Zwei Meter Papier

In meinem Selbstmitleid bin ich natürlich keinen Schritt weiter gekommen. Immer noch trauere ich der blöden Vergangenheit nach, die heißt: besserer Literat.
Heute bin ich das nicht mehr, habe nur noch meinen egomanen Beißreflex, der sagt: ich bin Autor, ich schreibe ein Buch, fick Dich.
So weit ist es schon, dass ich schreibe, ich sagte: fick Dich.
Würde ich natürlich nicht. Das Sagen.
Das Denken würde ich jederzeit und nicht erst seit gestern. Immerhin bin ich Dienstleister.

Meine Texte der letzten Jahre stauben ein, alles Digitale habe ich verholzt und gelöscht. Meine Geschichte besteht aus zwei Metern Papier, gelocht, getackert und abgeheftet, wie ein Bestatter fühlte ich mich und gleichzeitig wie der Bestattete und die Trauergesellschaft.
Naja.
Wie der, der alles erbt und nicht weiß, wohin mit all dem, das vor Worten nichts mehr erzählt und niemandem mehr etwas sagt. Das Gestern war und ist nicht mehr, und so sehr ich auch in den letzten Monaten versucht habe, an das anzuknüpfen, was war: es geht nicht.

Es ist einfach nichts mehr von dem Mann übrig, der sieben Jahre lang schrieb, so wie schon damals der Junge verloren war, der die sieben Jahre zuvor geschrieben hatte.
Die Zeit gibt niemandem eine Wiederholung, keinem eine ewige Fortsetzung. So sind die Legenden nicht gemacht.
Und ich sehe es ja auch: das Internet sagt mir so, wie es ist, nichts mehr, und eigentlich wäre es wohl Zeit, den Spielplatz zu verlassen und ernst zu machen.

Der Krieg um das Internet stünde an, sagen sie, und doch ist es nur ein Erwachsenwerden des Internets. Die Pubertät, in der alles und nichts erlaubt war, in der alles ausprobiert wurde: Sex, Drugs, Rock'n'Roll, Liebe und Krieg, Terror, Wahnsinn und Gesellschaft; diese Pubertät ist vorbei, und nun, da mehr als eine halbe Generation das Internet nicht als virtuelle, sondern digitale Erweiterung ihres greifbaren Lebensbereichs integriert hat, kann man nicht mehr übersehen, dass all jene, die ohne das Internet aufgewachsen sind, sich damit abfinden und ihren Platz suchen müssen. Und dazu gehören auch eben jene, die jetzt zum Krieg um die Netzhoheit aufrufen, die nicht wissen, dass man das Meer nicht besitzen kann, denn es rinnt durch die Finger, die es halten wollen, und der Schnee, den man zu greifen glaubt, schmilzt unter der Berührung davon.
Es können nicht wenige besitzen, was allen gehört.
Man kann sich nur dazu entscheiden, das Beste aus allem zu machen.

Ich werde alt, das weiß ich. Die Haut an meinen Händen sieht aus wie die eines 60jährigen. Ich trinke zu wenig und arbeite zu viel mit den Händen. Das gräbt tiefe Spuren in meine Finger, noch sieht man es meinen Augen, meinen Wangen, meinem Mund nicht an, dass ich verblasse.
Ab 30, sagt man, erfahre der Mensch seine Lebensaufgabe.
Man sagt aber auch, dass ab 30 alles nachlasse, vor allem aber der unbändige Drang zu leben.
Mit Kindern, sagt man, sagen vor allem auch die Mittdreißigermütter, die mir im Biomarkt den Käse abkaufen, erfahre man eine neue Kindheit und wundere sich immer wieder über die Überraschung, den Lernwillen und den Lebenshunger der Menschen und erfahre ihn dann auch bei sich selbst.
Ich stehe dann da und denke mir: ich habe nicht einmal einen Hund, Kinder werde ich nie haben und nie haben wollen. Welchen Hunger soll ich da spüren? Nicht einmal mehr den Käse mag ich essen.

Ich habe mich dagegen entschieden, die alten Texte neu zu veröffentlichen. Ich habe mich gegen die zwei Meter Papier entschieden, denn es sind zwei Meter, die nicht mehr zu mir gehören.

Früher, sagte ich einem Freund, habe ich meine Texte aufs Papier gebrochen und fand sie gut. Auch andere dachten so, mochten mein Erbrochenes und haben es gelobt, die Tiefe, die Komplexität, die faszinierenden Bilder, die sie darin sahen und die sie über Tage verfolgten.
Doch für mich blieb und bleibt es bis heute: Erbrochenes.
Meine eigene Tiefe, meine eigene Komplexität spiegelte es nicht, es hatte mit mir nicht mehr gemein, als dass es Worte waren, die meinem Geist entfallen waren. Und so sehe ich mich auch heute noch: meinem Geist und meinem Weg, meiner eigenen Steuerung entfallen, entgleist, ausgespurt.

Die neuen Texte dienen nur dazu, mir selbst klar zu machen, dass ich so nicht weitermachen kann, und dass es einen anderen Weg geben muss, den ich gehen kann. Es gibt ihn, ich weiß das, denn ich habe schon so oft meinen eigenen Weg zwischen jenen all der anderen gefunden. Immer habe ich mich neu erfunden und neu gefunden.
Neolog nannte ich mich auf Nachfrage damals, einen Neuerungssüchtigen, einen, der immer alles ändern und anders machen muss. Immer noch bin ich so, und wünsche mir doch nur, dass ich endlich damit aufhören kann und endlich wieder schreiben kann.
Aber ich kann nicht.
Ich muss weitermachen wie bisher, bis alles sich geändert hat. Und dann kann ich aus allem wieder das Beste machen.