Die Nichtbeachtung der Anderen | ANDERSWOLF

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Die Nichtbeachtung der Anderen

Von der Front
August 10, 2010

Ein grauenvolles, aber wirksames Werkzeug zur Zerstörung des Selbstwertgefühls sind zufallsgesteuerte One-on-One-Chats. Sie veranschaulichen die Oberflächlichkeit und Willkürlichkeit des Menschen, wenn er die halbfreie Wahl des Gesprächspartners hat. Einer von mehreren Tausend Menschen weltweit wird per Zufall zugeschaltet, wer will, mit Bild und Ton. Es steht dem Nutzer frei, ein Gespräch zu führen oder, mit einem Knopfdruck, das Gespräch enden zu lassen, wenn es oder der Gespächspartner ihm nicht behagen. Meist ist es eher letzteres, denn das Gespräch an sich beginnt nicht recht, bevor man nicht weiß, welchen Geschlechts, Alters und Aussehens der Andere ist. In der Regel sind das erste und letzte Kriterium ausschlaggebend: hübsche (und zeigewillige) Frauen um 20 Jahre werden gesucht.

Da die Hauptzahl der Nutzer männlich ist, ist klar, wie selten das gewünschte Gespräch tatsächlich zustande kommt. Der Hauptteil der Zeit, die man bei 1O1-Chats verbringt, wird vom Weiterschalten beansprucht, wobei man von schmerbäuchigen masturbierenden Mittfünfzigern bis hin zu offensichtlich achtjährigen Mädchen alles auf den Schirm bekommt, was zu viel Freizeit und zu wenig Erfahrung, damit umzugehen, hat.

1O1-Chats gleichen dem Glücksspiel, und wie jenes verdirbt es die Moral des Menschen, macht abhängig nach dem kurzen Erfolg, der sich immer dann kurz einzustellen pflegt, wenn man gerade innerlich den Absprung gefunden zu haben glaubte, und dann doch nicht so war wie erhofft. Vor allem aber macht es den Menschen zur Ware, legt ihn in die Auslage einer schonungslosen Kamera: nichts ist so erniedrigend wie ein entsetzter Gesichtsausdruck, eine unflätige Geste, ein harsches Wort, wenn man die Zufallsbegegnung beginnt. Nichts ist mehr demoralisierend als ein Verbindungsende, bevor man überhaupt die Gelegenheit hatte, eine gemeinsame Verbindung zu finden. 1O1-Chats sind pure Oberflächlichkeit, und doch kann man gleichzeitig auch weit hinter die Oberflächen sehen. Ein einzelnes nettes Wort lässt einen Menschen, der schon 30 Ablehnungen hinter sich hat, fast buchstäblich leuchten. 30 Ablehnungen hat man leicht nach 5 Minuten erreicht.

1O1-Chats sind in dieser Ausprägung symptomatisch für eine Zeit, die nicht mehr darauf angewiesen scheint, aufeinander zu achten und füreinander da zu sein. Sie sind symptomatisch für die Egomanie des Web 2.0, das nicht etwa wie vielfach propagiert ein Internet der Vernetzung und der Netzwerke ist, sondern immer noch eines der Selbstdarstellung und Selbsüberzeichnung. Sie sind aber auch symptomatisch für eine Gesellschaft, die sich selbst vergisst, die nicht mehr eine starke Gemeinschaft ist, die von der Zahl ihrer Mitglieder profitiert, sondern nur noch eine Vielzahl von starken Egoisten ist, deren Masse sich gegenseitig bis hin zur Nutzlosigkeit neutralisiert.

Andererseits, und das ist der Lichtblick daran, sind 1O1-Chats nicht die Regel im Internet und im alltäglichen Miteinander, sondern eine Randerscheinung, die nichtsdestoweniger der genauen Betrachtung und vielleicht auch Überwachung bedarf. Letzteres betrifft die weite Spanne der Chat-Nutzer. Drastischer als in klassischen Chaträumen ist die Gefahr des Kindesmissbrauchs, der emotionalen und körperlichen Ausnutzung von Kindern durch Erwachsene. Für Kinder, die durchaus auch zu den Nutzern von 1O1-Chats gehören, mögen Bilder von Masturbation im besten Fall “nur” unverständlich, vielleicht aber auch verstörend sein, Kinder jedoch, die kein Verständnis für den Wert oder die Existenz von Privat- und Intimsphäre besitzen, sind gerade in der folgenlosen Anonymität von 1O1-Chats im schlimmsten Fall schutzlos der Gier von körperlichen und seelischen Vergewaltigern ausgeliefert.

Auch dies ist natürlich ein Versagen der Gesellschaft auf der Ebene der elterlichen Aufsichtspflicht, ein Teil der Verantwortung für den Schutz der Nutzer liegt aber sicherlich auch bei den Anbietern von 1O1-Chats.

Anders

Semiliterarisches Lebenslogbuch von
Anders Wolf, ab und an
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