Der Stillstand. Der verfluchte Stillstand.

"Dieser Stillstand", fluche ich. Und wirklich, auch wenn ich es seltsam finde, nicht rhethorisch flach zu fluchen, fluche ich so. "Dieser Stillstand", also, "dieser verfickte ewige Stillstand. Dieses ewige Nichtankommen, dieses unsägliche Nichtvomfleckkommen, diese beschissene Untätigkeit!"

Ich räume auf. In den letzten Tagen, da ich krank im Bett und auf dem Sofa lag und alles, was schwerer als ein verrotztes Taschentuch war, einfach fallenlassen musste, weil mir sowieso alles entglitt, hat sich Unordnung in der Wohnung angesammelt, an Ecken, da kann ich mir gar nicht erklären, was ich da gemacht habe. Ich räume also auf, finde nicht ein, sondern gleich zwei angelesene Taschenbücher unter dem Sofa, Schüsselchen mit ausgedrückten Teebeuteln im Schlafzimmer, in der Küche, auf dem Schreibtisch und im Wohnzimmer, ein angebissenes Croissant neben dem Bett.
Offensichtlich war ich nicht nur krank die letzten Tage, sondern überwiegend bewusstlos und schlafwandelnd. Mich regt das auf. Umso mehr, da ich derweil noch nicht wieder richtig gesund bin, im Gegenteil immer noch den dumpfen Druckschmerz der Nebenhöhlenentzündung spüre und den Schleim, diesen ewigen, widerlichen, unbeweglichen Schleim, der mein Gehirn verstopft.

Ich bin nicht oft krank. Krankheit, das habe ich während meiner Arbeit in dem alternativen Ausbildungsbetrieb gelernt, ist ja immer auch eine Kopf- und Einstellungssache: wer nicht krank werden will, wird es in der Regel auch nicht; Krankheit ist also ein Zeichen auch dafür, dass das Leben, das wir führen, nicht das ist, das wir führen wollen, weil wir es ja sonst so führen würden, dass es uns nicht krank werden ließe.
Ich habe lange gebraucht, bis ich das verstanden habe, auch wenn ich schon immer wusste, dass das stimmt. Ich habe immer nur dann Krankheiten gehabt, wenn ich unglücklich war; nie wurde ich unglücklich durch Krankheiten. Selbst als ich Filzläuse hatte, ging es mir nachher besser als vorher, immerhin brachte es mich dazu, eine ungesunde Beziehung zu beenden.
Gut aber, dass ich jetzt noch krank bin und nicht kraftstrotzend gesund. Laut brüllen würde ich sonst und nicht nur gemäßigt fluchen, während ich aufräume und mir mit jedem Teebeutel, den ich wegwerfe, und jedem Buch, das ich wieder an seinen Platz stelle, vorstelle, wie ich auch Stücke meines ungeordneten Lebens wieder ordentlich aufreihe und ein Muster aus den Bruchstücken meiner Vergangenheit zusammensetze, das mich nicht denken lässt: "Soll das so sein?"
Und so sitze ich, angeschlagen immer noch und daher auch ein wenig rührselig, plötzlich vor einem Karton, in dem ich Fotos aufbewahre, die mich an dieses elende Früher erinnern, in dem ich offensichtlich so viel fröhlicher war. In dem alle so viel glücklicher aussehen, nicht so sehr nach November und Verantwortung, sondern nach Urlaub und Badespaß, nach Weihnachtsmarkt und Frühlingserwachen. Zurück will ich dann, in diese Zeit, die so fern scheint und so friedlich, so viele Depressionen entfernt. Entscheiden könnte ich mich nicht leichten Herzens, fragte man mich, in welche Richtung ich gehen wollte, hätte ich die Wahl, ob voran oder zurück.
Und wahrscheinlich ist das auch die Antwort auf mein Fluchen: ich suche den Stillstand, diesen ewigen, unveränderlichen, nichtankommenden, nichtvomfleckkommenden, verfickten Stillstand, weil ich nicht weiß, was ich will.
Und so bleibe ich sitzen, zwischen Vergangenheit und Zukunft, mit dem Stechen der Krankheit im Kopf und der Hoffnungslosigkeit aller Winter im Herzen.