Das HI-Virus und ich. Ein Abschied.

Als ich meiner Mutter meine Homosexualität gestand, war ihre größte Angst, dass ich an AIDS erkranken würde. Obwohl sie, wie ich später durch Zufall erfuhr, eigentlich fühlte, ihr Sohn sei bereits bei jener Offenbarung gestorben, konnte sie doch noch das HI-Virus fürchten, das mich früher oder später infizieren würde.
Infiziert hat mich vor allem ihre Angst.

In den zehn Jahren seit meinem Coming Out hatte ich Sex mit 5 Männern, mit Nummer fünf bin ich seit achteinhalb Jahren zusammen. Angst, positiv zu sein, hatte ich trotzdem immer, so große Angst, dass ich mich mit Vermutungen beschwichtigte, emotionale Rechnungen um meine Gesundheit aufmachte, mir immer wieder sagte, ich sei nicht positiv, könne es ja nicht sein bei meiner geringen Anzahl an Sexualpartnern, obwohl ich genau wusste, dass ein einziges ungeschütztes Mal schon mehr als genug sein könnte.

Kurz vor meinem Coming Out, ich hatte eben mit dem Zivildienst begonnen und absolvierte einen Grundlagenkurs zur Assistenz im Pflegedienst, schrieb ich einen diagnostischen Text über einen an AIDS erkrankten jungen Mann, der in den letzten Tagen vor seinem Tod seine Geschichte erzählt. Ein einziger Ausrutscher im Suff auf einer Party besiegelte sein Schicksal. Ich ließ ihn sterben und fügte dies später meiner Liste an Erklärungen hinzu, warum ich nicht positiv sein könnte, hatte ich mir doch das drohende Los vom Leib geschrieben. Dumm genug für eine Infektion wäre ich natürlich trotzdem gewesen.

In den letzten acht Jahren, die ich mit dem Freund zusammen bin, lag ich oft nachts wach und ging die Rechnung um mein Leben durch. Und so gering die Wahrscheinlichkeit für eine Infektion auch war, immer wieder brachte mich meine Angst an jene Punkte zurück, da ich zu dumm gewesen war, zu geil, um zu denken. Und so gewann meine Angst vor der Erkrankung eine größere Macht über mich als die Erkrankung es jemals hätte können. Meine Angst war so groß, dass ich sogar den eigentlichen Test scheute. Ich könnte ja tatsächlich positiv sein.
Manchmal in diesen Nächten habe ich mir die Infektion sogar herbeigesehnt. Ich würde dann nur noch machen, was ich wollte, würde die Bücher schreiben, die ich wollte, das Leben führen, das ich wollte, würde nicht mehr von meiner Angst und der Angst meiner Mutter daran gehindert werden zu leben.
Das wollte ich: Im Angesicht des Todes endlich leben.
Bis ich erkannte, dass ich kein Todesurteil im Nacken als Erlaubnis zum Leben brauchte, verstrich wertvolle Zeit.

Zehn Jahre seit meinem ersten und letzten Test auf HIV lebte ich mit der Angst vor dem Virus, der mich gleichzeitig töten und befreien würde. Ich musste erst von meiner Mutter enttäuscht werden, um zu erkennen, dass ich mich nicht mit ihrer Angst für meine Homosexualität bestrafen musste.
Und ich brauchte einen chronischen bronchialen Infekt, um endlich zu einem Arzt zu gehen. Um endlich einmal über mein Leben zu sprechen. Um endlich den Test zu machen.

Heute habe ich das Ergebnis bekommen. Ich bin nicht infiziert. Ich bin, bis auf den bronchialen Infekt, gesund. Statt dessen habe ich erkannt, dass ich mich nicht von einer obskuren Angst, die nicht einmal meine eigene ist, daran hindern lassen darf, zu leben. Geholfen hat mir dabei auch mein Arzt, dem ich mein Vertrauen schenken und meine Angst eingestehen konnte. Der mir bewusst gemacht hat, dass die Angst vor einer Krankheit manchmal die schlimmere Erkrankung ist und in Wahrheit Angst vor dem Leben ist. Meine Angst, infiziert zu sein, habe ich losgelassen und ich denke, auch die Angst vor dem Leben bekomme ich dadurch in den Griff. Es wird weh tun, und ich werde am Ende sterben.
Doch wem geht das anders?