Einsam ohne

Seit Wochen sitze ich am Fenster, sehe sie draußen, diese Menschen. Sollten die nicht zuhause sein, am Fenster sitzen und die leere Straße beäugen? Das Fallen der Blätter, das langsame Ziehen der Wolken, ach was, keine Wolken: Hochnebel. So hoch, ich kann ihn kaum mehr erkennen, nur Hellgrau, fast Weiß über dem Blau. Neulich noch Kraniche oder Reiher oder Gänse, nachschauen hätte ich können, habe doch bestimmt ein Buch, im Zweifel das Internet, doch eigentlich ist es egal. Sie ziehen fort, und ich bleibe am Fenster und beschaue die Wolken, den Hochnebel, und unten die Menschen. 

Seit Monaten sitze ich am Fenster, und immer noch wehen Menschen wie fallende Blätter durch die Straßen, droben die Wolken, mehr Blau als Hellgrau oder Weiß, bald wird Schnee fallen, und ich sitze dann am Fenster, lasse den Blick steigen in die Wolken, presse mir die Nase platt an der Scheibe. Kalt ist die, kann der Schnee kälter sein? Ich lege eine Hand auf das Glas, fühle nichts von den Menschen, wie auch. Sind zwar da, aber fern. Ich will sie nicht mehr sehen, warte auf den Schnee, der alles zudeckt, das Laub, die Straßen, die Menschen, die Welt. 

Im Sommer habe ich vom Balkon aus in die Sonne geblinzelt, spürte die Hitze bis tief unter die Haut. Hummeln besuchten den Lavendel. Ab und zu ein Vogel auf dem Geländer, ein überraschtes Pfeifen dann, doch das vertrieb mich nicht. Auf meinem Balkon war ich König, nur die Wolken über mir, am herrlich aufgespannten Himmel. Unter mir das Meer, murmelnd, fast wie Stimmen. Hätte es Menschen gegeben, ich hätte sie lachend begrüßt. 

Vielleicht gab es sie.
Weiß nicht. 
Egal auch. 
Habe niemanden vermisst. 

Ab und zu verlasse ich die Wohnung. Hülle mich dann in meinen Panzer aus Mütze, Maske, Schal, Mantel, Stiefel. Erkennt mich niemand so, und ich schleiche vorbei an allen, die mir ein Gespräch aufdrängen wollen wie Ware, die sich nicht verkauft. Die sind sicher auch viel daheim, denke ich, falls mich doch wer erwischt. Spüre den zähen Nebel in ihren Worten. Auch sie haben vergessen, wie man spricht. Sprach. Früher. Vorher. Smalltalk, so hieß das. Wie schmeckt dir das Wetter, gefällt dir die Uhrzeit; solche Sätze müssen das gewesen sein. Heute immer gleich zur Sache: Wie geht es, kennst du wen, wie lange wohl noch, diese Spinner (droben wie drunten). 

Verabschiede mich dann - ein Relikt aus alter Zeit - höflich, bevor ich gehe. Muss einkaufen gehen, obwohl der Kühlschrank überquillt und aus den Schubladen die Dosen zu mir aufblinzeln. Werden wir heute geöffnet, wenigstens morgen? Hier ist es so voll, hol uns raus. Iss uns, alles ist besser, als hier eingezwängt zu sein.

Hunger habe ich keinen mehr, mich dürstet nach einer erträglichen Einsamkeit. 

Am Fenster stehe ich später wieder und blinzle hinauf in den Himmel, Wolken ziehen mit den Kranich-Reiher-Gänsen um die Wette. Bald ist wieder Sonne, wo Schnee sein sollte. Viel zu warm alles, die Sonne, die Wolken, der Nebel, und trotzdem sind mir die Finger kalt. 

Eine Freundin ruft an, ich sehe sie auf dem Display, sie klingelt in einem Ton, der vorwurfsvoll klingt. Ich sehe sie läuten, und ich freue mich, ihr Gesicht zu sehen. Dann bricht es ab. Das Display wird wieder schwarz. Ich hoffe, sie versucht es wieder. Gerne würde ich sie wieder sehen.