ANDERSWOLF

Alles außer Ahnung

[cries in Gen-X]

Zirkus

Pöm
Juli 22, 2025

in einem
haben sie recht

ein zirkus
ist dies nicht

wir verstecken uns nicht
hinter samtenen vorhängen
tanzen nicht durch die manege
zur belustigung der menge
den knall der peitsche
fürchten wir nicht

dies ist kein zirkus

recht haben sie und
liegen falsch

unsere masken tragen
die farben von liebe und mut
sie sind gezeichnet
in wut und in würde

wir sind
menschen aus flammen
akrobaten ohne netz
narren mit wissendem blick
tiere, die keine fesseln mehr dulden

dies ist kein zirkus

dies ist unser leben

und wir kämpfen
darum

Letzte Runde

Pöm
Oktober 31, 2023

bedeute mir 
nicht mehr die Welt
reiß aus mir 
das verwurzelte Herz

die Straßen leeren sich
und die Bäume schweigen
die Sonne fällt und
die Sterne haben frei

wir teilen uns
keinen Himmel mehr
wir blicken auf einander
fremde Wolken

ich vergesse
uns
wenn ich gehe
nicht ganz



17, fast 18 Jahre Heimat lassen sich nicht einfach ablaufen, sie sind eingraviert in die Synapsen, bleiben Phantomfühlungen der Papillarleisten und hallen nach in der Attosekunde zwischen Sys- und Diastole. Ich gehe weiter und mein Herz bleibt stehen, ich gehe weiter und will doch bleiben. Ein Blick zurück ist nie genug. Darum vielleicht blicke ich so wenig wie möglich zurück.

Ein Fehler, sagtest du vor Langem, sei dieser Umzug, und doch freutest du dich für mich. Ich freue und bereue, ich fürchte mich und weine um die Heimat, die letzten 17, fast 18 Jahre, die Menschen, das Lachen, das Miteinander, die viele Vergangenheit, die nie wieder Gegenwart sein wird. Ich hoffe viel in diesen Tagen, schmiede Pläne und schüre meine Erwartungen und will gleichzeitig nicht loslassen, will nichts loslassen, doch die Entscheidung hat sich schon gefällt, da wusste ich noch nicht von 17, 18 Jahren Heimat in der Fremde.

Noch bin ich nicht fort, sage ich, noch bin ich da, lüge ich, und doch wissen wir: wir teilen uns keine Zukunft.

Danke für alles ♥️

Cumulonimbus

Pöm
Oktober 9, 2023

gibt keine Ruhe mehr unter
der zu Stahlwolken geballten
Angst

sie verstellen sich
den eigenen Himmel mit
Sturm



Man will die Augen verschließen davor, dass ein Fünftel der Deutschen sich von gesellschaftszersetzenden Parolen nicht abschrecken lässt, sondern Hass, Lügen und Gewalt zumindest in Kauf nimmt, so lange man "denen da oben" eins auswischen kann. Wie beleidigte Teenager, die ihren Computer zerstören, weil die Eltern das WLAN abgeschaltet haben.

Man will naiv sein und hoffen, dass diejenigen, die rechts wählen, nicht rechts denken; aber die Alternative ist, dass sie, wenn sie schon nicht rechts denken, offensichtlich gar nicht denken, und das will man erst recht nicht hoffen. So naiv kann ich nicht sein, um mir nicht vorstellen zu können, wohin geistloses Taumeln führt.

Die Zeit für Naivität ist vorbei. Die Zeit für Passivität ist vorbei. Es muss allen klar werden, dass rechtes Wählen in einem Abgrund mündet: langsam mit der Union, abrupt mit der AfD, erratisch mit der FDP.

Die Zeit für geschlossene Augen ist vorbei. Ist lange vorbei. Jetzt zu handeln, heißt vielleicht zu spät handeln, heißt: jetzt unbedingt handeln. Wird sich jetzt nichts ändern, werden wir lange nicht beruhigt die Augen schließen können.

Und nein, keine Ahnung, wie der Bann gebrochen werden kann, der Rechtsextreme als Staatsträger tarnt. Keine Ahnung, wieso Menschen sich in der Hoffnung auf Trost Hasspredigern anschließen. Ich verstehe nicht, wie Menschen vor solch grauenhaften Offensichtlichkeiten die Augen verschließen können.

So naiv kann ich nicht sein zu hoffen, dass sie sich verwählt haben. Und so muss ich fürchten, dass all jene, die vorgeben, nur besorgt oder verängstigt zu sein, in Wahrheit blind dafür sind, dass ihre Schläge gegen die Welt letztlich sie selbst treffen.

All jenen, die die Wahl gestern (und die Wahlen zuvor) (erneut) erschüttert haben sollte, bleibt nur ein Trost: es gibt noch das Entsetzen, noch ist es unfassbar. Noch sind wir, die an Mitmenschlichkeit glauben, mehr. Wir sind mehr.

Wunderland

Pöm
Oktober 7, 2023

die Sehnsucht dir
vom Kopf auf
die Bretter
die die Welt

der Vorhang
dir auf den Fuß
des Berges
deiner Träume

schrick nicht vor
dem Unsichtbaren
das das Sichtbare
in sich

mit lachendem und
weinendem
dir eine Heimat

Blende

Pöm
September 17, 2023

Wir glauben uns
Kinder der Sonne
und ihre Strahlen
allein unser Werk:
Zeugnis unserer Größe.

Auf der Fahrt über
unseren Himmel
neigt sich
der lange Tag
haltlos gen Horizont.

Morgen

Pöm
Januar 12, 2023

dem Tag
entgegen
sammeln sich
(unsichtbar)
Krähen am Fluss
(ihr Lied dein Leid)

in Morgenrot
gerinnt eine Ahnung
zu deiner
Heimat

blinzle nicht
(nach ermüdeter Nacht)
die Sonne geht
(endlich)
auf

Katzencontent

Pöm
Dezember 7, 2022
Katzencontent
betäubt die
in den Abgrund
der Welt 
vor Angst
starrende Seele
 
Lina dagegen
ihrer Angst entgegen
in der zitternden Hand
ein brennendes Tuch
auf ihren Lippen
 
Jin Jiyan Azadi
 
ihr Haar weht
im Wind
der Veränderung
 
Und ich
schaffe nur
Katzencontent

Stolpersteine

Pöm
November 1, 2022

überschätzt
sagen sie
nicht unsere Geduld

unterschätzt
sagen wir
nicht unsere Ungeduld

wir sind der Boden
der euch trägt
auf uns legt ihr
die Steine eurer Mauern
unser Blut bindet
den Mörtel eurer Macht

wir wollen die Steine
aus euren Mauern nehmen
ihr könnt uns
nicht mehr bluten machen

der Tod ist alles
was wir besitzen
wir fürchten ihn nicht

hämatom

Pöm
Oktober 16, 2022

sorglos gesprungen
haltlos gefallen
wann wirst du lernen
auf dich zu achten

vielleicht einmal
wenn du wieder stehst
stehst du für dich ein
einmal vielleicht

Doppelbelichtung

Pöm
April 7, 2022

den Tod haben wir
abgeschafft
er passte uns
nicht mehr ins Bild

hier schlafen Menschen
mit Sand in den Augen
atemlos die Ruhe
zu wahren

dieser hier malte mir
Milchherzen auf den Kaffee
und schenkte mir
Kekse mit süßem Kern

hier hat er die Augen
geschlossen das Lächeln
verloren das Herz hart
und kalt seine Haut

wir legen ihn hier
unter Erde und Steine
die streunenden Hunde
wecken ihn nicht.

verschweige dem Feuer das Holz

Pöm
März 15, 2022

seine Gier beißt sich
in unsere Augen
und
unsere Tränen entreißt uns
sein Hunger

in seinem Flackern
queren wir Schatten

erreichen wir bald
eine Lichtung
oder
gehen wir tiefer
hinein in die Glut

schwert/feder

Pöm
Februar 24, 2022

der sturm
der das gefieder 
der taube spreizt

bricht ihr

nicht fahne
nicht kiel

Schuppungen

Pöm
Januar 19, 2022

das Zwischen teilt
es oder fällst du
nur ab vor Glauben

das Brechen der
Haut schilfert dich
suchst du denn Halt

schorfst dir die Worte
selbst am Wetzstahl
deiner Verheißung

der Riss reißt nur
dich in den Abgrund
die Klippe sind wir

calluna

Pöm
Dezember 25, 2021

kurz nur inne
halten der welt
schnee auf der
heide heute dann
kommt morgen tau

zum brunnen

Pöm
November 30, 2021

mir alles über
müdet zur ruh
der krug füllt nicht
die erschöpfung

Kondens

Pöm
September 23, 2021

Nebel drückt sich an
die Scheibe auch von innen
dunstbeschlagen die Synapsen
im Kopf zertasten sich
die Worte fehlen mir und

Im Wannenbad schwimme ich
aus meiner Haut löst sich
mein Schweiß schmeckt
nach Mitternacht esse ich
meine Wut hält mich, nicht

Aus den Feldern steigt
der Mond verliert sich zwischen
den Sternen ist unser Streit
gleich sind wir

Doldige Schleifenblume

Pöm
September 4, 2021

nicht bitte
versteh
bitte versteh
mich bitte versteh nicht
bitte nicht mich
versteh bitte mich
bitte versteh mich nicht
falsch
bitte falsch
mich versteh
nicht

und geh
gehst du
entstehst
und enthörst du
verlässt du
zu früh

verstehst du
verstehen wir uns
niemals

also bitte nicht
geh bitte
nicht
bitte geh nicht
und versteh mich
bitte nicht falsch

Kornblume, pink

Pöm
August 11, 2021

anders als
gedacht anders
als erwartet
so anders
deine farbe
doch du selbst
bist noch die
gleiche blume trägst
die gleiche blüte
bist nicht weniger
als die anderen

Galaktika

Pöm
August 4, 2021

die kleinen fluchten und
das unsagbar schöne
das traurige dur und
die sehnsucht in moll

du berührst mich mit worten
triffst mit deinen liedern
unabsichtlich grausam
mich mitten ins herz

Jungfer im Grün

Pöm
August 1, 2021

zerbrechlich und leicht
zu verletzen scheinst du

deine größte stärke ist
unterschätzt zu werden

regenbogen

Pöm
Juni 23, 2021

mitunter ungreifbar
und doch berührt

verzage nicht in der
dunkelheit sie währt
nicht

goldgelbe hummel

Pöm
Juni 10, 2021

den halben tag versucht
und doch gescheitert
dich zu fokussieren
sinnlose jagd

salbeizeiten

Pöm
Juni 7, 2021

fürchte nicht
deine sehnsucht

der wunsch trägt
mehr als der wille
zu deinem schick
sal bei

vergissmeinnicht

Pöm
Juni 1, 2021

es ist
wie gesagt
eine lange weile

verweile

wie lang
ist lange
genug

Asche | Remix

Pöm
April 7, 2021

die Narben
auf deiner Zunge
bezeugen erloschenen
Zorn

die Zähne gefletscht
folgst du den
Wutwegen

der Brand schwelt
nicht mehr in der
Asche stocherst du
wortlos

Dämmerung

Pöm
März 5, 2021

hüllst dich
in deinen Mantel
aus Eis

frierst
nicht und
zitterst doch

die Sonne
steigt

Asche

Pöm
Februar 3, 2021

Zorn auf der Zunge
brannte Narben
dir ein

deine Finger folgen
den Wutwegen

der Brand schwelt
nicht mehr in der
Asche stocherst du
wortlos

dir einen Altar | Triptychon der Verwehrung

Pöm
Dezember 30, 2020

I

du narbtest
mich mit
unscharfen
Worten

noch schwären
die Wutränder

ich übersehe
sie alle

II

die dünngewordene
Haut trage ich
dir nicht nach auf der Bahre
wärmt sie dich nicht

ich beuge mich
nicht über das Versagte
deiner zum Kuss
ersprödeten Lippen

III

Atem
schöpfe ich
genug
für uns beide

versiegt
ist der Quell

stille an mir
deinen Lufthunger

Lufthunger

Pöm
Dezember 16, 2020

Atem schöpfe ich
genug
für uns beide

die dünngewordene
Haut trage ich
dir nicht nach auf der Bahre
wärmt sie dich nicht

ich beuge mich
nicht über das Versagte
deiner zum Kuss
ersprödeten Lippen

der Quell ist versiegt

dir einen altar

Pöm
Dezember 3, 2020

die dünngewordene
Haut trage ich
dir nicht nach auf der Bahre
wärmt sie dich nicht

ich beuge mich
nicht über das Versagte
deiner zum Kuss
ersprödeten Lippen

noch schwären die Wutränder
deiner narbenden Worte

das Sakrament
des zehrenden Laibs deiner Liebe
und deiner Tränen bitternden Weins
fürchte ich
doch

der Quell ist versiegt

ich schöpfe
Atem genug
für uns beide

Schattengäste

Pöm
November 30, 2020

Ich öffne die Tür und trete ein
in dies alte Haus der Stille,
und mich umfängt und mich verschlingt
gleich einer großen Welle,
gleich einem schwarzen Loch
das Auge im tosenden Sturm und doch
ersticke ich und sterbe fast
in dieser Nacht voll totem Grau
als mein eigner Schattengast.

Du öffnest und du suchest mich
in meinem kalten Herz voll Qual;
ich fasse und ergreife dich
und ziehe dich mit Donnerhall
in meine Tiefe ohne Ende.

Oh! würden diese Wände,
die einst ein Haus gewesen,
keine Stimmen, keine Namen,
keine Erinnerung mehr tragen!
Oh! hätte doch ein jeder Traum sein Ende!

Einst majestätisch das Portal,
doch jetzt gespalten voller Qual,
birgt nur noch Schatten voller Pein:
Arme Schatten, die mein Herz
erfüllen nur mit scharfem Schmerz
und die mit kalten Stimmen schrei’n.

Schatten der Vergangenheit
raunen meine Namen
mit leisen, rauen Klagen
und stehen nur und schauen nur
von Ewigkeit zu Ewigkeit
mit ihren Augen voller Fragen.

Der Morgen graut
nah dieser stillen Nacht
und langsam leert sich die Ruine.
Schattengast um Schattengast
verliert von seiner Schattenmacht,
bis er sich auflöst und verblasst.

Corona-Poem

Pöm
November 26, 2020

Corona an Weihnachten
schenke ich mir
drum treff ich dich nicht
sonst schenkst du es mir.

Der unsichtbare Mensch

Pöm
Januar 21, 2015

Deiner angesichts
werde ich
lautlos, fühllos, körperlos

Im Auge meines Schweigens
verberge ich mich
angst- und zweifelvoll

Über meine Lippen
kommt kein Wort
aus meinen Augen
kein Gedanke

Eine Berührung nur
eine Umarmung

Ich falle
in Deine Arme
bin daheim
bin da.

Frühlingssturm

Pöm
Juni 23, 2014

alle Uhren
stehen still

Vogelfederschlag
Blütenblätterwirbel
Regentropfenfall
Blitznarbenfirmament

wie dramatisch
denkst du und
wendest dich
doch nicht ab

still stehen
alle Uhren 

sie geht

Pöm
Juni 14, 2014

sie geht
sagt sie

mit gefiederten Schritten
als sei sie Vogel oder Engel
sie sagt
sie gehe durch die Wolken
wie Sonnenstrahl
ein Blitz
ein Donner
der Regen

durch die Zeiten
sagt sie
gehe sie
aus deiner Erinnerung
in deine Träume heraus

hinein
sie geht
sagt sie
sie geht

Inmitten

Pöm
Juni 3, 2014

Alles in Review.
Die Zeit heilt keine Wunden.
Die Zeit frißt alle Menschen auf.


Ich.
Nein.
Aber.
Ja.

Wo kein Ende, da kein Anfang.
Dort ein Überall.

Morgen vielleicht.
Vielleicht Morgen.

Vielleicht
inmitten
nie.

Ewigkeiten

Pöm
April 14, 2014

wie lang
denkst du
ist lang
genug

Anders

Semiliterarisches Lebenslogbuch von
Anders Wolf, ab und an
mit Erkenntnisgewinn.
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