Die Wahrheit

Ich habe dieses Projekt gestartet - oder vielmehr als Einzelprojekt aus meinem restlichen Leben herausgeschnitten - als Versuch, nichts als die Wahrheit zu sagen.

Ich habe Angst davor, immer schon habe ich Angst vor der Wahrheit gehabt, vor jeglicher Art der Konfrontation damit. Und gleichzeitig nichts so sehr gehasst wie Unehrlichkeit und Lügner. Vielleicht wurzelt darin ein Stück meines Selbsthasses, immerhin bin ich ein ganz guter Lügner.
Bilde ich mir zumindest ein.
Vielleicht belüge ich auch nur mich und merke es nicht.

Tatsächlich ist dieses Projekt zum Scheitern verurteilt. Nicht so sehr, weil ich keine Ehrlichkeit aufbringen könnte, nicht so sehr, weil ich Angst vor der Verantwortung habe, die sich aus Ehrlichkeit heraus ergibt, Verantwortung, aus der ich mich sonst durch Lügen entzogen habe. Nein, das Projekt anderswolf.de kann nicht außerhalb des Kontextes stehen, der mein restliches Leben ist. So sehr es mich Kraft gekostet hat, vor meinem Coming Out ein Doppelleben zu führen, so sehr es mich auch jetzt wieder schwächt, bestimmte Teile meines Lebens vor bestimmten Menschen zu verbergen, so sehr beeinträchtigt es meine Fähigkeit, meine Zukunft zu gestalten.
Ich habe in den letzten Monaten im Zusammenhang mit Siremon eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Ich habe ein paar Wochen lang geschrieben wie ein Wahnsinniger, als gäbe es nur noch diese eine Chance und Gelegenheit, die Geschichte aus mir herauszubringen. Und dann, am Ende dieser paar Wochen, versiegte dieser Quell so plötzlich wie er gekommen war. Ich sehe die Geschichte auch kaum mehr in meinem Kopf. Ich weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Ich hatte das alles schon mal geplant, und trotzdem ist es fort. Ich habe meine Aufzeichnungen, sicher, aber es fühlt sich an wie eine fremde Geschichte. Ich bin mit dem Abschluss des ersten Teils einfach als Autor ausgefallen, als ob es jetzt an jemand anderem wäre, Kirrens Erlebnisse weiterzuerzählen.
Ich ahne, dass dieser Andere auch ich bin, allerdings ein anderes Ich, das erst noch entstehen muss, ein Ich, das nicht mehr fragmentiert und aufgeteilt ist in verschiedene Lebensbereiche, die sorgsam voneinander getrennt werden müssen.
Denn das war mein Gefühl der letzten Jahre: dass ich nicht gleichzeitig der Autor sein konnte und der Käseverkäufer, der Webdesigner und der Koch, der Lehrer und der Ernährungsberater. Und jetzt bin ich auch noch Schauspieler und Organisator, Moderator und Promoter. Ich habe viele Facetten, die ich nicht genau zusammenbringe, und das macht mich manchmal fast wahnsinnig, denn ich kann kein Gesamtbild daraus erstellen, kein Mosaik, das mit ein bisschen Abstand ein erkennbares Motiv ergibt.
Dass ich meine Wortarbeit so säuberlich von meinem Broterwerb trenne, lässt mich fast verzweifeln.
Fast.
Denn überraschenderweise mache ich derzeit eine Erfahrung, die ich noch nie hatte. Ich plane nicht, ich ziele nicht, ich lebe einfach nur. Ein bisschen irritiert mich das, denn ich hatte immer das eine oder andere Ziel, den einen oder anderen Plan, den ich verfolgt habe. Momentan lebe ich nur im Moment, ich achte kaum auf die Zeit, sondern tue einfach die Dinge, die ich will. Das sind überraschend wenige, doch manchmal auch überraschend konkrete Aufgaben, die schon ziemlich lange herumliegen.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich diese Sorglosigkeit sorgen sollte. Und dann wieder denke ich mir, dass ich mich mein ganzes Leben gesorgt habe. Als ich keine Freunde hatte, als ich keine Ziele hatte, als ich keine Arbeit hatte, als ich nichts anderes als Stress hatte. Ich habe immer Angst vor der Zukunft gehabt. Angst vor allem, was geschehen könnte, Angst vor allem, was nicht geschehen könnte. Momentan habe ich diese Angst nicht, sondern nur die Gewissheit, dass alles geschehen kann, und dass ich Teil von all diesen Geschehnissen sein werde. Und dass ich mit allem, was da kommt, umgehen können werde.
Ich ruhe momentan in mir, ich habe eine Zuversicht, die ich so nicht kenne und auch nicht auf irgendetwas zurückführen kann. Glücklicherweise auch nicht muss. Ich weiß, dass ich durch die Ergründung dieser Sorglosigkeit kein besserer, glücklicherer oder stärkerer Mensch werde. Es erscheint mir nutzlos. Noch nicht mal schädlich, einfach nur nutzlos. Warum also sollte ich das tun.
Natürlich habe ich immer noch keine Lust, länger in meinem Brotberuf zu arbeiten. Natürlich will ich da irgendwie raus. Aber ich habe Abstand dazu gewonnen. Ich rege mich nicht mehr darüber auf. Ich versuche, diese heitere Gelassenheit auch im Laden zu spüren und nicht den Stress, den ich mir sonst immer gemacht habe, an mich heranzulassen. Momentan geht das. Ich finde das gut. Was aber nun das Projekt anderswolf.de angeht, weiß ich nicht, was kommen wird. Ich weiß, dass ich irgendwas kreatives tun will und werde, ich ahne, dass das nicht alleine Worte sein können und werden. Ich bin gespannt und werde es weiterverfolgen.
Meine alternativen Kreativitätsoutlets wie tumblr oder soundcloud sind Inspirationsquellen, etwas vollkommen anderes zu machen. Ich ahne, dass etwas geschehen wird, das alles verändern kann, und dass es bald geschieht. Doch ich weiß nicht, inwieweit dieses Projekt in seiner ursprünglichen Intention als Wahrheits- und Geschichtenportal da noch seinen Zweck erfüllen kann. Ich werde sehen.