Ichfragmente

Derzeit brenne ich nicht. Habe ich bis auf wenige Ausnahmen eigentlich nie.
Manchmal, wenn ich schreibe, wenn ich in diesen Fluss gerate, der mich nicht daran zweifeln lässt, dass ich eine Geschichte zu erzählen habe, die andere hören wollen, dann brenne ich, lodert ein Feuer in mir, das mich nicht verzehrt, sondern den Weg, der vor mir liegt, erleuchtet.
Jetzt aber ist alles dunkel, alle Stimmen stumm und meine Worte fort. Ich brenne nicht, leuchte nicht, erschöpfe all meine Kraft darin, morgens aufzustehen, tagsüber zu funktionieren und abends einzuschlafen, als sei ich ein normaler Mensch wie alle anderen.

Und wahrscheinlich bin ich das auch, doch will ich nicht sehen, dass hinter ihren Mauern auch die Anderen Angst und Traurigkeit und Selbstzweifel und Einsamkeit spüren. Sie alle, die nicht brennen, nicht leuchten, erschöpfen sich darin, normal zu wirken wie die anderen.
Musik hilft, denn sie ist eine Nichtsprache, die jeder verstehen kann. Sie, die vor Worten war, berührt die Seele ohne den Umweg über das Gehirn. Ich kann mich vergessen, meine Sorgen, meine Schwäche, meine Orientierungslosigkeit, denn ich habe wieder ein Ziel: aufgehen in der Musik, nur Ohr sein und lauschender Geist, und bald tanze ich, bald rollen Tränen über mein Gesicht, und ich spüre mich wieder, mich unter all dem Schmerz, der Einsamkeit und Nichtverstehenwerden heißt, der Angst und Selbsterkenntnis ist. Musik hilft und so höre ich an jedem Tag viele Stunden ein Lied, manchmal zwei, bis ich so sehr in einem Rhythmus gefangen bin, dass ich die Abenddämmerung verpasse und den Aufgang der Sterne und spät erst, wenn der nächste Morgen wieder naht, einschlafen muss.
Konzentrieren geht aber auch nicht. Zu verworren ist alles, zu hin- und hergerissen, zu will-nicht-will-doch-gespalten ist der Geist, dass er nicht formulieren kann, was sein soll und was zerstört. Alles wird hingenommen und akzeptiert, abgehakt für ein Später, in dem es auszusortieren gilt, ein Später, dessen Nichtexistenz, dessen Niemalsexistenz ich jetzt schon sehe.

Wie kann das sein, frage ich mich: etwas sehen, das nicht da ist, das aber auch keine Fehlstelle, kein Nichtbild hinterlässt. Etwas sehen, das erst später nicht sein wird, das aber auch jetzt nicht ist, ein Negativ zu einem nicht geschossenen Foto. Ein Erkenntnisfehler wohl, ein Erwartungsaxiom. Und vielleicht, das befürchte ich zunehmend, ein Lebensprinzip, ein Leidensprinzip: Ziele ansteuern, die sich noch vor Nichterreichen als Luftspiegelung entpuppen, als Niemalsland. In welcher Wüste lebe ich, frage ich mich, dass ich immer und immer weiter vorangehe, ohne jemals den Horizont zu erreichen.