Der dunkle Ort

Als Kind hatte ich einen wiederkehrenden Traum, der mich durch meine Grundschulzeit hindurch begleitete. Später, als ich das Gymnasium besuchte, war er nur noch ein Schatten seiner selbst, eine ferne Erinnerung, die mich nur streifte, wenn ich große Angst hatte.

Ich träumte, ich sei ein Baum, eine gerade verwurzelte Pflanze, ein Keimling, der sich gen Sonne und Himmel streckt. Ich weiß nicht, wann ich das erste mal davon träumte, es gehört zu den ersten und stärksten Erinnerungen, die sich nicht wie andere Erinnerungen der Kindheit mit Fotos belegen lassen. Vielleicht steckt diese Erinnerung, dieser Traum darum so tief in mir: weil es keinen anderen Beweis für seine Existenz gibt als mein Wissen, mein Fühlen, dass es wahr ist, was dieser Traum erzählt.
Der junge Baum, der ich war, steht allein auf weiter Ebene, als es anfängt zu regnen, dicke Tropfen, schwer wie Planeten und schwarz wie sternlose Nacht. Sie fallen herab aus dem lichten Himmel, ohne Vorwarnung; aus Höhen ohne Wolken, die es angekündigt hätten, geht ein Schauer aus Dunkel hernieder und reißt die Ebene um mich in Stücke, prasselt auf den Baum, der ich war, ein. Und die Tropfen, die wie Teer an mir kleben, verhöhnen mich, machen sich lustig über meine Angst, über meine Tränen, über meine Sorge, dass ich mit allem, was ich bin, untergehen könnte, vergehen könnte unter diesem Welt- und Wolkenbruch.

Den Traum konnte ich besser verkraften als die Stimmen, die mich aus dem herabstürzenden Himmel in den Tag hinein verfolgten. Auf meinem Schulweg hörte ich sie noch, spürte ihren Spott und konnte ihre Schadenfreude fühlen, wenn sie meine Gedanken echoten und ins Lächerliche verzerrten.
Es gibt sicherlich eine psychologische Bezeichnung dafür oder zumindest eine Erklärung, was mein Unterbewusstsein tat, als es all meine Gedanken mit Häme verätzte. Ich versuche heute, in dieser Vergangenheit den Beginn für die Zensur meiner Gedanken vor mir selbst zu suchen; ich hatte Angst zu denken, da alles, was ich dachte, flammenden Widerhall fand.
Die Stimmen, die ich im Traum wie im Wachen hörte, die mich nachäfften und verhöhnten, waren natürlich selbst nur Echos wie der Traum vom schwarzen Regen selbst auch.
Kein Kind kommt auf die Welt mit einer solchen Störung. Selbst wenn das Gehirn sich fern der Norm entwickelt, so gibt es doch in der Regel Auslöser, Momente, die eine erratische Wahrnehmung initiieren, und sei es bloß, dass sie dem betroffenen Kind verdeutlichen, dass es anders tickt als die Anderen.

Nicht anders war es bei mir.
Ich gebe meinen Eltern keine Schuld dafür, dass sie mit ihrer Entscheidung, aufs Land zu ziehen, wo sie bis zu ihrem Fortgang vor zehn Jahren Fremde blieben, auch mich zum Außenseiter machten; sie konnten es nicht ahnen. Sie kamen aus einer Stadt im Norden, ich wuchs auf in einem Ortsteil einer südlichen Dorfgemeinde. Weder verstanden meine Eltern in den ersten Jahren, wie die Landbevölkerung tickt, noch hatten die Ortsansässigen Interesse, die Zugezogenen näher kennenzulernen, geschweige denn zu integrieren.
Während Eltern demgegenüber eine gewisse Professionalität an den Tag legen können, sind Kinder da offener, direkter, grausamer. Ab meinem ersten Tag im Kindergarten wurde ich von den anderen Kindern, deren Mütter bereits miteinander aufgewachsen waren, kritisch beäugt, sie erkannten das Fremde an mir, das eigentlich nur ein Nichterkennen war. Wir trugen diese Stempel auf beiden Seiten, ich hatte kaum Berührungspunkte mit den anderen Kindern, die größtenteils auch noch aus einem anderen Ortsteil der Dorfgemeinde kamen.
Manches verwächst sich im Laufe der Zeit, manches wird weniger wichtig.
Dass ich der Jüngste, der Kleinste, der Stillste in der Gruppe war, wurde mit der Zeit weniger wichtig als das Eine, das immer gleich blieb: ich war anders, fremdelte selbst nach Jahren noch.
In der Grundschule wuchs die Distanz auf kognitiver Ebene. Meiner Armut an Freunden verdanke ich meine Liebe zum Wissen. Als jüngerer Bruder profitierte ich bereits im Kindergarten von den Lernerfolgen meiner Schwester, die mit mir Schule spielte. Sie brachte mir das Schreiben bei, während die anderen Jungs lernten, wie man mit einem Fußball umgeht. Ich konnte Bücher lesen, während die anderen Kinder sich gerade noch durch das Alphabet quälten. Ich wurde zum Liebling der Lehrer, während andere Schüler bereits in der ersten Klasse um ihre Versetzung fürchteten.
Meine Gene taten das Übrige: ich bekam eine Brille. Was wird aus dem Kind, das ohne Freunde zuhause sitzt und Bücher liest, wenn es schlechte Augen bekommt? Der kleine dicke Junge mit der Brille. Der "Herr der Fliegen" kennt ihn als Piggy und sieht ihn aus seinen madenzerfressenen Augenhöhlen im Kampf der Stärkeren alles verlieren, was er hat, sein Leben inklusive.
Der Archetyp des Außenseiters hat es nicht leicht; manchmal, wenn aus genügend großer Angst Aggressivität erwächst, kann er sich zum Anführer der Unterdrücker emporschwingen, doch meistens bleibt er allein.
Kinder sind grausam, und sie wissen nicht, dass es anders sein könnte. Sie geben dem andersartigen Kind bösartige Namen, jagen es schreiend über den Schulhof, schneiden es aus Bosheit oder Angst vor Ansteckung, weiden sich an seinen Tränen, die es zu verbergen sucht, um nicht zu zeigen, wie viel Macht die Gruppe hat und wie wenig das andersartige Kind.

Ich erinnere mich an wenig aus meiner Schulzeit, teilweise sind absurde Erinnerungen darunter, die schöneren haben meistens mit Lehrern oder anderen Erwachsenen zu tun. Doch auch eine besonders dunkle ist darunter, die aus dem Keller der Schule einen weiteren schwarzen Ort macht.
Die Erinnerung daran ist allerdings verschwommen und unvollständig, und ich weiß nicht, was ich von ihr halten soll, da ich nicht weiß, wo sie endet.
Ob das Ende meiner Erinnerung das Ende dessen ist, woran ich mich erinnern könnte.
Als der Lehrer verhaftet wurde, weil er Schulkinder mit in sein Haus genommen hat, um sie dort sexuell zu belästigen, waren alle Eltern beunruhigt.
Obwohl ich ihn nur ein Jahr lang im Kunstraum im Keller gesehen hatte, fragten mich meine Eltern aus.
Wie kann dieses Gespräch stattgefunden haben? Ich erinnere mich nicht gut.
Hat er etwas gemacht, fragten sie, und ich weiß nicht, ob ich als Achtjähriger verstand, was diese Etwas hätte sein können. Was ich wusste: der Lehrer mochte mich. Ich war das Kind, das den gleichen Vornamen hatte. Eventuell erkannte er die künstlerische Ader, die in meiner Familie vererbt wird wie die Kurzsichtigkeit. Vielleicht erkannte er, dass der Außenseiter niemanden hatte, um zu verraten, wenn der Lehrer etwas  tun würde. Ich erinnere mich daran, während einer Stunde auf seinem Schoß gesessen zu haben, und ich erinnere mich daran, dass er mich sein Lieblingskind nannte. Und während allein dass schon Grund genug für die anderen Kinder gewesen wäre, mich noch mehr zu hänseln, weil ein Lehrer mich anderen Schülern offensichtlich vorzog, kann ich nicht ermessen, welchen Einfluss dieser Mann tatsächlich auf mein Leben hatte. Ich weiß schlicht nicht, ob und wenn, in welchem Maß ich vom Kunstlehrer missbraucht worden bin.
Ich sehe das auch nicht als den dunkelsten Ort, an dem ich je war.
Jahre später, Konfirmandenunterricht: derselbe Raum, dieselbe Schülergruppe, jetzt 13 bis 14 Jahre alt. Der Raum selbst weckt keine bösen Erinnerungen, die Menschen darin auch nicht. Wir haben keinen Umgang miteinander, meine Arroganz als einziger Gymnasiast unter Hauptschülern verbietet es mir. Ich bin besser, das spüre ich und lasse es die anderen wissen. Habe das vielleicht damals schon gemacht. Vielleicht, das argwöhne ich lange nach der Konfirmation, wiederum Jahre später, habe ich damit mein Außenseitertum befeuert, vielleicht, wenn schon nicht hervorgerufen, dann doch kultiviert.
Die Wiederbegegnung mit dem Raum, in dem Kinder missbraucht wurden, löst nichts aus, vielleicht saß ich tatsächlich nur auf dem Schoß, bis ich zu schwer wurde. Ich hatte damals schon einen Panzer um mich gelegt, der mich nicht leicht zu ertragen machte.

Dunkler als die Träume, dunkler als die ätzenden Stimmen, dunkler als der Kunstraum, dunkler als alle Nächte, die ich mich in den Schlaf weinte aus Angst vor dem nächsten Morgen in der Schule, dunkler als all das war meine Seele.
Ich hasste mich dafür, was ich anderen erlaubte, mir anzutun.
Ich hasste mich dafür, dass ich mich nicht wehrte.
Ich hasste mich dafür, lieber wegzulaufen als mich meinen Verfolgern entgegenzustellen.
Ich hasste mich dafür, der Angsthase zu sein, den alle anderen in mir sahen.
Ich hasste mich dafür, dass ich mich auch Jahre später, als ich schon nicht mehr das Kind der Zugezogenen im Dorf, sondern ein fremder Schüler unter vielen einander fremden Schülern im städtischen Gymnasium war, abgrenzte, meine Arroganz kultivierte, mich immer tiefer in mich zurückzog, um meine Opferrolle behalten zu können.
Ich hasste mich dafür, dass ich selbst dann schwach sein wollte, als ich mich anstrengen musste, schwach zu sein.
Ich hasste mich dafür, dass ich mich nicht einfach nur zuhause, sondern tief in Büchern versteckte.
Ich hasste mich dafür, dass ich meine gesamte Jugend an mir vorbeiziehen ließ, nur um weiterhin zu erleben, was ich kannte: Alleinsein, Einsamsein.
Ich hasste mich dafür, dass ich mir selbst meine Kindheit und Jugend stahl, dass ich mich selbst dadurch missbrauchte.

Erst als ich 17 war, zehn Jahre Einsamkeit später, erkannte ich das. Erst damals, als ich von Freunden, über deren Herkunft ich mir bis heute Umklaren bin, angenommen wurde, wie ich war, entkam ich meiner inneren Hölle.
Dafür musste ich nicht kämpfen. Ich musste einfach nur loslassen, nicht mehr daran denken.
Ich ging aus, ich nahm ab, ich wurde ein anderer Mensch, aus heutiger Sicht fast über Nacht.

Ich kann nicht sagen, was geschah, es wurde plötzlich alles leichter, alles, was mich vorher ausgemacht hatte, brach auseinander, und es war mir egal. Ich sah nicht mehr zurück, ich nahm mit mir, was mit mir gehen wollte. Ich erkannte das, was meine Freunde in mir sehen konnten, lernte mich ebenso einfach anzunehmen mit allen Fehlern, vor allem aber mit allen Stärken.
Ich lernte mich lieben.
Das war das schwerste, aber auch das Schönste. Die Liebe und die Leichtigkeit, mit der ich mein Leben lebte. Die Angst vor dem Dunkel hat mich nicht verlassen. Auch die Sehnsucht danach nicht.
Über Jahre hinweg hat es keine Rolle gespielt. Erst gegen Ende meines Studiums, weitere zehn Jahre danach, als ich in mein Jahr der Arbeitslosigkeit fiel wie in eines der Löcher, das der schwarze Regen in die weite Ebene gerissen hatte, spürte ich das Dunkel wieder in mir, erkannte die Narbe, die auf meiner Seele geblieben war. Ein Jahr ist viel Zeit, um eine Narbe wieder zu einer blutende Wunde zu öffnen.
Manchmal kann das sinnvoll sein.
Manchmal kann man, gräbt man nur tief genug, Splitter und Scherben aus dem Gewebe ziehen, die auf lange Sicht die Gesundheit gefährdet hätten.
Manchmal kann man unter großen Schmerzen die Beweglichkeit von Gelenken wiederherstellen.
Manchmal ist es das Opfer wert, den Schmerz, das scheinbar endlos fließende dunkle Blut.
Manchmal.
Nicht immer.
Seit bald sechs Jahren laboriere ich an dieser Wunde wie an einer Kriegsverletzung. Posttraumatische Belastungsstörung nennt man das wohl. Und es wird nicht besser. Oder vielleicht doch, immerhin erkenne ich langsam Muster in meinen Alpträumen, weiß mittlerweile, dass ich mich von meinen Freunden bewusst abschotte, statt immer noch zu vermuten, dass sie still an jenen unbekannten Ort zurückkehren, aus dem sie einst hervortraten. Ich akzeptiere, was ich in den Folgejahren von 17 intuitiv begriff: dass ich verantwortlich bin für mein Glück wie für mein Unglück. Ich begreife, dass meine Sucht nach intellektueller Betäubung und strategischer Selbstunterforderung einen ebenso primitiven wie effektiven Selbstschutz davor darstellt, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen.

Ich bin an einem Grenzpunkt angekommen. Ich kann nicht weitermachen wie bisher, das ist die beste Erkenntnis. Ich kann nicht weiter ignorieren, was alles in meinem Leben nicht funktioniert und nicht passiert. Wichtiger: ich will es nicht. Meine Gesundheit leidet massiv. Alle subtilen Zeichen konnte ich ignorieren, die Unzufriedenheit, die eingeklemmten Nerven, die Rücken- und Schulterschmerzen, der unregelmäßige Herzschlag, der niedrige Puls, die Schlaflosigkeit, die Schlafattacken, die Erschöpfung.
Letztlich habe ich mir einfach die Zähne an mir selbst ausgebissen. Mein Zahnarzt sagt, die Zahnfüllungen, die er letzten Herbst erneuert hat, sähen aus, als wären sie fünf Jahre im Krieg gewesen. Fast sechs, könnte ich ihn korrigieren. Einer meiner Zähne ist jetzt gesplittert, von der Krone bis zur Wurzel aufgerissen wie ein Baum nach einem Blitzschlag. Er wird gezogen werden, ich bekomme ein Implantat, über das ich Witze mache, weil es aus der Schweiz kommt: ich hoffe, dass es so viele Funktionen haben wird wie ein Taschenmesser. Als ob es nicht eigentlich tragisch wäre, was mir anzutun ich offensichtlich bereit bin, nur um zu verdrängen, wie hoffnungs- und vor allem orientierungslos ich durch mein Leben wanke.
Statt mich konstruktiv damit auseinanderzusetzen, was ich wirklich kann und will, strenge ich mich an, schwächer zu sein, als ich es bin.
Statt das Buch zu schreiben, das davon handelt, wie Kirren seine Angst und sein prophezeites Schicksal überwindet, vergrabe ich mich in Büchern und Coming-of-Age-Blogs.
Statt mir zu gestatten, mich und andere zu lieben, betäube ich mich mit Pornographie.
Statt stolz auf meine über elf Jahre Beziehung zum Freund zu sein, bin ich schon gehemmt, meinen Kolleginnen gegenüber zu erwähnen, dass ich überhaupt eine habe, geschweige denn eine schwule Beziehung.
Statt meine Ideen und Fähigkeiten sinnvoll auf die Erfüllung wenigstens eines meiner vielen Träume zu konzentrieren, verschwende ich Kraft dabei, auf vielen Baustellen Stückwerk abzuliefern.

Und ich trauere. Vor allem um die Zeit, die vergangen ist. Als ob sie dadurch wiederkäme oder anders verbracht worden wäre. Auch schöne Momente bekommen den Anstrich des Selbstmitleids, dass all das Schöne nicht von Dauer ist, sondern verloren sein wird, weil ich es nicht halten kann. Statt in irgendwas eine Chance zu sehen, erkenne ich in allem nur die Mangelhaftigkeit, die Imperfektion. Und mich regt alles auf, nicht weil alles aufregend wäre, sondern weil ich mich aufregen will. Dass die Nachbarn den Müll nicht trennen, dass der Chef kein Chef ist, dass die Freunde ihre Mails auch nicht häufiger beantworten als ich meine. Dass nichts besser ist als das Mittelmaß, zu dem ich selbst auch fähig bin. Ich habe mich lange geweigert, mich mit all dem auseinanderzusetzen.
Mit all dem, was ich aufgeschrieben habe, um die Frage zu beantworten, was mich immer wieder einhole, und mit all dem, was ich noch nicht aufgeschrieben habe. Ich habe lange Zeit keinen Sinn darin gesehen und vor allem keine Hoffnung. Vielleicht hatte ich auch einfach Angst, dass das Teilen dieser Dunkelheit zu etwas führen würde, was ich mir schon einmal vorgeworfen habe: dass ich meine Geschichte missbrauchte, um andere durch Mitleid an mich zu binden. Das habe ich früher getan, oder zumindest unterstelle ich mir das. Dass ich durch das Erzählen meiner Außenseitergeschichte Gefühle bei Anderen hervorgerufen hätte, die nichts mit der Person zu tun haben, die ich zum Zeitpunkt des Erzählens war. Und dass die Anderen nur deshalb bei mir blieben und mich nur deshalb mochten, weil ich diese traurige Geschichte erzählt hätte.

Jetzt, wo ich das so aufschreibe, fällt mir erst auf, wie bescheuert es ist. Als ob andere Menschen nicht selbst entscheiden könnten, wem sie ihre Zuneigung, ihr Vertrauen, ihre Liebe schenken. Wie anmaßend auch, dass ich glaube, meine Vergangenheit könnte stärker sein als der Wunsch anderer Menschen. Und wie naiv vor allem anzunehmen, ich wäre der einzige Mensch, der Leid erfahren hätte in seinem Leben.
Ich habe aus Angst geschwiegen, aus der Angst heraus, mich selbst zum Opfer zu machen. Statt zu erkennen, dass ich mich dadurch tatsächlich zum Opfer meiner selbst mache, habe ich mir verweigert, mir selbst zu helfen, indem ich mich mit meiner Vergangenheit auseinandersetze. In meinem Wunsch nach Leid habe ich die unglückliche Einsamkeit heilsamem Schmerz vorgezogen.

Jetzt, da ich an diesem Punkt, in diesem Absatz bin, wird mir erst klar, was ich da eigentlich getan habe, und wieviel mehr dysfunktional das ist im Vergleich zum Panzer, den ich in meiner Pubertät trug. Ich hatte gedacht, es besser zu wissen, dabei wollte ich nur blind und arrogant und alleine und einsam bleiben. Und ich habe all jene Menschen weit von mir gestoßen, die mir hätten helfen können, die mich kannten, als ich klein war, als ich Jugendlicher war, als ich anfing zu heilen.
Als es dunkel wurde, 2007, da habe ich Stück für Stück abgeblockt, habe jede Nachfrage, jedes Wissenwollen ignoriert, habe bewusst Geburtstage, Verabredungen, Telefonate vorbeiziehen lassen, weil ich Angst vor den Antworten hatte, die mir die Menschen, die mich lieben, hätten geben können. Und der einzige Mensch, der nicht von meiner Seite wich, weil seine Liebe alle meine Versuche überwanden, ihn zu ignorieren oder fortzustoßen: ihn habe ich mit Schweigen und Aggression bestraft, mit Enttäuschungen und bissigen Seitenhieben. Ich verdanke ihm so viel und ich behandle ihn dafür so schlecht. Ich kämpfe immer wieder mit mir, ich bin mir immer wieder meiner Beziehung unsicher, weil ich ahne, dass er zu viel von mir weiß, als mir nicht helfen zu können, wenn ich ihn um Hilfe bäte. Aber er will nicht gehen, und ich könnte so ein glücklicher Mensch deswegen sein, wenn ich das nur sehen wollte.

Als der Freund vor eineinhalb Stunden schlafen ging, sagte er, ich solle noch aufbleiben und weiterschreiben. Es sähe aus, als hätte ich mir da was von der Seele zu schreiben.
Ich glaube nicht, dass er den halben Nervenzusammenbruch meinte, in dem ich den letzten Absatz verfasst habe; aber er kennt mich wirklich so gut, dass er mir ansieht, wenn ich schreiben muss.
Das ist eines der Dinge, die ich an ihm liebe. Ich neige dazu zu glauben, dass ich ihn nicht verdiene. Dass ich zu selbstsüchtig, arrogant, destruktiv bin.
Und auch hier überschreite ich meine Kompetenzen schon wieder. Es ist nicht meine Aufgabe, seine Gefühle zu interpretieren oder gar hervorzurufen. Auch wenn ich das offensichtlich als mein Lebensmotto sehe: Anderen die Art des Umgangs mit mir möglichst weit vorzugeben. Als ob sie dazu nicht selbst in der Lage seien.

Ich verstehe, dass ich beschädigt bin. Dass meine Wurzeln vernarbtem Grund entwachsen. Und jetzt, in diesem lichten Moment nach dem emotionalen Sturm, der meine Krone durchgerüttelt und einige knorrige Zweige herausgebrochen hat, weiß ich, dass ich dadurch stärker sein kann als ohne den erlebten Schmerz. Vorausgesetzt, ich kann den Schmerz, die Erinnerung, die Sehnsucht nach dem dunklen Ort loslassen.
Dass es geht, weiß ich.
Dass ich mich selbst lieben kann, weiß ich.
Dass ich mir selbst vergeben kann, weiß ich.
Ich muss es nur noch wollen.
Die Entscheidung sollte nicht schwer fallen.
Es kostet so viel Kraft, nicht zu wollen.
Es kostet so viel mehr Kraft, mich immer noch klein zu halten, mir selbst alles zu versagen, mir keine Liebe zu gönnen.
Ich habe diese Kraft nicht mehr, ich gehe auf dem Zahnfleisch.

Aber ich gehe voran. Den Grenzpunkt habe ich hinter mir gelassen, ich will nicht mehr zurück. Natürlich sieht das dunkle Land vertraut aus, aber das heißt nicht, dass es im Licht nicht auch schön sein könnte. Im Gegenteil dürfte die Sonne dort öfter scheinen.