Man muss nur wollen. Das Manifest.

Es schien unmöglich geworden, angesichts der vielen Möglichkeiten etwas zu erreichen; also schrieb ich das Manifest der Durchsetzung von Interessen, in dem ich mir selbst erlaubte, dem Schreiben der Geschichte um den Untergang der Götter alles unterzuordnen.
In einem halben Jahr von Mai bis November wollte ich in 200.000 Worten den ersten auszubauenden Entwurf schreiben. Dieses eine Mal oder nie mehr. Ich ordnete dem vordringlichen Traum, 1200 Worte pro Tag zu schreiben, mein Leben, meine Beziehung, meine Freundschaften, mein brotverdienstliches Engagement unter. Ich habe im letzten Halbjahr vieles vernachlässigt und wenig erlebt. Ich habe mehr denn je von dem vergessen, was der Freund mir gesagt hat, habe mich weniger denn je für irgendetwas interessiert, was nicht mit der Geschichte zu tun hatte. An jedem Tag, den ich nicht im Brotberuf verbrachte, saß ich stundenlang vor dem Computer, werkelte ich stundenlang an der Geschichte, erforschte die handelnden Personen und erfand ihnen eine Welt. Lenkte mich vor allem aber ab, entdeckte neue Seiten im Internet, bastelte an Logos, spielte Spiele, hörte Musik, las in Blogs. Schrieb nicht. Schrieb kein einziges Wort den ganzen Tag lang. Ich las Bücher darüber, wie eine Geschichte aufzubauen sei, wie der Roman aussehen sollte, welche Charakterzüge fesselten und welche Plotlinien Leser vergraulten. Aber ich schrieb nicht. Ich erfand zuletzt die Entstehung der Welt als zwingenden Hintergrund, vor dem sich die Geschichte entfalten musste als logische Weiterentwicklung eines Jahrtausende alten Prozesses.

Und wich dem zentralen Punkt, dem Schreiben nämlich, immer aus. Ich hatte Angst davor, zu entdecken, was ich schon wusste, bevor ich das Manifest verfasste: dass ich die Geschichte nur schreiben wollte, weil ich mich schon so lange damit beschäftigt hatte. Ich wollte nicht Zeit vergeudet haben. Ich wollte nicht versagt haben. Es scheint unmöglich geworden, mich noch weiter zu belügen; im Manifest der Durchsetzung von Interessen gab ich mir ein halbes Jahr, meinen Selbstbetrug zu entdecken oder meinen Verdacht darauf zu widerlegen.
Ich höre nun damit auf. Ich erkenne an, dass ich schreiben will, erfinden will, kreativ sein will, dass ich aber diese Geschichte nicht erzählen muss, um das zu sein. Ich gebe mein schlechtes Gewissen auf, gebe die Selbstblockierung auf und höre vor allem damit auf, mich aus Gründen vermeintlicher Selbstverwirklichung von Menschen abzuschneiden, die mir etwas bedeuten.