Anders Wolf

Fortschreitungen

Happy End

Von der Front | Dezember 30, 2020

Das Jahr neigt sich nicht nur dem Ende zu, es ist ganz und gar auf Neujahr eingestellt. Vielleicht, so hoffen alle, bringt 2021 endlich die ersehnte Wende zum Besseren nach so vielen Jahren, in denen immer wieder das Jetzt verflucht und die baldige Zukunft ersehnt wurde. Um dann wieder enttäuscht zu werden. 

So ist das nun mal. Die Zukunft bringt nur in Ausnahmefällen das Erwartete, manchmal immerhin das Erwartbare, in den seltensten Fällen aber das Erwünschte. Nun ist das natürlich auch eine Folge von Erwartungsmanagement. Wer auf nichts hofft, wird nicht enttäuscht, wer großen Träumen nachjagt, fällt hingegen schon mal von der Klippe. 

Die Ansprüche an 2021 sind daher entsprechend niedrig: wenigstens nicht so schlimm wie 2020 soll es werden. Und tatsächlich war dieses Jahr ein absoluter Tiefpunkt in der Wahrnehmung der meisten Menschen. Was noch einigermaßen begann (wenngleich mit der trüben Aussicht auf einen allseits unbeliebten Brexit), wurde rasch von Corona überrollt. 

Viele Geschichten, die in und von diesem Jahr erzählt wurden und werden, enden mit "... und dann kam Corona". Die Pandemie hat vielem ein Ende gesetzt oder zumindest ein Neudenken vieler Prozesse angeregt. Leider nicht aller, denn das Grundproblem, das zu Corona geführt hat (und zu mehreren Jahren der Verschlimmerung) bleibt ja bestehen. 

It's the structure, stupid! will ich rufen, aber hören wird mich niemand. Das strukturelle Problem einer auf Ausbeutung humaner und ökologischer Ressourcen kann nur in Kollaps münden. Krise kann nur auf Krise folgen, einzige Lösung: Ändere das System. Never change a running system, heißt es zwar. Was aber wenn das System gegen die Wand rennt?

Und da sind wir also. Gesegnet mit der Erkenntnis, dass unsere Lebensweise die Grenzen des Belastbaren erreicht haben, ungesegnet allerdings mit der Kraft und/oder Entschlossenheit, der simplen Erkenntnis, in einem geschlossenen System zu leben, auch konkrete Taten folgen zu lassen. 

Nun bin ich ja glücklicherweise weder Prophet noch Messias noch Wissenschaftler oder sonst jemand. Ich bin nur einer, der Worte in die Welt wirft in der Erwartung, dass niemand sie liest. Konsequenzlosigkeit ist meine Lebensart. Und dennoch liegt mir etwas am Planeten. Allein schon, weil ich keine Lust habe, in den nächsten 30/40 Jahren jämmerlich zu sterben. 

Klar, sterben werde ich müssen (auch wenn die Digitalisierung der Persönlichkeit sicherlich irgendwann Realität wird), weil wir alle nur über eine begrenzte Laufzeit verfügen. Aber jämmerlich sterben, das muss ja nun nicht sein. Ich mag den relativen Luxus, in dem ich lebe. Ich mag es warm und gemütlich. Ich bin gerne satt und zufrieden. 

Und mehr muss es ja auch eigentlich nicht sein. Ich brauche keine Palmfettprodukte, ich möchte keine Verbrennermotoren. Ich will keine Mastschweine oder Legebatteriehühnereier, ich verabscheue Fast Fashion. Ja, ich lebe in einer relativ großen Wohnung, aber der wichtigste Einrichtungsgegenstand darin ist leerer Raum. 

2021 ist bis jetzt auch ein leerer Raum. An seiner Schwelle stehen Erwartungen neben Enttäuschungen. Beides werden wir zur Genüge erfahren. Mit etwas Glück werden wir aber nach 2021 Geschichten erzählen, die bei "... und dann kam Corona" nicht enden, sondern die danach auf ein Happy End zusteuern. 



Der andere Wettbewerb

Von der Front | November 25, 2020

Dieser andere Wettbewerb, bei dem ich mich seit Wochen um eine Teilnahme drücke, feiert das WIR in all seinen Facetten. Wegen Corona und so. Weil in den letzten Monaten wir als Gesellschaft, als Gemeinschaft, ja, als gesamte Menschheit mal wieder gezeigt haben, wie wichtig Zusammenhalt und Solidarität doch sind. 

Und alles, woran ich denken kann, sind die vielen Konflikte zwischen den Menschen und den Menschen und der Natur und den Menschen und dem Planeten und überhaupt. Religion, Klima, Ausbeutung, Rassismus, der ständige Drang der Menschen, sich auf Kosten anderer zu bereichern, Macht auszuüben oder gar zu töten. Selbst der Applaus von den Balkonen fühlt sich mittlerweile nicht mehr an wie Wertschätzung, sondern mehr wie abschätzige slow claps

Menschen sind nicht gut. Manche, wie ich, sind einfach nur zu faul, um anderen ihren Willen aufzwingen zu wollen. Oder zu unfähig, wobei auch das eher eine Frage des Willens ist. Wenn ich wirklich wollte, könnte ich alle Fertigkeiten entwickeln, die für Weltdominanz notwendig sind. Ich will halt nur nicht. Was habe ich davon? Ja, wahrscheinlich wäre die Erde ein besserer Ort, wenn ich allen befehlen könnte, einander zu lieben. Aber würde mich jeder lieben? Wahrscheinlich nicht. Irgendwer würde sagen: Dieser Liebestyrann muss weg. Und schwupps, war's das auch schon wieder mit meiner Herrschaft. Alternativ müsste ich ihn beseitigen lassen, und das verstieße gegen meinen zentralen Glaubenssatz, dass niemand jemandem Schaden zufügen sollte. Blöd gelaufen dann.

Vielleicht, dachte ich, könnte ich mit einem gesellschaftskritischen Gedicht, vielleicht einem Pamphlet, einer Deklamation dem Thema und gleichzeitig meinen Bedenken gerecht werden, aber meine kleine Menschheitsgeschichte in Wir-Form ist einfach nur strunzlangweilig, hat zwischendurch Logik- und Vollständigkeitslöcher, und ganz im Wesentlichen weiß ich einfach nicht, was ich sagen will. Oder besser: ich traue meiner Message nicht, den Text zu tragen. Oder umgekehrt. 

Nun habe ich in dem Lyrikbuch gelesen, das ich nebenbei konsultiere, dass man sich genau davon verabschieden muss, gerade wenn man Lyrik schreibt, aber eben auch für ganz prosaische Prosa: einfach laufen lassen, aufwischen kann man später immer noch. Natürlich formuliert der Ratgeber das subtil anders, aber im Wesentlichen ähnlich: Wer beim Schreiben zu sehr das Hirn anhat, hat am Ende nichts anderes als Hirn auf dem Papier. Und wer will das schon? Lesen soll Spaß machen, und so sehr Schreiben auch harte Arbeit ist: auch Schreiben soll Spaß machen. 

Lasse ich dann also den Wettbewerb ausfallen? Keine Ahnung. Ich habe noch fünf Tage, um eine Einsendung vorzunehmen. Vielleicht küsst mich ja doch noch eine Muse.



Corona, immer noch

Von der Front | November 17, 2020

Kann mich gar nicht mehr erinnern, wie das mal war, damals. Vorher. In den anderen Zeiten. Wird ja aber irgendwie gewesen sein, kann ja gar nicht anders. Damals. Muss ja irgendwie.

Muss ja, das sage ich jetzt dauernd, wenn mich wer fragt. 

Wie geht's, sagen sie, und ich weiß so gut wie sie, was sie meinen. Hältst du es noch aus, wenn ja wie? Bis du noch psychisch gesund, wenn ja, wie lange noch? Hattest du schon deinen Nervenzusammenbruch oder kommt der bald?

Wie geht's, fragen sie also, und alles, was mir einfällt, ist: Muss ja. 

Anders geht's halt auch nicht mehr. Muss ja. Kann ja eh nix ändern dran. Die Welt geht auch ohne mich unter, ob ich nun was an der Gesamtsituation auszusetzen habe oder nicht, weiter abwärts geht's immer. 

Am vorvorigen Wochenende war in Leipzig Demo. Erst gegen Corona, dann gegen die Corona-Gegner. Wasserwerfer haben nur die letzteren bekommen, weil die Dinge angezündet haben. Die ersten haben nur ihr Hirn verbrannt. Die Gesellschaft bekommt gezeigt: Wer gegen Corona demonstriert, bekommt keinen Wasserstrahl ab und keine Polizeigewalt. Wer jedoch gegen die bei den Querdenkern mitlaufenden Nazis demonstriert, bekommt auf's Maul. Gerade in Sachsen ein schlechtes Signal. 

Überhaupt die Querdenker. Was ist los bei denen? Wie sind die so geworden? Wie kann man abdriften in eine Welt, in einen Denkraum, wo es nicht komplett absurd ist zu glauben, Bill Gates habe nichts Besseres zu tun als die Weltbevölkerung zu chippen? Wo es plausibel erscheint, dass ein international agierendes Konsortium Kinder entführt, um ihr Adrenochrom in unterirdischen Kellern abzuzapfen, damit ... äh ... irgendwas mit Unsterblichkeit. 

Wie geht das? Wie kann jemand da einfach das Gehirn ausschalten und sagen: Das glaube ich jetzt mal. Wie stellt man sich denn die Logistik vor? Wer zapft das Zeug denn da ab, wie wird es abgefüllt? Wie transportiert man das und wie wird es konsumiert? Wenn da weltumspannend dran gearbeitet wird: wer arbeitet da dran? Das müssten ja Unmengen von Menschen sein, die nichts anderes machen als Adrenochrom abzuzapfen. Wo soll das stattfinden? 

Wie geht das, frage ich, und die Corona-Leugner, Impfgegner, Querdenker, Verschwörungstheoretiker, Gesellschaftsfeinde, Merkelhasser sagen: muss ja. Muss ja irgendwie gehen. Bin ich Logistiker? Muss ich das sein? Nein, ich bin doch nur der Wahrheit verpflichtet, nicht der Aufklärung. 

Ungläubig sitze ich da vor dem Fernseher oder eigentlich nicht mehr, denn ich ertrage es nicht mehr, mit welcher Vehemenz die Medien ihre Kameras da draufhalten, als könne man die Stupidität aus den Menschen herausfilmen und sie genesen lassen. Dabei bedienen alle, die den Skeptikern eine Plattform bieten, doch nur das Dopamin-High der Lügenjunkies. Filme mich, ich erzähle dir all die Lügen, die du dir selbst nicht ausdenken kannst. Ich sehe was, das habe ich selbst noch nicht gesehen. 

Hätten wir uns im Sommer vielleicht mal lieber um wirksame Therapie-Ansätze gekümmert, um Strategien zu Eindämmung, um Aufrüstung der Schulen mit Digital- und Lüftungstechnik. Oder vielleicht wenigstens mal einen Plan erarbeitet mit dem Parlament, um auf die von allen halbwegs seriösen Unkern zu Recht vorhergesagte zweite Infektionswelle akzeptabel zu reagieren. Oder um wenigstens dafür zu sorgen, dass die versprochenen Hilfsgelder wenigstens in absehbarer Zeit bei denjenigen ankommen, die sie spätestens jetzt dringend brauchen: Soloselbständige, Alleinerziehende, Pflegekräfte, was weiß ich. Bin ich verantwortlich? Muss ich das wissen, wer alles Geld bekommen sollte, aber mittlerweile die Altersversorgung aufgebraucht hat und statt eines heimeligen Weihnachtsfestes heuer halt mal nur die alten Lebkuchen vom letzten Fest aufkaut? Nein muss ich nicht, denn ich bin ja nicht verantwortlich. 

In meiner Verantwortung liegt wenig. Bin ich froh drum. Ich kann einfach hier auf meinem Stuhl sitzen und ab und zu ans Fenster treten, die Menschen anschauen, die unten durch die Straße laufen, schon wieder Klopapier aus der Drogerie schleppen, als wollten sie ...
Ach, die Art von Witzen waren halt auch nur in der ersten Welle scherzig, und das auch nur für ein paar Sekunden. 

Muss ja, so kommt man da durch. Man schaut die Menschen nicht mehr an, man setzt die Maske auf und hofft darauf, dass einen niemand mehr erkennt und am Ende fragt: Na, wie geht's?



Naya

Von der Front | Juli 15, 2020

Der Gedanke, ich führte ein falsches Leben, ist natürlich falsch. Oder: unzureichend beschrieben. Was ich meinte: Ich drifte durch meinen Alltag, geführt und gelenkt nur von den Wogen und Wellen der Leben Anderer. Meine eigenen Ziele und Absichten sind irgendwo verschüttet worden, in den Unterströmungen der Zeitläufte verloren gegangen. 

Naja. Ich habe sie untergehen lassen. 

Geschmacklos ist diese Beschreibung fast, denn eben erst ist Naya Rivera ertrunken. Tragischer Fall von Selbstüberschätzung in Kombination mit behördlicher Tatenlosigkeit. Die 33jährige hat mit ihrem 4jährigen Sohn ein Boot zur Fahrt auf einem Stausee gemietet. Natürlich sind sie auch schwimmen gegangen, was laut Kennern des Sees eine dumme Idee war, da tückische Unterströmungen immer mal wieder auch erfahrene Schwimmer das Leben gekostet oder zumindest einen großen Schrecken eingejagt haben. Etwas in dieser Richtung scheint auch Naya Rivera geschehen zu sein. Sie hat noch ihrem Sohn zurück ins Boot helfen können, doch um sich selbst zu retten, hatte sie schon zu wenig Kraft. Und so wurde der Junge allein im Boot schlafend gefunden, der Leichnam seiner Mutter wurde erst Tage später aus dem See geborgen. 

Nun hätte das alles gar keine Relevanz für mich oder irgendwen, wenn Naya Rivera nicht in Glee die großartige Santana Lopez gespielt hätte. Santana Lopez war in der Serie über einen Schulchor lediglich als Nebencharakter geplant, als Sidekick der ewig bissigen Sue Sylvester, doch Naya Rivera hat alles gegeben, um dieser Rolle einen unvergleichlichen Charakter zu geben: schlagfertig und scharfzüngig, rücksichtslos und taktlos, authentisch und ehrlich. Santana hatte niemals Angst, ging keiner Konfrontation aus dem Weg, und wer sie auf seiner Seite hatte, brauchte nichts und niemanden zu fürchten. Wie sehr diese Eigenschaften ihren Charakter ausmachten, zeigte sich in dem Moment, da ihr Selbstverständnis auf der Kippe stand: bei ihrem Coming Out. Doch als sie diese Hürde genommen hatte, war sie ein leuchtendes Beispiel für owning everything. 

Zusammen mit ihrer Freundin Brittany S. Pearce war sie vielen jungen lesbischen oder bisexuellen Mädchen eine Inspiration. Ein Rollenmodell, das zeigte, dass nichts falsches oder verwerfliches daran sei, zu lieben, wen man will. Als Gegenpart gewissermaßen zu Kurt Hummel und Blaine Anderson öffneten sie den Zuschauern der Serie die Augen darüber, was es heißt oder heißen kann, nicht heterosexuell zu sein, und während es anfangs natürlich um das Coming Out und den Beginn einer Partnerschaft ging, rückte die Sexualität der Charaktere in den Hintergrund und normalisierte dadurch für Millionen von Menschen gleichgeschlechtliche Partnerschaften, die nicht anders sind als heterosexuelle. 

Glee lief von 2009 bis 2015, und ich war sicherlich nicht die beabsichtigte Zielgruppe mit meinen 29 bis 35 Jahren. Und doch haben mich diese und andere Geschichten, die jede Woche wieder verhandelt wurden, doch beeinflusst und geprägt. Einem Menschen, der sich seiner Wandlung über die Jahre mehr oder weniger bewusst ist, der fast absichtlich Dinge und Personen der eigenen Vergangenheit verschwinden lässt, weil die Zukunft ja ohnehin viele neue Möglichkeiten und Erlebnisse bereithält, Erfahrungen, die Bisheriges relativieren.

Glee selbst ist eine Serie, die so heute nicht mehr produziert werden würde, weil die Konfliktlinien in der Gesellschaft anders verlaufen. Zwei Lieder der Serie können die grundsätzliche Ausrichtung vielleicht zusammenfassen: Journeys "Don't stop believing" und das angeblich von den Chormitgliedern selbst geschriebene "Loser like me". Glee beschrieb die Konflikte von Außenseitern, die unter Mobbing und Ausgrenzung litten, sich davon aber niemals wirklich unterkriegen ließen. Glee war eine dauerhafte Erinnerung daran, dass Träume wahr werden können, dass selbst die scheinbar Schwächsten in einer Gesellschaft einen Beitrag leisten können, wenn man sie nur lässt. Und während die (un)heimliche Hauptdarstellerin von Glee Lea Michelle alias Rachel Barry war, verkörperte doch niemand so sehr das eigentliche Thema wie Naya Rivera, die es eben schaffte, aus der Irrelevanz der Seitenlinie direkt ins Zentrum der Besetzung vorzustoßen und dabei trotzdem niemanden vor den Kopf zu stoßen, sondern ganz im Gegenteil von allen geliebt zu werden. 

Und das zeigte sich eben jetzt wieder: In den Tagen ihres Verschwindens wurde deutlich, wie wichtig Naya Rivera ihren ehemaligen Kollegen und Weggefährten war, welch positiven Eindruck sie bei allen hinterlassen hatte, denen sie begegnet war. Vor allem in Kontrast zu der knapp zurückliegenden Kontroverse um Lea Michelle der Mobbing, Rassismus und Arroganz von ehemaligen Kollegen vorgeworfen worden war. Eine Kontroverse im Übrigen, die die Möglichkeit komplett ausschloss, dass Menschen lernen und sich ändern können. Und die ihren sehr hässlichen Höhepunkt darin fand, dass Fans Lea Michelle angriffen, weil sie nicht öffentlich genug Anteilnahme am Verschwinden von Naya Rivera gezeigt hatte. 

Das Internet ist ein grauenvoller Ort manchmal. Wie der tödliche Lake Piru, der Ortsansässigen zufolge schon längst für Schwimmer hätte gesperrt werden müssen. Oder wenigstens hätten Schilder, die vor den gefährlichen Unterströmungen warnen, aufgestellt werden sollen. Aber auch dann bleibt der Mensch frei in seinen Wünschen, seinen Absichten, seinem Tun. Wer weiß, ob Mutter und Sohn sich nicht einfach über das Verbot hinweggesetzt hätten, wer weiß, ob sie vielleicht vorsichtiger gewesen wären. 

Mich erinnert nun der Tod von Naya Rivera daran, wie unmutig ich bin, und wie furchtlos ich doch sein wollte. Durch Glee habe ich damals gelernt, wie selbstschädigend es ist, sich für seine Sexualität zu schämen, zu verheimlichen, wer man ist und wen man liebt. Und das, obwohl ich zu Beginn der Serie schon ein Jahrzehnt offen schwul gelebt habe. Obwohl ich schon sieben Jahre lang mit meinem jetzigen Mann liiert war. Gleichzeitig war das die Zeit, in der ich aus der relativen Unbeschwertheit meines Studiums erst in die düstere Arbeitslosigkeit, dann in den tristen Arbeitsalltag, in eine zweite Arbeitslosigkeit und schließlich in den noch tristeren Arbeitsalltag einer besseren Hilfskraft gegangen bin, um schließlich eine Karriere als Hausmann und Autor anzutreten, was beides immer noch ausbaufähig ist. 

Vor allem aber habe ich immer wieder mit meiner Identität zu kämpfen gehabt, habe mich verbogen und ein Bild von mir nach außen gezeigt, das meinem Inneren nicht entsprach. Ich war nie so mutig oder so authentisch in diesen Jahren, wie ich es hätte sein können und vor allem auch hätte sein wollen. 

Und jetzt bin ich 40 Jahre alt, versuche mal wieder, mich neu zu erfinden, und stelle fest: Ich weiß nicht, wohin mit mir. Ich habe mich in den letzten Jahren so sehr treiben lassen, habe nicht ansatzweise versucht, meinem Leben eine Richtung zu geben, einen Ort, auf den ich zusteuere. Das muss sich ändern, denn wenn ich nicht aufpasse, vergeude ich all meine Kraft und gehe unter, bevor ich etwas von mir weitergeben kann. 



Die Welt im Übrigen

Von der Front | Juni 10, 2020

Auszublenden, wo es derzeit überall brennt, ist natürlich keine Option, so gerne ich auch ausschließlich mit mir beschäftigt wäre. Die Proteste nach dem Morde an George Floyd sind beängstigend: so notwendig es ist, den strukturellen Rassismus der USA zu überkommen, so gruselig ist die Vorstellung, mit welchen Mitteln der Präsident eine Veränderung, die nicht in seinem Sinne geschieht, kommentieren wird. Dass die Drohung, das Militär gegen die Demonstranten einzusetzen, zunächst eine Drohung geblieben ist, beruhigt natürlich. Allerdings hat Trump schon viel zu häufig seine Drohungen doch noch wahrgemacht, es steht zu befürchten, dass das auch diesmal nicht anders sein wird. Dann bleibt nur zu hoffen, dass in den Reihen von Militär und Polizei genügend deeskalierende Kräfte übrig sind, um das Blutbad zu verhindern, das dann unweigerlich folgen dürfte. 

Aber auch anderswo flirrt die Luft: im Jemen wächst sich der Stellvertreter-Bürgerkrieg zu einer humanitären Katastrophe aus, im Libanon hat die Pandemie das Fass der sozialen Spannungen zum Überlaufen gebracht, von der Situation der Geflüchteten in Griechenland (und anderswo) hört man verdächtig wenig, Hongkong kämpft um ihre Freiheit, Brasilien wird von einer demaskierten Junta regiert, die nur deswegen nicht gestürzt wurde, weil dort Covid-19 grassiert. Es ist ganz allgemein zum Wegschauen. 

Wenngleich das natürlich nicht hilft. Wegschauen nicht, sich gepflegt in den Urlaub verziehen nicht, einfach noch mal 18 Wochen in soziale Distanz und absolute Isolierung; nichts davon hilft. Andererseits ist auch mein Anschreiben gegen das Aufwallen meiner Panik sinnlos. Nicht nur, dass meine Stimme ungehört in den Bits und Bytes der Datosphäre verhallt: selbst wenn ich jemanden erreichte, würde doch mein kleines Licht die Dunkelheit dort draußen nie ausreichend erhellen. Wie eine Sternschnuppe am Firmament verglühte ich, und die Welt sähe hinterher kein bisschen anders aus.