Restposten

Ganz vorbei ist es ja dann doch nicht. Nichts ist das bei mir jemals. Gedanken hören ja nicht einfach auf, und auch das Siremon-Projekt hat also nicht einfach aufgehört. Im Gegenteil erlebe ich gerade wieder eine überraschende Entdeckungslust, eine Tendenz, doch herausfinden zu wollen, was wirklich passierte in jenen letzten Tagen und Monaten auf Siremon, bevor die Welt in Flammen aufging.
Vielleicht ist das die wichtigste und womöglich letzte Aufgabe von anderswolf.de: endlich diese Krankheit von einer Geschichte zu dokumentieren, an der ich nun schon über ein halbes Jahrzehnt laboriere. Diese Geschichte von einem Jungen, der seiner eigenen Bestimmung misstraut und schließlich doch nicht anders kann, als ihr zu folgen, auch wenn sie ihn dazu bringen wird, seine Kindheit, seine Unbeschwertheit, seine Unbefangenheit für immer hinter sich zu lassen.

Das ist ja auch, ohne dass ich absichtlich der Geschichte einen psychologischen Unterbau geben wollte, des Pudels Kern: dass man sich seinen Herausforderungen stellen muss, dass man irgendwann nicht mehr an der Verantwortung, die man trägt, nicht mehr vorbeischielen darf. Irgendwann nicht mehr kann.
Und auch wenn die Angst noch so groß sein sollte, hilft sie nicht.
Glück im Leben erreicht man nicht durch Hadern und Zweifeln und Wegsehen.

Irgendwann dachte ich, dieses Blog, das ich schon so oft und immer wieder beenden wollte, sei um meiner Selbstfindung willen zu schreiben, und um zu mir selbst zu finden. Tatsächlich ist das nicht abwegig, denn das regelmäßige Schreiben ist etwas, das ich üben und tun muss, das strukturierte Textarbeiten ist etwas, das ich lernen und vielleicht irgendwann einmal meistern muss. Doch diese Texte müssen keine Bauchnabelschau mehr sein, mussten sie noch nie. Waren sie dennoch viel zu oft.
Bloggen ist ja auch Eitelkeitspflege. Über die Jahre habe ich auch immer einen schleichenden Qualitätsverlust bei meinen Texten ausgemacht, eine Verflachung der Sprache, eine wachsende Beliebigkeit des Stils. So sehr das vielleicht auch objektiv stimmen mag, dokumentiert diese Entwicklung für mich vor allem eine abnehmende Selbstüberschätzung meinerseits bis hin zur Respektlosigkeit mir selbst und meinen Worten gegenüber. Das erleichtert positiv gesehen meine Neuerfindung und säkularisiert den Prozess des Schreibens an sich auch.

Die negativen Folgen wiegen leider schwerer: durch zunehmenden Selbsthass erlegte ich mir ein Rede- und Schreibverbot auf, das letztlich zu meiner aktuellen Kreativitätsverweigerung führte. Für jemanden, der von nichts anderem als Worten leben wollte, dramatisch.
Das Siremon-Projekt unter diesen Vorraussetzungen irgendwie einzuschieben, abzuarbeiten gar, erscheint da nahe an unmöglich. Das macht es mir neben all den Plotlöchern und arbeitsunwilligen Protagonisten natürlich nicht leichter. Und dennoch kann ich es nicht vollkommen ablegen; egal wie oft ich das auch schon behauptet und versucht habe. Die Geschichte verlässt meinen Kopf nicht, so sehr ich auch versuche, nicht daran zu denken. Früher oder später kommt dann wieder ein Gedanke, der alles wieder an die Oberfläche meines Bewusstseins spült, so dass ich endlich wieder weiß, wie es weiter geht, ja weiter gehen muss.
Siremon erschafft sich selbst aus mir, und ich wünschte, es schriebe sich auch so selbsttätig auf, wie es sich manchmal mitten in mein Blickfeld schiebt.
Was also bleibt, sind diese Restposten, die keine Restposten sind, sondern lange ruhende Saat, die aufgeht wie Unkraut auf einem verlassenen, nicht mehr bestellten Feld.
Meine einzige Hoffnung ist die auf eine unerhoffte Ernte.