Morpheon    Träume und Verträumtes, manchmal auch nur der neblige Nachgeschmack von Verlorenem.

Tiefsee

Im Fernseher erklärt eine Taucherin, was sie im Wasser hört. „Das Einatmen klingt nach Darth Vader.“ Sie kehlt ein langes ch. „Und beim Ausatmen strudeln die Luftblasen am Ohr vorbei.“ Sie hat ihre Finger zu konischen Spitzen zusammengelegt und lässt sie neben ihrem Gesicht aufsteigend in die Luft schnappen. „Blub blub blupi blub.“
„Das haben wir schon mal gesehen“, sagt der Göttergatte.
„Ja, kann sein“, erwidere ich. „Aber ich glaube, wir haben umgeschaltet, als sie dieses Geblubbere gemacht hat.“
„Nein, wir haben ausgeschaltet und sind ins Bett gegangen. Das war Freitagabend in dieser Kultursendung.“
„Eine Kultursendung am Freitagabend? Wer schaut denn sowas?“
„Wir offensichtlich.“
„Offensichtlich nicht, sonst hätten wir ja nicht ausgeschaltet.“
„Vielleicht war es spät.“
„Und der Beitrag ist ja auch immer noch nicht besonders interessant.“
„Stimmt.“
Wir schauen der Taucherin zu, wie sie an einem Korallenriff entlangtaucht. Aus dem Off sagt ihre Stimme: „Die Tiefsee ist weniger erforscht als das Weltall.“
„Schalt um, das kennen wir doch schon. Gleich wird sie sagen, dass da trotzdem schon menschengemachter Müll hingelangt ist.“
Durchs Bild treibt eine Plastiktüte.
"Was habe ich gesagt?"
Die Stimme aus dem Off sagt: „Neuesten Erkenntnissen zufolge können Grönlandhaie bis zu 500 Jahre alt werden.“
Als die Plastiktüte sich umwendet, ist plötzlich ein Auge zu sehen.
Der Göttergatte sagt: „Oh.“
„Hm?“
„Ich habe zuerst gedacht, dass das eine Plastiktüte ist.“
„Pft. Sieht doch jeder, dass es ein Hai ist. Mit den Zähnen.“
Es blubbert wieder. Aus dem Dunkelgraugrün schält sich ein Müllberg.
„Muscheln können sogar noch älter werden.“
Ich schnaube.
Der Göttergatte sagt: „Das sind doch keine Muscheln.“
„Ich glaube, das ist eine Fake-Doku.“
„Und Forscher haben Schwämme gefunden, die sogar Tausende von Jahren alt sein könnten.“
Im Bild brackiger Meeresboden, darauf graues Gekröse.
„Und du jammerst, wenn ich nicht alle paar Wochen den Küchenschwamm austausche. Dabei können die Tausende von Jahren alt werden.“
„Ja, wenn sie leben.“
Da fällt mir nichts ein. Also sage ich: „Schalt um, das kennen wir doch schon.“
Der Göttergatte schaltet um. Der Bildschirm ist schwarz.
„Hä?“
Dann wird er grau, fleckig, faserig, dann wehen Fetzen durchs Bild.
„Wieder Tiefsee?“
Plötzlich Grün im Hintergrund, davor Kraftwerkschlote, daraus graue Berge. Die Kamera schält sich ganz aus dem Gewölk.
„Ah“, machen der Göttergatte und ich gemeinsam.
„Der CO2-Ausstoß soll bis –“
Der Göttergatte schaltet um.
„Kennen wir schon.“

 

 

 

Das Schloss

Im Traum durch eine obskure und trotzdem bekannte Landschaft gelaufen, Wege hinab und hinauf, die ich kenne und eben doch nicht. Zuletzt befand ich mich in Ruinen eines Schlosses, das mir vertraut vorkam - in früheren Träumen hatte ich hier Zeit verbracht. Die Wände waren damals fein verputzt gewesen, vielleicht auch aus Sandstein. Dieses Mal fehlte das Dach und dennoch war der Blick zum Himmel versperrt, die Wände nur noch unverputzte Ziegelsteine. Größer wirkte das alles, luftiger, und doch, weil ich über bemoosten Boden ging, seltsam gemütlich. 

Ich war zuhause und wusste doch: Ich durfte hier nicht sein. Und tatsächlich kam nicht lang danach der Denkmalschutz, der mich aus dem Dunkel herausholte mit den Worten: Das Eindringen dort sei verboten. 

Dass ich einen Schlüssel hatte, dass dies mein Heim war, dass ich der einzig wahre Berechtigte für diesen Ort sei, sagte ich nicht, denn die Worte leuchteten mir ein: Niemand sollte an einem solchen Ort leben, in einem leeren Museum, einem verfallenen Schloss, einem Nichtort wie diesem. 

Draußen war wieder der lichte Birkenwald, durch den ich vorher gerannt war, bevor ich mich unversehens im Schloss wiedergefunden hatte. Und noch jemand war dort: Jemma Simmons, Agentin bei S.H.I.E.L.D., vielleicht aber auch Elizabeth Henstridge, von der ich neulich erst ein Vlog gesehen hatte. Sie erinnerte mich an jemanden oder eigentlich daran, wie ich einmal gewesen war: Neugierig, fröhlich, nicht so down wie in den letzten Wochen, Monaten, Jahren. 

Wobei ich nicht weiß, ob ich so war. Ich will so gewesen sein, doch ich habe das Gefühl, dass ich so lange schon so bin, wie ich jetzt bin, so ausgeglichen dumpf. So desinteressiert an so vielem.
Und auch hier weiß ich nicht, ob das zutrifft, denn ich bin ja interessiert an Dingen, nur eben in der Regel nicht an denen, die meinen Alltag füllen, was natürlich einigermaßen ungünstig für meine geistige Gesundheit ist.

Nach dem Aufwachen den Nachgeschmack von Verlorenem gespürt, und auch jetzt, einige Stunden und einiges Nachdenken später, weiß ich noch nicht: Trauere ich dem Traum nach oder dem, was ich vielleicht oder vielleicht auch nicht einmal war. 

Die Wolken ziehen nicht weiter

Alles ist erstarrt, die Zeit, die Wolken, die Sonne, das Bild bleibt ewig das selbe.

Ich stehe auf, ich gehe zu Bett, ich laufe durch stumme Straßen, durch den Park, wo die ersten Blätter im Fall gefangen sind, unfähig, je den Boden zu erreichen. Die Menschen um mich dagegen sind so schnell, so viel schneller als ich, ich nehme nur Schatten und Schemen wahr, ihre Stimmen so leise, dass ich sie nicht mehr höre, alles rast und rennt, nur ich verharre in jener Zwischenzeit, die nicht natürlich und nicht menschlich ist.
Die Tage dehnen und strecken sich, ohne Horizont gähnen sie mich morgens an, nur um Sekunden später das Nachglühen des Sonnenuntergangs verbrennen lassen. Die Sterne stehen still, doch der Mond wandelt seine Phasen innerhalb von Stunden.
Ich stehe auf, ich gehe zu Bett, es ändert nichts, unterscheidet nichts, ich bin wie einzementiert in mein Leben, das sich nicht verändern will. Und doch ist da kein Zement, ist da nur die Angst vor dem Unbekannten, vor dem Nicht-mehr-ich-selbst-sein, vor der großen Veränderung, die ich doch so sehr erhoffe.

Im Gespräch mit Kunden spreche ich rasch über Politik, denn das ist ein Feld, das ich kenne: die Aufregung, den Willen selbst des konservativen Bio-Bürgertums zur Revolte, zum Umsturz. Wie sie alle darauf warten, dass endlich ein Retter kommt, einer, der endlich mal sagt, was passiert, egal wie unangenehm diese Wahrheit sei, die aber wenigstens ein einziges Mal die Wahrheit ist.
Sie alle sehnen sich danach, dass es uns endlich schlecht genug geht, dass wir nicht mehr mit Scheindebatten die Symptomatik verkleistern, sondern endlich an der Wurzel des Problems arbeiten: dem Verlust an Gemeinschaft, der Vereinzelung des Menschen im Staat, der Entfernung von Regierung und Regierten, dem ewigen Ich-Primat in Zeiten des verblassenden Gemeinsinns.
Sie alle sehnen sich danach, durch die Wahrheit von ihren Lügen, auch von ihren Selbstlügen erlöst zu werden.
Sie alle, denke ich, sage ich, schreibe ich, und meine doch nur mich.
Ich habe es satt, mich selbst mit Vorwürfen und Entschuldigungen zu überhäufen, ich habe es so satt, meinen Mund zu halten aus Sorge, irgendjemand könnte meinen wahren Gedanken zu nahe kommen. Und das nicht einmal aus Sorge, dafür abgelehnt zu werden, nein, viel schlimmer: ich habe Angst, jemand könnte auf den Gedanken kommen, mich meiner Gedanken wegen zu mögen.

"Es ging immer nur um Dich, Kirren! All die Spiele, die Marathorn trieb, alle Fäden, die er zog, alles tat er immer nur für Dich!"
"Arket, das ist doch lächerlich. Was ist an mir so Besonderes, dass er..."
"Nichts! Du bist Nichts! Du bist ein unfähiger Magier, ein ängstlicher Mensch, ein Nichtsnutz. Und doch hat Marathorn in Dir etwas gesehen, das niemand sehen konnte."
"Du täuschst Dich, das kann nicht sein."
"Weißt Du, weswegen ich mit Dir gegangen bin? Warum ich Dich beschützt habe, als die Soldaten uns angegriffen haben?"
"Weil Du mein Freund bist?" Kirren sprach das so leise aus, als ahnte er, dass dies nicht Arkets Antwort sein würde.
"Weil Marathorn es mir befohlen hat. Weil Marathorn schon seit Jahren ahnte, dass etwas geschehen sollte, habe ich immer zu Dir gehalten. Er hat mir Versprechungen gemacht dafür, er hat geschworen, es gelte, nicht nur Dich zu beschützen, sondern uns alle, doch ich glaube das nicht mehr." Arkets Stimme wurde plötzlich ruhiger, doch sein Atem verriet, dass seine Wut nicht geringer geworden war, im Gegenteil konnte Kirren die Hitze, die langsam in Arket aufstieg fast schon selbst spüren.

Die Worte fließen nicht mehr, ich muss sie mir mühsam aus der Haut schneiden, die Stimme in meinem Kopf erzählt nicht mehr, spricht nicht mehr. Ich dachte, ich hätte den Zensor, der mich schweigen lässt, schon vor langer Zeit überwunden, dass all die Wahrheiten, die ich schon für Andere aufschrieb, ihn endlich hätten machtlos werden lassen, doch ich habe mich getäuscht. Tatsächlich bin ich in noch tieferes Schweigen verfallen, habe ich mich noch mehr in meiner Wortlosigkeit vergraben, habe nach all den offensichtlichen Wahrheiten aufgehört, irgendetwas zu erzählen, als gäbe es nichts mehr zu sagen.
Doch nur, weil ich keine Worte dafür habe, heißt es nicht, dass ich nicht sprechen muss.

Die Wolken stehen wie gemalt an einem stetig sich wandelnden Himmel, die Sonne zieht rückwärts ihre Bahn zwischen Sternen, die schon verloschen waren, bevor ich erstmals meine Augen öffnete. Ich gehe zu Bett, ich stehe morgens auf, neue Tage beginnen, alte vergehen mit dem Abendrot zu Nichts als einer weiteren Erinnerung, die ich nicht haben werde.
Ich bin allein mit meinen verrinnenden Worten, mit meinen verblassenden Träumen, mit meinen Wahrheiten und meiner Angst.
Ich bin allein in einem Leben voller Menschen, ich sehe sie sich verändern, wachsen und sterben, doch nehme ich keinen Anteil, interessiere ich mich nicht. Sie alle sind wie ich, wir sind alle eins, alle sind wir allein, einsam.

Die Wolken ziehen nicht weiter, der Tag wird nicht enden, keine Nacht wird mehr kommen. 

Angesichts des Nebels. Parabel/lyse.

Am Ufer sitzend blicke ich auf das andere, baumbestandene Ufer, wo Nachtnebel sich aus den Bäumen hervor auf den See tastet. Und ich weiß, dass er mich auch hier erreichen, meinen Körper einschließen wird.
Obwohl ich noch sicher bin, kann ich die Kälte, die mein Herz angreifen wird, jetzt schon spüren und die Feuchte, die meine Haut überziehen wird.

Verloren bin ich, denke ich, in diesem Nebel, den ich jetzt noch von außen sehen und doch schon schmecken kann nach Eis und Seewasser, Borke und Waldboden.
Ich will aufstehen und rennen, fort vom Ufer, fort von dem, was da auf mich zukommt, doch meine Beine gehorchen mir nicht, ich kann meine Arme nicht bewegen, meinen Kopf nicht wenden, den Blick nicht lösen vom Nebel, der wie ein lauernder Panther, wie eine züngelnde Schlange über den See wandert: langsam, bedächtig, ohne Eile oder Hast.

Und so sitze ich am Ufer, warte ich am Rand des Sees, innerlich bebend und schreiend, doch äußerlich ruhig, bis der Nebel mich verschlingt.

Im All. Fragmentgedanke.

Wie sehr wir alle versuchen, wir selbst zu sein, obwohl wir doch nur dazugehören wollen. Wie Fremdkörper in der Welt sind wir, unabhängig, unzugänglich, abgenabelt, echolos. Durch die Einsamkeit unserer Universen schweben wir, immer auf der Suche dem einen Leben, das uns genug Strahlkraft verleiht, uns so heil macht, dass andere wieder mit uns leben wollen und können.