Drei Listen. Eins.

Die schwerste Liste zuerst. Die positiven Gewohnheiten.

Wie fällt es doch schwer, das Gute an sich zu sehen, wenn man ein scharfer, aber unkonstruktiver Kritiker ist: was man an sich mag, ist eine Selbstverständlichkeit, es stört nicht, hindert nicht am Leben, verwächst so sehr mit dem Selbst, dass man es für eine Eigenschaft hält.
Und doch ist es kein Teil des Charakters, sondern eine Gewohnheit.

Morgens und abends Zähne putzen zum Beispiel und bei Bedarf Zahnpflegekaugummi kauen.
In der Frühstückspause lesen statt nur an die Wand zu schauen.
Überhaupt: täglich lesen.
Wöchentlich Badminton spielen gehen.
Täglich Duschen.
Freundlich zu den Mitmenschen sein, ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern wollen.
Regelmäßig schreiben.
Wöchentlich die Wohnung aufräumen.
Mindestens einmal täglich den Freund umarmen.
Täglich eine Viertelstunde zur Musik singen.
Zur Arbeit nicht mit dem Auto fahren.
Mein eigenes Verhalten hinterfragen.
Dinge kaum noch persönlich nehmen.
Konstruktiv sein wollen.
Geduld haben.
Mich nicht über das Wetter aufregen.
Negative Aspekte einer Sache als Ansatzpunkt für Verbesserungen sehen.
Bei meinen Entscheidungen Rücksicht auf die Interessen Anderer nehmen.
Abwesende verteidigen.
Mich um mich selbst und andere kümmern, mitfühlen.
Über mein Leben nicht jammern.
Dingen auf den Grund gehen, Mechanismen verstehen wollen.
In Entscheidungen sowohl logisch ergründbare Vor- und Nachteile als auch Bauchgefühl und Intuition miteinbeziehen.
Hilfe nicht aufdrängen, Erkenntnisse weitergeben ohne belehren wollen.
Meiner Menschenkenntnis vertrauen, meinen Vorurteilen zu misstrauen.
Offen für Neues sein, Altes nicht als überkommen ablehnen.
Die Nachrichten nicht zu ernst nehmen.
Fehler zulassen und möglichst aus ihnen lernen.
Eine positive Sicht der Welt haben.
Die Wahrheit im Zweifelsfall der Lüge vorziehen.

Wahrscheinlich nicht alles. Hoffentlich nicht alles.

Drei Tage schreibe ich an dieser kurzen Liste, nachdem ich schon über eine Woche lang darüber nachgedacht habe. Und bei vielem bin ich mir nicht sicher, ob es sich wirklich um Gewohnheiten handelt. Mein Test war, ob ich die einzelnen Punkte der Liste in einen Satz packen konnte, der begann mit: "Ich habe mir angewöhnt, ...". Auch dabei kommen teilweise Charakterzüge zum Vorschein, die aber auch zeigen, dass ein Charakter überwiegend aus Gewohnheiten besteht und nicht so sehr aus der Stimme und den Genen.
Wer sich leicht aufregt und rumschreit, wenn ihm etwas nicht passt, der hat es sich vielleicht einfach nur nicht zur Gewohnheit gemacht, die Verhaltensweisen Anderer objektiv zu sehen, deren Standpunkt verstehen zu wollen und sich sachlich auf eine Diskussion einzulassen.
Gleichermaßen kann ein Mensch, dem alles gleichgültig erscheint, es sich wirklich nicht angewöhnt haben, Interesse aufzubringen.

Ich bin mir sicher, dass mir einige Punkte auf dieser Liste, die sicherlich nicht vollständig ist, bei meinen negativen Angewohnheiten wieder begegnen, denn oft ist das, was sich als gute Gewohnheit tarnt, nur ein angewöhntes Vermeidungsmuster. Und so wird aus "Geduld haben" schnell mal "Unsitten nicht gleich im Keim ersticken". Allerdings braucht alles den Kontrast seines Gegenteils, um überhaupt erst sichtbar zu sein