Im Dunkelsten. Im Schatten der Arbeitslosigkeit.

Nachts war es am schlimmsten. Zu wissen, dass der nächste Tag immer näher rücken und doch nicht anders würde als der eben vergehende. Dass alles einfach verging und dass auch ich ein Teil dieses Vergehens war, und ich nicht dagegen ankämpfen konnte. Zu wissen, dass das Leben der anderen ein Zentrum hatte, das nicht alles Licht in sich aufnahm, und dass ich neidisch auf diese anderen und ihre Leben war und dass auch dieser Neid mich fraß wie die Nächte, in denen ich nicht schlafen konnte und nicht schlafen wollte.

Meine erste Arbeitslosigkeit dauerte ein Jahr. Zwölf Monate Winter, Dunkelheit. Zwölf Monate Pläne, Vorwürfe, Angst, Hoffnungen, Enttäuschungen. Zwölf Monate Odyssee, in denen ich wie Homers Held mit den Monstern der unbekannten Meere der Seele kämpfte, zwar Siege errang, mich aber nie als Sieger fühlte, denn immer verlor ich einen Teil von mir. Einen Funken Hoffnung, einen Traum, den Glauben an eine hellere Zukunft.
Die staatlichen Institutionen waren überfordert. Mein Abschluss war nicht bekannt, die Standardantwort lautete, man könne mir nicht helfen. Und tatsächlich scheint eine ARGE nur für Abschlusslose und Unqualifizierte Maßnahmen und Möglichkeiten bereitzuhalten. Umschulen wollte man mich mit meinem universitären Abschluss nicht, Arbeitsstellen konnten bundesweit keine gefunden werden.
Am Anfang war mir das noch ganz recht so, schützte es mich doch vor der Gängelei durch das Amt. Je mehr sich Tage zu Wochen und Wochen zu Monaten auswuchsen, umso mehr ertrank ich allerdings in Panik. Rettungslos trieb ich durch die Tage und später dann Nächte, die mir in ihrer Hoffnungslosigkeit vertrauter schienen als die trüben Tage mit ihrer Vortäuschung von Helligkeit.

Letztlich rettete mich der Zufall. Ob ich noch Interesse an einer Stelle hätte, für die ich mich beworben hatte, die kompliziert ausgewählte Kandidatin hatte sich als Missgriff herausgestellt. Natürlich nahm ich an, dass der Vertrag auf ein Jahr befristet war und die Bezahlung zusätzlich niedrig, Überstunden weder gezählt noch ausgeglichen wurden, war egal. Auch wenn das hieß, ich würde statt der vertraglich fixierten 40 Stunden 50 arbeiten. Ich nahm an, weil ich annehmen musste.
Ein Jahr später wurde mein Vertrag nicht verlängert, weil ich mich weigerte, weiterhin für 1500 € brutto 60 Stunden Nettoarbeitszeit pro Woche abzuleisten. Im Gegenzug dafür, dass ich mein Privatleben auf meine zusehends angespannte Beziehung beschränkt hatte, wollte ich mehr Bezahlung. Mein Chef sah keinen Spielraum, sondern trug mir auf, für meine Nachfolge zu sorgen.

Meine zweite Arbeitslosigkeit dauerte sechs Monate. In der ARGE wurde ich von einem Betreuer zum nächsten weitergereicht, immer noch konnte man mir nicht helfen.
Es war nicht nötig. Ich glaubte nicht mehr an das Fördern und Fordern der ARGE, die sich selbst mehr im Weg stand als hinter mir. Nach zwei Wochen hatte mich die Dunkelheit wieder. Die Mauern, die ich als Schutzwälle vor der Depression gebaut zu haben glaubte, begruben mich unter sich.
Eines Nachts fand ich mich frierend im Wald wieder. Nach einem heftigen Streit mit dem Freund war ich einfach davongelaufen, noch tiefer in die Dunkelheit, fort von dem einzigen Menschen, der noch an meiner Seite geblieben war. In der Dunkelheit schließlich habe ich mein Selbstmitleid verloren. Ich habe erkannt, dass ich selbst es war, der mich gefangen hielt. Natürlich würde ich nicht das Stellenangebot finden, das mich haargenau beschriebe. Obwohl ich das wusste, suchte ich doch stets nur danach vor lauter Angst, ich würde aus Angst vor dem Abgrund meine Seele verkaufen.

Dass ich schon längst abgestürzt war, erkannte ich erst am tiefsten Dunkel, in dem der Morgen am nächsten ist. Ich fand die Kraft wieder, Pläne zu schmieden, wieder an mir selbst, wieder an meinen Träumen zu arbeiten. Den Mut, mich mir selbst in fünf Jahren, in zehn Jahren zu zeigen, wenn ich den Weg gegangen wäre, den ich ungeachtet aller gesellschaftlichen Konventionen mir selbst ausgesucht haben würde.
Ich sah wieder ein Ziel und - endlich - eine für mich gemachte Herausforderung. Ich erkannte, dass das Richtige, das ich immer tun wollte, darin lag, mich selbst zu retten. Wenn ich dafür eine Zeitlang in einem Supermarkt oder als Fensterputzer arbeiten würde, dann wäre das nicht schlimm, denn ich arbeitete nicht für den Supermarktbesitzer oder den Oberfensterputzer, sondern für mich, für meine Zukunft. Ich arbeitete, weil ich mich selbst dadurch retten könnte.

Mittlerweile arbeite ich immer noch halbtags im Supermarkt. Was ich als Notlösung gedacht hatte, eröffnete mir ein völlig anderes Themenspektrum, das mich jeden Tag mit in ihrer Abstrusität faszinierenden Menschen zusammenbringt. Das Verkaufen und das Beraten macht mir Spaß. Weil ich nicht immer dort arbeiten werde, baue ich nebenbei an einer Zukunft, die mich auch nach dem Supermarkt erfüllt.
Ich habe immer noch Angst vor der Arbeitslosigkeit. Ich spüre den Schatten immer noch in mir, doch da ich ihn kenne und auch seinen Ursprung, nämlich meine Angst davor, die falschen Entscheidungen zu treffen, die falschen Schritte zu tun, mich an die falschen Menschen auszuliefern, habe ich Macht über ihn.
Ich weiß, dass es keine falschen Entscheidungen gibt, denn aus jedem gemachten Fehler kann man mehr lernen als aus jeder nicht getroffenen Wahl. Ich weiß, dass jeder Schritt der richtige ist, denn es ist nicht Stehenbleiben und verharren. Und ich weiß, dass es keine falschen Menschen gibt, so lange ich mir selbst gegenüber loyal und treu bin.
Ich weiß, dass ich es schaffen werde, meinen Weg zu gehen, weil ich es in fünf und in zehn Jahren geschafft haben werde. Dass ein großer Teil meiner Kraft bis dahin dafür verwendet worden ist, mich selbst zu retten, lässt mich heute gut schlafen.