Ich hatte geglaubt, erkennen zu müssen, bevor ich verstehen konnte. Ich hatte geglaubt, verstehen zu müssen, bevor ich erklären konnte. Ich hatte geglaubt, erklären zu müssen, bevor ich schreiben konnte.
Ich habe mich geirrt.
Make it exist first,
make it pretty later.
Ich habe vergessen, wo ich bin, habe vergessen, was die Regeln dieses Ortes, was die Maßgaben meines Ermessens sind. Ich habe vergessen, dass ich nicht - verzeiht - für euch, sondern für mich schreibe. Ich habe vergessen, dass ich schreibe, nicht um zu gefallen, sondern um nicht dem Wahnsinn anheim zu fallen.
Also versuche ich, nicht zu erklären, sondern nur zu schreiben - und vielleicht dadurch zu verstehen, was ich nicht erkennen konnte. Was ich - immer noch - nicht begreifen kann.
Als ich den Eisberg das erste Mal sah, war ich fasziniert. Ihn zu finden in dieser relativen Ödnis, war eine Überraschung gewesen. Relativ die Ödnis, weil natürlich nicht das, was das Wort beschreibt. Ich war ja nicht allein, war ja nicht fern der Zivilisation, war ja nur verloren und ohne Orientierung alleine im Meer, das mir war wie ein fremder Planet - und der Eisberg fügte sich gleichermaßen organisch ein und stach doch unübersehbar heraus.
Natürlich kennen wir das erste Wissen im Umgang mit Eisbergen: Was wir auf den ersten Blick sehen, ist nur der kleinste Teil dessen, was es zu entdecken gibt. Und tatsächlich glitt mein Blick anfangs noch haltlos über das eisige Weiß, das angeaschte Grau, das sternferne Schwarz der Berge und Täler seiner Oberfläche. Erst nach und nach drang mein Blick tiefer, erkannte Topas und Beryll, Saphir und Lapislazuli, Opal und Orthoklas, Turmalin und Aquamarin, Diamant, Obsidian und Onyx, Magnetit und Hämatit, Coelestin, Chrysokoll, Türkis, Bergkristall, Amethyst, Azurit, Alabaster und Zitrin. Der Eisberg öffnete sich meinem Blick, offenbarte sich mir Schicht um Schicht um Schicht, und zeigte mir zugleich, wie viel weiter er reichte - und wie unerreichbar seine eigentlichen Tiefen waren.
Dem forschenden Geist in mir gefiel dieses Hineinfallen in seine Unwägbarkeiten. Seine Vielschichtigkeit reizte mich, spornte mich an, verstehen, ergründen, erschauen zu wollen. Ich maßte mir an - als sei ich Glaziologe - zu wissen, wie der sichere, richtige, schlaueste Umgang mit einer unerkennbaren Entität wie ein Eisberg ist. Denn das erste Wissen im Umgang mit Eisbergen reicht auch weiter und tiefer, als es auf den ersten Blick scheint: Nicht nur sehen wir nicht zur Gänze, was wir vielleicht einmal sehen könnten - es gibt Seiten und Teile und Eigenschaften des Eisbergs, die könnten wir auch dann nicht sehen, wenn wir ihn zur Gänze sehen könnten. Sei er auch den Untiefen des Wassers enthoben, in der Leere eines ablenkungsfreien Nichtseins schwebend, und wir selbst auch entnommen unserer beobachtenden Perspektive, die ein gänzliches Erschauen ohnehin verunmöglicht, denn stets steht Eisberg vor Eisberg, verdeckt sich selbst, verbirgt sich dem umfassenden Erfassen. Sei er also auch nicht nur freischwebend, sondern auch aufgefaltet wie ein Blatt Papier, das einst ein Kranich war und wieder werden könnte, folgte man den Bergen und Tälern der Faltungen, anhand derer er wieder zusammenzusetzen wäre (und als könnte man mit den Fingern tastend gleichzeitig die Vorder- und Rückseite des Papieres begreifen); selbst dann also, wenn sich alles potentiell Sichtbare dem Beobachtenden auslieferte: wir sähen immer noch nicht das gesamte Bild.
Ich irrte also auch hier, als ich glaubte, ich wüsste Bescheid.
Diesen Irrtum durchsetzte eine große Scham. Wie Efeu, der sich noch in die kleinsten Risse und Spalten hineinzwängt, der noch die dunkelste Ecke für sich gewinnt, der durch die Erde wuchert und nur hier und da mit grünen Armen aus der Erde birst, der ein Geflecht in einem Geflecht bildet, Netze in Netzen, der sich selbst umfangend umfängt und schließlich das kleinste bisschen rohe Erde genauso wie Wände und Decken befällt, der schließlich alles sonst wachsende unter seinen Ranken begräbt, bis alles nur noch Efeu und Blattwerk, florales Tentakel an floralem Tentakel ist, ein unverstehbares Muster aus Wurzel und Sprossachse, Blattstiel und Blatt - wie Efeu also, der im Herbst die Blätter verliert und sich auf dem Zerfall seines eigenen Laubs einen neuen Boden schafft, sich selbst zersetzend und nährend und damit auf und aus sich selbst wachsend alles überflicht; so war die Scham in mir ein Gewucher aus sich selbst nährendem Zweifel und Selbsthass und Wut und immer wieder aus Hoffnung, doch noch zu verstehen, was zu verstehen nicht war.
Ich kann es besser nicht beschreiben, nicht anders erfassen, denn noch immer kann ich nicht verstehen, was mich bewog, mich dem Eisberg auszuliefern in der Hoffnung, ich könne dadurch, dass er mich besaß, seine Geheimnisse ergründen, die sich mir zu erschließen noch immer entzogen. Eine Besessenheit befiel mich - und ich begrüßte sie wie man einen Sukkubus in liebende Arme schließt, ich zog sie an mich, in mich, nährte sie mit meinen Gedanken, Worten und Taten, stürzte mich hinein wie in ein eiskaltes Meer.
Das erste Wissen in einem Pakt mit dem Teufel: Schließe keinen Pakt mit dem Teufel.
Natürlich war (und ist) der Eisberg kein Teufel. Natürlich verbarg sich hinter seinem Verbergen keine Absicht, mir meine Seelenruhe zu rauben. Der Eisberg verfügt nicht über ein solches Wollen, trägt in sich - soweit ersichtlich im Sicht- wie Unsichtbaren - keine solche Absicht. Ich weiß (und wusste) das. Der Eisberg trägt in sich ein einziges Ziel: Sein. Der Eisberg existiert in den Untiefen und Unweiten des Meeres, unberührt vom Anschlagen der Wogen, vom Anlanden der Winde, untangiert vom Licht der Sonne oder der Dunkelheit unter den Wellen. Der Eisberg ist Eisberg und Eisberg wird er bleiben, denn Eisberg war er schon lange, bevor ich oder ein anderer kam.
Das erste Wissen im Umgang mit Eisbergen (wir sehen nicht, was wir sehen) heißt aber auch: wir sehen nur, was wir sehen wollen. Unter Schwarz und Grau und Weiß, unter Opal und Rauchquarz und Obsidian, zwischen all den Schichten aus Hellem und Dunklem, Schatten und Licht - umschlossen also von all dem und immer noch weit außerhalb all dessen, was wir sehen und schmecken, tasten, hören, riechen können (das Salz gefrorener Tränen, die scharfen Kanten der Eiskristalle, das Knarren und Knacken des Panzereises, Donner ohne Blitz, der sich ohne den Umweg über unser Gehirn einen Weg tief in unser Knochenmark brennt wie der Frost in unserer Nase, der sagt: kaltkaltkaltkaltkalt); außerhalb also unserer Wahrnehmung ist eine Fläche, glatter als glatt, keine Hand, kein Fuß, kein Blick kann sich daran halten, und alles was sie zeigt, ist, was wir hineinsehen. Im innersten Innern des Eisbergs ist ein Spiegel - und er zeigt uns uns selbst. Wir sehen uns in ihm, und wir glauben, wir sähen ihn und er sähe uns.
Ich sah mich selbst - und ich glaubte, ich sähe einen anderen.
Diesen anderen wollte ich lieben, mich selbst aber nicht.
Ich versagte mir mich selbst - und gab mich dem, der ich nicht zu sein glaubte.
Wider besseres Wissen hoffte ich, der ich mir selbst Rettung versagte, gerettet zu werden von einem Eisberg, der vor mir im Wasser schwebte, schwerelos. Während ich sank, hoffte ich Halt zu finden an Kanten und Vorsprüngen, die unter meinem noch vom Leben warmen Griff einfach zerschmolzen zu noch mehr Meer.
Kein Wunder also, dass ich ertrank.
Make it exist
Natürlich nicht. Natürlich ertrank ich nicht. Natürlich ertrank ich nicht so, dass ich starb.
Ich sterbe nicht, ich bin zu stur dafür, zu halsstarrig, zu besessen davon zu verstehen, bevor ich aufgebe könnte. Ich will auch weiterhin verstehen, denke ich, will weiterhin erfassen, was nicht zu begreifen ist, will weiterhin ergründen, was ohne Grund.
Natürlich tauche ich weiter, ohne Atem, ohne Sicherheitsleine, ohne Aussicht auf Licht in der Tiefe. Ich habe alles Rettende hinter mir gelassen und sinke weiter, hinabgezogen vom Netz meiner Scham, der mich langsam vergiftenden Decke aus sterbendem Efeu. Tiefer und tiefer hinab, denn die Besessenheit hat mich noch nicht verlassen. Was mich einmal besaß, hat seine Krallen, seine Dornen, seine Tentakel, seine ausufernden Ausläufer in mir verhakt und greift immer noch und immer stärker nach mir aus. Den Schmerz in der Lunge (im Herz) habe ich aufgegeben, Atem (und Puls): obsolet. Ich bin steinern, schwer, still. Ich sinke hinab. Hinab.
Das erste Wissen um Umgang mit Eisbergen: ich sehe was, was du nicht siehst.
In mir die Wut, ein Feuer, das mich füllt und mich lodernd antreibt - und gleichzeitig die löschende Angst, die Welt in Flammen zu stecken, geriete ich ernsthaft in Brand. Auf meiner Haut Narben, Flammenmale, Zeugen meines Zorns. Ich verstecke sie nicht und doch zeige ich sie auch nicht. Darauf angesprochen erwidere ich nichts. Ich will nicht, kann nicht lügen. Erklären kann ich aber auch nicht - ist es Feuer oder ist es Eis, das mich verbrannt, vernarbt, verstümmelt hat. Ich weiß nicht, was ich sagen könnte, also sage ich nichts. Ich schweige über meine Verletzungen, schweige über meine Gefühle, verschweige mich selbst, denn wie könnte ich erklären, was es nicht gab. Wie könnte ich jemandem etwas zeigen, das nur ich gesehen habe. Wie öffne ich jemandem die Augen, der nicht dasselbe sehen würde wie ich? Wie kann ich meinen eigenen Augen trauen, wenn ich mir selbst im Ganzen nicht traue.
Ich bin versehrt - und bin unwillens, meine Verletzung zu sehen. Ich verstehe (noch immer) nicht, wie ich auf einen Spiegel hereinfallen konnte in der Hoffnung, dass mehr dahinter sei als die Beschichtung des Glases. Ich selbst bin ein Eisberg, mir unerklärlich in der weiten Ödnis, ich schwimme schwerelos, haltlos. Schwebend, nicht fallend, manchmal steigend mit der Flut und manchmal mit der Ebbe sinkend. Ich bin ein Eisberg und der Eisberg ist ich - sicht- und unsichtbar, fühllos in der Tiefe, ein Mahnmal gefrorener Tränen.
later.
Keine Ahnung wohin damit. Ich habe versucht, darüber zu sprechen - allein, es funktioniert nicht. Das Verstehen hilft nicht, das Erkennen hilft nicht. Ich komme mir lächerlich vor damit, über meine Gefühle zu sprechen, als seien sie etwas, das andere Menschen betrifft. Ich sehe Gefühle bei anderen Menschen und bewundere das, wenn sie ihre Emotionen nicht als Waffe verwenden, ihre Verletzungen nicht zu Geschützen ausbauen, ihre Narben nicht zur Panzerung nutzen. Ich sehe andere ihre Wut und ihren Zorn formulieren, das Feuer in ihren Worten, ohne Angst, die Welt in Brand zu stecken, ich sehe andere, die den Efeu ihrer Scham zur Blüte treiben mit Pollen und Nektar für die Insekten und den Beeren später für Vögel. Ich sehe andere, die nicht so hart zu sich sind - und ich trauere nicht einmal um den Teil von mir, der das nicht kann.
Ich kann natürlich aseptisch über mich sprechen wie über einen Abwesenden, ich kann mich selbst hinter Glas sehen wie ein Ausstellungsstück, mich sezieren und auseinandernehmen und wieder zusammenfügen. Ich kann mich auf- und zufalten wie ein Lehrstück in Origami, kann die Tal- und Bergfalten beschreiben, das Auf und ab der Rillen in meinen Fingern als eine Metapher für mein Leben sehen. Ich kann mich objektifizieren für andere in einem Maß, dass es mitleiderregend wäre - wenn ich wollte, dass ich Mitleid errege. Ich habe das getan in der Vergangenheit - und ich spüre, dass es mich erniedrigt, dass es mich veropfert, dass es mich beunfähigt, mich selbst wahrzunehmen, wie ich bin, vor lauter "wer ich war".
Ich kann mich nicht selbst lieben, nicht so, nicht jetzt, nicht in dieser Ödnis, nicht angesichts des Eisbergs in mir, den zu schmelzen ich nicht die Kraft, die Ruhe, den Willen habe. Ich kann mich nicht mit mir auseinandersetzen, während ich mich doch gleichzeitig mit allem anderen auseinandersetzen will. Ich will ein Liebender sein, ein Freund, ein Hilfreicher, ein Benötigter, ein Mensch, der da ist für andere. Ich will anderen zeigen, dass die Welt kein kalter Ort ist - und darum gebe ich meine Wärme jenen, von denen ich glaube, dass sie sie mehr brauchen als ich selbst.
Was bleibt also? Die Erkenntnis des Irrtums, die Zugabe der Scham. Die selbstgewählte Einsamkeit als Schutz vor zu viel Nähe. Der Wunsch nach Tauwetter, aber die Angst vor dem Frühling. Die Hoffnung auf Hoffnung. Das Bedürfnis, den Zorn einfach gehen zu lassen, die Narben zu akzeptieren, die die Wut schon in mich gefurcht hat. Lieben erlauben und Geliebtwerden zulassen. Kontrolle aufgeben lernen. Zugeben, dass manche Dinge kein ordentliches Ende haben.
Ich habe ein Geheimnis, und nein: ich werde es nicht verraten. Nicht, weil es dann kein Geheimnis mehr wäre, sondern weil es gar nicht um das eigentliche Geheimnis geht, sondern darum, wie ich beinahe daran zerbrochen wäre, ein Geheimnis zu haben. Anderen Menschen nicht davon erzählen zu können, nicht einmal dem Mann. Keinen Freundys, keinen Familienangehörigen, keinen Bekannten oder gar Unbekannten.
Ich hatte schon einmal ein Geheimnis. Auch damals wäre ich beinahe zerbrochen, weil ich befürchtete, niemals jemandem davon erzählen zu können. Lange habe ich geglaubt, es hätte mich gerettet, das Geheimnis gelüftet zu haben; tatsächlich war mir lange nicht bewusst, dass ich das Geheimnis und die dahinter liegende Wahrheit verwechselt hatte. Und dass es vor allem einen Unterschied zwischen den beiden gab.
Das Geheimnis, dachte ich lange, sei meine Homosexualität. Das Geheimnis sei, dass ich irgendwie schwul geworden sei; dass ich mich verändert hätte und das für mich behalten müsse. Tatsächlich war ich natürlich schon immer schwul, tatsächlich gehörte meine Homosexualität schon zu meiner Identität, als Sexualität an sich noch lange kein Thema für mich war.
Ich war, glaube ich, ein sehr expressives, theatrales, vielleicht flamboyantes Kind. Es gibt Bilder von mir in Kleidern meiner Urgroßmutter; Fremde, aber auch Mitschülys hielten mich wiederholt für ein Mädchen. Menschen, die nur über ein binäres Verständnis von Geschlechterrollen verfügten, fanden mich nicht Junge, nicht Mann genug. Meine eigene Großmutter kommentierte meinen ersten Bartflaum mit: "Glaub nicht, dass dich das männlicher macht."
Die Welt hatte mich da schon längst gelehrt, dass Selbstexpression anstößig war. Dass ich mich besser anpassen sollte, wollte ich nicht auffallen; denn Auffallen, das war die erste Lektion, wurde mit Schmähungen und (vorsichtig ausgedrückt) Liebesentzug geahndet. Also legte ich mir eine dicke Haut zu, versuchte nicht aufzufallen, versuchte zu verschwinden.
Erst als ich älter geworden war, erkannte ich, dass ich den Menschen, für den mich alle hielten, nicht kannte. Ich war tatsächlich verschwunden, war verloren gegangen hinter der Fassade, die aufrechtzuerhalten allmählich anstrengend wurde. Irgendwann erkannte ich, dass ich Masken trug, aber nicht, aus welchem Grund. Ich wusste nur: Ich war nicht der Mensch, der ich scheinbar geworden war. Ich war nicht ich selbst und war es lange nicht gewesen.
Damals fühlte es sich an, als sei meine wahre Identität ein Geheimnis. Mittlerweile weiß ich: das Geheimnis war zu meiner Identität geworden. Das Geheimnis war nicht, dass ich schwul war. Hätte sich jemand genug interessiert, hätte jemand genauer hingesehen: es wäre klar gewesen. Das Geheimnis war, dass ich, besah ich mich selbst genau genug, wusste, dass ich mich verstellte und die Menschen glauben ließ, der Mensch, den sie in mir sahen, sei tatsächlich ich.
Damals befürchtete ich, schwul zu sein, zerstöre meine Identität. Dass ich, leugnete ich es nur ausreichend ausgiebig, nicht schwul sein könnte. Und ich dachte, ich sei unglücklich, weil meine Homosexualität mein Selbst bedrohte.
Tatsächlich bedrohte das Geheimnis mein Selbst. Die Fassade, die Lüge, die Unaufrichtigkeit mir selbst und allen anderen gegenüber: Nicht ich selbst zu sein, bedrohte mich.
Das Geheimnis, das ich heute habe, ist keine Lüge, es ist ein Gefühl, von dem ich glaubte, es nicht fühlen zu dürfen. Vielleicht ist das auch das Geheimnis: dass ich glaube, meine Gefühle nicht sichtbar machen zu dürfen. Dass ich glaube, meine Gefühle seien invalide, irrelevant, egal. Und - ein Gefühl im Gefühl - dass auch die Trauer darüber, das Gefühl (aus welchen Gründen auch immer) nicht zulassen zu können, inakzeptabel sei.
Gefühle sind komplex. Vielleicht gibt es Menschen, die verstehen, wie Gefühle ausgelöst werden, wie die Rezeption, die Expression, die Reaktion funktioniert. Ich gehöre nicht zu diesen Menschen, ich bin relativ fühllos. Nicht überraschend: ich trage immer noch die dicke Haut meiner Kindheit, ich habe gelernt, großen Schmerz von mir fernzuhalten. Mein Zahnarzt ist immer wieder neu beeindruckt, dass ich auf eine Betäubung verzichte.
War ich einst darauf stolz, bin ich es nicht mehr. Ich weiß mittlerweile, dass Schmerzresistenz manchmal auch ein Zeichen von Freudresistenz, von Depression sein kann oder zumindest ein Symptom emotionaler Dissoziation. Ich halte meine Gefühle auf Abstand, und während mich das manchmal davor bewahrt, verletzt zu werden (weil nur ich mich wirklich verletzen kann), halte ich damit auch Menschen auf Abstand.
Ich wirke auf Fremde mitunter arrogant, überheblich, grob, kalt, unfreundlich, unwohlwollend. Ich weiß das, ich bin mir dessen bewusst. Ich glaube, dass Menschen, die mich dennoch mögen, weil ich eben doch manchmal offen und warmherzig und nahbar sein kann (wenn ich keine Angst vor ihnen haben zu müssen glaube), tatsächlich mein Gefühle wahrnehmen können. Meine Zuneigung. Meine Sehnsucht. Meine Liebe.
Dennoch stoße ich Menschen öfter von mir, als ich das will, bin abweisend zu Menschen, indem ich mich zu stark filtere, weil ich vor Unsicherheit alle Emotion aus meiner Selbstpräsentation nehme. Was selten bewusst passiert, aber hinterher erkenne ich es. Manchmal wird es mir während der Interaktion selbst bewusst - und es verstört mich. Ich versuche dann, normal, emotional, menschlich zu sein - und überkompensiere. Oder schalte komplett ab.
Vor ein paar Monaten schrieb ich, jemand habe mir gesagt, ich halte mich zurück - und wie sehr das offensichtlich stimmt. In Konfrontation mit dem geheimen Gefühl ist mir bewusst geworden, wie tief das reicht und was es alles bewirkt, verändert, verhindert, zerstört. Ich sehe Menschen, die ich meine Freunde nenne, und ihre sorgenfreie Expression ihrer Gefühle und ich sitze daneben und sehne mich danach, meine Emotionen nicht als aufdringlich zu sehen.
Eine Weile schon sind mir Berührungen unwohl. Schon vor Corona fand ich es mindestens lästig, anderen Menschen die Hand geben zu müssen, seither muss ich mich ernsthaft überwinden, der sozialen Norm nicht zu widersprechen. Legt mir jemand die Hand auf die Schulter oder auf den Rücken oder schlimmer: auf das Knie, muss ich mich zusammenreißen, nicht zurückzuzucken.
Und das betrifft keine Fremden, sondern Menschen, die mir nahe sind. Umarmungen mag ich, liebe ich, brauche ich, geben mir den besten emotionalen Halt, doch alles andere? Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Neulich habe ich in einem Sitzkreis mit gemischten Sitzhöhen der Person neben mir den Kopf ans Knie gelegt, weil ich die Person mag und sie mich wohl auch, immerhin wurde mir als Reaktion der Kopf gestreichelt.
Ich will glauben, dass sich das gut anfühlt. Dass Menschen das mögen. Ich will es verdammt noch mal selbst mögen. Aber die Wahrheit ist: ich fühlte mich unwohl, fühlte mich plötzlich aufdringlich, fühlte mich, als hätte ich einer anderen Person eine emotionale Geste abgenötigt. Also habe ich meinen Kopf zurückgenommen, mich anders hingesetzt, mich entzogen, abgeschirmt, abgegrenzt. Und mich gleichzeitig gefragt, was mit mir nicht stimmt.
Denn wenige Tage zuvor noch habe ich einer anderen Person Trost gegeben mit einer Umarmung, mit einer Hand auf der Schulter, dem Arm, der Hand. Ich wollte der Person zeigen: es ist sicher, deinen Schmerz zu fühlen, du wirst nicht darin versinken, ich bin hier, um dich zu halten. Weine dich an mir aus, ich bin ein sicherer Hafen.
Ich weiß, dass Gefühle zu zeigen, Gefühle zu haben, Gefühle zu fühlen, keine Schwäche ist. Ich weiß, dass schwach zu sein keine Schwäche ist. Ich weiß, dass, wer immer nur stark zu sein versucht und nichts an sich heranlassen will, vor allem ängstlich ist. Was aber bin ich, wenn ich einfach nur taub bin und mir zumindest attestieren würde, relativ angstfrei zu sein?
Das geheime Gefühl zu haben und es mit niemandem teilen zu können, hat mich fast wahnsinnig gemacht. Ich habe mich so sehr in dieses Gefühl hineingesteigert, dass ich fast schon dummes Zeug deswegen gemacht hätte. Nichts gefährliches, aber einfach Unsinn. Dinge, die ich später ganz sicher bereut hätte. Ich war wie besessen davon, auf dieses Gefühl zu reagieren, egal wie - und wollte gleichzeitig nichts davon wissen.
Schließlich habe ich es aus mir herausgeschrieben. Vor Jahren, vielleicht Jahrzehnten habe ich die Morgenseiten von Julia Cameron entdeckt in ihrem Buch "Der Weg des Künstlers". Jeden Morgen auf drei Seiten handschriftlich alle Gedanken, die mich beschäftigten oder auch nur streiften, festzuhalten und so meinem Gehirn die Möglichkeit zu geben, sie loszulassen, weil sie ja irgendwo aufgeschrieben und damit gesichert waren, hat mich viele Jahre stabilisiert.
Also habe ich es wieder so gemacht: geschrieben, geschrieben, geschrieben, einen ganzen Tag lang alles, was sich in mir aufgestaut hat, Wort für Wort aus mir heraus und aufs Papier fließen lassen. Dachte ich anfangs noch, nach einer Stunde dürfte ich fertig sein, habe ich nach mehreren Stunden akzeptieren müssen, dass ich so viel in mir trage, das ich nicht ausgesprochen habe in den letzten Wochen, Monaten, vielleicht Jahren.
Ich habe festgestellt, dass ich viele Momente nicht verarbeitet, viele Abschiede nicht betrauert, viele Ängste nicht konfrontiert und vor allem viele Gefühle nicht gefühlt hatte. Das ganze letzte Jahr beispielsweise war eine Operation am offenen Herzen und ich habe nie richtig innegehalten, um mich damit auseinanderzusetzen, was das mit mir gemacht hat. Mir war bewusst, wie allein ich zwischendurch auf dem Dachboden war, aber nicht, wie einsam ich war.
Das Geheimnis wird noch eine Weile ein Geheimnis bleiben, ich werde es nicht verraten. Es spielt aktuell keine Rolle mehr, denn ich habe das Gefühl, das ich nicht fühlen wollte, verstanden. Habe verstanden, was es mir sagen wollte; habe verstanden, dass ich nicht loslassen konnte, so lange ich mich ihm verweigert habe. Indem ich dem Gefühl Raum gegeben habe, konnte ich mir selbst die Freiheit geben, anders auf mein Leben und das Gefühl darin zu blicken.
Natürlich bin ich immer noch nicht wieder ganz. Wie auch? Ich trage immer noch Ballast mit mir herum, sonst begriffe ich beispielsweise meine Mobbing-Erfahrungen nicht als Teil meiner Biographie. Aber wir alle tragen Schmerz in uns, Erinnerungen, die uns belasten, aber eben auch Erinnerungen an gute Dinge, Zeiten, Menschen. Wir alle haben manchmal Geheimnisse und geheime Gefühle, und irgendwie ist das auch okay.
Was nicht okay war, was niemals okay sein wird, ist sich den Gefühlen zu verweigern, sie zu ignorieren oder gar abzulehnen. Sie herunterzuschlucken, um sie nicht fühlen zu müssen, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen: das kann nicht funktionieren. Wir müssen unsere Gefühle nicht unbedingt mit jemandem teilen, wir können sie Geheimnisse sein lassen. Aber wir müssen trotzdem akzeptieren, dass sie sind.
Denn das ist ja das eigentliche Problem: Nicht etwa, dass ich bei meiner Gefühlsverarbeitung manchmal Probleme habe, sondern dass uns alle betrifft. Wir alle kämpfen manchmal mit unseren Gefühlen, manchmal auch gegen sie. Die Welt wäre ein so viel besserer Ort, wenn wir lernen könnten, unsere Ängste und Hoffnungen, unsere Liebe und unsere Wut, unsere Unzufriedenheit, aber auch unser Glück durchleben zu können, ohne uns selbst oder anderen damit zu schaden.
Und wenn wir vor allem verstünden, dass auch alle anderen Menschen die gleichen Gefühle haben wie wir. Wir bestehen aus dem gleichen Material, sind alle aus der gleichen Matrix gewoben. Wenn wir das verstehen würden, wenn wir unseren Mitmenschen gegenüber empathisch zugeben könnten, dass auch sie natürlich nur Menschen sind mit den gleichen Gefühlen wie wir selbst, wäre die Welt ein besserer Ort.
Denn dann müssten wir nicht unsere Gefühle gegen uns oder gegen andere richten, sondern könnten offen sagen: Ich fürchte mich vor der Veränderung, ich liebe, wen ich liebe, ich bin wütend, weil ich verletzt wurde und nicht weiß, wie ich diese Verletzung heilen soll, weil ich Angst habe, dass darüber zu sprechen mehr noch zerstören könnte als nur mein Selbstwertgefühl.
Natürlich basieren die Kriege, die geführt werden, nicht allein auf diesen Gefühlen, sondern auch auf dem wenig konstruktiven Hass, auf ererbtem Aberglauben, auf geschürten Fehlannahmen, auf Lügen und Unwahrheiten. Wenn aber die Menschen einander wohlwollender, offener, wertschätzender begegneten und sie (siehe oben) als Teil von sich selbst begriffen, hätten diese Werkzeuge der Destruktion keinen Ansatzpunkt.
Und das ist das eigentliche Geheimnis.
Als sie mir das Geschenk überreichen, ein Album Best of Bühnenwolf, haben sie es fast geschafft. Für ein paar Sekunden fühle ich mich der Klippe nah, der ich mich seit Monaten fernhalte. Ich überlege zu springen, mich fallen zu lassen, mich einfach dem Sog zu ergeben, doch dann ist der Moment vorbei, ich stehe wieder sicher, die Vertigo ist vergangen, bin wieder stabil.
Ist nicht so, als trauerte ich nicht. Oder eigentlich: als hätte ich nicht schon genug Tränen vergossen. Wobei: wie viele Tränen sind ausreichend, um zehn, zwanzig Jahre eines Lebens angemessen zu verabschieden? Wie viele habe ich nach dem Tod meiner Großeltern vergossen? Wie viele nach dem Tod der lieben Freundin? Wann darf ich mich mit zwei lachenden Augen auf und über die neue Stadt freuen und nicht nur mit mindestens einem weinenden?
Die Wahrheit ist: es wird nie genug sein und doch immer zu viel. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass alle Freundschaften den Umzug überleben werden. Noch nicht mal, wenn ich mich ganz besonders anstrengte: es wird anders sein, weil ich einfach fort bin. Keine zufälligen Treffen, kein spontanes Kaffeetrinken, keine überraschenden Besuche, kein Theater mehr, keine gemeinsamen Projekte. Das ist vorbei. Diesen Teil der Entwicklung zu bedauern ist richtig und wichtig.
Andererseits ändert Weinen nichts, im Gegenteil steht jede Träne für einen verlorenen Moment, einen verschwundenen Punkt im Raum-Zeit-Kontinuum, eine ausgelöschte Zukunft. Wir beweinen, was wir nicht mehr haben werden, wir beweinen den Schmerz, der uns ausfüllt; wir trauern um das, was nie wieder sein wird, statt uns auf das zu freuen, was vielleicht kommen kann. Wir schauen zurück, klammern uns an das Vergangene - und verpassen Gegenwart und Zukunft.
Natürlich bewegen wir uns in verschiedenen Geschwindigkeiten durch diesen Abschied. Während ich mich seit dem Sommer (und seien wir ehrlich: im Grunde seit Jahren, Jahrzehnten) darauf habe vorbereiten können, war die Ankündigung für die meisten anderen doch eher abrupt und hat sie auch dementsprechend geschockt. Ich hatte Monate Zeit, mich zur Klippe vorzutasten und in die unermessliche Tiefe hinab zu starren, mich an die Perspektive zu gewöhnen.
Ich hatte Gelegenheit, mir den Absprung vorzustellen; alle anderen jedoch habe ich mehr oder weniger über die Kante geschubst. Kein Wunder also, dass sie von dem Abruptum - sagen wir mal - unerfreut sind. Niemand wird gerne vor vollendete Tatsachen gestellt, und auch wenn es meine Entscheidung ist, was ich mit meinem Leben anfange: es tangiert letztlich alle Leben, die mit meinem verbunden sind, und sei es auch noch so lose.
Ich weiß nicht, ob man lernen kann, solche Veränderungen, die ja letztlich sehr eigene sind, so zu moderieren, dass am Ende alle glücklich sind. Ich weiß, es gibt so etwas wie Change Management, aber dem liegt ja eine gemeinschaftlich zu erkennende Dringlichkeit zur Veränderung zugrunde. Diese Notwendigkeit ist ja hier nur knapp und sehr persönlich beim Mann und mir gegeben; alle anderen hatten kein Problem mit dem Status Quo.
Ähnlich bei meinem Coming Out vor zweieinhalb Leben: als ich nach Jahren der Introspektion plötzlich die Erkenntnis oder eher Akzeptanz gefunden hatte, mich als schwul zu identifizieren und mich nicht davor zu fürchten oder dafür zu hassen, wollte ich es auch nicht mehr für mich behalten. Dass das nicht alle begeistern würde - darauf hatte ich keinen Gedanken verschwendet. Warum sollte sich jemand nicht für mich und meine neu gefundene Selbstliebe freuen?
Stellt sich raus: Menschen wollen Sicherheit und mögen nur selten Überraschungen. Sie werden nicht gerne mit Fakten konfrontiert, die ihre Vorstellungen von der Welt (oder ihre eigenen Pläne) ins Wanken bringen können. Es scheint, als würde niemand gerne über den Rand einer Klippe geschubst. Wenn sie die Veränderung ahnen, Zeichen für einen bevorstehenden Wandel wahrnehmen können, dann ist es (vielleicht) akzeptabel. Wenn nicht, dann aber mal echt nicht.
Ebenfalls zu besichtigen war das (vielleicht) bei Corona. Das hat ja auch niemand (außer Epidemiologys) so richtig kommen sehen und hat darum (fast) ausnahmslos alle gleichermaßen getroffen - bis die Veränderungsträgen plötzlich zu Anpassungsunwilligen mutierten und sich in einen ideologisch verbrämten Widerstand reinstilisierten, der an der virologischen Wirklichkeit komplett vorbeidriftete und nicht wenige Coronaleugnys das Leben kostete.
Natürlich hätten wir uns alle am Status Quo verbeißen und daran ersticken können, aber so realitätsavers sind ja dann doch die wenigsten. Am Ende verstehen die meisten, dass sich die Dinge nun mal ändern, manchmal langsam, manchmal schnell. Dass alles immer gleich bleibt, das wünschen wir uns vielleicht. Aber dass das nicht so ist, wissen wir spätestens, wenn wir morgens nicht mehr so elastisch aus dem Bett hüpfen wie vor zwanzig oder dreißig Jahren.
Nun ist der Umzug insgesamt weniger dramatisch: niemand müsste mit einer Selbstlüge leben oder sich an die ECMO anschließen lassen, wenn der Mann und ich in Bad Nauheim blieben; im Gegenteil ging es uns - bis auf eine einsetzende Fatigue - ganz gut. Der Mann ist im Job an einer guten Position, im Theater hätte ich (Achtung, überspitztes Selbstlob) jedes Stück mit meiner Teilnahme geadelt. Und Bad Nauheim selbst? Einzigartig schöne Stadt, soziales Netz.
Und doch: langweilig das alles. Dem Mann wird vor lauter Betriebszugehörigkeit demnächst eine versilberte Uhr aufgedrängt; meine Unausweichlichkeit im Theater wurzelt nicht zuletzt in meiner Selbstbestätigungsnot; Bad Nauheim ist anstrengend vergangenheitsverliebt. Nur das soziale Netz: nicht langweilig, aber eben doch löchrig. Die Pandemie hat gezeigt, dass irgendwie alle untereinander Vertrauenskontakte waren; mir und dem Mann allein blieben der Mann und ich.
Klar, auch da gehört Einsatz dazu. Wer sich nicht meldet, weil er sich niemandem aufdrängen will, gerät leicht in den Hintergrund. Und wären wir im Abflauen der Pandemie schon umgezogen und nicht nach drei postpandemischen Theaterprojekten: wer weiß, ob das Abruptum ebenso empfunden worden wäre. So war ich nochmal eine kurze Zeit omnipräsent - und bin es demnächst kein bisschen mehr: einfach von der Klippe gekippt.
Insofern ist da natürlich Abschiedsschmerz, in seiner Nostalgie fast schon überwältigend, während ich durch die Bilder im Album blättere und mich an die Momente dahinter erinnere: Mephisto, Verkündigungsengel, Feldprediger, Marquis Posa, noch andere, kleinere Rollen; vor allem anderen aber das größte Geschenk, das mir der Verein je gemacht hat: Die letzte Königin, mein eigenes Stück, die ultimative Selbstverwirklichung, nur ich auf der Bühne, drei Stunden lang.
So, denke ich, ist es letztlich immer, wir sind am Ende immer allein auf der Bühne, können natürlich hoffen, dass die anderen in den Reigen einsteigen, sich auf uns verlassen, uns vertrauen, sich mit uns fallen lassen; aber am Ende sind wir für uns selbst verantwortlich. Für unseren eigenen Erfolg ebenso wie für unseren eigenen Schmerz. Wir können versuchen, ihn zu teilen, ihn mitzuteilen, doch wirklich spüren werden wir ihn nur selbst.
Vielleicht habe ich deswegen im Grunde schon damit abgeschlossen, mich innerlich schon verabschiedet und jedes wir sehen uns nochmal vor dem Umzug gedanklich um ein vielleicht ergänzt. Nicht absichtlich, nur um sicher zu gehen. Ich habe mir den Rückweg mit all den Arbeiten in der neuen Wohnung ohnehin schon verbaut; und auch wenn wir natürlich das Ganze nochmal streichen könnten: trotz aller Angst vor dem Neuen freue ich mich auch darauf.
Natürlich ist nicht gesagt, dass in der neuen Stadt nur alles super sein wird. Wir werden anfangs Schwierigkeiten haben, Anschluss zu finden. Klar, durch die Arbeit, durch den Alltag werden wir mit Menschen in Kontakt kommen, aber immer werden wir die neuen mit den alten vergleichen und nicht selten zum Schluss kommen: das Bad Nauheimer Netz, so löchrig es manchmal schien, es hielt doch, und es hielt gut und hat uns gut aufgefangen.
In der neuen Stadt sind es erstmal nur der Mann und ich. Das ist nicht ganz schlimm, das wissen wir, im Zweifels- und Pandemiefall sind wir uns auch genug, ohne uns ausschließlich auf die Nerven zu gehen; aber manchmal braucht es eben auch Input von Außen, neue Gedanken, neue Gesichter, Disruption des Alltags. Vor allem brauche ich das, brauchte das, war doch vor allem ich als Arbeitsfreier von üblichen sozialen Kontakten abgeschnitten.
Vielleicht - und das ist der letzte Gedanke, mit dem ich mir die Klippe vom Hals und die Tränen hinter der Maske zu halten versuche - sind die alten Freundys auch nur ängstlich, dass sie ersetzt werden könnten; dass ich irgendwann bessere Freundschaften schließen und die alten vergessen könnte. Dass ich sie nicht mehr brauchen und also nie mehr zurückkehren müsste.
Tatsächlich ist es wahrscheinlich eher so, dass - so unvorstellbar dem gebrannten Kind in mir das auch erscheinen mag - sie mich wirklich mögen. Dass wir einander nicht nur Knoten im sozialen Netz waren, sondern Herzensmenschen, die wir gerne sehen, hören und sprechen. Dass die miteinander verbrachte Zeit mehr war als Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre und Jahrzehnte. Dass sie gemeinsames Leben war. Das eben nun vorbei sein wird.
Den Schmerz darüber kann ich aber nicht teilen, will ihn niemandem aufdrängen, will ihn vielleicht aber auch einfach nicht formulieren, um die naheliegende Frage nicht beantworten zu müssen: wenn es so schmerzt, warum dann nicht bleiben? Warum den Plan nicht ändern, warum an etwas festhalten, das doch mitunter wie ein Fehler scheint und nicht ausschließlich wie ein Befreiungsschlag aus einem eingefahrenen Leben?
Und klar, vielleicht ist das tatsächlich nur, wie manche sagen, eine midlife crisis. Vielleicht anders behandelbar als mit einem Neuanfang in einer fremden Stadt. Ein Motorrad vielleicht oder ein junger Geliebter, ein Haus samt Hausboy? Ein neuer Job, eine Fortbildung, ein riskantes Hobby, ein Ayahuasca-Retreat? Vielleicht doch die Angst vor einer Absage über Bord werfen und sich als professioneller Schauspieler oder Autor versuchen? Ist vielleicht alles besser als das Abruptum.
Und doch gibt es gute Gründe, die für den Umzug sprechen. Allen voran das Haus mit Garten und die Heimat, die es verspricht. Die Familie, die in der relativen Nähe lebt und deren Nähe man vor allem angesichts der jüngsten Todesfälle mehr zu schätzen weiß. Die Notwendigkeit, sich in einer fremden Umgebung neu auszurichten und die alten Muster aufzubrechen. Die maximale Disruption also, noch dazu zu einem Zeitpunkt, an dem sie uns nicht nur überfordert.
Die Menschen, die zurückbleiben, geben das, wenn sie nüchtern darauf blicken, schon auch zu. Es gebe Gründe, nachvollziehbare sogar, und wenn da diese Kleinigkeit von 300 km nicht wäre, würden sie uns auch vorbehaltlos unterstützen. So versuchen sie sich für uns zu freuen und sind doch für sich traurig. So wird es sich für uns alle eine kurze oder lange Weile anfühlen. Bis der Alltag wieder einsetzt und damit eine langsam voranschreitende Entflechtung.
Manche Freundschaft wird das nicht überleben, und vielleicht rührt auch diese Angst manche zu Tränen: dass dieses Wir, das es gab, dann einfach fort sein wird. Dass es ersetzt wird durch etwas, das dauernd mit der Vergangenheit verbunden sein wird und nicht mehr mit der Zukunft. Dass das Best of Wir nicht um neue Höhepunkte erweitert werden kann. Ob es das aber würde, bliebe ich, ist ja auch nicht gesagt. Wir kennen die Zukunft nicht.
Und so ist das einzige, das bleibt, sich hineinzustürzen in die noch bleibende Gegenwart, die Momente, die als Erinnerung bleiben sollen, so bewusst zu erleben, dass sie dem Schleifstein der Zukunft standhalten. Nicht immer wird das gelingen, manchmal werden wir ganz grandios daran scheitern. Die Angst vor dem Scheitern darf uns aber nicht aufhalten, denn einen Weg daran vorbei gibt es nicht, es geht voran, immer nur voran und niemals zurück.
Da geht man einen halben Tag mal nicht nur ins Internet, sondern nur spazieren und in sich, und schon kommen die Gedanken wieder hoch, wie das alles doch funktionieren kann. Oder besser gesagt: was da nicht funktioniert und wieso.
Klingt abstrakt, wird aber sofort plausibel: Ich versuche, eine Welt wiederzufinden, die mir verloren ist. Ich hoffe, mit dem Umzug ein Stück meiner Identität wiederzugewinnen, das mir zu fehlen scheint.
Immer noch nicht genug: ich ziehe in meine Geburtsstadt zurück und kämpfe seither mit der Zerrissenheit meiner Erinnerungen daran, wie es hier war, und den neuen Bildern, die nach und nach die alten überlagern.
Das Ding ist: ich habe hier nie richtig gelebt. Ich habe Wochenenden und Ferienwochen bei meinen Großeltern hier verbracht, große Teile meiner Familie lebten hier und sind noch in der Umgebung, ich war ein Semester hier an der Uni eingeschrieben und habe vergeblich versucht zu verstehen, was Studenten so tun, wenn sie nicht im Internet surfen.
Meine alten Erinnerungen sind also vor allem mit den Menschen verknüpft, die ich hier kannte, vor allem mit meinen Großeltern und eben jenem Haus, in das der Mann und ich einziehen werden. Und klar kenne ich das Haus und die Wohnung, den Dachboden und den Garten; ich habe auch während dieses einen Semesters hier gewohnt. Aber ich finde mich hier nicht wieder. Was auch immer ich erwartet habe, es ist nicht da.
Das ist ja nun nicht ganz schlecht.
Es kann durchaus hilfreich sein, ganz neu anzufangen, wenn man glaubt, in einer Sackgasse zu stecken. Tatsächlich sehen der Mann und ich das beide so: dass wir nochmal ganz neu anfangen. Nicht, weil es uns in unserem alten Leben schlecht ging; aber sehr wohl, weil wir eben neu anfangen können. Weil wir wissen, dass wir es jetzt noch können, und weil wir befürchten, dass wir es irgendwann nicht mehr können könnten.
Und wie oft bekommt man denn auch eine Chance, in einer Stadt, die man schon einigermaßen gut kennt, einen kompletten Neuanfang zu machen? Vor allem noch mit dem Privileg eines geerbten Hauses in einer guten Lage? Ich kann hier sein, wer ich will, weil mich hier kein Korsett aus bekannten Identitäten in meiner Entfaltung einschränkt.
Das Problem ist: ich weiß nicht, wer ich sein will.
Und das viel größere Problem ist: ich erkenne ein Muster.
Vor einigen Wochen, als ich hier auf dem Dachboden saß und versucht habe, meiner Zeit als "Bauleitung" etwas produktives abzugewinnen, habe ich angefangen, Inhalte meiner verschiedensten Weblogs hier einzupflegen. Mit dem Effekt, dass ich jetzt Beiträge von 2004 bis 2023 mit teilweise großen Lücken dazwischen habe, die nicht ganz so groß sein müssten, wenn ich mal den Import abgeschlossen und nicht wie so viele angefangene Projekt einfach verlassen hätte.
Die Motivation dafür ähnelte dem Impuls, der mich jetzt immer befällt, wenn ich mir Teile des Hauses ansehe oder in Fotoalben blättere: Ich versuche mich selbst zu erkennen und mich mit einer Version von mir zu identifizieren, die es nicht mehr gibt. Einer Version vor allem, die noch nicht so viel bedauerte und darum - so nehme ich das an - glücklicher war.
Natürlich war ich früher nicht unbedingt glücklicher - von der Unmöglichkeit einer objektiven Messung mal ganz abgesehen. Aber das Bedauern, das sich manchmal als veritable Reue darstellt, das hatte ich früher nicht. Aber da war ich eben auch jünger und hatte nicht so viele Jahre, auf die ich zurückblicken konnte.
Mit dem ganz abscheulichen Gefühl, große Anteile meiner Zeit vergeudet zu haben.
Und das nicht, weil ich ja auch einfach direkt in Bamberg hätte bleiben und mein erstes Studium irgendwie beenden können. Dann hätten wir vielleicht den Dachboden vor 25 Jahren schon ausgebaut und ich hätte hier gewohnt, ich hätte als Germanist ...
Keine Ahnung, ist recht irrelevant für die Reue, die ja deutlich greifbarer auf dem großen Leerraum aufbaut, der sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten aufgetan hat; all der Zeit, die ich sinnbefreit durchs Internet gegeistert bin, Youtube- und Porno-Videos geschaut, mit Fremden gechattet, Breath of the Wild gespielt und ganz allgemein rumgedödelt habe.
Denn jetzt, wo ich verstanden habe, dass ich eigentlich für nichts richtig qualifiziert bin, denke ich: was hätte ich in den letzten Jahren nicht alles an Zusatzqualifikationen machen können. Die Yoga-Ausbildung natürlich, die Schriftsteller-Ausbildung, den Resilienz-Trainer. Oder das Theaterwissenschaftsstudium, das Praktikum in der Näherei der Oper, die Assistenz in der Dramaturgie (gut, da bin ich nicht genommen worden, aber eventuell ist auch meine Bewerbung nicht angekommen, unklar, es hat niemand geforscht). Aber auch Fortbildungen im Ernährungsbereich, einen Trainer-Schein (als ich noch im Fitnessstudio war), vielleicht einfach nur eine Therapie?
In den Blog-Import-Beiträgen eine Selbstbeschreibung von 2010 gefunden und erschrocken darüber, wie wenig ich mich doch verändert habe. Und dann aber gleichzeitig auch wieder überrascht, wie wenig ich noch diesem Menschen gleiche.
Ist also nicht so, dass sich nichts geändert hätte. Dass ich mich nicht geändert, weiterentwickelt, fortgebildet hätte von dem Menschen, der ich damals war. Immerhin liegen da ein Dutzend Theaterstücke und einiges an bezahlter und ehrenamtlicher Arbeit dazwischen, natürlich auch Autorentätigkeit, Autodidaktik und Selbstanalyse (mitunter sogar Selbsterkenntnis).
Und klar, ich hätte natürlich auch mehr machen können, mehr rausholen können aus meiner (Frei-)Zeit, weniger prokrastinieren in der Hoffnung, dass doch endlich der Tag vorbeigehen möge; und mehr Arbeit, egal, wie unglücklich sie mich gemacht hätte, weil der Mensch doch eine Aufgabe braucht, um nicht dauernd nur ans Aufgeben denken zu müssen.
Aber ich habe ja auch beim Prokrastinieren gelernt, es ist ja nicht alles spurlos vorbeigegangen. Klar, mein popkulturelles Wissen ist nicht halb so beeindruckend wie meine Kenntnis mesopotamischer Geschichte (obwohl das Menschen auf Partys überraschend oft anders sehen). Und auch klar: die Theorie zu kennen, wie man Dinge erledigt, bedeutet noch lange nicht, dass irgendwelche Dinge tatsächlich erledigt werden.
Aber Fakt ist ja, dass alles, was uns geschieht oder wir mit uns geschehen lassen, Spuren auf und in uns hinterlässt, uns formt und verändert und wir also - egal was wir tun oder lassen - nicht mehr die selben Menschen sind. Und wenn ich schon nicht zweimal durch den selben Fluss gehen kann (oder Bach; ich glaube nicht, dass ich durch einen Fluss gehen könnte, ohne davongespült zu werden), dann kann ich mir ja auch Zeit lassen.
Natürlich werde ich mir auf dem Sterbebett nicht wünschen, noch ein Youtube-Video über Permakultur gesehen zu haben. Aber ich werde mir auch ganz sicher nicht wünschen, länger Käse verkauft zu haben.
Eingangs schrieb ich (sinngemäß), ich jagte einer Welt nach, die mir verloren ist. Tatsache ist: es gab diese Welt nie. Die Erinnerungen, die ich aus meiner Kindheit, Jugend und auch meiner jungen Erwachsenenzeit habe: sie geben nicht die Realität wieder. In den späteren Jahren vielleicht noch am ehesten; aber selbst wenn ich mir Fotos aus den frühen 1980ern anschaue, wo ich in lustigen Stramplern oder Latzhosen durch die Gegend wackle, ist da zwar eine vergangene Version von mir abgebildet, aber ich weiß doch dadurch noch lange nicht, was in dieser Zeit war.
Ich hätte damals beim Beerdigungsgottesdienst meines Großvaters schon stutzen können, als der Pastor sagte, der Verstorbene sei ein gottesfürchtiger Mann gewesen. Mein Opa - gottesfürchtig? Nicht, dass ich schockiert gewesen wäre, mir war bloß bis zu diesem Moment der Gedanke nicht gekommen, jemand könne ihn anders sehen als ich ihn sah.
Mittlerweile weiß ich natürlich, dass die Menschen von außen und von innen anders aussehen - im wörtlichen und vor allem übertragenen Sinn. Damals aber erschien mir das seltsam inkongruent, wie eine Lüge, nur dass mir nicht klar war, wer da wen angelogen hatte und ob es tatsächlich Geschädigte gab.
Zumal es ja eben die Welt, wie wir sie uns vorstellen, gar nicht gibt.
Woran also will ich anknüpfen, wenn ich hier in der neuen Stadt nach Vertrautem suche und Möglichkeiten, mich zu orientieren? Was glaube ich zu gewinnen, wenn ich meine alten Blogs in das (nicht mehr ganz) neue stopfe?
Will ich mich konsolidieren, identifizieren, definieren? Oder will ich ganz im Gegenteil all die Unterschiede erkennen und mich anhand der Differenzen selbst erkennen wie einen Schattenriss?
Vielleicht hoffe ich, durch die Sichtbarmachung des Korsetts, das meine Identität hält, mir selbst eine Möglichkeit zu geben, eben dieses Korsett auch aufzubrechen, mich wirklich von den Stricken der Vergangenheit zu befreien und tatsächlich neu anfangen zu können.
Das Vorstellungsgespräch übrigens: "sehr informativ" (Eigenzitat in der Absage). Augenöffnend die Frage, ob ich mir vorstellen könne, die nächsten zwei Jahre chronisch Kranke zu beraten, wie sie, wenn schon nicht gesund, immerhin weniger belastet leben können.
Augenöffnend, weil: Nein, kann ich nicht, will ich nicht. Fühle mich weder stark noch qualifiziert genug. Beim imaginierten Gespräch mit ausgedachten Patienten den schlimmsten aller Sätze aus dem Unbewusstsein hochblubbern sehen: "Nun reißen Sie sich doch mal zusammen!"
Schlimm, weil er zeigt, wie ahnungslos ich im Umgang mit solchen Menschen tatsächlich bin. Vor allem, weil ich Ratschläge gäbe, an die ich mich selbst nicht hielte. Ich reiße mich ja auch nicht zusammen.
Ich mache keinen Sport mehr, gehe nicht mehr zum Yoga. Die 25 Stufen zwischen der zu renovierenden Wohnung und dem Dachboden zählen nicht als Trainingsstrecke, egal wie oft ich sie gehe. Meine derzeitige Ausrede: nach dem Sport muss geduscht werden, das kann ich aber nicht. Könnte ich schon, wir haben eine Komplettdusche mit beboilertem Wassertank; aber der Aufwand! Oder halt Fitnessstudio. Aber ist halt Fitnessstudio.
Tatsächlich geht es ja eh nicht um Körper-, sondern um Psychohygiene. Zusammenreißen bedeutet ja nicht einfach nur 100 Liegestützen am Tag, und dann ist die Welt gerettet. Zusammenreißen bedeutet:
Nicht auseinanderfallen.
Manchmal glaube ich, dass Auseinanderfallen tatsächlich ganz hilfreich wäre. Wie bei der Wand zwischen Bad und Küche, bei der es besser gewesen wäre, sie komplett einzureißen und neu und schön und mit Platz für die Installationen wieder aufzumauern. So haben wir ein Flickwerk aus alter und neuer Verrohrung zwischen bröseligen Ziegelsteinen hinter glatter Putzfassade. Auch stabil, aber ich weiß, wie es unter der Oberfläche aussieht.
Wenn man alles auseinandernimmt, kann man verborgene Altlasten entdecken und Schwachstellen, die stabilisiert werden sollten, bevor man sich neuen Zumutungen aussetzt. "Everything is falling to pieces, so all the pieces can fall into place", habe ich vor zehn Jahren mal in einem Anfall von Webdesign is my passion in eine Grafik gepummelt, und so banal das klingt, und so lahm das aussieht, so wahr ist es doch.

Andererseits ein Irrglaube, man könne einfach so Ballast abwerfen und sich neu erfinden. A clean slate, ein Neuanfang. Gibt es nicht, ist nicht drin, die Hardware lässt sich nicht austauschen. Selbst ein neues Betriebssystem müsste ja um unzugängliche Datencluster heruminstalliert werden, weil die sich nicht defragmentieren lassen. Bleibt nur, das Alte mit dem Neuen zu vermählen. Das Beste aus zwei Welten.
Oder eben nur das, was möglich ist.
Die weitere Stellensuche offenbart vor allem, was nicht möglich ist. Das Vorstellungsgespräch hat mir zwar gezeigt, dass ich mir viel zutraue. Gleichzeitig bin ich überfordert, meine Stärken und Qualifikationen zu identifizieren. Warum gerade ich für diese Stelle geeignet sei, wurde im Gespräch gefragt. Ich konnte schlecht sagen: "Haben Sie denn nicht meinen Lebenslauf gelesen?" Immerhin spiegelten meine Stationen die Anforderungen doch deutlich wieder. Gleichzeitig fiel mir da erst auf, dass das nicht reicht. Ich wusste nicht einmal, ob ich diesen Job überhaupt machen wollte und, wenn ja, warum.
Die Wahrheit ist: Ich weiß nicht, warum ich im Besonderen für diese oder eine andere Arbeit qualifiziert sein sollte. Ich schrieb mal, ich sei ein Jack of all Trades. Tatsächlich aber hatte ich keine der Stellen in meinem Lebenslauf, weil ich qualifiziert war, sondern weil ich es wollte. Wenn mich etwas angesprochen hat, habe ich es getan. Und selbst bei meinen letzten Job hat sich nur die Geschäftsführung gefragt, ob ich für den Verkauf von Käse im Biomarkt nicht überqualifiziert sei. Ich hatte andere Prioritäten: Brotjob mit Krankenversicherung. Hat dann trotzdem überraschend viel Spaß gemacht.
Stellenanzeigen lösen aktuell eine unterminierende Dialektik aus: Klar kann ich das, denke ich, aber bin ich dafür qualifiziert? Von wegen Jack of all Trades: Master of None! Durchgemogelt überall, selbst meine Bühnenkarriere verdanke ich keiner entsprechenden Vorbereitung, sondern vermutlich nur meiner verdächtig großen Befähigung zu Lüge und Selbstverleugnung.
Zusammenreißen ist da nicht.
Was sollte ich auch zusammenreißen? Wie sollte ich einer nicht fixierten Struktur, die dauernd ihre Anforderungen ändert, eine feste Form geben? Ich bin kein fertiges Werk, ich halte immer nur Momentaufnahmen fest. Und weiß gleichzeitig, dass ich mich möglicherweise schon im nächsten Moment in eine komplett andere Richtung entwickle.
Insofern vielleicht kein Wunder, dass ich mir so vieles für meine Zukunft nicht vorstellen kann, wenn ich schon meine Gegenwart nicht greifen kann.
Gleichzeitig ist ja meine Vergangenheit auch kein leicht zu überschauender Pfad. Davon abgesehen, dass ich große Teile meiner Erinnerungen als unbrauchbar wegsortiert habe, hatte ich auch nie wirklich feste Bande, innerhalb derer ich mich bewegt habe. Ich habe die Regeln, nach denen ich lebe (und damit mich selbst) immer erst in eben jenem Moment erfunden, in dem ich sie gebraucht habe. Und wenn irgendwas nicht passte, dann passte es halt nicht, und dann passte ich mich eben an.
Vielleicht ist das eine dieser Stärken, die ich bei Fragen in Vorstellungsgesprächen anbringen sollte: dass ich mich gut anpassen kann, dass ich offen bin für Neues, sei es noch nicht erlerntes Wissen oder unbekannte Situationen. Ich habe eine große Resilienz, könnte ich das beim nächsten Mal sagen, um dann noch hinzuzufügen: Und diese Resilienz kann ich weitergeben, auch an Menschen, die glauben, mit Zusammenreißen allein sei alles getan.
In other news: Jessie Ware - Begin Again
Recht einfach, sich als Opfer zu fühlen. Hat viel für sich, und man spart sich alle weiteren Ausreden. Die Umstände sind schuld, die Umwelt, alle, nur nicht ich selbst. Ich nämlich bin frei von aller Verantwortung.
Der Preis der Freiheit
Natürlich ist das Quatsch, denn wer wenn nicht ich trägt denn Verantwortung für mein Leben? Und damit natürlich nicht nur für meine Erfolge und Niederlagen, sondern vor allem auch für die Art, wie ich mich selbst sehe und präsentiere.
Freiheit, das ist die lästigste Erkenntnis aller Zeiten, verdammt das Individuum dazu, den eigenen Weg zu gehen. Nein, nicht nur zu gehen, sondern erstmal in das Dickicht der Möglichkeiten hineinzuschlagen. Kein Wunder, dass sich manche Menschen lieber in Abhängigkeiten begeben, in Positionen der Schwäche, der Nach- oder Mitläuferschaft. Frei zu sein bedarf es angeblich wenig, tatsächlich ist es aber anstrengend, und sich selbst in Unfreiheit zu begeben oder zu halten, ist deutlich entspannter.
Der Preis der Unfreiheit
Natürlich ist auch das ein Trugschluss. Unfreiheit bedeutet Kompromisse und Akte gegen die eigenen Überzeugungen. Bedeutet das Aufgeben der eigenen Ziele. Und letztlich auch der eigenen Individualität.
"Sei du selbst, alle anderen sind schon vergeben", ist ein weiteres tolles Selbsthilfezitat. Die Wahrheit ist ein bisschen drastischer: sei du selbst oder sei gar nicht. Wer die eigene Individualität aufgibt, wer sich in Abhängigkeiten begibt, gibt sich selbst auf.
Man muss nicht in der Ukraine leben, um die Tragweite dieser Erkenntnis zu verstehen - und ihre eigentliche Konsequenz. Wer nicht für die eigene Freiheit kämpft, wer beschließt, in Unfreiheit zu leben, wer sich also selbst aufgibt, hat sein Leben verwirkt.
Ohn|macht|los
Natürlich haben wir die Wahl. Immer und in allen Situationen. Schlimmer: in jeder einzelnen Sekunde und selbst da wahrscheinlich mehrfach. Wir treffen bewusst und unbewusst andauernd Entscheidungen, die mal kurz- und mal langfristige Konsequenzen nach sich ziehen. Stehe ich gleich auf oder lese ich erst noch ein Kapitel? Esse ich Haferflocken oder Rührei? Packe ich am Vortag der Reise oder erst kurz vor der Abfahrt? Stelle ich mich in den übervollen Regionalexpress oder setze ich mich in die langsamere, aber eben auch leerere S-Bahn? Kämpfe ich für meine Freiheit oder gebe ich auf?
Das Extrembeispiel Ukraine zeigt, wie grauenvoll die Alternativen manchmal sein können: wer in der Ukraine für die eigene Freiheit kämpft, begibt sich in reale Lebensgefahr. Die Entscheidung für die Freiheit ist möglicherweise eine Entscheidung für den eigenen Tod.
Der Preis des Lebens
Andererseits: So unterschiedlich wir Menschen auch sein mögen, so sehr wir uns auch von allen anderen Lebewesen unterscheiden mögen, so sehr eint uns der Umstand unserer Sterblichkeit. Das mag banal klingen, hat aber die sehr einfache Konsequenz: Früher oder später werden wir unabhängig von all unseren Entscheidungen ohnehin sterben. Der Preis des Lebens ist der Tod.
Warum also nicht in der Ukraine für die Freiheit kämpfen und riskieren, dabei ums Leben zu kommen? Oder, weniger dramatisch und mehr auf meine Situation bezogen: Warum nicht alle Zweifel aus dem Fenster werfen und das Buch einfach schreiben - egal, was irgendwer sagen könnte. Zumal - und das ist die schlimmste aller Erkenntnisse - es wahrscheinlich niemanden interessiert, ob ich das Buch schreibe oder nicht.
Tat- & Tätersachen
Der einzige, der tatsächlich ein Interesse an diesem Buch (oder auch all meinen anderen Geschichten) hat, bin ich. Und ich bin auch der einzige, der mich dazu motivieren kann, es zu schreiben; wie ich ja auch der einzige bin, der mich letztlich davon abhält.
Ich bin derjenige, der nicht schreibt, ich bin derjenige, der sich in die Unfreiheit der Opferrolle begibt, ich bin derjenige, der die Verantwortung für mein Glück trägt oder eigentlich nicht trägt, sondern zugunsten größerer Bequemlichkeit abgibt. Ich habe mich allzu häufig darauf ausgeruht, ein Opfer zu sein. Weil es geht. Weil ich offensichtlich an mir selbst desinteressiert genug bin, dass ich nicht an mir und für mich arbeiten muss und mir trotzdem einreden kann, glücklich zu sein.
Und so unterdrücke ich mich einfach dauernd selbst, verschwende darauf meine Energie, bis ich ausnahmsweise mal wieder nicht aufpasse und dann plötzlich wieder das Entsetzen verspüre, dass seit den letzten Sätzen an der Geschichte schon wieder Wochen, wenn nicht Monate vergangen sind. Und dann suche ich natürlich einen Menschen, bei dem ich die Schuld für mein Versagen abladen kann. Und finde natürlich niemanden.
Der Fluch der {guten} Tat
Der Täter tut. So simpel. Und umgekehrt: Wo niemand tut, da kein Täter. Wo also höchstens ich selbst mich in Unfreiheit halte, da bin ich Opfer und Täter zugleich. Ziemlich blöd, denn ich könnte beides ja aufgeben - oder vielleicht einfach umkehren: statt alle Energie in Selbstmitleid zu stecken, könnte ich auch Self Empowerment betreiben, wie das heutzutage heißt.
Das einzige Problem dabei: ich weiß nicht, wie das geht. Ich habe das nicht gelernt, meine lang gelebten Muster sind eher solche der Selbstaufgabe. Und ich bin mittlerweile so gut darin, diesen Mustern zu folgen, dass ich mich selbst sabotieren kann ohne darüber nachdenken zu müssen.
Sollte ich nun also aus dieser Schonhaltung ausbrechen wollen, erfordert das Arbeit und Anstrengung, eine eben ganz andere Täterschaft. Und vor allem: ein andauerndes Weitertun, ankämpfend gegen den ewig lockenden Stillstand.
Die Unwahrscheinlichkeit der Entropie
Es gibt die durchaus einleuchtende Theorie, dass eine gewisse Unordnung unvermeidlich ist, ja dass eigentlich alles im Universum auf Chaos zusteuert, auf ein endloses Auseinanderdriften, bis das größtmögliche Durcheinander erreicht ist. Natürlich ist diese Theorie falsch. Nicht, weil Universen nicht auseinanderdrifteten und unsere Wohnstätten nicht fast von alleine immer wieder ungeeignet für spontanen Besuch gerieten. Sondern weil schon auf molekularer Ebene immer ein Zustand größter Ordnung angestrebt wird. So falten sich beispielsweise Proteine bei ihrer Produktion überwiegend selbst, bis sie einen Zustand größter Stabilität erreicht haben, was zufälligerweise eben auch der Zustand geringster potentieller Energie ist.
Wobei, Zufall ist das ja nicht. Wir alle streben nach der Stabilität des geringsten Energieaufwandes. Wenn wir ehrlich zu uns sind, dann liegen wir doch lieber auf der Couch als bei größter Sommerhitze den Wildwuchs im Garten zurückzuschneiden. Wenn wir die Wahl hätten, uns ein Getränk zu holen oder eines gebracht zu bekommen, wie würden sich die meisten Menschen wohl entscheiden?
Die Entropie des Universums, also das Auseinanderdriften aller Materie in einen Zustand größter Unordnung, ist eine Illusion - oder vielmehr eine Momentaufnahme. Denn tatsächlich ist die Ausbreitung der Entropie nur eine Folge allergrößter Kraftentfaltung: dem Urknall.
Lost in Komfortzone
Nun muss man nicht zwangsläufig bis zum Beginn unseres Universums zurückgehen, um zu verstehen, wie Dinge funktionieren (oder eben auch nicht). Aber der Urknall ist eben auch eine hervorragende Analogie dafür, dass es manchmal eines großen Knalls bedarf, um Veränderungen in Gang zu setzen.
Politik arbeitet in der Regel so. Längst veraltete Systeme werden so lange am Leben erhalten, bis sie so dysfunktional geworden sind, dass gar nichts mehr funktioniert. Und weil dann keine rettende (Ab)Lösung zur Verfügung steht, ist das Geheul erst mal groß auf allen Seiten. Wenn es gut läuft, reißen sich dann alle zusammen und kommen irgendwie weiter. Aber wann läuft irgendwann schon mal was gut?
Niemand verlässt gerne die Komfortzone, ich schon gar nicht. Ist ja Aufwand, Erfolg ungewiss; am Ende lohnt sich das gar nicht, sich anzustrengen, außerdem kann ich mich doch auch kurzfristig mit Dopamin belohnen statt einen langfristigen und vielleicht komplizierten Plan umzusetzen. Wenn es denn überhaupt einen Plan gibt.
Disziplin für Anfänger
Disziplin, so eine weitere, vielleicht letzte Selbsthilfeweisheit, bedeutet, auf das zu verzichten, was man haben kann, um das zu bekommen, was man haben will. Und nein, ich habe gar nicht so viele Ratgeber gelesen, wie es scheint. Ich verbringe einfach nur zu viel Zeit im Internet. Selbst bei Pinterest werde ich zugeworfen mit Tipps, wie ich endlich meine Lebensziele erreichen kann und total glücklich werde.
Ist natürlich Quatsch, Pins pinnen auf Pinterest wird mich meinem Nirwana nicht näher bringen. Tatsächlich braucht es harte Arbeit, Hingabe und vor allem Eigenverantwortung für das optimale Selbstentfalten. Ich bin der Autor meiner Geschichte, im übertragenen wie eben auch im eigentlichen Sinn. Wenn ich ein Buch schreiben will, muss ich mich einfach nur ernst nehmen und eben ein Buch schreiben. Die Ausreden aufgeben und ein Buch schreiben. Mich täglich hinsetzen, keine Sudokus machen oder YouTubes gucken, sondern das Buch schreiben. Jeden Tag, immer ein bisschen und vielleicht manchmal ein bisschen mehr. Und da braucht es keine Aufforderung, keine Erlaubnis, kein Bitten und Betteln, da braucht es einfach nur: Tun. Und mich als Täter der guten, der richtigen Tat.
Ich wurde also verletzt. Kleine und große Aggressionen, mittlere und katastrophale Entmutigungen. Selten körperliche Gewalt, eher verbale und psychologische Attacken. Eigentlich dermaßen verjährt, dass ich längst drüber weg sein sollte. Und doch wirft die doofe Vergangenheit immer noch lange Schatten in meine Gegenwart.
Willkommen im Land des Selbstmitleids
"Selbstmitleid", sagt Wikipedia, "bezeichnet das menschliche Verhalten, seelischen Schmerz über ein scheinbar oder tatsächlich zu Unrecht erlittenes Übel zu empfinden." Es geht schlimmer weiter: Andere sollten bedauern, dass ich ein Opfer von Gewalt geworden bin. Sie sollten mich bedauern. Weil es aber niemanden kümmert, habe ich - schwupps - einen neuen Grund, mich selbst zu bemitleiden. Ein Teufelskreis mit Potential zur Chronifizierung als Posttraumatische Verbitterungsstörung.
Nun ist das vielleicht erklärbar, aber nicht hilfreich. Denn zum Selbstmitleid gehört der Groll gegenüber der teilnahmslosen Welt. Selbstmitleid chronifiziert mich als Opfer, beunfähigt mich, mein Schicksal zu kontrollieren.
Armes Menschlein
Leider heilt Selbstmitleid nicht. Es amputiert.
Natürlich ist es verlockend, Verantwortung abzugeben und zu sagen: "Immer wenn ich kreativ wurde, habe ich eins auf den Deckel bekommen, es soll wohl nicht sein." Als ob zu meinem Los die zielgerichtete Unterdrückung meines Charakters durch die Welt gehörte, eine große Verschwörung zur Verzwergung von Anders Wolf.
Das soll die Existenz von Traumata nicht relativieren. Verletzungen durch Andere passieren, immer und überall. Schön wäre es in einer Welt ohne Aggressionen zu leben. Allerdings müssten wir unseren Planeten dazu relativ stark entvölkern (böse Zungen behaupten, wir arbeiteten bereits daran), schließlich bedeuten Menschen Konkurrenz. Alle kämpfen ums Überleben, manchmal mehr, manchmal weniger deutlich. Und in der Hitze (oder manchmal auch nur lauen Wärme) des Gefechts entfährt auch den wohlmeinendsten Gemütern mal eine unbedachte Bemerkung.
(Rat)Schläge
Zuletzt schrieb ich von Mitschülys, von Eltern, von K. aus dem Studium. Ich sei gemobbt, nicht gefördert, sogar entmutigt worden. Das ist nicht toll, aber kein Grund aufzugeben.
Vor allem nicht wegen gut gemeinter Ratschläge, die ja einen Kern von Sorge in sich tragen. Ich solle mich nicht von meinem Traum begraben lassen, hatte K. mir geraten. Ich solle mich nicht in die Armut treiben lassen, so die Eltern. Gut gemeint beides, und doch ohne Kenntnis meiner Fähigkeiten ohne Basis.
Seltsamerweise ist mir das Mobbing weniger präsent. Vielleicht weil die tiefer empfundenen Kränkungen später geschahen, in einer Zeit und Umgebung, in der ich mich sicher fühlte. Vielleicht weil das Mobbing unpersönlicher war, weil von mehreren Menschen, vor allem solchen, die ich ohnehin nie als Freunde bezeichnet hätte.
Diese Diskrepanz ist unverständlich, hat mich das Mobbing doch gerade während meiner Persönlichkeitsbildung in den Kindes- und Jugendjahren verformt. Studien zeigen, dass gemobbte Kinder lebenslang Narben tragen, egal wie viele Schichten scheinbarer Selbstsicherheit darüber liegen. Ist das Selbstwertgefühl erst mal unterminiert, ist das Grundvertrauen, in dem der Charakter wurzeln sollte, nachhaltig erodiert.
Aufgeben vs. Aufgabe
"Wir können nicht kontrollieren, was uns geschieht, nur unsere Reaktion darauf." Klassiker der Selbsthilfe, dennoch nicht unwahr. Oder: "Wenn die Welt dir Zitronen gibt, mach Limonade draus."
Narben, so heißt es, sind nicht Zeichen für Schwäche, sondern fürs Überleben. Narben stehen für Verletzungen, die uns getroffen, verändert, aber nicht bezwungen haben. Verstecken wir eine Narbe, negieren wir den damit verbundenen Schmerz, negieren wir auch uns selbst, denn auch wenn wir das nicht wollen, sind unsere Narben doch unauslöschlich mit uns verbunden.
Was also tun, wenn nicht aufgeben? Weitergehen, weiterleben, weitermachen. Ich wurde verletzt, weil ich anders war. Aber eben auch noch immer anders bin. Nie nicht anders sein werde. Soll ich mich deswegen immer noch kleinmachen, anpassen, verstellen? Mir wurde davon abgeraten, meinen Träumen zu folgen, nur weil sich andere darin keinen Erfolg für mich vorstellen konnten? Warum habe ich angenommen (und scheine immer noch anzunehmen), sie hätten recht?
Es ist leicht aufzugeben, bevor man etwas versucht hat, es ist sogar verlockend, nicht die Energie aufzubringen, wenn alles, was man als Belohnung sieht, Scheitern heißt. Wer nicht mit dem Gedanken ans Ziel losläuft - Achtung Sportmetapher -, sollte nicht für einen Marathon antreten.
Tatsächlich sollten Entmutigungen uns nicht zum Aufgeben bringen, wir sollten sie als Aufgabe verstehen. Als Aufgabe, in uns selbst zu investieren, stärker zu werden, besser, schneller, resilienter. Überzeuge deine Kritiker vom Gegenteil. Oder besser noch: beschäftige dich mit deiner Arbeit, nicht mit denen, die sie ohnehin nicht verstehen.
Er|folg|en|los
Erfolg entsteht nicht über Nacht, er ist das Ergebnis nicht immer harter, aber doch ausdauernder Arbeit. Vor allem belohnt Erfolg den Glauben an sich selbst, auch und gerade in Zeiten, in denen das nicht leicht ist. Lichter, die im Dunkeln entzündet werden, leuchten am hellsten. Klingt nach noch mehr Selbsthilfe-Bullshit. Ist trotzdem wahr, vor allem aus der Perspektive eines Menschen, dessen größter Erfolg die Selbstsabotage ist.
Im Grunde weiß ich, was ich kann. Natürlich weiß ich um meine Schwächen, viel besser aber kenne ich mein Potential. Ich kenne es, weil ich es in den letzten Jahren und eigentlich Jahrzehnten sehr erfolgreich unterdrückt habe. Und weil ich, wenn ich mich aus Versehen mal nicht zurückgehalten habe, alles geschafft habe, was ich mir in den Kopf gesetzt habe. Ich muss nur wollen, denn wo ein Wille, da auch Limonade.
Sei wie FritzFranz
Ich wurde also verletzt und durch diese Verletzungen geformt, ebenso wie durch meine Versuche, mich selbst zu zähmen. All das hat mich hierher geführt, und ich kann bedauern, wie viel Zeit mich die Umwege gekostet haben. Wie viel ich schon hätte schreiben und veröffentlichen können. Aber ganz ehrlich: Hätte ich es wirklich gekonnt, ich hätte es getan.
Manchmal ist die Zeit nicht reif, manchmal ist der Mensch nicht reif. Ich weiß immer noch nicht, wie mein kleineres Romanprojekt zu Ende gehen soll. Ich weiß, dass mein unentschiedener FritzFranz-Protagonist auf halber Strecke eine Erleuchtung hat und dass danach erst mal alles auseinanderfällt, bevor sich die Puzzleteile wieder ordentlich zusammenfügen. Eigentlich: bevor er selbst die Bruchstücke seines Lebens wieder zusammensetzen kann.
Und das ist auch meine Aufgabe: mich nicht mehr davon abzulenken, meine Unordnung zu sortieren. Mich nicht mehr davon abzuhalten, mein Potential zu entfalten. Oder konkreter: endlich das Wagnis einzugehen, das Buch zu schreiben. Und vielleicht erst auf dem Weg Richtung Ende zu entdecken, wie FritzFranz und ich die größte Hürde aller Zeiten überspringen: den eigenen Schatten.
Angeblich verbringen wir zwei Jahre unseres Lebens mit Warten. Das habe ich im Internet gelesen, es muss also stimmen.
Andererseits: Was ist Warten? Was heißt Warten? Wenn ich an der Supermarktkasse in der Schlange stehe und noch nicht mal meine Sachen aufs Band gelegt habe, sondern nur langsam näher ranrutsche, bis endlich auch ich an der Reihe mit Auflegen, Wiedereinpacken und Bezahlen bin: warte ich dann auch, wenn ich gleichzeitig darüber nachdenke, ob ich alles in meinem Korb gelegt habe, was auf meinem Einkaufszettel stand? Denke ich dann beim Warten, warte ich beim Denken? Oder warte ich gar nicht, sondern denke nur?
Menschen im Stau warten (und hinterfragen gleichzeitig ihre Lebensentscheidungen). Menschen auf der Rolltreppe warten (und schauen derweil den Hintern des Vordermenschen an). Menschen im Eiscafé warten auf ihren Eiskaffee (und überlegen, ob sie bei der Hitze nicht besser im Keller sitzen sollten). Menschen in der Warteschleife warten (und summen Für Elise mit). Menschen am Gepäckband warten (und überlegen, ob es sich noch lohnt, nochmal zur Toilette zu gehen). Menschen im Wartezimmer warten (und blättern vielleicht in einer Zeitschrift, in der sie sich nur zu lesen trauen, weil der neutrale Umschlag des Lesezirkels das reißerische Titelblatt von Frau am Abgrund verdeckt). Menschen, die auf einer Organspendeliste stehen, warten (und hoffen, dass alle anderen Menschen eine so positive Einstellung zur Organspende haben, dass sie Organspendeausweise mit sich führen, weil es immer noch keine gesetzliche Regelung zur Widerspruchslösung und ergo einen Spenderorganmangel gibt).
Wenn aber Warten bedeutet, dass ich in der Wartezeit nichts anderes machen darf als Warten, warten all diese Menschen dann wirklich? Gerade die Organspendemenschen: die machen ja bestimmt auch was anderes zwischendurch. Warten geht ja gar nicht den ganzen Tag. Ich muss ja was essen, trinken, Blumen gießen, Bücher lesen, E-Mails schreiben, Radio hören, mich mit Menschen aus der Nachbarschaft unterhalten (oder sie aktiv ignorieren). Irgendwas, denke ich mir, ist ja immer zu tun.
Und wenn nichts ist, dann suche ich mir eben was. Dann beschäftige ich mich, damit ich nicht einfach nur rumsitze. Vielleicht schaue ich ein Video (oder fünfzehn Videos) auf YouTube an, vielleicht höre ich einen Podcast, vielleicht telefoniere ich oder räume den Hauswirtschaftsraum um. Vielleicht memoriere ich meinen restlichen Text oder wiederhole die bisher einstudierten Szenen. Vielleicht gehe ich spazieren oder zum Abkühlen in den Keller, vielleicht hefte ich die Sachen aus meiner Ablage ab oder bringe Altpapier in den Altpapiercontainer. Vielleicht kaufe ich Lebensmittel ein, vielleicht backe ich eine Limettentarte, vielleicht nähe ich mir eine Hose. Vielleicht trenne ich die missglückte Hose wieder auf, um aus dem Verschnitt etwas anderes zu nähen. Vielleicht stutze ich endlich den Ficus. Vielleicht wechsle ich nach nur drei Monaten Displayschwärze den Akku meines Funkweckers. Vielleicht baue ich doch noch die Balkonbank. Vielleicht bringe ich mir Akkordeonspielen bei oder studiere Running up that Hill auf dem Keyboard ein.
Vielleicht, vielleicht, vielleicht.
Was ich aber definitiv nicht mache: das Buch schreiben. Oder das andere Buch. Oder die Geschichten für die Wettbewerbe. Oder einfach mal wieder einen Blogbeitrag.
In der Abizeitung meines Jahrgangs sollten alle Abiturientys die Frage beantworten, was sie später mal machen wollten. Also nicht später im Sinne von nachher wie beispielsweise "nach der Abifeier erst mal den Rausch ausschlafen", sondern mehr im Sinne von "Wo siehst du deine Bestimmung im Leben?", was in vielen Fällen eher verstanden wurde als Frage nach dem Studienfach. Erstaunlich viele Menschen wollten da BWL oder ähnlichen Quark studieren, einige auch Jura oder Medizin, die wenigsten interessierten sich für sinnvolle und sinnstiftende Berufe, die tatsächlich gesellschaftlichen Mehrwert besitzen. Also die in der Pandemie als essentiell eingestuften Jobs in der Pflege, im Handwerk, im Einzelhandel. Gut, Medizinys braucht es auch, und einige wollten auch Lehrkraft werden, aber der Trend war damals (wie vielleicht auch seither): Hauptsache Geld.
Ums Geld ging es mir nie. Natürlich habe ich das Glück, dass es das nicht musste; einerseits hatte ich immer Menschen, die mein Leben finanzierten, andererseits sind meine Bedürfnisse nicht so ausgefallen, dass ich überhaupt viel Geld bräuchte. Wenn ich Geld ausgebe, dann in der Regel für Lebensmittel.
Das passt natürlich ein bisschen zu meinem Studium, denn wer Ernährung studiert hat, darf sich auch fürs Essen interessieren.
Andererseits habe ich auf die Frage, was ich denn mal machen wollte mit meinem Leben, geantwortet: irgendwas mit Worten. Schon damals konnte ich nicht schreiben, ich wolle Schriftsteller werden. Vielleicht wusste ich nicht, ob ich das wirklich werden konnte. In dreierlei Hinsicht: Wie wird man Schriftsteller? Bin ich geeignet, Schriftsteller zu sein? Ist mir das überhaupt gestattet, Schriftsteller zu sein?
Das Irritierende daran ist, dass ich nie darüber nachgedacht habe, etwas anderes zu sein. Mein ganzes Leben besteht aus der Auseinandersetzung mit Geschichten, meist in Buchform, natürlich aber auch in Form von Videospielen, Filmen oder Serien. Seit ich schreiben kann, schreibe ich gerne, sowohl mit der Hand als auch digital (und ja, für lateinisch Angehauchte ist da ein unbeabsichtigter Wortwitz versteckt). Ich mag es, Worte aneinanderzureihen, finde es schön, wenn sich Gedanken erst im Gehirn formen und dann in einem Text wiederfinden. Ich lese gerne, lieber sogar als ich Gefilmtes oder Animiertes konsumiere, aber Lesen ist eine ausschließliche Tätigkeit, da kann man nebenbei nicht noch etwas Zweites erledigen. Außer Warten vielleicht (auch wenn Warten, wenn man liest, vielleicht schon nicht mehr Warten ist).
Ich hatte nie eine Vorstellung davon, was ich tun sollte, wenn ich nicht schriebe. Und doch schreibe ich nicht. Und ich weiß nicht warum.
Klar, da ist die lose Erfahrung, dass bisher jede kreative Äußerung meinerseits früher oder später auf Ablehnung gestoßen ist. Wahrscheinlich, das gebe ich zu, hat mein Gehirn da auch Verknüpfungen hergestellt, wo keine sind. Als ich in der Grundschule gemobbt wurde, dann bestimmt nicht nur, weil ich mich künstlerisch von den anderen unterschied, sondern eben auch einfach anders war. Als ich im Gymnasium den Chor verließ, dann nicht, weil ich schief gesungen hätte, sondern eher, weil ich auch da als anders wahrgenommen und auch so von den anderen behandelt wurde. In meinen Jugendjahren habe ich mittelprächtige Gedichte geschrieben, bis mir gesagt wurde, ich müsse, um gut zu werden, noch vieles lernen; leider war diese bloße Feststellung weniger hilfreich, als es vielleicht ein Mentoring gewesen wäre. Und natürlich hat auch die Einschätzung meiner Eltern nicht geholfen, ich dürfe ja durchaus meinen Schreibkram machen, davon leben könne ich aber bestimmt nicht, ich solle mir also lieber einen Brotberuf suchen.
Vielleicht darum das Studium der Ernährungswissenschaften.
Brot und so.
In Gießen dann K. kennengelernt, den hyperpragmatischen Gegenentwurf zu meiner ohnehin schon angerauten Künstlerseele. K. hat mich im Studium immer angetrieben, gemeinsam haben wir alle Praktika und Seminare durchgezogen, uns gegenseitig (und danach allen anderen) die Naturwissenschaften erklärt, zu denen wir anfangs beide keinen Zugang gefunden hatten. Gemeinsam haben wir uns durch ein Studium geschoben, das uns, wenn wir einander und uns selbst gegenüber ehrlich gewesen wären, doch eigentlich beide nicht wirklich interessierte. Doch das einzige Mal, dass ich tatsächlich ehrlich über meine Ambitionen mit K. sprach, erwähnte ich meinen Traum davon, ein Buch zu schreiben, vielleicht auch zwei. Schriftsteller wolle ich eigentlich werden, und das mit der Ernährung sei eigentlich nur ein Notnagel. Ein Brotberuf eben.
Und dann hat K. von dem Manuskript erzählt, das die Familie nach dem Tod des Großvaters gefunden hätte. Grauenvoll, unlesbar, komplett unbegabt; und doch hätte der Großvater bis zuletzt noch am Traum gehangen, irgendwann doch noch die Geschichte zu veröffentlichen. Ich solle, das sagte mir K. also, diesen Traum begraben, bevor mich der Traum unter sich begrabe.
Und weil ich K. aus Gründen, die ich rückblickend nicht nachvollziehen kann, mehr zutraute in Lebensfragen als mir selbst, folgte ich diesem Rat und verabschiedete mich von meinem Traum.
Nun wissen alle, die über die Jahre mein Blog gelesen haben, dass das nicht ganz stimmt. Ich habe immer wieder geschrieben. Kürzere und längere Blogbeiträge, auch Geschichten, ich habe auch (manchmal erfolgreich) an Wettbewerben teilgenommen; aber mein Herz habe ich doch nie so richtig hineingeworfen. In allem, was ich schreibe, halte ich mich zurück. Meine literarischen Texte sind oft von einer unpersönlichen Kälte durchzogen, meine Protagonistys unnahbar oder komplett unsympathisch, meine Sätze zu klinischer Sauberkeit ausgeputzt.
Ich will mich, das ist meine Analyse, in meinem Schreiben nicht angreifbar machen, will nicht so weit aus mir rausgehen, dass ich vielleicht nicht zurückkann. Ich habe die Erfahrung, dass kreativer Ausdruck nicht nur belohnt wird, immer noch nicht überwunden.
Als ich vor Jahren das sehr selbstentblößende Theaterstück "Die letzte Königin" geschrieben und aufgeführt hatte, sagte mir eine Zuschauerin hinterher, wie deutlich sie mir das Fehlen von Grundvertrauen angemerkt habe und wie wenig Grund ich doch dafür zu haben brauchte. Ich solle mit der Erkenntnis auf die Bühne gehen, dass es für ein solches Öffnen dem Publikum gegenüber zwar großer Kraft bedürfe, dass ich diese Kraft aber doch offensichtlich auch besäße. Ich müsse mich nicht mehr zurückhalten.
Und doch halte ich mich immer noch zurück. Ich suche immer noch Ausreden, Ablenkungen, andere Aufgaben. Ich weiß, dass ich mir selbst damit schade, nicht zu schreiben; dass ich den Drang, meine Geschichten zu erzählen, zwar unterdrücken, aber nicht einfach ausjäten kann. Und ich würde es ja auch gar nicht wollen.
Ich will ja Geschichten erzählen, will Bücher schreiben; und doch traue ich es mir nicht zu.
Ich warte. Darauf, dass irgendwann jemand zu mir kommt und sagt: schreib jetzt dieses Buch. Und doch warte ich nicht bewusst. Ich schaue Serien, ich lese Bücher, ich räume die Wohnung um, ich höre Podcasts. Ich weiß natürlich, dass auch die Welt nicht wartet. Ja, im Kleinen schon: Menschen stehen an der Kasse oder auf der Rolltreppe, sie sitzen in Autos und Eiscafés, sie warten auf ihren Arzttermin oder eine Organspende. Aber die Welt wartet nicht darauf, dass ich mich hinsetze und schreibe, sie wartet nicht darauf, dass ich das Buch beende. Jedes Jahr erscheinen 80000 Bücher, und die wenigsten davon werden tatsächlich gelesen; und selbst diese 80000 Bücher sind nur ein Bruchteil dessen, was Verlagen angeboten wird.
Kein Verlag wartet auf mich, die Welt wartet nicht auf mich. Nur ich selbst warte auf mich und darauf, dass ich mir endlich selbst die Erlaubnis gebe, alle gut und schlecht gemeinten Ratschläge und Reaktionen auf einen wie auch immer gearteten kreativen Ausdruck hinter mir zu lassen. Und ich warte immer noch darauf, dass ich irgendwann zu mir komme und sage: Ich schreibe jetzt dieses Buch.
Es mag sich anfühlen wie Schmerz und doch ist es nur Leere. Langeweile. Ein entnordeter Kompass. Reparabel vielleicht, vielleicht aber auch einfach nur ein weiteres Ding, was zu ignorieren ist. Zu überspielen. Spielend leicht ist das, es nennt sich "so tun als ob", und das ist ja nun mal das Einfachste von allem.
Alles nämlich ist einfach, wenn ich es nur will. Und auch wenn das Einfache das ist, was mir in der Regel nicht gelingt, ist das nur eine weitere Regel, die zu brechen ist. Eine Grenze zu überwinden, ein Knoten zu durchschlagen, eine leere Seite zu beschreiben. Wieder und wieder die gleichen Worte aufs Papier setzen: Ich kann das. Ich kann das. Ich kann das.
Im Grunde wie Magie. Licht in der Dunkelheit finden und die Dunkelheit dann einfach überstrahlen damit. Alle Geister austreiben, alle Schatten verjagen, alle Zweifel exorzieren. Das wollte ich schon einmal, ich erinnere mich daran. Kein Zweifler mehr sein an mir selbst und meinen Fähigkeiten. Dann kam die Pandemie, fokussierte mich auf mich selbst, und was ich gesehen habe, hat mir nicht mehr Vertrauen in mich selbst gegeben.
Darum: Ich kann das. Ich kann das. Ich kann alles. Ich kann auch diese dumme Geschichte schreiben, ich kann mich um Stipendien bewerben, um Schreibseminare, ich kann bei Wettbewerben mitmachen, ich kann sogar welche gewinnen, wenn ich mich nur richtig anstrenge. Vielleicht kann ich auch irgendwann wieder aufhören, mich zu isolieren, mich zu verzwergen, so zu tun, als hätte ich es nicht verdient, gemocht zu werden.
Denn das ist es ja eigentlich: ich will gemocht werden und glaube gleichzeitig nicht, dass es gut für mich ist, sichtbar zu sein. Selbst dieses repetierende Experiment einer emotionalen Selbstoffenbarung, diese Exhibition meiner Gefühle, meiner Sorgen, meines pathetischen Gejammers: auch nur Auswurf eines verwirrten Gefühls von "Sieh mich, aber schau nicht hin". Denn ganz ehrlich: wenn ich wollte, dass dies jemand liest, der mich kennt, dann schriebe ich unter meinem echten Namen.
Und doch akzeptiere ich die Möglichkeit, dass ich gelesen und erkannt werde. Dass ich vielleicht - mal wieder - bemitleidet werde. Oder verspottet, was weiß ich. Dass sich jedenfalls mein doofes altes Trauma wiederholt. Dass ich auf mich aufmerksam mache und es bereue.
Wie machen das wohl andere Menschen, die große Kunst schaffen und daran nicht zerbrechen. Oder gehen diese Menschen das Risiko ein, obwohl sie wissen, dass sie daran zerbrechen könnten? Oder wissen sie, dass nicht die Kunst sie zerstört, sondern die Zweifel, die sie haben könnten an sich und dem, was sie erschaffen?
Ein Fritzfranz-Problem: zu wissen, wie es ist zu leben, aber doch Angst davor haben, es wirklich zu tun. Den Schmerz einfach wegprokrastinieren. Und ja, nicht alles ist Schmerz, das wenigste, um genau zu sein. Vieles ist einfach Arbeit. Langwierige, langweilige Arbeit. Wort an Wort reihen, tief im Gehirn nach dem nächsten Wort graben und dann an das vorige heften, einfach immer wieder und immer weiter. Und von nichts anderem angetrieben als der Hoffnung, dass alles irgendwann Sinn ergibt. Dass irgendwann am Ende noch genügend Kraft übrig bleibt, um auszujäten, was nicht mehr ins Bild passt. Oder einfach ignorieren, dass eine Selbstentblößung vielleicht mehr zeigt als beabsichtigt.
Wer sich am Grunde des Ozeans wiederfindet und nicht ertrinken will, muss einfach in irgendeine Richtung gehen und nicht zwischendurch umkehren. Sieh nicht zurück, geh einfach immer weiter voran. Ich kann das. Ich kann das. Ich kann das.
Nach Reaktionen fischen und im Trüben eines Schriftstellerforums nach Feedback stochern, das ist ein mühseliges Geschäft. Wie sollte es anders sein? Gerade im Lyrikbereich gibt es viele kleine Fische und nur wenige Hechte, die große Literatur produzieren, und jetzt tummle ich mich auch noch im ohnehin nur kleinen Becken und versuche meinen ungerechtfertigten Anteil am Plankton abzubekommen.
Ich tauge eigentlich nicht dazu. Ich bin kein Schriftsteller, kein Autor. "Ja aber", sagt Ihr zu recht, "ist denn das hier, dieses Fortschreitungsdings, ist das denn keine Schreiberei?" Nein, das sagt Ihr nicht, und das nicht nur, weil Ihr nicht existiert, sondern auch, weil Ihr unrecht hättet. Halb zumindest. Ja, es ist Schreiberei, aber nein, es qualifiziert mich nicht dazu, Autor zu nennen oder eben Schriftsteller. Wortwerfer vielleicht, Ergußlyriker, Schwallpathetiker, aber doch kein wahrer Künstler.
Kunst ist natürlich subjektiv, und Kunst vergleichen zu wollen wird nicht funktionieren und niemanden glücklich machen, weder die Erzeuger noch die Verbraucher von Kunst. Was der eine als Kunst sieht, ein monochromes Bild mit interessanten Strukturen beispielsweise, erscheint dem anderen nur als leere Leinwand und keineswegs als gerechtfertigte Raumnutzung. Gleichwohl rechtfertigt diese Gleichzeitigkeit, Diffusität von Kunst-oder-nicht-Kunst wahrscheinlich die Einordnung als Kunst. Öffnet das Werk einen Diskussionsraum, ist es Kunst. Erzeugt es Desinteresse, Langeweile, ödet es an, dann kann es weg.
Natürlich ist dann auch wieder die Frage berechtigt: Was definiert den Diskussionsraum? Ist es ausreichend, dass sich die Frage stellt, ob das Kunst ist oder weg kann? Oder muss es tatsächlich auch eine inhaltliche Diskussion geben? Im Fall der weißen Leinwand könnte man eine Gesellschaftskritik hineinlesen: Wir haben so viele Leinwände und so wenig Farbe sie zu füllen. Oder: Ich bin deprimiert, mag es mir aber nicht ansehen lassen und darum male ich meine Angst in Weiß auf und über meine Narben. Oder: Der Weiße Mann als Tonangeber hat ausgedient, das einzig Weiße, von dem ich mich dominiert sehen will, ist ein weißes Bild.
Sei es, wie es sei: Kunst entsteht im Auge des Betrachters. Problematisch nur, wenn es keinen Betrachter gibt, wenn das Kunstwerk allein in der Weite steht und niemand sieht es. Wenn ein Baum fällt, und niemand ist dabei, fällt er dann wirklich? Wenn ein Stern implodiert, und niemand sieht es, ist es dann wirklich eine Nova? Arbeitet, um mich selbst von anderswo zu zitieren, die Milz nur dann, wenn man sie betrachtet?
Auf das Schriftstellerforum bezogen: ich brauche diese unmögliche Geduld. Die wenigsten der eingestellten Gedichte dort werden ausführlich besprochen, und wenn, dann in der Regel von Leuten, die sich nicht wirklich kritisch oder hilfreich damit auseinandersetzen wollen. Ich habe damit meine Probleme, weiß aber, dass sie inhärent der Internetkultur des Austausches geschuldet sind: nur wer gibt, dem wird (vielleicht) gegeben.
Bleibt mir also nur weiterzuschwimmen durch den Schlick und Schlamm des lyrischen Tümpels, in den ich mich da begeben habe, in der Hoffnung, das zu finden, was ich vermutlich suche: Anerkennung. Albern ist das, denn welche Form von Anerkennung will ich da haben? "Oha, dichten kann er ja doch" ist ja nun auch nicht, was ich hören will. Oder eigentlich schon, aber es bringt mich wahrscheinlich nicht weiter. Denn selbst wenn ich das zu hören bekäme: es lehrt mich nichts. Und auch wenn ich mich nicht immer in der Rezeption von Feedback so anstelle, als würde ich daraus lernen wollen, so bleibt mir doch kein anderer Ansporn als der, immer besser zu werden.
Mein Talent (es sei mal angenommen, ich hätte welches) reicht nämlich nicht aus, um meinen Roman oder die fünf Kurzgeschichten zu vermarkten. Und damit meine ich: mich will niemand lesen. Ich schreibe nicht interessant oder nahbar genug. Vielleicht habe ich auch die falschen Themen (wenn ich überhaupt welche habe). Mitunter fesseln mich meine Texte ja selbst nicht genug, dass ich sie zuende bringen will. Sonst hätte ich ja nicht so unfassbar viele Fragmente gehortet in der Hoffnung, dass sie irgendwann einmal ein zusammenhängendes Bild ergeben.
Auch da hilft wahrscheinlich nur: Geduld. Und: Weitermachen.
Schattengäste bei den Schriftstellern vorgestellt. Krass, wie alt das Gedicht ist, wie jung ich damals war. So anders.
Manchmal versuche ich mich an mein damaliges Selbst zu erinnern, an den scheuen, aber extrovertierten jungen Mann, der Angst hatte gesehen zu werden, den es aber dennoch so deutlich ins Rampenlicht trieb, dass er keine Scheu kannte, ein selbstgeschriebenes Gedicht auf der Bühne vorzulesen, aber Angst hatte, in einem Theaterstück mitzuspielen. Vielleicht weil er nicht wusste, wie anders tatsächliche Furchtlosigkeit sein könnte.
Später, als ich schon ein anderer war, besaß ich diesen Mut, der kein Gegenteil kannte. Und das war nicht nur das Fehlen von Sorge, sondern ein komplettes Ausblenden möglicher negativer Konsequenzen meines Tuns. Ich war frei, im besten Sinn dieses Wortes. Ohne mir Gedanken machen zu müssen über das Morgen, das Später, das Gleich.
Ich erkenne diesen Menschen mittlerweile kaum noch wieder. Klar, ich bin knapp 20 Jahre entfernt von ihm, und es ist viel passiert in diesen zwei Jahrzehnten, aber dennoch ist mir diese Zeit auf ähnliche Art verschlossen wie meine Jugend und Kindheit. Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich schon immer Ende 30 / Anfang 40 gewesen, hätte in dieser Wohnung gelebt, wäre von einem Zimmer zum anderen gegangen und hätte mal hier und da aus dem Fenster gesehen, während draußen die Welt und das Leben vorbeirasen wie Kometen.
Wie läuft das mit den Tagen, Wochen, Monaten, Jahren? Wieso kann ich nicht einfach zurückblicken in einen anderen Moment, als erlebte ich ihn gerade neu? Wieso fallen mir die Namen meiner Mitschüler nicht mehr ein, obwohl ich mir in der Schule sogar ihre Geburtstage eingeprägt hatte, als hätte mir das einen Nutzen gebracht. Wieso habe ich nur so diffuse Erinnerungen an die Urlaube mit meinen Großeltern, weiß nur lose, dass wir durch das damalige Jugoslawien gefahren sind, um mit meinen Eltern Urlaub in Griechenland zu machen? Wieso erinnere ich mich lebhaft an die Alpträume, die ich als Kind hatte, aber nicht daran, wie es in der Schule war? Wie lange hebt das Gehirn Erinnerungen auf, bis es sie zugunsten neuer Erfahrungen entsorgt?
Natürlich weiß ich, dass das Gehirn anders funktioniert, sich anders organisiert. Dass Sinneseindrücke über synaptische Verbindungen abgebildet werden und wiederholte Muster stärker sind als einmalige Erlebnisse, sofern diese Einzelerlebnisse nicht besonders einprägsam, sprich traumatisch sind. An den Unfall auf dem Rollsplit erinnere ich mich - und doch nicht, denn dazu ging alles zu schnell. Eine andere Autofahrt, sehr langsam durch dicht und dick fallenden Schnee, kommt mir in den Sinn - welche Assoziationskette liegt da in meinem Gehirn vergraben?
Wer bin ich in diesem Sammelsurium aus Erinnerungen, Anekdoten und Scheinwirklichkeiten. Is this the real life? Or is it just Fantasy? sangen Queen, und ich habe aus meiner Perspektive keine Antwort darauf. Bin ich echt oder ein Konstrukt meiner in die Zukunft reichenden Erinnerungen? Ist meine Persönlichkeit eine retrospektiv eingefangene, aber prospektiv aufgefächerte Extrapolation? Wo ist mein ich verwurzelt, in welchem Haus wohnt mein Geist? Bin ich oder bin ich nicht - und da, das gebe ich zu, endet mein Text etwas gewollt pathetisch - mein eigener Schattengast?
Seit Wochen sitze ich am Fenster, sehe sie draußen, diese Menschen. Sollten die nicht zuhause sein, am Fenster sitzen und die leere Straße beäugen? Das Fallen der Blätter, das langsame Ziehen der Wolken, ach was, keine Wolken: Hochnebel. So hoch, ich kann ihn kaum mehr erkennen, nur Hellgrau, fast Weiß über dem Blau. Neulich noch Kraniche oder Reiher oder Gänse, nachschauen hätte ich können, habe doch bestimmt ein Buch, im Zweifel das Internet, doch eigentlich ist es egal. Sie ziehen fort, und ich bleibe am Fenster und beschaue die Wolken, den Hochnebel, und unten die Menschen.
Seit Monaten sitze ich am Fenster, und immer noch wehen Menschen wie fallende Blätter durch die Straßen, droben die Wolken, mehr Blau als Hellgrau oder Weiß, bald wird Schnee fallen, und ich sitze dann am Fenster, lasse den Blick steigen in die Wolken, presse mir die Nase platt an der Scheibe. Kalt ist die, kann der Schnee kälter sein? Ich lege eine Hand auf das Glas, fühle nichts von den Menschen, wie auch. Sind zwar da, aber fern. Ich will sie nicht mehr sehen, warte auf den Schnee, der alles zudeckt, das Laub, die Straßen, die Menschen, die Welt.
Im Sommer habe ich vom Balkon aus in die Sonne geblinzelt, spürte die Hitze bis tief unter die Haut. Hummeln besuchten den Lavendel. Ab und zu ein Vogel auf dem Geländer, ein überraschtes Pfeifen dann, doch das vertrieb mich nicht. Auf meinem Balkon war ich König, nur die Wolken über mir, am herrlich aufgespannten Himmel. Unter mir das Meer, murmelnd, fast wie Stimmen. Hätte es Menschen gegeben, ich hätte sie lachend begrüßt.
Vielleicht gab es sie.
Weiß nicht.
Egal auch.
Habe niemanden vermisst.
Ab und zu verlasse ich die Wohnung. Hülle mich dann in meinen Panzer aus Mütze, Maske, Schal, Mantel, Stiefel. Erkennt mich niemand so, und ich schleiche vorbei an allen, die mir ein Gespräch aufdrängen wollen wie Ware, die sich nicht verkauft. Die sind sicher auch viel daheim, denke ich, falls mich doch wer erwischt. Spüre den zähen Nebel in ihren Worten. Auch sie haben vergessen, wie man spricht. Sprach. Früher. Vorher. Smalltalk, so hieß das. Wie schmeckt dir das Wetter, gefällt dir die Uhrzeit; solche Sätze müssen das gewesen sein. Heute immer gleich zur Sache: Wie geht es, kennst du wen, wie lange wohl noch, diese Spinner (droben wie drunten).
Verabschiede mich dann - ein Relikt aus alter Zeit - höflich, bevor ich gehe. Muss einkaufen gehen, obwohl der Kühlschrank überquillt und aus den Schubladen die Dosen zu mir aufblinzeln. Werden wir heute geöffnet, wenigstens morgen? Hier ist es so voll, hol uns raus. Iss uns, alles ist besser, als hier eingezwängt zu sein.
Hunger habe ich keinen mehr, mich dürstet nach einer erträglichen Einsamkeit.
Am Fenster stehe ich später wieder und blinzle hinauf in den Himmel, Wolken ziehen mit den Kranich-Reiher-Gänsen um die Wette. Bald ist wieder Sonne, wo Schnee sein sollte. Viel zu warm alles, die Sonne, die Wolken, der Nebel, und trotzdem sind mir die Finger kalt.
Eine Freundin ruft an, ich sehe sie auf dem Display, sie klingelt in einem Ton, der vorwurfsvoll klingt. Ich sehe sie läuten, und ich freue mich, ihr Gesicht zu sehen. Dann bricht es ab. Das Display wird wieder schwarz. Ich hoffe, sie versucht es wieder. Gerne würde ich sie wieder sehen.
Natürlich ärgere ich mich immer noch über den Wettbewerb. Komplett sinnbefreit. Ein Leser der Geschichte fand sie doof, monierte meinen offensichtlich nicht wissenschaftlich akkuraten Umgang mit einer Singularität: Die Geschichte wäre ok, wenn sich das schwarze Loch als Konzept zumindestens in grober Annäherung mit dem deckt, was ein populärwissenschaftlich interessierter Laie darunter versteht.
Das ist jetzt zwei Wochen her, und natürlich ärgert es mich immer noch.
Klar, rückblickend weiß ich auch, dass ein Astrophysiker einiges zu monieren gehabt hätte an der Geschichte, aber der Wettbewerb war erstens in der Sparte Phantastische Literatur angesiedelt und zweitens findet die ganze Handlung ohnehin nur in der Vorstellung des Protagonisten statt, der ebenso wenig wie sein Autor Ahnung von Astrophysik hat.
Wobei mich wahrscheinlich eigentlich nur ärgert, dass mir nicht selbst die Unzulänglichkeit meiner Vorstellung eines schwarzen Lochs aufgefallen ist. Natürlich hat nicht geholfen, dass der Kommentator im gleichen Beitrag auf andere Autoren verwiesen hat, die seiner Ansicht nach komplexe Geschichten unnachahmlich schreiben können, implizierend, dass die sich nicht so daneben benommen hätten im Umgang mit Singularitäten.
Bei mir blieb im Endeffekt nur hängen: Lass das mit dem Schreiben. Du bist nicht begabt genug, um einen Blumentopf zu gewinnen. Entmutigung deluxe halt.
Auch nicht hilfreich die Erkenntnis, wie sehr sich seine Sicht auf Phantastik mit der meines Vaters deckt. Anfangs konnte ich noch darüber witzeln, letztendlich aber war es genau wie damals, als mein Vater sagte: Phantastik ist billig, man kann sich ja einfach alles ausdenken. Für jemanden wie mich, der seit fast 15 Jahren daran arbeitet, sich etwas auszudenken - eine Geschichte, die sich mittlerweile schon drei- bis achtmal gehäutet hat und die immer mehr Anleihen an real existierender Mythologie nimmt - ist das natürlich ein Schlag unter die Gürtellinie. Wie gesagt: Entmutigung.
Im Grunde könnte mir das egal sein - wie mir alle Tiefschläge eigentlich egal sein könnten. Sei es die Abmahnung, sei es der Spott von Freunden über meine Entscheidungen, sei es das eine oder andere Trauma aus der Schulzeit; immer wieder gab es Momente, in denen ich meine kreative Ader auch nur ein Stückchen präsentieren wollte, und immer habe ich eins auf den Deckel bekommen.
So oft, wie ich darüber schon lamentiert habe, sollte man meinen, das ginge eloquenter. Geht es nicht. Wozu sollte ich denn verblümen, wie sehr mich das trifft? Ist ja nicht so, dass mir Eloquenz hier hülfe. Zurücksetzung empfinde ich ja trotzdem.
Was hülfe, wäre, es nicht zu ernst zu nehmen. Denn im Grunde nutzt mir die Anerkennung anderer nicht. Ja, es wäre schön, wenn sich jemand für die Kunst, die ich mache oder machen will, interessiert und mich irgendwie auch fördern will, aber wenn ich auf eine Aufforderung oder Erlaubnis Kunst zu machen warte, dann kann ich auch vergessen kreativ zu sein. Niemand wartet auf mich, der einzige, den ich glücklich machen muss, bin ich selbst. Alles andere ist nichts wert.
Ich weiß gar nicht, wo anfangen. Theoretisch schreibe ich gerade an einem Newsletter für den Verein, tatsächlich jedoch bleibe ich an irgendwelchem nöligen Zeug hängen. Und an reddit, weil sich ja sonst nix ergibt. Der Newsletter jedenfalls beginnt mehr oder weniger damit, dass die letzten sechs Monate eine Zeit voller Herausforderungen waren, und ich denke nur: Herausforderungen! Natürlich, was sonst? Als ob das Leben nicht immer herausfordernd wäre.
Ganz ehrlich: die letzten 40,25 Jahre meines Lebens waren herausfordernd. Die letzten zehn- bis vierzigtausend Jahre der Menschheit waren herausfordernd. Die letzten Jahrmillionen hier auf der Erde waren herausfordernd. Die Jahrmilliarden seit dem Urknall waren herausfordernd. Alles war und wird immer sein: herausfordernd!
Ich habe keine Toleranz mehr für dieses Wort. Für dieses Gefühl. Für diesen Zustand. So wenig wie ich in meiner täglichen Yoga-Praxis das Kamel länger als einige Sekunden halten kann (wenn überhaupt länger als eine Sekunde), so wenig ertrage ich dieses Herausforderungsmantra: Dieser Weg wird kein leichter sein.
Gleichzeitig weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Denn nur dadurch, dass ich mich dem Wort verweigere oder den Dauerzustand emotionaler Anspannung vermeiden will, wandelt sich ja nicht gleich alles zum Besseren. Jetzt brennen auf Samos statt in Moria die Zelte, Donald Trump könnte immer noch wiedergewählt werden, die Deutsche Bahn bekommt es immer noch nicht auf die Kette, die richtige Wagenreihung ihrer Züge anzuzeigen, und ich, ja ich höchstpersönlich scheitere ja auch an der Herausforderung, einen Text über Herausforderungen zu schreiben, ohne das Wort "Herausforderung" zu benutzen.
Was also tun? Vielleicht nicht so sehr auf die Anstrengung und das implizierte Scheitern konzentrieren, sondern eher auf die Chance zum Wachstum.
Pfft.
Klassischer Selbsthilfe-Ratgeber-Sprech. Willkommen in der Neufassung des Gelassenheitsgebets. Nicht hilfreich, wenn man eigentlich einen Newsletter schreiben will. Oder sich zumindest selbst vergeben, dass man die Zeit der Corona-Herausforderungen nicht genutzt hat, um das Herausforderungsmanagement zu verbessern oder aber sich aus dem Würgegriff der akuten Perspektivlosigkeit zu befreien.
Denn darum geht es ja eigentlich: nicht so sehr darum, Herausforderungen zu meistern, sondern wieder eine Perspektive zu bekommen, die einen konstruktiven Blick in die Zukunft erlaubt. Momentan gibt es das für mich nicht. Natürlich ist jede Kontrolle Illusion, das hat uns ja das letzte halbe Jahr noch deutlicher gezeigt als alle Jahre zuvor. Natürlich hatte ich auch schon vorher nur begrenzte Kontrolle über mein Leben. Aber jetzt bin ich so sehr von außen gesteuert, dass ich mich gar nicht mehr in irgendeine Richtung bewegen kann.
Und auch das ist Illusion. Eine wunderbare kleine Selbstlüge, die es mir erlaubt, die Verantwortung für meine Tätigkeiten und mehr noch Untätigkeiten einfach abzugeben. Als hätte ich so viel Zeit auf reddit verbracht, weil das Leben plötzlich zu unberechenbar geworden wäre, um einfach an meinen Geschichten zu arbeiten. Oder mir irgendwie einfallen zu lassen, wie ich wieder Theater machen kann in einer Zeit, da Theatermachen einfach nur nicht geht. Oder eben nur nicht einfach geht.
Und da kann ich mich also jetzt über das Wort aufregen oder über die Daueranspannung, letztlich konzentriere ich mich dabei doch nur auf einen Nebenschauplatz. Die Herausforderung stellt sich mir ja bloß, weil ich nicht aktiv an die Dinge herangehe. Das Hindernis muss ich ja nur überwinden, weil ich meinen Weg nicht sorgfältig genug geplant habe. Und ja, Pläne gehören in das gleiche Reich der Legenden, wo Kontrolle über die Zeitläufte möglich ist, aber zumindest kann man sich ja mal in eine Richtung bewegen statt einfach nur liegenzubleiben, wenn man beim Üben des Kamels einfach umgefallen ist.
Was also tun? Nicht nachdenken und einfach den Newsletter schreiben. Und dann einfach weitermachen, einfach immer weiterschreiben und weiterhin nicht nachdenken, denn wozu muss ich denn nachdenken, wohin mein Leben gehen soll? Ich weiß es ja im Grunde schon: ich will - immer noch - Autor sein, Bücher schreiben, Geschichten erfinden und vielleicht ein bisschen was über die Welt erzählen. Denn auch wenn meine Sicht der Dinge vielleicht nicht spektakulär ist oder aber irgendwen aufrüttelt: mir ist es wichtig, mich in dieser Welt zu verorten und zu verstehen, warum die Dinge so sind wie sie sind. Und auch wenn niemand außer mir selbst je lesen sollte, was ich hier schreibe, ist es doch immerhin für mich relevant zu wissen, wie ich irgendwann einmal gedacht habe über die Welt und die Herausforderungen, denen ich mich stellen muss.
Liegt vielleicht an diesem Noch-nicht-wieder-ganz-da, vielleicht an dem Zwischendurch-mal-raus, vielleicht an dem Sowieso-immer-alles-anders: fühle mich fremd in meinem Leben. Was auch immer das ist, mein Leben.
Klingt natürlich pathetisch, auch im englischen Sinn des Wortes. Meint aber ganz eindeutig, dass ich es einfach nicht weiß. Weder wer ich bin, noch wer zu sein ich mir wünsche. Oder, vielleicht zutreffender bislang: wer ich mir erlaube zu sein im Rahmen meiner eng gesteckten Grenzen des für andere Zumutbaren.
Zu oft, denke ich, ich mache mich klein. Klar, ich vergeude, verspiele, verkenne mein Potential. Sage ich seit Jahren, ohne dass sich etwas ändert. Wie auch, wäre ich doch derjenige, der umsteuern müsste, das Schiff aus dem Trockendock hinaus in die offene See, wo es etwas zu riskieren, vielleicht etwas zu verlieren, garantiert aber etwas zu gewinnen gäbe. Erfahrung zum Beispiel.
Stattdessen betrachte ich nur meinen eigenen Verfall, untersuche meine Langeweile, sehe mir beim Prokrastinieren zu. Aufbruchsimpulse zu setzen, wie mir das früher ab und zu gelang; mich zu motivieren, aus meiner Komfortzone auszubrechen und Neues zu wagen; mich mir abzustreifen und eine neue Identität anzulegen; alles schwieriger geworden.
Ich stecke fest in dem Kokon, von dem ich letztes Jahr schrieb, ein Schmetterling auf der Suche nach der Freiheit, nach der Unbeschwertheit, vielleicht auch auf dem Weg in den ewig blauen Himmel unbegrenzter Möglichkeiten. Noch arbeite ich daran, der zu werden, der ich sein soll, doch ohne ein klares Bild, ohne einen überzeugenden Willen, ohne das Ablegen der ewigen Angst vor dem, was ich werden, was ich erreichen könnte, will ich mich nicht an die Enthüllung wagen.
Der Künstler, das habe ich irgendwann in den letzten Tagen gelesen, muss loslassen können. Wer sich mit dem Gedanken arrangieren kann, das eigene Werk irgendwann anderen zur Rezeption, aber auch zur Interpretation überlassen zu können, wird erst richtig produktiv. Vielleicht trifft das auch auf alle schaffenden Menschen zu, die ein Stück ihrer Seele fixieren wollen, vielleicht auch sich selbst in einer Welt verankern wollen, die sie nicht gänzlich verstehen. Und die sie durch ihre Kunst bereichern und damit sich selbst ein Stück weit einverleiben.
Vielleicht ist das aber auch etwas, das ich nun, da ich mich so fremd fühle in mir selbst und in dem Alltag, den ich kenne, aber irgendwie nicht so recht mag, auch übernehmen kann. Auf meine innere Stimme hören (statt auf Podcasts zu Fernsehserien) und mit der Welt in Kontakt treten. Wieder einmal fühlen, wer ich bin inmitten all der Fremde.
In Zeiten von Corona und empfohlenem Rückzug ist das natürlich ein absonderlicher Spagat: mit Abstand Anderen näher zu kommen.
Vielleicht ist Franz-Thomas doch auf dem richtigen Weg gewesen, vielleicht war seine Geschichte doch das, was ich erzählen wollte, ausformulieren muss, damit ich mich selbst wieder neu erfinden kann. Franz-Thomas ist dieser seltsame Typ, über den ich dauernd schreibe in den Wettbewerben. Der so phlegmatisch, so selbstmitleidig, so fernab von allen Menschen ist, die ihn lieben können wollen. Wenngleich Liebe vielleicht ein zu großes Wort dafür ist, was Franz-Thomas fehlt; Heimat reichte schon, Wurzeln zum Anankern an die Welt, damit das Wachsen in den Himmel nicht zum Verlust der Bodenhaftung führt. Damit die Seele nicht zu dünn wird, wenn man sich ausstreckt, um Andere zu berühren.
Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Kaum wieder daheim falle ich zurück in meine schlechten Angewohnheiten. Ich nenne sie schlecht, weil es schwerfällt, sie vor mir selbst zu rechtfertigen. Nicht zu schreiben beispielsweise und statt dessen Breath of the Wild zu spielen. Geht nach zweiwöchiger Videospiel-Abstinenz übrigens deutlich besser als vorher. Gleichzeitig nagt an mir der Gedanke, dass ich vielleicht lieber Fortschritte beim Yoga machen sollte statt bei Links Flurry Rush.
Man kann nun aber nicht überall sein. Alles machen. Jeden zufriedenstellen, vor allem nicht mich und meine Ambitionen. Von denen es im Übrigen so viele gibt, dass ich nicht weiß, wo anzufangen und was zu streichen wäre.
Die einfache,
hedonistische Lösung wäre zu tun, was gerade in den Sinn kommt,
doch instant gratification ist tückisch.
Gefährlich fast.
Was bleibt, ist die traurige Gewissheit, viel gewollt und wenig geschafft zu haben.
Wie jetzt beispielsweise. Schlafen könnte ich, nachts um halb eins. Statt dessen arrangiere ich hohle Worte, die an ein nicht existentes Publikum gerichtet sind und selbst mich nur in dem Moment erreichen, da sie vom Gehirn über die Finger digitalisiert werden.
Was witzig ist, weil digitus
das lateinische Wort für Finger ist.
Wobei
...
witzig?
Und dann ist das Denken einfach aus. Weggeknipst wie ein erlöschendes Display, das Bewusstsein einfach erloschen, verloren für die Lichthungrigen, Erleuchtungssüchtigen. Für diejenigen, die sich Tiefe erhofft haben, vielleicht auch eine Meta-Ebene. Vor allem für mich. Die Bedeutung verschwimmt, verschwindet, war vielleicht niemals wirklich da.
Der Flurry Rush ist eine Attacke nach Ausweichen. Aufs Timing kommt es an, auf das Drücken von Knöpfen, vor allem aber auf die Reaktion auf einen gegnerischen Angriff. Es ist kein eigenständiges Handeln, kein Agieren, kein richtungsgebendes Verfahren. Es geschieht, weil etwas anderes vorher geschieht. Actio - Reactio.
Vielleicht doch ins Bett.
Tiefsinniger nämlich
wird's nicht.
So also beginnt es. Fällst durch die Wolken, weiß und schwerelos, eine Feder im Regen. So beginnt und endet es auch. Schwerelose Wolke, nasse Federn, ein Schwingen hinauf und hinab, ein Schwan, ein Adler, eine Elster, ein Spatz, auf einem Zweig, der bricht, splittert, fällt, und doch: kein Geräusch, denn so endet es: eine Wolke auf und hinab von Regen und Wind, eine Sonne, die untergeht, ein Spatz, der nicht mehr singt.
So also beginnt es, die Dunkelheit bräst über dich hinweg, die Klischees essen Dich auf, die Sprache gehorcht nicht mehr den Bildern, die du malen willst, sondern ist nur noch hohles Weben. So endet es also ohne Worte, das Gefühl allein, Deine Zeit wäre in Worte zu fassen, doch nicht mehr von dir, denn der Spatz singt nicht mehr, der Adler fliegt nicht mehr, die Wolke ist über der Wüste vergangen, unwiederbringlich, aber doch: widerstandslos.
So also beginnt es, eine Parabel nach dem Geschmack der Kinder, erzählt eine Geschichte ohne den Grund des Ozeans zu berühren, ein Bild ohne Leinwand, nur Schatten in flirrender Luft, ein Geräusch nur aus Echos. So endet es, ein im Flug zerfallener Schall, ein im Fallen zerbrochener Krug, eine Welt ohne Sauerstoff, ohne Luft zum Singen, Atmen, Tanzen und Fliegen. Nichts ist mehr, nur noch du in deiner Weite, deiner endlosen Wüste aus Wortbrüchen.
So also beginnt es, die letzte Schlacht geschlagen, ein Donner über der Welt, ein Sturm auf blitzenden Flügeln, ein leeres Bild in einem leeren Rahmen, weiß in Schwarz, Platitüden über dem Meer, stimmloses Singen im Schatten. So endet es also in ewigem Chorus aus Maximalismen, Kunst ohne Inhalt, nur noch Bocksgesang auf Schwanenstelzen. Ein Crescendo der Langeweile umtost dich, du fällst, stürzt, taumelst und stehst doch, und alle sehen zu.
Ich rede mir ein, ich hätte kein Problem mit meiner Homosexualität. Tatsächlich denke ich, dass eine ideale Gesellschaft sich nicht mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzen müsste, weil niemand anhand von seiner sexuellen Identität beschrieben werden sollte. Mir ist es egal, wen jemand liebt, solange alle beteiligten Personen einverstanden sind. Diesen Gedanken hege sicherlich nicht nur ich. Zu hoffen ist das zumindest. Mich verblüfft, wie wichtig mir das Thema momentan ist, wie lange vor allem ich mich einer Konfrontation mit dem Umstand verweigert habe, dass eine solche ideale Gesellschaft sich nicht von alleine erschafft. Auch wenn ich freier leben kann als die Menschen, deren Kämpfen und Opfer ich eben diese Freiheit verdanke, ist doch noch nicht alles gut. In meinen Recherchen für ein aktuelles Theaterprojekt bin ich auf dieses Video gestoßen, das mich zutiefst berührt und beschämt hat. Thomas Lloyd von der Georgetown University berichtet darin von seiner Erkenntnis, warum er für die Gleichberechtigung der nicht-heterosexuellen Minderheiten kämpft. Wichtiger aber vor allem aber ist, wie er das macht: Indem er sichtbar ist. Indem er sich nicht versteckt, sondern der heterosexuellen Mehrheit immer wieder bewusst macht, dass es außerhalb der patriarchalen Familienstruktur auch noch andere, nicht weniger schlechte Lebenswege gibt. Beschämt hat mich Thomas' Vortrag vor allem darum, weil ich nicht so handle, weil ich nicht auffalle, im Gegenteil empfand ich in der Vergangenheit sogar einen heute nicht mehr nachvollziehbaren Stolz, dass man mir meine Homosexualität nicht ansieht. Wie er aber sehr deutlich ausführt: Es ist nicht genug, die Schultern der Riesen, auf denen wir stehen, als natürlichen Grund anzusehen. Wir müssen darum kämpfen, dass uns diese scheinbare Normalität nicht abhanden kommt.
Soeben ist mir klargeworden: ich habe versagt, meiner Verantwortung der Welt gegenüber gerecht zu werden. Ob das nicht ein bisschen zu viel Pathos ist? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Urteilt selbst.
Doch zunächst muss ich ausgreifen und zwei Menschen zitieren: Joss Whedon und Yanis Varoufakis. Beide haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun, tatsächlich aber haben beide etwas über Macht und Machtlosigkeit zu sagen.
Auf der San Diego Comic Con hat Whedon auf die Frage nach dem Sinn des Lebens geantwortet:
You think I’m not going to, but I’m going to answer that. The world is a random and meaningless terrifying place and then we all — spoiler alert — die. Most critters are designed not to know that. We are designed, uniquely, to transcend that, and to understand that — I can quote myself — a thing isn’t beautiful because it lasts.
The main function of the human brain, the primary instinct, is storytelling. Memory is storytelling. If we all remembered everything, we would be Rain Man, and would not be socially active at all. We learn to forget and to distort, but we [also] learn to tell a story about ourselves.
I keep hoping to be the hero of my story, [but] I’m the annoying sidekick. I’m kind of like Rosie O’Donnell in that Tarzan movie. I keep hoping to be Tarzan, but keep finding to be that weird monkey that nobody can tell if it’s a girl or a boy.
My idea is that stories that we then hear and see and internalize — and wear hats from and come to conventions about… We all come here to celebrate only exactly that: storytelling, and the shared experience of what that gives us.
The shared experience of storytelling gives us strength and peace. You understand your story and everyone else’s story, and that it can be controlled by us. This is something we can survive, because unlike me, you all are the hero of your story.
Varoufakis dagegen erklärt im Guardian nach seinem Ausscheiden aus der griechischen Regierung, warum die Verhandlungen mit den Institutionen von vorneherein zum Scheitern verurteilt waren:
This weekend brings the climax of the talks as Euclid Tsakalotos, my successor, strives, again, to put the horse before the cart – to convince a hostile Eurogroup that debt restructuring is a prerequisite of success for reforming Greece, not an ex-post reward for it. Why is this so hard to get across? I see three reasons.
One is that institutional inertia is hard to beat. A second, that unsustainable debt gives creditors immense power over debtors – and power, as we know, corrupts even the finest. But it is the third which seems to me more pertinent and, indeed, more interesting.
The euro is a hybrid of a fixed exchange-rate regime, like the 1980s ERM, or the 1930s gold standard, and a state currency. The former relies on the fear of expulsion to hold together, while state money involves mechanisms for recycling surpluses between member states (for instance, a federal budget, common bonds). The eurozone falls between these stools – it is more than an exchange-rate regime and less than a state.
And there’s the rub. After the crisis of 2008/9, Europe didn’t know how to respond. Should it prepare the ground for at least one expulsion (that is, Grexit) to strengthen discipline? Or move to a federation? So far it has done neither, its existentialist angst forever rising. Schäuble is convinced that as things stand, he needs a Grexit to clear the air, one way or another. Suddenly, a permanently unsustainable Greek public debt, without which the risk of Grexit would fade, has acquired a new usefulness for Schauble.
What do I mean by that? Based on months of negotiation, my conviction is that the German finance minister wants Greece to be pushed out of the single currency to put the fear of God into the French and have them accept his model of a disciplinarian eurozone.
Durch das Erzählen von Geschichten verarbeiten, was wir erleben, durch das Erleben von Geschichten aber erkennen wir die Beschaffenheit der Welt. Aus Geschichten können wir lernen und Fehler vermeiden. Ich arbeite seit Jahren an einer Geschichte, die nicht besonders kurz ist, und darum auch noch kein Ende hat. Doch es geht darum, wie man mit Macht umgeht und ob man sich von ihr korrumpieren lässt, was auch den besten widerfährt. Das nämlich sagt Varoufakis: dass Wolfgang Schäuble – trunken von der Macht, die er als Finanzminister der größten Wirtschaftsmacht Europas hat – den Grexit mit dem Zweck heiligt, die restliche Eurozone zu erziehen.
Vielleicht hat Schäuble Recht. Vielleicht Varoufakis. Vielleicht keiner von beiden. Die Wahrheit ist häufig komplizierter. Wahr aber bleibt, dass Macht verführt. Hätte ich nun mein Buch geschrieben, das von der Korruptionsfähigkeit der Macht handelt, hätte ich eine Geschichte erzählt, deren Protagonisten den beiden Finanzministern nicht so unähnlich sind in ihrer Grundanlage. Sie repräsentieren Archetypen des Erzählens, Eremit und Narr, deren Konflikt eine ganze Welt in den Niedergang zwingen kann, deren Kooperation aber eine Krise in eine Chance auf einen Neuanfang wandelt. Man hätte aus meiner Geschichte erfahren können, wie verheerend es ist, der Verlockung der Macht nachzugeben, welch erstaunliche Dinge aber passieren können, wenn man ihr widersteht.
Nun aber habe ich das Buch nicht geschrieben, befindet sich noch in Fragmenten auf meiner Festplatte, meinen Notizbüchern und in meinem Kopf. Ich bin meiner Verantwortung nicht nachgekommen, die Geschichte zu erzählen, die Europa hätte retten können. Das tut mir leid, und ich bitte um Verzeihung und Nachsicht.
Maximale Freiheit erfordert maximale Verantwortung.
Oder in den Worten von George Bernard Shaw:
Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit. Das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten.
Wer mich noch nicht kennt, sondern gerade erst kennenlernt, erfährt rasch, dass ich von dem Fach, das ich studiert habe, wenig halte. Warum ist das so?
Einerseits kann ich mich so rechtfertigen, warum ich kaum etwas mit dem Wissen anfange, das ich im Studium erworben habe. Mich schützt Abrede vor Anwendung. Andererseits bin ich da nicht alleine. Kaum jemand aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis, der nicht ein berufsspezifisches Studium wie Lehramt, Jura oder Medizin abgeschlossen hat, arbeitet in einem fachlich assoziierbaren Bereich. Natürlich ist das Lernen, nicht das Gelernte das Wichtigste am Studium. Tatsächlich wird uns aber fast täglich das Trockenbrot des Fachkräftemangels vorgekaut. Vielleicht könnte eine umfassende Ausbildungsberatung vor Studienbeginn da Abhilfe schaffen.
Tatsächlich sind Ernährungswissenschaftler gleichzeitig über- und unterqualifiziert. Als Spezialisten sind sie Lebensmittelwissenschaftlern, Chemikern, Verfahrenstechnikern, Agrarwissenschaftlern, Soziologen, Betriebswirtschaftlern, ja selbst Umweltmanagern unterlegen. Als Generalisten wiederum können sie sich gegen ausgewiesene Management-Absolventen nicht durchsetzen. Vielleicht wollen sie das auch nicht, denn wer studiert schon Ernährungswissenschaften, um im mittleren oder höheren Management einer Schraubenfirma zu arbeiten?
Gleichzeitig steigen die Neu-Immatrikulationen für Ökotrophologie. Nicht zuletzt wegen der Lebensmittelindustrie. Nicht, weil der Bedarf an Ernährungswissenschaftlern bei Nestlé oder Kraft Mondelez so hoch wäre, im Gegenteil ist das die Domäne der Lebensmittelchemiker, Prozesstechniker und Ingenieure. Sondern weil mittlerweile wirklich ein Studium notwendig ist, um zu verstehen, was auf der Verpackung eines hochgradig verarbeiteten Lebensmittels steht. Alternativ könnte man auch einfach auf den gesunden Menschenverstand hören und nicht alles blindlings in den Mund nehmen, was einem angeboten wird.
Spätestens hier kommt der Einwand mit den dicken Eltern und den noch dickeren Kindern. „Ernährungsberatung ist doch so notwendig! Schon in den Schulen müsste…“ Klar, es wäre schön, wenn alle wüssten, wie man sich ernährt, ohne sich oder der Umwelt zu schaden. Das Problem in die Schulen zu verlagern, ist aber zu kurz gegriffen. Die Ernährungsaufklärung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und sie verlangt das Engagement aller Beteiligten. Was nützt es, wenn das Kind schulseitig mit der Theorie von der gesunden Ernährung konfrontiert wird, zuhause aber mit Fertigpizza? Eltern haben nämlich keine Zeit für mehr, alle müssen vollzeitarbeiten, damit sie sich die Pizza überhaupt leisten können (und die XBox und die zwei Autos und die Urlaube und die neuen Jeans und die Handys für alle Familienmitglieder und das Futter für den Hund und die Spielsachen und das Bier und die Zigaretten). Wer also soll die Verantwortung für die ausgewogene Ernährung der Familie übernehmen? Der Hund etwa?
Ist das dicke Kind erst in den Brunnen gefallen, soll es die Ernährungsberatung richten. Hier und gerade in Reha-Maßnahmen lernt man viele Menschen kennen, die Beratung brauchen, aber nicht zuhören und schon gar nichts ändern wollen. Die wenigen Motivierten dagegen brauchen keine Beratung, weil sie bereits genug wissen. Wozu braucht es hier also den Ernährungswissenschaftler? Gar nicht, denn eine Diätassistenz hätte da von vorneherein mehr erreicht. Das ist nämlich die eigentliche Anlaufstelle für Ernährungsberatung, noch dazu, weil sie von Krankenkassen lieber, weil niedriger bezahlt wird.
Vor allem wird der Einfluss von Ernährung auf die Gesundheit weit überschätzt. Es gibt keine seriöse Langzeitstudie, die eine greifbare Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen Ernährung und Gesundheitszustand herstellen konnte. Das liegt nicht daran, dass es nicht versucht wurde, sondern am komplexen Untersuchungsgegenstand selbst. Wie soll man die individuelle und inkonstante Lebensmittelzufuhr, die individuelle und inkonstante Nährstoffausbeute, die individuelle und inkonstante körperliche Zusammensetzung und das individuelle und inkonstante Maß an Bewegung (und andere Faktoren wie Tagesform, Stressresistenz, Gesundheitszustand etc.) in eine einzige, seriös verallgemeinernde Form gießen? Und dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass etwa die Hälfte aller Ernährungsprotokolle absichtlich gefälscht oder nur nachlässig geführt oder schlicht wertlos sind, weil die Angabe „Zwei Teller Kartoffelsuppe“ ziemlich viel Interpretationsspielraum lässt. Der einzige Sinn von Ernährungsprotokollen ist, dass sich der Protokollant seiner Ernährung überhaupt mal bewusst wird. Das aber Wissenschaft zu nennen, wäre weit verfehlt.
Ernährungswissenschaftler dagegen haben den Glauben an den Einfluss von Nahrungscholesterin auf die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen gepredigt. Jahrzehnte später stellt sich raus: die Zufuhr von Cholesterin über die Nahrung bestimmt lediglich das Maß der Cholesterin-Eigensynthese des Körpers. Größeren Einfluss als die Ernährung auf das Risiko zur Erkrankung an Herz-Kreislauf-Krankheiten hat die allgemeine Lebensführung. Von allen Herzinfakt-Patienten, die mir in meiner Zeit als Ernährungsberater begegnet sind, haben nur zwei niemals geraucht. Kaum mehr haben jemals aktiv versucht, ihren Stress-Level durch Entspannungstechniken zu senken. Der einzige halbwegs sportliche Herzinfarktler hatte eine genetisch bedingte Herzschwäche. Ansonsten hatte ich ausgewiesene Fleischfresser genauso wie spätbekehrte Vegetarier vor mir, in der Regel aber hauptsächlich in ihren Ernährungsentscheidungen verunsicherte Menschen.
Die größte Erkenntnis der Ernährungswissenschaften in den letzten zehn Jahren war, dass sie sich hier geirrt haben. Nach und nach sind weitere „Wahrheiten“ dem aktuellen Wissensstand angepasst worden: erst kürzlich wurden die DGE-Empfehlungen zur Energiezufuhr als zu hoch erkannt, letztes Jahr kam man zur Erkenntnis, dass die gepredigten fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag nicht nur kaum erreicht werden, sondern auch kaum etwas erreichen. Seit geraumer Zeit ist bekannt, dass der Einfluss von Kochsalz auf den Blutdruck so individuell ausfällt, dass er nahezu irrelevant ist. Und die Erkenntnis, dass Diabetiker-Lebensmittel das Leben von Diabetikern nicht vereinfachen, sondern gefährden, hat immerhin zu einem Verbot dieser Diätprodukte geführt. Seit Jahren wird Ernährungswissenschaftlern der BMI als objektives Entscheidungskriterium über die Notwendigkeit einer Interventionsberatung nahegelegt, obwohl er weder etwas über den Gesundheitszustand einer Person aussagt, noch überhaupt zur Beurteilung von Individuen geeignet ist. Der BMI, der vielen als handliche Rechtfertigung für Diskriminierung gilt, ist eigentlich ein statistisches Werkzeug, das größere Bevölkerungsgruppen vergleichbar machen soll. Dass Versicherungskonzerne den BMI benutzt haben, um die Höhe von Risikoaufschlägen bei Übergewichtigen zu klassifizieren, kann man dann auch gerade noch unter den Tisch fallen lassen.
Da liegt übigens schon die Tatsache, dass der Kalorienverbrauch und nicht etwa die Kalorienzufuhr den größeren Einfluss auf unseren Gesundheitszustand hat. Wer abnehmen will, muss sich bewegen. Natürlich kann man sich auch einfach runterhungern, dass das aber nicht besonders schlau ist, sollte sich mittlerweile rumgesprochen haben. Bewegung hält Gelenke geschmeidig, verhindert die Verkürzung von Sehnen, beugt Haltungsschäden und Schmerzen vor, regt die Ausschüttung von Glückshormonen an, verbessert die Nährstoff- und Sauerstoffversorgung aller Zellen und kurbelt ganz allgemein den Stoffwechsel an, um nur ein paar Effekte von Bewegung aufzuzählen. Eine Fixierung auf richtige oder falsche Lebensmittel allein kann das nicht. Für diese Erkenntnis und die daraus folgenden Konsequenzen braucht es aber auch keinen Ernährungs-, sondern einen Sportwissenschaftler.
Trotz allem bereue ich es nicht vollends, Ernährungswissenschaften studiert zu haben. Immerhin weiß ich dadurch, was ich von Ernährungsempfehlungen, von Diäten oder von den Segnungen der Lebensmittelindustrie zu halten habe. Andererseits ist dieses Wissen etwas überdimensioniert für die Beantwortung der Frage: „Soll ich die Chipstüte wirklich auf einmal leer essen?“
Ich habe den Vorteil zu wissen, was ich meinem Körper damit antue, wenn ich mir gesättigte Fettsäuren, Unmengen von Salz und Aromen sowie Kartoffelbestandteile fragwürdiger Herkunft reinpfeife. Aber sonst kann ich mit meinem Wissen niemanden retten. Keine Form von Ernährung kann uns vor dem Tod schützen, und viele Menschen sehen diese ihre Sterblichkeit als Entschuldigung dafür, ihre Ernährung eben nicht zu hinterfragen, um sich nicht den Tag zu vermiesen. Was soll man als Ernährungswissenschaftler da antworten?
Vielleicht, dass Essen auch immer eine psychologische Komponente und einen sozialen Anteil hat. Dass Essen, gerade gutes Essen, eine kulturelle Errungenschaft ist, und Genuss ein Grundbedürfnis des Menschen, dass aber die Dosis das Gift macht. Dass man im Grunde alles essen kann, wenn man sich gut fühlt dabei. Dass man sich vor allem aber nicht schlecht fühlen soll, wenn man mal eine Tüte Chips auf einmal leert oder eine ganze Tafel Schokolade verputzt. Nur wenn man einen Kontrollverlust feststellt, sollte man sich fragen, was man da offensichtlich kompensiert. Aber sich hier auf die Ernährung zu konzentrieren, hilft nicht weiter. Denn ein schlechtes Gewissen verursacht nur noch mehr Stress, den ja irgendwie auch keiner will.
Insofern rate ich jedem, der es hören will, und jedem, der es nicht hören will: Entspannen, nachdenken, weiterleben. Und sich lieber eine eigene Meinung bilden, als auf Experten hören. Auch nicht auf Experten wie mich.
Vielleicht nächtens wieder. Früher war das einfacher, da gab es kein Leben in Verpflichtungen, in Normen, in Regeln, auch nicht in selbstgemachten. Früher, da war eine andere Nacht, ein anderer Tag. Früher, das war eine andere Stadt, ein anderes Jahrzehnt, wahrscheinlich war ich ein anderer Mensch. Traurig sei ich geworden, sagte mir neulich der Freund, nein, mittlerweile der Mann. Traurig, so finde ich mich auch, und das hat nichts zu tun mit der anderen Stadt, mit der anderen Zeit, nichts mit dem Mann, weder mit dem, der nebenan schläft, während ich das hier tippe, noch mit dem Mann, der das hier tippt und gleichzeitig an den denkt, der er nicht mehr ist. Traurig, das bin ich vor allem, weil mir alle Koordinaten verloren gegangen sind, alle Richtungen, die ich einst kannte.
Als ich anfing, der traurige Mann zu werden, der ich jetzt bin, war alles so neu und aufregend, und ich so neugierig und aufgeregt. Jetzt, das ist dann eben doch über ein Jahrzehnt später, hat mich aus der Welt heraus eine Hoffnungslosigkeit ergriffen, die ich nur mit dem allgemeinen Übel erklären kann. Es Weltschmerz zu nennen, wäre zu kurz gefasst; ist Weltschmerz doch eine Traurigkeit über die eigene Fremdheit in der Welt, die eigene Entfernung zu allen anderen Lebenden, Fühlenden. Was mich aber ergriffen hat, ist ein Entsetzen darüber, was diese Welt, diese Zeit befallen hat, diese Entfremdung aller Menschen voneinander, ein Fehlen guten Willens und rechten Wollens. Was mich gefangen hält, ist Angst, unbegreifbare, unbenennbare, unauslöschliche Angst vor dem, was ist, was kommt, was bleibt.
Wovor, das hat der Freund, nein, der Mann vorhin gefragt, als ich sagte, ich wolle wieder bloggen, könne aber nicht vor lauter Angst; wovor also fürchte ich mich? Ich hätte doch nichts zu verlieren, ihn schon gar nicht.
Ich konnte es nicht erklären, kann es immer noch nicht richtig spüren, was wirklich der Grund für die Angst ist. Vielleicht, das ist ein Teil davon, erkenne ich über das erneute Bloggen, dass ich mich tatsächlich selbst verloren habe, dass ich all meine Ziele, all meine Träume verloren habe. Oder, das ist eine anderer Teil der Angst, muss ich zugeben, dass ich doch nicht schreiben kann, doch nicht talentiert bin, doch nicht geduldig genug, doch nicht geeignet für das letzte, was mir noch bleibt. Denn alles andere habe ich aufgegeben, um nur noch das zu tun: Schreiben.
Und so kann ich nicht schreiben, weil ich Angst habe, nicht mehr schreiben zu können. Ich kann nichts mehr sagen, weil ich Angst habe, nichts mehr sagen zu können. Nichts mehr zu sagen zu haben. Als sei alles, was ich einmal war, verloren und vergessen.
Oder ersoffen in meinem Selbstmitleid. Das ist das letzte meiner Hindernisse. Ich will nicht mein Selbstmitleid, meine Betroffenheit auswalzen vor Menschen, die ihr eigenes Leid, ihre eigenen Probleme, ihre eigenen enttäuschten Hoffnungen und geplatzten Träume haben. Meine Egozentrik ist nicht das, was ihnen fehlt. Vor allem aber ist es nichts, was irgendwen weiterbringt, vor allem nicht, denke ich dann reflexhaft, mich. Ich am wenigsten von allen Menschen will Mitleid haben, am wenigsten mein eigenes. Dabei ist das das einzige, was ich im Überfluss habe.
Wohin also wenden in dieser Nacht, die nicht die erste von vielen ähnlichen wird, sondern die einzige zwischen vielen, die anders sind, wohin wenden, wenn alles dunkel und weglos scheint. Vielleicht nirgendwohin, vielleicht ist das das Wunder, das ich erhofft habe: zu erkennen, dass nicht irgendwo mein Glück wartet, meine Erlösung und mein Frieden mit mir selbst, sondern, dass ich es dann erreiche, wenn ich aufhöre, dem Schatten nachzujagen, den es wirft. In mir selbst liegen meine Wahrheiten, meine Hoffnungen, meine Träume, vor allem aber meine Rettung. Erst dann, wenn ich anerkenne, vielleicht wieder erkenne, dass ich allein mich davon abhalte glücklich zu sein, kann ich mir auch wieder erlauben, ohne Angst zu sein. Und dann nicht mehr nächtens und in Erinnerung an das Früher zu schreiben, sondern im Licht eines neuen Tages.
Als ich noch Teil einer Industrie zur Erschaffung schlechten Gewissens war, betrieb ich unter anderem Ernährungsberatung. Nicht nur begleitete ich Mütter bei der Umstellung ihrer Einjährigen vom Stillen mit Beikost zur normalen Ernährung, nicht nur beriet ich Sportler in Fitnessstudios, vor allem aber klärte ich Herz- und Herzinfarktpatienten darüber auf, was sie sich und ihrem Körper alles angetan hatten. Teil meiner Aufgabe war dabei nicht nur, eine Sensibilität für Qualität und Quantität von Lebensmitteln zu schaffen, sondern auch ein Gefühl für gesunde Lebensführung zu wecken, die aus dem harmonischen Dreiklang Ernährung, Bewegung, Entspannung besteht. Während Essen keinem Patienten schwer zu fallen schien, gab es beim Sport doch einige psychische und physische Hindernisse. Entspannung dagegen? Ein Fremdwort.
Entspannung gilt nicht viel in einer Leistungsgesellschaft. Entsprechend haben die Unentspannten für sowas keine Zeit. Hier ein Meeting, da ein Termin, Pausen sind für Luschen und selbst auf dem Klo kann man noch schnell eine Whatsapp-Nachricht schreiben. Und selbst bei jenen, die Entspannung betreiben, scheint sie oft auch kompetitiven Charakter zu haben, so sehr brüsten sich viele Entspannte mit ihren Fortschritten bei Pilates, Yoga und Tai Chi.
Dabei ist richtige Entspannung nicht nur hochgradig egozentrisch in ihrer Wettbewerbsverweigerung, sondern auch essentiell für Körper und Geist. Wir brauchen Ruhephasen, um uns zu erholen, um Kraft zu schöpfen für neue Aufgaben. Oder wie ich es gerne den arbeitswütigen Patienten mit auf den Weg gegeben habe: nur wer loslassen kann, kann auch zupacken.
Warum aber schreibe ich das? Weil der schlechteste Patient der Arzt ist. Seit Wochen oder seit Monaten, vielleicht und wahrscheinlich sogar seit Jahren gönne ich mir keine richtige Pause. Ständig muss ich denken, ständig schwanke ich zwischen Input und Output. Wenn ich nicht lese oder schreibe, sondern beispielsweise staubsauge (was so selten passiert, dass ich es eigentlich angemessen zelebrieren und genießen müsste), höre ich parallel ein Hörbuch oder einen Podcast. Beim Autofahren, in Konzerten, bei Spaziergängen springt mein hyperaktives Gehirn von einer Assoziation zur nächsten, gebiert Ideen im Sekundentakt. Ich kann nachts nicht einschlafen, weil ich in Gedanken Dinge entwerfe, die niemals gebaut werden können, denn wer sollte das tun? Ich habe dafür keine Zeit. Keine sieben Stunden später sitze ich schon wieder am Schreibtisch.
Ich habe, das bemerke ich langsam, ein Problem. Ich kann mich kaum noch konzentrieren, dass ich diesen Text geschrieben habe, ohne dazwischen dreimal aufzustehen, grenzt an ein Wunder. Doch selbst während des Schreibens driften meine Gedanken ab, verlieren sich in Erinnerung und Planung, in Angst und Hoffnung. Die Selbstzensur hindere mich, schrieb ich am Freitag. Es ist immer noch wahr. Könnte ich mich genug konzentrieren, ich müsste nicht an die Angst denken, gäbe der Zensur keinen Raum.
Das, was ich den von ihren Herzen Ausgebremsten gesagt habe, gilt auch für mich: ich muss lernen, nichts zu tun. Dinge geschehen zu lassen. Ich bin zwischen all meinen Projekten so ausgebrannt, dass ich kaum noch Kraft habe, sie zu beenden, geschweige denn für einen weiteren Schritt. Natürlich komme ich also auch nicht voran. Was also tun? Nichts, wirklich einmal nichts.
Ich kann das nicht. Ich versuche es. Selbst hier, im Nichtstun entdecke ich plötzlich etwas Leistbares, das ich aber gleichzeitig nicht leisten kann.
Seit der Abmahnung wäge ich jedes Wort, und im Zweifel schweige ich. Jeden Tag schreibe ich drei Sätze, jeden Tag lösche ich drei Sätze. Ich schweige, ich zweifle, ich wäge ab. Die Abmahnung hat mich nicht nur finanziell und menschlich getroffen, sie hat mich kreativ blockiert.
Über die Abmahnung selbst will ich mich nicht auslassen. Teils natürlich, weil mich ärgert, wie leicht vermeidbar sie gewesen wäre. Vor allem aber, weil ich Angst davor habe, mich ohne anwaltliche Beratung zu äußern. Angst vor den eigenen Worten ist beim Schreiben allerdings nicht zuträglich. Angst ist der schlechteste Ratgeber des kreativen Menschen.
Was also tun? Weiter schweigen? Gegen die Angst anschreiben? Fällt man vom Pferd, soll man wieder aufsteigen, weiterreiten. Doch was, wenn das Pferd sich zum Kaktus gewandelt hat oder zum bissigen Biest? Wäre dann nicht der Abdecker die bessere Option? Und so suche ich nach einem Weg zurück, schreibe drei Sätze, lösche drei Sätze. Wäge ab, zweifle, schweige. Der Ritt auf dem Kaktus der Selbstzensur ist eine elend lange und langsame Qual.
Trotzdem verweise ich, werde ich nach meiner schreibenden Arbeit gefragt, immer nur auf mein offizielles Blog, das deutlich weniger Beiträge hat als dieses hier. Ich schäme mich dessen, was ich tue. Ich habe Angst davor, jemand könnte entdecken, was ich hier aufgeschrieben habe, eine Angst, die ich schon vor fast genau drei Jahren formuliert habe:
Während des letzten Absatzes ist mir klargeworden, dass es nicht die schlechten Klassenkameraden sind, nicht die alten, treuen Freunde, nicht die guten Bekannten, nicht die entfernten Verwandten sind, deren Reaktionen ich fürchte, sondern dass es die Menschen sind, die mir noch am nähesten stehen: mein Freund und meine Eltern, von denen ich offensichtlich annehme, dass sie ein falsches Bild von mir haben, von meinen guten Eigenschaften, meinen schlechten Gewohnheiten, meinen unerreichten Träumen, meinen undefinierten Zielen. Gerade jene Menschen, die Seiten von mir kennen, die kein Freund von mir kennt und nicht einmal die eigenen Geschwister, gerade jenen Menschen unterstelle ich Unkenntnis meines Charakters, meiner Hoffnungen und meiner Scham.
Je länger ich darüber nachdenke, desto dümmer komme ich mir vor.
Gewöhnlich vergessen wir die Macht der Sprache, die vielleicht nicht Berge versetzen kann, aber zumindest doch den Glauben daran wecken, dass es möglich ist. Sprache ist zu alltäglich, zu sehr Werkzeug, als dass man bemerken würde, wie umwälzend sie wirken kann. Man hat ja auch nicht jederzeit vor Augen, dass die Sonne nicht etwa nur ein Licht ist, das unseren Alltag erhellt, sondern Leben erst ermöglicht und - in noch einigermaßen weit entfernter Zukunft - auch wieder auslöschen wird. So wie die Sonne nach der Langen Nacht wieder alle Lebensgeister aus ihrem Winterschlaf zieht, kann auch ein einzelnes Wort, ein einziger Satz dem Leben einen neuen Impuls, vielleicht sogar eine neue Richtung geben.
Wir erwarten diese Macht der Sprache nicht, das heißt aber nicht, dass es nicht möglich wäre.
Jedes Jahr aufs Neue mache ich das, glaube ich.
Ich will aufbrechen, ausbrechen aus meinem alten Leben, doch je älter ich werde, desto mehr Vergangenheit zerrt an mir, Vergangenheit, die sich je nach Tagesform mal als Ballast, mal als Basis anfühlt. Ich vergesse dabei (oder versuche es zumindest), dass ich ohne meine Vergangenheit nirgendwohin kann.
Nicht nur, weil mich alle meine Erfahrungen begleiten, sondern weil ich ohne all diese Erfahrungen auch nicht an dem Ort wäre, von dem aus ich wieder aufbrechen will.
Was mich formt und geformt hat, das ist vieles, das ich nicht wieder aufrollen will, weil ich spüre, dass es weder mir gut tut noch den Menschen, denen ich es erzähle. Es schafft eine ungesunde Bindung, weil ich mir meiner traurigen Geschichte, die ja nicht mein gesamtes Leben ausmacht, sondern nur eben den traurigen Teil, Mitleid heische, das ich so oft bekommen habe, dass ich es als lohnenswerten Anreiz dafür gesehen habe, mich durch meine traurige Geschichte zu definieren.
Statt die lustigen Geschichten auszubreiten, die mir passiert sind, hänge ich den dunklen Dingen nach, als gäben sie mir mehr Kraft als sie mir nehmen.
Wahrscheinlich habe ich immer noch Angst davor, in diese Muster zurückzufallen und komme deswegen nicht von ihnen los. Was wir denken, bestimmt unseren Weg. Wenn ich mich von Angst leiten lasse, werde ich ihr immer folgen.
Ein NLP-Mensch, mit dem ich mich mal unterhalten habe, hat mir das so erklärt: Angst ist eine große Triebkraft und seltener treibt sie uns an einen Ort, wo wir sicher vor ihr sind, sondern meistens direkt auf sie zu. Und so trifft meistens das ein, was wir fürchten. Vielleicht ist das so, weil man die Angst kennt und die Situation, in der man sie empfindet.
Die bekannte Angst ist offenbar immer noch besser für den Kontrollmenschen als jede unbekannte Situation, die im besten Fall zwar positiv überraschend sein könnte, aber eben genau das: überraschend.
Vielleicht muss ich doch noch einmal durch die dunklen Dinge hindurch, um mir darüber klar zu werden, wie albern meine Angst ist, das selbe noch einmal zu erleben. Oder wie grausam mir selbst gegenüber.
Die Vergangenheit frisst an mir wie ein wildes Tier. Und ich gebe mich dem hin, heiße das Alte willkommen, sich an meinem Leben zu laben, ich brauche es ja offensichtlich nicht.
Meine Tage sind gefüllt mit Sinnlosigkeiten und Nichtstun. Da kann mich die Vergangenheit ruhig einholen, locker überrunden, ohne sich anstrengen zu müssen. Verlockend ist das ja schon, wenn das, was eigentlich vergangen ist, wieder vor einem liegt, einstellen muss man sich da auf nichts Neues, Unbekanntes, vielleicht Unbequemes.
Ich habe Angst vor dem, was andernfalls kommt.
So sehr ich mich grundsätzlich nach Veränderung sehne, so sehr fürchte ich mich vor dem Blindsein für das, was kommen könnte. Und blind werde ich sein, ist ja jeder gezwungenermaßen.
Ich fürchte diesen Kontrollverlust, so dumm das vielleicht auch ist. Denn wann habe ich jemals irgendwas in meinem Leben kontrolliert? Wann hätte das jemals in meiner Macht gestanden oder in der irgendeines Anderen?
Die Menschen sind da nicht alle gleich, habe ich gemerkt, ja selbst ich bin meinem Phlegma da nicht immer treu. Manchen Tages bin ich so aufbruchsfreudig, ja fast schon umtriebig, dass ich achtzig Dinge gleichzeitig anfange, anderntags schaffe ich es gerade mal aus dem Bett unter die Dusche, wo ich anscheinend Stunden verbringe, denn obwohl ich weit vor Mittag aufgestanden bin, geht die Sonne schon fast wieder unter, wenn ich mich abgetrocknet habe.
Und dann wieder mag die Zeit manchmal nicht vergehen, egal wie sehr oder wie böse ich sie anstarre.
Überlegt habe ich, die alten Texte aus dem ersten Blog von vor über zehn Jahren hierher zu importieren. Nicht dass das technisch ohne Weiteres möglich wäre, im Gegenteil. Vorausschauend, wie ich war damals, habe ich keine Worpress-gängigen Dateien gespeichert, sondern reines HTML. Offensichtlich wusste ich damals schon, dass ich mich irgendwann mit Unnötigkeiten beschäftigen wollen würde. Und ich ahne jetzt schon, dass das Ausschneiden, Überarbeiten und Anpassen alter Texte an mein heutiges Wort- und Lebensgefühl nicht etwa nur wenige Wochen in Anspruch nähme, sondern eher Monate.
Monate, die ich so schon mal semikonstruktiv verplant hätte mit einem Projekt, das mich effizient von allem anderen abhält, was mich tatsächlich voranbringen könnte. Ich habe mich letztlich doch dagegen entschlossen. Wenn ich die Vergangenheit so toll gefunden hätte, dann hätte ich sie wohl gleich behalten. Durch ein Wiedererleben des Vergangenen ist mir nicht geholfen, ein anderer wird es nicht lesen und (im Fall, dass ich mich da irre) schon gar nicht davon profitieren.
Das Jaulen der Vergangenheit ergibt selbst mit Nostalgiefilter keine Harmonie. Und so lange ich die alten Geschichten an mir nagen lasse, werde ich nie erreichen, was ich mir trotz vorgeblicher Ehrgeizlosigkeit zum Ziel gesetzt habe.
Insofern: Neues schreiben, Neues machen, nur trauern, wenn es sinnvoll ist. Alles andere hinter sich lassen, was belastet. Was wir hinter uns gelassen haben, ist aus guten Gründen auf der Strecke geblieben.
Dieses Gesülze, dass ich ja noch gut dran bin, so lange ich meine Niederlagen als Erfahrungen verbuchen kann, habe ich ja schon so sehr verinnerlicht, dass ich gar nicht mehr merke, wie sehr es mir eigentlich auf den Sack geht, keine Ahnung zu haben, was ich eigentlich mit meinem Leben tun will.
Immer noch.
Immer noch ist es dieses "Was will ich denn mal tun?", als ob es nicht schon so weit wäre, dass ich etwas mit meinem Leben angefangen hätte.
Ich bin in mir selbst so blockiert, dass ich es gar nicht mitbekomme, wie ich mein Leben Tag für Tag damit vergeude, herauszufinden, was ich denn mal mit mir mache, wenn ich endlich aufhöre, mich zu vergeuden.
Alles geht an mir vorbei, und ich bemerke es nicht, spiele mein ignorantes "zu gut für die Welt"-Spiel einfach weiter, während draußen die Sonne scheint oder der Regen alles überspült.
Mir kann es ja gleichgültig sein, ich habe mich ja hier mit meinen Depressionen eingerichtet, als ob es kein Morgen, keinen Tag, überhaupt nichts mehr geben müsste.
Wieder habe ich in meinen alten Texten rumgekramt, habe mich leichtfüßig und witzig und pointiert gefunden, nicht so deprimierend schwafelhaft wie mittlerweile, wo ich nur noch Worthülsen und stakkative Pleonasmen hochwürge, die halbverdaut in meinem von allem brauchbarem Vokabular befreitem Hirn rumdümpeln.
Ich hatte schon alles gesagt und konnte nicht loslassen.
Kann es immer noch nicht, denn was ist das denn hier schon wieder, wenn nicht der verzweifelte Versuch, eine Normalität aufrecht zu erhalten, die vor zehn Jahren noch angebracht gewesen wäre, nun aber vollkommen obsolet, weil uninteressant ist?
Es geht nicht länger, ich kann mich damit auch nicht länger belügen. Dieses Kapitel, und sei es noch so lang und langatmig, ist einfach nichts mehr für mich.
Wir sind so sehr auseinandergewachsen, die Wortwerdung und ich, dass es nichts als Überdruß bringt.
Nichts sagen, nicht aus dem eigenen Kopf heraussehen. Die Augen bleiben geschlossen, nur diesen einen unendlich langen Moment noch. Kein Geräusch zu hören, keine Stimmen, keine tickenden Uhren, nicht einmal das Schlagen des Herzens, das Rauschen des Blutes in den Adern. Wie lange kann ein Moment dauern, denke ich, wie lange kann die Welt, wie lange können die Menschen, wie lange kann ich stillstehen, wie lange der sonst so unbeeinflussbar verrinnenden Zeit widerstehen?
Wie lange ist lange genug, wie kurz ist zu lang, wie unendlich ist diese eine Sekunde, und dann ist sie vorbei, die Zeit fließt zurück in alle Räume, mein Herz schlägt wieder, meine Augen sehen wieder das Wehen des Windes durch die Bäume der Welt, Wellen schlagen wieder an die Ufer, keine Uhr steht jetzt noch still, ich bin zurück, bin wieder da. Ich sage: "Ja."
Die Bloggerin Sherry (Iranique) suchte in ihrem Blog nach der letzten Wahrheit und jenen, die nicht scheuen, über die Grenze des Denkbaren zu denken. Ein versuchter Grenzübertritt.
Götter, Wahrscheinlichkeiten, Weisheiten, Wahrheiten. Der menschliche Geist hat sie alle erfunden, um sie zu ergründen. Und wird letztlich nicht anders können als zuzugeben, dass sie ohne den Menschen nicht existierten. Es gibt eine Realität, und es gibt Meinungen darüber, die Wahrheit genannt werden, doch erstere ist einmalig und letztere immer relativ und dadurch Legion. Dies ist so, weil kein Mensch die subjektive Realität, also die individuell wahre Ansicht vom Sein aller Dinge eines anderen Lebewesens, ja nicht einmal eines anderen Menschen, und sei es ein eineiiger Zwilling, teilen könnte.
Wir können versuchen, die Welt aus der Sicht eines Schmetterlings darzustellen, doch auch das wird nur unsere Interpretation der tatsächlich vom Schmetterling empfundenen Realität sein, die der absoluten Realität selbst nicht entspricht.
Für die meisten Menschen ist dieser Gedanke zu beunruhigend, weil er uns allen die Fähigkeit abspricht, wirklich über unser Leben, wirklich über uns selbst, wirklich über irgendetwas zu verfügen, weil wir immer etwas übersehen. Übersehen müssen, denn obwohl unser Geist hochrezeptiv ist, kann er nur erkennen, was zu erkennen er geschult ist. So wie wir aber nicht unseren eigenen Hinterkopf ohne Hilfsmittel oder Wahnsinn erkennen können, stößt selbst die neugierigste Betrachtung an ihre Grenzen.
Auf der Basis dieser unvollständigen Wahrnehmung entstanden menschliche Konzepte wie die Wahrheit, die Weisheit, die Wahrscheinlichkeit. Vieles von dem, was wir nicht wahrnehmen können, sprachen frühere Menschgenerationen dem Übernatürlichen zu, dem sie die Form von Göttern und schließlich, im Laufe der fortschreitenden Selbst-Erkenntnis, die Form eines einzigen Gottes gaben, den sie später wiederum mit den von ihnen erfundenen Mitteln der Wissenschaft obduzierten.
Das Möbiusband der subjektiven Realität macht dies gleichzeitig wahr und unwahr. Wir erkennen mit der Hilfe unseres imperfekten Intellekts, dass unsere Erkenntnisfähigkeit auf den Horizont der begreiflichen Realität begrenzt und niemals darüber hinausreichend ist: Natürlich hat Gott uns den Geist gegeben, ihn zu dekonstruieren. Natürlich hat eine Reihe von Zufällen zu der Erkenntnis geführt, dass es Zufälle nicht geben kann in einer multifaktoriell variaten Realität, deren Faktorengesamtheit nicht erkannt werden kann.
Das heißt nicht, dass sie keinen Regeln folgt. Wir können diese Regeln nur nicht überblicken oder definieren und bezeichnen sie daher als Wahrscheinlichkeiten.
Der Mensch hat sich durch die Ergründung dessen, was er als seine Realität wahrnimmt, selbst erschaffen. Das ist seine größte kulturelle Leistung. Dass jede darüber hinausgehende Erkenntnistheorie an sich selbst scheitern muss, liegt auf der Hand, denn zur Beschreibung eines Sachverhalts braucht es eine Metaebene, die es außerhalb der menschlichen Erkenntnisfähigkeit nicht für den Menschen geben kann.
Vielleicht kann dereinst eine Art Metamenschheit beschreiben, wie unsere Wahrnehmung der Realität ausgesehen hat, aber selbst dann wird es eine Interpretation sein, die auf den erkennenden Erfahrungen der Metamenschheit mit unseren Zeugnissen beruht und daher ebenfalls nur eine subjektive Realität darstellen kann.
Wir sind, das ist die für die Menschheit unumstößliche Realität: Wir sind Menschheit. Und doch könnte ein einzelner Vertreter dieser Menschheit von sich behaupten, er sei der Einzige und sein Wahnsinn spiegele ihm die komplexen Vorgänge in der Welt nur vor.
So wie ich nicht meinen eigenen Hinterkopf beobachten kann, kann ich nicht sagen, ob ich nicht jener Wahnsinnige bin, der sich seine Realität in jeder Sekunde neu aus dem erfindet, was bisher an erfahrener Wirklichkeit war, die ebenso auf Basis des bislang Erfundenen erfunden wurde. So könnte für mich und meinen Wahnsinn die Realität der Zeitpunkt zwischen zwei Illusionen sein, die ich Vergangenheit und Zukunft nennte.
Weisheit ist dies noch immer nicht, genauso wenig wie Wahrheit. All dies ist eine wahre Lüge, eine interpretierte Erkenntnis des Unerkennbaren. Es ist wie die Erfindung Gottes durch den gottgeschaffenen Menschen: ein Axiom, unauflösbar, unerklärlich.
Durch einen Java-Virus mit der Frage konfrontiert, ob ich mein Blog wiederauferstehen lassen oder doch endlich das aufgeben soll, was mir so oft als notwendige Last erschien, habe ich mich (mal wieder) für ein Weiter-so entschieden.
Schwach nenne ich das bei anderen, wenn sie Dinge, von denen sie nicht vollständig überzeugt sind, nicht lassen können. Schwach nennte ich das auch bei mir, wäre es nicht einer meiner wichtigsten Wesenszüge: Nicht-Loslassenkönnen, Nicht-Aufgebenwollen, Nicht-Endgültigentscheiden. Eine Entscheidung zu treffen, und sei sie scheinbar noch so unwichtig, fiel mir noch nie leicht.
Vielleicht ist es ein wesentlicher Wesenszug der Menschen, immer alles haben zu wollen und auf nichts verzichten zu können. Doch je mehr ich diesen Wesenszug bei mir selbst beobachte, der umso stärker wird, je älter ich werde, desto mehr befürchte ich, dass es jener ist, der alte Menschen, die jenseits des Lebenswerten stehen, dazu bringt, sich an ihrem letzten Bisschen Existenz festzuklammern wie ein Ertrinkender an der Hoffnung, doch noch gerettet zu werden, auch wenn das Wasser schon die Lunge füllt.
Meine Großeltern haben so geklammert und auch die des Freundes und auch die meisten Menschen, die ich während meiner Zivildienstzeit im Krankenhaus beim Sterben begleitet habe. Sie alle hatten die Fäuste geballt, wie um das wenige zu halten, was ihnen noch geblieben war: den letzten Atem, das letzte Licht vor dem Dunkel, der letzte dann doch verklingende Ton. Sie alle haben gekämpft, als gebe es noch etwas zu gewinnen und nicht nur zu verlieren, wenn der Tod doch ein letztes Mal an dem fast vollständig vom Leben verzehrten Leib vorübergeginge. Als käme noch Leben in den schon halbtoten Leib.
Die Entscheidung, das Weblog zu reaktivieren, scheint trivial angesichts dessen. Es geht nur um geschriebene Worte, die wenige lesen und die kaum Einfluss haben auf das Denken und Tun anderer Menschen. Ich berichte nicht von Dramen oder Tragödien, nicht von Trauer oder Freude. Ich kann nicht mit Revolutionen aufwarten oder Reformen. Ich kann nur einen Einblick geben in das Leben eines Blockierten, in die Existenz eines Sich-Selbst-Blockierenden, der nicht loslassen, nicht aufgeben, nicht entscheiden kann, und der sich damit das Leben vom Leib hält.
Seit ich schreiben kann, schreibe ich.
Gedichte, Fragmente, Aspekte meiner Tage und Nächte. Schreiben ist so sehr zu einem Teil meiner Person geworden, dass ich nie daran gezweifelt habe, zum Schreiben geboren zu sein, zu nichts anderem geeignet als Schriftsteller zu sein.
Die Erkenntnis, dass eine solche Grundsicherheit, ein so wichtiger Aspekt meiner Identität falsch ist, hat mich erschüttert, so sehr, dass ich allem Alten, das im Schlaglicht der neuen Perspektive fremd und unvertraut aussah, entfliehen wollte. Ich wollte fort, nur fort, ohne Ziel, nur irgendwohin, wo die einstige Sicherheit noch gültig sei. Doch so einen Ort gibt es nicht. Kann es nicht geben. Ich hätte die Wahrheit nur vor mir verstecken, mich an mir selbst aufreiben und den Impuls der Erkenntnis unterdrücken können, um dann noch mehr Jahre später festzustellen, dass ich den größten Teil meiner Kraft auf einen Traum verwendet hätte, dem ich entwachsen war.
Autor zu sein, heißt Geschichten erzählen, unterhalten zu wollen. Schreiben, richtiges Schreiben ist harte Arbeit; ein Schriftsteller, noch dazu einer, der Erfolg haben will, muss konzentriert an seinen Texten arbeiten, selbst wenn er keine Lust darauf hat, selbst wenn er angeschlagen, müde, traurig, abgelenkt, uninspiriert ist. Er schreibt nicht aus einer Laune oder Inspiration heraus, sondern weil er dafür und davon lebt.
Ich kann das nicht, ich habe das nicht gelernt, ich weiß auch nicht, ob ich das wirklich lernen will oder kann. Ich bin notorisch unkonzentriert, unfokussiert, kein konsequenter Schreiber, kein disziplinierter Mensch. Ich schreibe inspirations-, situationsgetrieben, brauche den Schreibfluss, aus dem heraus ich erst schreiben kann. Und wenn sich dieser Zustand nicht einfindet, dann bin ich zwar nicht glücklich, schreibe aber eben auch nicht.
Richtige Geschichten habe ich auch nie geschrieben, immer nur Erkenntnisse, Erlebnisse, Meinungen, Momentaufnahmen, Fragmente und Aspekte meines Lebens festgehalten. Und auch, wenn ich mit Sprache gut umgehen kann und ich wahrscheinlich auch einen eigenen Schreibstil habe, reicht das doch nicht für ein Leben als Schriftsteller, es qualifiziert nicht für einen Beruf, der mir so lange als mein natürlicher Lebensweg erschien.
Die Erkenntnis ist schmerzhaft. Und beängstigend. Aber eben auch befreiend. Denn dass ich kein Schriftsteller bin, heißt ja nicht, dass ich das Schreiben aufgeben muss.
Die Erkenntnis nimmt mir lediglich den Druck, mit dem, was ich schreibe, erfolgreich zu sein. Gefühlt habe ich diesen Druck nämlich immer, Erfolg hatte ich dagegen nie. Denn wie auch, wenn ich nur für meinen Selbsterkenntnisgewinn schreibe und nicht für den Erkenntnisgewinn potentieller Leser.
Das Schreiben hat mir viel Kraft gegeben, hat mich emotional und psychisch stabilisiert und weitergebracht, es hat mich Ordnung in meinem Chaos finden lassen. Und es hat mir zuletzt eben auch gezeigt, dass ich mich mit meinen Traum vom Schriftstellersein lange Zeit davon abgehalten habe, meinen eigentlichen Weg zu gehen. Ich habe lange Zeit gedacht, ich sei angekommen.
Dabei bin ich nur stehengeblieben.
Nun gehe ich weiter.
Wieder stehe ich an diesem Scheideweg, dieser Kreuzung, die nicht rechts oder links heißt, nicht oben oder unten, nicht zurück oder voran, sondern wollen oder nichtwollen. Die Entscheidung zur Entscheidung, wie vorher und doch wie keinmal zuvor, hat mich wieder an den Rand meiner Handlungsfähigkeit, meiner Bewegungsfähigkeit gebracht. Ich sehe keinen Weg, ich sehe keine Lösung.
Vielleicht ist es der Winter, vielleicht ist es die immer früher hereinbrechende Dunkelheit, die wenigstens den Regen und das nachnovemberliche Grau vor meinen Augen verbirgt, die mich verzweifeln lassen, zweifeln lassen an der Sinnhaftigkeit meiner Entscheidungen, zweifeln lassen an der Sinnhaftigkeit, Notwendigkeit, Wirksamkeit von Entscheidungen an sich.
Nach Aufgabe meines Romanprojekts, an das ich mich immer noch im Geiste klammere, weil ich ja nichts anderes habe, humple ich wie ein Kriegsversehrter durch mein Leben. Von Woche zu Woche breitet sich die intellektuelle Entzündung weiter aus, meine Nächte werden zusehends wieder von der Frage beherrscht, wie mein Leben aussehen soll in einem Jahr, in zweien, in fünf. Wie ich mein Leben leben will, was ich machen will, was mich glücklich machen kann oder soll.
Ich bin noch nicht wieder soweit, dass ich die Menschen mit richtigen Berufen beneide, mit Berufen, in die hinein man ausgebildet wurde, noch bin ich nicht soweit, die Sehnsucht nach einem
Ich kann das auch gar nicht. ich könnte gar keine Ich muss suchen und aufgaben lösen, ich muss Probleme finden und deren Lösungen. Ich kann gar nicht anders mehr.
Konnte ich vielleicht noch nie.
Liebes Gott-Axiom,
das gleichzeitig ist und nicht ist,
vielfältig und ungenannt sei Dein Name,
denn Dein ist mein Wille
und Dein meine Macht,
wie Deine Stimme die meine ist
und mein Herz das Deine.
Wir beide wissen, dass Du nicht existierst in einem religiösen, verehrungsbedürftigen Sinne, und wir beide wissen, dass Du in dem Sinne real bist, wie ich Dir das Recht dazu gebe. Wir beide wissen, dass Du weder Erlöser noch Ratgeber bist, sondern Richtschnur und Gewissen, innere Stimme und ehrliches Herz. Wir beide wissen, dass Du die Angst nicht fühlst, die mich nächtens ergreift, dass Du nicht die Unruhe spürst, die mich am Tage beherrscht, dass ich mich aber an Dich wenden kann, wenn ich Trost brauche, Liebe suche, wenn ich nicht alleine sein kann und es trotzdem bin.
Liebe gottgleiche Stimme,
ohnmächtig und allmächtig,
blindes und sehendes Auge,
taubes und fühlendes Herz,
ich brauche Hilfe und Führung
und Stärke und Mut.
Ich habe meinen Weg aus den Augen verloren in den Jahren, in denen ich dachte, alles werde sich fügen; in all den Jahren, da sich nichts fügte. Ich habe die Kraft verloren, meinen Dämonen zu widerstehen, die mich locken wollen in Abgründe außerhalb meiner Seele und meines Seins.
Derzeit brenne ich nicht. Habe ich bis auf wenige Ausnahmen eigentlich nie.
Manchmal, wenn ich schreibe, wenn ich in diesen Fluss gerate, der mich nicht daran zweifeln lässt, dass ich eine Geschichte zu erzählen habe, die andere hören wollen, dann brenne ich, lodert ein Feuer in mir, das mich nicht verzehrt, sondern den Weg, der vor mir liegt, erleuchtet.
Jetzt aber ist alles dunkel, alle Stimmen stumm und meine Worte fort. Ich brenne nicht, leuchte nicht, erschöpfe all meine Kraft darin, morgens aufzustehen, tagsüber zu funktionieren und abends einzuschlafen, als sei ich ein normaler Mensch wie alle anderen.
Und wahrscheinlich bin ich das auch, doch will ich nicht sehen, dass hinter ihren Mauern auch die Anderen Angst und Traurigkeit und Selbstzweifel und Einsamkeit spüren. Sie alle, die nicht brennen, nicht leuchten, erschöpfen sich darin, normal zu wirken wie die anderen.
Musik hilft, denn sie ist eine Nichtsprache, die jeder verstehen kann. Sie, die vor Worten war, berührt die Seele ohne den Umweg über das Gehirn. Ich kann mich vergessen, meine Sorgen, meine Schwäche, meine Orientierungslosigkeit, denn ich habe wieder ein Ziel: aufgehen in der Musik, nur Ohr sein und lauschender Geist, und bald tanze ich, bald rollen Tränen über mein Gesicht, und ich spüre mich wieder, mich unter all dem Schmerz, der Einsamkeit und Nichtverstehenwerden heißt, der Angst und Selbsterkenntnis ist. Musik hilft und so höre ich an jedem Tag viele Stunden ein Lied, manchmal zwei, bis ich so sehr in einem Rhythmus gefangen bin, dass ich die Abenddämmerung verpasse und den Aufgang der Sterne und spät erst, wenn der nächste Morgen wieder naht, einschlafen muss.
Konzentrieren geht aber auch nicht. Zu verworren ist alles, zu hin- und hergerissen, zu will-nicht-will-doch-gespalten ist der Geist, dass er nicht formulieren kann, was sein soll und was zerstört. Alles wird hingenommen und akzeptiert, abgehakt für ein Später, in dem es auszusortieren gilt, ein Später, dessen Nichtexistenz, dessen Niemalsexistenz ich jetzt schon sehe.
Wie kann das sein, frage ich mich: etwas sehen, das nicht da ist, das aber auch keine Fehlstelle, kein Nichtbild hinterlässt. Etwas sehen, das erst später nicht sein wird, das aber auch jetzt nicht ist, ein Negativ zu einem nicht geschossenen Foto. Ein Erkenntnisfehler wohl, ein Erwartungsaxiom. Und vielleicht, das befürchte ich zunehmend, ein Lebensprinzip, ein Leidensprinzip: Ziele ansteuern, die sich noch vor Nichterreichen als Luftspiegelung entpuppen, als Niemalsland. In welcher Wüste lebe ich, frage ich mich, dass ich immer und immer weiter vorangehe, ohne jemals den Horizont zu erreichen.
Wir hatten diese Jahre, sie und ich. Die Jahre, in denen wir uns besser als blind verstanden, die Jahre, in denen wir uns selbst mit offenen Augen nicht erkennen konnten, die Jahre, in denen wir nicht ohne den anderen leben wollten. Diese Jahre sind fort wie sie.
Lange habe ich sie vermisst und nach etwas gesucht, das diese Wunde verschließen könnte, aus der noch Jahre später meine Kraft herausfloss. Gefunden habe ich nichts, auch keine andere Freundschaft, die mit ihrer Liebe, mit der Liebe, die sie mit sich genommen hatte, mithalten hätte können. Ich steckte fest in einer Vergangenheit, die es nicht mehr geben konnte, die es auch nicht mehr geben durfte, sollten wir beide vorankommen. Diese Vergangenheit vergehen zu lassen, hieß nicht, keine Freundschaft, keine Liebe füreinander mehr zu spüren. Aber es hieß, Abstand zu nehmen, einzuhalten, Freiheit zu geben, anzuerkennen.
Nach ihrem Abschied habe ich mich in die Beziehung zum Freund gestürzt, habe ihn zu meinem Fluchtort gemacht, habe Freude und Schmerz, Liebe und Enttäuschung allein auf ihn gerichtet. Kurzsichtig, blauäugig, naiv, ungerecht, denn was anders konnte ich sein als enttäuscht davon wie anders unsere Gespräche waren, unser Umgang, unser Alltag.
Ich habe versucht, den Freund zu einer männlichen Version der Freundin umzuformen, die ich mehr als mich selbst liebte und die ich nach ihrem Abschied mit Gewalt aus meiner Seele schneiden musste, um die Ferne zu ertragen, die zwischen uns gewachsen war. Natürlich – das weiß ich aus dem Rückblick, aus dem wir alle immer schlau und erhaben sein können angesichts unserer Fehler – konnte das nicht gut gehen und ich habe ihn und mich und sie im Verlauf der Jahre verletzt durch Worte, Taten, Schweigen.
Langsam erst komme ich dahinter, dass die Warnung meines ersten Freundes, ich könne keine zwei Beziehungen parallel und glücklich führen, sich auch auf Beziehungen beziehen könnte, die ich Jahre nach unserer Trennung erst aufbauen würde. Ich hatte mich mittels meines Coming-Outs gerade aus einer gegenseitig emotional missbrauchenden Freundschaft gelöst, als ich ihn kennenlernte. Als uns beiden allerdings klar wurde, dass die beendete Freundschaft mich immer noch mehr fesselte als die beginnende Beziehung, trennten wir uns wieder. Er wusste damals schon, was ich heute erst verstehe: dass Ja zu jemandem zu sagen heißt, dass man Nein zu einem anderen sagen muss. Ich wollte immer zu allen Ja sagen, wollte niemanden loslassen aus Angst vor der Einsamkeit, die ich wie ein lauerndes Tier in mir spürte. Auch heute noch spüre, weil ich mich selbst immer noch zerteile und nichts Ganzes zurückbleibt, das in mir ruhen könnte. Die Entscheidungslosigkeit in allen Bereichen höhlt mich aus und lässt nur die Angst zurück.
Wozu sage ich heute Ja und wozu Nein? Zu wem will ich halten und zu wem kann ich es? Ich will niemanden verlieren und kann doch niemanden halten, kann nicht die Schluchten, die Weiten wieder schließen, die sich zwischen unseren Leben aufgetan haben. Die beste Freundin hat unser gemeinsames Leben verlassen, und ich ging wenige Monate später. Ich vermisse sie auch heute noch, jeden Tag, an dem ich nicht anrufe, keine Nachricht schicke. An jedem Tag, an dem ich Nein zu ihr sage.
Die Jahre dazwischen haben nichts leichter gemacht. Diese Jahre, in denen wir wie blind waren füreinander und die Liebe, die uns verband, die aber dem vergangenen Anderen galt, mit dem wir nicht mehr lebten. Ihre Beziehung scheiterte daran, dass sie wie ich wollte, was sie nicht mehr haben konnte. Nehme ich an, denn auch meine Ansprüche an den Freund waren oft jenseits der Realität unserer Beziehung.
Nehme ich an, denn hier trennen sich die Wege. Über das Ende ihrer Beziehung muss ich viel mutmaßen, denn ich war nicht mehr da. Ich habe ihre Entscheidungen nicht miterlebt, nicht ihre Zweifel und ihre Angst vor einer Zukunft mit diesem Mann. Und nicht die Einsamkeit, in der sie diese Entscheidungen mit sich selbst ausmachen musste. Diese Einsamkeit, die ich auch in mir spüre, jeden Tag wieder und aufs Neue, die aber langsam der Erkenntnis weicht, dass nicht die Angst der Einsamkeit folgt, sondern die Einsamkeit der Angst, zu jemandem Ja zu sagen und zu einem anderen Nein.
Und dann hatten wir diesen Sommer, der uns beides zeigte: die Liebe und Freundschaft, die wir immer noch füreinander empfinden, aber eben auch die Distanz zwischen uns und unseren Lebensentwürfen. Der uns erschrecken ließ über die Vertrautheiten, die der Andere mit Dritten hat, der Erinnerungen sich in uns öffnen ließ wie Jasminblüten, der uns an einen Ort unserer gemeinsamen Vergangenheit führte, den wir aber beide nicht mehr wiedererkannten.
Wir saßen an diesem See und starrten über das Wasser hinüber zum anderen Ufer und suchten nach den Tagen, die wir zehn Jahre zuvor an exakt der selben Stelle verbracht hatten. Sie schlief in der Sonne auf der Wiese und ich sprang vom Steg in das kalte Wasser und tauchte so tief ich konnte, bis mich der Schmerz in meinen Lungen wieder nach oben trieb. Wir tranken Kaffee und aßen Eis wie in einem Früher, das es so nie gegeben hatte.
Seit meiner Rückkehr vom See kämpfe ich mich durch ein Meer aus Zweifeln, aus denen wie ein Eisberg die Beziehung zum Freund ragt. Ich habe beschlossen, zu kämpfen. Ich will nicht untergehen, nicht aufgeben, nicht ertrinken. Doch ich werde mich nicht weiter an den Freund klammern, der weder Rettungsring noch Anker ist, sondern Fixpunkt. Wir haben viele Gespräche geführt in den letzten Wochen: traurige, lustige, ernsthafte, besorgte, vor allem aber uns einander näherbringende, gute Gespräche. Ich habe beschlossen, Ja und Nein zu ihm zu sagen. Mir ist unsere Beziehung wichtig, er vor allem ist mir wichtig. Ich habe Grenzen gesetzt und Positionen bezogen, habe mir Freiheiten genommen und Regeln aufgestellt, doch eben auch Nähe zugelassen und Ehrlichkeit. Langsam lerne ich wieder, wie das geht, eine vollständige Beziehung zu führen, in der man immer noch eigenständig ist. Ich ordne mein Leben nicht mehr um den Freund herum, sondern flechte ihn ein in ein größeres Bild, in dem alles, was mir wichtig ist, einen Platz hat. Das vor allem mehr als nur ihn oder sie oder mich zeigt.
Diese Jahre allerdings, die wir hatten, sind vergangen. Wenn wir uns heute sehen, sehen wir nicht mehr unsere gemeinsame Vergangenheit, sondern die Menschen, die wir ohne einander geworden sind. Wir sind nicht mehr blind für die Unterschiede, sehen dafür umso deutlicher aber das, was uns immer noch verbindet.
Ein schlagendes Herz, ein wortezermahlendes Hirn. Am Ende der flammenzerfressenen Tage eine immer wieder irrende Seele, die nicht weiß, wohin mit sich.
So viel zu tun, so viel zu erledigen, so wenig Ahnung davon, was das soll mit all den für Andere offensichtlich einfachen Dingen. So viele Menschen, die man sprechen, treffen, vermissen möchte, und doch so wenig Ahnung davon, wie man auch nur eine einzige Nachricht schicken kann, die nicht nur sagt: es geht mir nicht gut, du fehlst mir, aber ich kann nicht anders.
Ich muss alleine sein oder kann zumindest nicht selbst entscheiden, nicht alleine zu sein. Ich will in den Arm genommen werden, aber kann nicht darum bitten. Die Tage verbringen sich zwischen der Arbeit und den Fluchtgedanken davor. Die wenigen Gespräche mit den wenigen außerarbeitlichen Menschen erschöpfen so sehr, obwohl sie so nötig sind.
Den letzten Kuchennachmittag in einer halben Schockstarre verbracht, weil das Gehirn nicht mehr richtig funktionierte, nicht sagen konnte: ich habe Angst vor dem Leben, das Entscheidungen haben will, Ja und Nein hören will, das endlich ein Ende dieser Suche nach dem richtigen Weg haben will.
Und immer wieder die neuen Symptome, die die gleiche Ursache haben. Immer wieder der Moment, wo ich Menschen anschreien will, die mir nichts anderes getan haben, als meine kostbare Zeit zu verschwenden. Die Zeit, die so knapp geworden ist, weil ich sie nicht achte, immer auf der Suche nach dem Moment des größten Glücks im Unglück, jenem Moment, den ich im kommenden Winter, wenn die Depression mich wieder zerfressen wird, herausholen kann wie einen Schatz, wie ein kleines Feuer, an dem ich meine Seele wärmen kann. Dieselbe Seele, die ich immer wieder in jene kleine Kammer sperre, in der auch mein Selbstwertgefühl und meine Kreativität stecken. Irgendwann werden sie sich gegenseitig zerfressen. Vielleicht, wenn ich dann keine Seele mehr habe, deren Niedergang ich befürchten muss, geht es mir endlich gut.
Im Laden ist das anders. Meine Hände zittern nicht, meine Augen sind klar, meine Stimme ist deutlich. Mein Rücken hat mehr Spannung als mein Leben, meine Brust ist breiter als der Weg, den ich in meinen dunklen Stunden mit kleinen Schritten erfühle, weil ich ihn nicht sehen kann. Im Laden bin ich Kundenberater, ich bin dabei ehrlich und das schätzen die Kunden an mir. Ich habe eine Meinung, die ich vertrete, Wissen, das ich uneifersüchtig teile, und auch wenn es sich nur um Käse handelt, weiß ich doch, dass es mich glücklich machen kann, einen Menschen gut beraten zu haben. Ich bin gut darin, gut im Erklären, im Beraten, im Verkaufen.
Ich bin der Beste im ganzen Laden, und doch verschwindet alles Selbstbewusstsein zusammen mit meiner Schürze in meinem Spind, wenn ich abends nach Hause gehe, um wieder ich zu sein.
Dann sinken meine Lider über die glasigen Augen, meine Stimme wird zittrig, meine Hände können kaum den Hausschlüssel halten. Mein ganzer Körper sackt in sich und auf dem Sofa zusammen, knickt wie eine Ähre nach dem Sturm.
Zuhause bin ich nur ich, froh, mich in Bücher und Serien verstecken zu können, froh, mir das Leben anderer anzusehen, froh zu sehen, wie andere leben, wenn schon ich es nicht kann. Vielleicht habe ich das nie gelernt, vielleicht auch nie lernen wollen. Es muss ja auch jene geben, die einfach nur zusehen, denke ich dann manchmal, wenn mir auffällt, mit welcher Leidenschaft ich meine Leidenschaften für das Leben unterdrücke und mich an den Rand der Tanzfläche stelle, um Anderen zuzusehen. Ich höre die Musik nicht, zu der sie tanzen, in meinem Kopf singt eine einsame Stimme ein leises, ein trauriges Lied.
Manchmal denke ich, es hülfe, könnte ich über mein Leben sprechen. Über das, was mich interessiert. Über die Tage, an denen ich mir für Siremon eine Geschichte ausdenke, Staaten erblühen und zerfallen lasse, damit Kirrens Geschichte endlich eingebettet werden kann und nicht einfach nur als Parabel für so viel anderes alleinstehen muss. Ich bringe schöpferische Götter gegeneinander auf, damit ihr Kampf die Welt formen kann, auf der die Menschen schließlich von den Naturgewalten und ihren eigenen sich verändernden Gesellschaften geformt werden. Ich versuche in Bildern zu erzählen, was ich nicht in Worte fassen kann, doch nichts davon dringt nach außen.
Denn ich habe Angst vor dem, was andere denken über das, was ich teilweise selbst als Zeitverschwendung betrachte. Ich, der ich meinem ersten Freund die Angst davor zu nehmen versuchte, händchenhaltend durch die Nürnberger Innenstadt zu laufen, kann niemandem die Geschichte anvertrauen, die ich seit sieben Jahren in meinem Kopf verstecke. Ich habe Angst davor, dass Andere das, was ich seit so langer Zeit mache, tatsächlich als Zeitverschwendung betrachten könnten, dass ich es lieber aufschiebe. Wie ich alles aufschiebe und alles verschweige.
Manchmal denke ich, es hülfe schon, sagte ich jenen, die es nicht wissen, dass ich schwul bin. Auf mein Privatleben angesprochen hin schweige ich. Als gäbe es mich zweimal: in einer Beziehung mit dem Freund und in Beziehungen zu Freunden und Bekannten.
Ich stoße die Menschen von mir, die mir etwas bedeuten.
Mehr und mehr, wieder und wieder.
Vielleicht, damit ich mit Entschuldigungen zurückkehren kann.
Vielleicht damit ich etwas habe, worüber ich sprechen kann, damit nicht die Frage nach meinen Träumen auftaucht, die mich jeden Tag fesselt und keine Nacht mehr ruhig schlafen lässt.
Dabei interessieren sich die anderen nicht mehr für meine Träume als für ihre eigenen. Sie alle leiden, sie alle haben Probleme, sie alle sind verwirrt und verstört und wissen nicht immer, welchen Weg sie gehen sollen. Doch es ist mein Leben und ich will, dass sich jemand dafür interessiert und sei es nur, damit ich sagen kann, es sei mein Leben, um dann auf eine Nachfrage hin tatsächlich von mir zu erzählen und davon, dass ich so viele Menschen liebe und es keinem von ihnen jemals werde sagen können, denn jeden Tag verliere ich mehr von meiner Sprache und mehr von meinen Gedanken, bis mir nur zu sagen bleibt: ich habe Angst, doch weniger dank Dir.
Doch statt dessen sage ich nichts und lausche auf mein schlagendes Herz, bis es endlich aufhört.
Es ist einigermaßen schwierig, bei Sonnenschein pathetische Texte zu verfassen und sich nicht statt dessen über die Imperfektion von Blogging-Software auszulassen, die mir vieles erleichtert, aber das einzige, was ich will, erschwert: das Schreiben pathetischer Texte.
Na, fast.
Das Schreiben funktionierte zwar mal besser, aber immerhin stehen da schon wieder Worte, die zwar keine emotionale Tiefe erzeugen, aber Worte sind es, die ich mir trotz Sonnenschein abgerungen habe. Trotzdem bin ich unzufrieden mit diesem Konzept, diesem Korsett, in das ich mich begeben habe, als ich diese Seite ins Leben rief. Und natürlich interessieren sich meine drei Leser nicht für meine Konzeptionszweifel, da ich aber in einem der überflüssigen Schreibratgeber gelesen habe, man soll immer nur für sich und nie für andere schreiben, da man dann nicht die eigene Stimme erhebt, sondern immer nur das Lied anderer singt, kann ich nicht anders, als mich zu fragen, als mich öffentlich zu fragen, was ich da eigentlich wollte, als ich anfing, als Anders Wolf zu schreiben.
Eine Fortsetzung der alten Seite mit neuen Mitteln?
Eine vorgebliche Öffnung meiner Anonymität?
Eine öffentliche Selbstfindung, Persönlichkeitsentwicklung, Authentifizierung meiner Selbst unter einem Pseudonym?
Einen Fehler, den ich gemacht habe: ich habe die alte Seite importiert, habe die alten Kategorien, in denen ich über Jahre gedacht habe, mitgenommen, obwohl ich doch davon frei sein wollte. Ich konnte und kann auch immer noch nicht loslassen, manchmal lese ich in diesen alten Texten, um vielleicht eine Antwort zu bekommen auf die Fragen, die ich heute habe, die ich mir mit meinem heutigen Wissen, das ich geringer einschätze als mein verlorenes, nicht beantworten kann. Doch das einzige, was mir bleibt, ist Wehmut und die Sehnsucht nach jenen einfachen Tagen, als ich noch nicht paralysiert zwischen den Möglichkeiten saß, die mir mein Leben eröffnete.
Und der Wunsch, wieder schreiben zu können wie damals, als das Pathos so überreich durch meine Texte floss, dass sie noch tagelang an meiner Amygdala klebten. Ja, auch wenn das bedeutete, dass ich mich nicht weiterentwickelt hätte, dass ich immer noch der naive Junge wäre, der keine Ahnung davon hat, dass Scheitern nicht großartige Tragik eröffnet, sondern nur Abgründe in die Seele, die man nie wieder schließen kann, so sehr man es auch versucht, so sehr man auch vorgibt, aus diesem Abgrund wieder neu und stark erwachsen zu sein.
Immer wird man in diesem Abgrund verwurzelt sein und die Dunkelheit spüren, die der Kern jeder Lebensangst ist.
Manchmal aber will ich noch dieser Junge sein, der keine Angst hatte, keine gebrochene Seele, keine Selbstzweifel, der Junge, der immer wusste, dass Schreiben das einzige sein würde, was wahr und wichtig sei.
Was also soll anderswolf.de sein?
Eine Heimat dem Heimatlosen?
Eine Gedankenwerkstatt, wo die Wortlosigkeit in ihre kleinsten Einheiten zerlegt wird, um daraus etwas Neues, Erhabenes zu konstruieren?
Ein Labor meiner Zukunft?
Oder nur der Versuch, mit mir und meiner Vergangenheit abzurechnen?
Ich weiß es nicht, und kann es nicht wissen, da ich mich nicht danach zu fragen traue. Es gibt so wenig, dessen ich mir sicher bin, wenn da überhaupt etwas ist. Zu gerne würde ich neu anfangen, doch mich hält zu viel am Alten. Und so sitze ich im Sonnenschein, der durch die ungeputzten Fenster in das Zimmer fällt und versuche, pathetische Texte zu schreiben und zu vergessen, dass es nicht der Schmerz ist, der mein Leben bestimmt.
Das nachfolgende Profil liefert Ihnen ein paar Anhaltspunkte über Ihre Stärken und Entwicklungsmöglichkeiten.
Ihr Wert entspricht einer mittleren Ausprägung zwischen Sicherheitsstreben und Risikobereitschaft.
Personen mit einem vergleichbaren Ergebnis beschreiben sich als Menschen, die in Entscheidungssituationen zu realistischen, ausgewogenen Handlungsalternativen tendieren. Im Zweifelsfall wählen sie einen Kompromiss oder Mittelweg. Im positiven Sinne werden Personen mit einem mittleren Ergebniswert in der Fremdwahrnehmung als vernünftig, vorsorgend oder weise bewertet; im negativen Sinne werden sie als unentschlossen oder kompromisslerisch wahrgenommen.
Ihr Wert entspricht einer hohen Handlungsbereitschaft und einer niedrigen Reflexivität.
Personen mit einem vergleichbaren Ergebnis beschreiben sich als Menschen, die rasch und intuitiv entscheiden, um aktiv in das Geschehen eingreifen zu können. Sie drängen auf schnelle, sichtbare Veränderungen und nehmen ggf. Umwege in Kauf. Im positiven Sinne werden Menschen mit einer hohen Handlungsorientierung von anderen als zupackend, aktiv, dynamisch und lebendig eingeschätzt; im negativen Sinne werden sie als impulsiv, voreilig, konfus und hektisch wahrgenommen.
Ihr Wert entspricht einer hohen Kreativität und einer niedrigen Konformität.
Personen mit einem vergleichbaren Ergebnis beschreiben sich als Menschen, die Bestehendes in Frage stellen und Innovationen anstoßen. Es fällt ihnen leicht, Dinge aus einem neuem Blickwinkel zu sehen und neue Lösungswege zu generieren, auch wenn dies nicht immer den ungeteilten Beifall ihrer Umwelt findet. Im positiven Sinne werden Menschen mit einer hohen Kreativität von anderen als erfrischend, neugierig, unkonventionell, schöpferisch, visionär und progressiv eingeschätzt; im negativen Sinne werden sie rebellisch, anstrengend und unbequem wahrgenommen.
Ihr Wert entspricht einer mittleren Ausprägung zwischen Kontinuität und Flexibilität.
Personen mit einem vergleichbaren Ergebnis beschreiben sich als Menschen, die genau abwägen, ob bewährte Vorhegensweisen fortgesetzt oder von neuen, besseren Verfahren abgelöst werden sollen. Sie bearbeiten Aufgabenstellungen sowohl seriell wie parallel und können zwischen diesen Bearbeitungsformen wechseln. Im positiven Sinne werden Personen mit einem mittleren Ergebniswert in der Fremdwahrnehmung als informiert und situationsangepasst erlebt; im negativen Sinne werden sie in Changeprozessen als zu beharrend und in Konsolidierungsprozessen als zu wechselhaft wahrgenommen.
Ihr Wert entspricht einer mittleren Ausprägung zwischen Team- und Führungsorientierung.
Personen mit einem vergleichbaren Ergebnis beschreiben sich als Menschen, die in herausfordernden Situationen durch ihre Meinung Orientierung geben können. Gleichermaßen sind sie umsichtig für die Interessen anderer und stimmen sich ab. Im positiven Sinne werden Personen mit einem mittleren Ergebniswert in der Fremdwahrnehmung als umgänglich und teamfähig bewertet; im negativen Sinne werden sie – je nach Standpunkt – als zu kollektivistisch oder zu individualistisch wahrgenommen.
Ihr Wert entspricht einer mittleren Ausprägung zwischen Harmoniestreben und Konfliktbereitschaft.
Personen mit einem vergleichbaren Ergebnis beschreiben sich als Menschen, die sich fallweise überlegen, ob sie großzügig über eine Sache hinwegsehen oder einen Konflikt eingehen sollen. Sie arbeiten im Konfliktfall Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten heraus und sind bereit, zur Lösung vertretbare Kompromisse einzugehen. Im positiven Sinne werden Personen mit einem mittleren Ergebniswert in der Fremdwahrnehmung als verträglich und besonnen bewertet; im negativen Sinne werden sie ggf. im Streitfall als zu kritisch und bei Kompromissen als zu nachgiebig wahrgenommen.
Ihr Wert entspricht einer mittleren Ausprägung zwischen Sach- und Kontaktorientierung.
Personen mit einem vergleichbaren Ergebnis beschreiben sich als Menschen, die keine Schwierigkeiten haben, auf andere zuzugehen und Bindungen einzugehen. Sie können sich bei Bedarf jedoch auch ganz einer Fachaufgabe in Einzelarbeit konzentrieren. Im positiven Sinne werden Personen mit einer hohen Sachorientierung von anderen als sozial aufgeschlossen und zugewandt eingeschätzt; im negativen Sinne werden sie von introvertierten Kollegen als extravertiert und von extravertierten Kollegen als introvertiert wahrgenommen.
Ihr Wert entspricht einer mittleren Ausprägung zwischen einer numerisch-logischen und einer sprachlichen Orientierung.
Personen mit einem vergleichbaren Ergebnis beschreiben sich als Menschen, die je nach Bedarf in der Lage sind, entweder Geschäftskorrespondenz adressatengerecht zu formulieren oder betriebswirtschaftliche Reportings logisch-schlüssig zu analysieren. Im positiven Sinne werden Personen mit einem mittleren Ergebniswert in der Fremdwahrnehmung als gute „Allrounder“ bewertet; im negativen Sinne werden von Experten ihre Formulierungen bei heiklen Textpassagen als zu holprig oder nicht stilsicher und ihre Berechnungsformeln in komplexen Tabellen als fehlerhaft wahrgenommen.
Ihr Wert entspricht einer mittleren Ausprägung zwischen Selbstreflexivität und Selbstbewusstsein.
Personen mit einem vergleichbaren Ergebnis beschreiben sich als Menschen, die sowohl ihre Stärken, als auch ihre Schwächen kennen und sich dementsprechend die betrieblichen Aufgabenstellungen auswählen. Sie haben Vertrauen in ihre eigene Leistungsfähigkeit, ohne dabei abzuheben. Im positiven Sinne werden Personen mit einem mittleren Ergebniswert in der Fremdwahrnehmung als unbefangen und authentisch bewertet; im negativen Sinne werden sie von schüchternen Personen als zu forsch und von sehr selbstbewussten Menschen als zu verzagt oder pessimistisch wahrgenommen.
Ihr Wert entspricht einer mittleren Ausprägung zwischen Fremd- und Selbstmotivation.
Personen mit einem vergleichbaren Ergebnis beschreiben sich als Menschen, die sich – situationsabhängig – betrieblicher Problemstellungen eigeninitiativ annehmen oder für neue Aufgaben von anderen begeistert werden können. Sie versuchen Aufgaben ordnungsgemäß und termintreu zu erfüllen, ohne sich dabei zu verausgaben oder mit anderen in destruktive Konkurrenz zu treten. Im positiven Sinne werden Personen mit einem mittleren Ergebniswert in der Fremdwahrnehmung als motiviert bewertet; im negativen Sinne werden sie von unmotivierten Personen als zu ehrgeizig und von sehr engagierten als zu passiv wahrgenommen.
Ihr Wert entspricht einer hohen Nachhaltigkeitsorientierung und einem niedrigen Profitstreben.
Personen mit einem vergleichbaren Ergebnis beschreiben sich als Menschen, die eine langfristige Perspektive verfolgen und das wirtschaftliche Geschehen ganzheitlich betrachten. Sie beziehen die Interessen der Stakeholder in ihre Überlegungen ein und orientieren sich an übergeordneten ethischen Grundsätzen. Kurzfristig kann dies zu wirtschaftlichen Nachteilen führen. Im positiven Sinne werden Personen mit einer hohen Nachhaltigkeitsorientierung von anderen als integer und weitsichtig eingestuft; im negativen Sinne werden sie als idealistisch oder sozialromantisch wahrgenommen.
Ihr Wert entspricht einer mittleren Ausprägung zwischen Sensibilität und Robustheit.
Personen mit einem vergleichbaren Ergebnis beschreiben sich als Menschen, die einerseits aufmerksam für die Sorgen anderer sind und hilfsbereit zur Seite stehen, andererseits Stresssituationen über einen vertretbaren Zeitraum effektiv bewältigen können. Benötigt in der Regel nach Krisen etwas Zeit, um physisch oder psychisch wieder zu Arbeitsqualität und Routine zurückzufinden. Im positiven Sinne werden Personen mit einem mittleren Ergebniswert in der Fremdwahrnehmung als ruhig, gefasst und ausgeglichen bewertet; im negativen Sinne werden sie von sensiblen Personen als zu dickfellig und von sehr robusten Menschen als zu dünnhäutig wahrgenommen.
[Quelle: Online Assessment Berufliche Potentiale]
Kreativ-künstlerischer Umgang mit Ideen und Konzepten
Ihre Einschätzungen deuten mit 100 Prozent auf ein Interesse an einem Arbeitsbereich hin, der mit theoretisch-abstrakten oder wissenschaftlichen Konzepten, Überlegungen und Methoden, zu tun hat. Diese Ausrichtung zielt hin auf einen kreativen, künstlerischen oder geisteswissenschaftlichen Arbeitsbereich, denn das „Visionäre“, der kreativ-schöpferische Prozess, ist für Sie von wichtiger Bedeutung.
Im Vordergrund stehen hier geistige Aktivitäten wie:
- sich mit komplexen, eher philosophischen Fragestellungen auseinanderzusetzen
- etwas intensiv durchdenken, erforschen, infrage zu stellen
- analysieren, um neues zu kreieren.
Aber es geht auch um Einfühlen und Sensibilität. Sie verfügen über ein hohes Maß an Kreativität.
Ihr bevorzugtes Berufsfeld ist am ehesten im Bereich der kulturellen, geistigen, künstlerisch-musisch anregenden Sphäre zu vermuten und hat dabei eine deutliche Ausprägung im konzeptionellen, theoretischen Überbau.
Sie wären nicht gerne selbst Schauspieler, Orchestermusiker oder Intendant, sondern eher
- Regisseur
- Dirigent
- Dramaturg
- Komponist
- Theater- oder Musikkritiker.
Ressortleiter, Cheflektor, Künstlerischer Leiter kommen ebenfalls für Sie in Frage, wenn sie die Möglichkeit haben, einer Sache Ihren ganz persönlichen Stempel aufzudrücken.
[Quelle: WirtschaftsWoche]
Die Nachbarin weiß nicht, wie sie in Gesprächen mit mir meinen Lebensgefährten benennen soll. Meinen Kumpel nennt sie ihn manchmal, öfter nennt sie das, was sie für seinen Namen hält, sie hat es nicht so mit dem Lesen des Klingelschilds. Dass wir aber mehr als nur Mitbewohner sind, versteht sie.
Meinen Lebensgefährten nenne ich umschreibend oft „den Freund“, obwohl er mehr ist als das. „Freund“, das klingt in Facebookzeiten nicht näher als „Kollege“, „Bekannter“, „Jemand“, auch wenn meine Facebook-Freunde bis auf wenige Ausnahmen wirklich echte Freunde sind, also Menschen, mit denen ich gerne Zeit verbringe. Der Freund aber ist mehr als das, er ist in den letzten fast zehn Jahren zu einem Teil von mir geworden, er ist in mein Leben und meine Seele gewachsen wie ein Baum, der nah an einem anderen steht: mit der Zeit kann man kaum noch erkennen, dass sie einmal einzeln waren.
Dass ich schwul bin, habe ich in der Pubertät entdeckt, habe es vor 12 Jahren jedem gesagt, der es wissen wollte, und vor allem jedem, den es nicht interessierte. Und heute spüre ich jedes Mal die Angst vor einer Ablehnung, wenn mich jemand nach meinem Beziehungsstatus fragt. Das sind im Grunde harmlose Fragen: ob ich meiner Freundin ein guter Hausmann sei, ob ich alleine im Urlaub gewesen sei, wie ich mir alleine eine so große Wohnung in so einer Gegend leisten könne, ob ich schon Kinder habe. Jedes Mal spüre ich in mir diese instinktive Abwehr, die mich von meinen Gesprächspartnern entfernt, die mich nicht einfach sagen lässt, dass ich meinem Lebensgefährten manchmal ein guter Hausmann sei, häufiger aber hoffe, die Hausarbeit würde sich von alleine erledigen. Dass nicht ich die Familie im Ausland habe, sondern der Freund, dessen Einkommen es uns die Wohnung ermöglicht. Und dass ich ein Patenkind habe, meine Mutter sich Enkel wünsche und ich zwar ein guter Erzieher sei, aber wenn, nur ein Vater durch Samenspende.
Offensichtlich habe ich mich irgendwann dazu entschieden, unauffällig zu sein, so etwas wie normal. Als ob Norm und Normalität nicht-relative Begriffe seien, objektive Wahrheiten am Ende gar und nicht einfach nur eine Geschmacksfrage. Als ob es mir ein besseres, leichteres Leben ermöglichen würde, mich dem Durchschnitt der Bevölkerung anzupassen. Als ob mir sowas auch nur ansatzweise gelänge. Als ob ich nicht ohnehin in allen Belangen zumindest subtil kontrastierte.
Und damit bin ich dann wohl doch normal geworden, denn wer ist schon gerne Teil der breiten Masse, wer ist denn in allem konform?
Und dann will ich doch immer noch stark sein und kann es nicht.
Ich will fortgehen und kann doch keinen einzigen Schritt tun, nicht einmal auf den Balkon kann ich gehen, ich traue mich kaum ans Fenster, aus Angst vor dem Leben, das draußen sicher auf mich lauert.
Ich will stark sein, ich muss stark sein und gegen den Impuls ankämpfen, mich selbst dafür zu bemitleiden, dass ich diesen Kampf um mein Buch alleine kämpfe, dass ich nicht weiß, wie ich leben soll, wenn ich nicht mehr schreiben kann, dass ich aber auch nicht arbeiten und schreiben gleichzeitig kann.
Die Arbeit im Biomarkt ist vollkommen daneben, ich muss mich zunehmend zurückhalten, weder Kunden noch Kollegen gegenüber unhöflich zu werden, auch wenn die Kunden immer mehr wie verzogene Kinder wirken und die Kollegen so wenig interessant sind wie das Innere eines Bleistiftanspitzers.
Ich hatte ja im Seminarhaus schon das Gefühl, meine Zeit in einem Büro zu verschwenden, aber noch mehr habe ich es, wenn ich Käse von einer Frischhaltefolie in die nächste packe.
Mich befremdet, dass ich mich vor ein Regal mit Joghurt stelle, um die Etiketten gerade auszurichten, während zuhause ein zu bearbeitendes Skript wartet.
Ich bin fassungslos, dass ich morgens um fünf Uhr aufstehe, um Tiefkühlpizzen zu stapeln, aber nicht vor zehn Uhr an meinen freien Tagen meinen Protagonisten in eine Krise stürzen kann.
Und ich kann nicht anders als die Tränen zu spüren, die zwischen meiner Seele und der Maske, zu der mein Gesicht geworden ist, stehen. Ich fühle das Brennen auf dem nackten Fleisch und den ätzenden Selbsthass, aber ich kann es niemandem sagen, nicht den Menschen im Laden, nicht dem Freund zu Hause, denn keiner kann mir die Worte sagen, die ich hören will, denn diese Worte dürfen nicht gesagt werden: "Sorge Dich nicht um Dein Leben, denn es ist Dein Schreiben, das zählt. Um das Leben kümmere ich mich."
Ich brauche den Kampf, den Kampf gegen mich, gegen die Worte, brauche den täglichen Schützengraben, der mir zeigt, dass ich kämpfen kann und dass ich etwas habe, für das es sich zu kämpfen lohnt.
Ich frage mich manchmal, ob es wirklich das Schreiben, wirklich das Erzählen dieser Geschichte, dieser viel zu langen und vor allem viel zu lange schon vor mir hergetragenen Geschichte sein muss. Ob ich meine Liebe nicht auf etwas greifbareres konzentrieren kann, auf etwas, das schon da ist, das nicht erst noch erschaffen werden muss. Auf den Freund zum Beispiel, der mich gerne trösten würde und nicht weiß, welche Form von Traurigkeit das eigentlich ist, an der ich leide. Der es nicht wissen kann, weil ich es selbst nicht weiß. Ob es die Trauer über die verlorene Zeit ist oder nur der Schatten der falschen Entscheidungen, die ich jeden Tag zu treffen scheine. Oder ob es die Wut auf mich ist, dass ich mich in meinem Leben so sehr eingeschlossen habe, nur um dieses Buch zu schreiben, von dem niemand mehr als nur einen Hauch gespürt hat.
Ich habe mich so sehr eingeschlossen, dass ich mich nicht mehr ans Fenster traue und nicht auf den Balkon und schon gar nicht auf die Straße.
Ich bin tatsächlich so naiv zu glauben, dass das Jammern über meine wie und wann auch immer unterdrückte Sexualität mich weiterbringen könnte. Ich gebe mich wirklich der Illusion hin, dass es mein wichtigstes Ziel ist, herauszufinden, warum ich so krumm bin, warum mich Sex mehr fasziniert als das Schreiben. Ich bin fast ernsthaft davon überzeugt, dass es relevant ist zu klären, wieso ich lieber Pornos schaue als Geschichten zu erfinden.
Fast.
In Wahrheit (und darum sollte es mir hinter der Maske von Anders Wolf ja doch gehen) kenne ich die Antworten und den Wert dessen, was ich herausfinden könnte.
In Wahrheit weiß ich, dass ich mich lieber mit meiner Sexualität beschäftige als mit meiner Kreativität, weil Selbstbefriedigung keine Veränderung hervorruft.
Ich fühle mich wohl in meinem Schlammpfuhl, in dem ich mich suhlen kann.
Ich will gar nicht über mich hinauswachsen, denn Wachstum bringt Schmerzen mit sich.
Ich will nicht meine Komfortzone verlassen, um um mein Werk zu kämpfen.
Ich will bleiben, wo ich bin, denn ich habe Angst davor, wohin ich gerate, wenn ich meine Bequemlichkeit hinter mir lasse.
Dass ich schwul bin, habe ich ja nun akzeptiert. Ich bin darin nicht so offen wie andere, ich verleugne meine Homosexualität aber nicht. Entgegen meiner bisher hier gezeigten Obsession mit dem Thema sehe ich mein Schwulsein nicht als besonders relevanten Charakterzug.
Dass ich Pornos mag, habe ich ja nun auch schon mehrfach gesagt. So oft mittlerweile, dass es sogar für mich langsam den Anruch des Skandalösen verliert. Ist eben so. Ich schaue ja auch amerikanische Fernsehserien. Lieber sogar als Pornos, weil sie abwechslungsreicher sind.
Aber auch das: kein relevanter Charakterzug.
Selbstmitleid dagegen.
Faulheit dagegen.
Hybris dagegen.
So ungerne ich diese Eigenschaften mir konnotiere, so wenig kann ich meine Arroganz ignorieren, so übermächtig ist die Erkenntnis, dass ich Zeit verschwende, die ich nicht verschwenden darf. Dass ich die Zeit verschwende, die ich mir so sehr gewünscht habe, um endlich meinen kreativen Kram machen zu können.
Unterdrückte Wut dagegen.
Psychische Autoaggression dagegen.
Paralytische Angst dagegen.
Ich glaube sagen zu können, dass ich mich selbst ganz gut kenne. Ausreichend gut, um dem Bedürfnis, noch mehr über mich herauszufinden, nicht noch mehr Raum in meinem Leben einräumen zu müssen. Zu gut, um dem geringen noch möglichen Erkenntnisgewinn die Auslebung meiner Kreativität unterzuordnen.
Als ich begann, mich selbst kennenzulernen, mich selbst ernst zu nehmen, als ich begann, analytisch über mich und meine Selbstwerdung nachzudenken, war mein Ausgangspunkt auch mein Ziel: Kreativität, Schreiben, Kunst. Als ich mich auf diese Reise begab, war mir lose bewusst, dass ich irgendwann wieder dort ankommen würde, wo ich losgegangen war, denn es ist diese eine Aufgabe, die ich wirklich meistern muss.
Es ist das Eine im Leben, das ich tun muss, und mit dem ich so lange und so oft wieder konfrontiert werde, bis ich endlich aufgebe, mich dagegen zu wehren.
Bis ich endlich aufhöre, meine Kraft im Kampf gegen meine Stärken zu vergeuden.
Bis ich endlich erkenne, dass darüber hinaus keine Erkenntnis mehr wichtig ist.
Ohne das Passwort für wer_bin_ich.doc gefunden zu haben, weiß ich, wer ich bin.
Bezeichnend, dass ich gerade zu wer_bin_ich.doc das Passwort vergessen habe.
Alle Versionen meines Namens, die meisten meiner Pseudonyme von 1997, alles, von dem ich heute denke, es sei mir damals wichtig gewesen, habe ich ausprobiert, und doch habe ich keine Ahnung, was ich damals für ein schlaues Passwort hielt, als ich über mich selbst schrieb. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich damals schrieb, worüber ich nachgedacht habe, und doch habe ich das unbestimmte Gefühl, dass es wichtig für meine Selbsterkenntnis sein könnte.
Deren Stellenwert ich einerseits natürlich heillos überschätze.
Andererseits habe ich in einem anderen Dokument von 1997, das ich Soultalk nannte, das erste Mal geschrieben, dass ich mich für schwul halte.
20.08.1997
Ich brauche mehr als einen Busen, um meinen Schwanz steif werden zu lassen. Ich bin einfach nicht so fixiert auf Frauen , eher erregt mich der halbnackte Körper eines Mannes, oder der ganz nackte. Aber ich betrachte mich deswegen noch nicht als schwul, wenn dann bin ich bisexuell, denn ich verliebe mich ja nur in Mädchen, aber wie gesagt immer in die falschen. Es ist der Geschlechtsakt an sich, der mich erregt, dabei ist es egal, ob heterosexuell oder homosexuell, Hauptsache es ist mindestens ein Mann dabei.
Ich glaube, ich habe Angst davor schwul zu sein, obwohl im Grunde nichts falsches oder unnatürliches daran ist. Aber für mich ist das nicht so eine einfache Sache mich zu entscheiden. Ich lasse mich einfach nicht gerne festlegen, das ist alles. Das liegt irgendwie in der Zwillingsnatur begründet. Wenn ich mich festlege, dann ist das so als lege ich mich an eine Kette, und ob ich fähig bin, diese Kette irgendwann wieder abzustreifen, weiß ich nicht.
1997!
Vier Jahre vor meinem "offiziellen" Coming Out. Meine Fresse, was hat mich denn da aufgehalten? Ich weiß ja, dass ich in manchen Dingen langsam bin, aber VIER JAHRE?! Andererseits bin ich ja auch 14 Jahre später nicht unbedingt schlauer, denn 1997 hatte ich auch ein massives Problem mit Selbstbefriedigung.
21.08.1997
Während ich hier sitze und eigentlich gar nicht weiß, was ich noch schreiben könnte, da fällt mir plötzlich ein, dass ich schon seit ganz furchtbar langer Zeit kein Gedicht oder ein Stück meines Buches geschrieben habe. Nicht, dass ich dazu jetzt fähig wäre, aber allein der Gedanke, all mein Kreativitätspotential einfach aus mir herausgewichst zu haben, bereitet mir doch einige Kopfschmerzen. Aber dass ich genau das getan habe, macht die Sache noch viel schlimmer für mich, als sie vielleicht scheint. Ich kann es nicht genau erklären, dennoch habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr ganz richtig im Oberstübchen bin, denn welcher halbwegs vernünftige Mensch würde sein einziges wirklich wertvolles Gut, das einzige, das ihm wirklich etwas bedeutet, einfach so zum Fenster rausschmeißen, nur um als Gegengabe einen schalen Abglanz körperlicher Lust zu erhalten.
Erst während ich diese Zeilen geschrieben habe, ist mir wirklich klargeworden, was ich mir dadurch selbst angetan habe: Ich tauschte ein kosmisches Geschenk gegen etwas so schrecklich sterblich vergängliches wie einen Orgasmus, der nicht einmal einer war. Nicht einmal ein richtiger Orgasmus war es, den ich für mein selbstloses Opfer bekommen habe: Auch das war ein bloßer Abklatsch, ein kurzes, fast epileptisches Zucken und Rucken, während meine Hand in meinem Schritt beinahe einen Krampf davon bekommen hätte, die Vorhaut über der Eichel zusammenzupressen, damit auch kein einziges Tröpfchen jedweder Flüssigkeit die schändenden Finger oder das unschuldige Bett benetzen würde. Und nach verrichteter Schandtat war ich auch schon wieder dabei mich wieder vollständig zu bedecken, damit mein Geschlecht nicht noch zu mehr als diesem einlade. Kaum war das getan, da fand ich mich auch schon wieder meine Hände unter fließendem Wasser mit Seife reinigend, um alle sichtbaren Spuren zu vernichten. Jetzt, da ich den gesamten Akt noch einmal aufgeschrieben habe, ist mir, als müsste ich mich übergeben.
Pathos, my ass!
Das alles zu lesen, ist fast schlimmer, als es damals geschrieben zu haben. Nicht der Gedanke, dass ich zu viel gewichst hätte, ein Zuviel kann es da bei 17jährigen auf dem Land ja kaum geben. Den Selbstekel allerdings mit einem nölenden Pathos zu schminken, damit er wirklich brechreizerregend wirkt, das ist wirklich widerlich.
Auch wenn ich kaum mehr weiß, welches Buch ich damals zu schreiben glaubte, seit 1997 bin ich auch in dieser Hinsicht kaum weitergekommen. Seit 14 Jahren weiß ich, dass ich nichts anderes in meinem Leben machen wollte, als Schreiben und doch halte ich mich immer und immer wieder zurück, produziere One-Shots statt Qualität, verweigere mich grundsätzlich der Überarbeitung von Texten und schwülste durch die Gegend, als sei das allein relevant.
Wer aber bin ich wirklich? Und wie unterscheidet sich der 17jährige vom 31jährigen? Suche ich deswegen nach dem Passwort, lässt mich die vermeintliche Diskrepanz zwischen damals und heute herausfinden, was mich wirklich ausmacht, wer ich wirklich bin? Es ist die Sehnsucht nach einer einfachen Lösung, die nicht das erfordert, was ich immer für nötig und ärgerlich hielt: Selbsterkenntnis.
Die ich aber, siehe oben, sicherlich überschätze.
Wrong Password. Try again.
Ja, gut, ich habe über Black Spark geschrieben.
Andererseits ist das kein Grund, sich davon über zwei Wochen blockieren zu lassen. Dass es das tut, ist offensichtlich, denn die ganze Zeit frage ich mich: "Was sollte das denn? Das ist doch Pornographie und das passt nicht in mein aufgeräumtes Leben!"
Jeden Tag, den ich mit diesem Gedanken konfrontiert bin, denke ich mir: "Ach was. Aufgeräumt. Alles klar."
Was war denn letzte Woche, als ich im Fitness-Studio diesen Typen, der nur gefragt hat, ob ich mit dem Laufband nicht klarkäme, erzählt habe, dass mein Leben irgendwie nicht so rund läuft und ich deswegen nach zehn Sekunden auf dem Laufband denke: 'Bah, wie langweilig'.
Und er dann noch schnell die Kurve kriegen wollte mit: "Das wird wohl am Wetter liegen".
Und ich ihm dann gesagt habe, dass es daran liegt, dass ich mein Potential verschleudere.
Aufgeräumt.
Alles klar.
Pornographie macht es aber auch nicht besser. Und man kann ja über Black Spark sagen was man will (oder glauben, dass er wirklich nicht versteht, wie man seine Filme, in denen dauernd ejakuliert wird, als Pornographie bezeichnen kann), aber die Videos sind wirklich nicht gerade die passende Unterhaltung bei einem Buttercreme-Oma-Abend.
Oder vielleicht gerade da wieder.
Gemeinsam mit seinen Eltern will man sich das zumindest nicht ansehen, und ich finde, dass das als Porno-Definition mindestens so gut, wenn nicht besser passt als Ich erkenne Pornographie, wenn ich sie sehe.
Um über mein Schweigen hinwegzukommen muss ich nun also gestehen: mich erregen die Videos von Black Spark.
Ja, ich weiß, dass das klar war.
Aber sie erregen mich nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Sie entzünden meine Gedanken, legen Flammen an so viele meiner Schutzbehauptungen. Sie führen mir meine Körperlichkeit genauso wie meine vermeintliche körperliche Imperfektion vor Augen (und die Erkenntnis, dass ich da wohl doch nicht drüber erhaben bin). Sie wecken in mir wieder den Wunsch, mit Bildern zu arbeiten, denn Bilder sind ja so einfach, so viel einfacher als Worte, die man umständlich setzen muss, bevor sie auch nur ansatzweise so stehen, dass sie wirken. Und gleichzeitig zeigen sie, dass Kunst viel schwerer zu machen ist, wenn man sie nicht erklären kann.
Vor allem aber denke ich die ganze Zeit an die Maske, die ja momentan auch mein Zeichen und Makel ist. Was Black Spark und mich verbindet, ist ja nicht nur unsere Präferenz für Schwänze, sondern vor allem der paradox anmutende Versuch, sich durch das Tragen einer Maske (sich selbst und anderen) zu offenbaren.
Weiter bin ich dadurch natürlich auch nicht.
Dass ich Pornographie mag, habe ich ja schon mehrfach geschrieben. Dass ich Pornographie nicht immer unbedingt auf mehr als eine Art faszinierend finde, war wahrscheinlich erwartbar. Was also schockiert mich selbst daran, dass ich über Pornographie schreibe, die ja sogar noch den Zusatznutzen des Kunstanspruchs trägt? Gibt ja immerhin genügend Pornographie, über die man unter keinem anderen Gesichtspunkt als dem der Dauer der Erektion schreiben kann.
Natürlich könnte ich anführen, dass ich abgelenkt war, Freunde, Buchprojekt, Bewerbung, nerviger Job, Fitness-Studio, Facebook, Badminton, Dollhouse, Shadowmarch, Schlaf. Aber nur ich habe mich abgehalten, habe meine Worte zurückgehalten. Jedes Mal, wenn ich das erste Bild im Beitrag über Black Spark gesehen habe, dachte ich: "So weit bin ich schon: entblößt bis auf die Haut und teils weiter, doch die Maske sitzt noch genau so fest wie vorher."
Vielleicht aber habe ich auch nur Angst vor dem, was käme, entschiede ich mich endgültig, meine Maske abzunehmen. Ich müsste die dritte Liste machen, aufschreiben, was ich werden, wie ich sein, was ich ändern will. Und ich müsste mich irgendwann an all dem messen lassen, was ich in einem vielleicht schwachen, vielleicht starken Moment als meine mögliche Zukunft definiert habe, und zugeben, dass ich mich (wieder einmal) ge- oder enttäuscht habe. Vor diesem Moment habe ich mehr Angst, als zuzugeben, dass ich Pornographie mag und sie einen weit größeren Anteil an meinem Leben hat als das Schreiben.
Sollte man doch denken, dass die zweite der drei Listen - schlechte Angewohnheiten - leichter falle als die bereits erstellte erste oder die noch ausstehende dritte.
Ist dem aber nicht so.
Denn Ehrlichkeit sich selbst gegenüber schmerzt ja schon dann, wenn man nur an der Oberfläche kratzt; umso schlimmer also, wenn man schonungslos in der Tiefe gräbt, was zweifellos notwendig ist. Der Versuch nun also, das aufzulisten, was in der eigenen Täglichkeit als Schaden oder Nutzlosigkeit erscheint.
Da gibt es viel aufzuschreiben, doch wenig, das gerne gebeichtet wird. Wer will das schon, sich selbst so sehr entblößen auf einer nicht körperlichen, sondern psychologischen Ebene?
Im Durchschnitt zweimal täglich Selbstbefriedigung.
Wohnung nur putzen, wenn sich Besuch ankündigt.
Hungrig einkaufen.
Nicht ins Fitnessstudio gehen, obwohl die Gebühr monatlich eingezogen wird.
Freunde nicht anrufen, bis sich das schlechte Gewissen meldet.
Dann erst recht nicht mehr anrufen, weil nicht das schlechte Gewissen recht behalten soll.
Impulse, die vielleicht nicht gesellschaftskonform sind, unterdrücken.
Die eigene Energie in die Lösung von Problemen anderer statt in die eigene Entwicklung stecken.
In vorauseilendem Gehorsam die eigene Homosexualität verbergen (die Nachfrage des Freundes, ob das denn überhaupt in relevanten Bereichen geschähe, bringt das nächste Stichwort: eine Unterscheidung zwischen relevanten und irrelevanten Lebensbereichen machen.)
Nach einer Bestandsaufnahme: überraschend viel Fleisch essen, dafür ziemlich wenig Gemüse.
Zu wenig trinken, aufkommendes Durstgefühl mit Nahrungsaufnahme überdecken.
Sich Selbsthass unterstellen statt an Selbstliebe arbeiten.
Eigene Wünsche den anderer unterordnen.
Essen ohne Hunger.
Die eigene Bildung für ausreichend und Weiterbildung nur für andere als notwendig erachten.
Pläne unsystematisch angehen und entsprechend unvollständig abschließen.
Dogmen per se verteufeln, aber eigene Dogmen predigen.
Wider besseres Wissen auf den inneren Schweinehund hören.
Zu viel (und zu wahllos) fernsehen.
Anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben, weil der eigene Lebensentwurf unzufriedenstellend ist.
An kruden Dingen hängen, die Teil der Vergangenheit sind und keine aktuelle Bedeutung haben.
Diese Vergangenheit idealisieren, weil die Gegenwart (immer) imperfekt ist.
Das Eintreffen der Zukunft befürchten statt an ihrer Gestaltung arbeiten.
Vor dem Spiegel den Bauch einziehen.
Überhaupt: an Spiegeln nicht einfach vorbeigehen können.
Mehr lesen als schreiben.
Mehr Zeit mit Selbstvorwürfen als mit Selbstentwicklung verbringen.
In der Theorie alles können, in der Praxis nichts versuchen.
Zu allem zu spät kommen.
Immer unvorbereitet sein.
Beim Lesen an den Nägeln zupfen.
Ein Kindheitstrauma als Entschuldigung benutzen, so selten wie möglich zum Zahnarzt zu gehen.
Widerworte geben, obwohl man weiß, dass es schaden wird.
Sich abfinden.
Geduldig bis zur Selbstverleugnung sein.
Zorn herunterschlucken.
Eitelkeit.
Selbstmisstrauen.
Halbe Tage nichtsnutzig im Internet verbringen.
Warnsignale ignorieren, solange sie keine direkte Einschränkung der Lebensqualität bedeuten.
Alles analysieren müssen.
Hoffentlich alles.
Wahrscheinlich nicht alles.
Die schlechten Gewohnheiten, die ja nicht immer in die Abgründe der Seele weisen müssen, sind oft nur kleine Macken, manches Mal aber auch zu kontrollierende Süchte. Allen gemein ist, dass sie mir keinen Nutzen bringen, keinen direkten zumindest, zumeist dafür ernsthaften Schaden. Ein wichtiger, der wichtigste Punkt ist wahrscheinlich die Selbstbefriedigung, denn darüber rede ich mit niemandem. Wie kann man auch darüber reden? Nicht einmal mit dem Freund kann ich darüber sprechen, so wie ich mit ihm ja auch kaum über Sex rede. Wir schlafen miteinander, doch wir sprechen nicht darüber.
Überhaupt, und das wird wahrscheinlich der wichtigste Punkt in meinem Plan, mich selbst zu revolutionieren, muss ich gerade über das Intime und Körperliche, dem ich gleichzeitig distanziert und interessiert gegenüberstehe, mehr sprechen lernen. Das Vokabular dazu fehlt mir mitnichten, im Gegenteil. Allein die Übung, über Sex zu sprechen.
Wie es mir ja ohnehin am Sprechen mangelt. Das ist der zweite wichtige Punkt, vielleicht sogar noch wichtiger als der erste, denn was immer ich offenbaren will, ich kann es nicht nur schriftlich tun. S. warf mir einmal vor, ich würde mich hinter Worten verstecken, die ich wie Mauern um mich türme, und nicht einmal sie wusste damals, wie sehr es der Wahrheit entspricht. Worte geben mir die Distanz, die mir nichts anderes gibt, Worte geben mir Identität und im Zweifelsfall ein Alter Ego.
Und das ist das Dritte, was ich lernen muss: Worten und Träumen, Ankündigungen von Projekten Taten folgen zu lassen, Wahrheiten und greifbare Realitäten. Ich muss lernen, weniger zu planen und mehr geschehen zu lassen.
Dem allem liegt der gleiche Wert zugrunde und die gleiche Fähigkeit: Selbstvertrauen und Zu-Sich-Selbst-Stehen. Wer seinen Träumen vertraut, sie als zu Recht gefasstes Ziel anerkennt und nicht als lächerlichen Wunsch einer überdrehten Persönlichkeit, der lässt sich nicht beirren von scheinbar wichtigen Bewertungen der Anderen. Wer seinen eigenen Werten vertraut, muss sich nicht mit dem Maß anderer messen und sich nur vor sich selbst verantworten.
Die schwerste Liste zuerst. Die positiven Gewohnheiten.
Wie fällt es doch schwer, das Gute an sich zu sehen, wenn man ein scharfer, aber unkonstruktiver Kritiker ist: was man an sich mag, ist eine Selbstverständlichkeit, es stört nicht, hindert nicht am Leben, verwächst so sehr mit dem Selbst, dass man es für eine Eigenschaft hält.
Und doch ist es kein Teil des Charakters, sondern eine Gewohnheit.
Morgens und abends Zähne putzen zum Beispiel und bei Bedarf Zahnpflegekaugummi kauen.
In der Frühstückspause lesen statt nur an die Wand zu schauen.
Überhaupt: täglich lesen.
Wöchentlich Badminton spielen gehen.
Täglich Duschen.
Freundlich zu den Mitmenschen sein, ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern wollen.
Regelmäßig schreiben.
Wöchentlich die Wohnung aufräumen.
Mindestens einmal täglich den Freund umarmen.
Täglich eine Viertelstunde zur Musik singen.
Zur Arbeit nicht mit dem Auto fahren.
Mein eigenes Verhalten hinterfragen.
Dinge kaum noch persönlich nehmen.
Konstruktiv sein wollen.
Geduld haben.
Mich nicht über das Wetter aufregen.
Negative Aspekte einer Sache als Ansatzpunkt für Verbesserungen sehen.
Bei meinen Entscheidungen Rücksicht auf die Interessen Anderer nehmen.
Abwesende verteidigen.
Mich um mich selbst und andere kümmern, mitfühlen.
Über mein Leben nicht jammern.
Dingen auf den Grund gehen, Mechanismen verstehen wollen.
In Entscheidungen sowohl logisch ergründbare Vor- und Nachteile als auch Bauchgefühl und Intuition miteinbeziehen.
Hilfe nicht aufdrängen, Erkenntnisse weitergeben ohne belehren wollen.
Meiner Menschenkenntnis vertrauen, meinen Vorurteilen zu misstrauen.
Offen für Neues sein, Altes nicht als überkommen ablehnen.
Die Nachrichten nicht zu ernst nehmen.
Fehler zulassen und möglichst aus ihnen lernen.
Eine positive Sicht der Welt haben.
Die Wahrheit im Zweifelsfall der Lüge vorziehen.
Wahrscheinlich nicht alles. Hoffentlich nicht alles.
Drei Tage schreibe ich an dieser kurzen Liste, nachdem ich schon über eine Woche lang darüber nachgedacht habe. Und bei vielem bin ich mir nicht sicher, ob es sich wirklich um Gewohnheiten handelt. Mein Test war, ob ich die einzelnen Punkte der Liste in einen Satz packen konnte, der begann mit: "Ich habe mir angewöhnt, ...". Auch dabei kommen teilweise Charakterzüge zum Vorschein, die aber auch zeigen, dass ein Charakter überwiegend aus Gewohnheiten besteht und nicht so sehr aus der Stimme und den Genen.
Wer sich leicht aufregt und rumschreit, wenn ihm etwas nicht passt, der hat es sich vielleicht einfach nur nicht zur Gewohnheit gemacht, die Verhaltensweisen Anderer objektiv zu sehen, deren Standpunkt verstehen zu wollen und sich sachlich auf eine Diskussion einzulassen.
Gleichermaßen kann ein Mensch, dem alles gleichgültig erscheint, es sich wirklich nicht angewöhnt haben, Interesse aufzubringen.
Ich bin mir sicher, dass mir einige Punkte auf dieser Liste, die sicherlich nicht vollständig ist, bei meinen negativen Angewohnheiten wieder begegnen, denn oft ist das, was sich als gute Gewohnheit tarnt, nur ein angewöhntes Vermeidungsmuster. Und so wird aus "Geduld haben" schnell mal "Unsitten nicht gleich im Keim ersticken". Allerdings braucht alles den Kontrast seines Gegenteils, um überhaupt erst sichtbar zu sein
Wie soll ich, wie kann ich, wie darf ich, wie aber vor allem will ich mich darstellen und sehen? Wie weit will ich mich offenbaren, wie weit geht meine Angst vor der Entdeckung? Oder ist es die Angst vor der Entdeckung, an der ich vor allem leide, und die vor allem anderen überschattet, wie ich mich selbst sehe?
Die Tage sind kurz, und die Nächte werden wieder länger, vor allem aber präsenter in meinem Leben. Wie in jedem Winter ziehe ich mich zurück und werde schweigsam, karger mit Worten und Gesten, zurückhaltender in allem, was als Lebenszeichen gewertet werden könnte. Ich schweige, so laut ich kann, und weiß doch, dass ich nicht mehr umhin kann, mein Leben nach außen zu tragen.
30 Jahre bin ich alt geworden dieses Jahr und immer noch ist nicht in Sicht, wann ich endlich die Verantwortung für mich übernehme.
Eine Bestandsaufnahme also.
30.
Studiert.
Arbeite unter meinen Möglichkeiten unter dem Vorwand, meine Freizeit mit Selbststudium, Schriftstellerei und kreativer Selbstentfaltung zu verbringen.
Finde darin zum Teil Wahrheiten.
Verbringe zu viel Zeit damit, im Internet nach Antworten, aber auch nach Fragen zu suchen, nach Ablenkung, Pornographie und Inspiration.
Schreibe unregelmäßig, aber beharrlich, empfinde gleichzeitig Angst loszulassen und Überdruss bei der Vorstellung, das literarische Projekt endgültig niederzuschreiben.
Verliere mich in Bildern, Worten und Musik, koche und backe leidenschaftlich gern, bin Fantasy- und Comic-Fan und stehe nicht dazu, weil mir beigebracht wurde, Erfundenes sei nichts wert.
Lüge nicht mehr so oft wie früher, zögere aber immer noch bei der Wahrheit, als müsse ich den Nutzen einer kurzfristigen, aber folgenreichen Lüge mit den Kosten einer vielleicht schmerzhaften Wahrheit abwägen.
Fahre mittlerweile nicht mehr gerne Auto, finde Züge unerträglich, fliege mit der euphorisierenden Gewissheit, nicht an diesem Tag zu sterben, sondern erst 2057.
Bin gleichzeitig Esoteriker und Naturwissenschaftler, gleichzeitig moralisch und bigott, habe gelernt, auch persönlich gemeinte Kritik sachlich aufzunehmen, die Schuld nicht bei Anderen zu suchen und dass Krankheit eine Einstellung ist.
Finde Power Talk, künstlich positive Einstellungen und rückgratlose Katzbuckelei von Dienstleistern widerwärtig.
Will selbstständig arbeiten, nicht aber selbst und ständig, vor allem nicht an Abenden, Wochenenden und nicht 52 Wochen im Monat, kann mich aber zunehmend schlecht unterordnen.
Kritisiere vollkommen unprofessionell die Unprofessionalität meiner Vorgesetzten.
Lebe seit fast fünf Jahren mit meinem Freund zusammen, habe mich in den knapp 9 Jahren unserer Beziehung gleichzeitig zum Beziehungsmensch und zum Individuum erzogen, kann nicht mit meinem Partner über Intimität reden, von Sex ganz zu schweigen.
Nehme viel an, frage nicht nach, weiß alles besser, erinnere mich schlecht.
Gehe gerne ins Kino, schaue ungerne und dennoch zu viel Fernsehen, habe vor allem in letzter Zeit einen zunehmend zu hohen Alkoholkonsum, trinke ansonsten zu wenig und esse aus Langeweile oder verschleiertem Durstempfinden.
Spiele einmal pro Woche Badminton mit wechselnden Partnern, bin seit vier Monaten nicht mehr im Fitnessstudio gewesen, nehme mir aber jede Woche vor, ab der nächsten Woche wieder hinzugehen.
Kann viele Tage hintereinander nach zu wenig Schlaf gut aufstehen, wenn ich zur Arbeit muss, kann aber nicht zwei Tage hintereinander früh aufstehen, um meine privaten Dinge rechtzeitig zu erledigen.
Vermisse meine Freunde, rufe aber niemanden an.
Versuche seit fünf Jahren meinen Handyvertrag fristgerecht zu kündigen, kann mich nicht an das Jahr meines letzten Zahnarztbesuchs erinnern, verweigere fast abergläubisch die Einnahme von Medikamenten mit Ausnahme von Schleimlösern, trinke ungerne Kaffee, esse ungerne Obst, kann mich bei Käse kaum zurückhalten und finde Brot überbewertet.
Bin begeisterter Evolutionist, entwerfe als Einschlafübung Möbel und Kleidung, verweigere mir aber tagsüber die konstruktive Beschäftigung mit kreativen Ideen.
Finde es albern, sich selbst für irgendwas zu hassen, hasse an mir die Bedingungslosigkeit meinen eigenen Dogmen gegenüber, staune immer wieder über meinen Selbsthass.
Hänge immer noch der alten Rechtschreibung nach, mag das scharfe S, habe mittlerweile meine Inkonsequenz bei dessen Verwendung akzeptiert.
Schaue gerne romantische Filme, lehne gleichzeitig in der Realität gezeigtes romantisches Verhalten ab.
Behaupte offen schwul zu sein, verschleiere meinen Kollegen gegenüber gleichzeitig meinen Beziehungsstatus, rechtfertige dies damit, dass es sie nichts angeht.
Erlebe bewusst das Verstreichen von Geburtstagen von Freunden, melde mich dann aus schlechtem Gewissen ein halbes Jahr lang nicht mehr.
Wundere mich darüber, dass ich früher auch ohne triftigen Grund, ohne Gefühl von Verpflichtung und ohne zu besprechende Neuigkeiten mit meinen Freunden telefoniert habe, würge ein Gespräch mittlerweile ab, wenn mir nichts mehr einfällt, das ich erzählen könnte.
Habe Angst vor der Leere in einem Gespräch, achte aber mehr auf die drohende Leere als auf das, was mir erzählt wird.
Kann mich nicht an die letzte Party erinnern, bei der ich nur Spaß hatte und nicht mindestens einmal vorzeitig gehen wollte.
Bezeichne meine beste Freundin mittlerweile als liebe Freundin und ehemalige Mitbewohnerin, weil ich seit einem halben Jahr nicht mehr mit ihr gesprochen habe.
Fühle mich einsam, eingeschlossen und fürchte den alten Grantler in mir, der die Kinder der Nachbarn anschreit, weil sie durchs Treppenhaus rennen.
Belehre die Nachbarn über Mülltrennung, kann mich aber gerade noch zurückhalten, informative Zettel zu schreiben.
Rede in Gesprächen schnell über Politik-, Gesellschafts- oder Gewissensfragen, bewerte beim Wetter immer nur den Feuchtigkeitsgrad der Wärme oder Kälte.
Gebe regelmäßig einen Lottoschein ab, vermute gleichzeitig, es wäre besser, das Geld dafür zu sparen.
Bin ein schneller Denker, ein klarer Beobachter, frage nicht nach, wenn ich etwas akustisch nicht verstanden habe, sondern lächle nur.
Bemerke gleichzeitig wachsenden Wissensverlust und sich ausweitende Menschenkenntnis.
Habe Angst Dinge zu verlernen, weigere mich gleichzeitig, Neues zu erlernen.
Erinnere mich lebhaft und leicht an demütigende Momente meiner Kindheit, muss mir schöne Erlebnisse oft von Dritten wiedergeben lassen.
Mit 20 die erste und einzige Freundin, das erste Mal geküsst, das erste Mal getrennt, das Coming Out, den ersten Freund, den ersten Sex, den ersten One-Night-Stand, den zweiten Freund, die erste Angst vor HIV, kein einziges Mal verliebt.
Mit 30 den ersten HIV-Test seit elf Jahren.
Träge, müde, antriebs-, ehrgeiz-, ruhelos.
Ungeordnet im Denken, penibel auf dem Schreibtisch.
Brauche 20 Minuten morgens im Bad ohne Rasur, eine Stunde länger mit Rasur, bin meistens unrasiert.
Kann stundenlang das gleiche deprimierende Lied hören, dem Schnee beim Fallen zusehen und doch abends verwundert darüber sein, nichts erledigt zu haben.
Spreche mit meiner Friseurin über ihre Arbeit, finde Föngeräusche furchtbar, war aus Protest gegen Termine sieben Jahre nicht beim Friseur.
Habe mir einmal die Haare selbst geschnitten.
Schwitze leicht, stinke dann oft, schäme mich deswegen immer.
Sollte nach dem Wunsch der Eltern Lehrer werden, bin nur Besserwisser geworden.
Finde es schwieriger das Stinken aufzuschreiben als die Pornographie.
Möchte die Welt verändern oder zumindest die Gesellschaft, will eigenes Gemüse anbauen, seit Jahren den Balkon begrünen, glaube, dass man aus Büchern alles, aus dem Internet nichts lernen kann.
Habe eine Orchidee, die das erste mal in zwei Jahren eine zweite Blütenrispe bekommt, bin darüber ganz aufgeregt.
Kann gut autistische Tätigkeiten durchführen, werde unwirsch, wenn man mich beim Nachdenken stört.
Will ständig Veränderung, habe in meinem Freundeskreis die längste Beziehung, die niedrigste Umzugsfrequenz, die längste Arbeitslosigkeit, glaube daran, dass sich das Leben alle sieben Jahre ändert.
Halte Geburtstage bei mir für überbewertet und Altern für keine Leistung, kann nicht verstehen, warum andere ihre Geburtstage nicht feiern, habe meinen eigenen Geburtstag in 30 Jahren zehn Mal gefeiert, das siebte Mal war mein 12. Geburtstag.
Wie negativ darf, kann, soll man über sich selbst schreiben, ohne den Eindruck zu erwecken, therapiebedürftig zu sein? Ich habe nie gelernt, Gutes von mir anzunehmen oder positives über mich zu sagen.
Dabei bin ich intelligent, offen, interessiert, tolerant, reflektiert, adaptionsschnell, sprachlich begabt, belesen, hilfsbereit, altruistisch, freundlich, fürsorglich, aufmunternd, lustig, kreativ, detailverliebt, improvisationsstark, pragmatisch, authentisch, geduldig, gründlich, bescheiden, attraktiv, mutig, unaufgeregt, hingebungsvoll, vernünftig, gastfreundlich, fair, gewissenhaft, ein begabter Koch, ein talentierter Autor, ein guter Lehrer, ein staunender Beobachter.
Ich bin kein schlechter Mensch, ich habe meine Finanzen einigermaßen im Griff, meine Handlungen zielen darauf ab, niemandem zu schaden.
Ich habe gelernt, meine Schwächen zu akzeptieren, wenngleich nicht zu lieben.
Ich bin bereit, an mir zu arbeiten, habe hohe moralische Ansprüche an mich selbst und an andere, ich habe Träume und wenige Ziele. Und ich weiß nicht, ob mich anhand der Dinge, die ich über mich aufgeschrieben habe, jemand aus meinem Bekanntenkreis identifizieren könnte. Soviel zur Authentizität.
Angenommen, ich übernähme die Verantwortung, angenommen, ich entschiede mich, mein Leben bewusst und richtig zu führen, meine negativen Gewohnheiten zu bekämpfen und meine positiven Gewohnheiten auszubauen, vor allem aber, mein Leben auf ein sinnvolles und richtiges Ziel auszurichten, indem ich meine Stärken stärke, meine Fähigkeiten ausbaue und anerkenne, dass jemand, der von allem ein bisschen etwas kann, zwar ein hervorragender Generalist ist, aber immer wieder gegen das Selbsturteil kämpfen muss, eigentlich nichts richtig zu können, angenommen also, ich stellte mich im Alter von 30 Jahren auf meine eigene Seite: was müsste sich, was müsste ich ändern?
Wie sähe mein Leben aus, wie meine Wünsche, wie meine Tage, meine Nächte, meine Beziehungen, ich selbst? Was will ich werden, wie will ich sein, welche Wünsche gestehe ich mir ein, welche Süchte lege ich ab? Vor allem aber: wie öffentlich lebe ich diesen Prozess, wie sehr lasse ich Andere an meiner Entwicklung teilhaben, ohne die, die mir jetzt nahestehen, zu verlieren, zu verlassen oder zu verstoßen?
Der erste Entschluss ist schon gefasst: ich werde meine Veränderung, meine Fort- und Rückschritte öffentlich beschreiben. Ich habe bereits vor zwei Jahren diese Seite zu genau diesem Zweck geschaffen, auch wenn mir das erst seit Kurzem klar ist. Anders Wolf, das Alter Ego, wird sich nicht mehr zensieren, wird nur Namen und Orte nicht nennen; nicht aus Gründen des Eigen- oder Fremdschutzes, sondern weil es irrelevant ist, ob ich Wolfram oder Andreas heiße, in Berlin oder Singen lebe, denn Charakterentwicklung ist nicht namens- oder ortsgebunden.
Alles ist jedem möglich, überall, immer.
Auch mir, auch hier.
Noch etwas der Form halber: Ich bin mir der Form, in der ich schreibe, bewusst und auch der implizierten Publikumstauglichkeit. Wie jeder, der sich selbst im Internet darstellt, sehne ich mich nach anderer Menschen Aufmerksamkeit, die ich weder privat erfahre noch erwidern kann. Ich suche und erwarte andererseits keine Leser, keine Diskutanten, keinen Austausch über das Gesagte. Gleichwohl weiß ich, dass auf Dauer nichts im Internet verborgen bleibt, dass sich jedes Angebot auch seine Nachfrage schafft und dass mich früher oder später auch jemand liest, der mich kennt oder das zumindest annimmt.
Ich will jetzt schon klären (für mich und andere), welche Gedanken ich dazu habe: natürlich sorge ich mich darum, entdeckt zu werden, andererseits werde ich nicht wachsen oder mein Potential erkunden, wenn ich mich immer und überall zurückhalte, aus Angst, die gemachten Erfahrungen könnten meine Beziehungen zu anderen Menschen belasten, meine Arbeit beeinträchtigen oder meine Zukunft gefährden. Ich muss akzeptieren, dass nicht alle, die mich kennen, alles gutheißen, was ich mache, denke, fühle, genauso wie aber auch jene akzeptieren müssen, dass sie ihr Leben leben und nicht meines, wie auch ich akzeptiere, dass die Eigenheiten Anderer mich manchmal negativ berühren, mich abstoßen, in Rage bringen können, und sie doch nicht dafür verurteile.
Von meinen Vorgesetzten einmal abgesehen.
Während des letzten Absatzes ist mir klargeworden, dass es nicht die schlechten Klassenkameraden sind, nicht die alten, treuen Freunde, nicht die guten Bekannten, nicht die entfernten Verwandten sind, deren Reaktionen ich fürchte, sondern dass es die Menschen sind, die mir noch am nähesten stehen: mein Freund und meine Eltern, von denen ich offensichtlich annehme, dass sie ein falsches Bild von mir haben, von meinen guten Eigenschaften, meinen schlechten Gewohnheiten, meinen unerreichten Träumen, meinen undefinierten Zielen.
Gerade jene Menschen, die Seiten von mir kennen, die kein Freund von mir kennt und nicht einmal die eigenen Geschwister, gerade jenen Menschen unterstelle ich Unkenntnis meines Charakters, meiner Hoffnungen und meiner Scham.
Meine Hoffnung ist also nicht, all den Unbekannten, die meine Worte irgendwo zwischen geschwätzig und inspirierend einordnen, etwas über mich, über mögliche Veränderungen und den Nutzen von Wahrhaftigkeit zu erzählen, sondern mich selbst stolz genug auf mich sein zu lassen, dass ich auch jenen Menschen gegenüber aufrichtig sein kann, die es am meisten verdient haben.
Bleibt also die gleiche Frage wie zu Beginn: Wie soll ich, wie kann ich, wie darf ich, wie aber vor allem will ich mich darstellen und sehen?
Wie mir alles entgleitet. Die Sprache, die Worte, die Taten. Der Wille, das eigene Leben zu steuern, muss irgendwann einfach entschlüpft sein, die Wege sind seither noch unübersichtlicher und freudloser denn je.
Ich sehne mich zurück in jene einfacheren Tage, in denen ich nichts anderes tat als schreiben und ich weiß, dass ich das wieder tun muss, dass schreiben und nur schreiben mich wieder glücklich machen kann. Andererseits aber habe ich keine Muse (von der Muße abgesehen). Der tägliche Ärger der ungeliebten Arbeit, die trotz scheinbarer Aufstiegschancen ungeliebt bleibt und bleiben wird, da der Aufstieg von mir nicht gewollt war, überdeckt alles andere. Die Inspiration ist fort, ich reibe mich an den alten Worten, nekrophiliere meine alten Texte, immer auf der Suche nach einem letzten Fragment, in dem ich mich noch einmal voller Pathos und Selbstverliebtheit suhlen könnte.
Nicht aber weiß ich, wohin mit mir.
Ich sitze vor dem Bildschirm und starre zwischen die Pixel, die keinen Sinn ergeben, die nur immer wieder zeigen, dass Geschichten über Vampire unabhängig von der Qualität immer ziehen, quasi das moderne Pferdebuch sind. Weder Pferde- noch Vampirgeschichten kann ich, zu komplex, zu verkopft will ich schreiben, zu umständlich, als dass selbst ich es noch lesen wollte. Politisch wollte ich einmal sein, gesellschaftskritisch, selbstkritisch, beziehungskritisch.
Und doch bin ich nur egozentrisch. Die Textanalyse der F.A.Z. legt mich zwischen Peter Handke und Sigmund Freud ab. Neolog analytisch und unglücklich selbstverliebt beschreibe ich Lebensdramen und komme doch nicht über meinen inneren Balkan hinweg. Wen kann das aufmuntern? Der eine umstritten, der andere tot.
Mir hilft das nichts.
Und dann die Tage erst.
Mittwoch ist schon wieder und ich dachte, ich könnte so vieles erledigen. Ist das das Leben über 30, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt, oder ist es einfach die Verachtung für das eigene Selbst, das nichts auf die Reihe kriegt und am liebsten flüchtet. Flüchtet in Serien, in Musik, in Hörbücher, in die Bibliothek, in den Park, in die Schatten zwischen den Häusern, in den Wald und in die Sonne. Flüchtet vor der Krise in der Beziehung, im Beruf, im Schreiben, im Denken. Lernen muss ich, denke ich, und schalte den Computer an, um mich zu betäuben. Schreiben muss ich und schalte den Fernseher an. Lesen muss ich und starre mit tränenwunden Augen an die Decke, während der Staub langsam aus dem hohen Flor des Teppichs schwebt.
Ich lebe nicht mehr, ich krieche nur noch von einer Ecke in die andere und verweigere mich aller Verantwortung, verneine jegliche Antwort auf Fragen und lasse das Telefon klingeln, wenn es das denn überhaupt einmal tut.
Ich will nicht sein, sagt alles an mir und wahrscheinlich ist das der Grund dafür, warum ich mich selbst und meine Träume nicht ernst genug nehme, konstruktiv darüber zu schreiben. Ich kaufe mir Bücher, wie man die eigene Stimme, das eigene Leben, die Freude am Sein wiederfindet und doch denke ich, dass es egal ist, da ich seit Jahren das falsche Leben lebe, dass ich seit Jahren Konflikt und Kompromiss verwechsle, dass ich Ehrgeiz und Erfolg meiner Scheu zuliebe gegen vermeintliche Bedürfnislosigkeit eingetauscht habe.
Ich habe gelernt in den vergangenen Monaten, dass ich an mir arbeiten muss, denn so wie ich bin, so wie ich unglücklich und so unglücklich wie ich bin, kann ich nicht weiterleben. Als Reinkarnat habe ich mich bezeichnet und bin doch weniger, bin immer noch nur ein Neolog, der das alte Selbst nicht noch einmal abstreifen kann. Doch ich weiß, dass ich es, will ich überleben, über mich, hinter mich bringen muss, eine weitere, die schmerzhafteste Wandlung, die die keine Lügen und Ausflüchte, die kein Pathos mehr, sondern nur noch durch Schmerz destillierte Wahrheit und Beobachtung kennt.
Und wie gerne wäre ich durch diesen Winter schon gegangen, wie gerne sähe ich schon den Frühling danach, doch alles zerrt an mir, alles betoniert mich noch ein, hält mich fest, während mir bewusst wird, dass ich eben das ersehne, was ich just ablehnte: das rasche, das unaufhörliche, das uns alle dem Sterben nähertragende Verrinnen der Zeit.
Die Zeit rast. Wie oft schon habe ich diesen Satz geschrieben und wie viel öfter bedauernd als platitüdierend habe ich ihn gemeint.
Die Zeit rast, und ich habe die Kontrolle über mein Leben, mein Wollen, mein Träumen, mein Schreiben verloren. Ich bin nicht mehr ich selbst, sage ich mir, und doch weiß ich, dass das nicht stimmt, denn mein Leben bestimme ich mehr denn je selbst, mehr denn je bestimme ich den Kurs, weniger denn je kann ich die Verantwortung für die missratenen Dinge in meinem Leben Anderen anlasten.
Es ist Zeit, die Verantwortung zu übernehmen, die ich anderen schon lange abfordere. Politikern, Geschäftsführern, Eltern, Liebenden, sie alle sind verantwortungslos vor jenen gewesen, für die sie Verantwortung tragen. Sie alle haben vergessen oder verdrängt, dass ihre Entscheidungen, ihre Taten und Unterlassungen Konsequenzen nach sich ziehen, die teils schlimmer sind als das, was eine unbequeme Entscheidung verursacht hätte.
Mit zehn Kilometern pro Stunde laufe ich auf dem Band. Vor wenigen Wochen hätte ich das nicht erwartet, bei dieser Geschwindigkeit länger als zehn Sekunden durchzuhalten, und jetzt sind mehr als zehn Minuten bei dieser Geschwindigkeit vergangen. Ich bin kein Läufer, entgegen meiner astrologischen Zuordnung bin ich sehr irden, unbeholfen, schwerfällig. Ich habe nicht gelernt zu fliegen, auch wenn ich in all den Jahren seit meiner verschwundenen Kindheit davon geträumt habe, zu schweben, über den Dingen zu gleiten, all das, was mich beschwert, unter mir zu lassen, einfach alles loszulassen, einfach ein für alle mal alles unter mir zurückzulassen, was mich beschwert, beschäftigt, an dieser Welt hält.
Und heute verstehe ich schon wieder nicht, was mich hält, was mich davon abhält, meinen Gedanken den Raum zu geben, den sie brauchen, nicht meinen Gedanken überhaupt Raum zu geben.
Wer mich früher gelesen hat (auch wenn das nicht viele waren) und wer mich heute liest (was also niemand ist, denn auf meinen eigenen Wunsch hin kennt mich niemand mehr), wird wissen, wie sehr ich mich zurückhalte, über mich selbst zu erzählen. Finn, der mich immer nur gelesen hat wie ein Buch und mich nur in der Seele berührte, nie meinen Körper, obwohl wir uns so nah waren, dass er mich hätte küssen können, wusste, man würde mich nie wirklich kennen und niemals würde man den Menschen hinter der Fassade sehen, egal wie sehr ich versuchen würde mich zu öffnen.
Selbst mein Geständnis, ich spiegelte meine Umgebung in allen Eigenheiten, trug nicht dazu bei, mich verständlich zu machen. Verständlich, denn ich habe Angst davor, mich selbst zu enthüllen, selbst dann, wenn ich nichts zu verlieren habe.
Ich bin nie ich selbst und deswegen gestehe ich mir auch nicht zu, meine Geschichten zu erzählen, deswegen traue ich mir nichts zu, vor allem nicht, jemanden zu beeindrucken, vor allem nicht, wenn es jemand ist, der mich zu kennen glaubt. Es ist schwerer für mich, die Menschen, die ich liebe, davon zu informieren, dass ich einen Schatz an Ideen hüte, dass ich Ideen hüte, die vielleicht nicht nur ideellen Reichtum bergen. Ich vertraue gerade denjenigen, denen ich besonders mein Vertrauen schenken könnte, am wenigsten.
Wenn ich mich nachts ausziehe und Fremden meinen Körper zeige, dann kenne ich keine Scham, denn wer meinen Körper sieht, kennt mich nicht, kennt nicht meine Gedanken, nicht meine Seele, nicht meine Worte, nicht meine Träume, nicht meine Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte. Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich nicht meinen Freund, nicht meine Familie, nicht meine Freunde, nicht meine Kollegen vor mir. Wenn ich meine Augen schließe, dann sehe ich nur mich und mich, der sein Selbst beobachtet.
Ich empfinde es fast schon als skandalös, mich selbst betrachten zu wollen. Ich empfinde das Dunkel, das mich jetzt umfängt, als Sicherheit, als Schutz, als Panzer, der mich nicht nur vor anderen, sondern vor allem vor mir selbst schützt.
Wer bin ich, frage ich mich manchmal, und wohin will ich mich treiben lassen. Will ich immer weiter auf dem Laufband laufen, mich über jeden weiteren Kilometer freuen, den ich meinem irdenen Leib abmühe, will ich immer weiter meinen Körper und Geist der Nacht öffnen, die nicht urteilt, will ich immer weiter darauf verzichten, meine Gabe auszuschöpfen, bis der Brunnen der Worte, den ich besitze, von selbst austrocknet und mich in den verzweifelten, wortfremden Greis verwandelt, den ich jetzt schon manchmal in meinen Alpwachträumen vor mir sehe?
S. erzählte mir einst von ihrem Großvater, der über Jahre an Manuskripten gearbeitet, aber nie eines vervollständigt hätte, immer aber auf den großen Erfolg wartete. Der Großvater, der durch einen absurden Zufall für die sexuelle Introversion meiner Familie verantwortlich war, sei ein armer Tropf gewesen, und es sei gut, dass ich diese Illusion verloren hätte, allein mit Worten sei mehr als ein Blumentopf zu gewinnen.
Und dann denke ich immer noch an Miss Rowling, die einen Erfolg hatte, der seinesgleichen nicht kannte. Ich will mich nicht mit ihr vergleichen, und doch hat jeder altersunabhängig junger Autor ihre Lebensgeschichte vor Augen, wenn er schreibt und auf eine Veröffentlichung hofft. Miss Rowling kann nicht nur davon leben zu schreiben, sie kann sogar davon leben, nicht zu schreiben, das heißt, sie hat endlich die Freiheit, nicht schreiben zu müssen, sondern zu dürfen, sie hat endlich den Zustand der eigenverantwortlichen Kreativität erreicht, den eigentlich jeder Mensch anzustreben bestimmt ist, denn nur über Selbstverwirklichung können wir auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen überleben.
Wir haben zu lange fern von uns gelebt und die Zeit rast immer weiter. Sie wartet nicht. Wir müssen, ich muss endlich die eigene Bestimmung finden, denn das Leben, das wir führen, entfernt uns von unserer Freiheit, und so ungeordnet, wie dieser Text ist, wird unser Leben immer und immer wieder sein, denn die Nacht steht über uns und nimmt uns Stück für Stück unsere Freiheit, unser Leben und unsere Freude an beidem.
Die Zeit rast und zurück bleibt nur die Angst, zurückzubleiben, wenn all jene, die mithalten konnten, mit der rasenden Zeit, auf die Zukunft hinrasen und darüber hinaus und feststellen, dass die Zukunft, auf die wir schon immer zusteuerten, wundervoll sei, aber nur für die zu erreichen, die sich nicht abhängen ließen und sich mitnehmen ließen. Die Zeit raset, rennet, flüchtet, sie fliegt vor uns davon und uns fehlt bald der Atem, um mit- und hinterherzukommen. Wir haben Angst, zurückzubleiben, wir haben Angst, zu viel Zeit zu verlieren, und das zurecht, denn die Zeit rast.
Man stirbt. Jeden Tag und jede Sekunde und alle paar Stunden ein bisschen mehr. Was gestern noch am Leben war, ist morgen fort und vergessen, wie die Großmutter, die mit jedem Tag zwar nicht stirbt, aber vergisst. So entfernt sie sich selbst jeden Tag, jede Sekunde und alle paar Stunden ein bisschen weiter von der Welt, die sie nicht loslassen, nicht gehen lassen mag.
Man kann sie noch erkennen, die einst geliebte und gekannte Frau, die wohl zu ihrer Zeit eine der schöneren jungen Frauen gewesen sein muss, man kann den Großvater, der schon vor so langer Zeit so unwürdig sterben musste, verstehen, warum er sich in sie verliebt haben mag. Warum er ihretwegen nicht die Stadt, nicht den Beruf, nicht sein Leben wechselte. Warum er sich für sie entschlossen haben mag statt für andere.
Man sieht es nicht mehr gut, man muss die Frau kennen, die hinter diesen offen schlafenden Augen vielleicht noch vorhanden ist. Dann kann man vielleicht einiges mehr sehen als die flinken, aber verwirrten Augen, mehr grau als einst blau, die sich wild in alle Richtungen streckenden Haare, unzähmbar und weiß. Vielleicht sieht man dann mehr als die alten Hände mit den Adern, die sich dick wie Taue unter der überraschend weichen Haut bewegen, während sie abwesend mit einer Serviette, einem Knopf, einem Stift, einem anderen Finger spielt. Vielleicht sieht man die Liebe, die sie einst empfunden haben mag.
Und fragt sich: Liebt sie noch?
Und fragt sich nicht: Lebt sie noch?
Und man selbst ist so weit fort von dieser Frau, die vor wenigen Wochen an Krebs erkrankte. In ihrem Alter wollten Ärzte ihr noch eine Therapie verpassen, eine Therapie, die sie schneller getötet hätte als die Krankheit, die an ihr nur langsam nagt. Eine Therapie, die auch den Vater ihres Sohnes getötet hat, der sich dagegen gewehrt hat zu sterben bis zum letzten Augenblick.
Die Nacht bricht herein über die Welt, die Sterne schimmern hinab auf die Schlafenden. Sie alle haben vergessen, wer sie sind, sie alle träumen davon, wer sie sein könnten. Die Nacht gibt ihnen die Freiheit dazu. Einzig die alte Frau, die nicht mehr schlafen kann seit nun fünf Jahren, seit ihr Mann und ihr Leben starb, liegt alleine wachend in ihrem Bett, verwirrt nach den fünf Jahren Trauer, kann kaum mehr sprechen und blinzelt den Sternen entgegen, die so fern sind, so fern.
Um sich schlagen möchte man, mit Waffen, die man weder besitzt noch kennt, auf Arten und Weisen Menschen verletzen, die einem nichts schulden und nichts zuleide getan haben. Man möchte nur noch rennen und rennen und rennen, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen oder überhaupt einen Gedanken, der nicht heißt: Flucht.
Man möchte … oder möchte nur ich?
Kaum ist man da, ist man weg. Zwischen und in mir sind nur noch Worte voll Schmerz, und ich weiß nicht, woher sie kommen. Durch meinen Kopf pulsiert sich ein Tumor gleich welchen Ursprungs: entspringt er der Depression oder entspringt sie ihm.
Unfähig mich mitzuteilen verdamme ich meine Sprache, zieht sie mich doch nur weiter hinein statt weiter hinaus. Bis ich selbst hinausziehe, gedopt mit Schleimlöser, Kopfschmerzmittel und allgemeinen Schmerzmitteln wage ich mich hinaus in die Welt zwischen den Regenschauern. Hole mir meinen Freikaffee bei meiner Lieblingsfiliale von Coffee Bay, begegne auf dem Hinweg ganz zufällig dem viel zu gut gebauten und gut aussehenden Bar-Menschen, der mich dann auch noch fröhlich und gut gelaunt begrüßt, als hätte es tatsächlich was genützt, letzte Woche aufdringlich gewesen zu sein.
Und wieder auf dem Heimweg kann ich den Regen riechen und höre die Vögel singen und einen Streifen blauen Himmel und Sonnenschein in nicht allzu weiter Entfernung sehen. Und an der Ampel über die Frankfurter Straße erwischt es mich wieder: der Schmerz, die Angst, die Sinnlosigkeit. Was ist passiert, daß ich nicht mehr sprechen kann, wenn ich es will? Was ist passiert, daß ich so unzufrieden bin? Was ist denn überhaupt passiert?
Und dann frage ich mich: passiert denn überhaupt irgendwann jemals was? Und dann: ist es vielleicht das?