Ich glaubte ihm nicht, doch bevor ich etwas sagen konnte, kamen Baneh und Bamar wieder aus dem Wald. Sie stritten sich. „Nicht schon wieder“, murmelte Antejar und ging ihnen entgegen. Ich folgte in einigem Abstand. „Was ist denn jetzt schon wieder?“ rief Antejar ihnen entgegen. „Es gibt kein Holz.“ „Natürlich gibt es Holz, Bamar. Und Du weißt, dass wir ein Feuer brauchen, um uns aufzuwärmen.“ „Mir ist warm.“ „Junge, Dir ist vielleicht warm, wir anderen dagegen werden uns aber den Tod holen, wenn wir uns durchnässt auf den Weg laufen.“ „Außerdem ist Dir nicht warm, Bamar, Du zitterst ja.“ „Tu ich nicht. Außerdem ist sie endlich da.“ „Wer?“ fragte Antejar. „Sie? Das Schätzchen? Kennt Ihr Euch?“ Er sah mich an, aber ich sagte: „Ich kenne ihn nicht.“ „Natürlich kennst Du Bamar nicht. Er sagt, er hätte von Dir geträumt.“ „Geträumt? Du bist gut, Junge. So viel wie Du träumst, weißt Du doch gar nicht, ob Du wach bist oder nicht.“ „Jetzt bin ich wach. Und sie ist da. Wie in meinen Träumen.“ „In Deinen Träumen, was? Und was macht sie da? Singen?“ „Sie ist einfach nur da. Sie lauscht.“ „Lauscht, was? Jetzt lausch mir mal, Junge: Deinetwegen habe ich mein Boot verloren, ich hab die Schnauze voll von Deinen Träumereien. Mir ist kalt, ich habe Hunger und echt keine gute Laune.“ „Antejar, nicht. Du weißt, er ist nicht … “ „Halts Maul, Baneh. Hätte ich kein Versprechen gegeben, ich würde Euch einfach hier sitzen lassen. Da Schiffahrer Antejar aber ein Mann von Ehre ist, bringe ich Euch nach Tharb, und wenn es das letzte ist, was ich tue.“ „Könnt Ihr Euch nicht einfach von der Sonne trocknen lassen?“ warf ich ein, doch Antejar schnaubte. „Welche Sonne?“ Er hatte recht. Die Dämmerung war gekommen, doch Wolken hatten den Himmel dunkelgrau gefärbt, und es sah aus, als könnte es jederzeit anfangen zu regnen. „So gesehen auch nicht schlecht“, sagte Antejar. „Vergesst das Feuer. Wir werden ohnehin bald wieder nass.“ Sein Körper entspannte sich ein wenig. „Wohin wolltest Du dem Fluss folgen, Yelda?“ „Dorthin, wo viele Menschen sind. Ich suche einen Zauberer.“ „Einen Zauberer, was? Ich bin nur von Irren umgeben.“ Er schnaubte. „Na aber egal, was Du in der Stadt wolltest. Du solltest mit uns kommen.“ „Wohin geht Ihr?“ „Nach Tharb.“ „Tharb?“ „Die näheste Stadt hier am Fluss. Eigentlich wollten wir in drei Tagen dort sein, ohne Boot werden wir aber länger brauchen, als gedacht. Wenn Du uns begleitest, muss ich aber wenigstens nicht immer nur mit Holzkopf und Nichtsnutz streiten.“ „Ich muss am Fluss bleiben.“ „Wir auch. Vielleicht haben wir Glück und mein Boot ist irgendwo angelandet. Vielleicht finden wir sogar unseren Proviant wieder.“ „Dann komme ich mit Euch, wenn ich darf.“ „Klar, Schätzchen. Der Träumer hier würde eh nie verkraften, wenn wir Dich nicht mitnähmen. Und Baneh tut, was Bamar ihm sagt.“ „Gar nicht wahr!“ „Ach, halts Maul.“
Ich überlegte, was ich tun sollte. Ich konnte hierbleiben und hoffen, dass Terno irgendwann zurückkommen würde. Er würde mich nur hier finden und nur hier erwarten. Sobald ich den Fluss verließ, würde er mich nicht mehr finden können, so lange ich meine Kraft verbarg. Und das würde ich tun, denn ich hatte Angst vor dem, was passieren würde, wenn ich mich nicht konzentrierte. Ich hatte den dunklen Ort, an den meine Kraft gebunden war, schon einmal gesehen, war in ihm erwacht und wollte ihm nie wieder begegnen. Das Dunkel damals und die Lebensferne, die Ferne von allem hatte mir so sehr Angst gemacht, schon bevor ich gewusst hatte, dass ich sie selbst über mich gebracht hatte.
Andererseits jedoch konnte ich nicht hierbleiben. Ich ahnte, dass ich auf mich allein gestellt meinen Körper unterversorgen würde, und er sich dann wieder an der alten Quelle seiner Stärke bedienen würde. Die Drei lagen immer noch auf der Lauer und warteten genau darauf. Das durfte nicht geschehen. Ich musste jemanden finden, der mich lehren könnte, zu überleben und, viel wichtiger, meine Kraft endlich wirklich zu beherrschen. Ich musste einen jener Menschen suchen, die den Strömen von Kraft und Leben nachforschten, ich musste einen jener Menschen finden, die sich Terno zufolge Zauberer nannten.
Ich beschloss, am nächsten Morgen aufzubrechen und dem Lauf des Flusses zu folgen. Terno hatte einmal über die Menschen gesagt, dass sie gerne am Wasser lebten und sich doch gleichzeitig so sehr davor fürchteten, dass sie alles taten, um es nicht berühren zu müssen. Ich hatte Terno gefragt, woher er so viel über die Menschen wisse, und er hatte es mit reiner Neugier für alles Kleine begründet, doch ich bin heute mehr als damals davon überzeugt, dass er die Menschen um ihre Kleinheit beneidete, und dass alles, was er für mich vor und nach dem Fluss tat, dem Ziel folgte, ihn näher an die Menschen zu bringen, die er gleichzeitig verspottete und beneidete. Ich schlief wenig in dieser Nacht, denn trotz Ternos Behauptung, das Strömen des Wassers würde den Strom der Kraft verwirbeln und mich so verbergen, selbst wenn er nicht anwesend wäre, misstraute ich meinen eigenen aufgewühlten Gedanken und meiner eigentlichen Sehnsucht, Terno wiederzufinden. Nicht so sehr, weil ich in Terno einen Führer und Erklärer gefunden hatte, sondern weil ich nicht alleine sein wollte, ohne zu wissen, wer ich war, warum ich in dieser Welt war und wohin ich gehen sollte, um wenigstens auf eine meiner Fragen eine Antwort zu erhalten. Um mich wachzuhalten, dachte ich an Remde, daran, dass die Drei ihn in ihrer Gewalt hatten, denn dass sie ihn getötet hatten wie die anderen Menschen seines Dorfs, wollte ich nicht glauben. Ich konnte nicht glauben, dass jener Mensch, der mir vom ersten Augenblick, da er mich gesehen hatte, nur Freundlichkeit entgegengebracht hatte und immer für mich dagewesen war, nun verschwunden sein könnte, dass seine Kraft in die Welt gehen würde wie der Staub, den der Wind aufwirbelt und verweht. Ein Laut weckte mich, ein leises Flüstern über dem Wasser, dessen stetes Rauschen mich gegen meinen Willen doch noch in den Schlaf gelockt hatte. Stimmen, die gleichzeitig nah und fern waren, formten Worte, die laut genug waren, gehört, aber zu leise waren, um verstanden zu werden. Ich widerstand der Versuchung, mich aus der Verzweiflung einer Verlassenen heraus zu erkennen zu geben. Ich schwieg, ich lauschte. Mandu hatte mich gelehrt auf die Geräusche der Welt zu hören, auf die kleinen und großen Geräusche, auf das auf und ab des Lebens und alles andere, mich vor allem und die Gedanken, die Ängste, die Unsicherheit, das Wollen und Wünschen, das Hoffen und Bangen, einfach zurückzustellen, um zu hören, wie die Welt wirklich sprach, wie die Wirklichkeit klang und wie sie zu mir sprach. Jetzt nutzte ich diese Fähigkeit, deren eigentlichen Sinn ich damals nicht verstanden hatte und erst durch Ternos Erklärung wirklich zu schätzen wusste, um meine aufgewühlten Gedanken und die ebenso unruhigen Wellen des Wassers aus meiner Wahrnehmung auszublenden und auf das zu hören, was dahinter lag. Ich konzentrierte mich nur noch auf die Worte, die irgendwo im Dunkeln gesprochen wurden, denn ich wusste, sie würden mir eine Antwort auf zumindest eine Frage geben: wohin ich mich wenden konnte, um in die Gesellschaft von sprechenden, denkenden Wesen zu gelangen.
„Wie lange noch?“ „Vor drei Tagen waren es sechs Tage, vor zwei Tagen noch fünf und gestern vier. Wie viele werden es wohl jetzt noch sein, Hohlkopf? „Fünf?“ „Bei den Himmeln! Drei! Drei Tage bis zur Stadt. Drei Tage noch, bis ich Dich und Deinen Nichtsnutz von einem Bruder endlich los bin. Was nur habe ich den Göttern getan, dass sie mich so bestrafen?“ „Mutter hat immer gesagt, die Götter sehen alles.“ „Ja, meine Mutter hat das selbe gesagt. Das hat sie nicht daran gehindert, sich hinter Fons Tempel mit einem der Priester zu paaren wie eine läufige Hündin. Bestraft haben sie die Götter jedenfalls bislang noch nicht dafür.“ „Mutter hat gesagt, die Götter bestrafen die, die böse waren. Warst Du böse?“ „Nicht mehr als Könige und Priester. Und trotzdem habe ich Euch zwei Nichtsnutze am Hals.“ „Wie lange noch?“ „Baneh! Er tut es schon wieder! Bring Du ihn zum Schweigen oder ich muss es tun! Baneh!“ Und ein drittes Mal, so laut, dass ich erschrak: „Baneh!“ „Was ist denn los?“ Die dritte Stimme war leise und schleppend. „Was ist denn los? Kann man nich mal nachts in Ruhe schlafen?“ „Nichtsnutz“, zischte der Laute. „Der Hohlkopf hier spielt wieder sein Spiel!“ „Er spielt nich, Antejar. Er ist nur nich schlau wie Du, Antejar. Er meint es ja nich böse.“ Und zu seinem Bruder: „Du meinst es nich böse, oder Bamar?“ „Mutter hat gesagt, sei nicht böse, Bamar. Und ich war niemals böse.“ Antejar schnaubte und Baneh sagte: „Siehst Du, Antejar, er hat es nich böse gemeint.“ „Schaff ihn mir trotzdem vom Hals. Es ist schwer genug ohne ihn, in der Dunkelheit auf Kurs zu bleiben.“ „Wir hätten ankern können, Antejar, glaub mir, wäre besser gewesen.“ „Mein Boot, meine Entscheidung. Je früher wir in Tharb sind, umso früher bin ich Euch los. Wenn ich dafür nachts fahren muss, ist es mir das wert. Kümmer Du Dich um den Holzkopf, und ich kümmere mich um unsere Fahrt.“ „Wird gemacht, Antejar, wird gemacht. Komm, Bamar, ich sing Dir ein Lied vor.“ „Ein Lied! Ja!“ „Singt, aber singt leise.“ Und nach einer kurzen Pause fügte Antejar hinzu: „Und wenn Ihr das Lied vom alten Euter noch einmal singt, schmeiße ich Euch über Bord, egal, wie viel Ihr mir noch zahlen wollt.“
Irgendwann während des Gesprächs waren die Sprecher sichtbar geworden. Unter dem Sternenhimmel, der noch weit von der Dämmerung entfernt schien, konnte ich den Fluss erkennen, der stetig nach Norden strömte, und darauf lag eine Art Floß mit hochgezogenen Rändern, an dessen einem Ende ein Mann saß und am anderen zwei. Der Gesang der beiden war nach dem Gespräch das Einzige, was ich noch hören konnte, bis die drei nicht mehr zu sehen und zu hören waren. Ich machte mir auch nicht mehr die Mähe, sie weiter mit meinen Gedanken zu verfolgen. Drei Tage auf dem Fluss bis zu einer Stadt. Terno hatte mir gesagt, dass Städte ein Ort wie Remdes Dorf sei, dass dort aber viel mehr Menschen lebten. Ich hatte mir gedacht, dass Terno vorgehabt hatte, die Nähe von Menschen zu suchen, doch wie weit wir tatsächlich schon gekommen waren, hatte ich nicht gewusst. Andererseits fragte ich mich jetzt aber auch, warum nicht auch Terno und ich ein solches Floß benutzt hatten, denn diese Art des Reisens schien viel weniger anstrengend und auch schneller zu sein. Während ich nur nachgedacht hatte, dass ich den drei Männern würde folgen müssen, waren sie schon fast wieder außer Sicht gelangt. Ich beschloss, nicht bis zum Morgen zu warten, sondern sofort aufzubrechen, und am Fluss entlang so schnell wie möglich dem Boot zu folgen. Ich ahnte, dass es nicht einfach sein würde, in jener Stadt einen Zauberer zu finden, also würde ich diese drei Männer um Hilfe bitten müssen. Umso wichtiger war es, dass ich sie nicht aus den Augen verlor. Ich brach auf.
"Das Ende der Welt? Wie kann denn die Welt enden?" "Um das zu verstehen, muss ich weit ausholen. Aber wir werden noch eine Weile laufen, vielleicht kann ich es erklären." Bevor wir wieder aufbrachen, trank ich noch einmal ausgiebig aus dem Fluss, dann gingen wir los. "Das, was wir als diese Welt sehen, das worauf wir gehen, diese Wirklichkeit, ist eine Oberfläche der Kraft. Unter dieser Oberfläche und mit ihr verbunden, fließen die endlosen Ströme des Lebens und sie alle haben einen gemeinsamen Ursprung." "Das ist der Ursprung der Kraft, aus dem auch Du entstammst?" "Aus dem alles entstammt. Alles, was Du um Dich siehst, jedes Leben, und sei es noch so klein, hat eine Verbindung direkt zur Quelle. Nicht alle Wesen sind sich dieser Verbindung bewusst, und nicht alle Wesen können selbst aus der Quelle schöpfen." "Können die Menschen es?" "Manche Menschen sind sich der Verbindung zur Quelle bewusst, aber nur sehr wenige von ihnen ahnen, dass es möglich ist, die Verbindung zu verstärken. Es fordert den Menschen viel Konzentration und Disziplin ab, sich der Quelle so zu nähern." "So wie es mich Kraft kostet, mich von ihr zu entfernen." "Auf eine andere Art und Weise, ja." "Ich habe mit der Kraft des Ursprungs die Hummel geheilt und meinen Wald zerstört. Ist es das, was die Menschen erreichen wollen, wenn sie die Quelle suchen?" "Eine gute und berechtigte Frage. Ich kenne keinen dieser Menschen, aber ich glaube, die meisten suchen nach Macht, nach Stärke. Sie fühlen sich anderen unterlegen und fühlen sich darin gekränkt. Und darum wenden sie sich verstärkt dem zu, was sie von jenen anderen unterscheidet." Er dachte kurz nach und sagte dann: "Im Grunde ist das bei allen Wesen so: jedes von ihnen stärkt die Fähigkeiten, die es von anderen unterscheidet. Meine Art ist da nicht anders. Obwohl wir doch alle den gleichen Ursprung haben, versuchen wir doch alles, um uns durch Stärkung unserer speziellen Fähigkeiten voneinander abzugrenzen." "Was unterscheidet Dich von den anderen?" "Außer dass ich Dich vor der Vernichtung rette, die die Drei über Dich bringen wollen?" Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte, aber Terno hatte nichts erwartet, denn er sprach sofort weiter: "Ich erkenne Unterschiede und ich kann diese Unterschiede zu Grenzen aufbauen und diese Grenzen nutzen, um mich und andere abschirmen. Darum bin ich bei Dir und nicht die Drei. Sie können uns nicht sehen, so lange wir zusammen sind, da sie mich nicht fassen können, obwohl wir den gleichen Ursprung haben." "Wie machst Du das?" fragte ich, obwohl ich wusste, dass er es mir nicht sagen würde. Aber etwas anderes, das er gesagt hatte, war mir in den Sinn gekommen, und darüber wollte ich erst nachdenken, bevor ich ihn damit konfrontierte. "Ich werde es Dir zeigen, aber wir sollten zurück zu dem, was ich eigentlich erklären wollte: den Ursprung der Wirklichkeit in der Quelle der Kraft." "Und dem Ende der Welt." "Bevor wir dazu kommen, müssen wir uns ihren Beginn betrachten. Viele Menschen glauben, die Welt wurde von Göttern, übermächtigen Wesen geformt, in deren Kämpfen die Welt um sie herum ihre Form bekam, die sie sehen. Tatsächlich aber formte sich die Welt selbst aus den Strömen der Kraft und des Lebens." "Aber hat ein Stein Leben oder Kraft?" "Sag Du es mir." Er bückte sich, löste einen Stein aus der Erde und legte ihn mir in die Hände. Der Stein war auf der einen Seite abgerundet und glatt, auf der anderen Seite rauh, gebrochen und voller Erde. "Sag mir, ob Du etwas in ihm fühlst." Er sah, dass ich zögerte, und sagte: "Keine Angst, es kann nichts geschehen." Ich schloss meine Augen und konzentrierte mich auf den Stein in meiner Hand. Ich fühlte sein Gewicht, seine Kälte, die langsam in meine Finger eindrang, die feuchte Erde, die an ihm klebte, die glatte und scharfkantige Oberfläche. Ich fühlte aber nichts im Stein, konnte nicht erkennen, ob etwas darin war. Lag es an mir? War ich schon so sehr von der Kraft entfernt, dass ich sie nicht in einem Stein fühlte? Nein, es musste an dem Stein liegen, in ihm war kein Leben. "Such nicht so sehr im Stein selbst. Betrachte ihn als das, was er ist, als Teil der Welt", sagte Terno leise. Und ich begriff: Der Stein selbst war so wenig lebendig wie die Luft um uns oder das Wasser im Fluss. Doch wenn ich Ternos Rat befolgte, dann konnte ich einen Berg sehen, größer als alles, was ich je gesehen hatte, durch den ein Riss wuchs, dessen Oberfläche aufbrach und kippte, und aus dem Bruch floss eine träge, glühende Masse, die Bruchstücke des Berges unter sich begrub. Dann ein noch gewaltigeres Aufbrechen und der Berg verschwand in Staub, Rauch und Asche. Scharfkantige Felsen schleuderte er von sich wie ein nasser Fuchs das Wasser aus seinem Fell schüttelt. Und dann kam Regen, Wasser, das allen Staub vom Land mit sich nahm und auch die großen wie kleinen Brocken aus Stein. Und ich sah, wie das Wasser zu Tal stürzte, alles mit sich zog, was in seinem Weg lag, Steine gegeneinander und gegen die Welt rieb, wie es sich machtvoll in die Ebene fraß und auch dort Stein zu sand und Staub mahlte und davontrug. Und dann endete der Strom des Wasssers und das Flussbett trocknete aus. Der Matsch, der Staub gewesen war, wurde fest und hart wie Stein. Doch auch jetzt waren schon wieder die ersten Risse zu sehen, und mir war klar, was Terno mir hatte zeigen wollen, und sagte: "Der Stein selbst mag nicht lebendig scheinen, aber er ist Teil von Werden, Wachsen und Vergehen. Er hat kein Leben, ist aber Teil davon und trägt daher zwar keine eigene Spur des Lebens in sich, hinterlässt aber eine Spur im Strom des Lebens." Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich Überraschung in Ternos Gesicht und fiel aus der Freude über meine Erkenntnis: "Habe ich etwas falsches gesagt?" "Ganz im Gegenteil." Er lachte. "Ich bin nur überrascht, mit welcher Sicherheit Du die Worte der Menschen beherrscht, die Du erst vor einem halben Mondlauf kennengelernt hast." "Ich lerne schnell", sagte ich und lächelte. "Ja", sagte Terno. "Du lernst schnell." Und obwohl er sein Mund immer noch lächelte, sah ich doch, dass seine Augen einen Zug annahmen, den ich bei ihm noch nicht gesehen hatte. Kennengelernt hatte ich ihn allerdings bei Remde, und es war Sorge gewesen, Sorge und Angst.
"Die Welt formte sich also selbst aus den Strömen der Kraft und des Lebens", sagte ich, als wir weitergingen. "Und sie formt und verändert sich auch weiterhin, auch wenn man lange die Welt beobachten muss, um das zu erkennen. Gebirge wachsen und Täler vergehen, Flüsse ändern ihren Lauf und Wälder überwuchern Sümpfe. Nichts bleibt stehen, nichts sieht sich ewig gleich." "Betrifft das auch den Strom des Lebens selbst?" Terno antwortete erst nicht, dann sagte er: "Natürlich verändert auch er sich, denn er ist die treibende Kraft hinter allem. Wäre der Lebensstrom nicht, nichts veränderte sich. Tod, nein, Stillstand wäre die Folge." "Aber kann er denn nicht enden?" "Nein." "Aber jede Quelle kann versiegen, warum nicht auch diese?" "Weil diese Quelle kein Wasser führt. Warum fragst Du das, wenn wir beide wissen, dass Du die Antwort kennst?" Als wollte er weiteren Fragen asuweichen, ging er schneller, aber ich wusste jetzt, was mich irritiert hatte, und wollte jetzt nicht aufgeben. "Weil ich nicht verstehe, warum es so ist. Wenn sich alles ändert, dann kann man sich doch nichts sicher sein. Auch nicht, ob die eigene Existenz ewig ist." "Meinst Du etwas bestimmtes?" Doch Ternos Frage klang nach einer Antwort. "Ich denke an Deine Art. Ihr entstammt der Kraft und seid in ihr verankert. Woher aber wisst Ihr, dass Ihr nicht wie ein Fluss austrocknen könnt? Woher wisst Ihr, dass Ihr nicht wie die Blätter eines Baumes im Herbst fallen werdet?" "Wir wissen es." Seine Stimme hatte jede Wärme verloren, doch ich beachtete das nicht. Ich spürte, dass ich einer Wahrheit näher kam, die er nicht aussprechen wollte. "Woher? Was gibt Dir die Gewissheit? Woher willst Du wissen, dass Du, der sich so gut abgrenzen kann, nicht ebensogut von der Kraft abgegrenzt werden kannst? Dass sie Dich von sich wirft wie der Berg die absplitternden Felsen?" Ich atmete schwer. Wir waren mittlerweile so schnell, dass wir fast rannten, und ich wusste, dass ich dann keine Fragen mehr stellen könnte. "Ich weiß es. Und Du weißt, dass ich mehr dazu nicht sagen kann." "Dass Du es nicht willst", rief ich und blieb stehen. Ich wollte und konnte nicht mehr rennen. Terno blieb einige Schritte von mir entfernt stehen. "Glaub nicht, dass ich nicht wüsste, dass Du mir nur sagst, was ich Deiner Meinung nach wissen soll. Wir beide wissen, wie schnell ich lerne. Ich habe mich von Mandu anlügen lassen, erinnere Dich. Und ich weiß, dass sie eine von Euch ist oder war." "Sie ist es nicht!" "Doch sie ist es. Die Drei Deiner Art haben es gesagt, und aus welchem Grund hätten sie nicht die Wahrheit sagen sollen? Ich hätte eine der Ihren beinahe vernichtet, sagten sie. Wer, wenn nicht Mandu könnte das gewesen sein?" "Und das ist Dein Beweis? Etwas, was die Drei in einem Traum gesagt haben?" "Es war kein Traum! Es war wirklich!" "Es ist kein Beweis!" "Nein, dass wir hier stehen und Du mich anschreist, weil ich eine Wahrheit ausspreche, die Du nicht sehen willst, ist der Beweis! Du hast Angst vor mir, Angst, dass ich etwas herausfinden könnte, eine Angst, die mit mir und den Strömen von Kraft und Leben zu tun hat. Du hast Angst davor, dass ich herausfinde, warum ich existiere, warum ich beobachtet wurde, und Du hast Angst, dass ich herausfinde, warum Du mich beobachtet hast!" Terno sagte nichts, sondern starrte mich nur an. Und von einem Moment zum nächsten war er verschwunden und ich blieb alleine am Fluss.
Ich wartete bis zum Abend und ich wartete bis zum nächsten Morgen. Ich hatte Angst davor, einzuschlafen, fürchtete, er könnte wiederkommen, ohne dass ich es erfuhr. Doch als die Sonne am nächsten Morgen aufging war er nicht gekommen, und ich wusste, dass ich nicht länger warten musste.
Was für eine Woche. Ich kenne das ja eigentlich vom Wandern so, dass der dritte Tag der schlimmste ist. Dass aber die zweite Woche NaNoWriMo noch anstrengender ist als der dritte Tag an einem steilen Berg, das hat mich dann doch überrascht. Vorangetrieben hat mich vor allem eine subtile Panik, den Anschluss an das Gesamtsoll zu verlieren, und – noch eine Überraschung – Schokolade. Ich esse sonst gar keine Schokolade.
1. Was hast du bisher schon geschafft? Ich habe mein Schreibtempo erhöht und mein Defizit von 1000 Wörtern in ein leichtes Plus verwandelt, so dass ich mich an keinem Tag darum sorgen musste, im Gesamtsoll zurückzufallen, sollte ich keine 1667 Wörter schaffen.
2. Was hast du für die nächste Woche vor? Da ich am Samstag wohl gar nicht werde schreiben können, muss ich das nächste Woche nachholen. Vor allem aber will ich mich nächste Woche weniger ablenken. Ich bin diese Woche ganz gut durchgekommen, mit weniger Ablenkung wäre der Ritt aber weniger holprig gewesen. Mal sehen, ob das nächste Woche besser klappt.
3. Wie läuft es so, macht es dir noch Spaß? Diese Woche hatte ich große Probleme, die Richtung der Geschichte zu erkennen, was mich ein wenig demoralisiert hat. Die Pep-Talk-Mails haben aber viel geholfen, und dass ich mich heute noch einmal gegen meine Trägheit aufgelehnt habe und eine mich selbst überraschende Wendung in die Geschichte bekommen habe, hat mir Lust gemacht, gleich weiter zu schreiben. Dummerweise muss ich gerade jetzt zur Arbeit.
4. Welche Tipps hast du für andere Teilnehmer? Weiterschreiben, weiterschreiben, weiterschreiben. Immer im Hinterkopf behalten, dass jedes Plotloch ein Später hat, und dass man, um dahinzukommen, weiterschreiben muss.
5. Was wirst du nächstes Jahr besser machen? Mir mehr Notizen beim Schreiben machen, damit ich nicht immer zwischen den Zeilen meiner Rohfassung lesen muss, um zu erfahren, was ich mir beim Schreiben eigentlich gedacht habe. Moment, das kann ich ja schon nächste Woche machen.
Die nächsten Tage verliefen in beruhigender Eintönigkeit. Terno leitete uns von einem sicheren Ort zum nächsten. Nachdem wir den Felsen verlassen hatten, rasteten wir unter den ausladenden Ästen eines himmelhohen Baums, auf einer erhöht liegenden Lichtung und an einer kleinen Quelle. Von dort entsprang ein Bach, dessen schlängelndem Fluss eine sanft abfallende Ebene hinab wir folgten.
„Für einige Zeit können wir dem Fluss folgen“, sagte Terno. „Auf geraume Länge ist er selbst ein sicherer Ort, so dass wir keine Sorge tragen brauchen, entdeckt zu werden.“ Direkt am Wasser zu gehen, löste auch das Trinkproblem. Auf dem bisherigen Weg hatte mir Terno zwar essbare Früchte, Beeren und Samen zeigen können, doch Wasser fanden wir nur sporadisch. Das Wasser des Flusses war kalt und floss rasch, doch es stillte meinen Durst, der jetzt, da ich langsam lernte, mich vom Kraftfluss abzuschotten, jeden Tag deutlicher für mich spürbar war. Während wir liefen, zeigte mir Terno verschiedene Pflanzen und Tiere und nannte mir die Namen, die die Menschen ihnen gegeben hatten. So erfuhr ich nicht nur die Namen der Bäume, die ich als meine Familie gesehen hatte, sondern auch, dass sie nicht einzigartig waren, sondern dass es in dieser Welt noch unzählige Buchen, Cathanien, Birken und Eichen standen.
Noch immer gelangte ich nicht mit meinem Geist an den Ursprung der Kraft, und auch wenn Terno mir versicherte, ich würde Fortschritte machen, fühlte ich mich doch kein Stück näher als auf dem Felsen im Moor. Terno sagte, ich könne das Erwachen der menschlichen Bedürfnisse Hunger und Durst als Gradmesser für meinen Erfolg sehen, doch so recht überzeugend fand ich das nicht. Ich träumte nicht in diesen Tagen. Terno sah auch das als gutes Zeichen, wie er auch gut fand, dass ich am Ende jedes Tages, wenn wir über eine weite Strecke gelaufen waren, noch bis zur Erschöpfung versuchte, meinen Geist in die Landschaft um mich herum versinken zu lassen. Ich wusste, dass er mich beobachtete, dass er meine Verbindung zum Ursprung der Kraft überprüfte, und was er sah, schien ihn darin zu bestätigen, dass ich besser wurde. Ich wurde vor allem aber immer erschöpfter, immer schwächer. Je weiter ich mich von der Kraft entfernte, umso mehr kehrten auch die Schmerzen meines Körpers zurück. Wenn ich morgens erwachte, fühlten sich meine Glieder steif und taub an, und ich musste mich recken und strecken, bevor wir aufbrechen konnten. Vor allem aber, und das rief in mir einen nie gekannten Zorn hervor, musste ich Terno, je weiter wir kamen, immer öfter um eine Pause bitten, da mich Hunger und Durst manchmal so sehr plagten, dass ich mich kaum noch darauf konzentrieren konnte, weiterzugehen. Immer öfter saßen wir also am Fluss, der mittlerweile sich mittlerweile so tief und breit in die Landschaft gegraben hatte, dass eine Überquerung unmöglich schien. In einer dieser Pausen fragte ich Terno, ob wir noch verfolgt würden. „Sie haben nicht aufgegeben, wenn Du das meinst.“ „Aber sind sie uns noch nahe?“ „Nein, aber das spielt auch keine Rolle.“ Ich sah ihn fragend an, sagte aber nichts. „Falls die Drei wüssten, wo wir sind, könnten sie selbst große Distanzen schneller zurücklegen als Du. Entfernungen sind für meine Art nicht, was sie für Menschen oder Dich sind. Erinnere Dich: Wir stammen von jenem anderen Ort. Wir können jederzeit an einem anderen Ort in die Wirklichkeit treten.“ „Könnte ich das auch, wenn ich nicht an diesen Körper gebunden wäre?“ „Nein. Du bist Teil dieser Welt, ob Dein Leib sterblich ist oder nicht.“ „Das heißt, ich bin immer auf die Wege und Weisen der Menschen angewiesen? Ich kann nicht Kraft meiner Gedanken größere Strecken zurücklegen, ohne so erschöpft zu sein, wie ich es bin?“ „Das heißt es. Aber ich beneide Dich auch darum. Wir wissen nicht, wie es sich anfühlt zu träumen, zu schlafen, müde oder hungrig zu sein.“ „Wärst Du gerne sterblich?“ „Die Frage habe ich mir noch nie gestellt, denn es gäbe keine sinnvolle Antwort darauf. Es wird mir nie möglich sein. Ich werde ewig ein Teil der Kraft sein, ich werde ewig bestehen.“ „Es sei denn, die Kraft erlischt.“ „Das wird nie geschehen.“ „Warum nicht?“ „Es wäre das Ende der Welt.“
Am nächsten Tag erst brachen wir auf. Den ganzen vorigen Nachmittag über hatte Terno mir beizubringen versucht, meine Kraft zu kontrollieren. Ternos Worte erinnerten mich sehr an Mandus, denn auch Terno forderte mich immer wieder auf, meine Sinne auf scheinbare Unwichtigkeiten zu lenken, auf Details, auf Schattierungen des Felsens. Dabei geschah etwas seltsames, das ich auch bei Mandus Lauschen verspürt, aber nicht hatte erklären können: mein Geist verlor sich in dem, was ich betrachtete. Ich konzentrierte meine Wahrnehmung so sehr auf Dinge außerhalb von mir, dass ich meinen Körper nicht mehr wahrnahm, sondern mich fühlte wie der Felsen, wie der Spalt, der ihn durchzog, wie die Pflanzen, die darin wuchsen. Und ich spürte, dass ich kurz davor war, etwas wichtiges darüber hinaus oder vielmehr dahinter zu spüren. Ich berichtete Terno von meinen Empfindungen und er sagte: „Du machst gute Fortschritte. Dein Ziel ist es, unter die Oberfläche der Wirklichkeit zu gelangen, hinter die Strukturen, die die Kraft bildet zu sehen.“ „Was ist dort?“ „Der Ursprung aller Kräfte, die die Welt durchziehen. Wenn Du Deine Kraft einsetzt, berührst Du diesen Ort. Von ihm stammt die Energie, die Du einsetzt, um die Welt zu verändern.“ „Und warum will ich dorthin gelangen, wenn ich doch meine Kraft nicht einsetzen will?“ „Im Moment ist Dein Wesen nicht an jenem Ort verankert, darum zerreißt jedes Einsetzen Deiner Kraft die Wirklichkeit. Und darum können Andere, die Deine Kraft kennen und ihre Spur lesen können, Dir folgen.“ „Wie verankere ich mich dort?“ „Eines nach dem anderen. Zunächst musst Du in der Lage sein, überhaupt an jenen Ort hinreichen zu können.“ „Bist Du dort verankert?“ „Mehr noch: ich entstamme jenem Ort. Mein Wesen ist Teil der Kraft, eigenständig und doch dauerhaft mit ihr verbunden.“ „Und woher entstamme ich, dass ich weder Teil dieser Welt bin noch Teil dieser anderen?“ „Das gehört zu den Dingen, die ich Dir nicht sagen kann. Du wirst es selbst erfahren, wenn die Zeit soweit ist.“ Ich war mir nicht sicher, ob Terno es nicht sagen konnte oder nicht sagen wollte, doch ich verstand, dass er sich nicht weiter dazu äußern würde. Und so versenkte ich meinen Geist in die Aspekte der Wirklichkeit um mich und suchte nach der Struktur hinter allem Lebenden, bis mein Geist müde wurde und der Abend dämmerte. Die Müdigkeit, die meinen Körper in den Schlaf zwang, war das einzige Zugeständnis an seine Sterblichkeit. Ich hatte den ganzen Tag weder gegessen noch getrunken. Terno hatte mir erklärt, dass mein Körper sich von meiner Kraft nährte, und daher nicht auf Speise oder Trank angewiesen war. Was das hieß, erfuhr ich am nächsten Morgen. „Wir werden auf unserer weiteren Reise Nahrung für Deinen Körper finden müssen.“ „Warum? Ich verspüre nicht das, was die Menschen Hunger nennen.“ „Solange Du Dich von Deiner Kraft nährst, verbindest Du Dich unbewusst mit ihrem Ursprung. Wir müssen diese Verbindung kappen und Dich mehr mit dieser Welt verbinden, als Du es bisher bist.“ Ich nickte. „Remde hat mir die Verbindung zwischen Nahrung und Menschsein erklärt.“ „Dieser Remde war ein weiser Mann.“ „Als Mandu mich aus ihrer Quelle trinken ließ, litt ich später Schmerzen. Werden diese Schmerzen stärker werden, wenn ich wieder esse und trinke, nachdem ich es jetzt so lange nicht getan habe?“ „Ich glaube nicht. Diese Schmerzen zeigten nur die Sterblichkeit Deines Körpers. Wenn Du diesen Schmerz einmal erfahren hast, wird er so nicht wieder auftreten.“ „Gut. Ich fürchte den Schmerz nicht, wenn er mich rettet, doch wenn ich ihn nicht fürchten muss, ist es mir umso lieber.“ „Dann fürchte ihn nicht, denn die Furcht vor etwas ist meistens weniger erträglich als das, wovor man sich fürchtet.
Mit der aufgehenden Sonne zu unserer Rechten brachen wir auf. Terno erklärte, wir würden nach Norden wandern und erzählte dann viel über die Angewohnheit der Menschen, allem Namen zu geben. „Das verstehe ich gut“, sagte ich. „Auch ich habe das getan, als ich das erste Mal erwachte, um mich abzugrenzen von allem um mich herum.“ „Wir Wesen der Kraft tun das nicht. Wir übernehmen die Bezeichnungen der Menschen für die Dinge in der Welt, da wir wissen, dass alles um uns herum in seinem Wesen mit dem Ursprung der Kraft und damit mit uns verbunden ist. Eigene Namen für etwas zu haben, das ein Teil von uns ist, erscheint uns daher unnötig.“ „Mir hat es geholfen, mich in der Welt zu verorten, als ich erkannte, dass ich nicht war wie die Wesen um mich herum. Dass ich nicht war wie …“ Ich verstummte. Blieb stehen. Wie hatte ich das vergessen können? Wie hatte ich nicht sehen können, was ich getan hatte, obwohl Terno es mir doch vor Augen geführt hatte? Terno blieb ebenfalls stehen und sah mich an. „Yelda? Was ist? Hast Du Dich an etwas erinnert?“ „… meine Familie.“ „Deine Familie?“ „Ich habe sie vernichtet.“ Meine Stimme hörte sich hohl an, und auch Ternos Worte kamen wie aus weiter Ferne: „Was meinst Du? Die Hummel?“ „Meine Familie. Hüterin, Regentrinker, Sämling und Späher. Sie waren die Bäume, unter denen ich erwacht bin. Sie haben mich beschützt, und ich habe sie vernichtet.“ Meine Worte verbrannten meinen Geist, fraßen klaffende Löcher in meine Hände, brachen meinen Körper auf und gaben mein Wesen schutzlos dem Sturm der Erkenntnis preis, von dem ich wollte, dass er mich vernichtete, mich ausriß wie die Stürme aus Hüterins Geschichten die Bäume entwurzelt hatten. Und dann hatte ich plötzlich wieder einen Körper, ein Gesicht, das Tränen überflossen, und ich spürte Ternos Arme um mich, die mich an seinen Körper zogen, als ich mich selbst nicht mehr aufrecht halten konnte. Ich fühlte die Einsamkeit wieder, die mich erfasst hatte, als ich an jenem entlebten Ort aufgewacht war, doch diesmal spürte ich auch die schmerzhafte Wissen, dass ich an jenem Ort nicht etwa fern meiner Familie erwacht war, sondern dort, wo ich ihre Essenz aus dieser Welt getilgt hatte. Und in diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass mein früheres ich niemals jenen Ort verlassen hätte, sondern dass ich dort geblieben wäre, einsam vielleicht, aber ohne das Wissen, dass ich mich selbst in diese Einsamkeit gestürzt hatte. „Yelda, nicht.“ Ternos Stimme war sanft, aber eindringlich. „Gib Dir keine Schuld an dem, was geschehen ist. Du konntest nicht wissen, was geschehen würde. Du hast keine Schuld.“ Doch ich konnte, wollte Terno nicht glauben. Ich hatte so lange gedacht, dass ich meine Heimat wiederfinden würde, dass ich zurückkehren könnte unter die schützenden Arme meiner Bäume, ich hatte so sehr darauf gehofft, dass der Verlust dieser Hoffnung noch viel tiefer schnitt als das Erwachen in der Einsamkeit. Ich hatte keinen Ort mehr, an den ich würde zurückgehen können. Warum sollte ich also überhaupt noch irgendwohin gehen? „Ich habe Schuld“, sagte ich, und die Worte kamen kaum gegen meine Tränen, meine Hoffnungslosigkeit und die Leere an, die meine Stimme lähmten. „Schuld“, sagte Terno, und seine Stimme klang so warm dabei, dass weniger seine Worte als der Klang seiner Stimme den Strom meiner Tränen verlangsamte, „haben diejenigen, die gegen das handeln, was sie für richtig halten. Du aber fühlst den berechtigten Schmerz eines Verlustes, den Du nicht für Dich verantworten darfst. Niemand, nicht einmal die, die Dich beobachtet haben, hatten erwartet, was geschehen ist.“ Ich weinte immer noch, doch langsam konnte ich wieder atmen, wich diese schneidende Enge aus meinem Körper, die ich für immer mit Trauer und meiner Heimat verbinden würde. „Wir müssen nach vorne sehen, Yelda, ich werde Dich lehren, Deine Kraft zu beherrschen, damit so etwas nie wieder geschehen kann. Ich werde Dir beibringen, wie Du Deine Kraft dazu einsetzen kannst, die Welt mit deinem Wesen zu bereichern ohne Angst vor den Folgen haben zu müssen.“ Obwohl ich immer noch weinte, wollte ich ihm glauben, dass er recht haben könnte. Ich wollte glauben, dass Terno, dessen Arme mich hielten, als ich in einer Konfrontation mit mir selbst verloren hatte, recht behalten würde. Ich spürte die Stärke seiner Umarmung und wollte, dass diese Nähe nie wieder enden würde. Ich wusste, dass ich ihm würde glauben müssen, um bei ihm bleiben zu können. Ich glaubte ihm.
Unter mir lagen wieder der See und das Dorf. Aus großer Höhe sah ich darauf hinab. Das Wasser glitzerte im Sonnenlicht, und ich konnte kaum glauben, dass ich diesen friedlichen Ort mit den leicht erregbaren Menschen beinahe vernichtet hätte. Ich sank tiefer, immer näher an den Boden, wo ich bald erkannte, dass die Hütten, die dem See am nächsten standen, Schäden davongetragen hatten, als der Nachhall des flammenden Baumes über sie hinweggezogen war. Die Männer und Frauen des Dorfs halfen einander, die Dächer zu flicken. Ich hielt Ausschau nach Remde, denn ich hoffte, ihn irgendwo unter den Menschen des Dorfs zu erkennen, doch suchte ich ihn vergebens. Für einen Moment dachte ich, vielleicht sei er doch gestorben, bis mir bewusst wurde, dass Terno mich nicht belogen hatte, als er sagte, dass Remde überleben würde.
Meine Aufmerksamkeit und die einiger Menschen wurde auf den Waldrand gezogen, denn dort waren zwei Frauen und ein Mann erschienen. Der Mann trug einen langen blauen Mantel, die eine der beiden Frauen eine gelbe Hose und ein kurz geschnittenes Hemd in derselben Farbe, die andere einen langen Rock aus fließendem roten Stoff und darüber einen ebenso roten kurzen Mantel. Sie gingen ohne Zögern auf das Dorf zu, wo sich schon einige Menschen versammelt hatten. Bukon konnte ich nicht darunter entdecken. Als die buntgekleideten Fremden auf Rufweite herangekommen waren, rief ein großer Mann, der kein Hemd trug, sondern nur einen schweren Hammer: "Verschwindet!" Ich war verblüfft. Waren das die gleichen Menschen, die noch vor wenigen Tagen vor mir auf dem Boden gelegen hatten? Ganz eindeutig hatten sie den Respekt vor jenen, die Bukon als Hohe bezeichnet hatte, verloren. "Wir wollen Euch hier nicht. Verschwindet!" rief der große Mann erneut. Doch die drei Neuankömmlinge machten keine Anstalten zu gehen. Im Gegenteil näherten sie sich weiter dem Dorf. Der blaue Mann schlug seinen Mantel auf, seine Kleidung darunter war ebenfalls blau, doch so dunkel, dass sie fast schwarz aussah. Das Licht spiegelte sich in dem Material, als er näher kam. "Wir sind gekommen, weil wir jemanden suchen", sagte er leise, und doch war seine Stimme so deutlich zu hören, dass selbst jene, die am weitesten weg standen, es gehört zu haben schienen. "Wir suchen", sagte die gelbe Frau, "eine junge Frau. Sie ist vor einigen Tagen in dieses Dorf gekommen. Sie hat gestern einen Menschen verletzt und eine der unseren beinahe vernichtet." "Wo ist sie?" fragte die Frau in Rot. "Sie ist fort. Und ihr solltet ebenfalls verschwinden, wenn ihr wisst, was gut für Euch ist." Der Mann mit dem Hammer trat ein Stück vor. "Dies ist unser Land, wir werden nicht mehr zulassen, dass Fremde alles zerstören." Einzelne Männer und Frauen, die hinter ihm standen, nickten. "Droht uns nicht, wir haben Euch nichts getan." "So lange Ihr immer noch in Sichtweite seid, werde ich diesen Hammer nicht aus der Hand legen." "Wir werden gehen, wenn Ihr unsere Fragen beantwortet: Wohin ist die Fremde gegangen?" "War sie alleine?" "Was ist geschehen?" "Verschwindet! Wir werden keine Fragen beantworten!" Der Mann mit dem Hammer trat noch einen Schritt auf die drei zu. "Ich habe Euch oft genug gewarnt. Wir wollen keine Fremden hier und wiaaaah ..." Sein Satz endete in einem gutturalen Schrei, als er auf die Knie fiel und sich das Handgelenk hielt. Die gelbe Frau trat einen Schritt vor und sagte: "Niemand droht uns." Und die Frau in Rot rief, um die Schreie des Mannes zu übertönen: "Wohin ist sie gegangen?" Doch die Menschen des Dorfs schwiegen. Sie waren ein Stück zurückgewichen und starrten auf den sich krümmenden Mann, dessen rechte Hand nun nicht mehr den Hammer umklammerte, sondern dessen Arm direkt in den Griff des Werkzeugs verwachsen war. Immer noch schrie er und noch immer kamen die Drei näher. "Niemand wird leiden, wenn Ihr uns Auskunft gebt, wie wir es wollen." "Und wenn nicht?" fragte ein junges Mädchen, die Stimme vor Angst bebend. "Dann werdet Ihr wünschen, Ihr hättet uns nicht abgewiesen." Der Blaue lächelte sie an, dann schnippte er mit den Fingern, und das Mädchen fiel zu Boden und rührte sich nicht mehr. "Wird uns jetzt jemand antworten?" Doch sie warteten keine Antwort ab, sondern verloren ihre Form, umflossen wie farbiger Rauch die Menschen, hüllten sie ein und drängten ihnen in Mund und Nase, Augen und Ohren. Ich wusste, sie brauchten nicht die Worte der Menschen, um zu erfahren, was mit mir geschehen war, und wer mich begleitete. Sie würden alles erfahren, was sie wissen mussten. Dienjenigen, die vom Nebel berührt worden waren, brachen leblos zusammen, einige bluteten aus Augen und Ohren. Es tat mir weh, mitansehen zu müssen, dass das Dorf, das ich verlassen hatte, um es vor dem Schatten zu retten, nun von diesen grausamen Wesen zerstört wurde. Hätte ich in diesem Moment einen Körper gehabt, ich hätte Tränen um diese Menschen vergossen und Tränen auch um mich, die ich den Untergang über sie gebracht hatte. Und dann hörten sie einfach auf. Die farbigen Rachfahnen verdichteten sich wieder und zu dritt standen sie vor dem größten Haus des Dorfs. Die Tür stand offen, so dass ich hineinsehen konnte. Remde lag dort auf einem Lager aus Tierfellen. Er hatte die Augen geöffnet und sah die drei Fremden an. "Willkommen", sagte er mit rauher Stimme. Eine Brandwunde bedeckte die linke Seite seines Gesichts und sein linkes Auge war schwarz verbrannt. Und als er weitersprach, war seine Stimme wie Rauch und seine Worte wie Flammen, die sich in meine Wahrnehmung brannten: "Ich heiße Euch willkommen. Mandu sagte Euer Erscheinen voraus. Lasst mich Euch helfen."
Als ich meine Augen öffnete, stand Terno am Rande des Steins und blickte in die Ferne. Ich stand auf und versuchte zu erkennen, was er sah, doch außer Bäumen und Büschen konnte ich nichts erkennen. "Hast du gut geschlafen?" Terno blickte immer noch ins Leere und sah mich nicht an. "Ich hatte eine Vision", sagte ich. "Zumindest fühlte es sich an wie eine. Aber ich glaube, dass sie die Wahrheit war." "Das, was die Menschen Visionen nennen, sind zumeist die Wahrheit, wenngleich nicht immer, wie sie sich den Menschen später präsentiert." Er sah mich an, und der Blick seiner strahlend grünen Augen wärmte mich wie die erste Frühlingssonne die Erde nach dem langen Winter wärmt. "Du bist beunruhigt. Was hast du gesehen?" "Drei Wesen von deiner Art. Sie haben das Dorf zerstört." Ich musste mich zwingen, weiterzusprechen. "Ich glaube, sie haben Remde getötet." "Du bist sicher, dass es kein Traum war?" "Warum sollte ich so etwas träumen?" "Träume spiegeln oft die Ängste der Menschen wieder. Nicht alles, was die Menschen träumen, erfreut sie." Er zog die Augenbrauen hoch und legte den Kopf schief. "In der Tat glaube ich, dass die wenigsten Menschen angenehme Träume haben." "Es war kein Traum, ich bin mir sicher." "Dann glaube ich dir. Und wenn im Dorf geschehen ist, was ich glaube, dann sollten wir bald weiter." "Du sagtest, dieser Ort sei sicher." "Er ist es noch. Doch die drei sind Wesen meiner Art, sie wissen, wo wir uns voreinander verstecken können." "Das ist etwas, was ich dich ohnehin fragen wollte. Warum verfolgen sie dich?" "Ein alter Streit. Auch wenn wir von der gleichen Art sind, heißt das nicht, dass wir die gleichen Dinge wünschen. Oder dass wir einander schonen, wenn es um ... Dinge geht, die uns am Herzen liegen." Die Art, wie Terno das gesagt hatte, fand ich merkwürdig, doch ich beschloss, nicht weiter darauf einzugehen. Wir hatten dringlichere Aufgaben. "Können die Drei uns aufspüren, wenn wir nicht an sicheren Orten sind?" "Sie können unseren Spuren folgen, wenn wir welche hinterlassen." "Dann müssen wir mehr auf Laub und weniger im Matsch gehen", sagte ich, als ich mich daran erinnerte, wie tief die Spuren gewesen waren, die ich am frühen Morgen hinterlassen hatte. Zum ersten Mal lachte Terno, ziemlich unpassend, wie ich fand, andererseits sprang sein Lachen auf mich über und ich lächelte ihn breit an. "Ich meinte andere Spuren. Natürlich könnten die Drei auch deinen Fußstapfen folgen, doch sie würden sich nicht damit aufhalten, wenn sie gleichzeitig auch dem Signalfeuer unserer Kraft folgen können." "Aber ich benutze meine Kraft nicht." Und nach dem, was mir Terno in der Nacht gesagt hatte, wollte ich es auch nie wieder. "Das ist wahr, allerdings müssen wir auch sicherstellen, dass deine Kraft nicht dich benutzt. Deine Visionen beispielsweise ..." "Ich habe sie doch nicht absichtlich!" unterbrach ich ihn, doch er lächelte nur und sagte: "Das glaube ich dir auch. Du kannst sie aber auch nicht kontrollieren. So lange wir an sicheren Orten sind, sind sie ungefährlich, doch nicht immer werden wir einen solchen Ort vorfinden können." "Dann werde ich mich stärker konzentrieren." "Vergiss nicht, du hast jetzt einen sterblichen, einen erschöpfbaren Körper. Er wird Schlaf brauchen und deine Konzentration unterbrechen." "Dann musst du mich wachhalten." "Dann werde ich dich wachhalten." Er machte eine Pause und sah mich an. "Und ich werde dich lehren, deine Kraft zu kontrollieren." "Mandu hat mich gelehrt zu lauschen und zu sehen." "Das ist gut." "Also hat sie mir doch nicht schaden wollen?" "Das sind zweierlei Dinge. Sie hat dich unterrichtet, um sich selbst zu schützen. Sie wollte nicht, dass du entdeckt wirst." "Oder, dass ich meine Kraft einzusetzen lerne?" "Dass du deine Kraft überhaupt einsetzt. Sie wusste wahrscheinlich seit eurer ersten Begegnung, dass sie dir unterliegen würde, käme es zu einem Kräftemessen. Das konnte sie nicht riskieren." "Und doch hat sie es letztlich getan." "Ich glaube, sie wollte, dass dich der Schatten am Ende doch verschlingt, wenn sie dich schon nicht besiegen konnte." "Mit dir hatte sie nicht gerechnet." "Nein. Ich hatte meine Kraft vor ihr verborgen." "Kannst du mich das auch lehren?" "Ich kann und ich werde. Und ich muss, wenn wir unerkannt reisen werden." "Wann fangen wir an?" "Jetzt."
Wir rannten, und während wir rannten, überschlugen sich die Gedanken in meinem Kopf. Ich hatte meine Kraft mit der Mandus gemessen – und gewonnen! Ich hatte Remdes Leben gefährdet – und ihn beinahe getötet. Der Fremde kannte meinen Namen – und schien nicht daran zu zweifeln, dass ich ihn kannte. Und wirklich kam er mir vage bekannt vor, wie jemand, den ich gekannt hatte, und der sich in der Zeit, die wir uns nicht gesehen hatten, sehr stark verändert hatte. Das wiederum erschien mir seltsam, denn die einzigen Menschen, die ich jemals kennengelernt hatte, lebten in diesem Dorf. Noch zumindest, denn wenn der Fremde recht hatte, dann würde bald ein Schatten über das Dorf hereinbrechen und alles vernichten. Ich spürte, dass er recht damit hatte, und so hatte ich nicht lange gezögert, mit dem Fremden zu fliehen. Remde würde überleben, das zählte jetzt, da er bei meiner Auseinandersetzung mit Mandu verletzt worden war. Natürlich wäre ich lieber geblieben oder hätte ihn mit mir genommen, doch ich spürte, dass das nicht möglich war. Nicht nur, weil wir mit dem verletzten Remde nicht schnell genug gewesen wären, sondern auch, weil Remde nicht zu mir gehörte. Und nicht zu dem Fremden, der mir vertraut schien wie ein Teil meiner Selbst.
Die Nacht näherte sich der Morgendämmerung, als wir anhielten. Schon vor einiger Zeit hatte ich die Orientierung verloren, wichtig war, dass wir das Dorf so weit wie möglich hinter uns ließen. Ich vertraute der Führung des Fremden so wie ich Remdes Führung vertraut hatte. Beim Gedanken an ihn ergriff mich für einen Moment Bedauern und Scham, dass ich ihn verletzt hatte, doch dann sagte ich mir, dass die Schuld bei Mandu lag, die mich hätte freigeben können, die sich und Remde hätte unversehrt lassen können. Der Fremde hatte sich auf einen umgestürzten Baum gesetzt und beobachtete mich. „Du kennst meinen Namen“, sagte ich. „Wer bist du?“ „Erkennst du mich nicht?“ „Nein. Aber ich glaube, ich sollte es. Ich weiß, dass ich dir näher war, als ich es Remde oder Mandu jemals hätte sein können.“ „Mandu war ein machtvolles Wesen.“ „Ist sie tot?“ „Besiegt, aber nicht tot. Du hast gezeigt, dass du stärker sein kannst als sie, doch die alte Mandu ist zäh.“ „Kanntest du sie?“ „Ja, vor langer Zeit sind wir uns schon einmal begegnet. Aber das ist eine Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll. Jetzt müssen wir über dich sprechen.“ „Und über dich. Wie ist dein Name? Ich kann Dich nicht grüner Fremder nennen.“ „Warum nicht? Ich hatte schon absonderlichere Namen.“ Ich konnte sein Lächeln spüren. „Nenn mich Terno.“ „Ist dies dein wahrer Name?“ „So sehr wie der deine Yelda ist. Namen sind nur Laute, die nichts mit den Wesen zu tun haben, die sie tragen. Ein Name, eine Wolke, ein Sonnenstrahl. Das Sein ist mehr als ein Name.“ „Du bist kein Mensch.“ „So wie du kein Mensch bist.“ „Ich bin sterblich, weil Mandu mich essen und trinken ließ.“ „Dein Körper ist darum sterblich. Dein Wesen allerdings ist es nicht. Dein Wesen steht immer noch außerhalb der Regeln dieser Welt.“ „So wie deines?“ „Mein Körper ist nur eine Hülle, die ich wähle, wenn ich in dieser Welt erscheinen muss. Mein Wesen aber bleibt außerhalb und unterliegt nicht den Regeln der belebten Welt.“ „Bin ich wie du?“ „Nein.“ Etwas hinter mir schien seine Aufmerksamkeit erregt zu haben. Ich drehte mich um, doch sah ich nichts. Terno stand auf. „Lass uns weitergehen. Wir können auch unterwegs sprechen.“ „Was hast du gesehen?“ fragte ich, als ich ihm folgte. „Ich habe etwas gespürt, das uns folgt.“ „Ist es der Schatten? Mandu sprach von ihm, ich wurde von ihm in einer Vision verschlungen.“ Als er nicht gleich antwortete, fügte ich hinzu: „Du hast ihn am See erwähnt.“ „Was uns folgt, ist nicht der Schatten. Du hast recht, ich habe ihn erwähnt, auch wenn ich ihn nicht fürchte. Doch die Leben dieser Menschen bedrohte er, und darum mussten wir fliehen.“ „Warum folgt er mir? Was habe ich ihm getan?“ „Nicht ihm hast du etwas getan. Es ist die Welt, die du verletzt, wenn du deine Kraft einsetzt.“ „Ich verletze die Welt?“ „Du brichst ihre Regeln, du veränderst die Wirklichkeit. Wenn du einen Stein in eine Pfütze wirfst, veränderst du die Pfütze, Wellen breiten sich auf, Schlamm wird aufgewühlt. Keine Handlung bleibt ohne Folgen.“ „Ich habe eine Hummel geheilt.“ „Ich habe es gespürt. Die Hummel ist nicht mehr. Und nichts mehr, was um sie war.“ „Der entlebte Ort?“ „Ein Teil der Welt, der unter den Schatten gefallen ist.“ „Meinetwegen. Weil ich meine Kraft eingesetzt habe?“ „Es ist etwas geschehen, das nicht hätte geschehen dürfen. Die Verbindung deines Wesens mit der Welt war nicht, wie sie hätte sein sollen.“ „Und darum verlebt alles, was ich mit meiner Kraft berühre?“ „Die Wirklichkeit sucht sich selbst zu heilen, wenn du sie verändert hast. Sie verliert dabei allerdings sich selbst.“ „Aber Mandu hat den Schatten ferngehalten, als ich das erste Mal meine Kraft eingesetzt habe. Und du sagtest, ich könne das Dorf retten, wenn ich es verließe. Hast du mich angelogen?“ „Du bist der Fokus, die Wirklichkeit braucht dich als Fixpunkt, doch wenn du dich außerhalb der Welt befindest, verliert die Wirklichkeit das Ziel.“ „Aber dies ist der gleiche Wald, durch den ich schon einmal ging. Er ist nicht außerhalb der Welt.“ „Der Wald ist Teil der Welt. So lange du aber bei mir bist, bist du nicht Teil der Welt. Unsere Körper sind es, doch unser Wesen befindet sich nicht in dieser Welt.“ „Und warum gehen wir dann noch weiter? Warum hätten wir dann nicht im Dorf bleiben können?“ „Weil der Schatten nicht das einzige ist, das uns folgt.“ „Uns?“ „Weitere Wesen, die sind wie ich, suchen auch nach dir. Es ist wichtiger als alles andere, dass sie dich nicht finden.“ „Warum?“ „Sie wollen deine Vernichtung.“ „Aber du hast gesagt, nur mein Körper sei sterblich. Warum sollte ich sie also fürchten?“ „Weil ihnen dein Tod nicht genug ist. Sie wollen deine gesamte Existenz, dein Wesen auslöschen.“ „Wieso? Wegen des Schattens?“ „Ich kann es nicht sagen. Besser ist es, ihnen gar nicht erst die Möglichkeit zu geben.“ „Müssen wir also immer weiter fliehen?“ „Wir haben bald einen Ort erreicht, an dem sie uns nicht finden können, dort können wir anhalten und unsere weiteren Schritte planen.“ „Das klingt gut. Ich glaube, mein Körper möchte schlafen.“ „Du hast recht. Ich habe vergessen, dass ein sterblicher Körper sich erschöpft. Es ist nicht mehr weit.“ „Gut. Lass uns trotzdem schneller gehen.“
Ternos Ort sah kaum anders aus als der restliche Wald, der durch die mittlerweile goldfarbene Dämmerung wie mit Honig überzogen wirkte. Knorrige Bäume, deren verdrehte Äste bis fast an den Boden heranreichten, hatten uns schon die letzte Zeit über begleitet, als wir über sattfeuchten, schweren Boden liefen. Schließlich wurde der Boden weicher, nasser und meine Füße sanken bei jedem Schritt ein wenig ein. Ternos Schritte dagegen hinterließen keine Spur, denn er ging über den Matsch ebenso wie vorher über die trockene Erde. Wir erreichten einen mannshoch aufregenden Felsen, der groß genug war, um zehn oder mehr Menschen darauf bequem liegen zu lassen. Ich wusste sofort, dass dies der Ort war, von dem Terno gesprochen hatte. Denn obwohl der Felsen aussah, als gehörte er zum Wald wie Boden und Bäume, umlief ihn alle Kraft, als sei er nicht in der wirklichen Welt vorhanden. Hätte ich ihn nicht direkt vor mir gesehen, hätte ich gedacht, dass er ähnlich Mandus Baum war, doch dieser war nicht sichtbar gewesen, solange man den schützenden Schleier nicht lüftete.
„Ich helfe dir hinauf“, sagte Terno, der schon ein Stück weit hinaufgeklettert war und mir seine Hand hinhielt. Ich ergriff sie, und er zog mich hoch. In dem Moment, als ich den Felsen berührte, durchzog ein nicht unangenehmes Prickeln meinen Körper, das mich für einen Moment an die Schmerzen denken ließ, die ich bei meinem ersten Erwachen auf Mandus Insel gespürt hatte, doch dann war es ebenso schnell und spurlos vorbeigegangen wie es gekommen war. „Hier sind wir für einige Zeit sicher.“ Terno sah sich um. „Schlaf, wenn du möchtest.“ Ich wollte. Ich ließ mich in meine Erschöpfung fallen wie einen Stein ins Wasser.
In den folgenden Tagen verblasste der Schmerz. Remde saß bei mir und beantwortete viele meiner Fragen, erklärte mir viel über das alltägliche Leben der Menschen, über sein Leben, über seine verlorene Schwester, deren Namen er mir gegeben hatte. Ich genoss seine Gegenwart, wenngleich ich spürte, dass eine Distanz zwischen uns war, die nichts überbrücken würde. Besonders klar wurde mir das in den Momenten, da Mandu ihn fortschickte, um mich zu lehren. Remde war begierig zu erfahren, was ich lernen sollte, doch ich konnte es ihm nicht zufriedenstellend beschreiben. Aber wie soll man beschreiben, was unbeschreibbar ist? Mandu lehrte mich vor allem, nichts zu tun, meinen Atem fließen zu lassen, die Welt wahrzunehmen, aber nicht versuchen, sie zu erreichen. „Es würde dir ohnehin von hier aus nicht gelingen.“ „Warum ist deine Insel anders?“ „Die Insel ist ein Anker in der Welt, der sich selbst schützt. Hier fließen alle Kräfte anders, auch Raum und Zeit sind anders als außerhalb. Wenn hier Tage vergehen, dann vergehen an Land Wochen, manchmal nur Momente. Die Insel steht außerhalb der Regeln.“ „Wie ich?“ „Wie du.“ „Gilt dann auch für mich, dass ich von der Welt abgegrenzt bin?“ „Natürlich. Du kannst nicht erreichen, was nicht da ist.“ Und obwohl Mandu sicher geklungen hatte, musste ich es versuchen, griff mit meinen Gedanken nach allem, was da war. Und spürte doch nur mich.
Das beeindruckendste in diesen Tagen war sicherlich der Hunger. Bis ich begriffen hatte, dass dieses neue Gefühl, das unter dem Schmerz lag, keine emotionale Leere war, untersuchte ich das jeden Tag stärker werdende Bedürfnis. Überhaupt hatte ich nie Bedürfnisse gekannt, weder Kälte noch Wärme gespürt. Meine vorige Existenz erschien mir angesichts all ihrer Taubheit für mich selbst immer weniger wie ein Leben, das zu führen sich lohnte. Ich pries Mandu in Gedanken dafür, dass sie mir die Möglichkeit gegeben hatte, sterblich zu werden. Ich entdeckte, dass Mandus Quellle nicht nur den Durst löschte, sondern auch den Hunger stillte. Ich entdeckte aber auch, dass die roten Früchte an den Bäumen essbar waren, und ich genoss es, die Kugeln aufzubrechen und in ihrem Inneren einen Schatz aus geronnenen roten Wassertropfen zu finden, die, nahm man sie in den Mund, sauer und gleichzeitig süß waren, und kaute man sie, unter den Zähnen aufplatzten und den Mund mit ihrem Saft füllten. Sie stillten den Hunger und den Durst, und weckten gleichzeitig Lust, mehr zu essen, noch mehr, bis meine Hände klebten und rötlich schimmerten.
„Was hast du heute gelernt?“, fragte Remde, als er mich am Abend besuchte. Er hatte es sich angewöhnt, auf der Insel zu schlafen und erst nach Sonnenaufgang aufs Festland zurückzukehren. Mandu schien nichts dagegen zu haben, ganz im Gegenteil hatte sie es sogar vorgeschlagen. Es würde mir gut tun, sagte sie, jemanden zu haben, der mir meine unzähligen Fragen beantworten würde. „Ich habe gelernt, zu hören.“ „Konntest du denn nicht schon hören?“ „Ich habe Laute wahrgenommen, aber ich habe nicht gehört. Mandu hat es so erklärt, und ich weiß nicht, wie ich es besser sagen könnte.“ „Du hast nicht gelauscht?“ „Wenn das heißt, dass ich nicht versucht habe, zu verstehen, was ich höre, dann habe ich wohl zu lauschen gelernt heute.“ „Und was hast du erlauscht?“ „Ein wehendes Blatt und eine Welle, die sich über den See bewegt.“ Remde sah nicht aus, als sei er beeindruckt. Ich hatte das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. „Es war nicht leicht“, fügte ich hinzu. „Gerade, wo Wellen auf dem See so selten sind.“ „Sind sie nicht.“ Ich war verwirrt. „Soll ich dir eine zeigen? Wir könnten ihr gemeinsam lauschen. Lauschen ist ein schönes Wort.“ „Nein, Yelda, ich habe nur einen Scherz gemacht. Und ja, es ist ein schönes Wort.“ Ich dachte, er wollte noch etwas hinzufügen, darum schwieg ich und sah ihn an. Sein Blick ging an mir vorbei zwischen en Bäumen hindurch. Er sah das Dorf vor sich, das wusste ich. Als er eine Weile lang gestarrt hatten, sagte ich: „Was ist geschehen?“ „Was sollte geschehen sein?“ Doch er sagte nicht, was er eigentlich sagen wollte. „Remde, ich habe heute gelernt, zu lauschen, auf das zu hören, was ist und was nicht ist. Und selbst wenn Mandu meint, dass ich noch viel lernen müsste, so merke ich doch auch, wenn manches, das gesagt werden müsste, nicht gesagt wird. Ich spüre die Pausen, das Denken.“ Ich nahm seine Hand. „Du denkst so laut, dass ich es fast hören kann.“ Ich lächelte ihn an. „Du hast ja recht. Ich muss mit Mandu sprechen.“ „Warum sprichst du nicht mit mir darüber.“ „Weil du nicht weißt, was zu tun ist.“ „Das kannst du gar nicht wissen.“ Und obwohl ich wusste, dass er recht hatte, hatte mich die Bestimmtheit, mit der er meine Unwissenheit ansprach, doch getroffen. „Yelda, du weißt immer noch kaum etwas über dich oder die Welt, das ist kein Geheimnis. Mandu dagegen beobachtet diese Welt schon länger als ich überhaupt lebe. Sie hat mehr Antworten als du und ich zusammen.“ „Dann geh doch und frag sie.“ „Ich denke, du solltest mitkommen.“ „Obwohl ich nicht helfen kann?“ „Ach Yelda, ich wollte dich nicht verletzen. Vergib mir. Was ich mit Mandu zu besprechen habe, könnte dich betreffen, womöglich könnte es dich sogar gefährden. Darum solltest du dabei sein, wenn ich Mandu um Rat frage.“ Nicht vollständig überzeugt nickte ich. „Dann sollten wir sie wohl gemeinsam suchen. So groß ist die Insel nicht."
Wir fanden Mandu an ihrer Quelle. „Ein Fremder war im Dorf.“ „Ein Fremder?“ „Ja. Bukon hat sich ihm gleich zu Füßen geworfen, weil dieser Fremde kunstvoll gefertigte Kleidung trug.“ „War es ein Hoher?“ „Erinnere dich, Yelda: die Götter und ihre Kinder kämen nie zu Bukon.“ „Was wollte er?“ „Er hat jemanden gesucht. Er hat gefragt, ob wir schon einmal Besuch hatten.“ „Aber natürlich hattet ihr. Ich bin zu Euch gekommen.“ „Was hat Bukon gesagt?“ „Nichts. Ich habe statt seiner gesprochen, da er immer noch auf dem Boden lag und vor Ehrfurcht nicht sprechen konnte. Ich habe ihm gesagt, dass niemand im Dorf sei, der nicht dorthin gehöre.“ „Warum hast du ihm nicht gesagt, dass ich hier bin?“ „Weil es ihn nichts angeht.“ „Aber er sucht nach mir!“ „Das können wir nicht wissen.“ „Außerdem bist du hier sicher.“ „Aber wenn er nun weggeht?“ „Was, wenn er es nicht tut?“ „Er ist nicht gegangen. Er hat darum gebeten, außerhalb des Dorfes zu übernachten, damit er morgen weitersuchen kann. Er rechnet damit, dass jemand in der Nacht zu ihm kommt und Yelda verrät.“ „Bukon hat ihn gewähren lassen?“ „Er hat ihn sogar eingeladen, in seiner Hütte zu übernachten. Natürlich wird er von Yelda erzählen.“ „Aber warum auch nicht? Warum soll der Fremde nicht von mir erfahren?“ „Ich denke, dass Remdes Skepsis nicht unangebracht ist.“ „Was soll schon passieren?“ „Er könnte dich mitnehmen.“ „Er könnte dich verletzen.“ „Er könnte die verletzen, die … dir nahestehen.“ „Erinnere dich an deine Vision, Yelda. An das Dunkel, das dir folgte. Wie sicher kannst du sein, dass nicht dieser Mann das Dunkel ist, das du fürchtest?“ „Wie kann ich denn sicher sein, was dieser Mann ist, wenn er nicht bleiben soll, und ich keine Möglichkeit habe, ihn zu befragen?“ „Vertrau mir.“ „Wie kann Vertrauen allein die Antworten ersetzen, die mir dieser Fremde vielleicht geben kann? Bukon mag nicht besonders geeignet dazu sein, Fremde und Götter zu unterscheiden, wenn er aber das Gefühl hat, dass der Fremde und ich irgendwie zusammen gehören, dann sollte ich …“ „Du gehörst nicht zu ihm!“ Remdes Stimme war überraschend laut. „Er gehört nicht hierher und du nicht zu ihm. Er muss verschwinden, er bringt Gefahr, verstehst du das nicht?“ Etwas ruhiger, aber noch mit bebender Stimme, fügte er hinzu: „Für das Dorf natürlich. Er birgt Gefahr für das Dorf.“ „Remde hat recht. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass dieser Mann gute Nachrichten mit sich führt. Die Überlieferungen und deine Vision kündigen ein Dunkel an.“ „Ich soll die einzige Möglichkeit verstreichen lassen, mehr über mich herauszufinden?“ „Er wird ohnehin von dir erfahren. Dann wird er zu uns kommen. Hier wird er keine Macht über dich haben.“ „Ich soll warten?“ „Wir werden gemeinsam warten.“ „Wir warten.“
Die Dämmerung war so rot wie die Früchte von Mandus Baum. Ich sah in den Himmel und gab vor, den fernen Vögeln zu lauschen, die an der untergehenden Sonne vorbeizogen. Während Mandu und Remde sich leise unterhielten, dachte ich nach. Ich wusste, dass der Fremde Antworten auf meine Fragen hatte, die weder Remde noch Mandu mir jemals würden geben können. Selbst wenn die beiden behaupteten, dieser Mann habe nichts mit mir zu tun, wusste ich, dass sie beide nicht daran glaubten. Allein schon der Gedanke, dass er eine Gefahr für mich darstellen könnte, verriet sie. Hätte er nichts mit mir zu tun, wie sollte er mir schaden? Nein, sagte ich mir, sie wollten mich einfach nur von ihm fernhalten. Sie wollten verhindern, dass ich die Insel verließ. Wie eine Spinne Beute in ihrem Netz hält, sollte mich die Insel aus irgendeinem Grund an Mandu binden. Sie mochte meine Kraft fürchten und den Schatten, den ich angeblich warf, doch warum lehrte sie mich dann nicht, meine Kraft wirklich zu kontrollieren statt sie nur zu vergessen? In diesem Moment, dachte ich, erzählt Bukon dem Fremden von mir, und wäre ich dort, ich könnte sofort erfahren, wer ich bin. Und zum ersten Mal kamen mir auch Zweifel an Mandus Wissen über mich. Vielleicht war ich nicht die, von der diese Überlieferungen sprachen. Ich hatte nur vergessen, wer ich war, Mandu hatte keinen Beweis für ihre These außer meiner, wie sie es nannte, Vision. Konnte es nicht doch nur ein Traum gewesen sein? Auch Träume fühlten sich mitunter so wirklich an. Und doch konnte ich mich dahingehend nicht belügen: es war kein Traum gewesen. Das Dunkel war gekommen und hatte Remde verschlungen; und Mandu, die mich sterblich gemacht hatte und sich weigerte, mich zu lehren, hatte mir versichert, ich trage die Verantwortung für den Schatten. Ich betrachtete sie in der zunehmenden Dämmerung. Bei unserer ersten Begegnung war sie zornig gewesen und auch später hatte immer wieder Zorn in ihren Zügen gestanden, Boshaftigkeit, als sie mich aufforderte, aus ihrer Quelle zu trinken, Bosheit, als sie Remde fortgeschickt hatte, Spott, als sie vorgab, ich müsse erst lernen, zuzuhören. Mandu hielt mich zurück, sie sperrte mich ein, Mandu war die Spinne und die Insel ihr Netz. Ich wusste, was ich zu tun hatte.
„Ich werde gehen“, sagte ich laut, und sofort brachen Remde und Mandu ihr Gespräch ab. „Das darfst du nicht!“ Remde sah mich an, und plötzlich fíel mir wieder ein, dass uns die Sorge umeinander verbunden hatte in meiner Vision, und ich wusste, dass Remde diese Liebe wirklich spürte, doch auch, wenn ich fähig zur Liebe gewesen wäre, ich hätte nicht bleiben können. Nicht einmal ihm zuliebe. „Remde, ich muss gehen. Diese Gelegenheit bietet sich mir nicht wieder.“ „Du hast Mandu gehört. Er wird zu uns kommen.“ „Sie wird ihn fernhalten. Ich werde die Antworten, die ich brauche, nicht bekommen, wenn es nach Mandu geht.“ „Yelda! Wie kannst du so von Mandu sprechen? Sie hat dir nichts getan!“ Mandu, die bislang geschwiegen hatte, sagte ruhig: „Du kannst nicht gehen.“ „Ich kann, und du weißt es.“ „Versuche es, doch die Insel wird dich nicht gegen meinen Willen gehen lassen.“ „Also gibst du zu, dass du mich hier gefangen hältst?“ „Ich gebe zu, dich zu deinem eigenen und zum Schutz der Welt daran zu hindern, die Insel zu verlassen.“ „Du wirst mich nicht aufhalten können.“ Bis zu diesem Augenblick war ich dessen nicht sicher gewesen, doch das kurze Aufflackern von Zorn oder Angst in Mandus Gesicht gab mir die Bestätigung, die ich brauchte. „Du kannst mich gehen lassen oder ich werde wirklich Gewalt benutzen.“ „Du weißt nicht, worum du bittest, Kind. Es wird nicht nur dein Untergang sein, wenn du deine Kraft gegen mich richtest.“ „Aber du bist dir doch selbst nicht sicher, ob alles, was du mir über mich erzählt hast, stimmt.“ „Die Überlieferungen …“ „Es gibt keine Überlieferungen, die von mir sprechen. Ich bin – dank dir – ein lebendes Wesen. Wovon auch immer deine Geschichten handeln, sie betreffen mich nicht.“ „Es sind keine Geschichten!“ „Und deine Vision? Du sagtest, das Dunkel würde mich vernichten!“ „Diese Vision ist eine Möglichkeit. Und sie spricht keine wahreren Worte als Mandu. Vielleicht steht das Dunkel für die Zukunft, in die wir nicht sehen können. Vielleicht ist es das, was die Vision mir zeigen sollte: dass ich die Insel verlassen muss, um in eine Zukunft zu gelangen.“ „Vielleicht aber vernichtest du mich. Ist Dir das egal?“ „Nein, das ist es nicht, Remde. Ich verdanke dir viel, doch vielleicht wäre es besser gewesen, du hättest mich im Wald zurückgelassen.“ Ohne Mandu oder Remde die Möglichkeit zur Erwiderung zu geben, fügte ich hinzu: „Ich werde gehen. Haltet mich nicht auf.“ Dann drehte ich mich um und ging. „Yelda!“ „Lass sie. Sie wird nicht weit kommen.“ Ich hörte Remdes Schritte hinter mir, dann spürte ich seine Hand an meinem Arm. Ich blieb stehen und wandte mich ihm zu. „Remde, lass mich gehen.“ „Ich kann nicht.“ „Du musst.“ „Ich kann dich nicht gehen lassen.“ „Du willst mich nicht gehen lassen. Du musst es aber tun. Du kannst mich begleiten, wenn du willst, ich werde es dir nicht verbieten.“ „Sie wird es nicht zulassen.“ „Dann musst du bleiben. Ich kann nur mich gegen ihren Willen befreien.“ „Du musst das nicht tun.“ „Lass mich gehen.“ Ich schloss die Augen. „Ich will dich nicht verletzen.“ Remde sah überrascht aus, ließ aber tatsächlich meinen Arm los. „Bleib hier.“ Tränen füllten seine Augen. „Bitte.“ „Leb wohl.“ Ich drehte mich um und ließ ihn hinter mir, als ich weiterging. Ich kam nur wenige Schritte weit, als sich die Luft zu verdichten schien, an mir klebte wie Schweiß in heißen Nächten. „Mandu“, rief ich, „lass auch du mich gehen.“ „Niemals!“ Ihre Stimme kam nicht mehr von der Quelle, sondern schien aus dem Boden selbst zu stammen. „Du kannst mich nicht aufhalten!“ „Wie sicher bist du dir?“ Doch statt zu antworten, schloss ich die Augen. Ich suchte nach dem Strom aller Kraft, und fand nur mich. Nun würde sich zeigen, ob meine Vermutung richtig war. Ich konzentrierte meinen Geist auf mich selbst, versuchte zu erkennen, wie die Kraft, die von mir ausging, floss. Ich folgte den schimmernden Linien der Kraft, die mich umgaben wie ein Kokon, mich einschlossen, mir eine Form gaben, die nicht meine war. Denn das wurde mir plötzlich klar: was ich bislang für meine eigene Kraft gehalten hatte, gehörte nicht zu mir. Wie Mandu mich gelehrt hatte zu hören, sah ich nun, dass meine Kraft nicht rötlich und träge an mir herab und in den Boden floss, sondern dass unter dieser Schicht ein helleres Feld lag, dessen Streben nicht der Erde, sondern dem Himmel galt und das von Mandus Kokon gefesselt wurde. Ich fühlte der Kraft nach, wanderte mit dem Strom nach unten, unter meinen Füßen hinweg in den Boden, im Boden, der nur aus Ästen bestand in Richtung von Mandus Quelle und von dort in den eigentlichen Stamm des übergroßen Baumes, der die Insel tatsächlich war. Ich hörte Mandus Stimme, und ich spürte, wie sich der Strom im Baum sich gegen mich wehrte, doch Mandu hatte mich zu lange unterschätzt, sie würde mich jetzt nicht mehr aufhalten können. Ich erinnerte mich an die erste Begegnung mit Mandus Schleier auf dem See, und daran, wie sie den Nebel gelichtet hatte. Damals hatte es mich davon abgelenkt, tiefer zu gehen, doch diesmal wusste ich, dass ich Mandu besiegen musste, um von ihr fortzukommen. Selbst wenn sie mir jetzt gestatten würde, zu gehen, würde ich doch nie von ihr frei sein. Ich glaube, sie wusste, dass ich sie nicht schonen würde, hätte sie aufgegeben. Darum wehrte sie sich bis zuletzt mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft. Doch ich ging weiter. Während ich in meinem Geist den Wurzeln des Baumes immer näher kam, löste sich die Klebrigkeit der Luft von mir, und ich konnte weitergehen. Ich musste nicht sehen, wohin ich ging, denn selbst mit geschlossenen Augen würde ich nun an mein Ziel kommen, wenn ich Mandu besiegte. Und dann befand sich mein Geist an der rotglühenden Wurzel des Baumes und ich ließ meine Kraft fließen. Wie silberne Fäden umspannen sie das rote Wurzelwerk, das sich zunächst noch wehrte, doch je mehr Fäden ich auslegte, umso schwieriger wurde es für Mandu, sich gegen mich zu wehren. Und dann hatte meine Kraft sämtliches Rot überlagert. Wie in meiner Vision hatte sich ein silbernes Gleißen über die Wurzel gelegt und über den gesamten Stamm des Baumes bis hoch an die Krone. Und ich flüsterte: „Gib mich frei.“ Und ich war frei.
Ich stand am Ufer des Sees und sah auf die Hütten des Dorfs, die vom Mond beleuchtet waren. Dann drehte ich mich um und sah, dass es kein Mond war, sondern dass das Gleißen des Baums über den See strahlte, das Dorf, die Ebene und den Wald fahl leuchten ließ. Dann erlosch das Bild des Baumes, und nur einen Augenblick rollte ein Donnerschlag über das Wasser, dem ein machtvoller Windstoß folgte, der mich zwang, einen Schritt zurückzugehen. Ich starrte noch auf den jetzt dunklen See, als sich Schritte und leise Stimmen näherten. Ich beachtete sie aber nicht, denn etwas auf dem See hatte meine Aufmerksamkeit erregt. Es war ein Körper, den die Wellen des aufgewühlten Wassers rasch näher trugen, bis er schließlich fast am Ufer lag. Ich ging zu ihm hin und beachtete das Wasser nicht, das kalt an meinen Beinen zog, sondern griff nach Remdes Körper, und versuchte ihn aus dem Wasser zu ziehen. Er war ohne Bewusstsein, doch er atmete. „Hilfe!“ rief ich. „Helft mir, ihn herauszuziehen!“ Und tatsächlich näherte sich jemand und griff mit starken Händen nach Remdes Körper. Gemeinsam zogen wir ihn ans Ufer, wo wir ihn auf den Rücken legten. Teile seines Gesichts waren verbrannt, seine Kleidung hing nur noch in nassen Fetzen an seinem Körper. Ich fiel auf die Knie. Ich wusste, ich konnte ihn heilen, ich hatte die Hummel geheilt, ich würde auch Remde wieder unversehrt sein lassen. Eine Stimme sagte: „Dafür ist keine Zeit.“ „Ich werde ihm helfen.“ „Wir haben keine Zeit. Er wird leben, doch wir müssen fort.“ Zum ersten Mal sah ich den Mann an, der neben mir stand und Remdes Körper mit mir getragen hatte. Er trug aufwendig gearbeitete, frühlingsgrüne Kleidung, und seine Augen leuchteten im selben Grün. „Yelda“, sagte er, „wir müssen fort. Wenn du diese Menschen retten willst, dann müssen wir fliehen, bevor das Dunkel uns alle vernichtet.“
„Du bist wach. Gut.“ Remde saß neben mir und hielt meine Hand. Der Schmerz in meinem Körper war leiser geworden, er fühlte sich mehr als vorher an, als gehörte er zu mir wie die Hand, die Remde hielt. „Du lebst“, sagte ich. „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Ich wusste nicht, warum du das Bewusstsein verloren hast. Ich habe eine Erklärung von Mandu verlangt, doch sie wollte mir keine geben.“ „Du warst fort.“ „Mandu hat mich fortgeschickt. Sie meinte, ich könne nichts für dich tun außer warten.“ „Warst du im Wald?“ „Nein, ich habe ein paar Sachen aus meiner Hütte geholt. Vielleicht können wir sie hier brauchen.“ „Ich habe dich gesehen, du warst im Wald, ich habe dich gesucht, dann hat dich Dunkelheit verschluckt.“ „Du hast geträumt.“ „Es war kein Traum, ich weiß, dass es kein Traum war.“ „Ich habe keine Dunkelheit gesehen außer der Nacht, die kam und ging. Du hast im Schlaf geschrien.“ „Ich habe dich gerufen, ich wollte dich warnen.“ „Es war ein Traum, es muss ein Traum gewesen sein, nichts hat mich versehrt.“ „Es war kein Traum.“ Mandus Stimme war überraschend nah. Ich hatte sie nicht gesehen, und auch Remde sah sich überrascht um, denn er hatte sie ebenfalls nicht herankommen hören. „Du hast gesehen, was hätte sein können. Was gewesen wäre, hätte Remde dich nicht zu mir gebracht.“ „Woher weißt du das?“ „Kind, das Dunkel folgt dir wie die Nacht dem Tag, doch auf meiner Insel bist du vor ihm verborgen.“ „Was bedeutet das, geehrte Mandu? Was wisst Ihr?“ „Warum folgt mir das Dunkel?“ „Ich weiß, dass meine Insel nur erreichen kann, was ich einlasse. Euch habe ich eingelassen, weil du, mein Kind, mit Gewalt meine Grenzen erschüttert hast. Hätte ich nicht nachgegeben, das Dunkel hätte uns längst verschlungen.“ „Ich habe niemandem Gewalt angetan!“ „Es lag nicht in deiner Absicht, denn du weißt nicht, wer du bist oder wozu du in der Lage bist. Umso wichtiger ist, dass du bei mir bist, so wenig ich es mir auch wünschen mag.“ „Fürchtest du mich?“ Remde sah mich entsetzt an, doch Mandu lächelte und sagte: „Ich fürchte die Kraft, die in dir wohnt, und den Schatten, der dir folgt, und den Sturm, den du entfesseln kannst. Doch dich fürchte ich nicht, denn du bist ein Kind und kennst dich nicht.“ Sie kniete sich auf meine freie Seite. „Ein weiterer Grund, warum du bei mir sein solltest. Ich kann dich lehren, deine Kraft zu beherrschen, ich kann dir helfen, dem Schatten zu entgehen. Und ich kann dir einen Teil Deines Selbst geben: Deinen wahren Namen.“ „Aber Remde gab mir einen Namen.“ „Remde gab Dir den Namen einer Toten, die Du nicht bist. Du hast einen eigenen, einen wahren Namen. Du heißt Yelda.“ „Yelda? Wer hat mir diesen Namen gegeben?“ „Ich weiß es nicht, wer ihn dir zuerst gab, und auch weiß ich nicht, wer ihn dir in Zukunft noch geben wird. Dein Leben wird sich wiederholen, du wirst dich wieder verirren und wieder gefunden werden, du wirst erneut erkannt und erneut benannt werden.“ „Wer ist Yelda? Wofür steht ihr Name?“ „Woher weißt du, was mich erwartet?“ „Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich diese Zukunft ist, die dich erwartet. Wir alle folgen einem vorgezeichneten Weg, doch wissen wir zu keiner Zeit, an welchen Ort er führt. Ich erkenne in dir alte Geschichten, Überlieferungen, wenn man so will. Sie erzählen von einem strahlenden Wesen, dem die Dunkelheit folgt. Viele haben darin die Sonne, der die Nacht folgt, viele Sommer und Winter, viele sehen Leben und Tod.“ „Ich kenne diese Geschichten nicht.“ „Natürlich kennst du sie nicht, Remde. Es ist eine Geschichte, die Mütter ihren Kindern über den Tod erzählen. Wer hätte sie dir erzählen sollen?“ Remde schwieg, doch ich sah, dass Mandus letzte Worte ihn traurig gemacht hatten. „Nie hätte ich gedacht, dass eines Tages dieses strahlende Wesen der Überlieferung meine Insel betreten würde. Und ich habe es nicht geglaubt, bis du aus meiner Quelle getrunken hast. Erst da wurde mir klar, wen ich wirklich vor mir hatte.“ „Ist sie denn doch eine Hohe?“ „Keine Hohe, aber ein Wesen weit über den Menschen. Direkt mit der Welt und dem Leben verbunden, darum kannte sie weder Hunger noch Durst, denn sie war nie sterblich.“ In Mandus Gesicht stahl sich ein abwesender, hoffnungsloser Zug ein. „Sie war nie sterblich?“ Wie Remde das eine Wort betonte, beunruhigte mich fast so sehr wie die Wut, die wieder in seinem Gesicht stand. „Remde? Was meint sie?“ „Ich glaube, Mandu will sagen, sie hätte dir deine Unsterblichkeit genommen.“ „Was bedeutet das?“ „Es bedeutet, Dein Leben wird irgendwann enden.“ „Aber jedes Leben endet irgendwann. Ein Baum stürzt und stirbt, Rehe und Käfer, Vögel und Füchse, sie alle sind irgendwann nur noch kalte Körper und nähren dann die, die zurückbleiben. Ihre Kraft wird weitergegeben, ihr Leben ist nicht verloren.“ „Bei dir war das anders. Dein Leben war nicht bestimmt zu enden.“ „Das weiß niemand. Dass sie nie sterblich war, heißt nicht, dass sie unsterblich war. So wie die Sonne nicht stirbt oder die Nacht, stand Yelda immer außerhalb der Begriffe von Leben und Tod.“ „Bis sie aus deiner Quelle trank?“ „Es hätte an jeder Quelle geschehen können, doch erst hier, erst nach der Begegnung mit mir, wurde ihr etwas angeboten, was sie nicht kannte. Nie hatte sie Hunger oder Durst, sie existierte außerhalb von allen Notwendigkeiten, die die Menschen kennen. Ihr Körper war nicht darauf angewiesen, sich wie der eines Menschen zu ernähren.“ „Und dadurch, dass sie menschengleich getrunken hat, wurde sie menschlicher?“ „Das weiß ich nicht. Sie hat dadurch auf jeden Fall den Weg verlassen, dem sie bisher gefolgt ist.“ „Remde hat recht.“ „Was?“ „Du hast recht: ich bin sterblich geworden. So weit ich zurückdenken kann, bin ich Teil der Lebenskraft, die alles durchfließt, doch nachdem ich aus Mandus Quelle getrunken habe, spüre ich den Strom nicht mehr, dem ich durch die Welt folgte. Ich kann sehen und hören, doch ich fühle seither weniger das, was um mich ist, als nur mich.“ „Darum auch die Schmerzen.“ „Welche Schmerzen? Warum habe ich nicht mitbekommen, dass Yelda Schmerzen hatte?“ „Ich habe dich fortgeschickt, bevor sie einsetzten. Du solltest nicht sehen, wie sie darunter litt, wieder in die Welt einzutreten.“ „Hast du jetzt noch Schmerzen?“ „Ich spüre sie noch, doch ich weiß, dass sie zum Leben dazugehören. Der Schmerz sagt mir, dass ich einen Körper habe, dass ich in der Welt bin, so wie ich vorher die Kraft des Lebens um mich spürte.“ „Yelda fühlt das, was alle Wesen zu Beginn ihres Lebens spüren.“ „Als wäre sie neugeboren?“ „Ja.“ „Nein, ich bin das erste Mal überhaupt geboren. Das erste Mal in meiner Zeit bin ich sterblich. Doch mich schreckt das nicht. Ich werde mich an die Schmerzen gewöhnen und wenn mein Leben endet, werde ich mich von meinem Körper verabschieden und die Schmerzen loslassen, und ich werde als Teil des Lebensstroms anderen Wesen meine Kraft geben.“ „Dann bist du nicht traurig?“ „Nein. Aber ich denke, ich möchte ein wenig schlafen.“ „Dann schlaf. Wir sind hier, wenn du erwachst.“
„Du bist wach.“ Mandu lächelte. „Gut.“ Ich versuchte mich zu bewegen, doch der Schmerz ließ das nicht zu. Ich hatte kaum Kontrolle über meinen Körper. Ich konnte Mandu noch nicht einmal anschreien, ihr eine Erklärung abzufordern, was sie mir angetan hatte. „Es tut weh, ich weiß. Kämpf nicht dagegen an, er wird nicht verschwinden, aber Du wirst Dich daran gewöhnen.“ „Remde?“ Das eine Wort war so anstrengend, dass ich es nur flüstern konnte. „Er ist fort.“ Fort? Remde hatte mich mit Mandu alleine gelassen? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er freiwillig gegangen war. Er fühlte sich verantwortlich für mich, das wusste ich, das hatte ich gespürt, bevor mein Geist meinem Körper entflohen war. Mandu musste ihm etwas angetan haben. „Er ist zurück zum Festland geschwommen.“ Mandu ließ meine Hand los und stand auf. „Dein Geist ist jetzt sicher. Schlaf, wenn Du kannst. Es wird den Schmerz erträglicher machen.“ Wahrscheinlich hatte sie recht, dass der körperliche Schmerz erträglicher werden würde. Meine Wut auf Mandu und das Entsetzen über Remdes Abwesenheit hatten den Schmerz ein Stück weit verdrängt. Ich wusste, durch meine Wut würde ich den Schmerz besiegen können, durch meine Gefühle konnte ich stärker werden. Und dann würde ich Mandu zur Rechenschaft ziehen. Mit diesem Gedanken schlief ich ein.
Diesmal wusste ich nicht, ob es Traum war oder Wirklichkeit, die ich im Traum sah. Wie vorher fühlte sich das, was ich erlebte, wie die Wirklichkeit an, doch es konnte nicht sein, es durfte nicht sein. Wieder schwebte mein Geist über dem See, wieder blickte ich weit in die Ferne über den Wald. Doch diesmal färbte ein dunkler Schatten den noch tagblauen Himmel, der ferne Horizont war in der aufkommenden Schwärze nicht mehr auszumachen. Es war nicht die Nacht, die sich dort näherte, zu früh und zu schnell brach sie über den Wald ein, und weit vor der tatsächlichen Abenddämmerung würde sie den See erreichen und die Zweibeine, die dort lebten. Und ich wusste, dass dieses Dunkel aus dem See in der Lichtung im Wald die gleiche entlebte Ebene machen würde, in der ich vor so scheinbar langer Zeit erwacht war. Ich hatte Angst; nicht so sehr um mich, denn ich hatte - obwohl ich Mandu immer noch und wahrscheinlich zu Recht misstraute - nicht das Gefühl, dass sie mich darüber belog, dass ich hier sicher sei. Ich hatte Angst um die Zweibeine und vor allem um Remde, der, sollte Mandu wahr gesprochen haben, sich bei den Seinen befand, und den das Dunkel verschlingen würde. Ich musste ihn, ich musste alle warnen, die dort am Ufer des Sees lebten, vor allem aber musste ich Mandu davon überzeugen, auch dem Dorf ihren Schutz zu geben. Kaum hatte ich diesen Gedanken gedacht, näherte ich mich auch schon dem Dorf, dessen Wohnhöhlen rasch größer wurden. Ich wusste noch nicht, wie ich Remde würde warnen wollen, wenn ich ihn gefunden hatte, denn ich nahm an, dass er mich wie bei meinem Nicht-Traum nicht würde wahrnehmen können. Doch darüber würde ich mir Gedanken machen, wenn ich bei ihm war. Wo würde er sein? Ich konzentrierte mich auf Remde, auf sein Gesicht, seinen Körper, aber viel mehr noch auf das, was ich nicht mit den Augen, sonden mit meinen Gedanken gesehen hatte. Seine Verblüffung, seine Wut, seine Sorge, sein Unverständnis, seine Geduld und seine ihn selbst überraschende Ungeduld. Vor allem aber auf seine Angst um mich, denn diese leuchtete am hellsten von all seinen Gefühlen, und diese Angst würde mich zu ihm führen, das wusste ich, denn auch ich empfand Sorge und Angst um ihn, und ich wusste, diese Ängste würden einander lindern können. Mein Geist ging zwischen den Wohnhöhlen hindurch, rief trotz der Unwahrscheinlichkeit, dass er es hören würde, nach ihm. Ich blickte in die größte der Höhlen hinein, und sah Erdboden, den unzählbare Schritte gefestigt hatten, und darauf Felle von Tieren, an den Wänden unnatürlich gerade Äste mit daran befestigten Steinen, ich sah irdene Schalen und Steine und Federn, seltsam geformtes weißes Holz, und zwischen all dem Zweibeine, groß und klein, manche mit langen, manche mit kurzen Haaren. Nur drei von ihnen sprachen miteinander, doch ich verstand sie nicht, obwohl die Sprache, in der sie sich unterhielten, keine andere sein konnte, als die, in der ich selbst schon mit ihnen gesprochen hatte. Da ich Remde nicht unter den Zweibeinen in der Höhle sah, ging ich weiter, obwohl ich gerne länger geblieben wäre, um herauszufinden, was all die Gegenstände zu bedeuten hatten. Vor allem das weiße Holz, das mich an etwas bestimmtes erinnerte, warf Fragen auf, deren Beantwortung, wie so vieles andere, würde warten müssen. Ich ging weiter, rief sporadisch nach Remde und wusste doch, dass ich ihn hier im Dorf nicht finden würde. Meine Angst um ihn sagte mir, dass ich ihn der Dunkelheit am nächsten finden würde, und so verließ ich das Dorf und ging die ansteigende Ebene hoch, auf den Waldrand zu.
Nun, da ich aus dem Hellen unter den Schatten der Bäume treten sollte, immer im Wissen, dass hinter diesem Dunkel eine viel größere, gefährlichere Schwärze lauerte, war mein Zögern größer als damals, als ich mit Remde das erste Mal freiwillig den Wald verlassen hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nichts anderes gekannt als die Stimmen des Waldes, doch jetzt wusste ich auch, dass die Weite des Himmels keine Gefahr bot, sondern die größte Gefahr von den Lebewesen ausging, die sich unter der Weite versammelten. Ich fürchtete, dass im Wald, wo sich Wesen unerkannt bewegten, die Gefahr viel größer sein würde als auf der freien Ebene. Denn trotz meines Wissens, dass nur mein Geist durch den Wald ging und mein Körper sicher auf Mandus Insel lag, war ich mir nicht sicher, ob ich nicht doch verletzt werden konnte. Wer wusste, was in diesem Wald lebte, und auf welche Art und Weise es mich oder andere verletzen konnte.
Als ich unter den Bäumen hindurch ging, spürte ich kaum den Boden unter meinen Füßen und nicht den Wind, der die Blätter bewegte. Und wenn ich meine Gedanken ausstreckte, um nach der Kraft des Lebens zu greifen, nahm ich nichts wahr außer mir selbst. Je weiter ich voranging, umso dunkler wurde es, nicht nur, weil die dichter und höher stehenden Bäume das Tageslicht immer weiter aussperrten, sondern auch, weil grauer Nebel aus dem Boden aufstieg, der das wenige Licht in sich aufzunehmen schien. Ich brauchte kein Licht, um meinen Weg zu finden, und doch wich mit der abnehmenden Helligkeit auch meine Selbstsicherheit und die Gewissheit, dass ich Remde finden würde. Dass ich ihn würde warnen und retten können. Ich ging schneller, immer schneller in die Richtung, in der ich den Schatten erwartete. Immer wieder streckte ich meine Gedanken aus, auf der Suche nach irgendeinem Zeichen von Leben, und hätte angenommen, dass ich nichts spürte, weil ich von meinem Körper getrennt war, hätte ich nicht am Ende doch etwas gespürt. Direkt vor mir musste eine gewaltige Kraft sein, die sich mit der Unaufhaltsamkeit der Nacht voranschob, die alles überstrahlte, was dort hätte sein können. Während ich den Wald mit meinen Gedanken als bleiche Version seiner selbst wahrnahm, legte sich diese Kraft wie ein schwarzer Film über alles, und wie Wasser, das Sand und Staub mit sich nimmt, zerrann alle Form unter der Wirkung des Schattens. Denn ihn hatte ich gefunden, den Schatten, der sich lautlos über den Wald legte und ihn unter sich begrub. Und dann, kurz vor der gähnenden Leere, die den Schatten begleitete, ein flackerndes Strahlen, das nur einem gehören konnte: Remde, der nur wenige Schritte vor der dunklen Wand stand und sie doch nicht sah, denn er war ruhig und blickte in meine Richtung. Ich weiß, dass er mich sehen konnte, denn er winkte mir zu und rief etwas, das ich nicht verstand, denn ich war noch zu weit fort, um ihn zu hören. „Remde! Komm her!“ Ich schrie, versuchte, die Distanz kraft meiner Stimme zu überbrücken. „Hinter Dir! Lauf!“ Doch Remde hörte mich nicht, er stand da und winkte mir zu, während der Nebel schon seine Füße verbarg und die Bäume direkt hinter ihm schon schwarz anliefen. Ich versuchte, noch schneller zu laufen, ohne zu wissen, was ich tun würde, wenn ich ihn erreicht hätte, wie ich ihn würde mit mir nehmen können, wie ich ihn retten würde. Ich schrie seinen Namen, als die Bäume hinter ihm verschwunden waren, ich schrie seinen Namen, als der Nebel zu seinen Füßen schwarz wurde, und ich schrie seinen Namen, als er hinter sich sah, nur einen Moment, bevor sein ganzer Körper von Schwärze umhüllt wurde. Ich schrie seinen Namen noch, als er längst verschwunden war und die Wand aus Nichts auch mich verschlang.
Ich hatte Schlaf kennengelernt und Träume. Dies war anders. Den Schlaf hatte ich nicht gespürt, erst durch das Erwachen hatte ich erfahren, dass ich vorher nicht wach gewesen war. Und Träume? In ihnen gab es Möglichkeiten, die es außerhalb nicht gab. In einem meiner Träume hatte ich fliegen können, als ich es in der Welt außerhalb versucht hatte, war ich gescheitert. Träume und Schlaf kannte ich. Dies kannte ich nicht. Ich spürte, dass ich nicht wach war, dass mein Körper kein Bewusstsein hatte. Dennoch wusste ich, dass, was immer ich sehen würde, der Wahrheit entspräche. Dass mein Körper auf dem stammgeborenen Boden von Mandus Insel lag, Remde sich über mich gebeugt hatte, meine Hand genommen hatte und Mandu zornige Worte entgegenschleuderte, die regungslos mit dem Rücken zum Stamm saß und Remde und mich ansah, aber nichts sagte. Was Remde sagte, ich hörte es nicht, seine Sorge allerdings konnte ich spüren, seinen Zorn auf Mandu, seinen Zorn auch auf sich selbst, dass er ihr vertraut hatte. Es war seltsam, die Empfindungen eines anderen Wesens so deutlich zu spüren, deutlicher und bestimmter als ich meine eigenen Empfindungen jemals gespürt hatte. Gleichzeitig mit Remdes Wut erfuhr ich, obwohl ich nie selbst Wut gefühlt hatte, was Wut war und dass ihr die Angst um mich zugrunde lag. Es war, als erinnerte ich mich an etwas, das ich nicht vorher gekannt hatte, als entdeckte man einen dritten Arm an sich. Ich wollte Remde trösten, wollte ihm sagen, dass es mir gut ging, dass ich nur gerade nicht wach, nicht ansprechbar war, doch so klar ich wahrnahm, was außer mir war, so sehr war ich außerhalb von allem, so abseits und fern aller Mitteilungswege.
Und dann wurde der nur fühlbare Schleier, der mich von ihm trennte, dichter, sichtbar. Wie aufkommender Nebel füllte er meine Sicht, nahm mich meinem reglosen Körper fort, zog mich aus der Eingrenzung von Mandus Insel. Mein Blick wurde nach außen gelenkt, auf den See und das Ufer und das Dorf und die Ebene dahinter, die an den Wald, den mir so fremden Wald grenzte, und dann darüber hinaus. Bald konnte ich sehen, dass der See sehr wohl begrenzt war, dass ich nur durch Mandus Nebel hindurch die andere Seite nicht hatte sehen können, auf der die Bäume bis ans Ufer reichten. Der Wald selbst war dicht und weit, es gab keine weiteren Lichtungen, keine weiteren Seen in der Nähe, nichts, was auf andere Dörfer schließen ließ, vor allem aber nichts, was dem entlebten Ort glich, der eine weite, schwarze Ebene sein musste. Sie hätte ich nicht übersehen. Ich streckte meine Gedanken aus, suchte nach dem Strom des Lebens, den ich immer um mich gespürt und der mich immer geleitet hatte. Doch ich spürte nichts. Ich spürte kein Leben, nicht nur nicht in der Höhe über dem See, sondern auch nicht im Boden tief unter mir. Es war, dachte ich, während mein Geist immer weiter den Sternen entgegen stieg und ich immer mehr vom endlosen Wald entdeckte, als hätte sich die entlebte Ebene nur mit dem Wald und dem See und dem Dorf bedeckt, wie die Zweibeine sich mit Kleidung bedeckten. Es war, als wäre ich niemals von dort weggegangen. Und obwohl ich wusste, dass mein Körper sicher neben Remde auf Mandus Insel lag, fühlte ich erneut, wie damals in der Ebene, eine Einsamkeit, die so viel größer war als ich, dass sie meinen Geist unter sich begraben würde, gäbe ich auf, durch sie hindurch die Kraft des Lebens zu suchen. Und doch, obwohl ich das erste Mal fühlte, dass ich um mein Leben fürchten sollte, gab ich auf.
„Wird er sie finden?“ „Wie sollte er das können?“ „Er wird sie nicht finden. Sie ist fort.“ „Fort? Was heißt das?“ „Sie ist außerhalb unser aller Reichweite. Selbst wenn wir es zusammen versuchten, selbst wir könnten sie jetzt nicht finden.“ „Woher weißt Du das?“ „Wieso weißt Du das nicht?“ „Was heißt, wir könnten sie jetzt nicht finden?“ „Wir haben sie erschaffen, wir haben einen Teil unserer Essenz gegeben, um ihr Wirklichkeit zu geben. Wir sind immer mit ihr verbunden gewesen.“ „Wir hätten sie also jederzeit finden können?“ „Wir haben einen Teil unserer Essenz gegeben? Ich fühle mich aber ganz und ungeteilt.“ „Wie kann das sein?“ „Erläutere das.“ „Mir fehlt nichts, meine Essenz ist intakt.“ „Wir haben sie aus uns erschaffen, aus unserem Wesen. Ein Stück von Dir sollte sich in ihr wiederfinden.“ „Seit sie in der Welt ist, sind wir mit der Welt durch sie verbunden. Spürst Du das nicht?“ „Nein. Ich sehe die Welt und ich weiß, dass sie existiert, doch ich spüre sie nicht.“ „Wieso mussten wir darauf warten, dass sie uns findet, wenn wir sie jederzeit hätten finden können?“ „Es ist ihr Schicksal uns zu finden, wir haben ihr dieses Schicksal erschaffen, als wir ihr Gestalt gaben.“ „Falls sie anders beschaffen sei, als wir sie zu erschaffen beabsichtigten, hat denn das Schicksal, das wir zu geben beabsichtigten, Bestand?“ „Was?“ „Erläutere das.“ „Jeder von uns sollte einen Teil seiner Essenz verwenden, um sie zu erschaffen. Offensichtlich gab nicht jeder einen Teil von sich.“ „Ich wusste nicht …“ „Wenn sie also nun anders beschaffen ist als gedacht, kann sie dann überhaupt die Aufgabe, für die sie geschaffen war, erfüllen?“ „Könnte sie nicht mehr das richtige Werkzeug sein?“ „Sie ist es nie gewesen.“ „Darum konnte sie vernichten, was sie beschützen sollte?“ „Darum wird sie, wenn wir sie nicht finden, alles vernichten.“ „Wir müssen sie finden?“ „Wir müssen sie aufhalten.“ „Wir müssen sie zerstören.“
Der Wiedereintritt in meinen Körper war schmerzhaft. Oder vielmehr war der Körper, in den ich zurückkehrte, voller Schmerzen. Ich litt, wie ich noch nie gelitten hatte, weil ich noch nie gelitten hatte. Es gab keinen Einzelschmerz, sondern nur das schmerzende Bewusstsein, dass ich einen Körper hatte. Und wenngleich ich ahnte, dass ich mein restliches Leben lang mit diesem Schmerz verbringen müsste, zwang ich meinen Geist dazu, wieder Besitz von mir zu nehmen, denn ich hatte Fragen, auf die ich Antworten bekommen wollte. Ich hangelte mich an den Schmerzen entlang wie ich in der entlebten Ebene dem stillen Strom gefolgt war, bis ich mich in mir selbst wiederfand, eingehüllt in meine Schreie und Tränen. Und ich spürte eine Hand in meiner Hand, und ich wusste, noch bevor ich meine Augen geöffnet hatte, dass mich Remde nicht verlassen hatte, sondern bei mir geblieben war, während ich außer mir gewesen war. Ich zwang mich, nicht mehr zu schreien, und öffnete die Augen. Ich hatte schmerzhaft helles Licht erwartet, doch die Sonne war schon untergegangen, sanfte Dämmerung lag über Insel. Ich blickte zur Seite, um Remde anzusehen. Doch er war nicht da, nicht er hatte meine Hand gehalten. Es war Mandu.
Mandu schien nicht glücklich. „Was wollt Ihr hier?“ „Wir brauchen Hilfe, geehrte Mandu.“ Remde hielt sich am Floß fest, offensichtlich hatte er keinen Grund unter den Füßen. Er war sichtlich erschöpft davon, mich über das Wasser zu ziehen. „Ich suche meine Familie.“ „Wieso sollte ich Euch helfen?“ „Remde sagte, nur Du könntest wissen, wo meine Familie ist.“ „Sie hat den Verstand verloren und sich selbst, geehrte Mandu.“ „Und darum verschafft Ihr Euch mit Gewalt Zutritt zu meiner Insel?“ Remdes zeigte, kurz bevor er unterging, Verblüffung. Nach einem Moment durchstieß sein Kopf wieder die Wasserfläche. „Gewalt?“ Wasser floss von seinem Gesicht. „Sie kann nicht schwimmen, daher nahmen wir das Floß …“ „Es ist nicht das Floß, Remde, und sie weiß es. Du weißt nicht, wen Du bei Dir hast. Dass sie es auch nicht weiß, macht es nicht besser.“ „Bukon meinte, sie sei eine Tochter der Götter.“ Mandus Gesicht erhellte sich. „Eine Hohe?“ „Das sagte er, ja. Und die anderen schienen seiner Meinung zu sein.“ „Dieser Narr. Er ist so besessen, mehr zu sehen als den See, den Wald und den Himmel, der beides umfängt, dass er in jeder Fremden ein Zeichen der Götter sieht.“ „Also ist sie keine Hohe?“ „Wandelten die Götter oder ihre Kinder jemals unter uns, sie kämen nicht zu Bukon. Die Götter brauchen nicht die, die glauben wollen. Es sind die Zweifler, die den Göttern mehr als alles andere nutzen.“ „Also bin ich keine Hohe, weil ich Bukon gesehen habe? Remde, was hast Du getan?“ „Du bist keine Hohe, mein Kind, aber sei darüber nicht traurig und zürne auch Remde nicht. Ich weiß nicht, ob es recht von Remde war, Dich zu mir zu bringen, doch nun seid Ihr hier. Ich kann Euch nicht zurückschicken.“ Sie sah erst Remde an, dann mich, dann blickte sie über den See zurück auf das Dorf und vielleicht darüber hinaus, denn Mandus Blick schien nicht zu sehen, was dort am Ufer war. „Ich werde Euch nicht fortschicken. Ihr seid hier sicher.“ Sie sah zu Remde. „Du hast Leid über Dich gebracht, weißt es noch nicht und kannst auch nichts mehr dagegen tun. Du bist ein Blatt im Wind.“ Dann sah sie zu mir: „Und Du, mein Kind, bist der Sturm.“
Sie bedeutete Remde, auf den Stamm des Baumes zu klettern, auf dem sie bisher gestanden hatte, und auch mir auf den Baum zu helfen. „Lasst das Floß treiben. Es ist niemandem mehr von Nutzen.“ Remde, der es eben an einem Ast befestigen wollte, blickte verwundert auf. „Werden wir die Insel denn nicht mehr verlassen?“ Doch Mandu antwortete nicht, sondern ging voran. Remde ließ das Floß treiben und folgte ihr. Ich sah noch einmal zurück zum Dorf am Ufer, das vom langsam wieder einsetzenden Nebel meinem Blick entzogen wurde. Dann drehte ich mich um und folgte Remde und Mandu.
Mandus Insel schien keinen irdenen Grund zu besitzen. Statt dessen gingen wir auf Bäumen und zwischen Bäumen auf einem Boden entlang, der aussah wie auf der Erde liegende Baumstämme, die erst spät wieder zum Himmel strebten. Zwischen den Stämmen auf dem Boden wuchsen Moose und Farne, aber auch buntblühende Büsche und Blumen mit Rispen gelber Blüten und Trauben von Rot. Hinter Remde gehend sah ich, dass Mandu etwa so groß sein musste wie ich, wie die Zweibeine im Dorf hatte sie ihren Körper verhüllt, ihre Kleidung, die nur aus einem langen Hemd ohne Arme bestand, war schwarz wie die mondlose Nacht. Oder, fiel mir plötzlich ein, wie der entlebte Ort. Mandus Insel aber, sagte ich mir, war so voller Leben, dass sie unmöglich etwas mit dieser Art von Schwärze zu tun haben konnte. Sie führte uns durch ihren Wald zu einer Lichtung, auf die, wie ich später erkennen sollte, alle Baumstämme der Insel zustrebten, um dann in einem einzelnen riesigen Stamm zu münden. Es schien, als bestünde Mandus Insel nur aus diesem einen Baum, dessen Äste glänzend grüne Blätter trugen und Blüten von einer so lebendigen roten Farbe, wie ich es noch nicht gesehen hatte. Was andererseits nicht viel heißen musste. Mandu bedeutete uns, auf dem Boden Platz zu nehmen. Sie setzte sich kurz danach zu uns, nachdem sie vier große braunrote Früchte geholt hatte. Erst als sie vor sich, Remde und mich je eine der Früchte hingestellt hatte, erkannte ich, dass die Früchte nicht vollständig waren. Sie waren leer, nur noch die Schale. Aus der vierten Frucht, die ebenfalls ausgehöhlt, aber mit einer roten Flüssigkeit wieder gefüllt worden war, füllte sie die drei leeren Schalen, dann setzte sie ihre an die Lippen und goss sich etwas davon in den Mund. Remde tat es ihr nach, doch ich zögerte. Wozu sollte das gut sein? Ich hielt meine Schale in der Hand und sah den wogenden Bewegungen der Flüssigkeit zu, bis mir bewusst wurde, dass Remde und Mandu mich ansahen. „Trink“, sagte Remde. „Hast Du keinen Durst? Mandu will uns nichts Böses.“ „Durst?“ fragte ich, und Remde sah mich mit diesem Blick an, den er immer hatte, wenn ich etwas nicht verstand, das ihm vertraut war. Auch Mandu musterte mich, doch ihr Blick deutete keine Verwirrung an oder Unverständnis. Ihr Ausdruck erinnerte mich viel mehr an unsere erste Begegnung, als sie uns abweisen wollte, an Zorn, wie ich später verstand, Zorn und Bosheit, beides Gefühle, die ich erst später kennenlernen und noch viel später verstehen sollte. „Hast Du denn noch nie etwas getrunken?“ Remdes Frage lenkte mich von Mandus Gesicht ab. „Ich weiß nicht.“ „Menschen trinken, um unseren Durst zu stillen, so wie wir essen gegen unseren Hunger. Weißt Du das auch nicht?“ „Ich kenne keinen Durst und keinen Hunger. Sind das gute Dinge?“ „Ich glaube schon, ja. Sie erinnern uns daran, dass wir aus dieser Welt sind, und dass wir essen und trinken, und das verbindet uns mit der Erde und den Tieren und den Pflanzen und damit der Welt.“ „Aber sie sind doch immer da, die Welt ist immer da.“ „So wie der Hunger und der Durst, wenn wir nicht essen und trinken. Und wenn Hunger und Durst zu stark werden, werden wir schwach und sterben, weil nichts anderes von uns übrig ist als Hunger und Durst.“ „Ich verstehe das nicht.“ „Du musst auch schon gegessen und getrunken haben. Wovon solltest Du sonst leben?“ „Ich lebe, weil die Kraft des Lebens mich erfüllt. Ich spüre sie zu jeder Zeit, ich muss mich nicht verbinden mit der Kraft des Lebens, denn durch sie lebe ich.“ Mandu sagte: „Du solltest trinken, mein Kind. Du hast Dich selbst verloren, vergiss das nicht. Nicht unbedingt ist das, was Du über Dich zu wissen glaubst, auch richtig. Du hast gewiss schon früher getrunken und gegessen und weißt es nur nicht mehr.“ Ich sah Remde an, der nickte. Dann sagte ich: „Wie geht also dieses Trinken?“ „Du setzt die Schale an Deine Lippen, lässt die Flüssigkeit Deinen Mund füllen und schluckst sie. Vertraue Deinem Körper. Er wird wissen, was zu tun ist.“ Noch zögerte ich, bis Remde hinzufügte: „Ich habe auch getrunken und es hat mir nicht geschadet, das hast Du gesehen.“ Ich setzte die Schale an meine Lippen, öffnete den Mund und ließ die Flüssigkeit in meinen Mund fließen. Kälte überzog das Innere meines Mundes, Taubheit erfasste meine Zunge, aber auch andere Gefühle, die ich nicht einordnen konnte, die mich an den Geruch von Blüten und den des Holzes im Wald erinnerten. Und als ich mich noch fragte, wie dieses Schlucken passieren sollte, geschah es schon. Mein Körper wusste, was zu tun sei, und ich spürte, wie die Flüssigkeit aus meinem Mund in meinen Körper wanderte, tiefer durch meinen Hals in meinen Bauch. Und ich war so überrascht, als mir die Schale den Fingern entglitt, als meinen ganzen Körper Taubheit erfasste, als ich das Bewusstsein verlor, dass ich fast nicht mehr hörte, dass Mandu sagte: „Ich musste es tun.“
Nachdem ich mich ja am Montag mit meiner Entscheidung, beim diesjährigen NaNoWriMo mitzumachen, selbst überrascht habe, wo ich doch eigentlich endlich mein geplantes Buch schreiben wollte, habe ich im Folgenden meine ersten Eindrücke festgehalten. Und das nicht nur für die Blogparade.
Was hast du bisher schon geschafft? Jeden Tag mindestens zwei Stunden am Stück geschrieben. Mein Teekonsum ist rapide gestiegen. Da ich nur 500 Worte pro Stunde schaffe, habe ich derzeit ein Minus von 1000 Worten.
Was hast du für die nächste Woche vor? Nächste Woche werde ich weniger Zeit haben als diese. Also muss ich wohl entweder früher aufstehen, konzentrierter schreiben, weniger Zeit mit Teekochen verbringen oder später ins Bett gehen, um das bisherige Minus nicht größer werden zu lassen.
Wie läuft es so, macht es dir noch Spaß? Montag dachte ich noch: worüber soll ich 30 Tage lang schreiben? Seither weigert sich die Geschichte, den Weg einzuschlagen, den ich erwarte. Mittlerweile weiß ich nicht mehr, wie ich die Geschichte nach 30 Tagen beendet haben soll. Ich weiß, dass meine Geschichte so nicht bleiben kann. Sie zieht mich aber so sehr mit, dass ich mir nur kurz notiere, was ich später ändern will. Dass ich der Geschichte aber ein eigenes „später“ zugestehe, macht es mir einfacher, wirklich weiterzuschreiben. Mein einziger Frust: nur 500 Worte pro Stunde.
Welche Tipps hast du für andere Teilnehmer? An möglichst vielen Stellen den Fortschritt notieren und auch die Zeit, die investiert wurde, um diesen Fortschritt zu erreichen. Schwarz auf Weiß zu sehen, was Du geschafft hast, motiviert ungemein.
Was wirst du nächstes Jahr besser machen? Ich werde nicht erst am 1. November abends vom NaNoWriMo überraschen lassen.
„Habe ich etwas falsch gemacht?“ sagte ich leise zu Remde. „Ich glaube nicht“, erwiderte er ebenso leise. „Warum liegen alle auf dem Boden? Sind sie verletzt?“ „Es ist ein Zeichen von Verehrung.“ „Wen verehren sie?“ „Dich.“ „Warum?“ „Ich habe keine Ahnung.“ „Und warum hat er mich so genannt?“ „Hohe?“ „Ja. Natürlich bin ich größer als er, mich aber nur deswegen Hohe zu nennen, halte ich nicht für richtig.“ „Hätte er Dich Zweibein nennen sollen?“ „Natürlich nicht. Er wusste doch schon, bevor er mich gesehen hatte, dass es andere Zweibeine gibt. Da wäre ja Zweibein kein guter Name für mich. Woher hätte ich wissen sollen, dass er mich meint?“ „Woher weißt Du denn, dass er Dich dann mit Hohe meint?“ „Dich kann er ja wohl nicht meinen, Du bist deutlich kleiner als ich. Außerdem hast Du ja einen eigenen Namen.“ „Gut, dass Du Dich daran erinnerst. Warum hast Du Dich dann eben nicht daran erinnert, dass Du niemanden Zweibein nennen solltest?“ „Ich habe doch zu niemandem …“ begann ich und brach ab, als ich bemerkte, dass Bukon und die Dorfbewohner hinter ihm Remde und mich mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht beobachteten. „Was haben sie? Sind sie jetzt verletzt?“ „Ich weiß es nicht.“ „Warum fragst Du dann nicht?“ Remde seufzte. „Ich nenne auch niemanden mehr Zweibein.“ „Ist ja gut.“ Remde seufzte erneut und wandte sich dann an Bukon. „Was ist los?“ „Weißt Du es wirklich nicht?“ „Was soll ich wissen?“ „Dass sie eine Hohe ist, Du Dummkopf.“ „Ist sie das?“ „Bin ich das?“ mischte ich mich ein. „Aber natürlich!“ Bukon schien überrascht. „Natürlich? Sie weiß es doch selbst nicht einmal!“ „Kann sie denn nur etwas sein, von dem sie weiß, dass sie es ist?“ Remde verdrehte nur die Augen, darum fühlte ich, dass ich etwas zu der Diskussion beitragen sollte: „Ich kann sehr wohl etwas sein, von dem ich nicht weiß, dass ich es bin. Außerdem bin ich ja auch hoch.“ Dann fiel mir etwas ein. „Groß würde aber besser passen, weißt Du?“ „Bukon, was ist eine Hohe?“ „Wie kann es sein, dass Du Deinen eigenen Speer wirfst und Deine eigene Hütte bewohnst und Dein eigenes Feld bestellst, aber nicht weißt, dass die Hohen die Kinder der Götter sind?“ „Sie? Eine Tochter der Götter?“ „Sei nicht respektlos!“ „Respektlos? Ich habe sie nackt im Wald gefunden und ihr mein Hemd gegeben. Ist das nicht etwa respektvoller, als sie für etwas zu halten, das sie bestimmt nicht ist?“ „Remde! Wie kannst Du es wagen, die Hohe zu beleidigen?“ „Ich habe sie nicht beleidigt!“ „Natürlich hast Du!“ „Frag sie doch selbst. Ich glaube nicht, dass sie begreift, was Du meinst!“ „Wie kannst Du es wagen … ?“ „Ich weiß nicht, weshalb ihr so laut sprechen müsst. Können die Zweibeine nicht aufstehen?“ „Nenn sie nicht Zweibeine!“ sagte Remde noch lauter als alles vorherige, bevor er sich an Bukon wandte: „Und ich habe die letzten drei Stunden mit ihr verbracht. Ich weiß, was ich sage, wenn ich sage, dass sie es nicht versteht.“ „Remde, ich erkenne Dich nicht wieder. Ich hätte nicht gedacht, dass Du die Götter so missachtest!“ Remde nahm wieder meine Hand. „Das ist doch sinnlos. Wenn Du Deine Knie von Deinem Verstand genommen hast, dann findest Du uns bei Mandu.“ Damit stapfte er an Bukon, der Remde großäugig anstarrte, vorbei und nahm mich mit sich. „Das war seltsam“, sagte ich. „Ja. Ich glaube, Du bist nicht die einzige, die den Verstand verloren hat.“ „Ich habe den Verstand verloren?“ „Das ist eines der wenigen Dinge, deren ich mir gerade ziemlich sicher bin.“
Remde zog mich zwischen den Höhlen hindurch in Richtung des Wasserspiegels. Die Erde auf dem Weg dorthin war unruhig aufgewühlt, satubig und gerissen. Keine Pflanze wuchs hier, von den Baumstämmen abgesehen, die aber auch völlig ohne Leben waren. Wir hielten direkt am Rand des Wassers, als Remde mich fragte: „Kannst Du schwimmen?“ „Schwimmen?“ „Hatte ich auch nicht erwartet. Du musst Dich gut festhalten.“ „Wo?“ wollte ich fragen, als mir Remde bedeutete, mich auf aneinander befestigte Baumstämme zu setzen, die auf dem Wasser schaukelte. „Eigentlich müssten wir zu ihr schwimmen, doch da Du nicht schwimmen kannst, müssen wir eine Ausnahme machen. Ich werde schwimmen und das Floß hinter mir herziehen. Am besten bewegst Du Dich so wenig wie möglich.“ Er zog die Stämme hinter sich her, als er immer tiefer in das Wasser watete, bis es ihm bis zur Brust stand. Dann streckte er sich mit der einen Hand nach vorne, legte seinen ganzen Körper ins Wasser und machte froschartige Bewegungen. Tatsächlich bewegten wir uns vom Ufer fort. Ich fragte mich, wohin wir wohl unterwegs waren. Weil ich vor uns nichts anderes als Wasser sah, blickte ich zurück, wo jetzt Bukon und einige andere Zweibeine des Dorfs zwischen den Höhlen erschienen. Sie waren uns in nicht allzu großer Geschwindigkeit gefolgt, als ob sie nicht sicher gewesen wären, ob sie uns wirklich hätten einholen wollen. Ich sah wieder nach vorne. Zuerst dachte ich, ich hätte etwas gesehen, doch als ich direkt geradeaus sah, war da nichts als die endlose Wasserfläche, die sanft wogte. Als ich meinen Blick zur Seite wandte, sah ich doch etwas aus meinem Augenwinkel. Irgendetwas musste vor uns sein, doch ich konnte es nicht sehen, so lange ich es direkt erblicken wollte. Ich schloss meine Augen und spürte den ruckartigen Bewegungen des Floßes nach, erkannte darin Remdes Bewegungen und darunter das Wogen des Wassers und darunter einen Strom von Wasser, der sich hin und zurück bewegte mit der Geduld, die der Mond beim Überqueren des Himmels hat. Und noch darunter fand ich eine Kraft, die ich kennen musste, aber nicht kannte, wie eine Erinnerung an etwas, das ich vergessen hatte. Mit geschlossenen Augen konnte ich den Strom dieser Kraft verfolgen, wie er vom Grund des Wassers bis auf dessen Spiegel emporreichte und etwas verbarg. Ich spürte, dass dies der Sinn der Kraft war: Verbergen. Und kaum dass ich das gedacht hatte, zerfiel die Kraft wie Nebel im Sonnenschein und gab vor uns Land frei, das bisher verhüllt gewesen war. Ich öffnete die Augen und sah Bäume, die auf dem Wasser zu wurzeln schienen und auf einem von ihnen, ein altes, weißhaariges Zweibein. Das musste Mandu sein.
Ich zögerte, als ich das erste Mal freiwillig den Wald verlassen sollte. Bisher hatte ich nur auf dem entlebten Boden keine Bäume um mich gehabt, und das Gefühl der Verlorenheit inmitten einer unbegrenzten Weite erfasste mich nun erneut, da ich im Begriff war, wieder unter freien Himmel zu treten. Und doch hatte ich keine Wahl, wollte ich diese Mandu nach meiner Familie fragen. Das Zweibein, das mich bislang geführt hatte, war ebenfalls stehengeblieben und sah mich an. „Was ist?“ „Ich habe Angst.“ „Wovor?“ „Davor, dass mit dem freien Himmel auch diese schreckliche Leere darunter zurückkehren.“ So wie das Zweibein mich ansah, verstand es nicht, trotzdem sagte es: „Du musst keine Angst haben. Hier wird Dir nichts geschehen.“ „Kann ich nicht hier warten?“ „Nein. Mandu kommt zu niemandem, sie erlaubt es, besucht zu werden.“ Das Zweibein kehrte zu mir zurück und nahm meine Hand. „Obwohl es sein könnte, dass sie für Dich sogar eine Ausnahme gemacht hätte. Komm jetzt.“ Dann ging er wieder voran und meine Zweifel blieben zurück, als ich den Zug seiner Hand in meiner spürte und mich einfach mitnehmen ließ. Meine Füße traten in seine Spuren, und obwohl mich der Himmel doch sehr beunruhigte, wollte ich nun nicht mehr ohne das Zweibein in dem mir fremden Wald bleiben.
Hinter uns erstreckte sich der Wald wie eine hohe Wand zu beiden Seiten und von Mal zu Mal, das ich zurückblickte, konnte ich weniger erkennen, wo wir zwischen den Bäumen hervorgetreten waren. Mein Plan, beim ersten Anzeichen der Leere wieder umzukehren, zerfiel allerdings, als ich erkannte, wohin das Zweibein mich bringen wollte. Vor uns erstreckte sich eine leicht abschüssige Ebene, die in eine den Himmel spiegelnde Fläche mündete. Ich ahnte, dass es sich dabei um Wasser handeln musste, denn ich hatte schon gesehen, wie sich Wolken in Pfützen spiegeln, doch eine so große Pfütze konnte es nicht geben, sie war so groß, dass es bestimmt ein eigenes Wort dafür gab. Am Rand des Wassers befanden sich Dinge wie große Felsbrocken, zwischen denen weitere Zweibeine umherliefen. „Bleib stehen“, sagte ich zu meinem Zweibein. „Warum?“ Natürlich gingen wir noch, doch als ich stehenblieb, musste das Zweibein das auch tun. „Da vorne sind noch mehr Zweibeine.“ „Das ist mein Dorf und meine Familie. Sie werden Dir nichts tun.“ „Aber es sind noch mehr Zweibeine.“ „Ja, ich sagte doch…“ „Aber wenn da mehr Zweibeine sind, dann kann ich Dich nicht mehr Zweibein nennen. Woher wüsstest Du, dass ich Dich meine?“ „Du nennst mich Zweibein?“ „Ja. Ich gebe allen Dingen Namen, um sie voneinander zu unterscheiden.“ „Zunächst bin ich kein Ding, habe aber einen Namen.“ „Zweibein?“ „Nein. Mein Name ist Remde.“ „Aber ich habe Dich Zweibein genannt.“ „Meine Familie nennt mich Remde. Das ist mein Name.“ „Haben alle Dinge mehrere Namen?“ „Nein. Und Zweibein ist kein Name. Komm jetzt weiter.“ Remde drehte sich um und zog mich wieder hinter sich her. Nach einer Weile blieb das Zweibein noch einmal stehen und sagte: „Bitte sprich niemanden in meinem Dorf mit Zweibein an. Frag mich nach ihren Namen und ich werde sie Dir nennen.“ Dann atmete er tief durch und fügte hinzu: „Und ich habe das Gefühl, als wolltest Du mich gleich fragen, warum ich das sage. Darum bitte ich Dich auch darum, mich das nicht zu fragen. Ich beantworte Dir gerne alle Fragen, sobald Mandu Dich empfangen hat.“ Ich war überrascht, dass er wusste, was ich fragen wollte, dachte mir aber auch, dass er dann wohl ebenso wusste, dass ich überrascht war, was mich noch mehr überraschte. Statt also meine Frage zu stellen, sagte ich nur: „Gut. Dann ist es umso wichtiger, dass wir Mandu bald treffen.“ „Das ist es. Komm nun.“
Je näher wir Remdes Dorf kamen, desto mehr Einzelheiten konnte ich erkennen. Was ich von weitem für Felsen gehalten hatte, waren in Wahrheit Höhlen, deren Wände aus Holz bestanden. Ein schrecklicher Sturm musste vor Zeiten hier gewütet haben. Hüterin hatte von Stürmen erzählt, die Bäume aus der Erde rissen und zu Boden warfen. Sie hatte schon einige dieser Stürme am eigenen Stamm gespürt und sprach daher mit großer Ehrfurcht von ihnen. Ich hätte mir trotzdem nie vorstellen können, dass ein einzelner Sturm dazu in der Lage war, so viele Bäume umzuwerfen, dass man daraus Höhlen errichten konnte. Ich begriff nun, wie berechtigt Hüterins Ehrfurcht gewesen war, und beschloss gleichzeitig, Remde zu fragen, ob er jenen Sturm erlebt hatte. Doch das würde warten müssen. Bei der Erinnerung an Hüterin war mir wieder klar geworden, wie sehr ich sie vermisste. Ich ging schneller, so dass ich bald mit Remde auf gleicher Höhe ging und aufpassen musste, das nicht ich ihn zog, als ich ein Zweibein auf uns zukommen sah. Es sah älter aus als Remde und hatte ähnliche Kleidung. Es drehte den Kopf, als wollte es hinter sich sehen, und rief etwas, dann kam es näher. Wir waren nur noch zehn Schritte von ihm entfernt, als es stehenblieb. Hinter ihm konnte ich das Dorf sehen und noch mehr Zweibeine, die sich näherten. Sie alle hatten ähnliche Kleidung, wenngleich bei einigen die Hosen zusammengewachsen aussahen. Bei einigen der Zweibeine lagen die Kopfhaare glatt und kurz am Kopf an, bei einigen waren sie länger gewachsen und fielen lang bis auf den Rücken. Ich hatte vorher nicht darüber nachgedacht, wie andere Zweibeine aussehen würden, doch dies erschien mir in sich stimmig. Sie konnten natürlich nicht alle gleich aussehen, und natürlich konnte man sie deswegen nicht alle Zweibein nennen. Die Vorstellung aber, dass sie alle Namen tragen sollten, die nicht ich ihnen gegeben hatte, erschien mir seltsam. Zwei Schritte vor dem Zweibein blieben wir stehen. Remde knickte seinen Körper in der Mitte ein, dass Brust und Kopf zu Boden zeigten und richtete sich dann wieder auf. „Remde“, sagte ich, „hat das alte Zweibein einen eigenen Namen?“ Remde sah mich mit großen Augen an, dann blickte er zum dem alten Zweibein, dann wieder zu mir. „Worum hatte ich Dich gebeten?“ „Ich soll niemanden mit Zweibein ansprechen, darum frage ich ja, wie das Zweibein heißt.“ „Bukon, das Zweibein heißt Bukon.“ Ich hätte nicht gedacht, dass seine Augen noch größer hätten werden können. „Alles in Ordnung?“, fragte ich darum, doch Remde hatte mich offensichtlich nicht gehört, sondern starrte Bukon an. Als ich Remdes Blick folgte, sah ich, dass Bukon mich anstarrte. „Remde hat mich im Wald gefunden und will mich zu Mandu bringen. Er sagt, sie kennt Regentrinker. Außerdem hat er mir sein Hemd gegeben.“ Ich war ziemlich überrascht, als Bukon auf seine Knie sank und sagte: „Seid willkommen in unserem Dorf, Hohe.“ Und noch überraschter war ich, als auch alle Zweibeine hinter Bukon sich hinknieten und das Gesicht auf den Boden legten. Als ich Remde ansah, war klar, dass er damit auch nicht gerechnet hatte.
Irgendwann konnte ich nicht weiter weinen. Die Verzweiflung, die so übergroß gewesen war, hatten meine Tränen aus mir herausgespült, und in mir zwar die Einsamkeit gelassen, aber unter aller Hoffnungslosigkeit doch das Bewusstsein, dass ich nicht alleine war, sondern immer noch den Strom des Lebens hatte, der mich hierher geleitet hatte, der mich auch weiter führen konnte, und der mir vor allem vor Augen führte, dass ich zugehörig war, ein Teil von etwas größerem war. Und ich erinnerte mich wieder an die Hummel, die ich verletzt und geheilt hatte, und wie sehr ich damals die Kraft des Lebens auch in mir gespürt hatte, und dass ich nicht so abgeschnitten von allem war, dass ich verzweifeln musste. Ich würde meine Bäume wiederfinden, das wusste ich nun, auch wenn es Zeit brauchen würde.
Das Rascheln von Farn, das Flüstern von Blättern, das Brechen von Zweigen riss mich aus meinen Gedanken. Etwas kam auf mich zu. Nichts kleines, mindestens ein Pferd oder Hirsch, den Geräuschen nach zu urteilen. Kein kleineres Tier hätte sich so laut zwischen den Bäumen bewegt, viel zu leicht hätte es Aufmerksamkeit erregt. Es musste ein Tier sein, das keine Angst hatte, das keine Angst haben musste. Es musste riesig sein. Umso überraschter war ich, als ich erkannte, dass das Wesen, das sich mir näherte, nicht nur nicht größer war als ich, sondern sogar etwas kleiner. Noch dazu erinnerte es mich an kein Tier, das ich bisher gesehen hatte, die alle auf vier Beinen gelaufen waren und nicht nur auf zweien. So also, ging mir plötzlich auf, sehe also ich aus, denn nicht anders konnte dieses Wesen sein als mir ähnlich: auf zwei Beinen gehend, aufgerichtet und freie Arme habend, den Kopf erhoben. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, wie ich aussah, wie anders ich im Unterschied zu allen anderen Tieren war, und wunderte mich nun, dass ich diesen Gedanken noch nicht gehabt hatte, aber auch darüber, dass alle anderen Tiere diesen Unterschied nicht gespürt hatten oder ob sie nur so freundlich gewesen waren, ihn zu ignorieren.
Das Wesen war stehengeblieben, als es mich gesehen hatte und betrachtete mich ebenso genau wie ich es. Es hatte seinen Körper teilweise verhüllt, was mich nicht verwunderte. So ungeschickt sich dieses Tier durch den Wald bewegte, diente die Verhüllung wahrscheinlich als Schutz vor Verletzungen durch abgebrochene Zweige, schlagende Äste oder Prellungen. Ich überlegte, ob die Hülle auch dazu führte, dass man sich vom Lebensstrom so sehr abschnitt, dass einem die Verletzungen der Pflanzen egal waren, als das Tier sprach.
„Wer bist Du?“ Ich war so sehr überrascht, dass das Wesen Worte benutzte wie ich, dass ich nicht antwortete. „Verstehst Du mich?“ „Ja. Bist Du einer der vier?“ „Vier? Ich verstehe nicht. Wer bist Du?“ „Hast Du mich gesucht?“ „Ich habe Dich gefunden, nicht gesucht. Bist Du allein?“ „Ich bin nicht, wo ich sein sollte. Ich suche meine Familie?“ „Du hast Dich also verirrt? Wo lebst Du?“ „Hier.“ „Hier?“ „Auch Du, die Bäume, der Farn, alles, was wir sehen, lebt hier.“ „Nein, ich lebe im Dorf auf der Lichtung am See.“ „Aber ich fühle Dich leben, ich sehe dich leben. Du lebst hier, nicht anderswo.“ Das Wesen antwortete nicht, sondern sah mich nur an. Vielleicht hatte es mich nicht verstanden. „Kennst Du Hüterin und Regentrinker, Sämling und Späher?“ „Nein. Diese Namen kenne ich nicht.“ Die Erleichterung darüber, dass wir über etwas sprachen, das es verstand, war dem Wesen direkt anzusehen. „Sie sind meine Familie. Ich suche sie.“ „Wieso bist Du nackt?“ „Nackt?“ „Warum trägst Du keine Kleidung?“ Ich sah auf meine Hände, dann auf seine, die wie meine leer waren. „Ich trage nichts. Du aber auch nicht.“ Er zeigte auf die Verhüllung. „Kleidung. Das ist eine Hose.“ Er zeigte auf seine Beine, dann auf seinen Oberkörper. „Das ist ein Hemd.“ „Aber ich brauche das nicht, ich bin nicht so ungeschickt.“ „Wieso ungeschickt?“ „Du bewegst Dich durch den Wald wie ein Tier, das zweimal Deine Größe hat. Du hast diese Kleidung, damit Du Dich nicht dabei verletzt.“ „Genug jetzt.“ Er legte seine Hände an seinem Hals auf seine Hemd und zog es dann über seinen Kopf. Seine Haut war da, wo sie bedeckt gewesen war, heller als an seinen Armen und in seinem Gesicht. „Komm her“, sagte er, das Hemd in der Hand. Ich ging die vier Schritte zu ihm, während er mich betrachtete. Ich konnte den Ausdruck in seinem Gesicht nicht deuten, darum betrachtete ich weiter seinen Oberkörper. Offensichtlich war sein Körper nicht immer bedeckt gewesen, denn eine Narbe in der Mitte seiner Brust zeugte von einer alten Verletzung. Je näher ich ihm kam, desto deutlicher wurde mir klar, dass er sich unwohl fühlen musste, seine Finger fassten das Hemd fester und sein ganzer Körper spannte sich an. Als ich vor ihm stand, sah ich, dass ich einen ganzen Kopf größer war als er. Und dann war mir die Ursache seiner Anspannung klar und sagte: „Du musst keine Angst haben. Ich werde Dich nicht verletzen.“ Doch dann erinnerte ich mich wieder an die Hummel, und dass ich sie auch nicht hatte verletzen wollen, es aber dann doch getan hatte. „Ich habe keine Angst“, sagte er, doch sein Atem verriet seine Anspannung. „Knie dich hin.“ Als ich kniete, streifte er mir das Hemd über den Kopf. „Du musst die Arme hier hindurch stecken.“ Als ich das getan hatte, zog er die Verhüllung nach unten, so dass sie mir gerade bis an die Beine reichte. „Steh auf. Folge mir.“ Er drehte sich um und ging zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. Ich folgte ihm, unter diesen fremden Bäumen hielt mich nichts. „Wohin gehen wir?“ fragte ich nach einer Weile, die wir ohne Worte durch den Wald gegangen waren. „In mein Dorf. Zu Mandu. Vielleicht kann sie Dir helfen.“ „Wer ist Mandu? Kennt sie Regentrinker?“ „Ich weiß es nicht. Aber wenn jemand in meinem Dorf jemals von Deinem Regentrinker gehört hat, dann Mandu.“ „Ist sie ein Baum?“ fragte ich, doch er antwortete nicht mehr, bis wir sein Dorf erreicht hatten.
„Writing a novel, as it turns out, is like writing a novel.“ Chuck Wendig
Chuck Wendig von terribleminds.com muss es wissen. Laut Eigenaussage hat er schon so viel geschrieben, man sollte ihn endlich dafür bezahlen, dass er aufhört. Weil das aber nicht jeder kann, ist für einige der NaNoWriMo so wichtig, und das weiß Chuck Wendig auch. Darum hat er hier ein paar Tips für diejenigen parat, die nicht Chuck Wendig sind.
Unter anderem verrät er, was der NaNoWriMo neben lauter unterirdischen Rohentwürfen, die noch nicht mal Rohfassungen sind, tatsächlich ist: eine gute Übung in Schreibdisziplin. Das ist nicht neu, aber es ist hilfreich für diejenigen, die gerade erst entdecken, dass sie schreiben müssen, dass nur Quantität irgendwann auch Qualität bringt.
It can’t get done unless it gets done.
Chuck Wendig weiß aber auch (und verrät es), dass das Schielen auf die magischen 1666 Worte pro Tag alleine nicht ausreicht, um eine Novel zu schreiben. Er betont, dass man auch am Hintergrund arbeiten muss, dass Planen fast noch wichtiger ist als Zählen. Was aber noch wichtiger ist:
Take pride. Eat candy.
Wer seinen Word Count also für den Tag erreicht hat oder – viel wichtiger – noch einen Ansporn hat, um das Pensum zu erfüllen: NaNoWhoNow? NaNoWriMo Dos and Don’ts.
Mit der Nacht als meiner einzigen Begleitung ging ich weiter. Ich zählte meine Schritte nicht, achtete nicht auf das Vergehen der Momente. Ich ging einfach immer geradeaus, das Dunkel der verbrannten Erde hinter mir lassend. Ich fühlte mich dem Strang an Leben entlang, der sich beinahe sichtbar vor mir erstreckte, der mir den Weg wies, den ich zu gehen hatte. Ich wusste nicht, wohin er mich führen würde, doch das war mir egal. Nirgendwo konnte ich mich so alleine, so von allem Leben abgeschnitten fühlen wie auf der entlebten schwarzen Erde, auf der ich erwacht war.
Ich bemerkte das Fehlen der Sterne erst, als es vorbei war. Knapp über dem Horizont vor mir, wo ein schmaler Streifen dunkles Blau sich vom reinen Schwarz der Nacht abhob, funkelten vereinzelte Sterne in die Dämmerung, als wollten sie mir zeigen, ich sei auf dem richtigen Weg. Folgte ich ihnen, so dachte ich, würden sie mich in Sicherheit geleiten. Und so ging ich weiter, immer einen Fuß vor den anderen setzend, einen Schritt nach dem anderen, bis ich nicht mehr wusste, wie lange ich schon gegangen war, bis ich nicht mehr gehen konnte und mich auf den Boden fallen ließ, meinen Körper auf die Erde legte und dem langsamen Fließen des Lebens in der Erde lauschte, bis ich einschlief.
Diesmal träumte ich nicht. Die Leere, die sich über mir erstreckt hatte, erfüllte in diesem Schlaf auch meinen Geist. Als ich erwachte, war das Dunkel der Nacht einem trüben Grau gewichen. Fett und schwer stapelten sich Wolken den Himmel empor, und noch als ich mich versuchte zu erinnern, ob ich jemals einen Schauer außerhalb der schützenden Arme des Regentrinkers erlebt hatte, riss eine der Wolken auf. Eine vielköpfige Schlange aus Licht zuckte hervor und einen Lidschlag später überrollte ein Donnerschlag die Ebene, so machtvoll, dass Staub aufwirbelte und meine Augen tränten. Dann kam der Regen, üppige Kugeln aus Wasser, die im Aufprall auf den Boden noch mehr Staub aufwirbelten und doch sofort wieder banden. Ich hatte mich aufgesetzt und sah diese Wand aus Wasser und Blitzen auf mich zurollen. Ich hatte nichts, das mich schützen würde, und doch hatte ich auch keine Angst, denn ich verspürte die Freude des Lebens. Das schwache Band, das unter der Erde mein Wegweiser gewesen war, wurde stärker, als dränge es aus der Tiefe nach oben, wie die Regenwürmer erst ans Licht kommen, wenn der Regen kommt. Ich spürte, dieser Regen brachte nicht Tod, sondern Leben, brachte Zukunft, würde die Herrschaft des Nichts hinter mir beenden, würde die Verzweiflung von mir waschen und dem Land die Hoffnung wiedergeben, die es seit seiner Entlebung nicht mehr hatte. Ich stand auf, hob die Hände in den Himmel und lachte, als mich das Gewitter überzog wie eine Haut.
Als das Lied des Regens verklang, hörte auch ich auch zu singen. Regentrinker hatte immer gesungen, wenn Schauer über den Wald gezogen war, langsame, tiefe Töne, die in so vollkommenem Kontrast zu den rasch fallenden Tropfen standen, dass ein Muster vollkommener Schönheit entstand, an das ich mich im Gewitter erinnert hatte. Meine Stimme kam kaum gegen den Donner an, doch ich sang in Erinnerung an den Regentrinker, so gut ich konnte, sein Lied. Ich sehnte mich danach, es mit ihm zu singen oder ihm wenigstens zu erzählen, dass ich es nicht vergessen hatte, also ging ich weiter in die Richtung, aus der das Gewitter gekommen war. Der Boden war rutschig jetzt, Staub und Wasser hatten sich zu Schlamm vermischt, der jeden Schritt zu einer eigenen Aufgabe machte, doch mit der Zeit wurde ich immer geschickter. Erst kurz vor ihrem Untergang hatte die Sonne die letzten Regenschleier abgeworfen und überzog mich und die Ebene mit einem dunklen Rot. Je weiter die Sonne sich senkte, umso mehr Sterne erklommen den dunkelnden Himmel und bald – ebenso rot wie meine eigene Haut – auch ein Mond so groß, wie ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte.
Unter dem Licht des Mondes, der seine Farbe verlor, je weiter er aufstieg, setzte ich in dieser Nacht wieder einen Fuß vor den anderen, vorsichtiger als in der Nacht zuvor, um nicht auszugleiten, doch stetig in die gleiche Richtung. Auch wenn das Lebensband, das ich gespürt hatte, nun zu einem machtvollen, freudvollen Strom angeschwollen war, konnte ich fühlen, woher es kam, und ich wusste, dass das der Ort war, an den ich wollte. Erst gegen Morgen, als der Mond knapp über dem Horizont wieder anschwoll und strahlend weiß ins Grau der Dämmerung eintauchen wollte, blieb ich stehen. Der Boden unter meinen Füßen war wieder fest geworden, doch wo vorher nur Krume und Stein gewesen war, streckten winzige Halme von Gras und Blättchen von Pflanzen nun in die Höhe. In der Stille meiner Regungslosigkeit konnte ich ihr leises Lied hören, das zwar einfach war, aber doch voller Freude vom Wachsen und Leben erzählte. Ich legte mich auf den Boden und lauschte dem Singen, bis ich einschlief.
„Ist das ihr Werk?“ „Es liegt in ihrer Macht.“ „Aber sie hat zerstört, was sie bewahren sollte.“ „Sie kann nicht mehr unterscheiden. Sie hat sich verloren.“ „Wir müssen sie finden.“ „Sie kann nicht gefunden werden.“ „Wir müssen auf sie warten.“ „Wir können nicht warten.“ „Wir können und werden warten. Sie wird kommen, wenn der Schatten am dunkelsten ist.“ „Sie hat sich verirrt, wir müssen ihr helfen.“ „Es liegt nicht in unserer Macht.“ „Wir können ihr nicht helfen.“ „Wir, die wir sie geschaffen haben, wir, die ihr ihre Macht gegeben haben, können ihr nicht helfen?“ „Wir haben sie so geschaffen, dass sie unserer Hilfe nicht bedarf.“ „Wir sind nicht mehr die Quelle ihrer Macht.“ „Sie ist verloren ohne uns. Sie kennt sich nicht und nicht ihre Macht.“ „Sie wird sich erkennen.“ „Sie wird den Schatten erkennen.“ „Sie wird ihre Aufgabe und ihre Macht erkennen.“ „Wir müssen sie suchen.“ „Wir müssen auf sie warten.“ „Wir müssen warten.“ „Wir warten.“ „Dann wartet.“
Ich erwachte unter Bäumen. Es waren nicht meine Bäume, doch auch sie sangen Lieder, erzählten sich Geschichten und tanzten mit dem Wind. Ich fragte sie nach Hüter und Regentrinker, erzählte von Sämling und Späher, doch diese fremden Bäume beachteten mich nicht, sie nahmen keine Notiz von meinen Worten. Wären nicht der Boden unter meinen Füßen und der Wind in meinem Haar gewesen, ich hätte gezweifelt, ob ich noch Teil dieser Welt war. Ich spürte die Beinchen eines Käfers, der meinen Fuß erkletterte, und beugte mich hinab, um ihn anzusehen. Einen Käfer wie diesen hatte ich noch nicht gesehen, seinem schillernden grünen Kopf entsprossen lange Fühler von einem etwas dunkleren Grün, sein Körper indes hatte die Farbe von vor Nässe glänzendem Schlamm. Vorsichtig nahm ich ihn auf meine Hand, und aufgeregt flatterten seine Fühler mir entgegen. „Grünschillernder, kennst Du Regentrinker?“ fragte ich ihn, doch antwortete er nicht, sondern wanderte nur vom einen Ende meiner Hand ans andere und dann über den Rand auf meinen Handrücken. Dort verharrte er, die Fühler nach allen Seiten streckend. „Grünschillernder, wo bin ich? Wo ist meine Familie?“ Eine Weile noch saß der Käfer nur still auf der Unterseite meiner Hand, dann flog er davon und verlor sich rasch zwischen den Bäumen. Ich begriff, dass auch er mich nicht verstanden hatte, dass mir, wo auch immer ich hier war, niemand helfen konnte. Ich musste einen Weg zurück finden, einen Weg, der mich im schlimmsten Fall wieder durch das schreckliche Nichts führen würde, das ich doch hinter mir gelassen zu haben glaubte. Doch da ich nicht wusste, wie ich hierher zu den fremden Bäumen gelangt war, würde ich wohl kaum je wieder dorthin finden. So sehr mich die pulsierende Kraft des Lebens im Gewitter auf der leeren Ebene mit Freude erfüllt hatte, so sehr bedrückte mich jetzt die Erkenntnis, dass ich zwar umgeben war vom Lebendigen und doch nichts und niemanden hatte, mit dem ich diese Freude würde teilen können, und je mehr ich an die Hoffnung dachte, die mich erfüllt hatte, umso hilfloser und hoffnungsentleert fühlte ich mich. Und das erste Mal, seit ich in dieser Welt war, weinte ich.
Bis ich wusste, was Zeit, was Raum, was ich und was nicht ich war, vergingen Tage und Wochen. Mit der Helligkeit kam Wärme und mit der Dunkelheit Kälte und funkelnde Augen in der Ferne. Der Regen kam und ging, Bienen, Hummeln, Käfer, Spechte, Amseln und Raben, Füchse, Wölfe und Luchse, Rehe, Hirsche und Pferde besuchten mich, als hätten sie von mir gewusst, noch bevor ich meiner selbst bekannt war.
Ich hörte ihre Stimmen und ich verstand. Sie begrüßten mich und empfanden mich als harmlos. Sie hatten keine Angst, doch auch kein weiteres Interesse an mir. Einige Tiere wie die Pferde und die Luchse, kamen nur einmal, die Hummeln dagegen umflogen mich häufig, als hätten sie vergessen, dass ich nichts war, das ihnen Nahrung schenken konnte. Eine bestimmte Hummel lernte ich wiederzuerkennen, sie war etwas kleiner als die anderen und trug kleine Kreise im Muster ihrer Flügel, setzte sich gerne auf meine in der Sonne liegende Hand und putzte sich. Das Gefühl, das sie mir damit verursachte, ein feines Kribbeln, machte mich froh und ich lachte. Ich wollte den Gefallen erwidern und legte einen Finger auf den kleinen samtigen Körper, der kaum breiter war als die Fingerspitze. Ich brach ihr den Flügel, ich spürte ihren Schmerz, bevor ich begriff, was geschehen war und was es für sie bedeutete. Ich wusste, ich hatte ihr Leid zugefügt, doch lag keine Absicht darin, und als ich sie aufgeregt und voller Schmerz auf meiner Hand stolpern sah, wünschte ich mir nichts so sehr, wie ungeschehen zu machen, was ich getan hatte. Woher ich wusste, dass ich das auch konnte, dass es sogar ein leichtes sein würde, fragte ich mich nicht. Ich barg die Hummel in beiden Händen und erinnerte mich daran, wie sich die Hummel angefühlt hatte, als sie heil und ganz gewesen war, an ihre Freude, an ihren pelzigen Leib. Ich spürte eine Bewegung in mir und eine Bewegung in meiner Hand, die nicht stofflich und fest war wie alles um mich herum, und als ich meine Hände wieder öffnete, putzte sich die kleine Hummel wie gewohnt, sie war ruhig und zufrieden. Erst als sie davongeflogen war, fand ich auf meiner Hand einen einzelnen Hummelflügel, und ich erkannte, dass ich das Leid, das ich verursacht hatte, nicht rückgängig gemacht hatte. Ich hatte es zwar wieder gutgemacht und die Hummel geheilt, doch hatte ich ihr einen neuen Flügel gegeben.
Diese erste Lektion darin, dass man nicht ungeschehen machen kann, was geschehen ist, dass man die Zeit nicht umkehren und ihren Fluss nicht steuern kann, war nicht genug, und später musste ich unter weit größeren Schmerzen erkennen, dass manches Leid geschehen muss.
Ich erkannte den Schlaf daran, dass ich aus ihm erwachte. Noch vor einem Moment hatte ich in der Sonne gesessen, um mich hatten Wesen gestanden. Sie hatten gesprochen, anders als die Tiere, deren Sprachen einfach sind. Wie ich hatten sie Worte benutzt, um die Welt zu beschreiben, um zu unterscheiden zwischen dem was war und dem was nicht war. Tiere können das nicht, denn alles, was sie beschreiben, sehen und fühlen sie. Tiere wissen nicht von den Dingen, die nicht sind. Diese Wesen wussten das.
„Sie ist nicht hier.“ „Aber sie war es. Hier haben wir ihre Kraft gespürt.“ „War es wirklich sie? War es ihre Kraft?“ „Könnten wir uns etwa geirrt haben?“ „Nein, was ihre Kraft, was ihr Wesen angeht, können wir uns nicht irren.“ „Sie war hier, und sie wird es wieder sein. Wir werden warten.“ „Wir können nicht warten. Schon jetzt haben wir viel Zeit verloren. Zu viel Zeit.“ „Wir können warten.“ „Wir müssen warten.“ „Wir werden warten.“ „Wie können wir warten? Der Schatten …“ „Der Schatten wird kommen und uns auslöschen, wie es bestimmt ist. Wir können nicht aufhalten, was bestimmt ist.“ „Sie kann den Schatten doch aufhalten, er wird sie doch rufen?“ „Das wird er.“ „Doch sie wird ihn nicht aufhalten.“ „Aber ist es nicht ihre Bestimmung?“ „Sie ist nicht dazu bestimmt, aufzuhalten, was Teil ihres Wesens ist. Sie kann nicht ihren eigenen Schatten vernichten, sie kann sich nicht selbst vernichten.“ „Hat sie es nicht schon einmal versucht?“ „Ja, sie hat es versucht, und ist daran gescheitert. Sie ging verloren und wird wieder gefunden werden. Wir werden warten.“ „Wir werden sie nicht finden. Sie wird uns finden. Darauf müssen wir warten.“ „Auf sie und den Schatten?“ „Erst kommt der Schatten. Dann kommt sie.“ „Sie wird kommen und wir werden sie erwarten.“
Als ich die Augen öffnete, spannte sich die ferne Kälte über mir. Ich saß nicht mehr unter den Bäumen, sondern in weitem Feld auf hartem Grund. Der Boden um mich war hart und schwarz, als hätte die Sonne ihn in zahllosen Tagen verbrannt. Als ich meine Hand auf die Erde legte, konnte ich noch die Hitze des Feuers spüren, das auf ihr gewütet hatte. Ich konnte, als ich mich umsah, die vier Wesen, die gesprochen hatten, und deren Worte mich so sehr daran erinnerten, wie ich meine Gedanken formte, nicht mehr entdecken. Ich war mir nicht sicher, ob es mich freute oder nicht. Sie hatten nicht unfreundlich geklungen. Sie hatten jemanden verloren, der sich selbst verloren hatte. Wie konnte das sein? Wie konnte sich etwas selbst verlieren? Wie konnte etwas von sich selbst verschwinden? Ich überlegte, ob ich etwas gefunden hatte, das verloren gegangen war. Hätte ich etwas gefunden, ich könnte es den Wesen geben. Doch alle Dinge waren von selbst zu mir gekommen, die Tiere, die Pflanzen, die Sterne, der Mond und die Sonne, die Nacht und der Tag. Nichts davon schien verloren zu sein, nichts schien nicht an seinem angestammten Platz zu sein. Nur ich nicht. Ich war fern meiner Bäume, fern von Hüterin und Regentrinker, Sämling und Späher. Ich stand auf und ging ein paar Schritte in eine Richtung. Der Boden unter meinen Füßen wurde kälter, je weiter ich kam, doch auch immer weniger hart. Ich beugte mich nach unten, um die Erde mit meinen Fingern zu berühren und fühlte Leben darin, das ich vorher in der schwarzen Erde nicht gespürt hatte. Es war zwar nur schwach, aber es war da, ein schmales Rinnsal von Kraft, das sich unter meinen Fingern wand wie ein Wurm, der sich durch die Dunkelheit bohrt. Ich wusste, was die Erde verbrannt hatte, hatte auch die Lebenskraft des Bodens genommen, irgendwo hinter mir musste ein zerstörerisches Feuer gewütet haben, das nicht nur die Materie der Pflanzen und Tiere genommen hatte, sondern alle Kraft, alles Leben, all ihr sein in sich aufgenommen haben. Vielleicht, dachte ich, war es das, was verschwunden war. Vielleicht war es das, was die vier Stimmen suchten. Oder aber, es war das, was sie fürchteten, der Schatten, der sie verschlingen würde. Doch irgendetwas war mit dem Schatten und dem Verlorenen gewesen, ein Zusammenhang, den ich nicht verstand. Das eine gehörte zum Anderen, war aber nicht das Selbe. Wie zwei Seiten eines Blattes. Ich ging weiter in die Richtung, die ich eingeschlagen hatte. Wenn das alles vernichtende Feuer, der Schatten hinter mir lagen, dann wollte ich nicht wieder dorthin zurück. Ich sehnte mich nach meinen Bäumen, nach den anderen Pflanzen und nach den Tieren. Ich sehnte mich danach, geborgen und sicher zu sein und spürte da zum ersten Mal, seit ich mich selbst wahrgenommen hatte, etwas anderes als die tiefe Zufriedenheit darüber, in der Welt zu sein. Zum ersten Mal in meinem Dasein war ich beunruhigt und ängstlich. Und fern meiner Bäume war ich nun das erste Mal nicht mehr geborgen, sondern allein.
Ich weiß nicht, woher ich komme. Die Zeit hat mich irgendwann geweckt, das Rauschen der Blätter im Wind, die Nasen der Tiere, die an mir schnupperten. Wie ein vom Wasser ausgewaschenes Schneckenhaus lag ich zu Füßen der Bäume und rührte mich nicht, denn ich war leer, eine ungefüllte Hülle, ein verlorener Gedanke. Meine erste Zeit war verwirrend, denn gleichzeitig musste ich mir selbst und der Welt um mich herum Namen geben. Heute, da so viel Zeit seit jenen Tagen vergangen ist, erinnere ich mich nicht daran, Angst gehabt oder mich allein gefühlt zu haben, ich spürte keine Verwirrung, denn all dies, was ich heute spüre, kannte ich damals noch nicht. Selbst die Bedeutung des Wortes allein kannte ich nicht, war ich doch eben erst erwacht und teilte nicht die Welt ein in Dinge, die mir zugehörig waren und die außerhalb meines Körpers und Geistes.
Der Weite über mir gab ich einen Namen und dem Boden unter meinem Körper, dem Wind, der über meinen Körper strich. Ich benannte meinen Körper, als ich erkannt hatte, dass ich nicht der Grund war, auf dem ich lag und nicht die Luft und der Himmel, die mich bedeckten. Ich spürte die Bewegungen allen Lebens um mich herum und konnte nicht glauben, dass all dies ein Teil meines Selbst sein sollte, also gab ich den Bäumen Namen und den Tieren und auch dem Laub und den Blumen. Erst später begriff ich, dass den Blumen die Namen egal waren, dass das Laub kein mitteilendes Leben mehr in sich trug, doch die Bäume, deren wahre Namen ich später kennenlernen sollte, schätzten meine Bemühungen sehr und nährten mich im Gegenzug. Sie gaben mir, auch wenn ich nicht wusste, dass es ein Gegenteil davon geben konnte, Geborgenheit und Sicherheit. Ihre fernen Arme streckten sie über mich, wenn der Regen die Welt um mich ertränkte, und wenn die Sonne die Erde verbrannte, spendeten sie mir Schatten. Die Bäume waren das, was ich heute als erste Familie bezeichnen würde, gäbe es für ein Wesen wie mich so etwas wie eine Familie. Heute noch spüre ich ihre Gedanken, das mütterliche Summen der frühlingsgrünen Hüterin, das feierliche Brummen des erdbraunen Regentrinkers, das quirlige Gelächter des mondbleichen Sämlings, der wehmütige Gesang des himmelhohen Spähers. Noch lange, bevor ich Lebewesen kennenlernen sollte, die mir ähnlicher waren als meine erste Familie, waren sie alle Gesellschaft, die ich brauchte.
Zufall oder nicht (ich tendiere dazu, nicht an Zufälle zu glauben, also ist es wohl keiner) bei Schriftsteller Werden habe ich eben gelesen, dass der NaNoWriMo heute wieder beginnt. Und weil ich mich ja ohnehin ein wenig unter Druck setzen wollte mit dem Schreiben, mache ich da jetzt eben einfach mit und schreibe einen wöchentlichen Bericht für die Blogparade.
Ich bin jetzt doch etwas hibbelig.
Gut.
Anders
Semiliterarisches Lebenslogbuch von
Anders Wolf, ab und an
mit Erkenntnisgewinn. Impressum