Angelsgeduld

Nach Reaktionen fischen und im Trüben eines Schriftstellerforums nach Feedback stochern, das ist ein mühseliges Geschäft. Wie sollte es anders sein? Gerade im Lyrikbereich gibt es viele kleine Fische und nur wenige Hechte, die große Literatur produzieren, und jetzt tummle ich mich auch noch im ohnehin nur kleinen Becken und versuche meinen ungerechtfertigten Anteil am Plankton abzubekommen. 

Ich tauge eigentlich nicht dazu. Ich bin kein Schriftsteller, kein Autor. "Ja aber", sagt Ihr zu recht, "ist denn das hier, dieses Fortschreitungsdings, ist das denn keine Schreiberei?" Nein, das sagt Ihr nicht, und das nicht nur, weil Ihr nicht existiert, sondern auch, weil Ihr unrecht hättet. Halb zumindest. Ja, es ist Schreiberei, aber nein, es qualifiziert mich nicht dazu, Autor zu nennen oder eben Schriftsteller. Wortwerfer vielleicht, Ergußlyriker, Schwallpathetiker, aber doch kein wahrer Künstler. 

Kunst ist natürlich subjektiv, und Kunst vergleichen zu wollen wird nicht funktionieren und niemanden glücklich machen, weder die Erzeuger noch die Verbraucher von Kunst. Was der eine als Kunst sieht, ein monochromes Bild mit interessanten Strukturen beispielsweise, erscheint dem anderen nur als leere Leinwand und keineswegs als gerechtfertigte Raumnutzung. Gleichwohl rechtfertigt diese Gleichzeitigkeit, Diffusität von Kunst-oder-nicht-Kunst wahrscheinlich die Einordnung als Kunst. Öffnet das Werk einen Diskussionsraum, ist es Kunst. Erzeugt es Desinteresse, Langeweile, ödet es an, dann kann es weg. 

Natürlich ist dann auch wieder die Frage berechtigt: Was definiert den Diskussionsraum? Ist es ausreichend, dass sich die Frage stellt, ob das Kunst ist oder weg kann? Oder muss es tatsächlich auch eine inhaltliche Diskussion geben? Im Fall der weißen Leinwand könnte man eine Gesellschaftskritik hineinlesen: Wir haben so viele Leinwände und so wenig Farbe sie zu füllen. Oder: Ich bin deprimiert, mag es mir aber nicht ansehen lassen und darum male ich meine Angst in Weiß auf und über meine Narben. Oder: Der Weiße Mann als Tonangeber hat ausgedient, das einzig Weiße, von dem ich mich dominiert sehen will, ist ein weißes Bild. 

Sei es, wie es sei: Kunst entsteht im Auge des Betrachters. Problematisch nur, wenn es keinen Betrachter gibt, wenn das Kunstwerk allein in der Weite steht und niemand sieht es. Wenn ein Baum fällt, und niemand ist dabei, fällt er dann wirklich? Wenn ein Stern implodiert, und niemand sieht es, ist es dann wirklich eine Nova? Arbeitet, um mich selbst von anderswo zu zitieren, die Milz nur dann, wenn man sie betrachtet?

Auf das Schriftstellerforum bezogen: ich brauche diese unmögliche Geduld. Die wenigsten der eingestellten Gedichte dort werden ausführlich besprochen, und wenn, dann in der Regel von Leuten, die sich nicht wirklich kritisch oder hilfreich damit auseinandersetzen wollen. Ich habe damit meine Probleme, weiß aber, dass sie inhärent der Internetkultur des Austausches geschuldet sind: nur wer gibt, dem wird (vielleicht) gegeben. 

Bleibt mir also nur weiterzuschwimmen durch den Schlick und Schlamm des lyrischen Tümpels, in den ich mich da begeben habe, in der Hoffnung, das zu finden, was ich vermutlich suche: Anerkennung. Albern ist das, denn welche Form von Anerkennung will ich da haben? "Oha, dichten kann er ja doch" ist ja nun auch nicht, was ich hören will. Oder eigentlich schon, aber es bringt mich wahrscheinlich nicht weiter. Denn selbst wenn ich das zu hören bekäme: es lehrt mich nichts. Und auch wenn ich mich nicht immer in der Rezeption von Feedback so anstelle, als würde ich daraus lernen wollen, so bleibt mir doch kein anderer Ansporn als der, immer besser zu werden.

Mein Talent (es sei mal angenommen, ich hätte welches) reicht nämlich nicht aus, um meinen Roman oder die fünf Kurzgeschichten zu vermarkten. Und damit meine ich: mich will niemand lesen. Ich schreibe nicht interessant oder nahbar genug. Vielleicht habe ich auch die falschen Themen (wenn ich überhaupt welche habe). Mitunter fesseln mich meine Texte ja selbst nicht genug, dass ich sie zuende bringen will. Sonst hätte ich ja nicht so unfassbar viele Fragmente gehortet in der Hoffnung, dass sie irgendwann einmal ein zusammenhängendes Bild ergeben. 

Auch da hilft wahrscheinlich nur: Geduld. Und: Weitermachen.