Selbstinventur reloaded

Trotzdem verweise ich, werde ich nach meiner schreibenden Arbeit gefragt, immer nur auf mein offizielles Blog, das deutlich weniger Beiträge hat als dieses hier. Ich schäme mich dessen, was ich tue. Ich habe Angst davor, jemand könnte entdecken, was ich hier aufgeschrieben habe, eine Angst, die ich schon vor fast genau drei Jahren formuliert habe:

Während des letzten Absatzes ist mir klargeworden, dass es nicht die schlechten Klassenkameraden sind, nicht die alten, treuen Freunde, nicht die guten Bekannten, nicht die entfernten Verwandten sind, deren Reaktionen ich fürchte, sondern dass es die Menschen sind, die mir noch am nähesten stehen: mein Freund und meine Eltern, von denen ich offensichtlich annehme, dass sie ein falsches Bild von mir haben, von meinen guten Eigenschaften, meinen schlechten Gewohnheiten, meinen unerreichten Träumen, meinen undefinierten Zielen. Gerade jene Menschen, die Seiten von mir kennen, die kein Freund von mir kennt und nicht einmal die eigenen Geschwister, gerade jenen Menschen unterstelle ich Unkenntnis meines Charakters, meiner Hoffnungen und meiner Scham.

Je länger ich darüber nachdenke, desto dümmer komme ich mir vor.
Gewöhnlich vergessen wir die Macht der Sprache, die vielleicht nicht Berge versetzen kann, aber zumindest doch den Glauben daran wecken, dass es möglich ist. Sprache ist zu alltäglich, zu sehr Werkzeug, als dass man bemerken würde, wie umwälzend sie wirken kann. Man hat ja auch nicht jederzeit vor Augen, dass die Sonne nicht etwa nur ein Licht ist, das unseren Alltag erhellt, sondern Leben erst ermöglicht und - in noch einigermaßen weit entfernter Zukunft - auch wieder auslöschen wird. So wie die Sonne nach der Langen Nacht wieder alle Lebensgeister aus ihrem Winterschlaf zieht, kann auch ein einzelnes Wort, ein einziger Satz dem Leben einen neuen Impuls, vielleicht sogar eine neue Richtung geben.
Wir erwarten diese Macht der Sprache nicht, das heißt aber nicht, dass es nicht möglich wäre.