Kurz vor dem freien Fall

In letzter Zeit - das geht nun schon seit ein paar Wochen, also ist es nicht nur in letzter Zeit, sondern eher ein chronischer oder sich chronifizierender Zustand - liegen meine Nerven knapp außerhalb meines Körpers. Es "blankliegen" zu nennen wäre untertrieben.

Ich habe ernsthafte Probleme, mein Privatleben - also alles, was nicht mit einem meiner drei Berufe zu tun hat - zu regeln, vor allem eben diesen Urlaub, der übermorgen beginnt. Der Freund macht sich Sorgen, ich weiß nicht, wie lange schon. Dass er es tut, weiß ich seit heute.
Naja.
Zugegeben: eigentlich weiß ich es schon länger, aber gesagt hat er es erst heute.
Der Stress, sage ich mir, und eben jenen Stress werde ich jetzt aber auch mal endlich abbauen in unserer zweiwöchigen Wandertour. Nur laufen und nicht denken, sage ich mir, wird mir vielleicht endlich wieder die Ruhe zurückbringen, die ich an mir kannte, die ich aber momentan, also seit eben jenen paar Wochen, nicht mehr finden kann.

Zahnarzttermine, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Kein Problem, denke ich letzte Woche noch, denke ich vorgestern noch, 9.8. und 10.8., jeweils um 10 Uhr. Stelle ich letzte Woche fest, stelle ich diese Woche fest, gestern noch bestätigt mir ein Blick: Donnerstag zehn Uhr, Freitag zehn Uhr. Jemand muss den Zettel ausgetauscht haben, denn als ich heute überpünktlich (das kennt man von mir ja nicht, es hätte mich also schon stutzig machen müssen) der Sprechstundenhilfe meine Anwesenheit bekanntgebe, bremst sie mich aus: "Ihr Termin war um neun Uhr."

Ich verstehe mich derzeit nicht. Ich weiß nicht, was mit mir los ist, denn so kenne ich mich nicht. Als einzige Erklärung habe ich meine fünf Parallel-Leben, die mich langsam überfordern: Käseverkäufer, Ernährungsberater, Kochlehrer, Schriftsteller, Hausmann; fünf Leben, die mir vor allem auch keinen Atem lassen, mich auf das zu konzentrieren, was ich als dringlichstes Ziel meines aktuellen Lebensjahres sehe: mich selbst zu sortieren und endlich all das auszugeizen, was mich aufhält, was mich desinteressiert, was mich an Verwachsungen in meinem Leben begleitet.
Fünf Leben, die nichts oder nur wenig mit dem einen Leben zu tun haben, das ich eigentlich führen wollte.

Ich schlafe auch nicht mehr durch.
Vielleicht liegt es daran.
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht, denn vielleicht schlafe ich auch nicht mehr durch, weil ich so dünnhäutig geworden bin. Habe ich in meiner letzten WG selbst dann noch bei offenem Fenster durchgeschlafen, wenn die Notarztwagen nachts um drei mit Martinshorn am Haus vorbeirasten, wache ich jetzt schon auf, wenn die ersten Hummeln den Lavendel auf dem Balkon anbrummen. Und dann wieder ertappe ich mich dabei, im Laden vor einem Regal zu stehen, Marmeladengläser oder Fleischkonserven oder Vollkornmehl oder die Myriaden von subtil unterschiedlichen Nudelsorten anzustarren und mich zu fragen, warum ich schon fast zweieinhalb Jahre in einem Laden arbeite, in dem ich von Anfang an zur Stagnation, wenn nicht Regression verdammt war, in dem ich nichts lernen konnte, nichts lernen wollte, in dem ich allein gelernt habe, meine Arroganz wenn schon nicht abzulegen, dann doch wenigstens zu erkennen.

Das ist meine letzte Ausrede: dass ich Demut lernen musste, dass ich meine Arroganz verlieren musste, dass ich an zu überwindender Hybris litt. Und doch habe ich das Gefühl, es sei immer noch arrogant zu denken, zweieinhalb Jahre in einem Dienstleistungsberuf könnten aus mir einen besseren, angenehmeren, weniger arroganten Menschen machen, als könne mich das bewusste Arbeiten unterhalb meines Ausbildungsniveaus zum Salz der Erde machen.

Zu viele Gedanken sind es, die ich habe, die mich umtreiben, und keinen davon kann ich recht in Worte fassen. Alles mäandert in mir, alle Impulse meiner offen liegenden Nerven überreizen mich, versengen meine Synapsen und zerstören langsam meinen Sinn für Ordnung und Orientierung.
Ich weiß nicht mehr wohin, alles was ich will, alles was ich weiß, ist: fort.