Die Entgleitung. Noch eine Bestandsaufnahme.

Wie mir alles entgleitet. Die Sprache, die Worte, die Taten. Der Wille, das eigene Leben zu steuern, muss irgendwann einfach entschlüpft sein, die Wege sind seither noch unübersichtlicher und freudloser denn je.
Ich sehne mich zurück in jene einfacheren Tage, in denen ich nichts anderes tat als schreiben und ich weiß, dass ich das wieder tun muss, dass schreiben und nur schreiben mich wieder glücklich machen kann. Andererseits aber habe ich keine Muse (von der Muße abgesehen). Der tägliche Ärger der ungeliebten Arbeit, die trotz scheinbarer Aufstiegschancen ungeliebt bleibt und bleiben wird, da der Aufstieg von mir nicht gewollt war, überdeckt alles andere. Die Inspiration ist fort, ich reibe mich an den alten Worten, nekrophiliere meine alten Texte, immer auf der Suche nach einem letzten Fragment, in dem ich mich noch einmal voller Pathos und Selbstverliebtheit suhlen könnte.

Nicht aber weiß ich, wohin mit mir.

Ich sitze vor dem Bildschirm und starre zwischen die Pixel, die keinen Sinn ergeben, die nur immer wieder zeigen, dass Geschichten über Vampire unabhängig von der Qualität immer ziehen, quasi das moderne Pferdebuch sind. Weder Pferde- noch Vampirgeschichten kann ich, zu komplex, zu verkopft will ich schreiben, zu umständlich, als dass selbst ich es noch lesen wollte. Politisch wollte ich einmal sein, gesellschaftskritisch, selbstkritisch, beziehungskritisch.
Und doch bin ich nur egozentrisch. Die Textanalyse der F.A.Z. legt mich zwischen Peter Handke und Sigmund Freud ab. Neolog analytisch und unglücklich selbstverliebt beschreibe ich Lebensdramen und komme doch nicht über meinen inneren Balkan hinweg. Wen kann das aufmuntern? Der eine umstritten, der andere tot.
Mir hilft das nichts.

Und dann die Tage erst.
Mittwoch ist schon wieder und ich dachte, ich könnte so vieles erledigen. Ist das das Leben über 30, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt, oder ist es einfach die Verachtung für das eigene Selbst, das nichts auf die Reihe kriegt und am liebsten flüchtet. Flüchtet in Serien, in Musik, in Hörbücher, in die Bibliothek, in den Park, in die Schatten zwischen den Häusern, in den Wald und in die Sonne. Flüchtet vor der Krise in der Beziehung, im Beruf, im Schreiben, im Denken. Lernen muss ich, denke ich, und schalte den Computer an, um mich zu betäuben. Schreiben muss ich und schalte den Fernseher an. Lesen muss ich und starre mit tränenwunden Augen an die Decke, während der Staub langsam aus dem hohen Flor des Teppichs schwebt.
Ich lebe nicht mehr, ich krieche nur noch von einer Ecke in die andere und verweigere mich aller Verantwortung, verneine jegliche Antwort auf Fragen und lasse das Telefon klingeln, wenn es das denn überhaupt einmal tut.

Ich will nicht sein, sagt alles an mir und wahrscheinlich ist das der Grund dafür, warum ich mich selbst und meine Träume nicht ernst genug nehme, konstruktiv darüber zu schreiben. Ich kaufe mir Bücher, wie man die eigene Stimme, das eigene Leben, die Freude am Sein wiederfindet und doch denke ich, dass es egal ist, da ich seit Jahren das falsche Leben lebe, dass ich seit Jahren Konflikt und Kompromiss verwechsle, dass ich Ehrgeiz und Erfolg meiner Scheu zuliebe gegen vermeintliche Bedürfnislosigkeit eingetauscht habe.

Ich habe gelernt in den vergangenen Monaten, dass ich an mir arbeiten muss, denn so wie ich bin, so wie ich unglücklich und so unglücklich wie ich bin, kann ich nicht weiterleben. Als Reinkarnat habe ich mich bezeichnet und bin doch weniger, bin immer noch nur ein Neolog, der das alte Selbst nicht noch einmal abstreifen kann. Doch ich weiß, dass ich es, will ich überleben, über mich, hinter mich bringen muss, eine weitere, die schmerzhafteste Wandlung, die die keine Lügen und Ausflüchte, die kein Pathos mehr, sondern nur noch durch Schmerz destillierte Wahrheit und Beobachtung kennt.
Und wie gerne wäre ich durch diesen Winter schon gegangen, wie gerne sähe ich schon den Frühling danach, doch alles zerrt an mir, alles betoniert mich noch ein, hält mich fest, während mir bewusst wird, dass ich eben das ersehne, was ich just ablehnte: das rasche, das unaufhörliche, das uns alle dem Sterben nähertragende Verrinnen der Zeit.