Lichterfest. Was man so will.

Die eigentliche Frage - nämlich: wohin will ich mit mir und meinem Leben? - bleibt natürlich unbeantwortet.

Jedes Feuer, das ich entzünde, brennt für mich alleine, bevor es erlischt. Doch ich trage mein Licht ja auch nicht hinaus in die Welt, die doch ohnehin schon überbeleuchtet ist von Lichtern und Leuchten und Blendern. Ich bin mir selbst genug, sage ich im Wissen, dass das nicht stimmt, dass niemand je sich selbst so sehr genug war, dass er nicht von mehr als dem geträumt hätte als er je besaß.

Mit dem Freund streife ich mal wieder durch Möbelhäuser auf der Suche nach einem neuen Kleiderschrank.
"Nicht zu hoch", sage ich und denke an die wenigen Kleidungsstücke, die ich wirklich liebe (fünf T-Shirts, zwei Hosen, drei Strickjacken, ein Pullover), und an die vielen, die ich trotzdem habe.
"Vielleicht reicht auch eine Kommode", murmele ich, der Freund ist aber eh schon wieder außer Hörweite, ist vor einer Schrankwand stehengeblieben, die ich ignoriert habe. So viel in meinem Leben könnte ich aussortieren, denke ich, Kleidung und Bücher, Möbel und CDs. Den Computer, denke ich kurz, bevor mir einfällt, dass das nicht geht, dass der Computer meine Lebensader geworden ist, dass der Computer mir zumindest das Gefühl von Teilhabe an etwas gibt, das ich nicht benennen kann, das sich aber als irgendwas zwischen Facebook und Blog und E-Mail-Programm anfühlt. Gemeinschaft vielleicht, denn das fehlt mir, wenn ich so viele Tage alleine zu Hause bin, nichts anderes mache als zu lesen und ab und zu mal etwas zu schreiben.
Gemeinschaft, die ich andererseits aber auch fast genauso schnell wieder verlassen möchte: Nähe bekommt mir nicht, nicht immer jedenfalls. Die Erblast des Außenseiters, denke ich und weiß gleichzeitig, dass es mangelndes Selbstbewusstsein ist, das mir das Gefühl gibt, niemals meinem Gesprächspartner ebenbürtig zu sein. Und dass es eben dieses mangelnde Selbstbewusstsein war, das mich erst zum Außenseiter gemacht hat, nicht umgekehrt.
Und dann frage ich mich, wie viel Kraft mich das in den letzten Jahren eigentlich gekostet hat, Außenseiter zu bleiben, mich sogar als Außenseiter weiter von allem fort zu bewegen, gesellschaftsinkonforme Überzeugungen zu pflegen, nicht meine Seele an einen Konzern zu verkaufen, nicht ein Schaf in der Menge zu sein, sondern der Wolf.
Viel Kraft muss das gewesen sein, und ich muss mich setzen, so schwach fühle ich mich plötzlich.
Wie viele Menschen kämpfen so jeden Tag gegen sich selbst?
Wie viele Menschen denken seit Jahren: so, wie sie ist, kann diese Gesellschaft, nicht mehr funktionieren?
Wie viel Energie wird für Selbstverleugnung verbraucht, wie viele Menschen verbrennen sich jeden Tag, wenn sie im Stau zu einer Arbeit stehen, deren höheren Sinn sie nicht sehen?
Wie viel Kraft geht dabei verloren, nicht man selbst zu sein, Kraft, die dann dazu fehlt, freundlich zu sich und anderen zu sein?
Wie viele Menschen entzünden erst im Stillen ihr Licht und lassen es nur für sich leuchten, verschämt ob der Schönheit, die sie in sich tragen?

"Hier bist du ja", reißt mich der Freund aus meinen Gedanken. "Ist was? Du siehst so angestrengt aus."
"Ich habe nachgedacht." Und weil ich den Freund nicht immer mit so verstörenden Gedanken beunruhigen will, sage ich noch: "Über Möbel."
"Schlimm, nicht? Lass uns gehen, die Schränke hier sind nichts für uns."
Eigentlich, denke ich im Gehen, will man ja eigentlich nur nicht alleine sein. Dass wir aber nicht alleine sind, sehen wir nicht immer gut.