Re: Gejaule um Vergangenes

Jedes Jahr aufs Neue mache ich das, glaube ich.
Ich will aufbrechen, ausbrechen aus meinem alten Leben, doch je älter ich werde, desto mehr Vergangenheit zerrt an mir, Vergangenheit, die sich je nach Tagesform mal als Ballast, mal als Basis anfühlt. Ich vergesse dabei (oder versuche es zumindest), dass ich ohne meine Vergangenheit nirgendwohin kann.

Nicht nur, weil mich alle meine Erfahrungen begleiten, sondern weil ich ohne all diese Erfahrungen auch nicht an dem Ort wäre, von dem aus ich wieder aufbrechen will.
Was mich formt und geformt hat, das ist vieles, das ich nicht wieder aufrollen will, weil ich spüre, dass es weder mir gut tut noch den Menschen, denen ich es erzähle. Es schafft eine ungesunde Bindung, weil ich mir meiner traurigen Geschichte, die ja nicht mein gesamtes Leben ausmacht, sondern nur eben den traurigen Teil, Mitleid heische, das ich so oft bekommen habe, dass ich es als lohnenswerten Anreiz dafür gesehen habe, mich durch meine traurige Geschichte zu definieren.
Statt die lustigen Geschichten auszubreiten, die mir passiert sind, hänge ich den dunklen Dingen nach, als gäben sie mir mehr Kraft als sie mir nehmen.

Wahrscheinlich habe ich immer noch Angst davor, in diese Muster zurückzufallen und komme deswegen nicht von ihnen los. Was wir denken, bestimmt unseren Weg. Wenn ich mich von Angst leiten lasse, werde ich ihr immer folgen.
Ein NLP-Mensch, mit dem ich mich mal unterhalten habe, hat mir das so erklärt: Angst ist eine große Triebkraft und seltener treibt sie uns an einen Ort, wo wir sicher vor ihr sind, sondern meistens direkt auf sie zu. Und so trifft meistens das ein, was wir fürchten. Vielleicht ist das so, weil man die Angst kennt und die Situation, in der man sie empfindet.
Die bekannte Angst ist offenbar immer noch besser für den Kontrollmenschen als jede unbekannte Situation, die im besten Fall zwar positiv überraschend sein könnte, aber eben genau das: überraschend.
Vielleicht muss ich doch noch einmal durch die dunklen Dinge hindurch, um mir darüber klar zu werden, wie albern meine Angst ist, das selbe noch einmal zu erleben. Oder wie grausam mir selbst gegenüber.