Anders Wolf

Fortschreitungen

Is this the real life?

Usus operi | November 27, 2020

Schattengäste bei den Schriftstellern vorgestellt. Krass, wie alt das Gedicht ist, wie jung ich damals war. So anders. 

Manchmal versuche ich mich an mein damaliges Selbst zu erinnern, an den scheuen, aber extrovertierten jungen Mann, der Angst hatte gesehen zu werden, den es aber dennoch so deutlich ins Rampenlicht trieb, dass er keine Scheu kannte, ein selbstgeschriebenes Gedicht auf der Bühne vorzulesen, aber Angst hatte, in einem Theaterstück mitzuspielen. Vielleicht weil er nicht wusste, wie anders tatsächliche Furchtlosigkeit sein könnte. 

Später, als ich schon ein anderer war, besaß ich diesen Mut, der kein Gegenteil kannte. Und das war nicht nur das Fehlen von Sorge, sondern ein komplettes Ausblenden möglicher negativer Konsequenzen meines Tuns. Ich war frei, im besten Sinn dieses Wortes. Ohne mir Gedanken machen zu müssen über das Morgen, das Später, das Gleich. 

Ich erkenne diesen Menschen mittlerweile kaum noch wieder. Klar, ich bin knapp 20 Jahre entfernt von ihm, und es ist viel passiert in diesen zwei Jahrzehnten, aber dennoch ist mir diese Zeit auf ähnliche Art verschlossen wie meine Jugend und Kindheit. Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich schon immer Ende 30 / Anfang 40 gewesen, hätte in dieser Wohnung gelebt, wäre von einem Zimmer zum anderen gegangen und hätte mal hier und da aus dem Fenster gesehen, während draußen die Welt und das Leben vorbeirasen wie Kometen. 

Wie läuft das mit den Tagen, Wochen, Monaten, Jahren? Wieso kann ich nicht einfach zurückblicken in einen anderen Moment, als erlebte ich ihn gerade neu? Wieso fallen mir die Namen meiner Mitschüler nicht mehr ein, obwohl ich mir in der Schule sogar ihre Geburtstage eingeprägt hatte, als hätte mir das einen Nutzen gebracht. Wieso habe ich nur so diffuse Erinnerungen an die Urlaube mit meinen Großeltern, weiß nur lose, dass wir durch das damalige Jugoslawien gefahren sind, um mit meinen Eltern Urlaub in Griechenland zu machen? Wieso erinnere ich mich lebhaft an die Alpträume, die ich als Kind hatte, aber nicht daran, wie es in der Schule war? Wie lange hebt das Gehirn Erinnerungen auf, bis es sie zugunsten neuer Erfahrungen entsorgt? 

Natürlich weiß ich, dass das Gehirn anders funktioniert, sich anders organisiert. Dass Sinneseindrücke über synaptische Verbindungen abgebildet werden und wiederholte Muster stärker sind als einmalige Erlebnisse, sofern diese Einzelerlebnisse nicht besonders einprägsam, sprich traumatisch sind. An den Unfall auf dem Rollsplit erinnere ich mich - und doch nicht, denn dazu ging alles zu schnell. Eine andere Autofahrt, sehr langsam durch dicht und dick fallenden Schnee, kommt mir in den Sinn - welche Assoziationskette liegt da in meinem Gehirn vergraben? 

Wer bin ich in diesem Sammelsurium aus Erinnerungen, Anekdoten und Scheinwirklichkeiten. Is this the real life? Or is it just Fantasy? sangen Queen, und ich habe aus meiner Perspektive keine Antwort darauf. Bin ich echt oder ein Konstrukt meiner in die Zukunft reichenden Erinnerungen? Ist meine Persönlichkeit eine retrospektiv eingefangene, aber prospektiv aufgefächerte Extrapolation? Wo ist mein ich verwurzelt, in welchem Haus wohnt mein Geist? Bin ich oder bin ich nicht -  und da, das gebe ich zu, endet mein Text etwas gewollt pathetisch - mein eigener Schattengast?