Usus operi    Introspektion, nur mit Vorsicht zu genießen.

Hallo, ich bin der Täter

Recht einfach, sich als Opfer zu fühlen. Hat viel für sich, und man spart sich alle weiteren Ausreden. Die Umstände sind schuld, die Umwelt, alle, nur nicht ich selbst. Ich nämlich bin frei von aller Verantwortung. 

Der Preis der Freiheit

Natürlich ist das Quatsch, denn wer wenn nicht ich trägt denn Verantwortung für mein Leben? Und damit natürlich nicht nur für meine Erfolge und Niederlagen, sondern vor allem auch für die Art, wie ich mich selbst sehe und präsentiere.

Freiheit, das ist die lästigste Erkenntnis aller Zeiten, verdammt das Individuum dazu, den eigenen Weg zu gehen. Nein, nicht nur zu gehen, sondern erstmal in das Dickicht der Möglichkeiten hineinzuschlagen. Kein Wunder, dass sich manche Menschen lieber in Abhängigkeiten begeben, in Positionen der Schwäche, der Nach- oder Mitläuferschaft. Frei zu sein bedarf es angeblich wenig, tatsächlich ist es aber anstrengend, und sich selbst in Unfreiheit zu begeben oder zu halten, ist deutlich entspannter.

Der Preis der Unfreiheit

Natürlich ist auch das ein Trugschluss. Unfreiheit bedeutet Kompromisse und Akte gegen die eigenen Überzeugungen. Bedeutet das Aufgeben der eigenen Ziele. Und letztlich auch der eigenen Individualität.

"Sei du selbst, alle anderen sind schon vergeben", ist ein weiteres tolles Selbsthilfezitat. Die Wahrheit ist ein bisschen drastischer: sei du selbst oder sei gar nicht. Wer die eigene Individualität aufgibt, wer sich in Abhängigkeiten begibt, gibt sich selbst auf.

Man muss nicht in der Ukraine leben, um die Tragweite dieser Erkenntnis zu verstehen - und ihre eigentliche Konsequenz. Wer nicht für die eigene Freiheit kämpft, wer beschließt, in Unfreiheit zu leben, wer sich also selbst aufgibt, hat sein Leben verwirkt.

Ohn|macht|los

Natürlich haben wir die Wahl. Immer und in allen Situationen. Schlimmer: in jeder einzelnen Sekunde und selbst da wahrscheinlich mehrfach. Wir treffen bewusst und unbewusst andauernd Entscheidungen, die mal kurz- und mal langfristige Konsequenzen nach sich ziehen. Stehe ich gleich auf oder lese ich erst noch ein Kapitel? Esse ich Haferflocken oder Rührei? Packe ich am Vortag der Reise oder erst kurz vor der Abfahrt? Stelle ich mich in den übervollen Regionalexpress oder setze ich mich in die langsamere, aber eben auch leerere S-Bahn? Kämpfe ich für meine Freiheit oder gebe ich auf?

Das Extrembeispiel Ukraine zeigt, wie grauenvoll die Alternativen manchmal sein können: wer in der Ukraine für die eigene Freiheit kämpft, begibt sich in reale Lebensgefahr. Die Entscheidung für die Freiheit ist möglicherweise eine Entscheidung für den eigenen Tod.

Der Preis des Lebens

Andererseits: So unterschiedlich wir Menschen auch sein mögen, so sehr wir uns auch von allen anderen Lebewesen unterscheiden mögen, so sehr eint uns der Umstand unserer Sterblichkeit. Das mag banal klingen, hat aber die sehr einfache Konsequenz: Früher oder später werden wir unabhängig von all unseren Entscheidungen ohnehin sterben. Der Preis des Lebens ist der Tod.

Warum also nicht in der Ukraine für die Freiheit kämpfen und riskieren, dabei ums Leben zu kommen? Oder, weniger dramatisch und mehr auf meine Situation bezogen: Warum nicht alle Zweifel aus dem Fenster werfen und das Buch einfach schreiben - egal, was irgendwer sagen könnte. Zumal - und das ist die schlimmste aller Erkenntnisse - es wahrscheinlich niemanden interessiert, ob ich das Buch schreibe oder nicht.

Tat- & Tätersachen

Der einzige, der tatsächlich ein Interesse an diesem Buch (oder auch all meinen anderen Geschichten) hat, bin ich. Und ich bin auch der einzige, der mich dazu motivieren kann, es zu schreiben; wie ich ja auch der einzige bin, der mich letztlich davon abhält.

Ich bin derjenige, der nicht schreibt, ich bin derjenige, der sich in die Unfreiheit der Opferrolle begibt, ich bin derjenige, der die Verantwortung für mein Glück trägt oder eigentlich nicht trägt, sondern zugunsten größerer Bequemlichkeit abgibt. Ich habe mich allzu häufig darauf ausgeruht, ein Opfer zu sein. Weil es geht. Weil ich offensichtlich an mir selbst desinteressiert genug bin, dass ich nicht an mir und für mich arbeiten muss und mir trotzdem einreden kann, glücklich zu sein.

Und so unterdrücke ich mich einfach dauernd selbst, verschwende darauf meine Energie, bis ich ausnahmsweise mal wieder nicht aufpasse und dann plötzlich wieder das Entsetzen verspüre, dass seit den letzten Sätzen an der Geschichte schon wieder Wochen, wenn nicht Monate vergangen sind. Und dann suche ich natürlich einen Menschen, bei dem ich die Schuld für mein Versagen abladen kann. Und finde natürlich niemanden.

Der Fluch der {guten} Tat

Der Täter tut. So simpel. Und umgekehrt: Wo niemand tut, da kein Täter. Wo also höchstens ich selbst mich in Unfreiheit halte, da bin ich Opfer und Täter zugleich. Ziemlich blöd, denn ich könnte beides ja aufgeben - oder vielleicht einfach umkehren: statt alle Energie in Selbstmitleid zu stecken, könnte ich auch Self Empowerment betreiben, wie das heutzutage heißt.

Das einzige Problem dabei: ich weiß nicht, wie das geht. Ich habe das nicht gelernt, meine lang gelebten Muster sind eher solche der Selbstaufgabe. Und ich bin mittlerweile so gut darin, diesen Mustern zu folgen, dass ich mich selbst sabotieren kann ohne darüber nachdenken zu müssen.

Sollte ich nun also aus dieser Schonhaltung ausbrechen wollen, erfordert das Arbeit und Anstrengung, eine eben ganz andere Täterschaft. Und vor allem: ein andauerndes Weitertun, ankämpfend gegen den ewig lockenden Stillstand. 

Die Unwahrscheinlichkeit der Entropie

Es gibt die durchaus einleuchtende Theorie, dass eine gewisse Unordnung unvermeidlich ist, ja dass eigentlich alles im Universum auf Chaos zusteuert, auf ein endloses Auseinanderdriften, bis das größtmögliche Durcheinander erreicht ist.  Natürlich ist diese Theorie falsch. Nicht, weil Universen nicht auseinanderdrifteten und unsere Wohnstätten nicht fast von alleine immer wieder ungeeignet für spontanen Besuch gerieten. Sondern weil schon auf molekularer Ebene immer ein Zustand größter Ordnung angestrebt wird. So falten sich beispielsweise Proteine bei ihrer Produktion überwiegend selbst, bis sie einen Zustand größter Stabilität erreicht haben, was zufälligerweise eben auch der Zustand geringster potentieller Energie ist.

Wobei, Zufall ist das ja nicht. Wir alle streben nach der Stabilität des geringsten Energieaufwandes. Wenn wir ehrlich zu uns sind, dann liegen wir doch lieber auf der Couch als bei größter Sommerhitze den Wildwuchs im Garten zurückzuschneiden. Wenn wir die Wahl hätten, uns ein Getränk zu holen oder eines gebracht zu bekommen, wie würden sich die meisten Menschen wohl entscheiden?

Die Entropie des Universums, also das Auseinanderdriften aller Materie in einen Zustand größter Unordnung, ist eine Illusion - oder vielmehr eine Momentaufnahme. Denn tatsächlich ist die Ausbreitung der Entropie nur eine Folge allergrößter Kraftentfaltung: dem Urknall.

Lost in Komfortzone

Nun muss man nicht zwangsläufig bis zum Beginn unseres Universums zurückgehen, um zu verstehen, wie Dinge funktionieren (oder eben auch nicht). Aber der Urknall ist eben auch eine hervorragende Analogie dafür, dass es manchmal eines großen Knalls bedarf, um Veränderungen in Gang zu setzen.

Politik arbeitet in der Regel so. Längst veraltete Systeme werden so lange am Leben erhalten, bis sie so dysfunktional geworden sind, dass gar nichts mehr funktioniert. Und weil dann keine rettende (Ab)Lösung zur Verfügung steht, ist das Geheul erst mal groß auf allen Seiten. Wenn es gut läuft, reißen sich dann alle zusammen und kommen irgendwie weiter. Aber wann läuft irgendwann schon mal was gut?

Niemand verlässt gerne die Komfortzone, ich schon gar nicht. Ist ja Aufwand, Erfolg ungewiss; am Ende lohnt sich das gar nicht, sich anzustrengen, außerdem kann ich mich doch auch kurzfristig mit Dopamin belohnen statt einen langfristigen und vielleicht komplizierten Plan umzusetzen. Wenn es denn überhaupt einen Plan gibt.

Disziplin für Anfänger

Disziplin, so eine weitere, vielleicht letzte Selbsthilfeweisheit, bedeutet, auf das zu verzichten, was man haben kann, um das zu bekommen, was man haben will. Und nein, ich habe gar nicht so viele Ratgeber gelesen, wie es scheint. Ich verbringe einfach nur zu viel Zeit im Internet. Selbst bei Pinterest werde ich zugeworfen mit Tipps, wie ich endlich meine Lebensziele erreichen kann und total glücklich werde.

Ist natürlich Quatsch, Pins pinnen auf Pinterest wird mich meinem Nirwana nicht näher bringen. Tatsächlich braucht es harte Arbeit, Hingabe und vor allem Eigenverantwortung für das optimale Selbstentfalten. Ich bin der Autor meiner Geschichte, im übertragenen wie eben auch im eigentlichen Sinn. Wenn ich ein Buch schreiben will, muss ich mich einfach nur ernst nehmen und eben ein Buch schreiben. Die Ausreden aufgeben und ein Buch schreiben. Mich täglich hinsetzen, keine Sudokus machen oder YouTubes gucken, sondern das Buch schreiben. Jeden Tag, immer ein bisschen und vielleicht manchmal ein bisschen mehr. Und da braucht es keine Aufforderung, keine Erlaubnis, kein Bitten und Betteln, da braucht es einfach nur: Tun. Und mich als Täter der guten, der richtigen Tat.

Hallo, ich bin das Opfer

Ich wurde also verletzt. Kleine und große Aggressionen, mittlere und katastrophale Entmutigungen. Selten körperliche Gewalt, eher verbale und psychologische Attacken. Eigentlich dermaßen verjährt, dass ich längst drüber weg sein sollte. Und doch wirft die doofe Vergangenheit immer noch lange Schatten in meine Gegenwart. 

Willkommen im Land des Selbstmitleids

"Selbstmitleid", sagt Wikipedia, "bezeichnet das menschliche Verhalten, seelischen Schmerz über ein scheinbar oder tatsächlich zu Unrecht erlittenes Übel zu empfinden." Es geht schlimmer weiter: Andere sollten bedauern, dass ich ein Opfer von Gewalt geworden bin. Sie sollten mich bedauern. Weil es aber niemanden kümmert, habe ich - schwupps - einen neuen Grund, mich selbst zu bemitleiden. Ein Teufelskreis mit Potential zur Chronifizierung als Posttraumatische Verbitterungsstörung. 

Nun ist das vielleicht erklärbar, aber nicht hilfreich. Denn zum Selbstmitleid gehört der Groll gegenüber der teilnahmslosen Welt. Selbstmitleid chronifiziert mich als Opfer, beunfähigt mich, mein Schicksal zu kontrollieren. 

Armes Menschlein

Leider heilt Selbstmitleid nicht. Es amputiert.
Natürlich ist es verlockend, Verantwortung abzugeben und zu sagen: "Immer wenn ich kreativ wurde, habe ich eins auf den Deckel bekommen, es soll wohl nicht sein." Als ob zu meinem Los die zielgerichtete Unterdrückung meines Charakters durch die Welt gehörte, eine große Verschwörung zur Verzwergung von Anders Wolf. 

Das soll die Existenz von Traumata nicht relativieren. Verletzungen durch Andere passieren, immer und überall. Schön wäre es in einer Welt ohne Aggressionen zu leben. Allerdings müssten wir unseren Planeten dazu relativ stark entvölkern (böse Zungen behaupten, wir arbeiteten bereits daran), schließlich bedeuten Menschen Konkurrenz. Alle kämpfen ums Überleben, manchmal mehr, manchmal weniger deutlich. Und in der Hitze (oder manchmal auch nur lauen Wärme) des Gefechts entfährt auch den wohlmeinendsten Gemütern mal eine unbedachte Bemerkung. 

(Rat)Schläge

Zuletzt schrieb ich von Mitschülys, von Eltern, von K. aus dem Studium. Ich sei gemobbt, nicht gefördert, sogar entmutigt worden. Das ist nicht toll, aber kein Grund aufzugeben. 
Vor allem nicht wegen gut gemeinter Ratschläge, die ja einen Kern von Sorge in sich tragen. Ich solle mich nicht von meinem Traum begraben lassen, hatte K. mir geraten. Ich solle mich nicht in die Armut treiben lassen, so die Eltern. Gut gemeint beides, und doch ohne Kenntnis meiner Fähigkeiten ohne Basis. 

Seltsamerweise ist mir das Mobbing weniger präsent. Vielleicht weil die tiefer empfundenen Kränkungen später geschahen, in einer Zeit und Umgebung, in der ich mich sicher fühlte. Vielleicht weil das Mobbing unpersönlicher war, weil von mehreren Menschen, vor allem solchen, die ich ohnehin nie als Freunde bezeichnet hätte.

Diese Diskrepanz ist unverständlich, hat mich das Mobbing doch gerade während meiner Persönlichkeitsbildung in den Kindes- und Jugendjahren verformt. Studien zeigen, dass gemobbte Kinder lebenslang Narben tragen, egal wie viele Schichten scheinbarer Selbstsicherheit darüber liegen. Ist das Selbstwertgefühl erst mal unterminiert, ist das Grundvertrauen, in dem der Charakter wurzeln sollte, nachhaltig erodiert.  

Aufgeben vs. Aufgabe

"Wir können nicht kontrollieren, was uns geschieht, nur unsere Reaktion darauf." Klassiker der Selbsthilfe, dennoch nicht unwahr. Oder: "Wenn die Welt dir Zitronen gibt, mach Limonade draus."

Narben, so heißt es, sind nicht Zeichen für Schwäche, sondern fürs Überleben. Narben stehen für Verletzungen, die uns getroffen, verändert, aber nicht bezwungen haben. Verstecken wir eine Narbe, negieren wir den damit verbundenen Schmerz, negieren wir auch uns selbst, denn auch wenn wir das nicht wollen, sind unsere Narben doch unauslöschlich mit uns verbunden.

Was also tun, wenn nicht aufgeben? Weitergehen, weiterleben, weitermachen. Ich wurde verletzt, weil ich anders war. Aber eben auch noch immer anders bin. Nie nicht anders sein werde. Soll ich mich deswegen immer noch kleinmachen, anpassen, verstellen? Mir wurde davon abgeraten, meinen Träumen zu folgen, nur weil sich andere darin keinen Erfolg für mich vorstellen konnten? Warum habe ich angenommen (und scheine immer noch anzunehmen), sie hätten recht? 
Es ist leicht aufzugeben, bevor man etwas versucht hat, es ist sogar verlockend, nicht die Energie aufzubringen, wenn alles, was man als Belohnung sieht, Scheitern heißt. Wer nicht mit dem Gedanken ans Ziel losläuft - Achtung Sportmetapher -, sollte nicht für einen Marathon antreten. 

Tatsächlich sollten Entmutigungen uns nicht zum Aufgeben bringen, wir sollten sie als Aufgabe verstehen. Als Aufgabe, in uns selbst zu investieren, stärker zu werden, besser, schneller, resilienter. Überzeuge deine Kritiker vom Gegenteil. Oder besser noch: beschäftige dich mit deiner Arbeit, nicht mit denen, die sie ohnehin nicht verstehen. 

Er|folg|en|los

Erfolg entsteht nicht über Nacht, er ist das Ergebnis nicht immer harter, aber doch ausdauernder Arbeit. Vor allem belohnt Erfolg den Glauben an sich selbst, auch und gerade in Zeiten, in denen das nicht leicht ist. Lichter, die im Dunkeln entzündet werden, leuchten am hellsten. Klingt nach noch mehr Selbsthilfe-Bullshit. Ist trotzdem wahr, vor allem aus der Perspektive eines Menschen, dessen größter Erfolg die Selbstsabotage ist. 

Im Grunde weiß ich, was ich kann. Natürlich weiß ich um meine Schwächen, viel besser aber kenne ich mein Potential. Ich kenne es, weil ich es in den letzten Jahren und eigentlich Jahrzehnten sehr erfolgreich unterdrückt habe. Und weil ich, wenn ich mich aus Versehen mal nicht zurückgehalten habe, alles geschafft habe, was ich mir in den Kopf gesetzt habe. Ich muss nur wollen, denn wo ein Wille, da auch Limonade. 

Sei wie FritzFranz

Ich wurde also verletzt und durch diese Verletzungen geformt, ebenso wie durch meine Versuche, mich selbst zu zähmen. All das hat mich hierher geführt, und ich kann bedauern, wie viel Zeit mich die Umwege gekostet haben. Wie viel ich schon hätte schreiben und veröffentlichen können. Aber ganz ehrlich: Hätte ich es wirklich gekonnt, ich hätte es getan. 

Manchmal ist die Zeit nicht reif, manchmal ist der Mensch nicht reif. Ich weiß immer noch nicht, wie mein kleineres Romanprojekt zu Ende gehen soll. Ich weiß, dass mein unentschiedener FritzFranz-Protagonist auf halber Strecke eine Erleuchtung hat und dass danach erst mal alles auseinanderfällt, bevor sich die Puzzleteile wieder ordentlich zusammenfügen. Eigentlich: bevor er selbst die Bruchstücke seines Lebens wieder zusammensetzen kann.

Und das ist auch meine Aufgabe: mich nicht mehr davon abzulenken, meine Unordnung zu sortieren. Mich nicht mehr davon abzuhalten, mein Potential zu entfalten. Oder konkreter: endlich das Wagnis einzugehen, das Buch zu schreiben. Und vielleicht erst auf dem Weg Richtung Ende zu entdecken, wie FritzFranz und ich die größte Hürde aller Zeiten überspringen: den eigenen Schatten.

Das große Warten

Angeblich verbringen wir zwei Jahre unseres Lebens mit Warten. Das habe ich im Internet gelesen, es muss also stimmen. 

Andererseits: Was ist Warten? Was heißt Warten? Wenn ich an der Supermarktkasse in der Schlange stehe und noch nicht mal meine Sachen aufs Band gelegt habe, sondern nur langsam näher ranrutsche, bis endlich auch ich an der Reihe mit Auflegen, Wiedereinpacken und Bezahlen bin: warte ich dann auch, wenn ich gleichzeitig darüber nachdenke, ob ich alles in meinem Korb gelegt habe, was auf meinem Einkaufszettel stand? Denke ich dann beim Warten, warte ich beim Denken? Oder warte ich gar nicht, sondern denke nur?

Menschen im Stau warten (und hinterfragen gleichzeitig ihre Lebensentscheidungen). Menschen auf der Rolltreppe warten (und schauen derweil den Hintern des Vordermenschen an). Menschen im Eiscafé warten auf ihren Eiskaffee (und überlegen, ob sie bei der Hitze nicht besser im Keller sitzen sollten). Menschen in der Warteschleife warten (und summen Für Elise mit). Menschen am Gepäckband warten (und überlegen, ob es sich noch lohnt, nochmal zur Toilette zu gehen). Menschen im Wartezimmer warten (und blättern vielleicht in einer Zeitschrift, in der sie sich nur zu lesen trauen, weil der neutrale Umschlag des Lesezirkels das reißerische Titelblatt von Frau am Abgrund verdeckt). Menschen, die auf einer Organspendeliste stehen, warten (und hoffen, dass alle anderen Menschen eine so positive Einstellung zur Organspende haben, dass sie Organspendeausweise mit sich führen, weil es immer noch keine gesetzliche Regelung zur Widerspruchslösung und ergo einen Spenderorganmangel gibt). 

Wenn aber Warten bedeutet, dass ich in der Wartezeit nichts anderes machen darf als Warten, warten all diese Menschen dann wirklich? Gerade die Organspendemenschen: die machen ja bestimmt auch was anderes zwischendurch. Warten geht ja gar nicht den ganzen Tag. Ich muss ja was essen, trinken, Blumen gießen, Bücher lesen, E-Mails schreiben, Radio hören, mich mit Menschen aus der Nachbarschaft unterhalten (oder sie aktiv ignorieren). Irgendwas, denke ich mir, ist ja immer zu tun. 

Und wenn nichts ist, dann suche ich mir eben was. Dann beschäftige ich mich, damit ich nicht einfach nur rumsitze. Vielleicht schaue ich ein Video (oder fünfzehn Videos) auf YouTube an, vielleicht höre ich einen Podcast, vielleicht telefoniere ich oder räume den Hauswirtschaftsraum um. Vielleicht memoriere ich meinen restlichen Text oder wiederhole die bisher einstudierten Szenen. Vielleicht gehe ich spazieren oder zum Abkühlen in den Keller, vielleicht hefte ich die Sachen aus meiner Ablage ab oder bringe Altpapier in den Altpapiercontainer. Vielleicht kaufe ich Lebensmittel ein, vielleicht backe ich eine Limettentarte, vielleicht nähe ich mir eine Hose. Vielleicht trenne ich die missglückte Hose wieder auf, um aus dem Verschnitt etwas anderes zu nähen. Vielleicht stutze ich endlich den Ficus. Vielleicht wechsle ich nach nur drei Monaten Displayschwärze den Akku meines Funkweckers. Vielleicht baue ich doch noch die Balkonbank. Vielleicht bringe ich mir Akkordeonspielen bei oder studiere Running up that Hill auf dem Keyboard ein. 
Vielleicht, vielleicht, vielleicht. 

Was ich aber definitiv nicht mache: das Buch schreiben. Oder das andere Buch. Oder die Geschichten für die Wettbewerbe. Oder einfach mal wieder einen Blogbeitrag. 

In der Abizeitung meines Jahrgangs sollten alle Abiturientys die Frage beantworten, was sie später mal machen wollten. Also nicht später im Sinne von nachher wie beispielsweise "nach der Abifeier erst mal den Rausch ausschlafen", sondern mehr im Sinne von "Wo siehst du deine Bestimmung im Leben?", was in vielen Fällen eher verstanden wurde als Frage nach dem Studienfach. Erstaunlich viele Menschen wollten da BWL oder ähnlichen Quark studieren, einige auch Jura oder Medizin, die wenigsten interessierten sich für sinnvolle und sinnstiftende Berufe, die tatsächlich gesellschaftlichen Mehrwert besitzen. Also die in der Pandemie als essentiell eingestuften Jobs in der Pflege, im Handwerk, im Einzelhandel. Gut, Medizinys braucht es auch, und einige wollten auch Lehrkraft werden, aber der Trend war damals (wie vielleicht auch seither): Hauptsache Geld. 

Ums Geld ging es mir nie. Natürlich habe ich das Glück, dass es das nicht musste; einerseits hatte ich immer Menschen, die mein Leben finanzierten, andererseits sind meine Bedürfnisse nicht so ausgefallen, dass ich überhaupt viel Geld bräuchte. Wenn ich Geld ausgebe, dann in der Regel für Lebensmittel. 
Das passt natürlich ein bisschen zu meinem Studium, denn wer Ernährung studiert hat, darf sich auch fürs Essen interessieren.

Andererseits habe ich auf die Frage, was ich denn mal machen wollte mit meinem Leben, geantwortet: irgendwas mit Worten. Schon damals konnte ich nicht schreiben, ich wolle Schriftsteller werden. Vielleicht wusste ich nicht, ob ich das wirklich werden konnte. In dreierlei Hinsicht: Wie wird man Schriftsteller? Bin ich geeignet, Schriftsteller zu sein? Ist mir das überhaupt gestattet, Schriftsteller zu sein?

Das Irritierende daran ist, dass ich nie darüber nachgedacht habe, etwas anderes zu sein. Mein ganzes Leben besteht aus der Auseinandersetzung mit Geschichten, meist in Buchform, natürlich aber auch in Form von Videospielen, Filmen oder Serien. Seit ich schreiben kann, schreibe ich gerne, sowohl mit der Hand als auch digital (und ja, für lateinisch Angehauchte ist da ein unbeabsichtigter Wortwitz versteckt). Ich mag es, Worte aneinanderzureihen, finde es schön, wenn sich Gedanken erst im Gehirn formen und dann in einem Text wiederfinden. Ich lese gerne, lieber sogar als ich Gefilmtes oder Animiertes konsumiere, aber Lesen ist eine ausschließliche Tätigkeit, da kann man nebenbei nicht noch etwas Zweites erledigen. Außer Warten vielleicht (auch wenn Warten, wenn man liest, vielleicht schon nicht mehr Warten ist).

Ich hatte nie eine Vorstellung davon, was ich tun sollte, wenn ich nicht schriebe. Und doch schreibe ich nicht. Und ich weiß nicht warum. 

Klar, da ist die lose Erfahrung, dass bisher jede kreative Äußerung meinerseits früher oder später auf Ablehnung gestoßen ist. Wahrscheinlich, das gebe ich zu, hat mein Gehirn da auch Verknüpfungen hergestellt, wo keine sind. Als ich in der Grundschule gemobbt wurde, dann bestimmt nicht nur, weil ich mich künstlerisch von den anderen unterschied, sondern eben auch einfach anders war. Als ich im Gymnasium den Chor verließ, dann nicht, weil ich schief gesungen hätte, sondern eher, weil ich auch da als anders wahrgenommen und auch so von den anderen behandelt wurde. In meinen Jugendjahren habe ich mittelprächtige Gedichte geschrieben, bis mir gesagt wurde, ich müsse, um gut zu werden, noch vieles lernen; leider war diese bloße Feststellung weniger hilfreich, als es vielleicht ein Mentoring gewesen wäre. Und natürlich hat auch die Einschätzung meiner Eltern nicht geholfen, ich dürfe ja durchaus meinen Schreibkram machen, davon leben könne ich aber bestimmt nicht, ich solle mir also lieber einen Brotberuf suchen. 
Vielleicht darum das Studium der Ernährungswissenschaften.
Brot und so. 

In Gießen dann K. kennengelernt, den hyperpragmatischen Gegenentwurf zu meiner ohnehin schon angerauten Künstlerseele. K. hat mich im Studium immer angetrieben, gemeinsam haben wir alle Praktika und Seminare durchgezogen, uns gegenseitig (und danach allen anderen) die Naturwissenschaften erklärt, zu denen wir anfangs beide  keinen Zugang gefunden hatten. Gemeinsam haben wir uns durch ein Studium geschoben, das uns, wenn wir einander und uns selbst gegenüber ehrlich gewesen wären, doch eigentlich beide nicht wirklich interessierte. Doch das einzige Mal, dass ich tatsächlich ehrlich über meine Ambitionen mit K. sprach, erwähnte ich meinen Traum davon, ein Buch zu schreiben, vielleicht auch zwei. Schriftsteller wolle ich eigentlich werden, und das mit der Ernährung sei eigentlich nur ein Notnagel. Ein Brotberuf eben.

Und dann hat K. von dem Manuskript erzählt, das die Familie nach dem Tod des Großvaters gefunden hätte. Grauenvoll, unlesbar, komplett unbegabt; und doch hätte der Großvater bis zuletzt noch am Traum gehangen, irgendwann doch noch die Geschichte zu veröffentlichen. Ich solle, das sagte mir K. also, diesen Traum begraben, bevor mich der Traum unter sich begrabe.
Und weil ich K. aus Gründen, die ich rückblickend nicht nachvollziehen kann, mehr zutraute in Lebensfragen als mir selbst, folgte ich diesem Rat und verabschiedete mich von meinem Traum.

Nun wissen alle, die über die Jahre mein Blog gelesen haben, dass das nicht ganz stimmt. Ich habe immer wieder geschrieben. Kürzere und längere Blogbeiträge, auch Geschichten, ich habe auch (manchmal erfolgreich) an Wettbewerben teilgenommen; aber mein Herz habe ich doch nie so richtig hineingeworfen. In allem, was ich schreibe, halte ich mich zurück. Meine literarischen Texte sind oft von einer unpersönlichen Kälte durchzogen, meine Protagonistys unnahbar oder komplett unsympathisch, meine Sätze zu klinischer Sauberkeit ausgeputzt. 

Ich will mich, das ist meine Analyse, in meinem Schreiben nicht angreifbar machen, will nicht so weit aus mir rausgehen, dass ich vielleicht nicht zurückkann. Ich habe die Erfahrung, dass kreativer Ausdruck nicht nur belohnt wird, immer noch nicht überwunden. 
Als ich vor Jahren das sehr selbstentblößende Theaterstück "Die letzte Königin" geschrieben und aufgeführt hatte, sagte mir eine Zuschauerin hinterher, wie deutlich sie mir das Fehlen von Grundvertrauen angemerkt habe und wie wenig Grund ich doch dafür zu haben brauchte. Ich solle mit der Erkenntnis auf die Bühne gehen, dass es für ein solches Öffnen dem Publikum gegenüber zwar großer Kraft bedürfe, dass ich diese Kraft aber doch offensichtlich auch besäße. Ich müsse mich nicht mehr zurückhalten.

Und doch halte ich mich immer noch zurück. Ich suche immer noch Ausreden, Ablenkungen, andere Aufgaben. Ich weiß, dass ich mir selbst damit schade, nicht zu schreiben; dass ich den Drang, meine Geschichten zu erzählen, zwar unterdrücken, aber nicht einfach ausjäten kann. Und ich würde es ja auch gar nicht wollen. 
Ich will ja Geschichten erzählen, will Bücher schreiben; und doch traue ich es mir nicht zu. 

Ich warte. Darauf, dass irgendwann jemand zu mir kommt und sagt: schreib jetzt dieses Buch. Und doch warte ich nicht bewusst. Ich schaue Serien, ich lese Bücher, ich räume die Wohnung um, ich höre Podcasts. Ich weiß natürlich, dass auch die Welt nicht wartet. Ja, im Kleinen schon: Menschen stehen an der Kasse oder auf der Rolltreppe, sie sitzen in Autos und Eiscafés, sie warten auf ihren Arzttermin oder eine Organspende. Aber die Welt wartet nicht darauf, dass ich mich hinsetze und schreibe, sie wartet nicht darauf, dass ich das Buch beende. Jedes Jahr erscheinen 80000 Bücher, und die wenigsten davon werden tatsächlich gelesen; und selbst diese 80000 Bücher sind nur ein Bruchteil dessen, was Verlagen angeboten wird. 
Kein Verlag wartet auf mich, die Welt wartet nicht auf mich. Nur ich selbst warte auf mich und darauf, dass ich mir endlich selbst die Erlaubnis gebe, alle gut und schlecht gemeinten Ratschläge und Reaktionen auf einen wie auch immer gearteten kreativen Ausdruck hinter mir zu lassen. Und ich warte immer noch darauf, dass ich irgendwann zu mir komme und sage: Ich schreibe jetzt dieses Buch. 

How to not drown

Es mag sich anfühlen wie Schmerz und doch ist es nur Leere. Langeweile. Ein entnordeter Kompass. Reparabel vielleicht, vielleicht aber auch einfach nur ein weiteres Ding, was zu ignorieren ist. Zu überspielen. Spielend leicht ist das, es nennt sich "so tun als ob", und das ist ja nun mal das Einfachste von allem. 

Alles nämlich ist einfach, wenn ich es nur will. Und auch wenn das Einfache das ist, was mir in der Regel nicht gelingt, ist das nur eine weitere Regel, die zu brechen ist. Eine Grenze zu überwinden, ein Knoten zu durchschlagen, eine leere Seite zu beschreiben. Wieder und wieder die gleichen Worte aufs Papier setzen: Ich kann das. Ich kann das. Ich kann das. 

Im Grunde wie Magie. Licht in der Dunkelheit finden und die Dunkelheit dann einfach überstrahlen damit. Alle Geister austreiben, alle Schatten verjagen, alle Zweifel exorzieren. Das wollte ich schon einmal, ich erinnere mich daran. Kein Zweifler mehr sein an mir selbst und meinen Fähigkeiten. Dann kam die Pandemie, fokussierte mich auf mich selbst, und was ich gesehen habe, hat mir nicht mehr Vertrauen in mich selbst gegeben. 

Darum: Ich kann das. Ich kann das. Ich kann alles. Ich kann auch diese dumme Geschichte schreiben, ich kann mich um Stipendien bewerben, um Schreibseminare, ich kann bei Wettbewerben mitmachen, ich kann sogar welche gewinnen, wenn ich mich nur richtig anstrenge. Vielleicht kann ich auch irgendwann wieder aufhören, mich zu isolieren, mich zu verzwergen, so zu tun, als hätte ich es nicht verdient, gemocht zu werden. 

Denn das ist es ja eigentlich: ich will gemocht werden und glaube gleichzeitig nicht, dass es gut für mich ist, sichtbar zu sein. Selbst dieses repetierende Experiment einer emotionalen Selbstoffenbarung, diese Exhibition meiner Gefühle, meiner Sorgen, meines pathetischen Gejammers: auch nur Auswurf eines verwirrten Gefühls von "Sieh mich, aber schau nicht hin". Denn ganz ehrlich: wenn ich wollte, dass dies jemand liest, der mich kennt, dann schriebe ich unter meinem echten Namen. 

Und doch akzeptiere ich die Möglichkeit, dass ich gelesen und erkannt werde. Dass ich vielleicht - mal wieder - bemitleidet werde. Oder verspottet, was weiß ich. Dass sich jedenfalls mein doofes altes Trauma wiederholt. Dass ich auf mich aufmerksam mache und es bereue. 

Wie machen das wohl andere Menschen, die große Kunst schaffen und daran nicht zerbrechen. Oder gehen diese Menschen das Risiko ein, obwohl sie wissen, dass sie daran zerbrechen könnten? Oder wissen sie, dass nicht die Kunst sie zerstört, sondern die Zweifel, die sie haben könnten an sich und dem, was sie erschaffen? 

Ein Fritzfranz-Problem: zu wissen, wie es ist zu leben, aber doch Angst davor haben, es wirklich zu tun. Den Schmerz einfach wegprokrastinieren. Und ja, nicht alles ist Schmerz, das wenigste, um genau zu sein. Vieles ist einfach Arbeit. Langwierige, langweilige Arbeit. Wort an Wort reihen, tief im Gehirn nach dem nächsten Wort graben und dann an das vorige heften, einfach immer wieder und immer weiter. Und von nichts anderem angetrieben als der Hoffnung, dass alles irgendwann Sinn ergibt. Dass irgendwann am Ende noch genügend Kraft übrig bleibt, um auszujäten, was nicht mehr ins Bild passt. Oder einfach ignorieren, dass eine Selbstentblößung vielleicht mehr zeigt als beabsichtigt. 

Wer sich am Grunde des Ozeans wiederfindet und nicht ertrinken will, muss einfach in irgendeine Richtung gehen und nicht zwischendurch umkehren. Sieh nicht zurück, geh einfach immer weiter voran. Ich kann das. Ich kann das. Ich kann das. 

Angelsgeduld

Nach Reaktionen fischen und im Trüben eines Schriftstellerforums nach Feedback stochern, das ist ein mühseliges Geschäft. Wie sollte es anders sein? Gerade im Lyrikbereich gibt es viele kleine Fische und nur wenige Hechte, die große Literatur produzieren, und jetzt tummle ich mich auch noch im ohnehin nur kleinen Becken und versuche meinen ungerechtfertigten Anteil am Plankton abzubekommen. 

Ich tauge eigentlich nicht dazu. Ich bin kein Schriftsteller, kein Autor. "Ja aber", sagt Ihr zu recht, "ist denn das hier, dieses Fortschreitungsdings, ist das denn keine Schreiberei?" Nein, das sagt Ihr nicht, und das nicht nur, weil Ihr nicht existiert, sondern auch, weil Ihr unrecht hättet. Halb zumindest. Ja, es ist Schreiberei, aber nein, es qualifiziert mich nicht dazu, Autor zu nennen oder eben Schriftsteller. Wortwerfer vielleicht, Ergußlyriker, Schwallpathetiker, aber doch kein wahrer Künstler. 

Kunst ist natürlich subjektiv, und Kunst vergleichen zu wollen wird nicht funktionieren und niemanden glücklich machen, weder die Erzeuger noch die Verbraucher von Kunst. Was der eine als Kunst sieht, ein monochromes Bild mit interessanten Strukturen beispielsweise, erscheint dem anderen nur als leere Leinwand und keineswegs als gerechtfertigte Raumnutzung. Gleichwohl rechtfertigt diese Gleichzeitigkeit, Diffusität von Kunst-oder-nicht-Kunst wahrscheinlich die Einordnung als Kunst. Öffnet das Werk einen Diskussionsraum, ist es Kunst. Erzeugt es Desinteresse, Langeweile, ödet es an, dann kann es weg. 

Natürlich ist dann auch wieder die Frage berechtigt: Was definiert den Diskussionsraum? Ist es ausreichend, dass sich die Frage stellt, ob das Kunst ist oder weg kann? Oder muss es tatsächlich auch eine inhaltliche Diskussion geben? Im Fall der weißen Leinwand könnte man eine Gesellschaftskritik hineinlesen: Wir haben so viele Leinwände und so wenig Farbe sie zu füllen. Oder: Ich bin deprimiert, mag es mir aber nicht ansehen lassen und darum male ich meine Angst in Weiß auf und über meine Narben. Oder: Der Weiße Mann als Tonangeber hat ausgedient, das einzig Weiße, von dem ich mich dominiert sehen will, ist ein weißes Bild. 

Sei es, wie es sei: Kunst entsteht im Auge des Betrachters. Problematisch nur, wenn es keinen Betrachter gibt, wenn das Kunstwerk allein in der Weite steht und niemand sieht es. Wenn ein Baum fällt, und niemand ist dabei, fällt er dann wirklich? Wenn ein Stern implodiert, und niemand sieht es, ist es dann wirklich eine Nova? Arbeitet, um mich selbst von anderswo zu zitieren, die Milz nur dann, wenn man sie betrachtet?

Auf das Schriftstellerforum bezogen: ich brauche diese unmögliche Geduld. Die wenigsten der eingestellten Gedichte dort werden ausführlich besprochen, und wenn, dann in der Regel von Leuten, die sich nicht wirklich kritisch oder hilfreich damit auseinandersetzen wollen. Ich habe damit meine Probleme, weiß aber, dass sie inhärent der Internetkultur des Austausches geschuldet sind: nur wer gibt, dem wird (vielleicht) gegeben. 

Bleibt mir also nur weiterzuschwimmen durch den Schlick und Schlamm des lyrischen Tümpels, in den ich mich da begeben habe, in der Hoffnung, das zu finden, was ich vermutlich suche: Anerkennung. Albern ist das, denn welche Form von Anerkennung will ich da haben? "Oha, dichten kann er ja doch" ist ja nun auch nicht, was ich hören will. Oder eigentlich schon, aber es bringt mich wahrscheinlich nicht weiter. Denn selbst wenn ich das zu hören bekäme: es lehrt mich nichts. Und auch wenn ich mich nicht immer in der Rezeption von Feedback so anstelle, als würde ich daraus lernen wollen, so bleibt mir doch kein anderer Ansporn als der, immer besser zu werden.

Mein Talent (es sei mal angenommen, ich hätte welches) reicht nämlich nicht aus, um meinen Roman oder die fünf Kurzgeschichten zu vermarkten. Und damit meine ich: mich will niemand lesen. Ich schreibe nicht interessant oder nahbar genug. Vielleicht habe ich auch die falschen Themen (wenn ich überhaupt welche habe). Mitunter fesseln mich meine Texte ja selbst nicht genug, dass ich sie zuende bringen will. Sonst hätte ich ja nicht so unfassbar viele Fragmente gehortet in der Hoffnung, dass sie irgendwann einmal ein zusammenhängendes Bild ergeben. 

Auch da hilft wahrscheinlich nur: Geduld. Und: Weitermachen.