Anders Wolf

Fortschreitungen

Angelsgeduld

Usus operi | Dezember 4, 2020

Nach Reaktionen fischen und im Trüben eines Schriftstellerforums nach Feedback stochern, das ist ein mühseliges Geschäft. Wie sollte es anders sein? Gerade im Lyrikbereich gibt es viele kleine Fische und nur wenige Hechte, die große Literatur produzieren, und jetzt tummle ich mich auch noch im ohnehin nur kleinen Becken und versuche meinen ungerechtfertigten Anteil am Plankton abzubekommen. 

Ich tauge eigentlich nicht dazu. Ich bin kein Schriftsteller, kein Autor. "Ja aber", sagt Ihr zu recht, "ist denn das hier, dieses Fortschreitungsdings, ist das denn keine Schreiberei?" Nein, das sagt Ihr nicht, und das nicht nur, weil Ihr nicht existiert, sondern auch, weil Ihr unrecht hättet. Halb zumindest. Ja, es ist Schreiberei, aber nein, es qualifiziert mich nicht dazu, Autor zu nennen oder eben Schriftsteller. Wortwerfer vielleicht, Ergußlyriker, Schwallpathetiker, aber doch kein wahrer Künstler. 

Kunst ist natürlich subjektiv, und Kunst vergleichen zu wollen wird nicht funktionieren und niemanden glücklich machen, weder die Erzeuger noch die Verbraucher von Kunst. Was der eine als Kunst sieht, ein monochromes Bild mit interessanten Strukturen beispielsweise, erscheint dem anderen nur als leere Leinwand und keineswegs als gerechtfertigte Raumnutzung. Gleichwohl rechtfertigt diese Gleichzeitigkeit, Diffusität von Kunst-oder-nicht-Kunst wahrscheinlich die Einordnung als Kunst. Öffnet das Werk einen Diskussionsraum, ist es Kunst. Erzeugt es Desinteresse, Langeweile, ödet es an, dann kann es weg. 

Natürlich ist dann auch wieder die Frage berechtigt: Was definiert den Diskussionsraum? Ist es ausreichend, dass sich die Frage stellt, ob das Kunst ist oder weg kann? Oder muss es tatsächlich auch eine inhaltliche Diskussion geben? Im Fall der weißen Leinwand könnte man eine Gesellschaftskritik hineinlesen: Wir haben so viele Leinwände und so wenig Farbe sie zu füllen. Oder: Ich bin deprimiert, mag es mir aber nicht ansehen lassen und darum male ich meine Angst in Weiß auf und über meine Narben. Oder: Der Weiße Mann als Tonangeber hat ausgedient, das einzig Weiße, von dem ich mich dominiert sehen will, ist ein weißes Bild. 

Sei es, wie es sei: Kunst entsteht im Auge des Betrachters. Problematisch nur, wenn es keinen Betrachter gibt, wenn das Kunstwerk allein in der Weite steht und niemand sieht es. Wenn ein Baum fällt, und niemand ist dabei, fällt er dann wirklich? Wenn ein Stern implodiert, und niemand sieht es, ist es dann wirklich eine Nova? Arbeitet, um mich selbst von anderswo zu zitieren, die Milz nur dann, wenn man sie betrachtet?

Auf das Schriftstellerforum bezogen: ich brauche diese unmögliche Geduld. Die wenigsten der eingestellten Gedichte dort werden ausführlich besprochen, und wenn, dann in der Regel von Leuten, die sich nicht wirklich kritisch oder hilfreich damit auseinandersetzen wollen. Ich habe damit meine Probleme, weiß aber, dass sie inhärent der Internetkultur des Austausches geschuldet sind: nur wer gibt, dem wird (vielleicht) gegeben. 

Bleibt mir also nur weiterzuschwimmen durch den Schlick und Schlamm des lyrischen Tümpels, in den ich mich da begeben habe, in der Hoffnung, das zu finden, was ich vermutlich suche: Anerkennung. Albern ist das, denn welche Form von Anerkennung will ich da haben? "Oha, dichten kann er ja doch" ist ja nun auch nicht, was ich hören will. Oder eigentlich schon, aber es bringt mich wahrscheinlich nicht weiter. Denn selbst wenn ich das zu hören bekäme: es lehrt mich nichts. Und auch wenn ich mich nicht immer in der Rezeption von Feedback so anstelle, als würde ich daraus lernen wollen, so bleibt mir doch kein anderer Ansporn als der, immer besser zu werden.

Mein Talent (es sei mal angenommen, ich hätte welches) reicht nämlich nicht aus, um meinen Roman oder die fünf Kurzgeschichten zu vermarkten. Und damit meine ich: mich will niemand lesen. Ich schreibe nicht interessant oder nahbar genug. Vielleicht habe ich auch die falschen Themen (wenn ich überhaupt welche habe). Mitunter fesseln mich meine Texte ja selbst nicht genug, dass ich sie zuende bringen will. Sonst hätte ich ja nicht so unfassbar viele Fragmente gehortet in der Hoffnung, dass sie irgendwann einmal ein zusammenhängendes Bild ergeben. 

Auch da hilft wahrscheinlich nur: Geduld. Und: Weitermachen.  



Is this the real life?

Usus operi | November 27, 2020

Schattengäste bei den Schriftstellern vorgestellt. Krass, wie alt das Gedicht ist, wie jung ich damals war. So anders. 

Manchmal versuche ich mich an mein damaliges Selbst zu erinnern, an den scheuen, aber extrovertierten jungen Mann, der Angst hatte gesehen zu werden, den es aber dennoch so deutlich ins Rampenlicht trieb, dass er keine Scheu kannte, ein selbstgeschriebenes Gedicht auf der Bühne vorzulesen, aber Angst hatte, in einem Theaterstück mitzuspielen. Vielleicht weil er nicht wusste, wie anders tatsächliche Furchtlosigkeit sein könnte. 

Später, als ich schon ein anderer war, besaß ich diesen Mut, der kein Gegenteil kannte. Und das war nicht nur das Fehlen von Sorge, sondern ein komplettes Ausblenden möglicher negativer Konsequenzen meines Tuns. Ich war frei, im besten Sinn dieses Wortes. Ohne mir Gedanken machen zu müssen über das Morgen, das Später, das Gleich. 

Ich erkenne diesen Menschen mittlerweile kaum noch wieder. Klar, ich bin knapp 20 Jahre entfernt von ihm, und es ist viel passiert in diesen zwei Jahrzehnten, aber dennoch ist mir diese Zeit auf ähnliche Art verschlossen wie meine Jugend und Kindheit. Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich schon immer Ende 30 / Anfang 40 gewesen, hätte in dieser Wohnung gelebt, wäre von einem Zimmer zum anderen gegangen und hätte mal hier und da aus dem Fenster gesehen, während draußen die Welt und das Leben vorbeirasen wie Kometen. 

Wie läuft das mit den Tagen, Wochen, Monaten, Jahren? Wieso kann ich nicht einfach zurückblicken in einen anderen Moment, als erlebte ich ihn gerade neu? Wieso fallen mir die Namen meiner Mitschüler nicht mehr ein, obwohl ich mir in der Schule sogar ihre Geburtstage eingeprägt hatte, als hätte mir das einen Nutzen gebracht. Wieso habe ich nur so diffuse Erinnerungen an die Urlaube mit meinen Großeltern, weiß nur lose, dass wir durch das damalige Jugoslawien gefahren sind, um mit meinen Eltern Urlaub in Griechenland zu machen? Wieso erinnere ich mich lebhaft an die Alpträume, die ich als Kind hatte, aber nicht daran, wie es in der Schule war? Wie lange hebt das Gehirn Erinnerungen auf, bis es sie zugunsten neuer Erfahrungen entsorgt? 

Natürlich weiß ich, dass das Gehirn anders funktioniert, sich anders organisiert. Dass Sinneseindrücke über synaptische Verbindungen abgebildet werden und wiederholte Muster stärker sind als einmalige Erlebnisse, sofern diese Einzelerlebnisse nicht besonders einprägsam, sprich traumatisch sind. An den Unfall auf dem Rollsplit erinnere ich mich - und doch nicht, denn dazu ging alles zu schnell. Eine andere Autofahrt, sehr langsam durch dicht und dick fallenden Schnee, kommt mir in den Sinn - welche Assoziationskette liegt da in meinem Gehirn vergraben? 

Wer bin ich in diesem Sammelsurium aus Erinnerungen, Anekdoten und Scheinwirklichkeiten. Is this the real life? Or is it just Fantasy? sangen Queen, und ich habe aus meiner Perspektive keine Antwort darauf. Bin ich echt oder ein Konstrukt meiner in die Zukunft reichenden Erinnerungen? Ist meine Persönlichkeit eine retrospektiv eingefangene, aber prospektiv aufgefächerte Extrapolation? Wo ist mein ich verwurzelt, in welchem Haus wohnt mein Geist? Bin ich oder bin ich nicht -  und da, das gebe ich zu, endet mein Text etwas gewollt pathetisch - mein eigener Schattengast? 



Einsam ohne

Usus operi | November 23, 2020

Seit Wochen sitze ich am Fenster, sehe sie draußen, diese Menschen. Sollten die nicht zuhause sein, am Fenster sitzen und die leere Straße beäugen? Das Fallen der Blätter, das langsame Ziehen der Wolken, ach was, keine Wolken: Hochnebel. So hoch, ich kann ihn kaum mehr erkennen, nur Hellgrau, fast Weiß über dem Blau. Neulich noch Kraniche oder Reiher oder Gänse, nachschauen hätte ich können, habe doch bestimmt ein Buch, im Zweifel das Internet, doch eigentlich ist es egal. Sie ziehen fort, und ich bleibe am Fenster und beschaue die Wolken, den Hochnebel, und unten die Menschen. 

Seit Monaten sitze ich am Fenster, und immer noch wehen Menschen wie fallende Blätter durch die Straßen, droben die Wolken, mehr Blau als Hellgrau oder Weiß, bald wird Schnee fallen, und ich sitze dann am Fenster, lasse den Blick steigen in die Wolken, presse mir die Nase platt an der Scheibe. Kalt ist die, kann der Schnee kälter sein? Ich lege eine Hand auf das Glas, fühle nichts von den Menschen, wie auch. Sind zwar da, aber fern. Ich will sie nicht mehr sehen, warte auf den Schnee, der alles zudeckt, das Laub, die Straßen, die Menschen, die Welt. 

Im Sommer habe ich vom Balkon aus in die Sonne geblinzelt, spürte die Hitze bis tief unter die Haut. Hummeln besuchten den Lavendel. Ab und zu ein Vogel auf dem Geländer, ein überraschtes Pfeifen dann, doch das vertrieb mich nicht. Auf meinem Balkon war ich König, nur die Wolken über mir, am herrlich aufgespannten Himmel. Unter mir das Meer, murmelnd, fast wie Stimmen. Hätte es Menschen gegeben, ich hätte sie lachend begrüßt. 

Vielleicht gab es sie.
Weiß nicht. 
Egal auch. 
Habe niemanden vermisst. 

Ab und zu verlasse ich die Wohnung. Hülle mich dann in meinen Panzer aus Mütze, Maske, Schal, Mantel, Stiefel. Erkennt mich niemand so, und ich schleiche vorbei an allen, die mir ein Gespräch aufdrängen wollen wie Ware, die sich nicht verkauft. Die sind sicher auch viel daheim, denke ich, falls mich doch wer erwischt. Spüre den zähen Nebel in ihren Worten. Auch sie haben vergessen, wie man spricht. Sprach. Früher. Vorher. Smalltalk, so hieß das. Wie schmeckt dir das Wetter, gefällt dir die Uhrzeit; solche Sätze müssen das gewesen sein. Heute immer gleich zur Sache: Wie geht es, kennst du wen, wie lange wohl noch, diese Spinner (droben wie drunten). 

Verabschiede mich dann - ein Relikt aus alter Zeit - höflich, bevor ich gehe. Muss einkaufen gehen, obwohl der Kühlschrank überquillt und aus den Schubladen die Dosen zu mir aufblinzeln. Werden wir heute geöffnet, wenigstens morgen? Hier ist es so voll, hol uns raus. Iss uns, alles ist besser, als hier eingezwängt zu sein.

Hunger habe ich keinen mehr, mich dürstet nach einer erträglichen Einsamkeit. 

Am Fenster stehe ich später wieder und blinzle hinauf in den Himmel, Wolken ziehen mit den Kranich-Reiher-Gänsen um die Wette. Bald ist wieder Sonne, wo Schnee sein sollte. Viel zu warm alles, die Sonne, die Wolken, der Nebel, und trotzdem sind mir die Finger kalt. 

Eine Freundin ruft an, ich sehe sie auf dem Display, sie klingelt in einem Ton, der vorwurfsvoll klingt. Ich sehe sie läuten, und ich freue mich, ihr Gesicht zu sehen. Dann bricht es ab. Das Display wird wieder schwarz. Ich hoffe, sie versucht es wieder. Gerne würde ich sie wieder sehen. 



Alles nichts

Usus operi | November 19, 2020

Natürlich ärgere ich mich immer noch über den Wettbewerb. Komplett sinnbefreit. Ein Leser der Geschichte fand sie doof, monierte meinen offensichtlich nicht wissenschaftlich akkuraten Umgang mit einer Singularität: Die Geschichte wäre ok, wenn sich das schwarze Loch als Konzept zumindestens in grober Annäherung mit dem deckt, was ein populärwissenschaftlich interessierter Laie darunter versteht. 

Das ist jetzt zwei Wochen her, und natürlich ärgert es mich immer noch. 

Klar, rückblickend weiß ich auch, dass ein Astrophysiker einiges zu monieren gehabt hätte an der Geschichte, aber der Wettbewerb war erstens in der Sparte Phantastische Literatur angesiedelt und zweitens findet die ganze Handlung ohnehin nur in der Vorstellung des Protagonisten statt, der ebenso wenig wie sein Autor Ahnung von Astrophysik hat. 

Wobei mich wahrscheinlich eigentlich nur ärgert, dass mir nicht selbst die Unzulänglichkeit meiner Vorstellung eines schwarzen Lochs aufgefallen ist. Natürlich hat nicht geholfen, dass der Kommentator im gleichen Beitrag auf andere Autoren verwiesen hat, die seiner Ansicht nach komplexe Geschichten unnachahmlich schreiben können, implizierend, dass die sich nicht so daneben benommen hätten im Umgang mit Singularitäten. 
Bei mir blieb im Endeffekt nur hängen: Lass das mit dem Schreiben. Du bist nicht begabt genug, um einen Blumentopf zu gewinnen. Entmutigung deluxe halt. 

Auch nicht hilfreich die Erkenntnis, wie sehr sich seine Sicht auf Phantastik mit der meines Vaters deckt. Anfangs konnte ich noch darüber witzeln, letztendlich aber war es genau wie damals, als mein Vater sagte: Phantastik ist billig, man kann sich ja einfach alles ausdenken. Für jemanden wie mich, der seit fast 15 Jahren daran arbeitet, sich etwas auszudenken - eine Geschichte, die sich mittlerweile schon drei- bis achtmal gehäutet hat und die immer mehr Anleihen an real existierender Mythologie nimmt - ist das natürlich ein Schlag unter die Gürtellinie. Wie gesagt: Entmutigung. 

Im Grunde könnte mir das egal sein - wie mir alle Tiefschläge eigentlich egal sein könnten. Sei es die Abmahnung, sei es der Spott von Freunden über meine Entscheidungen, sei es das eine oder andere Trauma aus der Schulzeit; immer wieder gab es Momente, in denen ich meine kreative Ader auch nur ein Stückchen präsentieren wollte, und immer habe ich eins auf den Deckel bekommen. 

So oft, wie ich darüber schon lamentiert habe, sollte man meinen, das ginge eloquenter. Geht es nicht. Wozu sollte ich denn verblümen, wie sehr mich das trifft? Ist ja nicht so, dass mir Eloquenz hier hülfe. Zurücksetzung empfinde ich ja trotzdem. 

Was hülfe, wäre, es nicht zu ernst zu nehmen. Denn im Grunde nutzt mir die Anerkennung anderer nicht. Ja, es wäre schön, wenn sich jemand für die Kunst, die ich mache oder machen will, interessiert und mich irgendwie auch fördern will, aber wenn ich auf eine Aufforderung oder Erlaubnis Kunst zu machen warte, dann kann ich auch vergessen kreativ zu sein. Niemand wartet auf mich, der einzige, den ich glücklich machen muss, bin ich selbst. Alles andere ist nichts wert.



Herausforderungen, my ass

Usus operi | September 16, 2020

Ich weiß gar nicht, wo anfangen. Theoretisch schreibe ich gerade an einem Newsletter für den Verein, tatsächlich jedoch bleibe ich an irgendwelchem nöligen Zeug hängen. Und an reddit, weil sich ja sonst nix ergibt. Der Newsletter jedenfalls beginnt mehr oder weniger damit, dass die letzten sechs Monate eine Zeit voller Herausforderungen waren, und ich denke nur: Herausforderungen! Natürlich, was sonst? Als ob das Leben nicht immer herausfordernd wäre. 

Ganz ehrlich: die letzten 40,25 Jahre meines Lebens waren herausfordernd. Die letzten zehn- bis vierzigtausend Jahre der Menschheit waren herausfordernd. Die letzten Jahrmillionen hier auf der Erde waren herausfordernd. Die Jahrmilliarden seit dem Urknall waren herausfordernd. Alles war und wird immer sein: herausfordernd! 

Ich habe keine Toleranz mehr für dieses Wort. Für dieses Gefühl. Für diesen Zustand. So wenig wie ich in meiner täglichen Yoga-Praxis das Kamel länger als einige Sekunden halten kann (wenn überhaupt länger als eine Sekunde), so wenig ertrage ich dieses Herausforderungsmantra: Dieser Weg wird kein leichter sein.

Gleichzeitig weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Denn nur dadurch, dass ich mich dem Wort verweigere oder den Dauerzustand emotionaler Anspannung vermeiden will, wandelt sich ja nicht gleich alles zum Besseren. Jetzt brennen auf Samos statt in Moria die Zelte, Donald Trump könnte immer noch wiedergewählt werden, die Deutsche Bahn bekommt es immer noch nicht auf die Kette, die richtige Wagenreihung ihrer Züge anzuzeigen, und ich, ja ich höchstpersönlich scheitere ja auch an der Herausforderung, einen Text über Herausforderungen zu schreiben, ohne das Wort "Herausforderung" zu benutzen.

Was also tun? Vielleicht nicht so sehr auf die Anstrengung und das implizierte Scheitern konzentrieren, sondern eher auf die Chance zum Wachstum.

Pfft.

Klassischer Selbsthilfe-Ratgeber-Sprech. Willkommen in der Neufassung des Gelassenheitsgebets. Nicht hilfreich, wenn man eigentlich einen Newsletter schreiben will. Oder sich zumindest selbst vergeben, dass man die Zeit der Corona-Herausforderungen nicht genutzt hat, um das Herausforderungsmanagement zu verbessern oder aber sich aus dem Würgegriff der akuten Perspektivlosigkeit zu befreien. 

Denn darum geht es ja eigentlich: nicht so sehr darum, Herausforderungen zu meistern, sondern wieder eine Perspektive zu bekommen, die einen konstruktiven Blick in die Zukunft erlaubt. Momentan gibt es das für mich nicht. Natürlich ist jede Kontrolle Illusion, das hat uns ja das letzte halbe Jahr noch deutlicher gezeigt als alle Jahre zuvor. Natürlich hatte ich auch schon vorher nur begrenzte Kontrolle über mein Leben. Aber jetzt bin ich so sehr von außen gesteuert, dass ich mich gar nicht mehr in irgendeine Richtung bewegen kann.

Und auch das ist Illusion. Eine wunderbare kleine Selbstlüge, die es mir erlaubt, die Verantwortung für meine Tätigkeiten und mehr noch Untätigkeiten einfach abzugeben. Als hätte ich so viel Zeit auf reddit verbracht, weil das Leben plötzlich zu unberechenbar geworden wäre, um einfach an meinen Geschichten zu arbeiten. Oder mir irgendwie einfallen zu lassen, wie ich wieder Theater machen kann in einer Zeit, da Theatermachen einfach nur nicht geht. Oder eben nur nicht einfach geht. 

Und da kann ich mich also jetzt über das Wort aufregen oder über die Daueranspannung, letztlich konzentriere ich mich dabei doch nur auf einen Nebenschauplatz. Die Herausforderung stellt sich mir ja bloß, weil ich nicht aktiv an die Dinge herangehe. Das Hindernis muss ich ja nur überwinden, weil ich meinen Weg nicht sorgfältig genug geplant habe. Und ja, Pläne gehören in das gleiche Reich der Legenden, wo Kontrolle über die Zeitläufte möglich ist, aber zumindest kann man sich ja mal in eine Richtung bewegen statt einfach nur liegenzubleiben, wenn man beim Üben des Kamels einfach umgefallen ist. 

Was also tun? Nicht nachdenken und einfach den Newsletter schreiben. Und dann einfach weitermachen, einfach immer weiterschreiben und weiterhin nicht nachdenken, denn wozu muss ich denn nachdenken, wohin mein Leben gehen soll? Ich weiß es ja im Grunde schon: ich will - immer noch - Autor sein, Bücher schreiben, Geschichten erfinden und vielleicht ein bisschen was über die Welt erzählen. Denn auch wenn meine Sicht der Dinge vielleicht nicht spektakulär ist oder aber irgendwen aufrüttelt: mir ist es wichtig, mich in dieser Welt zu verorten und zu verstehen, warum die Dinge so sind wie sie sind. Und auch wenn niemand außer mir selbst je lesen sollte, was ich hier schreibe, ist es doch immerhin für mich relevant zu wissen, wie ich irgendwann einmal gedacht habe über die Welt und die Herausforderungen, denen ich mich stellen muss. 



Fremdleben

Usus operi | Juli 2, 2020

Liegt vielleicht an diesem Noch-nicht-wieder-ganz-da, vielleicht an dem Zwischendurch-mal-raus, vielleicht an dem Sowieso-immer-alles-anders: fühle mich fremd in meinem Leben. Was auch immer das ist, mein Leben. 

Klingt natürlich pathetisch, auch im englischen Sinn des Wortes. Meint aber ganz eindeutig, dass ich es einfach nicht weiß. Weder wer ich bin, noch wer zu sein ich mir wünsche. Oder, vielleicht zutreffender bislang: wer ich mir erlaube zu sein im Rahmen meiner eng gesteckten Grenzen des für andere Zumutbaren. 

Zu oft, denke ich, ich mache mich klein. Klar, ich vergeude, verspiele, verkenne mein Potential. Sage ich seit Jahren, ohne dass sich etwas ändert. Wie auch, wäre ich doch derjenige, der umsteuern müsste, das Schiff aus dem Trockendock hinaus in die offene See, wo es etwas zu riskieren, vielleicht etwas zu verlieren, garantiert aber etwas zu gewinnen gäbe. Erfahrung zum Beispiel. 

Stattdessen betrachte ich nur meinen eigenen Verfall, untersuche meine Langeweile, sehe mir beim Prokrastinieren zu. Aufbruchsimpulse zu setzen, wie mir das früher ab und zu gelang; mich zu motivieren, aus meiner Komfortzone auszubrechen und Neues zu wagen; mich mir abzustreifen und eine neue Identität anzulegen; alles schwieriger geworden. 

Ich stecke fest in dem Kokon, von dem ich letztes Jahr schrieb, ein Schmetterling auf der Suche nach der Freiheit, nach der Unbeschwertheit, vielleicht auch auf dem Weg in den ewig blauen Himmel unbegrenzter Möglichkeiten. Noch arbeite ich daran, der zu werden, der ich sein soll, doch ohne ein klares Bild, ohne einen überzeugenden Willen, ohne das Ablegen der ewigen Angst vor dem, was ich werden, was ich erreichen könnte, will ich mich nicht an die Enthüllung wagen. 

Der Künstler, das habe ich irgendwann in den letzten Tagen gelesen, muss loslassen können. Wer sich mit dem Gedanken arrangieren kann, das eigene Werk irgendwann anderen zur Rezeption, aber auch zur Interpretation überlassen zu können, wird erst richtig produktiv. Vielleicht trifft das auch auf alle schaffenden Menschen zu, die ein Stück ihrer Seele fixieren wollen, vielleicht auch sich selbst in einer Welt verankern wollen, die sie nicht gänzlich verstehen. Und die sie durch ihre Kunst bereichern und damit sich selbst ein Stück weit einverleiben. 

Vielleicht ist das aber auch etwas, das ich nun, da ich mich so fremd fühle in mir selbst und in dem Alltag, den ich kenne, aber irgendwie nicht so recht mag, auch übernehmen kann. Auf meine innere Stimme hören (statt auf Podcasts zu Fernsehserien) und mit der Welt in Kontakt treten. Wieder einmal fühlen, wer ich bin inmitten all der Fremde. 

In Zeiten von Corona und empfohlenem Rückzug ist das natürlich ein absonderlicher Spagat: mit Abstand Anderen näher zu kommen. 

Vielleicht ist Franz-Thomas doch auf dem richtigen Weg gewesen, vielleicht war seine Geschichte doch das, was ich erzählen wollte, ausformulieren muss, damit ich mich selbst wieder neu erfinden kann. Franz-Thomas ist dieser seltsame Typ, über den ich dauernd schreibe in den Wettbewerben. Der so phlegmatisch, so selbstmitleidig, so fernab von allen Menschen ist, die ihn lieben können wollen. Wenngleich Liebe vielleicht ein zu großes Wort dafür ist, was Franz-Thomas fehlt; Heimat reichte schon, Wurzeln zum Anankern an die Welt, damit das Wachsen in den Himmel nicht zum Verlust der Bodenhaftung führt. Damit die Seele nicht zu dünn wird, wenn man sich ausstreckt, um Andere zu berühren.