Von der Front    Irgendwas ist ja immer. Vielleicht kann man es in Grund und Boden kommentieren.

Die unvollständige Liste der Phasen

Überraschung. Keine Ahnung eigentlich, warum da diese Überraschung ist. Oder eigentlich: keine Ahnung, warum das Fehlen von Überraschung überhaupt nicht überraschend ist. M. nannte das neulich "Huch-Politik". Recht hat er. Dauernd ist irgendwas total überraschend, zumindest für jene, die eigentlich damit beschäftigt sein sollten, Dinge nicht überraschend zu finden, sondern Entwicklungen zu betrachten, zu extrapolieren und die Weichen dafür zu stellen, dass die eigentlich als kommend sichtbare Überraschung eben keine Überraschung mehr ist. Aber da ist offensichtlich niemand, um die Weichen zu stellen, und alle, die noch da sind, müssen also die unausweichlichen Härten akzeptieren. Und das, was für alle, die nicht angestrengt wegschauen, eigentlich keine Überraschungen sind, sondern absehbare Entwicklungen. 

Hoffnung, natürlich, die ist verständlich, die ist erklärbar, nachvollziehbar, eigentlich auch manchmal ganz niedlich. Süß fast. Wenn sie nicht so unerträglich wäre. So unerträglich abstoßend. Hoffnung. Worauf denn? Dass sich Naturgesetze unnatürlich verhalten? Dass die Grundlagen der der Organischen und Biochemie nicht auf objektiver Beobachtung basieren, sondern auf launengetriebener Kreativität? Und dass Exponentialfunktionen mal lieber nur Potentialfunktionen sein sollten, weil das manchen Menschen besser in den Kram passt?

So geht das nicht, Realität ist nicht optional. 

Wut. Kurz war da Wut. Aber Wut, was nützt das? Wut ist ein nutzloses Gefühl. Wut ändert nichts an der Realität, es ändert nur die Energie zwischen den Menschen, und selten in günstigem Maß. Wut nährt nur die Stille zwischen den Menschen, entfernt sie voneinander. Wut will Widerstand, fordert Opposition, und wo keine ist, wird eine gemacht. Wut will wachsen, will Zorn werden, will Gewalt werden und Zerstörung. Wut will vor allem eines nicht: Aushalten, Auseinandersetzung, Aussöhnung. Wut ist Wortlosigkeit. 

Resignation also, was sonst. Bleibt ja sonst nichts. Nur wer sich arrangiert mit den sich unaufhörlich entwickelnden Entwicklungen, wird bleiben. Was aber bedeutet bleiben, wenn doch nichts bleibt, wie es war? Wenn alles sich ändert, kann niemand doch ungeändert bleiben. Ist Resignation dann überhaupt möglich, ist es nicht eher Resistenz? Resilienz? Sich selbst treu bleiben, wenn die Welt es schon nicht tut? Oder ist Treue (wie Ehre) weit überschätzt? Oder ist Treue (wie Solidarität) weit unterschätzt? 

Oder sind alle die falschen Worte?

Verwirrung, also klar, die bleibt. Die ist gekommen, um zu bleiben. Äußert sich manchmal in Missverständnissen, manchmal in schiefen Gleichnissen, manchmal in unachtsamen Flunkereien, die als Scherze durchgehen könnten, wenn nicht Leben davon abhingen. Wenn es nicht so verdammt ernst wäre. Aber ernst, was heißt das? Ernst fühlt sich 2021 anders an als 2020 und 2020 anders 2019. 2019 war ernst eigentlich nur: hoffentlich geht die Welt nicht kaputt, weil die Menschen so dumm sind. 2021 ist ernst: Triage. Und unvermeidbare Zerstörung der Welt. Vielleicht auch da eine Art Triage: Orte, die wahrscheinlich sicher sind. Orte, die vielleicht gerettet werden können. Orte, die vielleicht aufgegeben werden müssen. Und natürlich der ganz große Rest, wo menschliches Leben unmöglich ist.

So fühlt es sich auch manchmal in meinem Gehirn an: Verlässlichkeiten, die noch unangegriffen sind. Vermutungen, die sich noch richtig anfühlen. Verwirrungen, die mitunter beunruhigen. Und schließlich der ganze große Rest an Verzweiflungen über den Zustand der Welt und vor allem über die galoppierende Egozentrik und Ignoranz viel zu vieler Menschen. 

Wo also soll das enden? Hier etwa?

Das Timing der Welt

Zwei Jungs, 13 oder vielleicht 14 Jahre alt, haben mich auf dem zweiten Heimweg vom offenen Bücherschrank überholt. Zugegeben: ich habe mich überholen lassen. Seit ich beschlossen habe, dass die Welt im Zweifelsfall eben auch mal auf mich warten kann, habe ich es nicht mehr eilig. Die Welt und ich - wir haben manchmal Schwierigkeiten beim Timing. 

Die Jungs jedenfalls überholten mich - und es waren zwei Jungs, ganz sicher. Auf meinem Rück- und Hinweg vom und zum offenen Bücherschrank hatte ich sie nämlich schon gesehen. Üblicherweise ist der Schrank immer voll, ich kann maximal einen schmalen Band quer auf die dichtgestopften Reihen legen. Diesmal war nicht nur Platz für meine drei mitgebrachten Bücher, sondern auch für ein weiteres Dutzend, das ich noch zuhause liegen hatte. Manchmal passt das mit dem Timing doch - mit der Welt und mir. 

Auf dem Weg jedenfalls vom und zum Bücherschrank sah ich zum ersten und zweiten Mal die beiden Jungs, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt, also in genau dem Alter, in dem ich dieses Dutzend Bände einer Fantasy-Reihe zu lesen begann. Erst, als ich doppelt so alt war, fiel mir auf, dass der moralische Kompass des Autors nicht mit meinem übereinstimmte und dass auch meine Ansprüche ans Erzählen höher geworden waren. Getrennt habe ich mich trotzdem lange nicht von den Büchern, wozu auch? Ich hatte den Platz auch für mittelmäßige Literatur. Heute weiß ich: alles eine Frage der Zeit. 

Denn mittlerweile bin ich dreimal so alt wie die Jungs. Ich bin am Zenit der durchschnittlichen Lebenserwartung für Männer meines Jahrgangs angekommen, habe ihn schon überschritten eigentlich. Ich werde also sterben. Und Erben werde ich nicht haben. Nur Räume mit zu vielen Dingen darin.

Also miste ich aus, bringe Bücher fort, an denen mein Herz nicht hängt. In denen beispielsweise kein Platz ist für Jungen wie mich damals oder die Jungs heute. Denn als sie mich überholten, die beiden Jungs, sah ich, was mir vorher entgangen war: sie hielten sich an den Händen, nicht wie wenn einer den anderen zu dessen Rettung hinter sich her zog, sondern aus Zuneigung, aus einem Gefühl der Zusammengehörigkeit heraus. 

Mein Herz, das tat einen kleinen Hüpfer. 

Die Welt nämlich in der Zeit, als ich 13 oder 14 war, als ich diese Bücher las, war eine andere. Der 175er war gerade aus dem Grundgesetz gestrichen worden, als ich erkannte, dass der 175er und wie der 175er auch mich betraf, als ich verstand, dass der 175er mir zu einer noch unglücklicheren Zeit nicht nur Gefängnis, sondern vielleicht auch den Tod eingebracht hätte, weit vor dem Zenit meiner durchschnittlichen Lebenserwartung. 

Die Jungs jedenfalls dürften daran nicht gedacht haben. Und sie dürfen daran auch nicht denken müssen. Sie müssen nicht wissen, dass sie zu einer glücklicheren Zeit geboren wurden, zumindest was ihre Liebe angeht. Und sie müssen auch nicht wissen, dass ihre Unwissenheit mich ein klein wenig glücklicher gemacht hat. 

Manchmal trennen wir uns von Dingen, von Büchern, von Vorstellungen, von Paragraphen, von der Notwendigkeit, es immer allen recht machen zu wollen. Manchmal trennen wir uns davon, wer wir einmal waren in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit. Und dann passt es manchmal auch wieder mit dem Timing zwischen der Welt und mir.  

Die anderen Menschen

Als ob die Zeit stehengblieben wäre oder nur ich in ihr; alles so surreal; alles entkoppelt von mir. 

Oder eigentlich natürlich andersherum, ich so distanziert von allem, als gebe es die Welt da draußen nicht, als gebe es die Menschen nicht, die mich irgendwie kennen. Oder zu kennen glauben. 
Das alte Spiel: ich glaube, eine Maske zu tragen oder ein ganzes Kostüm, ein anderer als ich selbst zu sein und: dass mich niemand durchschaut. Als ob es wirklich Menschen interessierte, was ich tue.

Im Fernsehen einen Bericht über eine nicht-binäre Transperson gesehen. Sie, die Person, hat sich vor einigen Wochen die Brüste abnehmen lassen, fühlt sich seither mehr wie sie selbst; gleichzeitig glaubt sie, die Transperson, dass auf der Straße sich dauernd Menschen nach ihr umdrehen, dass die Menschen auf der Straße sie zu lesen, einzuordnen versuchen, und vor allem glaubt sie, dass diese Versuche scheitern und dass deshalb die Menschen irritiert auf sie, die Transperson, reagieren. 

Aus queerer Perspektive gesehen mag das vielleicht plausibel klingen. Kaum ist der Bericht über eine Transperson angekündigt, lese ich die Transperson als trans. Ich als queerer Mensch erkenne die Transperson in diesem Beitrag eindeutig als trans, vor allem, weil sie noch mitten im Prozess steckt. Ob ich sie auf der Straße jedoch als trans gelesen hätte? Ob vor allem ein nicht-queerer Mensch auf den Gedanken gekommen wäre, sie als trans zu lesen oder lesen zu wollen? Ich bezweifle es. Die Menschen auf der Straße hätten sicherlich nur das unbewusste Gefühl bekommen, dass da jemand nicht selbstsicher ist, dass da jemand zwar auf dem Weg zu sich selbst, aber noch nicht angekommen ist. 

Die Menschen interessieren sich in der Regel nicht. Zumindest nicht für viele Dinge außer sich selbst. Wir alle haben unsere großen und kleinen Kämpfe, die wir tagtäglich mit uns und unserer Umwelt ausfechten, sei es die klemmende Schublade, sei es die Frage nach dem Abendessen, sei es die Suche nach der fehlenden Socke. Oder die Frage danach, wie es nach einer Flut weitergehen soll, die alles zerstört hat, was einmal das Leben ausmachte. Niemand interessiert sich für das Leid der Anderen, und wenn, dann auch nur, um das eigene Leid nicht angehen, nicht heilen zu müssen. 

Darum vielleicht die Distanz. Ich will mein eigenes Leid heilen, ich will mich selbst wiederfinden. 

Oder aber: ich habe keine Lust mehr auf das Desinteresse anderer Menschen an mir. 

Und auch das ist lächerliches Selbstmitleid. Menschen haben Interesse an mir. Ich bin nur kurz draußen auf dem Balkon, um nachzusehen, wie der Lavendel den Rückschnitt verkraftet hat bislang, da ruft eine Freundin von der Straße hoch, ob ich mit ihr einen Kaffee trinken will. Letzte Woche war ich mit einer anderen Freundin frühstücken. Es gibt sehr wohl Menschen, die an mir interessiert sind. 

Es ist vielmehr so, dass ich kein Interesse an anderen habe. Warum, frage ich mich. Warum ist das so? Und wie kann ich das ändern, falls ich es ändern will. Will ich das ändern? 

Es ist das Insel-Dilemma, das mein Fritz-Franz-Protagonist durchlebt. Er interessiert sich nicht für andere Menschen, er meidet Begegnungen und Beziehungen, wo es nur geht. Manchmal natürlich geht es nicht anders. Dann braucht er Menschen, vor allem die körperliche Intimität, die seine grundlegendsten Bedürfnisse an Nähe befriedigt. Sex, mehr braucht er nicht von diesen anderen Menschen, denn für alles andere hat er sich selbst. 

Ein trauriger Protagonist eigentlich - und ein wütender, der seine Wut weder verbergen noch kanalisieren kann. Und klar, er fürchtet die Intimität und Nähe genau so, wie er sie sucht. Er weiß, dass er etwas braucht, aber er weiß nicht, wie er die Angst, die mit dem Brauchen einhergeht, besiegen kann. Darum lenkt er sich ab, stürzt sich in Abenteuer, in Dummheiten, in Affekte; sportelt bis zum Umfallen, trainiert seinen Körper in ungesunde Höhen vermeintlicher Schönheitsideale und sitzt am Ende des Tages doch nur alleine in seiner Wohnung. 

Wobei, wer weiß. Ich kenne ihn nicht, weniger noch als er sich kennt. Das - unter anderem - ist mein Problem mit der Geschichte: ich kenne meinen Protagonisten nicht, ich kann ihn nur lose erfühlen, nur erahnen, was er so tut und will und fürchtet; sein restliches Leben ist Nebel für mich. Ich kann ihn mir nicht im Kontext anderer Menschen vorstellen; vielleicht weil ich meinen eigenen Menschen-Kontext nicht mehr erkenne, weil ich mich eben selbst von allen anderen so abgekoppelt habe. Um niemandem zur Last zu fallen, dachte ich früher, doch nun weiß ich: um nicht die Ernsthaftigkeit und Gebundenheit einer Beziehung eingehen zu müssen. Was paradox ist, bin ich doch seit fast 20 Jahren mit meinem Mann zusammen, seit fast zehn Jahren sind wir verheiratet; und doch fühle ich mich manchmal seltsam ungebunden, seltsam frei. Vielleicht muss das so sein, vielleicht darf es das auch, vielleicht sind wir uns auch einfach nur Menschen in unserem Leben, die einander viel bedeuten, die das gleiche denken und wollen und tun, aber wir sind nicht so sehr ineinander verwoben, dass wir uns emotional zu sehr aneinander binden. 

Nein. Das ist es nicht. Wir sind ja im Wesentlichen nur aneinander gebunden; und vielleicht erklärt es das: wir haben uns aneinander gebunden und uns dadurch von der restlichen Welt abgenabelt. Wir brauchen sie nicht, suchen sie nicht, wir sind uns oft, meistens selbst genug. Andere Menschen sind eine Zugabe, ein Extra, aber wenn nicht, dann nicht. Oder vielleicht ist das auch nur meine Sicht der Dinge.

Wobei die eigentlich relevante Frage ja bleibt: inwiefern ist das relevant? Wie sehr steuert mein Bezug zu meinem Mann, wie sehr steuert mein Bezug zu anderen Menschen mein Leben? Was änderte sich, wäre ich weniger distanziert zu allem und allen, nähme ich mehr Anteil am Leben der Anderen? Machte es mich glücklicher? Oder - und das ist eine meiner Grundempfindungen - überforderte es mich einfach nur? Denn auch das ist ja ein Grund für meine Distanz: nicht nur will ich anderen nicht zur Last fallen, auch sind andere eine Last für mich. Mitgefühl kann ich haben, Empathie ist mir nicht fremd, aber die Verantwortung einer Freundschaft kann ich nur selten tragen. Vielleicht, weil mein eigenes Gepäck schon schwer genug ist. 

Entkoppelt also, fern von allem, ausgestiegen aus der Zeit. Warum? 

Der Stern des Anstoßes

Bei den Schriftstellern* tobt eine Diskussion um das Gendersternchen. Partiell nachvollziehbar, weil der Stern sowohl für das menschliche Auge als auch für maschinelle Lese- und Interpretationshilfen ein Hindernis darstellt. Allerdings sind die Schriftsteller desinteressiert an technischer Umsetzungsschwierigkeit, das Gendern selbst entzündet Herzen, Hirne und alles, was dazwischen baumelt. 

Mein einer Verein führt dieselbe Diskussion, nur in konstruktiv. Während dort nach der optimalen Form gesucht wird, möglichst viele Menschen in ihrer Individualität anzusprechen, erregt bei den Schriftstellern allein schon das Wort "Gendern" einen Furor, der mir im vergangenen Jahr lediglich bei den Janas aus Kassel aufgefallen ist. Aber klar, auch sie befinden sich im Widerstand, nicht gegen das Corona-Regime der Merkel-Diktatur, sondern gegen den Genderwahn der Sprachpolizei. Nichts dürfe man mehr sagen, alles sei verboten, vorauseilender Gehorsam sei der einzige Weg, um unbehelligt zu bleiben von den Blockwarten. Oder eigentlich ja fast ausschließlich: Blockwartinnen. 

Parallelen zum oktroyierten Sozialismussprech der DDR werden gezogen (bislang sind die Umerziehungscamps für Uiguren unerwähnt geblieben), zwischendurch gibt es Ausflüge in den (Anti-)Rassismus, das Beispiel binärer Geschlechtsanerziehung durch rosarot-himmelblaue Zielgruppenwerbung wurde angebracht, kurz auch die Bibel zitiert. Es geht aber auch um alles, nämlich darum, der angeblich von denen da oben verordneten Gehirnwäsche durch Sprachhygiene die Stirn zu bieten. Oder den Arsch, je nach Temperament.    

Alles wie immer also, könnte man denken. Alle Seiten haben ihre Kronzeugen, ihre Statistiken, ihre Wahrheiten, ihre Drohszenarien. Appelle an die Vernunft stoßen auf taube Ohren, resigniert ziehen sich einige Diskutanten zurück, nur um von frisch Entflammten ersetzt zu werden. Um meinen Vater zu zitieren (der natürlich auch nur andere zitiert hat damit): "Es ist bereits alles gesagt, nur noch nicht von jedem."

Der Göttergatte fragt zurecht: "Warum tust du dir das an? Hast du nichts Besseres zu tun?" Noch habe ich keine definitive Antwort.

Eine Stimme aus dem Forum, die glaubt, mich zu kennen, vermutet als Antrieb für meinen Einsatz pro inklusiver Sprache das mir selbst innewohnende Bedürfnis nach Anerkennung, Wahrnehmung, vielleicht auch Verbindung. Als setzte ich mich nur dafür ein, andere sprachlich nicht auszuschließen, weil ich selbst oft genug schon ausgeschlossen wurde (und das eben nicht nur sprachlich). Ob mir allerdings mein Einsatz für eine inklusive Sprache hülfe, dieses Ziel der Akzeptanz zu erreichen, das sei fraglich, sagt die Stimme.

Recht hat die Stimme damit schon. Selbst wenn alle genderten, müsste ich immer noch in mir selbst die Zufriedenheit mit meinem Werk finden, die mir das Selbstvertrauen gibt, irgendwas zu veröffentlichen. Gleichzeitig frage ich mich: Was soll diese Formulierung? Ob mir das hülfe. Als sei ich hilfsbedürftig, als sei ich kaputt, fehlerhaft. Als sei ich dadurch reparabel, dass sich alle anderen meinem Wunsch nach nicht-diskriminierender Sprache anpassten. 

Klar: so war das bestimmt nicht gemeint. Nur weil ich selbst weit vorher erwähnt hatte, mich in meinen Kindheits- und Teenagerjahren als nicht zugehörig, ausgestoßen und schlimmeres wahrgenommen zu haben, heißt das nicht, dass die Stimme darauf anspielte. Wem der Schuh passt, der zieht ihn sich an, so ist es doch. Getroffene Hunde jaulen. Nur Sensibelchen und enttäuschte Narzissten beziehen alles auf sich und machen sich gleich zum Opfer. Kann doch die Stimme aus dem Forum nix dafür, dass die Stimme in mir, die ich kaum erheben mag, gleich einen persönlichen Angriff unter der Gürtellinie vermutet, nur weil da jemand meine Position durch eine (aus einem komplett der Diskussion fernstehenden Kontext extrapolierte) Fernanalyse meiner psychischen Befind- und vielleicht Verletzlichkeit untergräbt.

Um wenigstens diese Frage zu beantworten: Nein, das hülfe mir nicht. Zumindest nicht, zufriedener oder angenommener zu empfinden. Das bleibt eine Angelegenheit meines Herzens, Hirns und von allem dazwischen. Was mir zumindest zeigt, dass es nicht um eine persönliche Grille meiner Selbst geht, sondern um etwas anderes, nämlich um die Forderung, erst zu denken (eventuell auch an andere) und dann zu sprechen (oder zu schreiben). 

Worum es nicht geht: sprachpolizeilich eine neue Weltordnung auf den Weg zu bringen, in der all jene, die ausschließend schreiben, eins mit dem Lineal auf die Finger kriegen. Nicht nur ist das absurd, es wäre auch gar nicht umzusetzen, weil nicht nachprüfbar. 

Aber das wollen die Schriftsteller nicht hören, da kann man es auch noch so oft sagen, sie picken sich nur raus, was sie in ihrer Weltsicht bestätigt, dass die da oben, die bösen Feminazis oder überhaupt die anderen gegen sie sind. Mit genüsslicher Häme pulen sie sich dann Unkrautbeispiele für schlechtes (und so nicht empfohlenes) Gendern aus den Hirnwindungen, nur um dann mit schlecht gespielter Ernsthaftigkeit zu fragen: "Wer soll diesen Unsinn denn wie aussprechen?"
Und dann klopfen sich die Schriftsteller selbst an die stolzgeschwellte Brust und einander auf die Schultern, denn man ist ja unter sich, und gleich pinkelt noch wer ins Eck (im Stehen natürlich), um mal deutlich das Revier markiert zu haben, das nun frei bleiben kann von irgendwelchen Sprachexperimenten, die das Patriarchat aufweichen könnten.

Armes Patriarchat. Ist schon sehr schwach geworden mittlerweile, dass die Aufforderung, das generische Maskulinum mal zu überdenken (nicht gleich ersatzlos in die Tonne zu kloppen), schon so die Klöten schrumpeln lässt.

Warum also tue ich mir das an? Habe ich wirklich nichts Besseres zu tun?

Wahrscheinlich schon. Das seltsame Buch über die Insel will geschrieben werden, auch wenn und gerade weil das ja auch von verletzter und verletzender Männlichkeit handelt, das andere Riesenprojekt hat sich mittlerweile in zwei Entitäten gespalten, die beide um Aufmerksamkeit betteln, meine anderen Kreativitäten buhlen um meine Zeit, und dann sind da noch zwei Vereine, deren durch Corona arg gerupfte Gestalten wieder in Form gebracht werden wollen. 

Vielleicht also doch Anerkennung? Von den Schriftstellern? Von diesen Schriftstellern? 

Eher nicht, ahne ich die Antwort. Klar, ich will schon auch irgendwie dazu gehören, und als Mensch, der seit jungen Jahren vor allem schreibend mit Anderen kommunizierte (weil Sprechen und gleichzeitig Gedanken sortieren halt echt nicht funktioniert, wenn 30 Gedanken gleichzeitig um einen einzigen Platz auf der Zungenspitze rangeln), bot sich das Schreiben halt sehr an. Wo will man da am Ende hin, wenn nicht zu den Schriftstellern?

Nicht, dass die nun die Speerspitze der Kunst wären. Oder generell in der Richtung unterwegs, die ich für mich sehe. Das zeigen mir ja die Wettbewerbe, an denen ich mit einem mich immer wieder selbst überraschenden Optimismus teilnehme, nur um dann zu sehen, dass meine in liebevoller Kleinarbeit zurechtziselierten Beiträge zwar polarisieren, aber zu meiner Enttäuschung nur im Mittelfeld landen, während meine im Frust über das Wettbewerbsfeld hingeschluderten Destruktivkommentare regelmäßig eine Begeisterung hervorrufen, die ich mir kaum erklären kann. 

Von diesen Menschen also will ich akzeptiert werden? Die Texte schreiben, die ich fragwürdig finde? Die Texte loben, die mir unverständlich bleiben? Die meine Verrisse bejubeln, die mit konstruktiver Auseinandersetzung oder gar einer Wertschätzung der Arbeit anderer wenig bis nichts zu tun haben? Will ich akzeptiert werden von Menschen, die ich im Analogen nicht als Freunde haben wollen würde?

Klar: ich habe Probleme mit meiner Selbstwahrnehmung und -akzeptanz. Immer schon gehabt, wird sich wohl auch so bald nicht legen. Das wird sich auch nicht legen, falls sich nun gendernde Sprache durchsetzt oder aber die Horde der sprachpolizeilichen Blockwarte unter den Schriftstellern, die die ganze Diskussion unter Spott, Häme und Herablassung begraben. 

Insofern: Nein. Das würde nichts helfen. Mir zumindest nicht. Denn mein Problem ist ja nicht meine Suche nach binärer Identität, sondern nach kreativer Anerkennung. Hinge mein Lebensglück davon ab, dass der Autor eines Wanderführers "Wandernde" statt "Wanderer" schreibt, ich hätte mehr gekämpft.

"Vielleicht hätten andere profitieren können", ist mein Gedanke, altruistisch will ich ihn nennen, auch wenn ich nicht sagen kann, ob er nicht doch nur egozentrisch ist. Soll ja Menschen geben, die tatsächlich darunter leiden, dass nicht-gendernde Sprache sie exkludiert. Aber die werden ihren Kampf dann wohl doch selbst führen müssen, so wie ich den meinen habe. 

___

* sic! 

Happy End

Das Jahr neigt sich nicht nur dem Ende zu, es ist ganz und gar auf Neujahr eingestellt. Vielleicht, so hoffen alle, bringt 2021 endlich die ersehnte Wende zum Besseren nach so vielen Jahren, in denen immer wieder das Jetzt verflucht und die baldige Zukunft ersehnt wurde. Um dann wieder enttäuscht zu werden. 

So ist das nun mal. Die Zukunft bringt nur in Ausnahmefällen das Erwartete, manchmal immerhin das Erwartbare, in den seltensten Fällen aber das Erwünschte. Nun ist das natürlich auch eine Folge von Erwartungsmanagement. Wer auf nichts hofft, wird nicht enttäuscht, wer großen Träumen nachjagt, fällt hingegen schon mal von der Klippe. 

Die Ansprüche an 2021 sind daher entsprechend niedrig: wenigstens nicht so schlimm wie 2020 soll es werden. Und tatsächlich war dieses Jahr ein absoluter Tiefpunkt in der Wahrnehmung der meisten Menschen. Was noch einigermaßen begann (wenngleich mit der trüben Aussicht auf einen allseits unbeliebten Brexit), wurde rasch von Corona überrollt. 

Viele Geschichten, die in und von diesem Jahr erzählt wurden und werden, enden mit "... und dann kam Corona". Die Pandemie hat vielem ein Ende gesetzt oder zumindest ein Neudenken vieler Prozesse angeregt. Leider nicht aller, denn das Grundproblem, das zu Corona geführt hat (und zu mehreren Jahren der Verschlimmerung) bleibt ja bestehen. 

It's the structure, stupid! will ich rufen, aber hören wird mich niemand. Das strukturelle Problem einer auf Ausbeutung humaner und ökologischer Ressourcen kann nur in Kollaps münden. Krise kann nur auf Krise folgen, einzige Lösung: Ändere das System. Never change a running system, heißt es zwar. Was aber wenn das System gegen die Wand rennt?

Und da sind wir also. Gesegnet mit der Erkenntnis, dass unsere Lebensweise die Grenzen des Belastbaren erreicht haben, ungesegnet allerdings mit der Kraft und/oder Entschlossenheit, der simplen Erkenntnis, in einem geschlossenen System zu leben, auch konkrete Taten folgen zu lassen. 

Nun bin ich ja glücklicherweise weder Prophet noch Messias noch Wissenschaftler oder sonst jemand. Ich bin nur einer, der Worte in die Welt wirft in der Erwartung, dass niemand sie liest. Konsequenzlosigkeit ist meine Lebensart. Und dennoch liegt mir etwas am Planeten. Allein schon, weil ich keine Lust habe, in den nächsten 30/40 Jahren jämmerlich zu sterben. 

Klar, sterben werde ich müssen (auch wenn die Digitalisierung der Persönlichkeit sicherlich irgendwann Realität wird), weil wir alle nur über eine begrenzte Laufzeit verfügen. Aber jämmerlich sterben, das muss ja nun nicht sein. Ich mag den relativen Luxus, in dem ich lebe. Ich mag es warm und gemütlich. Ich bin gerne satt und zufrieden. 

Und mehr muss es ja auch eigentlich nicht sein. Ich brauche keine Palmfettprodukte, ich möchte keine Verbrennermotoren. Ich will keine Mastschweine oder Legebatteriehühnereier, ich verabscheue Fast Fashion. Ja, ich lebe in einer relativ großen Wohnung, aber der wichtigste Einrichtungsgegenstand darin ist leerer Raum. 

2021 ist bis jetzt auch ein leerer Raum. An seiner Schwelle stehen Erwartungen neben Enttäuschungen. Beides werden wir zur Genüge erfahren. Mit etwas Glück werden wir aber nach 2021 Geschichten erzählen, die bei "... und dann kam Corona" nicht enden, sondern die danach auf ein Happy End zusteuern.