Der Herr schweigt | ANDERSWOLF

ANDERSWOLF

Alles außer Ahnung

[cries in Gen-X]

Der Herr schweigt

Von der Front
Januar 24, 2017

In der Bahn, es ist spät, der Tag war lang und ich bin müde. Vor dem Fenster schwach beleuchtete Landschaft, im Fenster kaum zu erkennen. Meine eigene Reflektion kann ich sehen und eine melierte Reisegruppe: zwei Damen in Tweed und ein zerknautschter Herr. Während der Herr schweigt, erzählt eine der Damen der anderen eine Anekdote. "Bei den ganzen Ausländern heutzutage muss man doch mit allem rechnen. Wenn man denen nichts zu tun gibt, machen die doch nur wer-weiß-was." Im Garten der Dame war ein Fremder. "In meinen Rosen! Da habe ich natürlich die Polizei gerufen." Stellt sich raus, es war weder ein Asylsuchender noch ein Wirtschaftsflüchtling, sondern ein zugezogener Student mit Migrationshintergrund aus Essen-Altenhofen, Innenarchitektur, spielt in seiner Freizeit Discgolf, hat sich beim Training im benachbarten Park verworfen. Stellt sich später raus, als die Polizei den Eindringling schon wegen Hausfriedensbruchs verhaftet hat. Nochmal hat sie die Polizei gerufen, als der Fremde später am Tag vor ihrer Haustür stand. "Der hatte ein so grimmiges Gesicht, dass ich dachte: der will Rache an mir nehmen." Dann lacht sie. "Stellt sich raus, dass er nur um Verzeihung bitten wollte." Stellte sich aber erst nach dem zweiten Eintreffen der Polizei raus. Die zweite Dame zeigt sich amüsiert über das Missverständnis. Der zerknautschte Herr hebt kurz den Kopf: "Und? Hast Du in deinem engen Herz Gnade für den armen Sünder gefunden? Oder ist das so vertrocknet wie Dein Hirn?" Dann fällt sein Kinn zurück auf die Brust, und auch die Damen schweigen. Draußen kommen die ersten Gebäude im Industriegebiet der Kleinstadt in Sicht, dann sind wir auch schon im Bahnhof, der Zug hält, ich steige aus.

Anders

Semiliterarisches Lebenslogbuch von
Anders Wolf, ab und an
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