Naya

Der Gedanke, ich führte ein falsches Leben, ist natürlich falsch. Oder: unzureichend beschrieben. Was ich meinte: Ich drifte durch meinen Alltag, geführt und gelenkt nur von den Wogen und Wellen der Leben Anderer. Meine eigenen Ziele und Absichten sind irgendwo verschüttet worden, in den Unterströmungen der Zeitläufte verloren gegangen. 

Naja. Ich habe sie untergehen lassen. 

Geschmacklos ist diese Beschreibung fast, denn eben erst ist Naya Rivera ertrunken. Tragischer Fall von Selbstüberschätzung in Kombination mit behördlicher Tatenlosigkeit. Die 33jährige hat mit ihrem 4jährigen Sohn ein Boot zur Fahrt auf einem Stausee gemietet. Natürlich sind sie auch schwimmen gegangen, was laut Kennern des Sees eine dumme Idee war, da tückische Unterströmungen immer mal wieder auch erfahrene Schwimmer das Leben gekostet oder zumindest einen großen Schrecken eingejagt haben. Etwas in dieser Richtung scheint auch Naya Rivera geschehen zu sein. Sie hat noch ihrem Sohn zurück ins Boot helfen können, doch um sich selbst zu retten, hatte sie schon zu wenig Kraft. Und so wurde der Junge allein im Boot schlafend gefunden, der Leichnam seiner Mutter wurde erst Tage später aus dem See geborgen. 

Nun hätte das alles gar keine Relevanz für mich oder irgendwen, wenn Naya Rivera nicht in Glee die großartige Santana Lopez gespielt hätte. Santana Lopez war in der Serie über einen Schulchor lediglich als Nebencharakter geplant, als Sidekick der ewig bissigen Sue Sylvester, doch Naya Rivera hat alles gegeben, um dieser Rolle einen unvergleichlichen Charakter zu geben: schlagfertig und scharfzüngig, rücksichtslos und taktlos, authentisch und ehrlich. Santana hatte niemals Angst, ging keiner Konfrontation aus dem Weg, und wer sie auf seiner Seite hatte, brauchte nichts und niemanden zu fürchten. Wie sehr diese Eigenschaften ihren Charakter ausmachten, zeigte sich in dem Moment, da ihr Selbstverständnis auf der Kippe stand: bei ihrem Coming Out. Doch als sie diese Hürde genommen hatte, war sie ein leuchtendes Beispiel für owning everything. 

Zusammen mit ihrer Freundin Brittany S. Pearce war sie vielen jungen lesbischen oder bisexuellen Mädchen eine Inspiration. Ein Rollenmodell, das zeigte, dass nichts falsches oder verwerfliches daran sei, zu lieben, wen man will. Als Gegenpart gewissermaßen zu Kurt Hummel und Blaine Anderson öffneten sie den Zuschauern der Serie die Augen darüber, was es heißt oder heißen kann, nicht heterosexuell zu sein, und während es anfangs natürlich um das Coming Out und den Beginn einer Partnerschaft ging, rückte die Sexualität der Charaktere in den Hintergrund und normalisierte dadurch für Millionen von Menschen gleichgeschlechtliche Partnerschaften, die nicht anders sind als heterosexuelle. 

Glee lief von 2009 bis 2015, und ich war sicherlich nicht die beabsichtigte Zielgruppe mit meinen 29 bis 35 Jahren. Und doch haben mich diese und andere Geschichten, die jede Woche wieder verhandelt wurden, doch beeinflusst und geprägt. Einem Menschen, der sich seiner Wandlung über die Jahre mehr oder weniger bewusst ist, der fast absichtlich Dinge und Personen der eigenen Vergangenheit verschwinden lässt, weil die Zukunft ja ohnehin viele neue Möglichkeiten und Erlebnisse bereithält, Erfahrungen, die Bisheriges relativieren.

Glee selbst ist eine Serie, die so heute nicht mehr produziert werden würde, weil die Konfliktlinien in der Gesellschaft anders verlaufen. Zwei Lieder der Serie können die grundsätzliche Ausrichtung vielleicht zusammenfassen: Journeys "Don't stop believing" und das angeblich von den Chormitgliedern selbst geschriebene "Loser like me". Glee beschrieb die Konflikte von Außenseitern, die unter Mobbing und Ausgrenzung litten, sich davon aber niemals wirklich unterkriegen ließen. Glee war eine dauerhafte Erinnerung daran, dass Träume wahr werden können, dass selbst die scheinbar Schwächsten in einer Gesellschaft einen Beitrag leisten können, wenn man sie nur lässt. Und während die (un)heimliche Hauptdarstellerin von Glee Lea Michelle alias Rachel Barry war, verkörperte doch niemand so sehr das eigentliche Thema wie Naya Rivera, die es eben schaffte, aus der Irrelevanz der Seitenlinie direkt ins Zentrum der Besetzung vorzustoßen und dabei trotzdem niemanden vor den Kopf zu stoßen, sondern ganz im Gegenteil von allen geliebt zu werden. 

Und das zeigte sich eben jetzt wieder: In den Tagen ihres Verschwindens wurde deutlich, wie wichtig Naya Rivera ihren ehemaligen Kollegen und Weggefährten war, welch positiven Eindruck sie bei allen hinterlassen hatte, denen sie begegnet war. Vor allem in Kontrast zu der knapp zurückliegenden Kontroverse um Lea Michelle der Mobbing, Rassismus und Arroganz von ehemaligen Kollegen vorgeworfen worden war. Eine Kontroverse im Übrigen, die die Möglichkeit komplett ausschloss, dass Menschen lernen und sich ändern können. Und die ihren sehr hässlichen Höhepunkt darin fand, dass Fans Lea Michelle angriffen, weil sie nicht öffentlich genug Anteilnahme am Verschwinden von Naya Rivera gezeigt hatte. 

Das Internet ist ein grauenvoller Ort manchmal. Wie der tödliche Lake Piru, der Ortsansässigen zufolge schon längst für Schwimmer hätte gesperrt werden müssen. Oder wenigstens hätten Schilder, die vor den gefährlichen Unterströmungen warnen, aufgestellt werden sollen. Aber auch dann bleibt der Mensch frei in seinen Wünschen, seinen Absichten, seinem Tun. Wer weiß, ob Mutter und Sohn sich nicht einfach über das Verbot hinweggesetzt hätten, wer weiß, ob sie vielleicht vorsichtiger gewesen wären. 

Mich erinnert nun der Tod von Naya Rivera daran, wie unmutig ich bin, und wie furchtlos ich doch sein wollte. Durch Glee habe ich damals gelernt, wie selbstschädigend es ist, sich für seine Sexualität zu schämen, zu verheimlichen, wer man ist und wen man liebt. Und das, obwohl ich zu Beginn der Serie schon ein Jahrzehnt offen schwul gelebt habe. Obwohl ich schon sieben Jahre lang mit meinem jetzigen Mann liiert war. Gleichzeitig war das die Zeit, in der ich aus der relativen Unbeschwertheit meines Studiums erst in die düstere Arbeitslosigkeit, dann in den tristen Arbeitsalltag, in eine zweite Arbeitslosigkeit und schließlich in den noch tristeren Arbeitsalltag einer besseren Hilfskraft gegangen bin, um schließlich eine Karriere als Hausmann und Autor anzutreten, was beides immer noch ausbaufähig ist. 

Vor allem aber habe ich immer wieder mit meiner Identität zu kämpfen gehabt, habe mich verbogen und ein Bild von mir nach außen gezeigt, das meinem Inneren nicht entsprach. Ich war nie so mutig oder so authentisch in diesen Jahren, wie ich es hätte sein können und vor allem auch hätte sein wollen. 

Und jetzt bin ich 40 Jahre alt, versuche mal wieder, mich neu zu erfinden, und stelle fest: Ich weiß nicht, wohin mit mir. Ich habe mich in den letzten Jahren so sehr treiben lassen, habe nicht ansatzweise versucht, meinem Leben eine Richtung zu geben, einen Ort, auf den ich zusteuere. Das muss sich ändern, denn wenn ich nicht aufpasse, vergeude ich all meine Kraft und gehe unter, bevor ich etwas von mir weitergeben kann.