ANDERSWOLF

Alles außer Ahnung

[cries in Gen-X]

Tiefsee

Morpheon
August 18, 2022

Im Fernseher erklärt eine Taucherin, was sie im Wasser hört. „Das Einatmen klingt nach Darth Vader.“ Sie kehlt ein langes ch. „Und beim Ausatmen strudeln die Luftblasen am Ohr vorbei.“ Sie hat ihre Finger zu konischen Spitzen zusammengelegt und lässt sie neben ihrem Gesicht aufsteigend in die Luft schnappen. „Blub blub blupi blub.“
„Das haben wir schon mal gesehen“, sagt der Göttergatte.
„Ja, kann sein“, erwidere ich. „Aber ich glaube, wir haben umgeschaltet, als sie dieses Geblubbere gemacht hat.“
„Nein, wir haben ausgeschaltet und sind ins Bett gegangen. Das war Freitagabend in dieser Kultursendung.“
„Eine Kultursendung am Freitagabend? Wer schaut denn sowas?“
„Wir offensichtlich.“
„Offensichtlich nicht, sonst hätten wir ja nicht ausgeschaltet.“
„Vielleicht war es spät.“
„Und der Beitrag ist ja auch immer noch nicht besonders interessant.“
„Stimmt.“
Wir schauen der Taucherin zu, wie sie an einem Korallenriff entlangtaucht. Aus dem Off sagt ihre Stimme: „Die Tiefsee ist weniger erforscht als das Weltall.“
„Schalt um, das kennen wir doch schon. Gleich wird sie sagen, dass da trotzdem schon menschengemachter Müll hingelangt ist.“
Durchs Bild treibt eine Plastiktüte.
"Was habe ich gesagt?"
Die Stimme aus dem Off sagt: „Neuesten Erkenntnissen zufolge können Grönlandhaie bis zu 500 Jahre alt werden.“
Als die Plastiktüte sich umwendet, ist plötzlich ein Auge zu sehen.
Der Göttergatte sagt: „Oh.“
„Hm?“
„Ich habe zuerst gedacht, dass das eine Plastiktüte ist.“
„Pft. Sieht doch jeder, dass es ein Hai ist. Mit den Zähnen.“
Es blubbert wieder. Aus dem Dunkelgraugrün schält sich ein Müllberg.
„Muscheln können sogar noch älter werden.“
Ich schnaube.
Der Göttergatte sagt: „Das sind doch keine Muscheln.“
„Ich glaube, das ist eine Fake-Doku.“
„Und Forscher haben Schwämme gefunden, die sogar Tausende von Jahren alt sein könnten.“
Im Bild brackiger Meeresboden, darauf graues Gekröse.
„Und du jammerst, wenn ich nicht alle paar Wochen den Küchenschwamm austausche. Dabei können die Tausende von Jahren alt werden.“
„Ja, wenn sie leben.“
Da fällt mir nichts ein. Also sage ich: „Schalt um, das kennen wir doch schon.“
Der Göttergatte schaltet um. Der Bildschirm ist schwarz.
„Hä?“
Dann wird er grau, fleckig, faserig, dann wehen Fetzen durchs Bild.
„Wieder Tiefsee?“
Plötzlich Grün im Hintergrund, davor Kraftwerkschlote, daraus graue Berge. Die Kamera schält sich ganz aus dem Gewölk.
„Ah“, machen der Göttergatte und ich gemeinsam.
„Der CO2-Ausstoß soll bis –“
Der Göttergatte schaltet um.
„Kennen wir schon.“

Das Schloss

Morpheon
November 20, 2020

Im Traum durch eine obskure und trotzdem bekannte Landschaft gelaufen, Wege hinab und hinauf, die ich kenne und eben doch nicht. Zuletzt befand ich mich in Ruinen eines Schlosses, das mir vertraut vorkam - in früheren Träumen hatte ich hier Zeit verbracht. Die Wände waren damals fein verputzt gewesen, vielleicht auch aus Sandstein. Dieses Mal fehlte das Dach und dennoch war der Blick zum Himmel versperrt, die Wände nur noch unverputzte Ziegelsteine. Größer wirkte das alles, luftiger, und doch, weil ich über bemoosten Boden ging, seltsam gemütlich. 

Ich war zuhause und wusste doch: Ich durfte hier nicht sein. Und tatsächlich kam nicht lang danach der Denkmalschutz, der mich aus dem Dunkel herausholte mit den Worten: Das Eindringen dort sei verboten. 

Dass ich einen Schlüssel hatte, dass dies mein Heim war, dass ich der einzig wahre Berechtigte für diesen Ort sei, sagte ich nicht, denn die Worte leuchteten mir ein: Niemand sollte an einem solchen Ort leben, in einem leeren Museum, einem verfallenen Schloss, einem Nichtort wie diesem. 

Draußen war wieder der lichte Birkenwald, durch den ich vorher gerannt war, bevor ich mich unversehens im Schloss wiedergefunden hatte. Und noch jemand war dort: Jemma Simmons, Agentin bei S.H.I.E.L.D., vielleicht aber auch Elizabeth Henstridge, von der ich neulich erst ein Vlog gesehen hatte. Sie erinnerte mich an jemanden oder eigentlich daran, wie ich einmal gewesen war: Neugierig, fröhlich, nicht so down wie in den letzten Wochen, Monaten, Jahren. 

Wobei ich nicht weiß, ob ich so war. Ich will so gewesen sein, doch ich habe das Gefühl, dass ich so lange schon so bin, wie ich jetzt bin, so ausgeglichen dumpf. So desinteressiert an so vielem.
Und auch hier weiß ich nicht, ob das zutrifft, denn ich bin ja interessiert an Dingen, nur eben in der Regel nicht an denen, die meinen Alltag füllen, was natürlich einigermaßen ungünstig für meine geistige Gesundheit ist.

Nach dem Aufwachen den Nachgeschmack von Verlorenem gespürt, und auch jetzt, einige Stunden und einiges Nachdenken später, weiß ich noch nicht: Trauere ich dem Traum nach oder dem, was ich vielleicht oder vielleicht auch nicht einmal war. 

Die Wolken ziehen nicht weiter

Morpheon
August 9, 2012

Alles ist erstarrt, die Zeit, die Wolken, die Sonne, das Bild bleibt ewig das selbe.

Ich stehe auf, ich gehe zu Bett, ich laufe durch stumme Straßen, durch den Park, wo die ersten Blätter im Fall gefangen sind, unfähig, je den Boden zu erreichen. Die Menschen um mich dagegen sind so schnell, so viel schneller als ich, ich nehme nur Schatten und Schemen wahr, ihre Stimmen so leise, dass ich sie nicht mehr höre, alles rast und rennt, nur ich verharre in jener Zwischenzeit, die nicht natürlich und nicht menschlich ist.
Die Tage dehnen und strecken sich, ohne Horizont gähnen sie mich morgens an, nur um Sekunden später das Nachglühen des Sonnenuntergangs verbrennen lassen. Die Sterne stehen still, doch der Mond wandelt seine Phasen innerhalb von Stunden.
Ich stehe auf, ich gehe zu Bett, es ändert nichts, unterscheidet nichts, ich bin wie einzementiert in mein Leben, das sich nicht verändern will. Und doch ist da kein Zement, ist da nur die Angst vor dem Unbekannten, vor dem Nicht-mehr-ich-selbst-sein, vor der großen Veränderung, die ich doch so sehr erhoffe.

Im Gespräch mit Kunden spreche ich rasch über Politik, denn das ist ein Feld, das ich kenne: die Aufregung, den Willen selbst des konservativen Bio-Bürgertums zur Revolte, zum Umsturz. Wie sie alle darauf warten, dass endlich ein Retter kommt, einer, der endlich mal sagt, was passiert, egal wie unangenehm diese Wahrheit sei, die aber wenigstens ein einziges Mal die Wahrheit ist.
Sie alle sehnen sich danach, dass es uns endlich schlecht genug geht, dass wir nicht mehr mit Scheindebatten die Symptomatik verkleistern, sondern endlich an der Wurzel des Problems arbeiten: dem Verlust an Gemeinschaft, der Vereinzelung des Menschen im Staat, der Entfernung von Regierung und Regierten, dem ewigen Ich-Primat in Zeiten des verblassenden Gemeinsinns.
Sie alle sehnen sich danach, durch die Wahrheit von ihren Lügen, auch von ihren Selbstlügen erlöst zu werden.
Sie alle, denke ich, sage ich, schreibe ich, und meine doch nur mich.
Ich habe es satt, mich selbst mit Vorwürfen und Entschuldigungen zu überhäufen, ich habe es so satt, meinen Mund zu halten aus Sorge, irgendjemand könnte meinen wahren Gedanken zu nahe kommen. Und das nicht einmal aus Sorge, dafür abgelehnt zu werden, nein, viel schlimmer: ich habe Angst, jemand könnte auf den Gedanken kommen, mich meiner Gedanken wegen zu mögen.

"Es ging immer nur um Dich, Kirren! All die Spiele, die Marathorn trieb, alle Fäden, die er zog, alles tat er immer nur für Dich!"
"Arket, das ist doch lächerlich. Was ist an mir so Besonderes, dass er..."
"Nichts! Du bist Nichts! Du bist ein unfähiger Magier, ein ängstlicher Mensch, ein Nichtsnutz. Und doch hat Marathorn in Dir etwas gesehen, das niemand sehen konnte."
"Du täuschst Dich, das kann nicht sein."
"Weißt Du, weswegen ich mit Dir gegangen bin? Warum ich Dich beschützt habe, als die Soldaten uns angegriffen haben?"
"Weil Du mein Freund bist?" Kirren sprach das so leise aus, als ahnte er, dass dies nicht Arkets Antwort sein würde.
"Weil Marathorn es mir befohlen hat. Weil Marathorn schon seit Jahren ahnte, dass etwas geschehen sollte, habe ich immer zu Dir gehalten. Er hat mir Versprechungen gemacht dafür, er hat geschworen, es gelte, nicht nur Dich zu beschützen, sondern uns alle, doch ich glaube das nicht mehr." Arkets Stimme wurde plötzlich ruhiger, doch sein Atem verriet, dass seine Wut nicht geringer geworden war, im Gegenteil konnte Kirren die Hitze, die langsam in Arket aufstieg fast schon selbst spüren.

Die Worte fließen nicht mehr, ich muss sie mir mühsam aus der Haut schneiden, die Stimme in meinem Kopf erzählt nicht mehr, spricht nicht mehr. Ich dachte, ich hätte den Zensor, der mich schweigen lässt, schon vor langer Zeit überwunden, dass all die Wahrheiten, die ich schon für Andere aufschrieb, ihn endlich hätten machtlos werden lassen, doch ich habe mich getäuscht. Tatsächlich bin ich in noch tieferes Schweigen verfallen, habe ich mich noch mehr in meiner Wortlosigkeit vergraben, habe nach all den offensichtlichen Wahrheiten aufgehört, irgendetwas zu erzählen, als gäbe es nichts mehr zu sagen.
Doch nur, weil ich keine Worte dafür habe, heißt es nicht, dass ich nicht sprechen muss.

Die Wolken stehen wie gemalt an einem stetig sich wandelnden Himmel, die Sonne zieht rückwärts ihre Bahn zwischen Sternen, die schon verloschen waren, bevor ich erstmals meine Augen öffnete. Ich gehe zu Bett, ich stehe morgens auf, neue Tage beginnen, alte vergehen mit dem Abendrot zu Nichts als einer weiteren Erinnerung, die ich nicht haben werde.
Ich bin allein mit meinen verrinnenden Worten, mit meinen verblassenden Träumen, mit meinen Wahrheiten und meiner Angst.
Ich bin allein in einem Leben voller Menschen, ich sehe sie sich verändern, wachsen und sterben, doch nehme ich keinen Anteil, interessiere ich mich nicht. Sie alle sind wie ich, wir sind alle eins, alle sind wir allein, einsam.

Die Wolken ziehen nicht weiter, der Tag wird nicht enden, keine Nacht wird mehr kommen. 

Angesichts des Nebels. Parabel/lyse.

Morpheon
September 17, 2011

Am Ufer sitzend blicke ich auf das andere, baumbestandene Ufer, wo Nachtnebel sich aus den Bäumen hervor auf den See tastet. Und ich weiß, dass er mich auch hier erreichen, meinen Körper einschließen wird.
Obwohl ich noch sicher bin, kann ich die Kälte, die mein Herz angreifen wird, jetzt schon spüren und die Feuchte, die meine Haut überziehen wird.

Verloren bin ich, denke ich, in diesem Nebel, den ich jetzt noch von außen sehen und doch schon schmecken kann nach Eis und Seewasser, Borke und Waldboden.
Ich will aufstehen und rennen, fort vom Ufer, fort von dem, was da auf mich zukommt, doch meine Beine gehorchen mir nicht, ich kann meine Arme nicht bewegen, meinen Kopf nicht wenden, den Blick nicht lösen vom Nebel, der wie ein lauernder Panther, wie eine züngelnde Schlange über den See wandert: langsam, bedächtig, ohne Eile oder Hast.

Und so sitze ich am Ufer, warte ich am Rand des Sees, innerlich bebend und schreiend, doch äußerlich ruhig, bis der Nebel mich verschlingt.

Im All. Fragmentgedanke.

Morpheon
September 9, 2011

Wie sehr wir alle versuchen, wir selbst zu sein, obwohl wir doch nur dazugehören wollen. Wie Fremdkörper in der Welt sind wir, unabhängig, unzugänglich, abgenabelt, echolos. Durch die Einsamkeit unserer Universen schweben wir, immer auf der Suche dem einen Leben, das uns genug Strahlkraft verleiht, uns so heil macht, dass andere wieder mit uns leben wollen und können.

Alles, was zählt

Morpheon
September 7, 2011

Wie wir so voneinander behaupten, einander nicht zu kennen, um einander näher zu sein.
Wie wir uns ignorieren um des Ignorierens, um des gemeinsamen Nichtkennens wegen.
Damit wir überhaupt etwas gemein haben.

Wohin geht man mit solchen Erkenntnissen, wohin wendet man sich, wenn man in einer Sackgasse zu stecken scheint. Zurück geht ja nicht, da kommt man ja her, da weiß man schon, dass es da nicht weitergeht.
Vorwärts aber, wo soll das sein, wie soll das gehen, da ist ja nix.
Vielleicht mit geschlossenen Augen und voller Wagemut, denkt man, könnte man die Wand durchschreiten, durch die es kein Durchkommen zu geben scheint.

Und tatsächlich, wenn ich nicht mehr mit dem Rücken zur Wand stehe, wenn ich mich einfach, furchtlos, ahnungslos nach vorne fallen lasse, dann ist ein Weg da, den meine Augen nicht sahen, mein Herz aber immer ahnte.

Und dann ist man doch wieder alleine mit all seinen Ängsten, denn Angst ist ein Gefühl, und Gefühle kann man nicht teilen wie Kuchen oder Suppe oder Milchreis.
Gefühle gehören immer nur einem alleine, denn keiner fühlt wie ich und ich fühle niemals wie Du.
Und überhaupt wäre es unfair, könnte man all seine Gefühle, und seien sie Freude und Liebe und Glück, und seien sie Trauer und Einsamkeit und Angst, anderen überstülpen und sie dadurch zu einem Stück seiner Selbst machen.

Und so halten wir uns an der Hand, in unterschiedliche Richtungen blickend, zwischen uns diese Mauer aus Ignoranz, die nicht kleiner oder durchgängiger wird, je länger wir beieinander sind.
Aber das macht nichts, denn ich glaube, Du hältst gerne meine Hand und ich die Deine, und ich denke, im Moment ist das alles, was zählt.

Nachtfragmente. Keine Wahl.

Morpheon
Juli 27, 2011

Wie eine Wüste übervoll an Sand und leer an Leben ist meine Seele ein Meer aus unsagbaren, ungesagten Worten. Jeden Tag und jede Nacht betrachte ich all das Ungeschriebene, das wie Harz zu Bernstein kristallisiert, darin eingeschlossen kleines Leben, zu betrachten, doch niemals zu berühren.
Und wenn die Tränen kommen, dann berühren sie nicht meine Seele, sondern nur meine Haut, die so weit weg von mir scheint, weiter fort als die Hand des Freundes, der mich trösten möchte, dessen Berührung ich aber nicht ertragen kann, wenn ich so schwach bin, dass seine Liebe mich fast erstickt.

Ich bin außer mir, nicht mehr ich selbst, nicht mehr an diesem Ort, den ich Heimat nannte, als er noch in mir lag. Ich bin fort, auf der Suche nach dem Leben, das mich verließ, als ich auszog, ich selbst zu werden. Zurück will ich, das sehe ich nun, zurück in jene einfache, stille Zeit, da ich nicht Anders Wolf, sondern ein Anderer war, dessen Worte wie Blut aus Wunden zu quellen schienen, unaufhaltsam, doch reinigend, schwächend, doch ein Zeichen von Leben. Jetzt aber ist jeder Satz eine seelenverletzende Narbe, die nie zu heilen droht und immer schmerzt.

Außerdem verstehe ich Wordpress nicht, komme nicht klar mit den Formen und dem PHP, kann Datenbanken nichts abgewinnen und will nicht aktualisieren. Ich will mich nicht um Akismet kümmern und Viagra-Spam, ich will schreiben und nicht noch mehr Zeit vergeuden.

Ich habe Angst vor dem Tod, der mich noch nicht ereilt, ich habe Sehnsucht nach dem Morgengrauen nach einer sternklaren Nacht, ich träume von einem Sonnenuntergang am See. Morgens erwache ich mit zerschlagenem Körper, weil ich im Schlaf gerannt bin, auf der Flucht war vor dem schlechten Gewissen, dass ich mit dürren Worten abzuspeisen gedacht hatte.
Eine Selbstverpflichtung hatte ich mir gegeben, dass ich schreiben wolle bis November, schreiben, um meine Geschichte endlich voranzubringen, doch immer und immer wieder holt mich der bescheuerte Brotberuf ein, die unsäglichen Arbeitszeiten, die nervigen Nachbarn. Ich bin vollkommen an einem Ende angekommen, mittlerweile sagt mir sogar mein Konto wieder, dass ich das falsche Leben lebe.
Ich habe so viele Pläne und gleichzeitig so viel Zeit, dass ich von so vielem nichts mehr tun kann, weil ich mich nicht zu einem Anfang entscheiden kann. Ich bemitleide mich noch nicht einmal mehr selbst, so überdrüssig bin ich allem.

Und dann stürzt alles ab und ich bin nur noch ich.
Kein Sender kommt noch durch, kein Blitz schlägt mehr ein, kein Donner durchbricht noch die Stille.
Es ist Nacht draußen, eine dunklere Nacht als sonst, dunkler als jemals zuvor.
Alles ist schwarz und alles ist plötzlich so einfach.

Grau. Inmitten Grau. Immerzu.

Morpheon
Juli 13, 2011

Nicht sehen, nicht wissen, nicht glauben, nicht ahnen, nur hoffen wir, hinaus gehen wir, in die Tage, die nichts mehr erleuchtet, hinaus gehen wir und lassen uns selbst zurück.

Ohne Ziel stolpern wir durch die Straßen, bleiben unter Bäumen stehen, die regennass in die Gegend starren.
Als käme da noch was, starren sie, als käme seit Tagen, Wochen, Monaten was, als warteten sie schon seit Jahren, nur eben nicht auf uns, die wir eben nun mal unter den Bäumen stehen.
Weitergehen sollen wir, versperren mit unserem Rumstehen den Bäumen den Blick in die Zukunft.
Umdrehend sehen wir aber nichts, nur noch mehr Weite, mehr Bäume, mehr unerleuchtete Tage.

Nicht dass die Dunkelheit andererseits käme.
Nicht mal neblig ist es, untrübes, klares Grau, alle Kanten scharf wie frisch geschnitten, alle Furchen wie frisch gezogen, alles Leben wie frisch fort.
Irgendwo zwischen Tag und Tag gehen wir durch das enervierend frische Grau, heller auf den Wegen, dunkler auf dem Gras, die Farben alle ausgewaschen, in der erstarrten Zeit verloren gegangen, die doch gleichzeitig rast.
Ohne ein Ziel gehen wir herum und sind immer zu spät, immer haben wir gerade alles verpasst, ist alles vorbei.
Aus der Zeit gefallen stehen wir an der Grenze zu einer Dämmerung, deren Dunkel niemals anbricht.

Wir hoffen und ahnen und glauben und wissen und sehen nichts.

Egal. Eigentlich.

Morpheon
September 2, 2010

Die Wände sind wieder bleich, ungeschminkt, freigerückt von allen Möbeln. Wie Schatten von Scherenschnitten liegen ihre Umrisse noch auf der Farbe, kaum zu erkennen und doch nicht zu übersehen. Das Haus ist leer und doch erinnert es sich an das Leben, das es barg. Die letzten Schritte sind schon lange auf dem Boden verhallt, die letzten Türen wurden schon lange geschlossen, das letzte Lachen, das letzte Weinen sind schon seit Jahren verstummt.

Und doch erinnerte alles in diesem Haus an die Großeltern, die hier gelebt, geliebt, geboren hatten und zuletzt gestorben waren. Ihr Sohn, der Vater, hatte das Haus behalten, aber nicht beziehen wollen. Die Erinnerung an das Leben, das er hier begonnen und immer gehasst hatte, war noch immer, Jahrzehnte später, ein größerer Schatten als es die Liebe seiner Eltern, die sie ohne Zweifel für ihn verspürt hatten, jemals hatte sein können.
Der Sohn entschied sich, das Haus zu behalten, doch kehrte er nicht wieder zurück, bevor auch er, Jahre vor seinem Tod verstummt und eingeschlossen in sich, starb.
Der Enkel öffnete die Tür, setzte Spuren in den Staub und barg alte Vogelnester von Schränken, öffnete von Erinnerungen berstende Alben, spürte das Seidenpapier unter seiner Berührung zerstauben, atmete den Geruch nicht des Todes, sondern des Vergessen-Seins ein, bis er gegen Tränen ankämpfend wieder durch die Tür ins Freie stolperte, nach Atem ringend, nach Erinnerung an die fremden Menschen suchend. Nie hatte er hier gelebt, nie hatte er hier Stimmen gehört außer seiner eigenen und der des Nachbarn, mit dem er kurz vor Betreten des Hauses noch gesprochen hatte. Wie schade es sei, dass Jahre über nichts mit dem Haus geschehen sei, wie schade und fast schändlich, dass in der direkten Nachbarschaft der Garten verwilderte, das Haus sich im Schatten der immer höher strebenden Bäume verlor, wie traurig es sei, dass die Familie heute nichts mehr zähle und dass der Sohn, dessen Pflicht es gewesen sei, zurückzukehren und sich zu kümmern, es nie für nötig befunden hätte, wenigstens die Hecke zu schneiden.
Der Enkel hatte ihn vor dem Gartentor stehengelassen, das sich vor Rost knirschend nur schwer öffnen ließ, ging über den unter Gräsern liegenden Kiesweg zur Tür und öffnete sie mit dem Schlüssel des Vaters. D. stand auf dem Anhänger, nur der Name des Ortes, nicht ein Zeichen dafür, dass hier geliebte, verwandte Menschen gelebt hatten.
Die Schatten brachte der Enkel wie die staubigen Bücher aus dem Haus, legte sie auf die Steine der Terrasse, wo die Sonne die Vergangenheit ausbleichen sollte, legte sie neben die aufgerollten Teppiche, die dunklen Ölgemälde und das Teeservice mit den tanzenden Vögeln, das er als einziges wiedererkannte als Teil der Erbschaft seines Vaters.
Er öffnete keines mehr der Bücher und auch keine Alben und sah keine Fremden mehr, die sein Blut in sich trugen. Er leerte das Haus und entfernte die Spinnweben wie die Staubmäuse, kehrte die Wände ab, wusch die Fenster und wischte die Böden.

Bleich sind sie nun, die Wände, weiß und frei von aller Vergangenheit. Das Haus wartet auf seine Zukunft, eine neue Familie packt in der Fremde ihre Habseligkeiten, um dorthin zu ziehen, wo noch vor Wochen eine ganze Welt von Erinnerungen darauf gewartet hatte, entdeckt und entfernt zu werden.
Bleich sind die Wände und nichts erinnert mehr an anderes als daran, dass ein Haus unter hohen Bäumen in einem verwunschenen Garten steht und auf neue Seelen wartet.

Sweetest Way

Morpheon
November 15, 2004

Ich bin das nicht und kann das nicht sein. Nicht meine Gedanken, nicht meine Worte, nicht meine Zunge, nicht meine Lippen, nicht meine Sprache können das sein. Ich bin fern und bin nicht hier. Ich bin niemals wirklich da.

Seltsam so zu leben, als sei ein Schatten das wahre Ich. Ein Geist, der denkt und fühlt und deine Worte kennt, dein Lachen und deine Träume. Der dich beobachtet, wenn du schläfst, wenn du kurz vor dem Einschlafen noch etwas murmelst, was du nicht verstehst, aber auch nicht verstehen wolltest.

Ich lausche auf deinen Atem und deine letzten Worte vor der Nacht, gebe vor, auch zu schlafen und kann doch nur so tun als ob. Deine Augen lassen mich nicht los, als ich hoffnungslos zu dir ging, treulos fast.

Ich sei dein Traum, dein Ein und Alles und nichts könne ändern, was nicht war. Als könne nichts deine Gefühle ersetzen. Als könne nichts mein Leben füllen. Es war etwas und ich weiß es besser als du, dass das Leben nicht nichts ist und ein Traum, den du träumst, mehr ist als wir zu sagen wagen.

Mit den Lippen eines Anderen auf den meinen bin ich aus meinem Traum aufgeschreckt und sah deine Augen, deinen Mund, dein Gesicht. Dein Atem war es, der mich aufwachen ließ, deine Blicke, deine Worte. Unruhig sei mein Schlaf gewesen, um mich habe ich getreten, sagst du. Den Namen des Anderen sagst du mir nicht, sagst du mir nie, auch nicht, wenn ich ihn schreie im Schlaf, weil ich Angst habe. Angst davor, dich zu verlieren, dich zu verletzen, Angst davor, er könnte es tun. Er, dessen Name nie der gleiche ist. Er, dessen Gesicht nie das gleiche ist. Er, den es nicht gibt.

In meinem Traum waren deine Lippen fremd und deine Berührungen kalt und heiß wie gefrorenes Feuer. Deine Augen waren kalt wie Eis und blau wie der kaltklare Morgen vor den Scheiben des beschlagenen Fensters. Ich höre deine Stimme und fühle mich beben im Schlaf. Dein Atem brennt auf meinem Körper, ich zerbreche in Schatten aus zerspringendem Stein. Der Schrei, der mich weckt, ist dein.

Junk

Morpheon
März 18, 2002

Als Composant des Ensembles einer schlechten Mystery-Serie in einem Buchladen Dämonen und wildgewordene Staubsauger gejagt. Werde mich selbst auf Fernseh-Entzug setzen.

Und dann wache ich auf: ich habe noch nicht mal einen Fernseher, dem ich mich entziehen könnte.

Anders

Semiliterarisches Lebenslogbuch von
Anders Wolf, ab und an
mit Erkenntnisgewinn.
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