Tryptichon: Beckmann, die Argonauten und ich.

Städel Frankfurt: Beckmann & Amerika. Farbüberfüllt die Emotionen des Nachkriegsexilanten Beckmann, der in seiner neuen Heimat Amerika gröber malt, wie überfordert Bilder auf die Leinwand wirft mit starken Kohlerändern und in schwermütigen Tönen. Beckmann, der vor seiner Ausreise in die Vereinigten Staaten zehn Jahre in den Niederlanden gelebt und in innerer Emigration verbracht hat, findet in Amerika eine neue, kraftvolle Bildsprache, die gleichzeitig sich selbst nicht gewachsen scheint, keine detaillierte Wiedergabe des Gesehenen mehr ist, sondern nur eine Ansicht widerhallender Details seines neuen Lebens.

Ich mag Beckmann in diesem Moment nicht. Immerhin mag ich, denke ich, bis ich die Argonauten sehe, nur gegenständliche Kunst, bei der ich weiß: es erfordert viel Übung und Durchhaltevermögen, ein Bild so zu malen, dass es aussieht, wie das, was es zeigt. Vielleicht natürlich, weil jeder Hyperrealismus meine latente Überzeugung stützt, dass ich das nicht könnte und der Künstler darum rechtens Künstler genannt wird.
Bei Beckmann spüre ich das so nicht. Bei seinem letzten Triptychon allerdings durchfährt mich der Gedanke, dass ja alle Gegenständlichkeit nichts nutzt, wenn sie nichts aussagt, wenn sie den Künstler nicht auch zum Interpreten der Wirklichkeit macht. Kunst dient ja nicht allein dem Festhalten des Moments, Kunst spricht ja die Seele an, den Geist, das Herz. Kunst, die nur zeigte, was ist, erzeugte kein Nachdenken, keine Reflexion des Gesehenen. Natürlich bewunderte man den Fleiß des Malers, die vollendete Beherrschung des Handwerks, doch einen Künstler definiert über das Handwerk hinaus ja auch die Fähigkeit, mit dem Gesagten das Ungesagte, mit dem Gezeigten das Ungezeigte, mit dem Dargestellten das Fehlende aufzuzeigen.

So seltsam ich die Argonauten auf dem Bild Beckmanns wie in der eigentlichen Sagen- und Geschichtensammlung finde, spricht in mir etwas an, erzeugt Widerhall und Widerspruch und Widerborst, plötzlichen Widerwillen gegen diesen ewigen Wunsch der getreulichen Abbildung, die nichts aussagt, die nichts öffnet, die nichts wiedergibt als das Abbild der Wirklichkeit, die es so ja ohnehin nicht gibt.
Macht das große Kunst aus, frage ich mich, und weiter: was macht mich als Künstler aus, wenn ich immer bemüht bin, keine Ellipse zu verfassen, keine Fehlstellen zu erschaffen? In allem, was ich schreibe, was ich ernsthaft so schreibe, dass ich daran zu scheitern scheine, arbeite ich mich so nah an einer Vorstellung von Realität ab, die mir aber nicht vollends geläufig ist. Denn diese Realität, deren Abbild ich formen will, gibt es nicht, kann es nicht geben, so lange sie mein Gedankenkonstrukt ist. Daran scheiterte ich immer, denke ich, an der Besessenheit, genauer als genau zu sein und ein Hundertzwanzigprozenter.

"Nein! Natürlich ein Hundertfünziger!", ruft der parasitäre Zensor, der noch nicht verstanden hat, dass er sich selbst zerstört, wenn er mich zerstört, "und natürlich muss man dazu sagen, dass große Kunst ja mal was völlig anderes ist als Fragmente von allem und jedem oder die Gedankenlosigkeit, mit der sich hier produziert wird; und überhaupt sollte mal jemand anderes Anders sein. Jemand mit weniger unbegründeter Arroganz vielleicht."
"Halt doch die Schnauze", brülle ich ihn an und brülle gleichzeitig vor Schmerz, denn getroffen hat er natürlich doch, der Zensor, und ich blute schon wieder.

Starren Blickes bleibe ich stehen vor dem Triptychon, starren Blicks nach außen auf die Leinwand und nach innen auf die aufgewühlte Seele, die nicht weiß wohin mit sich, die das nie weniger wusste als derzeit, da aller Sand, auf den die Zukunft war gebaut, geflutet, ausgewaschen ist.
Ich bin all dem nicht mehr gewachsen, denke ich, bin überfordert mit allem, dass meine Worte nicht mehr reichen, nicht mehr sagen können, was ich fühle, was mir fehlt. Vielleicht, denke ich, ging es Beckmann ebenso in jener Zeit in und vor Amerika, als er gegen die Wellen in sich kämpfte, gegen den Widerhall all dessen, was er sah und nicht wiedergeben konnte. Vielleicht, hoffe ich, geht es mir wie Beckmann, dass auch ich irgendwann wieder sprechen kann.