Anders Wolf

Fortschreitungen

Fremdleben

Usus operi | Juli 2, 2020

Liegt vielleicht an diesem Noch-nicht-wieder-ganz-da, vielleicht an dem Zwischendurch-mal-raus, vielleicht an dem Sowieso-immer-alles-anders: fühle mich fremd in meinem Leben. Was auch immer das ist, mein Leben. 

Klingt natürlich pathetisch, auch im englischen Sinn des Wortes. Meint aber ganz eindeutig, dass ich es einfach nicht weiß. Weder wer ich bin, noch wer zu sein ich mir wünsche. Oder, vielleicht zutreffender bislang: wer ich mir erlaube zu sein im Rahmen meiner eng gesteckten Grenzen des für andere Zumutbaren. 

Zu oft, denke ich, ich mache mich klein. Klar, ich vergeude, verspiele, verkenne mein Potential. Sage ich seit Jahren, ohne dass sich etwas ändert. Wie auch, wäre ich doch derjenige, der umsteuern müsste, das Schiff aus dem Trockendock hinaus in die offene See, wo es etwas zu riskieren, vielleicht etwas zu verlieren, garantiert aber etwas zu gewinnen gäbe. Erfahrung zum Beispiel. 

Stattdessen betrachte ich nur meinen eigenen Verfall, untersuche meine Langeweile, sehe mir beim Prokrastinieren zu. Aufbruchsimpulse zu setzen, wie mir das früher ab und zu gelang; mich zu motivieren, aus meiner Komfortzone auszubrechen und Neues zu wagen; mich mir abzustreifen und eine neue Identität anzulegen; alles schwieriger geworden. 

Ich stecke fest in dem Kokon, von dem ich letztes Jahr schrieb, ein Schmetterling auf der Suche nach der Freiheit, nach der Unbeschwertheit, vielleicht auch auf dem Weg in den ewig blauen Himmel unbegrenzter Möglichkeiten. Noch arbeite ich daran, der zu werden, der ich sein soll, doch ohne ein klares Bild, ohne einen überzeugenden Willen, ohne das Ablegen der ewigen Angst vor dem, was ich werden, was ich erreichen könnte, will ich mich nicht an die Enthüllung wagen. 

Der Künstler, das habe ich irgendwann in den letzten Tagen gelesen, muss loslassen können. Wer sich mit dem Gedanken arrangieren kann, das eigene Werk irgendwann anderen zur Rezeption, aber auch zur Interpretation überlassen zu können, wird erst richtig produktiv. Vielleicht trifft das auch auf alle schaffenden Menschen zu, die ein Stück ihrer Seele fixieren wollen, vielleicht auch sich selbst in einer Welt verankern wollen, die sie nicht gänzlich verstehen. Und die sie durch ihre Kunst bereichern und damit sich selbst ein Stück weit einverleiben. 

Vielleicht ist das aber auch etwas, das ich nun, da ich mich so fremd fühle in mir selbst und in dem Alltag, den ich kenne, aber irgendwie nicht so recht mag, auch übernehmen kann. Auf meine innere Stimme hören (statt auf Podcasts zu Fernsehserien) und mit der Welt in Kontakt treten. Wieder einmal fühlen, wer ich bin inmitten all der Fremde. 

In Zeiten von Corona und empfohlenem Rückzug ist das natürlich ein absonderlicher Spagat: mit Abstand Anderen näher zu kommen. 

Vielleicht ist Franz-Thomas doch auf dem richtigen Weg gewesen, vielleicht war seine Geschichte doch das, was ich erzählen wollte, ausformulieren muss, damit ich mich selbst wieder neu erfinden kann. Franz-Thomas ist dieser seltsame Typ, über den ich dauernd schreibe in den Wettbewerben. Der so phlegmatisch, so selbstmitleidig, so fernab von allen Menschen ist, die ihn lieben können wollen. Wenngleich Liebe vielleicht ein zu großes Wort dafür ist, was Franz-Thomas fehlt; Heimat reichte schon, Wurzeln zum Anankern an die Welt, damit das Wachsen in den Himmel nicht zum Verlust der Bodenhaftung führt. Damit die Seele nicht zu dünn wird, wenn man sich ausstreckt, um Andere zu berühren.