Nie ganz da

Die Welt hat sich, während der Mann und ich in Portugal waren, einfach weitergedreht. Frech. Schließlich haben der Mann und ich uns doch auch nicht verändert, während wir in Portugal waren. So wie auch Portugal noch genau so ist wie vor drei Jahren, seit der Mann und ich zuletzt in Portugal waren. Erwähnte ich, dass der Mann und ich in Portugal waren? Wir waren nämlich in Portugal, der Mann und ich. 

Ich spreche schon nicht mehr so viel darüber. Habe H. befragt, wie der Aufenthalt in I. war, der großen Stadt im Süden. Das halbe Jahr verging sehr schnell, rückblickend. H. weiß nicht so recht, wo anfangen. I. war toll, groß, dreckig. Wie große Städte wohl sind, nur größer, lauter, dreckiger. H. sagt, I. sei einfach mehr als andere Städte. Ich weiß, was H. meint, ohne es wirklich zu wissen.

Urlaub macht was mit den Menschen. Sowieso in Zeiten, wo manche Menschen den gesamten Urlaub am Flughafen verbringen und gar nicht wissen, ob es sich lohnt, auf einen vielleicht doch noch übermorgen in den frühen Morgenstunden startenden Flieger zu warten oder doch lieber nach Hause zu fahren, wo es sich auch ganz okay in den eigenen vier Wänden rumlungern lässt (solange der Gießdienst Bescheid weiß, dass die Blumen doch nicht fremdbegossen werden müssen; gibt sonst womöglich blöde Überraschungen). 

Aber auch in Zeiten, wo Urlaub tatsächlich Wegsein heißt, anderes Land also, andere Sitten, andere Sprachen, andere Menschen (oder eben doch nicht, weil überall in Deutschland irgendwelche Ferien sind und es die Deutschen nicht daheim hält, wenn sie wegfahren können), macht der Urlaub Sachen mit den Menschen. Manche gut, manche schlecht, wie eben einfach alles.
Na, außer Krieg.
Der macht nix gut, außer vielleicht ein paar Dinge zu klären. Prioritäten zum Beispiel. Ob man etwa ein paar Milliarden in einen effektarmen Tankrabatt steckt oder in ein 9-€-Ticket, das im Grunde auch eine Fehlsteuerung ist, weil Menschen ohne entsprechende Infrastruktur beispielsweise nichts davon haben oder sozialschwache Menschen, die das auf irgendwas anrechnen müssen (habe die Schlagzeilen nur überflogen). Sinnvoller wäre natürlich gewesen, irgendwie den ÖPNV auszubauen, aber hinterher sind wir ja alle schlauer, und daheim auf dem Sofa sitzen wir ja nur ganz allein, unbeeinflusst von Lobbygruppen. Da redet es sich leicht aus der rückblickenden Lameng. 

Der Krieg, ja, der ist irgendwie immer noch da, aber auch nicht richtig. Vor Wochen, Monaten, also im März/April (und ein klitzebisschen Februar noch), da war der Krieg ja nicht aus den Nachrichtensendungen rauszubekommen, da hat sogar das hessische Radio sein Nachrichtenintro geändert in "News aus Hessen, Deutschland, der Ukraine und der Welt". Oder so ähnlich. Der Krieg jedenfalls ist nur noch Grundrauschen, so wie Corona auch nur noch wie Tinnitus irgendwo rumschwirrt. Inzidenzen in den Hunderten? Kein Problem, wir hatten's schon schlimmer. Als ob das irgendwas gut machte. 

Halt nur anders. Aber warum muss denn immer alles anders werden, wenn ich doch eigentlich nur nach Portugal zurück möchte, in den Urlaub, der alles mögliche ist, nur einfach nicht Alltag. Alltag und ich sind uns nämlich nicht ganz grün. Wir sind gewissermaßen ein dysfunktionales Paar. Besser, wir gehen uns aus dem Weg. Haben wir alle mehr davon. Andererseits sind Urlaub und ich auch nicht nur Freunde. Urlaub bedeutet ja nicht nur Ausbruch aus dem öden Alltag, sondern eben auch Einbruch in fremder Leute Alltag. 
Touristy zu sein ist eine schreckliche Verantwortung. Du bist da als Mensch mit all deinen privaten Bedürfnissen, die sich aber nochmal ganz anders konzentrieren, weil du ja eben nicht einfach nur alltagsfunktional denken musst, sondern komplett anders ausgerichtet durch die Gegend läufst: Kirchen, Rathäuser, Plätze, Portale, Springbrunnen, Treppen, Aussichtsplattformen, Trams, Aufzüge, Bötchen, Strand, Sand, Sonne, Fischgrill, Frühstück, Mittag, Abend, keine Sonnenbrille, danke, auch keinen Plastikhut, dafür Sonnencreme und wo, verdammt nochmal, ist der Traubenzucker gegen die schlechte Laune des Blutzuckertiefs?
Wer hätte den einstecken sollen und hat es vergessen?
Wer trägt Schuld an der Aggressionsspirale des mittleren Nachmittags?
Dann eben ein Eis, auch wenn die gute Eisdiele vom letzten Mal einfach geschlossen hat.
Weswegen?
Pandemie? Frech. 
Welche Pandemie überhaupt?
War da was?

In Urlaubswoche zwei schickt die Mutter eine Nachricht: Portugal im festen Griff des Virus, neue Variante im Durchmarsch. Frech. Die Straßen sind voll mit Menschen, weder Trams noch E-Tretroller kommen durch, aber die Pandemie hat Vorfahrt? Wer hat da nicht aufgepasst? 
Dann mal lieber essen gehen.
Fisch, Fleisch, Gemüse nur Nebensache, da fühlt sich der Deutsche wohl. Sandalen und Socken übrigens sind auch wieder da. Wir drehen die Zeit bis nach knapp hinter den Fall des Eisernen Vorhangs zurück, bis knapp vor die Pandemie kann ja jeder. Ganzkörperjeans-Outfits sind wieder in oder halt auch Ganzkörpernix, die Übergänge sind fließend, vor allem am heißesten Tag des Jahres, der am einzigen Strand des Landes von allen Anwesenden auf einmal besucht wird.
Dumme Idee, und dann keine Badehose dabei.
Erstmal Sangria trinken, ohne Strohhalm oder Eimer, dafür mit echtem Obst, Zimt und Sternanis. Da lässt es sich gut entspannen, immerhin sitzen wir im Schatten, der Mann und ich, in Sichtweite rauscht das Meer gegen Wellenbrecherbeton, und der Nachmittag zerfließt wie Limettensorbet.

Eigentlich, und darum sind der Mann und ich eigentlich weggefahren, ist alles zu viel. Der Mensch ist zu viel. Ob nun in der Stadt in Portugal oder eben daheim, ob im Bus, der Tram, im Zug oder im Flugzeug, überall sind die Menschen, als ob sie kein Zuhause hätten, keinen Ort, wo sie eigentlich sein wollen. Sie wollen überall sein, nur eben nicht da, wo sie sonst leben. Raus wollen sie, Deutschland scheint allen zu eng. Vielleicht sind das die Nachwehen von Corona: so wie alle Hosen zu eng geworden sind in den Pandemiejahren, ist auch Deutschland zu klein geworden für das deutsche Wohlbefinden, das schon immer zu groß war für das deutsche Selbstverständnis (so wie SUVs in Fußgängerzonen).
Also wird Lissabon geflutet mit Deutschen, auch Porto, wo wir schon dabei sind. Die Algarve auch gleich, auch alles dazwischen, warum nicht. Deutsche, Deutsche überall, um keine Ecke kannst du biegen, überall quengelt irgendeine Reisegruppe, dass die Portugiesen nicht zu verstehen sind, keine ordentlichen Gastgeber sind, dass der Service so schlecht ist, dass die Betten nicht so hart/weich sind wie daheim, dass die Portugiesen, wenn sie schon selbst nicht frühstücken, doch wenigstens ein ordentliches kontinentales Frühstück zubereiten könnten, dass überhaupt ein Land, dass doch angeblich vom Tourismus lebt, so schlecht darauf vorbereitet ist. Dass die Einheimischen, das sagt der Deutsche im Urlaub so über die Menschen, in deren Leben er einbricht, nicht einfach gastfreundlich sind, sondern ganz unwirsch reagieren, wenn man ihnen doch mit den paar Spanischbrocken, die man noch im Kopf hat (Sangria, Paella, Buenos Nachos), doch schon ordentlich entgegenkommt. Als ob da so ein großer Unterschied wäre zwischen Portugal und Spanien, beides ist doch iberisch. Anders als die Ukraine und Russland übrigens, das ist nicht nur nicht iberisch, das ist auch nicht eins. Hier kennt der Deutsche sich jetzt aus, darüber ist man informiert, da gibt es kein Vertun mehr und keine Verwechslung.

Eigentlich, und das kommt ja gar nicht durch, war der Urlaub ganz nett. Mehr eigentlich, ganz toll nämlich. So toll, dass die Überlegung, vielleicht doch mal portugiesisch zu lernen, also ernsthaft diesmal, nicht einfach nur Farben und Obst bei Duolingo, in nähere Nähe rückt. So toll, dass Stunden im Urlaub in die Suche nach attraktiven Immobilien investiert werden. 
Die Portugiesen nämlich, stellt sich raus, sind unfähig, ihren Wohnbestand in den Innenstädten selbst zu renovieren, da muss mal ein Mensch mit Geld und zu viel Zeit ran, um ordentlich klar Schiff zu machen. Wichtig aber, die Wohnungen, immerhin frisch renoviert, nicht einfach wieder den Portugiesys zu geben, die wohnen ganz frech einfach nur runter, was man gerade so schön hochsaniert hat. Dann doch lieber AirBnBys, die zahlen wenigstens ordentlich für mangelhaft eingerichtete Küchen und abgeranzte Boxspringbetten, die haben noch die richtigen Prioritäten. Außerdem sprechen die meisten mindestens Englisch, manche sogar Deutsch, dann versteht man sich auch richtig. Viel besser so als mit den radebrechenden Portugiesys, die sich ja doch nur von ihren Niedriglohntourismusdienstleistungsjobs nach 18 Stunden Abwesenheit zurück in die Wohnung schleppen, die wissen doch die viele Arbeit, die man da investiert hat, gar nicht zu schätzen. Touristen dagegen, sehr fein, bringen Geld und auch noch Arbeitsplätze. Also das Geld für die Investorys, die Arbeitsplätze für die Einheimischen. Eine Win-Win-Win-Situation. Nacht für Nacht für Nacht, so toll. 

Nein, alles falsch, alles unwahr, alles Lüge. 
Ja, die Touristen, ja das AirBnB, ja, der Verlust von Authentizität und die Disneylandifizierung der Alt- und Innenstädte, ja, erwischt, das findet alles statt. Aber trotzdem hat doch Portugal auch gute Seiten. Das Licht zum Beispiel, das Meer, die Luft, das Wetter. Die Landschaft, die Architektur, die Geschichte eines Landes, das mal klein war, dann groß, dann wieder klein, dann Provinz, dann freigekämpft, dann Diktatur, dann Rebellion. Ein Land mit Geschichte, mit Tiefe, mit Leidenschaft, durchtränkt von einer greifbaren, ansteckenden Sehnsucht, der saudade, die mehr ist als der Wunsch nach Zufriedenheit, sondern schon auch ein bisschen die wehmütige Träne ist, die den traurigen Zeiten nachgeweint wird, denn auch da hat man ja gelebt und gelacht und geliebt. Der Mensch ist erst ganz, wenn er anerkennt, dass er mehr ist als die Instagram-fähigen Momente. Ja, banal, aber die Glückskeksfabrik ist derzeit wegen neu regulierter Arbeitszeiten geschlossen. 

Und überhaupt, muss hier abrupt abgebrochen werden. Zeit für einen Ortswechsel.