Jack of all trades

Die Entscheidung zu fällen, den Traum vom professionellen Schreiben aufzugeben, war einfach. Sie nicht als Niederlage zu begreifen, wird schwer werden, schwerer noch, da ich nicht weiß (und nie wusste), was sonst ich mit meinem Leben anfangen wollte.

Seit dem Ende meines Studiums, das mir einmal Sinn, Struktur und Selbstdefinition gegeben hat, sind Jahre des schleichenden Verlustes vergangen. Viel ist von all dem Wissen nicht übrig außer der verblassenden Erkenntnis, dass ich schnell lerne und langsam vergesse, dass ich gut mit Menschen umgehen, sie trotzdem nicht leiden kann.
Was macht man damit? Wie kann man das nutzen, um nicht zurückzufallen in die Lethargie der Vergangenheit, die jeden Tag und jede Stunde lockt, ich könne noch immer umkehren und die Geschichte aufschreiben, die Visionen festhalten, die zu haben ich glaube und doch nur Schlaglichter eruptierender Kreativität sind?
Ich habe es versucht, habe jeden Tag ein halbes Fragment, drei oder vier Sätze geschrieben, nur um festzustellen, dass die Sätze, die ich in meinem Kopf trage, sich nicht in feste Buchstaben fügen wollen. Vielleicht habe ich immer noch zu viel Angst vor dem Scheitern oder vor dem Verlust. Vielleicht bin ich auch anderweitig blockiert.
Unabhängig von Gründen scheitere ich aber immer wieder; das Bild, das ich malen will, erscheint nicht, die Worte, die ich finden will, rinnen mir wie Wasser durch die Finger. Mit jedem Misserfolg, habe ich gelesen, schwindet die Kraft für einen erneuten Versuch, das Monster zu bekämpfen. Von Sieg stand da nichts, und ich hoffe zwar einerseits, dass der Kampf alleine schon ein Sieg ist, befürchte andererseits aber, dass, wenn dem so sei, ich schon verloren habe.
Verloren, aufgegeben, hinter mir gelassen, wer weiß schon genau, wann das Gehirn den nächsten Bruch im Lebenslauf zu einer aktiven Entscheidung umerinnert.

Was mache ich als nächstes, frage ich mich.

Heute im Elektronikfachmarkt plötzlich vor Computerspielen aufgewacht ohne eine Erinnerung daran, was ich dort wollte. Wie ich mich nie daran erinnere, bewusst irgendwohin gegangen zu sein. Ich erinnere mich an die Orte, an denen ich war, ich erinnere mich verblüffend gut an Gesichter und nie an Namen, ich erinnere mich manchmal sogar an Dinge, die erst noch geschehen müssen.
Und doch kann ich keine einzige Entscheidung von mir als solche wiedergeben. Nie ist etwas passiert, weil ich es bewusst wollte.
Dinge geschehen, und ich ahne, dass ich am Geschehenlassen teilhabe, nur wie und wann und wo, das habe ich nicht erlebt. Kreativ will ich sein, ein Schaffer, Erschaffer. Egal, was wird, immer werde ich Dinge sehen, Momentaufnahmen machen; und was immer wird: eine Collage, die Neues erzeugt aus sich selbst, aus mir und meiner Umgebung. Da die Realität formbar ist, erschaffe ich sie selbst aus den Splittern dessen, was andere sehen. Design nennt man das wohl oder Erfindungsgabe, Schöpfung oder Chaos aus Ordnung aus Chaos. Lifecycle mechanisms.

Wie schön wäre es, selbst ein Mechanismus zu sein, kein Wesen mit haltlosem Willen, der zwar relativ in seiner Freiheit, aber absolut in seinem Freiheitswillen ist. Wie schön wäre es, einfach zu funktionieren, nach Regeln, nach Programmen, nach Standards; wie schön, funktionierte man dank Rädchen und Bändern, Schaltkreisen und Lötstellen.
Ja, das Gehirn ist ein Riesencomputer, das Programm läuft und läuft die ganze Zeit und der freie Wille ist ein Theaterstück für den Geist, der nicht denken soll, es gebe ihn nicht; der Geist darf das nie erfahren. er zerbräche daran.
Critical Error.
Ausnahmefehlstelle.
Identifikatorischer Nullpunkt.
Selbstverständnisimplosion.

Kreativ also will ich sein, kann ja nichts anderes, schnitze in Gedanken ja schon wieder Möbel und entwerfe Stoffe, grabe im Geiste Gärten um und tapeziere Wände. Angst habe ich, dass ich nichts davon jemals mache, obwohl ich es könnte, entschiede ich mich nur für ein einziges.
Aber was ist mit dem Anderen? Es gibt noch so vieles, was getan werden muss und möchte. So vieles was gelernt und vielleicht irgendwann vergessen werden kann.
Vielleicht kann ich alles machen?
Designer, Programmierer, Autor, Koch, Ernährungsberater, Gärtner, Verkäufer, Schriftsteller (ja, dann doch wieder), Biochemiker, Lehrer, Politiker, Psychologe, Künstler. Irgendwann auch einmal wieder Freund. Irgendwann wieder Lebenspartner. Jack of all trades, so nennt man den Hansdampf, den Tausendsassa im Englischen. Einer, der vieles beginnt und nichts beendet, der vieles ein bisschen und nichts richtig kann. In allen Sprachen gibt es ihn, den Mann mit den tausend Messern, von denen keines schneidet, dem, der so vieles festhalten will, dass ihm alles aus den Händen fällt.
Jack of all trades, master of none.

Es ist schwer, an einer Entscheidung festzuhalten, die so sehr nach Aufgeben aussieht. Und doch kann ich nicht mehr gegen mich kämpfen. Nicht so, mit der Aussicht auf den nächsten Misserfolg, auf die nächste Enttäuschung. Nicht jetzt, nicht in diesem Winter, nicht noch einen Winter.
Ich fürchte mich vor dieser kommenden Zeit, mehr noch als ich mich bisher vor dem Winter gefürchtet habe, denn ich werde endgültig auf den Nullpunkt zusteuern, den ich vermeiden wollte.
Die Ausnahmefehlstelle.
Der Schmerz der absoluten Wahrheit.
Aber welche Wahl habe ich schon? Der Schmerz bringt die Menschen zu sich, habe ich in einem anderen Leben geschrieben; Schmerz ist ein Warnsignal, ein machtvoller Indikator für falsche Entwicklungen, er ist nicht allein schlecht oder zerstörend. Er kann uns auch leiten, wenn wir an Orten sind, wo wir nicht mehr sehen. Wenn wir nicht mehr wissen, wer wir sind. Wenn wir alles können, aber nichts wollen, muss vielleicht der Schmerz uns leiten.