Die Selbst-Entdeckung. Inventur mit Aussicht.

Wie soll ich, wie kann ich, wie darf ich, wie aber vor allem will ich mich darstellen und sehen? Wie weit will ich mich offenbaren, wie weit geht meine Angst vor der Entdeckung? Oder ist es die Angst vor der Entdeckung, an der ich vor allem leide, und die vor allem anderen überschattet, wie ich mich selbst sehe?

Die Tage sind kurz, und die Nächte werden wieder länger, vor allem aber präsenter in meinem Leben. Wie in jedem Winter ziehe ich mich zurück und werde schweigsam, karger mit Worten und Gesten, zurückhaltender in allem, was als Lebenszeichen gewertet werden könnte. Ich schweige, so laut ich kann, und weiß doch, dass ich nicht mehr umhin kann, mein Leben nach außen zu tragen.
30 Jahre bin ich alt geworden dieses Jahr und immer noch ist nicht in Sicht, wann ich endlich die Verantwortung für mich übernehme.

Eine Bestandsaufnahme also.

30.
Studiert.
Arbeite unter meinen Möglichkeiten unter dem Vorwand, meine Freizeit mit Selbststudium, Schriftstellerei und kreativer Selbstentfaltung zu verbringen.
Finde darin zum Teil Wahrheiten.
Verbringe zu viel Zeit damit, im Internet nach Antworten, aber auch nach Fragen zu suchen, nach Ablenkung, Pornographie und Inspiration.
Schreibe unregelmäßig, aber beharrlich, empfinde gleichzeitig Angst loszulassen und Überdruss bei der Vorstellung, das literarische Projekt endgültig niederzuschreiben.
Verliere mich in Bildern, Worten und Musik, koche und backe leidenschaftlich gern, bin Fantasy- und Comic-Fan und stehe nicht dazu, weil mir beigebracht wurde, Erfundenes sei nichts wert.
Lüge nicht mehr so oft wie früher, zögere aber immer noch bei der Wahrheit, als müsse ich den Nutzen einer kurzfristigen, aber folgenreichen Lüge mit den Kosten einer vielleicht schmerzhaften Wahrheit abwägen.
Fahre mittlerweile nicht mehr gerne Auto, finde Züge unerträglich, fliege mit der euphorisierenden Gewissheit, nicht an diesem Tag zu sterben, sondern erst 2057.
Bin gleichzeitig Esoteriker und Naturwissenschaftler, gleichzeitig moralisch und bigott, habe gelernt, auch persönlich gemeinte Kritik sachlich aufzunehmen, die Schuld nicht bei Anderen zu suchen und dass Krankheit eine Einstellung ist.
Finde Power Talk, künstlich positive Einstellungen und rückgratlose Katzbuckelei von Dienstleistern widerwärtig.
Will selbstständig arbeiten, nicht aber selbst und ständig, vor allem nicht an Abenden, Wochenenden und nicht 52 Wochen im Monat, kann mich aber zunehmend schlecht unterordnen.
Kritisiere vollkommen unprofessionell die Unprofessionalität meiner Vorgesetzten.
Lebe seit fast fünf Jahren mit meinem Freund zusammen, habe mich in den knapp 9 Jahren unserer Beziehung gleichzeitig zum Beziehungsmensch und zum Individuum erzogen, kann nicht mit meinem Partner über Intimität reden, von Sex ganz zu schweigen.
Nehme viel an, frage nicht nach, weiß alles besser, erinnere mich schlecht.
Gehe gerne ins Kino, schaue ungerne und dennoch zu viel Fernsehen, habe vor allem in letzter Zeit einen zunehmend zu hohen Alkoholkonsum, trinke ansonsten zu wenig und esse aus Langeweile oder verschleiertem Durstempfinden.
Spiele einmal pro Woche Badminton mit wechselnden Partnern, bin seit vier Monaten nicht mehr im Fitnessstudio gewesen, nehme mir aber jede Woche vor, ab der nächsten Woche wieder hinzugehen.
Kann viele Tage hintereinander nach zu wenig Schlaf gut aufstehen, wenn ich zur Arbeit muss, kann aber nicht zwei Tage hintereinander früh aufstehen, um meine privaten Dinge rechtzeitig zu erledigen.
Vermisse meine Freunde, rufe aber niemanden an.
Versuche seit fünf Jahren meinen Handyvertrag fristgerecht zu kündigen, kann mich nicht an das Jahr meines letzten Zahnarztbesuchs erinnern, verweigere fast abergläubisch die Einnahme von Medikamenten mit Ausnahme von Schleimlösern, trinke ungerne Kaffee, esse ungerne Obst, kann mich bei Käse kaum zurückhalten und finde Brot überbewertet.
Bin begeisterter Evolutionist, entwerfe als Einschlafübung Möbel und Kleidung, verweigere mir aber tagsüber die konstruktive Beschäftigung mit kreativen Ideen.
Finde es albern, sich selbst für irgendwas zu hassen, hasse an mir die Bedingungslosigkeit meinen eigenen Dogmen gegenüber, staune immer wieder über meinen Selbsthass.
Hänge immer noch der alten Rechtschreibung nach, mag das scharfe S, habe mittlerweile meine Inkonsequenz bei dessen Verwendung akzeptiert.
Schaue gerne romantische Filme, lehne gleichzeitig in der Realität gezeigtes romantisches Verhalten ab.
Behaupte offen schwul zu sein, verschleiere meinen Kollegen gegenüber gleichzeitig meinen Beziehungsstatus, rechtfertige dies damit, dass es sie nichts angeht.
Erlebe bewusst das Verstreichen von Geburtstagen von Freunden, melde mich dann aus schlechtem Gewissen ein halbes Jahr lang nicht mehr.
Wundere mich darüber, dass ich früher auch ohne triftigen Grund, ohne Gefühl von Verpflichtung und ohne zu besprechende Neuigkeiten mit meinen Freunden telefoniert habe, würge ein Gespräch mittlerweile ab, wenn mir nichts mehr einfällt, das ich erzählen könnte.
Habe Angst vor der Leere in einem Gespräch, achte aber mehr auf die drohende Leere als auf das, was mir erzählt wird.
Kann mich nicht an die letzte Party erinnern, bei der ich nur Spaß hatte und nicht mindestens einmal vorzeitig gehen wollte.
Bezeichne meine beste Freundin mittlerweile als liebe Freundin und ehemalige Mitbewohnerin, weil ich seit einem halben Jahr nicht mehr mit ihr gesprochen habe.
Fühle mich einsam, eingeschlossen und fürchte den alten Grantler in mir, der die Kinder der Nachbarn anschreit, weil sie durchs Treppenhaus rennen.
Belehre die Nachbarn über Mülltrennung, kann mich aber gerade noch zurückhalten, informative Zettel zu schreiben.
Rede in Gesprächen schnell über Politik-, Gesellschafts- oder Gewissensfragen, bewerte beim Wetter immer nur den Feuchtigkeitsgrad der Wärme oder Kälte.
Gebe regelmäßig einen Lottoschein ab, vermute gleichzeitig, es wäre besser, das Geld dafür zu sparen.
Bin ein schneller Denker, ein klarer Beobachter, frage nicht nach, wenn ich etwas akustisch nicht verstanden habe, sondern lächle nur.
Bemerke gleichzeitig wachsenden Wissensverlust und sich ausweitende Menschenkenntnis.
Habe Angst Dinge zu verlernen, weigere mich gleichzeitig, Neues zu erlernen.
Erinnere mich lebhaft und leicht an demütigende Momente meiner Kindheit, muss mir schöne Erlebnisse oft von Dritten wiedergeben lassen.
Mit 20 die erste und einzige Freundin, das erste Mal geküsst, das erste Mal getrennt, das Coming Out, den ersten Freund, den ersten Sex, den ersten One-Night-Stand, den zweiten Freund, die erste Angst vor HIV, kein einziges Mal verliebt.
Mit 30 den ersten HIV-Test seit elf Jahren.
Träge, müde, antriebs-, ehrgeiz-, ruhelos.
Ungeordnet im Denken, penibel auf dem Schreibtisch.
Brauche 20 Minuten morgens im Bad ohne Rasur, eine Stunde länger mit Rasur, bin meistens unrasiert.
Kann stundenlang das gleiche deprimierende Lied hören, dem Schnee beim Fallen zusehen und doch abends verwundert darüber sein, nichts erledigt zu haben.
Spreche mit meiner Friseurin über ihre Arbeit, finde Föngeräusche furchtbar, war aus Protest gegen Termine sieben Jahre nicht beim Friseur.
Habe mir einmal die Haare selbst geschnitten.
Schwitze leicht, stinke dann oft, schäme mich deswegen immer.
Sollte nach dem Wunsch der Eltern Lehrer werden, bin nur Besserwisser geworden.
Finde es schwieriger das Stinken aufzuschreiben als die Pornographie.
Möchte die Welt verändern oder zumindest die Gesellschaft, will eigenes Gemüse anbauen, seit Jahren den Balkon begrünen, glaube, dass man aus Büchern alles, aus dem Internet nichts lernen kann.
Habe eine Orchidee, die das erste mal in zwei Jahren eine zweite Blütenrispe bekommt, bin darüber ganz aufgeregt.
Kann gut autistische Tätigkeiten durchführen, werde unwirsch, wenn man mich beim Nachdenken stört.
Will ständig Veränderung, habe in meinem Freundeskreis die längste Beziehung, die niedrigste Umzugsfrequenz, die längste Arbeitslosigkeit, glaube daran, dass sich das Leben alle sieben Jahre ändert.
Halte Geburtstage bei mir für überbewertet und Altern für keine Leistung, kann nicht verstehen, warum andere ihre Geburtstage nicht feiern, habe meinen eigenen Geburtstag in 30 Jahren zehn Mal gefeiert, das siebte Mal war mein 12. Geburtstag.

Wie negativ darf, kann, soll man über sich selbst schreiben, ohne den Eindruck zu erwecken, therapiebedürftig zu sein? Ich habe nie gelernt, Gutes von mir anzunehmen oder positives über mich zu sagen.
Dabei bin ich intelligent, offen, interessiert, tolerant, reflektiert, adaptionsschnell, sprachlich begabt, belesen, hilfsbereit, altruistisch, freundlich, fürsorglich, aufmunternd, lustig, kreativ, detailverliebt, improvisationsstark, pragmatisch, authentisch, geduldig, gründlich, bescheiden, attraktiv, mutig, unaufgeregt, hingebungsvoll, vernünftig, gastfreundlich, fair, gewissenhaft, ein begabter Koch, ein talentierter Autor, ein guter Lehrer, ein staunender Beobachter.
Ich bin kein schlechter Mensch, ich habe meine Finanzen einigermaßen im Griff, meine Handlungen zielen darauf ab, niemandem zu schaden.
Ich habe gelernt, meine Schwächen zu akzeptieren, wenngleich nicht zu lieben.
Ich bin bereit, an mir zu arbeiten, habe hohe moralische Ansprüche an mich selbst und an andere, ich habe Träume und wenige Ziele. Und ich weiß nicht, ob mich anhand der Dinge, die ich über mich aufgeschrieben habe, jemand aus meinem Bekanntenkreis identifizieren könnte. Soviel zur Authentizität.

Angenommen, ich übernähme die Verantwortung, angenommen, ich entschiede mich, mein Leben bewusst und richtig zu führen, meine negativen Gewohnheiten zu bekämpfen und meine positiven Gewohnheiten auszubauen, vor allem aber, mein Leben auf ein sinnvolles und richtiges Ziel auszurichten, indem ich meine Stärken stärke, meine Fähigkeiten ausbaue und anerkenne, dass jemand, der von allem ein bisschen etwas kann, zwar ein hervorragender Generalist ist, aber immer wieder gegen das Selbsturteil kämpfen muss, eigentlich nichts richtig zu können, angenommen also, ich stellte mich im Alter von 30 Jahren auf meine eigene Seite: was müsste sich, was müsste ich ändern?
Wie sähe mein Leben aus, wie meine Wünsche, wie meine Tage, meine Nächte, meine Beziehungen, ich selbst? Was will ich werden, wie will ich sein, welche Wünsche gestehe ich mir ein, welche Süchte lege ich ab? Vor allem aber: wie öffentlich lebe ich diesen Prozess, wie sehr lasse ich Andere an meiner Entwicklung teilhaben, ohne die, die mir jetzt nahestehen, zu verlieren, zu verlassen oder zu verstoßen?

Der erste Entschluss ist schon gefasst: ich werde meine Veränderung, meine Fort- und Rückschritte öffentlich beschreiben. Ich habe bereits vor zwei Jahren diese Seite zu genau diesem Zweck geschaffen, auch wenn mir das erst seit Kurzem klar ist. Anders Wolf, das Alter Ego, wird sich nicht mehr zensieren, wird nur Namen und Orte nicht nennen; nicht aus Gründen des Eigen- oder Fremdschutzes, sondern weil es irrelevant ist, ob ich Wolfram oder Andreas heiße, in Berlin oder Singen lebe, denn Charakterentwicklung ist nicht namens- oder ortsgebunden.
Alles ist jedem möglich, überall, immer.
Auch mir, auch hier.

Noch etwas der Form halber: Ich bin mir der Form, in der ich schreibe, bewusst und auch der implizierten Publikumstauglichkeit. Wie jeder, der sich selbst im Internet darstellt, sehne ich mich nach anderer Menschen Aufmerksamkeit, die ich weder privat erfahre noch erwidern kann. Ich suche und erwarte andererseits keine Leser, keine Diskutanten, keinen Austausch über das Gesagte. Gleichwohl weiß ich, dass auf Dauer nichts im Internet verborgen bleibt, dass sich jedes Angebot auch seine Nachfrage schafft und dass mich früher oder später auch jemand liest, der mich kennt oder das zumindest annimmt.
Ich will jetzt schon klären (für mich und andere), welche Gedanken ich dazu habe: natürlich sorge ich mich darum, entdeckt zu werden, andererseits werde ich nicht wachsen oder mein Potential erkunden, wenn ich mich immer und überall zurückhalte, aus Angst, die gemachten Erfahrungen könnten meine Beziehungen zu anderen Menschen belasten, meine Arbeit beeinträchtigen oder meine Zukunft gefährden. Ich muss akzeptieren, dass nicht alle, die mich kennen, alles gutheißen, was ich mache, denke, fühle, genauso wie aber auch jene akzeptieren müssen, dass sie ihr Leben leben und nicht meines, wie auch ich akzeptiere, dass die Eigenheiten Anderer mich manchmal negativ berühren, mich abstoßen, in Rage bringen können, und sie doch nicht dafür verurteile.
Von meinen Vorgesetzten einmal abgesehen.

Während des letzten Absatzes ist mir klargeworden, dass es nicht die schlechten Klassenkameraden sind, nicht die alten, treuen Freunde, nicht die guten Bekannten, nicht die entfernten Verwandten sind, deren Reaktionen ich fürchte, sondern dass es die Menschen sind, die mir noch am nähesten stehen: mein Freund und meine Eltern, von denen ich offensichtlich annehme, dass sie ein falsches Bild von mir haben, von meinen guten Eigenschaften, meinen schlechten Gewohnheiten, meinen unerreichten Träumen, meinen undefinierten Zielen.
Gerade jene Menschen, die Seiten von mir kennen, die kein Freund von mir kennt und nicht einmal die eigenen Geschwister, gerade jenen Menschen unterstelle ich Unkenntnis meines Charakters, meiner Hoffnungen und meiner Scham.
Meine Hoffnung ist also nicht, all den Unbekannten, die meine Worte irgendwo zwischen geschwätzig und inspirierend einordnen, etwas über mich, über mögliche Veränderungen und den Nutzen von Wahrhaftigkeit zu erzählen, sondern mich selbst stolz genug auf mich sein zu lassen, dass ich auch jenen Menschen gegenüber aufrichtig sein kann, die es am meisten verdient haben.
Bleibt also die gleiche Frage wie zu Beginn: Wie soll ich, wie kann ich, wie darf ich, wie aber vor allem will ich mich darstellen und sehen?