Amsel auf Abstand

Draußen auf dem Balkon eine Amsel mit zupfelnden Flügelspitzen und leichtem Atempumpen. Sie ruckt manchmal mit dem Kopf und scheint mich anzusehen, manchmal vielleicht auch nur ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. Manchmal fiept sie leise, kein klägliches Fiepsen wie ein verletztes Tier, sondern mehr so ein unschlüssiges Hach von einem Piepsen, hochfrequent und gleichzeitig tragisch wie Weltschmerz.

Letztes Jahr um die Zeit habe ich Frühstücksbrösel in die Blumenkästen geschüttet, vielleicht wartet sie darauf. Andererseits war es letztes Jahr um die Zeit zehn Grad kälter, da war es ungleich schwerer für die Vögelchen, Futter zu finden. Dieses Jahr steht da, wo letztes Jahr noch Nüsschen und Krümel lagen, ein zweifarbiger Heidebusch, und vielleicht versteckt sich die Amsel auch dahinter vor den größeren Krähen. Oder vor den Kindern.

Denn unten in der Fußgängerzone lärmen die Kinder. Jetzt, wo die Ferien zwar vorüber sind, Corona aber noch nicht, gehen die Kinder nicht in die Kita oder den Kindergarten, sie gehen mit der Gruppenleitung in den Wald. Gut in einem Ort zu leben, wo der Wald nicht so weit weg ist, da kann man schnell mal in den Wald, Tiere sehen oder Äste aufsammeln oder was weiß ich. Vielleicht Amseln nachjagen. Nicht meiner Amsel allerdings, denn diese Amsel sitzt oben auf dem Balkon hinter der Heide und zuckt mit den Flügeln, während unten die Kinder lärmend durch die Fußgängerzone ziehen.

Und ich sitze drin, schaue die Amsel an, während sie zuckt und immer wieder nach innen blickt oder auf ihr Spiegelbild, und ich hoffe, dass sie nicht die Spiegelung als Rivalen begreift und das Fenster anfällt. Ich hoffe, sie verletzt sich nicht. Andererseits: Wie viel Momentum kann sie auf einen halben Meter Entfernung schon bekommen. Wieviel Schwung ist auf kurzer Strecke wohl möglich? Oder geht auch das exponentiell? Dann sollte ich vielleicht lieber in ein anderes Zimmer umziehen, bevor mir die Fenstersplitter um die Ohren fliegen. Abstand ist ja heutzutage alles.