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Alles außer Ahnung

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Usus operi
Februar 8, 2011

Bezeichnend, dass ich gerade zu wer_bin_ich.doc  das Passwort vergessen habe.
Alle Versionen meines Namens, die meisten meiner Pseudonyme von 1997, alles, von dem ich heute denke, es sei mir damals wichtig gewesen, habe ich ausprobiert, und doch habe ich keine Ahnung, was ich damals für ein schlaues Passwort hielt, als ich über mich selbst schrieb. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich damals schrieb, worüber ich nachgedacht habe, und doch habe ich das unbestimmte Gefühl, dass es wichtig für meine Selbsterkenntnis sein könnte.
Deren Stellenwert ich einerseits natürlich heillos überschätze.
Andererseits habe ich in einem anderen Dokument von 1997, das ich Soultalk nannte, das erste Mal geschrieben, dass ich mich für schwul halte.

20.08.1997
Ich brauche mehr als einen Busen, um meinen Schwanz steif werden zu lassen. Ich bin einfach nicht so fixiert auf Frauen , eher erregt mich der halbnackte Körper eines Mannes, oder der ganz nackte. Aber ich betrachte mich deswegen noch nicht als schwul, wenn dann bin ich bisexuell, denn ich verliebe mich ja nur in Mädchen, aber wie gesagt immer in die falschen. Es ist der Geschlechtsakt an sich, der mich erregt, dabei ist es egal, ob heterosexuell oder homosexuell, Hauptsache es ist mindestens ein Mann dabei.
Ich glaube, ich habe Angst davor schwul zu sein, obwohl im Grunde nichts falsches oder unnatürliches daran ist. Aber für mich ist das nicht so eine einfache Sache mich zu entscheiden. Ich lasse mich einfach nicht gerne festlegen, das ist alles. Das liegt irgendwie in der Zwillingsnatur begründet. Wenn ich mich festlege, dann ist das so als lege ich mich an eine Kette, und ob ich fähig bin, diese Kette irgendwann wieder abzustreifen, weiß ich nicht.

1997!
Vier Jahre vor meinem "offiziellen" Coming Out. Meine Fresse, was hat mich denn da aufgehalten? Ich weiß ja, dass ich in manchen Dingen langsam bin, aber VIER JAHRE?! Andererseits bin ich ja auch 14 Jahre später nicht unbedingt schlauer, denn 1997 hatte ich auch ein massives Problem mit Selbstbefriedigung.

21.08.1997
Während ich hier sitze und eigentlich gar nicht weiß, was ich noch schreiben könnte, da fällt mir plötzlich ein, dass ich schon seit ganz furchtbar langer Zeit kein Gedicht oder ein Stück meines Buches geschrieben habe. Nicht, dass ich dazu jetzt fähig wäre, aber allein der Gedanke, all mein Kreativitätspotential einfach aus mir herausgewichst zu haben, bereitet mir doch einige Kopfschmerzen. Aber dass ich genau das getan habe, macht die Sache noch viel schlimmer für mich, als sie vielleicht scheint. Ich kann es nicht genau erklären, dennoch habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr ganz richtig im Oberstübchen bin, denn welcher halbwegs vernünftige Mensch würde sein einziges wirklich wertvolles Gut, das einzige, das ihm wirklich etwas bedeutet, einfach so zum Fenster rausschmeißen, nur um als Gegengabe einen schalen Abglanz körperlicher Lust zu erhalten.
Erst während ich diese Zeilen geschrieben habe, ist mir wirklich klargeworden, was ich mir dadurch selbst angetan habe: Ich tauschte ein kosmisches Geschenk gegen etwas so schrecklich sterblich vergängliches wie einen Orgasmus, der nicht einmal einer war. Nicht einmal ein richtiger Orgasmus war es, den ich für mein selbstloses Opfer bekommen habe: Auch das war ein bloßer Abklatsch, ein kurzes, fast epileptisches Zucken und Rucken, während meine Hand in meinem Schritt beinahe einen Krampf davon bekommen hätte, die Vorhaut über der Eichel zusammenzupressen, damit auch kein einziges Tröpfchen jedweder Flüssigkeit die schändenden Finger oder das unschuldige Bett benetzen würde. Und nach verrichteter Schandtat war ich auch schon wieder dabei mich wieder vollständig zu bedecken, damit mein Geschlecht nicht noch zu mehr als diesem einlade. Kaum war das getan, da fand ich mich auch schon wieder meine Hände unter fließendem Wasser mit Seife reinigend, um alle sichtbaren Spuren zu vernichten. Jetzt, da ich den gesamten Akt noch einmal aufgeschrieben habe, ist mir, als müsste ich mich übergeben.

Pathos, my ass!
Das alles zu lesen, ist fast schlimmer, als es damals geschrieben zu haben. Nicht der Gedanke, dass ich zu viel gewichst hätte, ein Zuviel kann es da bei 17jährigen auf dem Land ja kaum geben. Den Selbstekel allerdings mit einem nölenden Pathos zu schminken, damit er wirklich brechreizerregend wirkt, das ist wirklich widerlich.
Auch wenn ich kaum mehr weiß, welches Buch ich damals zu schreiben glaubte, seit 1997 bin ich auch in dieser Hinsicht kaum weitergekommen. Seit 14 Jahren weiß ich, dass ich nichts anderes in meinem Leben machen wollte, als Schreiben und doch halte ich mich immer und immer wieder zurück, produziere One-Shots statt Qualität, verweigere mich grundsätzlich der Überarbeitung von Texten und schwülste durch die Gegend, als sei das allein relevant.

Wer aber bin ich wirklich? Und wie unterscheidet sich der 17jährige vom 31jährigen? Suche ich deswegen nach dem Passwort, lässt mich die vermeintliche Diskrepanz zwischen damals und heute herausfinden, was mich wirklich ausmacht, wer ich wirklich bin? Es ist die Sehnsucht nach einer einfachen Lösung, die nicht das erfordert, was ich immer für nötig und ärgerlich hielt: Selbsterkenntnis.

Die ich aber, siehe oben, sicherlich überschätze.
Wrong Password. Try again.

Anders

Semiliterarisches Lebenslogbuch von
Anders Wolf, ab und an
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