Der andere Wettbewerb

Dieser andere Wettbewerb, bei dem ich mich seit Wochen um eine Teilnahme drücke, feiert das WIR in all seinen Facetten. Wegen Corona und so. Weil in den letzten Monaten wir als Gesellschaft, als Gemeinschaft, ja, als gesamte Menschheit mal wieder gezeigt haben, wie wichtig Zusammenhalt und Solidarität doch sind. 

Und alles, woran ich denken kann, sind die vielen Konflikte zwischen den Menschen und den Menschen und der Natur und den Menschen und dem Planeten und überhaupt. Religion, Klima, Ausbeutung, Rassismus, der ständige Drang der Menschen, sich auf Kosten anderer zu bereichern, Macht auszuüben oder gar zu töten. Selbst der Applaus von den Balkonen fühlt sich mittlerweile nicht mehr an wie Wertschätzung, sondern mehr wie abschätzige slow claps

Menschen sind nicht gut. Manche, wie ich, sind einfach nur zu faul, um anderen ihren Willen aufzwingen zu wollen. Oder zu unfähig, wobei auch das eher eine Frage des Willens ist. Wenn ich wirklich wollte, könnte ich alle Fertigkeiten entwickeln, die für Weltdominanz notwendig sind. Ich will halt nur nicht. Was habe ich davon? Ja, wahrscheinlich wäre die Erde ein besserer Ort, wenn ich allen befehlen könnte, einander zu lieben. Aber würde mich jeder lieben? Wahrscheinlich nicht. Irgendwer würde sagen: Dieser Liebestyrann muss weg. Und schwupps, war's das auch schon wieder mit meiner Herrschaft. Alternativ müsste ich ihn beseitigen lassen, und das verstieße gegen meinen zentralen Glaubenssatz, dass niemand jemandem Schaden zufügen sollte. Blöd gelaufen dann.

Vielleicht, dachte ich, könnte ich mit einem gesellschaftskritischen Gedicht, vielleicht einem Pamphlet, einer Deklamation dem Thema und gleichzeitig meinen Bedenken gerecht werden, aber meine kleine Menschheitsgeschichte in Wir-Form ist einfach nur strunzlangweilig, hat zwischendurch Logik- und Vollständigkeitslöcher, und ganz im Wesentlichen weiß ich einfach nicht, was ich sagen will. Oder besser: ich traue meiner Message nicht, den Text zu tragen. Oder umgekehrt. 

Nun habe ich in dem Lyrikbuch gelesen, das ich nebenbei konsultiere, dass man sich genau davon verabschieden muss, gerade wenn man Lyrik schreibt, aber eben auch für ganz prosaische Prosa: einfach laufen lassen, aufwischen kann man später immer noch. Natürlich formuliert der Ratgeber das subtil anders, aber im Wesentlichen ähnlich: Wer beim Schreiben zu sehr das Hirn anhat, hat am Ende nichts anderes als Hirn auf dem Papier. Und wer will das schon? Lesen soll Spaß machen, und so sehr Schreiben auch harte Arbeit ist: auch Schreiben soll Spaß machen. 

Lasse ich dann also den Wettbewerb ausfallen? Keine Ahnung. Ich habe noch fünf Tage, um eine Einsendung vorzunehmen. Vielleicht küsst mich ja doch noch eine Muse.