Fix you/me

Ein schlagendes Herz, ein wortezermahlendes Hirn. Am Ende der flammenzerfressenen Tage eine immer wieder irrende Seele, die nicht weiß, wohin mit sich.
So viel zu tun, so viel zu erledigen, so wenig Ahnung davon, was das soll mit all den für Andere offensichtlich einfachen Dingen. So viele Menschen, die man sprechen, treffen, vermissen möchte, und doch so wenig Ahnung davon, wie man auch nur eine einzige Nachricht schicken kann, die nicht nur sagt: es geht mir nicht gut, du fehlst mir, aber ich kann nicht anders.

Ich muss alleine sein oder kann zumindest nicht selbst entscheiden, nicht alleine zu sein. Ich will in den Arm genommen werden, aber kann nicht darum bitten. Die Tage verbringen sich zwischen der Arbeit und den Fluchtgedanken davor. Die wenigen Gespräche mit den wenigen außerarbeitlichen Menschen erschöpfen so sehr, obwohl sie so nötig sind.
Den letzten Kuchennachmittag in einer halben Schockstarre verbracht, weil das Gehirn nicht mehr richtig funktionierte, nicht sagen konnte: ich habe Angst vor dem Leben, das Entscheidungen haben will, Ja und Nein hören will, das endlich ein Ende dieser Suche nach dem richtigen Weg haben will.
Und immer wieder die neuen Symptome, die die gleiche Ursache haben. Immer wieder der Moment, wo ich Menschen anschreien will, die mir nichts anderes getan haben, als meine kostbare Zeit zu verschwenden. Die Zeit, die so knapp geworden ist, weil ich sie nicht achte, immer auf der Suche nach dem Moment des größten Glücks im Unglück, jenem Moment, den ich im kommenden Winter, wenn die Depression mich wieder zerfressen wird, herausholen kann wie einen Schatz, wie ein kleines Feuer, an dem ich meine Seele wärmen kann. Dieselbe Seele, die ich immer wieder in jene kleine Kammer sperre, in der auch mein Selbstwertgefühl und meine Kreativität stecken. Irgendwann werden sie sich gegenseitig zerfressen. Vielleicht, wenn ich dann keine Seele mehr habe, deren Niedergang ich befürchten muss, geht es mir endlich gut.

Im Laden ist das anders. Meine Hände zittern nicht, meine Augen sind klar, meine Stimme ist deutlich. Mein Rücken hat mehr Spannung als mein Leben, meine Brust ist breiter als der Weg, den ich in meinen dunklen Stunden mit kleinen Schritten erfühle, weil ich ihn nicht sehen kann. Im Laden bin ich Kundenberater, ich bin dabei ehrlich und das schätzen die Kunden an mir. Ich habe eine Meinung, die ich vertrete, Wissen, das ich uneifersüchtig teile, und auch wenn es sich nur um Käse handelt, weiß ich doch, dass es mich glücklich machen kann, einen Menschen gut beraten zu haben. Ich bin gut darin, gut im Erklären, im Beraten, im Verkaufen.
Ich bin der Beste im ganzen Laden, und doch verschwindet alles Selbstbewusstsein zusammen mit meiner Schürze in meinem Spind, wenn ich abends nach Hause gehe, um wieder ich zu sein.
Dann sinken meine Lider über die glasigen Augen, meine Stimme wird zittrig, meine Hände können kaum den Hausschlüssel halten. Mein ganzer Körper sackt in sich und auf dem Sofa zusammen, knickt wie eine Ähre nach dem Sturm.
Zuhause bin ich nur ich, froh, mich in Bücher und Serien verstecken zu können, froh, mir das Leben anderer anzusehen, froh zu sehen, wie andere leben, wenn schon ich es nicht kann. Vielleicht habe ich das nie gelernt, vielleicht auch nie lernen wollen. Es muss ja auch jene geben, die einfach nur zusehen, denke ich dann manchmal, wenn mir auffällt, mit welcher Leidenschaft ich meine Leidenschaften für das Leben unterdrücke und mich an den Rand der Tanzfläche stelle, um Anderen zuzusehen. Ich höre die Musik nicht, zu der sie tanzen, in meinem Kopf singt eine einsame Stimme ein leises, ein trauriges Lied.
Manchmal denke ich, es hülfe, könnte ich über mein Leben sprechen. Über das, was mich interessiert. Über die Tage, an denen ich mir für Siremon eine Geschichte ausdenke, Staaten erblühen und zerfallen lasse, damit Kirrens Geschichte endlich eingebettet werden kann und nicht einfach nur als Parabel für so viel anderes alleinstehen muss. Ich bringe schöpferische Götter gegeneinander auf, damit ihr Kampf die Welt formen kann, auf der die Menschen schließlich von den Naturgewalten und ihren eigenen sich verändernden Gesellschaften geformt werden. Ich versuche in Bildern zu erzählen, was ich nicht in Worte fassen kann, doch nichts davon dringt nach außen.
Denn ich habe Angst vor dem, was andere denken über das, was ich teilweise selbst als Zeitverschwendung betrachte. Ich, der ich meinem ersten Freund die Angst davor zu nehmen versuchte, händchenhaltend durch die Nürnberger Innenstadt zu laufen, kann niemandem die Geschichte anvertrauen, die ich seit sieben Jahren in meinem Kopf verstecke. Ich habe Angst davor, dass Andere das, was ich seit so langer Zeit mache, tatsächlich als Zeitverschwendung betrachten könnten, dass ich es lieber aufschiebe. Wie ich alles aufschiebe und alles verschweige.

Manchmal denke ich, es hülfe schon, sagte ich jenen, die es nicht wissen, dass ich schwul bin. Auf mein Privatleben angesprochen hin schweige ich. Als gäbe es mich zweimal: in einer Beziehung mit dem Freund und in Beziehungen zu Freunden und Bekannten.
Ich stoße die Menschen von mir, die mir etwas bedeuten.
Mehr und mehr, wieder und wieder.
Vielleicht, damit ich mit Entschuldigungen zurückkehren kann.
Vielleicht damit ich etwas habe, worüber ich sprechen kann, damit nicht die Frage nach meinen Träumen auftaucht, die mich jeden Tag fesselt und keine Nacht mehr ruhig schlafen lässt.

Dabei interessieren sich die anderen nicht mehr für meine Träume als für ihre eigenen. Sie alle leiden, sie alle haben Probleme, sie alle sind verwirrt und verstört und wissen nicht immer, welchen Weg sie gehen sollen. Doch es ist mein Leben und ich will, dass sich jemand dafür interessiert und sei es nur, damit ich sagen kann, es sei mein Leben, um dann auf eine Nachfrage hin tatsächlich von mir zu erzählen und davon, dass ich so viele Menschen liebe und es keinem von ihnen jemals werde sagen können, denn jeden Tag verliere ich mehr von meiner Sprache und mehr von meinen Gedanken, bis mir nur zu sagen bleibt: ich habe Angst, doch weniger dank Dir.

Doch statt dessen sage ich nichts und lausche auf mein schlagendes Herz, bis es endlich aufhört.