Drei Listen. Zwei.

Sollte man doch denken, dass die zweite der drei Listen - schlechte Angewohnheiten - leichter falle als die bereits erstellte erste oder die noch ausstehende dritte.
Ist dem aber nicht so.
Denn Ehrlichkeit sich selbst gegenüber schmerzt ja schon dann, wenn man nur an der Oberfläche kratzt; umso schlimmer also, wenn man schonungslos in der Tiefe gräbt, was zweifellos notwendig ist. Der Versuch nun also, das aufzulisten, was in der eigenen Täglichkeit als Schaden oder Nutzlosigkeit erscheint.
Da gibt es viel aufzuschreiben, doch wenig, das gerne gebeichtet wird. Wer will das schon, sich selbst so sehr entblößen auf einer nicht körperlichen, sondern psychologischen Ebene?

Im Durchschnitt zweimal täglich Selbstbefriedigung.
Wohnung nur putzen, wenn sich Besuch ankündigt.
Hungrig einkaufen.
Nicht ins Fitnessstudio gehen, obwohl die Gebühr monatlich eingezogen wird.
Freunde nicht anrufen, bis sich das schlechte Gewissen meldet.
Dann erst recht nicht mehr anrufen, weil nicht das schlechte Gewissen recht behalten soll.
Impulse, die vielleicht nicht gesellschaftskonform sind, unterdrücken.
Die eigene Energie in die Lösung von Problemen anderer statt in die eigene Entwicklung stecken.
In vorauseilendem Gehorsam die eigene Homosexualität verbergen (die Nachfrage des Freundes, ob das denn überhaupt in relevanten Bereichen geschähe, bringt das nächste Stichwort: eine Unterscheidung zwischen relevanten und irrelevanten Lebensbereichen machen.)
Nach einer Bestandsaufnahme: überraschend viel Fleisch essen, dafür ziemlich wenig Gemüse.
Zu wenig trinken, aufkommendes Durstgefühl mit Nahrungsaufnahme überdecken.
Sich Selbsthass unterstellen statt an Selbstliebe arbeiten.
Eigene Wünsche den anderer unterordnen.
Essen ohne Hunger.
Die eigene Bildung für ausreichend und Weiterbildung nur für andere als notwendig erachten.
Pläne unsystematisch angehen und entsprechend unvollständig abschließen.
Dogmen per se verteufeln, aber eigene Dogmen predigen.
Wider besseres Wissen auf den inneren Schweinehund hören.
Zu viel (und zu wahllos) fernsehen.
Anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben, weil der eigene Lebensentwurf unzufriedenstellend ist.
An kruden Dingen hängen, die Teil der Vergangenheit sind und keine aktuelle Bedeutung haben.
Diese Vergangenheit idealisieren, weil die Gegenwart (immer) imperfekt ist.
Das Eintreffen der Zukunft befürchten statt an ihrer Gestaltung arbeiten.
Vor dem Spiegel den Bauch einziehen.
Überhaupt: an Spiegeln nicht einfach vorbeigehen können.
Mehr lesen als schreiben.
Mehr Zeit mit Selbstvorwürfen als mit Selbstentwicklung verbringen.
In der Theorie alles können, in der Praxis nichts versuchen.
Zu allem zu spät kommen.
Immer unvorbereitet sein.
Beim Lesen an den Nägeln zupfen.
Ein Kindheitstrauma als Entschuldigung benutzen, so selten wie möglich zum Zahnarzt zu gehen.
Widerworte geben, obwohl man weiß, dass es schaden wird.
Sich abfinden.
Geduldig bis zur Selbstverleugnung sein.
Zorn herunterschlucken.
Eitelkeit.
Selbstmisstrauen.
Halbe Tage nichtsnutzig im Internet verbringen.
Warnsignale ignorieren, solange sie keine direkte Einschränkung der Lebensqualität bedeuten.
Alles analysieren müssen.

Hoffentlich alles.
Wahrscheinlich nicht alles.

Die schlechten Gewohnheiten, die ja nicht immer in die Abgründe der Seele weisen müssen, sind oft nur kleine Macken, manches Mal aber auch zu kontrollierende Süchte. Allen gemein ist, dass sie mir keinen Nutzen bringen, keinen direkten zumindest, zumeist dafür ernsthaften Schaden. Ein wichtiger, der wichtigste Punkt ist wahrscheinlich die Selbstbefriedigung, denn darüber rede ich mit niemandem. Wie kann man auch darüber reden? Nicht einmal mit dem Freund kann ich darüber sprechen, so wie ich mit ihm ja auch kaum über Sex rede. Wir schlafen miteinander, doch wir sprechen nicht darüber.

Überhaupt, und das wird wahrscheinlich der wichtigste Punkt in meinem Plan, mich selbst zu revolutionieren, muss ich gerade über das Intime und Körperliche, dem ich gleichzeitig distanziert und interessiert gegenüberstehe, mehr sprechen lernen. Das Vokabular dazu fehlt mir mitnichten, im Gegenteil. Allein die Übung, über Sex zu sprechen.
Wie es mir ja ohnehin am Sprechen mangelt. Das ist der zweite wichtige Punkt, vielleicht sogar noch wichtiger als der erste, denn was immer ich offenbaren will, ich kann es nicht nur schriftlich tun. S. warf mir einmal vor, ich würde mich hinter Worten verstecken, die ich wie Mauern um mich türme, und nicht einmal sie wusste damals, wie sehr es der Wahrheit entspricht. Worte geben mir die Distanz, die mir nichts anderes gibt, Worte geben mir Identität und im Zweifelsfall ein Alter Ego.
Und das ist das Dritte, was ich lernen muss: Worten und Träumen, Ankündigungen von Projekten Taten folgen zu lassen, Wahrheiten und greifbare Realitäten. Ich muss lernen, weniger zu planen und mehr geschehen zu lassen.

Dem allem liegt der gleiche Wert zugrunde und die gleiche Fähigkeit: Selbstvertrauen und Zu-Sich-Selbst-Stehen. Wer seinen Träumen vertraut, sie als zu Recht gefasstes Ziel anerkennt und nicht als lächerlichen Wunsch einer überdrehten Persönlichkeit, der lässt sich nicht beirren von scheinbar wichtigen Bewertungen der Anderen. Wer seinen eigenen Werten vertraut, muss sich nicht mit dem Maß anderer messen und sich nur vor sich selbst verantworten.