ANDERSWOLF

Alles außer Ahnung

[cries in Gen-X]

Acht Kisten

Bewerbe
November 20, 2022

"Schätze, deine Tante war Sammlerin", sagt Heiner, als er aus dem Keller wieder auf die Terrasse tritt.
"Das liegt in der Familie", sage ich.
Heiner staubt mit seiner linken Hand die Weinflasche in seiner Rechten ab. "Sammlerin, aber keine Kennerin."
"Auch das liegt in der Familie."
Er hält mir die Flasche hin.
"Huxelrebe, Brenneiser Soden", lese ich vor. "Und?"
Er dreht mir das Rückenetikett zu.
"Tafelwein lieblich, Jahrgang Neunundachtzig. Vielleicht hast du sie unterschätzt."
"Unterschätzt?" Heiner lacht. "Das ist dreißig Jahre alter Wein zweifelhafter Qualität."
"Heiner, Neunzehnneunundachtzig! Denk nur: Wendewein!"
"Ralf, denk nur: Plörre! Acht Kisten Plörre!"
Wir schweigen ein paar Augenblicke. Genießen den Ausblick von der Terrasse. Tante Linas Häuschen steht in der höchstgelegenen Straße eines dämmernden Dorfes am parabolischen Scheitelpunkt eines Taleinschnitts. Unsere Blicke reichen weit über die karge Geometrie flurbereinigter Landwirtschaft in der Ebene. Die späte Nachmittagssonne, selbst schon recht angekupfert, vergoldet das herbstliche Messing der waldigen Hänge.
Eine Amsel singt.
"Wo ist sie jetzt?" fragt Heiner.
"Zu neunzig Prozent auf dem Friedhof in Engelthal. Zu zehn Prozent da drüben." Ich deute zum Apfelbaum, in dessen Zweigen die Amsel sitzt. "Frag nicht."
Heiner zuckt mit den Achseln.
"Ihr werdet also nicht verkaufen?"
"Und zulassen, dass irgendwelche Stadtschnösel für ihren Infinitypool meine Tante selig wegbaggern?"
"Nein", sagt Heiner.
"Nein", sage ich.
Die Amsel singt.
"Was machen wir jetzt mit der Plörre?"
"Mit dem wundervollen Wendewein? Na, was wohl?" Heiner zieht sein Taschenmesser aus der Hosentasche, klappt einhändig die Spindel aus, bohrt sie durch die Kapsel in den Korken, dreht dabei seelengegenläufig die Flasche, ein beherzter Zug, ein leises Ploppen - in nicht mal zehn Sekunden hat Heiner den Brenneiser Soden geöffnet.
"Auf deine Tante", sagt er und trinkt aus der Flasche. Er schüttelt sich, verzieht das Gesicht, sagt: "Acht Kisten. Wahrlich keine Kennerin."
Ich nehme Heiner die Flasche ab, proste der Amsel zu und sage, bevor auch ich einen Schluck nehme: "Auf Lina und ihre Schätze."

Die Katze

Bewerbe
November 20, 2022

Hier ist Lina
schwarzer Samt auf vier Pfoten
Wonneball mit weißbuntem Ohr
Neugier mit rausanfter Zunge
Schnurrigster aller Schätze

Hier Lina
fand ich dich auf den Stufen
wo sonst Sonne dich wärmte
kalt im Schatten und starr

Lina
ist nicht mehr
hier

Götter, Tiere

Bewerbe
April 29, 2021

Als ihnen nur noch wenig Luft bleibt, beginnt Moussa eine Geschichte.
„Der Große König, der über die vier Weltgegenden herrschte, besaß alles, was Menschen sich wünschen konnten, und war doch unglücklich. Also betete er zu den Göttern – “
İlkin unterbricht ihn: „Es gibt keine Götter, es gibt nur – “
„Lass ihn.“ Zahers Stimme übertönt kaum das Glucksen des Wassers. „Wer auch immer unsere Leichen finden wird, sei es Tier, sei es Mensch; es wird sie nicht kümmern, ob wir an einen oder viele Götter geglaubt haben.“
„Gott kümmert es.“
„Es ist nur eine Geschichte, İlkin.“
Moussa wendet sich zum Horizont. „Es ist nicht einfach nur eine Geschichte. Harun hat sie mir erzählt. Er sagte, es sei unsere, aber ich habe ihn zu spät verstanden. Harun war – er ist … Harun ist mein – “
„Wir haben Augen. Wir haben Ohren. Wir wissen, wer Harun war. Du weinst im Schlaf.“
„İlkin, lass ihn. Moussa, erzähl weiter.“
Moussa atmet tief ein und langsam wieder aus, bevor er weiterspricht. „Der Große König war halb Gott, halb Mensch, darum erschufen die Götter“ – İlkin schnaubt, sagt aber nichts weiter – „einen Wilden Mann, halb Mensch, halb Tier. Gegen ihn sollte der König kämpfen und so seine Unruhe vergessen. Sie rangen Tag und Nacht, doch keiner der beiden konnte sich den anderen unterwerfen. Schließlich schlossen sie Frieden und wurden Freunde. Gefährten, halb Gott, halb Tier, aber gemeinsam – " Er stockt kurz, dann fügt er tonlos hinzu: „Ein Schiff.“
„Wie sollen zwei Menschen – “, poltert İlkin los.
„Ein Schiff“, sagt Zaher und deutet dahin, wo Moussas Blick sich verliert.
„Ein Schiff“, ruft İlkin. „Wir sind gerettet!“ Er lacht.
Moussa lacht nicht.
Zaher schweigt, denkt an die letzten Toten, die sie gestern erst dem Wasser übergeben haben. Hätten sie nur einen Tag länger durchgehalten.
„Wir sind gerettet“, ruft İlkin und winkt dem Schiff. „Gott ist groß!“

Die Soldaten auf dem Schiff mustern die Männer, die sie aus dem Meer geholt haben, wie Fischer den Beifang. Moussa und Zaher werden an gleichgültigen Blicken vorbei ins Heck gebracht, während İlkin einer Frau vorgeführt wird, die angeblich ihre Sprache versteht. Zaher stellt sich neben Moussa an die Reling. Das Schlauchboot treibt knapp unter der Wasseroberfläche davon.
„Deine Götter hatten Mitleid mit uns“, sagt Zaher.
„Götter kennen kein Mitleid.“
„Wie ging es weiter?“
Moussa schweigt lange.
„Sie haben den König geprüft.“
İlkin kommt zu ihnen.
„Du bist dran“, sagt er zu Moussa.
„Wie war es?“ fragt Zaher.
İlkin zuckt mit den Schultern und sagt: „Es liegt in Gottes Hand.“
Zaher weiß, was Moussa der Frau sagen wird. Dass er anpacken kann, dass er nützlich ist. Dass er in seiner Heimat schwer gearbeitet, Öl gefördert hat. Sie wird es seinem Körper ansehen, trotz der viel zu vielen Tage auf See ist Moussa noch stark, stärker als İlkin und viel stärker als Zaher ohnehin. Moussas Kraft hat ihn im Boot vor İlkin geschützt, doch hier und jetzt wird sie ihm nichts nützen.
„Die Zeit für Öl ist vorbei“, wird die Frau sagen. „Du kommst zu spät. Wir brauchen dich nicht.“

Zaher spricht gutes Englisch, im Lager eine wertvolle Währung. Er darf zwischen den Hilfsorganisationen und den Lagermenschen übersetzen.
„Meri hier braucht Medikamente“, sagt er zu der Frau in der wolkenweißen Uniform. „Ihr Kind ist krank.“ Dass es Meris drittes Kind ist, dass die beiden anderen schon gestorben sind, sagt er nicht. Die weiße Frau müsste blind sein, um Meris Schmerz nicht zu sehen.
Husên, der seinen Sohn sucht, sagt er, die Aufseher würden die Augen offenhalten, obwohl er weiß, dass sie es nicht tun werden. Der Junge wird entweder von allein wieder auftauchen oder verschwunden bleiben. Die Aufseher kümmert es nicht, wenn ein Lagerkind verloren geht.
„Diese Frau ist vergewaltigt worden.“ Sie hat es ihm nicht gesagt, sie weint mehr als sie spricht, aber Zaher kann die Zeichen lesen. „Sie weiß nicht, wer es war, aber sie hat Angst, es könnte wieder geschehen.“ Der Mann in Weiß geht fort, vielleicht holt er eine Ärztin, vielleicht einen Soldaten, vielleicht kommt er nicht wieder. Zaher schaut die Frau an, sie weint und weint und weint.
„Fatin braucht Decken für sich und seinen Bruder.“ Zaher überlegt, ob er der Helferin verraten soll, dass Fatin diese Woche schon dreimal nach Decken gefragt und sie dreimal bekommen hat. Zaher überlegt, ob er Fatin fragen soll, was er mit den vielen Decken macht.
Die Menschen, die im Lager leben, kommen zu Zaher, und Zaher spricht für sie mit den Menschen, die das Lager kontrollieren. Er übersetzt ihre Bitten, ihr Flehen, ihre Schwüre, ihre Drohungen in einfache, klare Worte. Zaher glättet die Wogen, er weiß um die verheerenden Folgen eines Sturms. Niemand kommt zu Zaher, um mit Zaher zu sprechen.

Die Sonne geht unter. Zaher findet Moussa am steinigen Strand.
„Wieso bist du nicht im Zelt?“
„İlkin.“
Zaher fragt nicht nach. Er hat Moussa welken sehen, er weiß, dass auch İlkin Moussas Verfall nicht entgangen ist. Moussa, der am ersten Tag auf See noch wirkte, als könnte er allein das Schlauchboot samt seinen 30 Passagieren über das Meer rudern, könnte jetzt nicht einmal mehr das Steuer halten. Wenn İlkin seine neuen Freunde einlädt, wehrt Moussa sich noch nicht einmal mehr. Zaher hat versucht, Moussa zu schützen, doch so schwach Moussa sein mag, Zaher ist immer noch nicht stärker als er.
„Lass ihn“, hat Moussa darum zu Zaher gesagt, „du bist ein guter Mensch. Er verdient es nicht, dich zu verletzen. Geh und hilf denen, denen geholfen werden kann.“
Jetzt sitzen sie gemeinsam auf einem Felsen und starren auf die kupferfarbenen Wellen.
„Was ist aus dem Großen König geworden? Willst du mir das Ende der Geschichte erzählen? Ich höre zu.“
Erst stürzten die Götter den König ins Glück, dann forderten sie ihn heraus, sein Unglück zu versuchen. Vielleicht erschien er ihnen rückblickend unwürdig, vielleicht nicht dankbar genug. Vielleicht unterzogen sie ihn aus Bosheit, vielleicht aus Langeweile einer Prüfung.
„Den Wilden Mann befiel eine Krankheit. Er, der stets zugleich schlau wie ein Mensch und stark wie ein Tier gewesen war, war nun weder das eine noch das andere. Mal schlug er um sich wie eine zornige Bestie, mal konnte er kaum das Bett verlassen wie ein alter Mann. Der König befragte die Ärzte, die Priester, die weisen Frauen, doch niemand wollte seinem Gefährten helfen.“
„Vielleicht konnten sie es nicht.“
„Vielleicht. Der König verfluchte sie alle und machte sich selbst auf, ein Heilmittel zu finden. In allen vier Weltgegenden suchte er, doch erst im Reich der Götter fand er ein Kraut, das den Wilden Mann unsterblich hätte machen können.“
„Hat der König den Wilden Mann gerettet?“ Zaher fragt, obwohl er die Antwort kennt. Moussa weint noch immer im Schlaf.
„Er war inzwischen gestorben.“
Zaher, der den ganzen Tag den Schmerz fremder Menschen in Worte gefasst hat, findet in sich keinen Trost für den Mann, der am ehesten das ist, was er einen Freund nennen würde. Die Toten fallen ihm ein, die sie den Wellen überlassen haben; er erinnert sich an die Stille danach.
„Ich hätte Harun nicht verlassen dürfen.“
Zaher stellt sich vor, Moussas Hand in seine zu nehmen; Moussa über den Rücken zu streichen; Moussa in seine Arme zu schließen. Später wird Zaher denken: Alles wäre mehr gewesen als nichts.
Moussa steht auf und sagt: „Ich gehe zurück.“
Zaher sitzt noch lange in der Finsternis und lauscht den Stimmen von Wind, Wasser und Stein.

Als einige Abende später das Feuer kommt, ist Zaher noch im Containerdorf der Hilfsorganisationen. Er hat lange übersetzt an diesem Tag, hat die Worte der Menschen durch sich hindurchwehen lassen wie Wind, der durch ein leeres Zimmer geht. Er lässt jetzt nichts mehr aus, er hört nicht mehr zu, er ist nur Ohr und Zunge; seine Augen sind jetzt oft geschlossen, als müsse er sich konzentrieren, dabei will er nur die Menschen nicht mehr sehen.
Die Container stehen im Luv, der Wind treibt den Brand von ihnen fort über die Hügel. Zaher lehnt sich mit dem Rücken an den Zaun, der den Wildwuchs des Lagers von den ordentlichen Baumreihen eines Olivenhains trennt. Schatten flackern über sein Gesicht. Er riecht nicht den Rauch, er hört nur die Schreie und dann auch die nicht mehr.

Zaher irrt durch den Wald gerußter Metallstäbe. Er wird nicht mehr gebraucht, die Hilfsorganisationen wurden abgezogen, die Soldaten, die das neue Lager bewachen, haben kein Interesse an Dolmetschern. Auf der Suche nach dem Zelt, in dem er mit İlkin und Moussa gelebt hat, verliert er wieder und wieder er die Orientierung.
Plötzlich steht da İlkin.
„Hast Du Moussa gesehen?“ fragt Zaher, doch İlkin lacht nur und geht durch die Asche davon.

Nichts. Alles.

Bewerbe
Oktober 18, 2020

Auf der Innenseite des Spiegels starrte Franz Kalo reglos in die Finsternis. In seiner Laufbahn als Anomalist des Amts zur Holistischen Erforschung Unbekannter Länder und Erden hatte er ja schon viele Verstecke, Gefängnisse und Müllhalden hinter Spiegeln gefunden, aber noch nie …
Ein Schwarzes Loch?
Das HEULE-Team hatte bei den Tests keine Surrealitäten entdeckt. Allerdings verwendete die Analyse nur magische und unmagische Objekte belebter und unbelebter Art. Womöglich reagierte der Spiegel nur auf bewusste Subjekte. Um wenigstens irgendwas zu tun, prüfte er den Schutzschleier – natürlich intakt, sonst wäre Franz längst tot – und den Ariadnefaden, seine Verbindung zum Labor.
„Franz? Ich empfange dich nur dunkel. Siehst du was?“
„Ein Schwarzes Loch.“
„Bist du dir sicher?“
„Rotierendes Zeug um einen Haufen Nichts. Ich bin kein Experte, aber das entspricht meiner Vorstellung von einem Schwarzem Loch.“
„Könnte es eine Illusion sein?“
„Wollte ich eben checken.“
„Gut. Ich geb’s der Chefin weiter.“
Franz schloss die Augen, öffnete seinen Geist und griff mit seinem Bewusstsein aus. Viel Leere, dazwischen Materie, darunter das vertikale Ziehen eines wirbelnden Abgrunds. Überwältigende Grundstrahlung, die künstlich nicht zu erzeugen war. Außer man kompilierte die Energie des Schwarzen Lochs selbst in die zu erzeugende Illusion, was allerdings nur mit umgestülptem Gehirn funktionierte.
Mit einem Komprimierungsgedanken schuf Franz einen kleinen Nimbusköder, den der unterschwellige Sog sofort mit sich riss. Franz spürte dem Köder nach auf seinem weiten Bogen um das Gravitationszentrum herum und in einer rasant enger werdenden Spirale weiter hinab, bis …
„Wer? Ach, verdammt!“
Überrascht ließ Franz den Köder los.
„Sandra?“
„Ja? Die Chefin sagt, wir holen dich raus, wenn es keine Illusion ist.“
„Keine Illusion, aber da ist einer drin.“
„Mist.“
„Großer Mist. Ich werde ihn retten müssen.“
„Nix musst du!“
„Irgendwer muss aber doch.“
„Franz, das ist Selbstmord.“
„Wenn ich ihn nicht rette, ist es Mord. Womit kann ich wohl besser leben?“
„Warte, die Chefin …“
„Keine Zeit, der ist zu weit drin. Außerdem könnt Ihr mich mit dem Faden jederzeit zurückholen.“
„Franz, du bleibst, wo du bist. Das ist ein Befehl.“
Doch Franz hatte schon einen Schritt voran gemacht. Kaum hatte er den stabilisierenden Portalnimbus des Spiegels verlassen, wurde er mitgerissen. Die Gravitation zog stärker an ihm als gedacht, die Sorge, einen suizidalen Fehler begangen zu haben, verblasste aber angesichts des Panoramas, das sich vor ihm entfaltete: ein halbes Universum vollgestopft mit irisierenden Gasnebeln, zwinkernden Sternenhaufen und schimmernden Galaxien. Franz hatte natürlich schon oft von der Erde und auch von Planeten mit geringerer Lichtverschmutzung aus in den Himmel geblickt, aber selbst restlichtverstärkende Magie oder Astralprojektion hatten nie die gleiche Ehrfurcht in ihm entfachen können. Franz würde womöglich von einem Abgrund aus Lichtlosigkeit zermahlt werden, vorher allerdings hatte er das leuchtende Antlitz des Unendlichen geschaut.
Eine ferne Stimme schrie in seinen Geist: „Franz, du … Ariadnefaden hat gleich maximale … noch weiter … wir dich!“
Ein Ruck, den Franz seltsam zeitverzögert vom Knöchel bis in den Atlas in allen Gelenken spürte, und ein Ende des Sturzes.
„Franz rede mit mir du warst plötzlich weg der Faden ist komplett gespannt was ist passiert?!“
„Ich bin näher ran.“
„Wir holen dich raus. Sofort. Keinen Unfug mehr.“
„Aber der Typ stirbt!“
„Nix, der Ereignishorizont bremst ihn aus, wir können ihn mit ein bisschen Zeitmagie jederzeit einholen.“
„Oh.“
„Fühlst du dich jetzt so dumm, wie du dich fühlen solltest?“
„Ja.“
„Gut. Jetzt halt still, wir … oh. Was …“
Einen Augenblick, bevor die telepathische Berührung abbrach, spürte Franz die Splitterwellen des implodierenden Spiegels. Ein Unruck, eine Welle aus Sturzgefühl und ein Vorbeiwischen roten Leuchtens, das sich in die Länge und wieder zusammenzog, schlenkerte, schlaufte und sich schließlich an Franzens Wade, Oberschenkel und Hüfte aufwickelte. Der Ariadnefaden war gerissen, der Spiegel zerstört, Franz Kalo verloren.
Einige Sekunden lang fiel Franz ohne Gedanken dem Nichts entgegen.
Dann einige weitere Sekunden.
Hier ein zerborstener Planet, dessen Bruchstücke ebenfalls auf das Loch in der Realität zusteuerten.
Und weiter fiel Franz, ohne dass ein Gedanke zu ihm aufzuschließen vermocht hätte.
Hier eine Sonne, deren Plasma wie Dotter aus einem pochierten und angegabelten Ei auslief.
Franz fiel, fiel, fiel.
Verloren.
Fallend.
Fort.
Wäre er gefragt worden, hätte Franz behauptet: Die Panik hielt nur kurz.
Niemand da, der hätte fragen können.
Franz fiel.
Der Blick ins All ermüdete.
Das Starren auf den zerwürgten Sternenmüll wurde lästig.
Franz, fallend, schloss die Augen, fiel weiter.
Öffnete die Augen wieder, sah einen Mann fallen.
Oh.
Er selbst mochte verloren sein, doch es gab einen Menschen zu retten, und wer wäre besser dafür geeignet gewesen als Franz Kalo, Top-Anomalist und mehrfach ausgezeichneter HEULEr.
Mit arkanem Schub warf Franz sich voran, erhöhte seine Sturzfallfluggeschwindigkeit und überholte dabei Asteroiden, Kometen und mindestens zwei Dutzend Satelliten verschiedener Komplexität. Kurz streifte er auch den Gedanken, wer wohl zu welchem Zweck den Spiegel erschaffen haben könnte. Wozu diente ein Direktzugang zu einem Schwarzen Loch außer zur Entsorgung größerer Mengen Atommülls?
Durch absolute Stille und Kälte raste Franz auf langer Bogenbahn. Den Anderen hatte er aus den Augen verloren, also weitete er wieder seine Wahrnehmung und fühlte ihre Bugwelle vor ihm gegen das Aufwirbeln des Schwarzen Lochs branden. Ihm antwortete ein lebendiges Dunkel, eine Energie, seiner eigenen ähnlich und doch nicht gleich, archaisch, unüberwindlich, unbeherrschbar und doch ohne Bewusstsein, Willen oder Absicht. Was immer er da berührt hatte, fasste ihn an, zog rücksichtslos an seiner Essenz und ließ genauso schnell, wie es ihn durchstoben hatte, wieder von ihm ab. Im Zurückweichen zog die Entität Franz‘ Geist mit sich, so dass er für einen Moment den anderen magisch umhüllten Fremdkörper im Gewirbel erkennen konnte: näher am Ereignishorizont, der ihn töten oder nur für immer aufhalten würde.
Franz gab sich einen Schubs gegen die Trägheit der herumströmenden Masse und steuerte, als er freie Sicht hatte, quer zum Wirbel direkt ins Zentrum und auf den Anderen zu.
Voran, voran und schneller voran. Bald war Franz nur noch einige Sturzminuten von dem Fremden entfernt, der eben den Kopf zur Seite drehte. Auch Franz sah hinauf in den Himmel über dem Schwarzen Loch und war erneut ergriffen: So viele Sterne, und er, Franz Kalo, dagegen so klein.
Immerhin nicht allein. Bald könnte er Ehrfurcht und Sterbensangst mit jemandem teilen, und vielleicht könnten sie gemeinsam einen Ausweg aus diesem Desaster finden. Vielleicht wusste der Fremde mehr, verfügte über Antworten, verstand, was das überhaupt alles sollte.
Franz konnte ihn nun besser erkennen, seine Rückseite zumindest, fiel er doch mit dem Gesicht voran, den Blick wieder gerichtet auf die Unausweichlichkeit des Ereignishorizonts. Tatsächlich handelte es sich um einen Mann, ähnlich seiner eigenen Statur, mit einem Anzug, der wie Franzens maßgeschneidert wirkte, in einem ebenfalls abendgrauen Stoff mit morgensterniger Durchwirkung. Rettete er hier etwa einen Kollegen? Hatte die Chefin ihn deswegen …
Etwas berührte ihn. Ein kleines Ding komprimierter Magie.
„Wer?“ telepathierte er instinktiv, bevor er den Nimbusköder erkannte. „Ach, verdammt!“
Nein, so dumm konnte er nicht sein.
Ein Spiegel, verdammt noch mal.
Ein verdammter Spiegel!
Wie hatte er so dumm sein können?
Der Mann vor ihm in dem HEULEr-Anzug mit einer Spur von Rot, die sich wie eine gezwirnte Narbe vom rechten Knöchel über das Knie hinauf zur Hüfte zog, dieser Mann …
Franz Kalo verfolgte sich selbst.
„Fühlst du dich jetzt noch dümmer, als du dich fühlen solltest?“ telepathierte er nach vorne und erschrak, als er denselben Gedanken von hinter sich empfing. Seine eigene Stimme echote ihm über das schweigende Weltall hinweg zu. Natürlich befand er sich nicht nur vor, sondern auch hinter sich, als wäre er zwischen zwei Spiegel getreten, die einander und auch alles zwischen ihnen ungezählt und unzählbar wiederholten.
Dem Impuls, sich selbst an der Schulter zu berühren, folgte eine schwindelnde Synchronizität, die ihn an Berichte Zeitreisender erinnerte, die eine Begegnung mit sich selbst im Glücksfall mit einer mehrwöchigen Migräne bezahlt hatten. Berichte über glücklose Zeitreisende wurden in der Regel von anderen verfasst, und deren Ausführungen ließen Franz das Schlimmste fürchten für die Zweidimensionalität des Ereignishorizonts, die ihn in sich selbst pressen würde. Um der Aussicht auf seinen Hinterkopf und den anstehenden Schmerz zu entgehen, wandte er den Blick ab.
Natürlich.
Natürlich stand er auch neben sich. Und auch über und unter sich, auf allen Seiten und in alle Richtungen rund um das Allverschlingende, in gruseliger Gleichzeitigkeit den Kopf mal in die eine, mal die andere Richtung drehend, auf allen Gesichtern den gleichen Ausdruck von Entsetzen und Resignation.
Franz schloss die Augen und hielt die Luft an, um nicht länger seinen Atem im Nacken zu spüren.
Ihm fiel nichts ein.
Nicht zu atmen war auch keine Lösung.
Was hatte er der Anziehungskraft des Abgrundes entgegenzusetzen?
Zu atmen allein würde auch nicht ausreichen.
Gab es keinen Ausweg?
Gab es einen Ausweg?
Vielleicht nur kleine Atemzüge?
Musste er kapitulieren?
Wenn er so weitermachte, würde er hyperventilieren.
War das die gleiche Panik, die ihn schon vorher befallen hatte?
War das ein Echo der Panik, die ihn vorher befallen hatte?
Was hatte er da getan?
Oh.
Ja.
Nichts.
Es gab nichts zu tun.
Franz Kalo würde sterben.
Er holte tief Luft und atmete langsam wieder aus.
Als Franz die Augen wieder öffnete, war er allein vor dem Schwarzen Loch, dessen Mahlstrom weniger sicht- als spürbar ein Lichtstrom fassungsloser Kraft entsprang, ein weltenzerfetzendes Monstrum purer Schönheit, durchwoben von Funken und Strahlen, umwabert von Halos und Aureolen. Die flammende Säule war bislang unerkennbar gewesen, überstrahlt von den Sternennebeln und Sonnenklumpen, doch jetzt, am Ende des Seins gab es nur Finsternis und darin einen wirbelnden Strahl aus eiskaltem Feuer. Was immer den Ereignishorizont überschritten hatte in den letzten Milliarden Jahren, war zermahlen worden und wurde als reine Energie wieder hinausgespien ins Universum. Irgendwann, irgendwo würde das Rasen enden, der Strom sich auffächern und neue Sonnen und Planeten gebären. Das war nicht Nichts, das war Alles.
Nun, was blieb?
Teleportation sicher nicht. Die Distanz zum nächsten Planeten überschritt garantiert seine Reserven. Außerdem hatte ihn seine letzte Transmaterialisation zu einer viertägigen Existenz als Essenzwolke verdammt. Impulsschübe fort vom Ereignishorizont wurden gierig aus ihm herausgezogen, mit einem Zupfen, Ziehen, Saugen, einer aufdringlichen Berührung wie jener, als er nach sich selbst ausgegriffen hatte.
„Per aspera ad astra”, sagte seine Chefin gerne.
Kassandras Version davon war: „Wenn’s nicht vorangeht, geh voran.“
Was hatte Franz schon zu verlieren?
Nichts.
Alles.
Er gab sich einen Schubs. Und einen zweiten, dritten, er kämpfte an gegen die Unruhelosigkeit, Trägheit, Unbeweglichkeit. Ein gedämpftes Beben nur, ein geschwächtes Echo, das in ihn hinein verhallte. Vielleicht umgekehrt, nach innen, sich nicht nichtend. Wieder eine Barriere, zugleich auch etwas wie ein Summen von außerhalb. Das große Leuchten antwortete ihm, reagierte auf seinen Wunsch nach Freiheit. Vielleicht barg es doch eine Art Bewusstsein, ein Mehr, vielleicht lag unter der reinen Kraft der Schöpfung ein Wille.
Erneut konzentrierte Franz seine Magie und spürte das Tasten eines Fühlers aus Sehnsucht. Franz streckte sich nach diesem Unwesen und verband sich mit dem sanften Schnurren, das sich sofort in das orgiastische Jubeln eines milchstraßengroßen Drachens exponenzierte.
Franz begriff einen Augenblick zu spät.
Franz Kalo war nicht mehr.
Als er sich mit dem träge ausgreifenden Plasma verbunden hatte, war sein Schutzschleier zerborsten. Alle Gase seinen Lungenbläschen entzogen, das Restlicht seinen Pupillen entflohen, alle Bindungen seiner Molekülstruktur aufgelöst. Haare, Haut, Fett, Sehnen, Muskeln, Organe, Knochen, alles, was Franz Kalo ausgemacht hatte: im Bruchteil eines Augenblicks zerstoben. Im Sonnenkernfeuer des Stroms zerbrannte sein Selbst, das wie flüssiges Gas splitterig durch die Aggregationszustände seines Nichtvorhandenseins hindurchsublimierte, nirgends mehr war und überall, zerstrichen auf der Leinwand eines gleichgültigen Universums, kollabiert in der einen, extrapoliert in der anderen unzeitlichen Sekunde.
Zurück blieb nur ein aschegrauer Anzug mit einer Spur mattroter Fadigkeit.
Mehr nicht war Kalo Franz.
„Franz?“
Franz blinzelte sich zurück ins Licht.
„Franz, alles startklar. Sobald du bereit bist, kann's losgehen.“
Franz Kalo starrte reglos in die Finsternis auf der Innenseite des Spiegels.

[Fortsetzung: Der Fall Franz Kalo]

Kokon

Bewerbe
Januar 1, 2019

dem Horizont entgegen stürzt die Sonne
verblüht ist der Blauregen
ein Riss durchzieht dein Haus
Flieg, Bläuling,
oder stirb.

Mittags schon verkürzen sich die Tage des noch hohen Sommers, und du schläfst hoch oben in deinem Kokon. Raupe bist du nicht mehr, diese Haut ist abgestreift, doch Schmetterling bist du auch noch nicht. Träumst du vom Fliegen unter klarem Himmel? Ich muss dich enttäuschen: Wolken beschatten die Pergola.
Könnten wir Menschen unsere Haut doch auch einfach ablegen. Alle sieben Jahre, heißt es, erneuerten sich alle Zellen des Körpers, alle sieben Jahre stünden wir da als neuer Mensch. Narben aber bleiben, ein Korsett, das wir nicht aufschnüren können.
Als hätte ich nichts Besseres zu tun, liege ich auf der heißen Terracotta, starre durch das Blättermeer hinauf in den Azur. Du, Bläuling, wirst bald wohl schlüpfen. Nektar des Blauregens soll deine Nahrung sein, seine Knospen künden zweite Blüte. Tagsüber wirst du Spielball der Winde sein, nachts schlafen zwischen den Ästen, und am Ende des Sommers bist du tot.
Dann, spätestens, werde ich mich in die steinerne Hülle zurückziehen, in der ich geboren wurde.

ich singe das Lied der Wilden Jagd
Vater stanzt seine Tränen mir ein
bitter die Frucht dieses eisigen Leibes
Nichts trifft härter
als der Verlust einer Hoffnung.

Vater hat dieses Haus gebaut. Die Robinie in der Mitte des Gartens hat Vater gepflanzt. Den Sohn aber glaubte Vater nicht von seinem Samen. In Raunächten sandte später eine Frau, die ich nicht kennengelernt, aber gemordet hatte, ihren Geist über Vater aus, hieß mich mit seiner Stimme Wechselbalg, Bastard, Dämonenbrut. Das crescendo der Raketen hätte mich aus der Welt treiben müssen und nicht hinein in einen menschlichen Leib. Wie ein Parasit hätte das kindgewordene Übel sie ausgezehrt und nach dem Schlupf nur eine wächserne Hülle zurückgelassen. Mit meinem ersten Schrei sei ihr Lebenslicht erloschen.
Woraus, Bläuling, besteht dein Kokon? Schmetterlingsspucke und Raupenhaut? Das Netz um mein Herz ist gewoben aus Tränen und Blut, Brüchen und Schlägen und Schmerz. Manchmal zieht es sich auch heute noch zusammen, raubt mir Atem und Sinne, und lange dauert es dann, bis ich wieder stehen kann. Als hätte ich nichts Besseres zu tun.

ich habe Eisblumen geschnitten
in Scherben liegen alle Vasen
Sonne unter dem Horizont
Der abgebrochene Zweig
treibt wieder aus.

Die ersten Jahre meines Lebens gingen über mich hinweg wie eines dieser Gewitter, die kurz vor dem Frühjahr noch einmal den Winter über das Land legen. Ich finde keine Erinnerung daran. Dann ein Foto von meiner Einschulung: ganz rechts in der hintersten Reihe ein dürres Kind, schwarzhaarig, hohläugig, in abgetragener Kleidung, das einzige ohne Schultüte.
Regst du dich im Kokon, schaukelt deine Hülle in der windlosen Welt. Willst du am Ende doch heute noch schlüpfen? Wirst wie die Seele eines Toten dich deinem Sarkophag entwinden? Lass dir Zeit, ich werde, als hätte ich nichts Besseres zu tun, hier auf dich warten.
Ab der zweiten Klasse neben mir, rotwangig, blauäugig, flachsblond: Mat. Von Jahr zu Jahr wechseln wir die Position im Bild, doch immer wieder: Mat an meiner Seite. In der fünften Klasse legen wir einander die Arme um die Schultern, wie wir es von den Halbstarken aus dem Fernsehen kennen. In der sechsten Klasse wachse ich Mat davon, in der siebten hat er mich wieder eingeholt. In der achten Klasse trennt uns ein Mädchen. Alle drei sehen wir unglücklich aus.

es waren zwei Königskinder
eine Fackel entzündet Hekatē
Irrfeuer über dem Moor
Du bist das Licht,
ich bin dein Schatten.

Noch bevor ich ihn kannte, habe ich Mat verletzt. Wir wurden dennoch Freunde, vielleicht gerade deswegen. Mat besaß liebende Eltern und Großeltern, Spielzeug, Freiheiten und, nachdem ich einer Nichtigkeit wegen sein Blut vergossen hatte, mich. Wir wuchsen zusammen auf und wie nahstehende Bäume ineinander. Und dann, als späte Strafe für die Affekte eines Siebenjährigen, war ich wieder allein.
Öffnete ich, als hätte ich nichts Besseres zu tun, deinen Kokon vor der Zeit, was geschähe? Allein die Vorstellung lässt dich unruhig werden, ich sehe das. Keine Angst, Bläuling, ich werde dir nichts tun. Vielleicht aber verstehst du, was mir geschah, als ich aus Mats Leben fiel.
Vorsichtig ausgedrückt: Ich verlor die Balance. Wechsel vom Gymnasium auf die Realschule mitten im Schuljahr. Abschluss mit inakzeptablen Noten. Beginn einer Schreinerlehre dank Vaters Beziehungen. Alkohol und andere Drogen, Streit mit dem Chef und dem Vater, Schulden und schlechte Gesellschaft. Schließlich eine kuriose Erkenntnis: Vater mochte sich weigern, mir Geld zu geben, andere Männer in seinem Alter bezahlten mich gern.

Kind eines Kaltschmieds
der Gefallenen Kamerad
höllisch Gefrorener
All diese Orden haben mir
Haut und Seele zerfetzt.

Mit 21 trotz allem Zeitsoldat, Vater stolz: „Habe ich doch einen Sohn gezeugt!“ Kosovo, Mazedonien, Dschibuti, Kongo, Kuwait, Sudan und immer wieder Afghanistan, vor jedem Einsatz ein Hieb auf die Schulter: „Guter Mann!“ Was Vater nicht hat zerschlagen können, hielt er für unzerstörbar.
Der Krieg, Bläuling, der war nix. Nirgendwo. Da magst du noch so kaputt sein vorher, die Mahlsteine der Gewalt kriegen dich noch kleiner. Die Nacht kriecht auch tags in deine Gedanken, klebt rote Farbe an alles, was du anlangst. Wenn du den ersten Kameraden sterben siehst, kotzt du. Beim zweiten zitterst du nur noch. Den dritten hast du vergessen, kaum dass ihm eine Sprengfalle den Oberkörper aufgebrochen hat.
Aufbruch auch bei dir, Bläuling? Aufwerfen, Ausstülpen, Ausziehen, Wiedergeburt in Zeitlupe, schrecklich langsam, unerträglich spannend. Ich könnte aufstehen, hineingehen, ein Glas mit Eiswürfeln und Wasser füllen, einen Spritzer Zitronensaft dazu. Selbst die Neige könnte ich schon geleert und mich wieder in die verblassende Mittagshitze gelegt haben, du wärst immer noch gefangen. Als hätte ich nichts Besseres zu tun, bleibe ich aber, blinzle nicht, starre dir zu. Deine Anstrengung ist genug für uns beide.

Augenweide im Blauregen
himmelfarbener Tagtraumtaumler
zu Kostbarkeit erschliffener Saphir
Kein Gefängnis kann dich halten
und keine Hand.

Nun sitzt du da, Bläuling, pumpst Blut in Leib und Flügeladern. Erschöpft bist Du, stilles Entknittern nur, gemächliches Auffalten. Hielte ich mein Ohr an deinen Leib, was hörte ich? Ein Knistern wie von Flammen in sternkalter Wüste? Das dunkle Dröhnen explodierender Bomben am Stadtrand? Oder ein zufriedenes Summen, weil du deine harmlose Zukunft ahnst: Augenblicksblinken von Glück im Vorüberwehn.
Ich kehrte heim in Vaters Haus. Beendete die Schreinerlehre. Baute die Pergola. Vater war dagegen, wagte aber nicht die Konfrontation mit dem Fremden, das mich in meinen Blutjahren durchwuchert hatte. Gemeinsam setzten wir den Blauregen. Während die Pflanzen wuchsen, zerwelkte der Vater. Drei Jahre pflegte ich seinen Körper aus Spinnweb und Asche, als hätte ich nichts Besseres zu tun, dann legte ich ihn ins Grab neben die mir unbekannte Frau. Mir kondolierten Weggefährten des Vaters und am Ende ein Mann meines Alters, blauäugig, flachshaarig, blass, nervös. Ich wusste selbst nicht, was sagen. So schwiegen wir eine Weile vor dem Loch in der Erde. Als Mat seine Hand in meine legte, weinte ich das erste Mal seit Jahren.

gesellig wachsen die Maiglöckchen
wir verlassen die Umlaufbahn
das Herz eine heilende Wunde
Die Götter kannten einen,
Ikarus nannten sie ihn.

Man kann nicht 20 Jahre ungeschehen machen. Wie also findet man zurück? Tastend. Mat war vor allem: fad. Ungebrochener Lebenslauf, Jurist einer Mittelstandsbank, kein Privatleben. Der strahlende Halbgott entpuppte sich als Gipsfigur mit Rauschgoldbesatz. Mat war aber auch: neugierig. Wie ein Forscher kartografierte er meine Abgründe. Er unterschätzte den Preis einer Finsternis, meine Schattengeschichten erregten ihn. Mat war: hungrig. Gemeinsam feierten und tanzten wir, flogen mit Gleitschirmen, ritten durch Island, wanderten im Atlas, umsegelten Feuerland. Schließlich zog Mat zu mir, erst in ein eigenes Zimmer, bald in mein Bett. Mat war vieles, aber nicht: prüde.
Die Sonne hat die Wolken überwunden, und im Gegenlicht habe ich dich aus den Augen verloren. Als hätte ich nichts Besseres zu tun, suche ich dich. Das Gefängnis deiner Jugend hängt sturznah am Ast, doch du? Sitzt du noch im Blauregen, trocknest deine Flügel, freust dich auf den Jungfernflug? Wohin bist du gewandert? Da, eine blauschillernde Bewegung, aufwärts kletterst du, dem Locken des Lichtes folgend.

Sonne unter dem Horizont
verblassen die Sterne
du bist das Licht
Ich bin der Schatten,
den in die Welt du wirfst.

Die Triebe des Blauregens blockieren Wasserrohre, zerbrechen Dachziegel, verbiegen Gerüste. Hegt man ihn nicht, vernichtet der Blauregen, was ihn hält.
Nun ist Mat nicht mehr. Alle Abenteuer dieser Welt konnten seine Lebensgier nicht befrieden und – so sehr mich das schmerzt – auch ich nicht. Habe ich dieses Verlangen in ihn hingeschlagen damals, als wir Kinder waren? Oder wurzelte seine Adrenalinsucht tiefer? Feigling hieß er mich für meine Angst vor dem Absturz, Narr nannte ich ihn, diese Angst nicht zu kennen. Er lief ins Dunkel, zog nicht einmal die Tür hinter sich ins Schloss. Keine drei Stunden später erstickte er in einem schmierigen Club an seinem Erbrochenen.
Bläuling, ich neide dir die selbstvergessene Schwerelosigkeit. Den Tod, dem du entgegenflatterst, ahnst du nicht, nur die Freiheit einer sich dir öffnenden Welt. Flieg, Bläuling, fürchte nicht das Leben.
Wir werden gezeugt und geboren, wir wachsen auf und heran, wir lernen sprechen, wir krabbeln und gehen, wir springen und rennen und tanzen, wir fallen hin und stehen wieder auf, bis wir, als hätten wir nichts Besseres zu tun, für immer liegen bleiben und verstummen.

ich stürze aus dem Zenit
Bläuling reitet den Wind
Risse durchziehen mein Haus
In der Dämmerung
brechen die Knospen auf.

Papa

Bewerbe
Dezember 27, 2017

Last Christmas I gave you my von wegen George last Christmas bist Du einfach so gestorben ohne Vorwarnung und Dein Herz schenkst Du auch keinem mehr außer Du bist Organspender gar nicht schlecht vielleicht wird das ja heute doch da wären wir Motor aus Radio aus. Angenehm die Ruhe könnte man sich fast dran gewöhnen. Nix da kannst ja nicht ewig hier hocken und hoffen dass Dich wer rettet Sebastian vielleicht guckt aus dem Fenster und sagt die können mich mal lass uns abhauen egal wohin mit Dir fahre ich überall hin von wegen der Schnaps klemmt natürlich unterm Sitz hab Dich verdammt dieses Schloss muss echt in die Werkstatt irgendwann geht die Karre sonst gar nicht mehr auf die Zentralverriegelung funktioniert immerhin noch. Ist die Tür so schwergängig damit keiner abhaut und dieser Geruch nehmen die einen Reiniger der noch schlimmer stinkt als die Alten schau sie Dir an wie in die Gegend tapeziert nix mehr mitbekommen von der Welt die der Fernseher gegen die leeren Köpfe brüllt bestimmt wollten die auch lieber sterben bevor sie hier zum Abtropfen geparkt wurden. Na aber hallo Sebastian selbst in der Schlabberuniform sieht der noch gut aus geht bestimmt zum Fitness ob wir doch mal auf ein Date könnte mein Sohn sein vielleicht steht er aber auch auf Waschbärbauch solls ja geben immerhin flirtet ja er mit mir vielleicht freut er sich aber auch nur über jeden der noch selbst läuft.

Reiß Dich zusammen falscher Ort falsche Zeit und falsche Tür ob Papas Zimmer so weit hinten ist weil er eh nicht mehr wenigstens riechts hier anders wie angebrannt erst mal das Fenster auf diese Scheiß-Kindersicherung als ob der Alte noch irgendwohin mit Gewalt gehts leichter wie die Raben schrein und kalt ist es gut tut die frische Luft aber schon. Hallo Papa ich bins Florian wer auch sonst kümmert ja keinen mehr selbst wenn er kriegt es ja eh nicht mehr mit gut siehst Du aus Lügner was soll denn daran gut sein nur Haut und Knochen und schütteres Haar das hätten sie ihm ja mal kämmen können so viel wie das hier kostet wobei er geht ja eh nirgendwo mehr hin da braucht er auch keine schnieke Frisur mehr gell Papa den Schleim hätten sie Dir wenigstens absaugen können klingst ja wieder grauenvoll. Frohe Weihnachten Papa schau mal Schnaps für Dich als ob wir nicht alle wüssten dass der für mich ist die Zeit muss man doch irgendwie rumbringen hier auf dem Nachttisch kannst Du ihn gut sehen wo ist denn das Bild Papa wo haben sie denn das Bild hin den Rahmen wenigstens haben sie stehenlassen wer klaut denn Familienfotos im Altenheim wie muss man denn drauf sein andererseits auch kein Verlust war eh kein gutes Bild halt das einzige mit ihm drauf. Papa ich probier mal den Schnaps ob er gut ist Du hast doch nix dagegen wusst ichs doch die Marille ist gut ich bring Dir echt nur gutes Zeug mit.  

Kärnten war das Klagenfurter Hütte Alte-Leute-Urlaub während alle anderen in den Ferien nach Spanien oder Italien ans Meer halt aber wir habens nur nach Kärnten geschafft abwechselnd Badesee und Berge schwimmen und wandern nicht aufregend aber genug für den jährlichen Sonnenbrand und für sowas wie heile Welt gell Papa heile Welt in Kärnten war das Papa mit seiner Schreierei und Mama mit ihrer Flirterei mit den Bademeistern und wir Kinder mittendrin kein Wunder dass wir alle so neurotisch ob wir überhaupt von Dir waren weißt Du auch nicht gell Papa hättest es eh nie aus ihr rausbekommen. Ich probier nochmal den Schnaps für Dich Papa ob er auch echt gut ist der wird nicht besser aber die Marille ist der Knaller wirklich das einzig Gute an Kärnten die Marille.
Die Klagenfurter Hütte war schon schön das eine Jahr wo ausnahmsweise alles friedlich war Papa mal fidel und Mama mal nicht so gesehen schon schade dass das Bild weg ist wenigstens dieses eine Mal schön so hättest Du immer sein sollen Papa so lustig wobei das in echt bestimmt ganz anders war das sieht ja nur auf dem Bild so aus in echt haben wir gefühlte zehn Stunden vor der Hütte gestanden während Papa sich am Selbstauslöser abarbeitet und die Kamera nicht stabil auf dem Zaunpfosten balanciert hätt ja mal um Hilfe fragen können einen von den Wanderern oder den Toni der da natürlich auch dabei war und das bestimmt zum Schießen gefunden hat und dann als wir schon alle die Lust verloren haben und schauen wie siebzehn Tage Regenwetter kriegt er es doch noch auf die Reihe der Papa wie immer zu spät gell Papa wie immer zu spät darauf noch einen Schnaps Papa gute Marille Du hast doch nix dagegen auf Dich Papa und dann sagt er noch jetzt alle mal recht freundlich bitte denn da kommt das Vögelchen selbst damals hat das keiner mehr gesagt so seltsam war das dass wir alle angefangen haben zu lachen zuerst die Katrin dann der Peter und schließlich auch Mama nur darum lachen wir alle auf dem Bild bei Dir sieht mans halt nicht Papa weil Du im entscheidenden Moment den Kopf drehst darum bist Du so verwaschen auf dem einzigen Bild von Dir ist wirklich ganz schön traurig.

Und jetzt ist es fort das Bild passt aber bis auf Papa und mich sind ja auch alle fort Mama mit Toni abgehauen irgendwohin kein Schwein weiß wo interessiert aber auch keinen mehr sind wahrscheinlich eh beide schon tot Papa ist ja auch kein Springinsfeld das kommt auch vom Papa Springinsfeld sagt doch heute keiner mehr der Sebastian bestimmt nicht die Alten nennen ihn vielleicht Hüpfer da kommt unser junger Hüpfer wieder um uns nicht dran denken was bei den Schabracken abgeht wenn der Sebastian denen beim Waschen die Brüste lupft danke für die Vorstellung. Darauf einen Schnaps Papa Du hast Doch nix dagegen wenn ich Dir den leermache Du verträgst ja eh nix mehr in Deinem Alter.
Wer wird denn gleich rumgurgeln vor Neid die Flasche kann bestimmt einfach hier in den Mülleimer glaubt ja eh niemand dass der Papa die ausgetrunken hat was liegt denn hier drin ist das das Foto vielmehr der Rest vom Bild der nicht so eine Sauerei wer macht denn sowas ist das jetzt schlimmer als Diebstahl von Familienfotos wenn man sie an Ort und Stelle oder warst Du das Papa der war gut als ob der dazu noch in der Lage schau Dir das an Mama und Peter komplett weggebrannt von Katrin nur noch die Schulter von Papa und mir noch die Köpfe von Papa eigentlich nur ein verschwommenes Gesicht wie im richtigen Leben eigentlich. Da hat er auch nicht gesehen dass Mama in dem Jahr nur auf heile Welt gemacht hat weil der Toni überall dabei war Schwimmen im See beim Wandern in der Tscheppaschlucht im Minimundus auch ohne die Ida oder die Blagen waren das vielleicht Arschlöcher ist zwar egal jetzt aber Riesenarschlöcher waren das jedes Jahr wieder Flori-Tunken Flori-Schlagen Flori-Jagen hätten die mal Krebs bekommen sollen nicht der Papa hätten die mal hier liegen sollen krampfatmend halb aber doch nicht ganz erstickend.

Papa Du hast doch bestimmt nix dagegen wenn ich noch eine rauche wusst ichs doch wenn die das brennende Bild nicht bemerkt haben kriegt die Zigarette garantiert auch keiner mit danach können wir das Fenster auch wieder langsam wirds nämlich schon kalt wo ist denn mein Feuerzeug Papa hast Du vielleicht eins im Nachttisch Papa wer hat Dir das denn in die Hand wollten die das aussehen lassen als hättest Du das Foto selbst der Sebastian wird was von mir zu hören bekommen erst mal die Zigarette an das tut gut gell Papa das gefällt Dir bestimmt hat immer so gerne geraucht früher obwohl er wusste dass es ihn umbringt vielleicht hat er sogar drauf gehofft weil für alles andere war er zu feige dafür liegst Du jetzt da gell Papa.
Scheißleben wenn Du so elendig vor Dich hinstirbst weil Du ahnst dass danach auch nix Besseres mehr kommt nicht loslassen kannst weil Du zu doof warst rechtzeitig alles abzuschließen nicht mehr rauskommst weil Du nicht weggegangen bist wie Mama die einfach alles hat fallen lassen können als es ihr zu viel wir ihr zu viel waren vielleicht auch nur Du Papa vielleicht warst nur Du zu viel oder vielleicht nur ich der Problem-Flori der Sorgen-Flori der Sei-doch-mal-mehr-wie-Peter-Flori die Mistkuh ist doch wahr nicht flennen jetzt wegen ihr die Marille ist auch schon leer wenigstens atmet Papa nicht mehr so laut alle sind weg Mama und Toni Peter und Katrin Ida und die Arschlöcher selbst die Raben selbst der George nur noch Papa und ich sind da gell Papa Du und ich wir beide.
Papa?

Wodka Martini

Bewerbe
Dezember 1, 2016

Zurück an der Bar bestelle ich: „Noch einen Wodka Martini!“ Beobachte den Barkeeper bei der Arbeit. Da überschwemmen mich Moschus und Salz, modernde Blumen: Ich rieche den Typ, der sich neben mich stellt, bevor er mir, um die Musik zu übertönen, ins Ohr brüllt: „Den kriegst Du nicht!“ Meint den Barkeeper, einen durchtrainierten Burschen, den alle anstarren, während sie auf ihre Getränke warten. „Niemand kriegt den!“ - „Das trifft sich!“, brülle ich zurück. „Ich bin niemand!“ Dass ich ihn noch nicht angesehen habe, scheint den Typ zu motivieren. „Niemand also. Ich bin Jörg.“ Hält mir die Hand hin, ich nehme sie nicht. An Händen bin ich nicht interessiert. An Jörg bin ich nicht interessiert, an allen mehr als an Jörg, der hoffentlich gleich wieder tanzen geht. Von der anderen Seite des Tresens grinst mich ein Kerl an. Sein Shirt spannt über der breiten Brust, ein Nippelpiercing drückt sich durch den petrolfarbenen Stoff. Ich grinse zurück, nicke, als er mit dem Kopf zur Tanzfläche zeigt oder zu den Toiletten, die dahinter sind. „Ich bin gleich wieder da“, sage ich, ohne Jörg anzusehen.

Zurück an der Bar wartet mein Wodka Martini. Daneben ein Typ, der mich ansieht, als müsste ich ihn kennen. Greife nach dem Glas, setze es an die Lippen. „Bist Du sicher? Vielleicht habe ich was reingetan.“ Trinke trotzdem, trinke erst recht, trinke gierig, um mir den Geschmack von Sperma aus Mund und Kehle zu spülen. Leere das Glas, stelle es ab. Der Typ beobachtet mich, und jetzt rieche ich ihn: Amber, Flieder, Meer. „Ich bin Jurek!“ brüllt er und hält mir die Hand hin. „Noch einen Wodka Martini!“ rufe ich dem Barkeeper zu. Ich lege Geld auf den Tresen, wende mich dann der Tanzfläche zu. Die Musik greift nach mir, zieht mich zwischen die Menschen. Die Bässe tragen mich zu einem Kerl, der mit seinen hellblauen Shorts aus dem Schwarm der Tänzer heraussticht. Er grinst mich an, ich grinse ihn an, lege meine Hand auf seinen Hintern, ziehe ihn zu mir. Er küsst mich, ich küsse ihn, wir rauben einander den Atem, lösen uns inmitten der Namenlosen auf in Nebel und Schweiß.

Zurück an der Bar wartet mein Wodka Martini. Daneben ein Typ, der mich ansieht, als schuldete ich ihm Geld. Ich nicke dem Barkeeper zu, der mir, um die Musik zu übertönen, zubrüllt: „Noch einen Wodka Martini?“ Ich nicke, sehe ihm nach. Der Typ beobachtet mich. „Kennen wir uns?“ Er drängt sich mir auf, sein Geruch nach wildem Tier und Blut erzeugt mir Übelkeit. Ich leere mein Glas, um ihn auszublenden, was nur kurz gelingt. „Jürgen!“ Er hält mir die Hand hin, doch der Barkeeper rettet mich. Ersetzt das leere Glas durch ein volles. Ich grinse ihn an, er grinst mich an. Von der Seite brüllt mir der Typ wieder ins Ohr. „Und Du bist?“ Für einen Moment bin ich versucht, ihm „Niemand!“ zu antworten. Spüre da eine Hand auf meinem Hintern, einen Körper, der sich an mich drückt, sich an mir vorbeidrückt, dann neben mir steht, auf der Seite, die nicht durch Jürgen blockiert wird. Bestellt ein Bier beim Barkeeper, und dreht sich, während er wartet, zu mir um. Ich erwidere seinen Blick. Er küsst mich, ich küsse ihn. Als sein Bier kommt, greift er nach der Flasche und geht. Als ich ihn fast aus den Augen verloren habe, dreht er sich nach mir um. Ohne Zögern folge ich ihm.

Zurück an der Bar wartet mein Wodka Martini. Daneben ein Typ, der mich ansieht, als hätte ich ihn geschlagen. Ich greife nach dem Glas, nehme einen Schluck. „Ist was?“ Er schüttelt den Kopf. Wie in Wellen verströmt er den Geruch nach Ozean, unterspült von etwas Herbem, Holzigen. Der Barkeeper nimmt auf der anderen Seite des Tresens Bestellungen auf. Für einen Moment verliere ich mich im Anblick seines Körpers: die muskulösen Beine, von den hellblauen Shorts mehr ausgestellt als verhüllt, die kraftvollen Stränge seines Rückens, umspannt von einem petrolfarbenen Shirt, das auf der Wirbelsäule und unter den Achseln vom Schweiß dunkel verfärbt ist, seine kurzrasierten Haare, seine prachtvollen Schultern, seine starken Arme. Für einen Moment stelle ich mir vor, von ihm umfangen zu werden, seinen Duft einzuatmen. Für einen Moment ist alles still, der Raum außer uns leer. „Den kriegst Du nicht!“ brüllt mir eine Stimme ins Ohr, und die Bässe schwappen wieder über mich hinweg, dass ich mich festhalten muss am Tresen, an meinem Glas. „Den kriegt niemand!“ brüllt der Typ weiter. „Jørn!“ Hält mir die Hand hin, für einen Moment bin ich versucht, mich daran festzuhalten. Stelle dann das Glas ab. Fliehe über die Tanzfläche.

Zurück an der Bar wartet mein Wodka Martini. Nur halb voll. Daneben ein Typ, der wahrscheinlich die andere Hälfte intus hat. Ich schiebe beide beiseite und winke dem Barkeeper. „Noch einen Wodka Martini!“ Der Typ hält mir das halbvolle Glas hin, doch ich brülle über die Bässe dem Barkeeper zu: „Noch einen Wodka Martini.“ Er grinst mich an, ich versuche, ihn anzugrinsen. Scheitere. In mir tobt ein Meer, keine Ahnung, wo das jetzt herkommt, die Wellen schlagen im Takt der Musik gegen die Innenseite meiner Haut. Von der anderen Seite des Tresens grinst mich ein Typ an. Aus der Menge der Tanzenden grinst mich ein Typ an. Eine Hand auf meinen Hintern gelegt, seinen an meinen Körper geschmiegt, grinst mich ein Typ an. Neben mir steht Göran, er riecht nach verschwitztem Mann und ein bisschen nach Bier, über das Dröhnen des Ozeans und der Bässe höre ich ihn nicht, aber ich lese von seinen Lippen: „Ist Dir nicht gut?“ Doch, versuche ich zu sagen, doch mein Mund ist von einem anderen verschlossen. Ein Typ küsst mich, ich erwidere seinen Kuss nicht. Eine Hand nimmt meine, zieht meinen Körper über die Tanzfläche zu den Toiletten.

Zurück an der Bar wartet mein Wodka Martini. Ich trinke ihn in einem Zug aus, doch der Geschmack von Galle und Salz lässt sich nicht runterspülen. „Noch einen Wodka Martini!“ brülle ich über die Bässe dem Barkeeper zu. Der zeigt mit dem Kopf auf den Typ neben mir, vor dem ein halbleeres und ein volles Glas stehen. Der Typ schiebt mir das volle Glas zu. „Der geht auf mich. Ich bin Joris.“ Streckt mir die Hand hin. Ich schaue den Barkeeper an, der mich angrinst und mit den Schultern zuckt. „Und Du bist?“ - „Niemand.“ - „Das trifft sich. Niemand ist mit mir hier.“ Er grinst mich an, seine blauen Augen leuchten im Halbdunkel. Ich nehme seine Hand, danach nehme ich das Glas. „Keine Sorge. Ich habe nichts reingetan.“ Wir prosten einander zu. Trinken. Als ich das Glas absetze, atme ich seinen Geruch ein: Tabak, Bergamotte, Rost. „Möchtest Du tanzen?“ Ich nehme noch einen Schluck, stelle dann das Glas auf den Tresen und folge ihm auf die Tanzfläche, doch schon nach einem Moment habe ich ihn verloren. Wie ein Seepferdchen im Kelpwald treibe ich zwischen den Menschen, Unbekannten, an denen mich nichts hält.

Zurück an der Bar bestelle ich noch einen Wodka Martini. Der Barkeeper nickt und macht sich an die Arbeit. Ein Typ stellt sich neben mich, verschwitzt vom Tanzen, noch außer Atem, grinst mich an. „Das war gut“, brüllt er mir, um die Musik zu übertönen, ins Ohr. Er legt seine Hand auf meinen Hintern, drückt seinen erhitzten Körper an meinen, färbt mein petrolfarbenes Shirt dunkel, wo er mich berührt. Ich drehe mich ihm zu, ertrinke fast in seinen blauen Augen. Küsse ihn, er küsst mich. Als der Barkeeper mein Glas auf die Theke stellt, greift der Typ danach und trinkt es in einem Zug leer. Küsst mich dann wieder, ich schmecke Feuer auf seiner Zunge. Er reibt seinen Körper an meinem, seine Erektion drückt durch den Stoff seiner hellblauen Shorts gegen meinen Oberschenkel. Mit der Hand, die er nicht auf meinem Hintern hat, massiert er meinen harten Schwanz. Er geht vor mir auf die Knie, öffnet meine Hose, nimmt mich in den Mund, ich atme schwer, schließe die Augen, keuche. Als ich nach seinem Kopf fassen will, ist der Typ fort, meine Hose nicht offen. Ich glaube, ihn im Gewühl der Menschen auf der Tanzfläche zu sehen, haste hinterher.

Zurück an der Bar warte ich auf meinen Wodka Martini. In meinen Ohren rauscht die Brandung des Morgengrauens. Die Bässe sind jetzt verebbt, die Menschen strömen ins Freie, wo sie Nebelwolken in den aufblühenden Tag atmen. Der Barkeeper stellt ein Glas vor mich auf den Tresen. „Der geht auf mich.“ Grinst mich dabei an. Ich nehme das Glas, proste dem Barkeeper zu, trinke einen Schluck, stelle das Glas wieder ab. Alles wie in Zeitlupe, während er mich beobachtet. Keine Gläser spült, keine Flaschen leert. Mich einfach nur beobachtet. Eine Stimme in mir brüllt: „Den kriegst Du nicht! Den kriegt niemand!“ Doch da steht er, seine blauen Augen leuchten. „Du kannst bleiben, bis ich fertig bin.“ Während er aufräumt, Kühlschränke auffüllt, Tresen und Boden wischt, sehe ich ihm zu. Leere mein Glas erst, als er schon neben mir steht. „Georg.“ Er hält mir die Hand hin.

Glossar/Cavator

Bewerbe
November 15, 2015

Kämen sie jetzt, das Projekt zu beenden und uns zu holen (nein: mich zu holen), der Anblick der beiden Cavatoren könnte die Fictoren an Rodins Kuss erinnern.

Die Erinnerung an Rodin allerdings dürfte mit der alten Erde untergegangen sein, und auch mir ist er nur bekannt durch Pavel; durch das Buch, das aus seinem in meinen Besitz wechselte. Die meisten der dünneren Seiten sind schon lange zerfallen, die übrigen (beständigeren) zeigen Menschen, Tiere, Gebäude und Landschaften der Erde, nutzlose Karten und Klimatabellen, Kunst und Künste vergangener Kulturen. Pavel fand Trost in den Bildern von Verlorenem und eine Verbindung zu einer Heimat, die ihm immer unerreichbar bleiben musste.
Was mich betrifft: dieses Buch (dessen Seiten für mich noch weniger als für Pavel bedeuten sollten: nichts, was sie abbilden, findet eine Entsprechung in meinem Glossar) erlaubt es mir, einen Pavel zu entdecken, den zu berühren mir niemals hätte gelingen können.
Seine Notizbücher (Gedanken, Erkenntnisse, Beobachtungen): ungelesen; zurückgelassen.

Mit Qwembe verbinden mich dreizehn Tage und Nächte in den Stollen unter dem Kupferberg. Während die Schaufelhände der beiden Cavatoren sich immer tiefer in die Erde gegraben, Erze gebrochen und Steine gemahlen haben, vertraute mir Qwembe seine Hoffnungen, seine Ängste, seine Träume an. Trotz des Dröhnens und Berstens draußen und des Knackens und Rauschens der Interkom rührten mich seine Verlorenheit an und seine Erleichterung darüber, wenigstens einmal nicht nur mit der Dunkelheit unter dem Berg zu sprechen, sondern mit einem denkenden Geist.
Dass seine Einsamkeit nicht singulär war, er sie vielmehr mit allen Spezialisierten teilte, bedeutete ihm nichts. Er verstand sich als Opfer eines unausrottbaren Rassismus‘: „Den Schwarzen schicken sie wie einen Sklaven in die Minen, während sich die Weißen oben sonnen.“ Bis dahin hatte sich Qwembe für mich nicht von den Übrigen unterschieden, die Metallhaut der Cavatoren zeigt keine Varianz. Erst in seiner Wohneinheit, wo er mir Timefeeds zur Geschichte der Sklaverei zeigen wollte, um mein Glossar zu erweitern, war er schwarz, ansonsten aber wie alle anderen: warm und glatt und weich und erschauernd unter meiner Berührung. Meine Hand spürte keine Dunkelheit auf seiner Haut.

Es wird keine Relevanz für das Projekt besitzen. Die Fictoren hätten mich sonst mit entsprechenden Detektoren ausgestattet.

Qwembe ist (anders als die meisten der Anderen) im Schlaf gestorben. Die Sauerstoffpumpe seines Schlafmoduls ist ausgefallen und er ohne Bewusstsein erstickt. Es gibt umständlichere, schmutzigere Tode. Diese anderen Toten sind natürlich lehrreich. Ihre Überreste aber mit den Körpern mir bekannter Menschen zu assoziieren, fällt mir oft schwer.

Meine Sensoren erfassen olfaktorisch den Fortschritt des Zerfalls. Ob es das Projekt sabotiert, diese Funktion zu deaktivieren?

Aus der Sammlung, neben Pavels Buch:
Eine Münze von Nizar, ein Ring von Corentin, eine Glocke von Soek.
Der Schlüssel gehörte Tomomi, der Sextant Noa.
Der silberne Griff eines Stocks (Celia), eine versteinerte Schnecke (Beatriz), eine Flöte (Añuli).
Kians Uhr, eine Vase von Savitri.
Und Ruben besaß ein Kistchen, verschlossen, aus Holz.

Qwembe muss nicht entsorgt werden. Es ist ausreichend, das Schlafmodul zu versiegeln.
Die Vorräte nützen mir nicht (vielleicht aber den Überlebenden in der Gemeinschaftssphäre). Die Sicherungen sind noch funktionstüchtig, ebenso ein Großteil der Verbinder. Dann das Energiemodul, das die Antriebskammer mit dem Wechsel zwischen Hell und Dunkel der Matrix in ein changierendes Zwischenlicht taucht.
Celia nannte das Energiemodul ihres Cavators ein Herz: der Rhythmus korrespondiert mit dem menschlichen Herzschlag. Sie nahm an, dass die Fictoren sich bei der Konstruktion von der Ahnung haben leiten lassen, dass die Spezialisierten in ihren Metallhäuten sich nach dem Anblick von etwas Lebendigem sehnen würden. Und selbst mein System, das die Beklemmung nicht kennt, die die Menschen unter der Sternweite bisweilen befällt, wird durch die Strömungen in der Matrix berührt.
Sobald das Energiemodul nicht mehr mit dem Cavator verbunden ist, verlangsamt sich das Rauschen der Pumpen und verstummt schließlich, in der Antriebskammer wird es ruhig, das Leuchten des Herzens versiegt. Diese Stille, nachdem das letzte Geräusch verklungen, alles Licht erloschen ist und bevor das Notsignal der Lebenserhaltung einsetzt: diese Stille erst markiert den wirklichen Tod, den eigentlichen Moment, da Qwembe kein Teil des Projekts mehr ist.

Ob meine Programmierung das Erleben einer Ergriffenheit in dieser Stille vorsah? Ob die Fictoren in mir Empathie evozieren wollten?
Auf die Frage, wie man eine emotionale Reaktion auslöst, fehlt eine Antwort in meinem Glossar.

In der Antriebskammer meines Cavators: siebenundvierzig Energiemodule, die sich aufhellen und verdunkeln, stete Lichtgezeiten. Siebenundvierzig, bald achtundvierzig Herzen, die im Gleichklang schlagen. Jedes neue Herz verwirrt die Übrigen für eine Weile, es ist unvorhersehbar für mich, welche ihre Frequenz erhöhen und welche langsamer schlagen werden. Mit der Zeit werden sie sich aneinander gewöhnen.
In der Mitte (lichtlos) das Energiemodul, das meinen Cavator antreibt.

In Qwembes Wohneinheit: Timefeeds, Bücher, ein mumifizierter Vogel. Interessanter aber die humanoiden Figuren, die Qwembe aus jenen Steinen gearbeitet hat, die zu weich und damit für die Fabriken ungeeignet waren. Einige der Steinmenschen tanzen, andere singen, alle haben sie langgezogene Gesichter und leere Augen. An manchen Stellen hat Qwembe den Stein poliert, an anderen hat er die Bruchkanten unberührt gelassen.
Es ist zu spät, Qwembe zu fragen, was bearbeitet und was erhalten werden muss. Mein Glossar verfügt dazu über keinen Eintrag.
Die Lebenserhaltung warnt vor dem strukturellen Versagen der Metallhaut und dem damit verbundenen Druckabfall. Mir fällt es schwer, mich zu entscheiden: in meiner Sammlung wäre Platz für alle. Die Wiedergabe von Qwembes Stimme hilft mir: die unterschiedlichen Grade an Stolz, mit der er die einzelnen Figuren beschrieb und ihre Entstehung. Meine Wahl fällt auf einen Sänger aus der zweiten Reihe, dessen grob gearbeiteter Oberkörper mit den erhobenen Händen und dem detailreichen Gesicht dem unbehauenen Stein entwächst.
Auf dem Weg zurück: noch eine Figur, menschengroß, aus hartem, schimmerndem, unbekanntem Material (das Glossar ist natürlich keine Hilfe). Kein Tänzer, kein Sänger, die Figur steht still. Der Körper realistisch, doch der Kopf, als trüge er eine Maske aus gebrochenem Erz, hat kein Gesicht.

Kämen sie jetzt, der Anblick der beiden Cavatoren könnte sie an Rodins Kuss erinnern: die Steuereinheiten wie die Häupter Liebender einander berührend, die Luftschleusen aneinandergedockt. Ein anderes Bild aus Pavels Buch: ein Sukkubus, der sich über einen Schlafenden beugt.
Die Fictoren aber sind Ingenieure, der Anblick der Cavatoren erinnerte sie an nichts.

Während die Abdocksequenz noch läuft, vibrieren schon die Motoren. Mein nächstes Ziel liegt jenseits der verbrannten Ebene: die Gemeinschaftssphäre.

[Neufassung: Gräber]

Schwarzer Merkur

Bewerbe
Mai 27, 2015

Der Wind, der über die Felder des Westens weht,
erzählt vom Ende des Sommers vor seiner Zeit.
Blitzschlag über dem Horizont spaltet das Dunkel des Sturms,
Donner schlägt Krähen in ziellose Flucht.
Mit Gewitterschritten naht der Herbst,
und Dir,
Schwarzer Merkur,
Weber des ersten Zaubers und Wächter des letzten Tors,
weihe erneut ich meine unsterbliche Seele.
Deinen Schutz und Segen erbitt ich
vor der Stille des Winters und der Leere seines weiten Azurs.

Führe mich,
Schwarzer Merkur,
Öffner der Wege und Hüter des verborgenen Lichts,
über das Eis, das die Meere versiegelt,
durch den gläsernen Berg und die Wüste aus blauem Sand.

Dreimal schon schlug ich die tonlose Glocke und opferte Dir,
Schwarzer Merkur,
Bote der Finsternis und Träger des blutigen Schleiers,
den Hahn, der den Morgen begrüßt,
das Vlies der goldenen Ziege,
den weißen Stier Deines Vaters.
Dreimal schon erhörtest Du mich,
schältest die Seele mir aus dem faulenden Fleisch,
doch tilgtest mir nicht die Erinnerung
an den geborstenen Tempel und die Maske in Scherben,
das Schwert, das die Liebenden blutig vereint,
die Schreie, die hallten über den rostroten Fluss.
Ich erinnere mich
an den stürzenden Turm und Könige unter den Sklaven,
Sterne auf dem Spiegel des windstillen Meers.
Wie die Träume der Traumlosen sehe ich vor meinen Augen
verlorene Koffer neben Gleisen vergessener Züge,
zerknitterte Laken, darauf Knoten in lindgrüner Schnur.
Ich sehe den Dämon mit Engelsflügeln,
den Heiland des Untergangs,
Flammen in seinen Worten und Knochen in jeder Hand,
Gift auf der Zunge und Verderben auf allem, was er berührt.

Der Wind weht Rauch über die Felder des Westens,
schmeckt nach Asche und Tod.
Ein viertes Mal also stehe ich vor Dir,
Schwarzer Merkur,
Pfeil, der den Schützen trifft, und Werwolf unter den Schäfern,
hebe den Kelch, der kein Wasser hält, und den zerbrochenen Stab.
bitte Dich, nimm ein anderes als mein Leben,
nimm das Kind mit den blicklosen Augen,
das Blut dieses ruhenden Engels,
den Atem der Unschuld von seinen Lippen.

Ich flehe Dich an,
Schwarzer Merkur,
Eremit auf dem Berg und schlafender Avatar,
fange den durch die Finsternis fallenden Stein,
heile den zerbrochenen Spiegel,
binde den Schatten, den niemand wirft,
halte den Geist, der durch Menschen geht,
führe mich durch das Dunkel des Winters,
schenke meiner Seele das wiederkehrende Licht.

Sturmauge

Bewerbe
März 8, 2015

Die Pfade in meiner Haut sind
Arme eines ausgreifenden Sturms.
In sich neigender Bahn zeichnen sie
meinen Sturz aus kreißender Zeit.

Zwischen den Horizonten
führen sie mich durch die Fremde
sich verschattender Tage
dem Ursprung der Stille entgegen.

Das Arrangement

Bewerbe
November 2, 2014

Wie immer ging ich hin, als sie mich riefen. Ich verteidige das nicht. Ich verteidige mich nicht. Ich hatte keine klare Vorstellung davon, was ich wirklich wollte. Vielleicht war es ein Impuls unbewusster Loyalität oder die Konsequenz eines dieser ironischen Zwänge, die in den Gegebenheiten der menschlichen Existenz lauern. Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht sagen. Aber ich ging hin. Ich ging hin, wie immer, wenn sie gerufen hatten. Nur dieses eine, dieses letzte Mal ging ich hin, um zu sterben.

Das erste Mal war ich sechzehn gewesen, mittelmäßiger Schüler, mittelmäßige Ziele, mittelmäßiges Leben. Ich war unauffällig, ein Niemand. Dass genau dieser Zug sie an mir reizte, erkannte ich erst Jahre später in der mittelmäßigen Frau. Auch in diesem Punkt verteidige ich mich nicht. Vielleicht verbot mir ein Impuls unbewusster Loyalität, das Arrangement je zu hinterfragen. Vielleicht verbot die Angst vor den Antworten alle Zweifel. Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht sagen.
„Komm mit uns“, sagten sie und natürlich ging ich mit. Sie drohten nicht, baten nicht, sie versprachen nichts. Wie der Herbst dem Sommer folgt, ging ich mit ihnen, weil es mir unmöglich war, nicht mit ihnen zu gehen.

Die Erinnerung an das Danach ist zerfallen in Fragmente: fremde Worte rauer Stimmen, metallene Kälte unter meinem nackten Körper, steife Finger auf meiner Haut, Stechen von Nadeln in meinem Fleisch. Darüber Dunkelheit, so dicht, so allverschlingend, so durchdringend, dass sie bis in mein Gehirn reichte. Ich erinnere mich an das endlose Schwarz und an das dann so plötzlich aufflammende Licht, das rotgoldene Leuchten eines Sonnenaufgangs, das mich und meinen Geist aufbrach und alle Dunkelheit vertrieb. Ich erwachte in meinem Zimmer, in meinem Bett, in meinen Kleidern, doch nicht mehr in meinem Körper. Der Körper, den ich trug, gehörte mir nicht mehr, ich hatte ihn verkauft.

Seit diesem Erwachen habe ich nicht mehr geschlafen. Manchmal nur überfällt für wenige Sekunden eine Dunkelheit meinen Geist, die eine Erinnerung an jenes erste Schwarz ist, und ich höre die Stimmen, spüre die Hände, fühle die Nadeln. Dann aber kehrt die Welt zurück, für Augenblicke noch überzogen mit dem Rotgold des Sonnenaufgangs.
Der weitaus größere Lohn für meinen Leib aber war das Wissen. Der mittelmäßige Schüler, der lieber aus dem Fenster als zur Tafel sah, kannte nun alle Antworten. Da niemand Verdacht schöpfen sollte, gab ich vor, mich langsam und durch Fleiß zu verbessern, bis ich schließlich als Jahrgangsbester die Schule abschloss, mit dem Angebot eines Stipendiums und eines Studienplatzes an einer amerikanischen Eliteuniversität in der Tasche. Natürlich lehnte ich beides ab, weder brauchte ich das Geld, noch sollte sich eine Universität mit mir schmücken. Zudem war kurz zuvor der zweite Teil des Arrangements in Kraft getreten. Sie hatten mich zu sich gerufen und ich war hingegangen.

„Wir haben einen Auftrag für Dich.“
Ich erinnere mich an meine Auftraggeber nicht. Ich könnte weder ihre Körper noch ihre Stimmen beschreiben. Ich kenne nicht einmal ihre Zahl. Ich weiß, dass mir alle Erinnerung an sie genommen wurde. Ich sollte nichts verraten können. Hätte ich aber jemals an meiner Loyalität gezweifelt, hätten sie es nicht zuvor getan? Ich kann es nicht sagen.
„Es geht um diesen Mann.“
Tadeusz Bobrowski. Ich erkannte ihn auf dem Bild, das sie mir zeigten. Der Spion auf der Flucht hatte eine Pressekonferenz angekündigt. Er wollte seine Kenntnisse mit der Welt teilen.
„Du weißt, was Du zu tun hast?“
Hatten sie mir nicht die Augen geöffnet, damit ich das Offensichtliche erkannte?
„Natürlich.“

Die Pressekonferenz fand nicht statt. Bobrowski war auf dem Weg dorthin in eine katatonische Starre gefallen, Hirnschlag vermuteten die Medien. Seine Bewacher, die ihn rund um die Uhr und sogar bis zur Toilette begleitet hatten, bekräftigten diesen Verdacht. Sie hatten versagt und so argumentierten sie mit den Gegebenheiten der menschlichen Existenz: „Tadeusz Bobrowski hat uns dafür bezahlt, ihn vor allen Gefahren zu schützen. Doch wie schützt man einen Menschen vor seinem eigenen Körper?“ Mich hatten sie nicht wahrgenommen, nur Bobrowskis Sturz, seine starren Augen, seinen offenen Mund. Er hatte nicht einmal mehr schreien können, so schnell war sein Geist der noch atmenden Hülle seines Körpers entrissen worden.

Bobrowski war der Erste von Vielen. Männer und Frauen, Junge und Alte. Selten waren die Menschen, in deren Weg ich gestellt wurde, prominent, die meisten wohl Kollateralschäden, zur falschen Zeit am falschen Ort. Auch das verteidige ich nicht, ich verteidige mich nicht. Ich zweifelte nicht an meinen Auftraggebern. Ich stellte das Arrangement nicht in Frage.
Denn ansonsten führte ich das, was man ein angenehmes Leben nennt. Das Wissen, das ich erhalten hatte, verhalf mir zu Wohlstand, ich war Journalist, Pressesprecher, Berater. Ich handelte mit Autos, Kunst, Immobilien, wahrscheinlich auch mit Menschen. Ich gebe zu, irgendwann entglitt mir die Übersicht, verlor ich die Lust daran. Besitz relativiert sich. Mit jedem Auftrag wurde mir deutlicher, dass nichts, was man besitzen oder lieben kann, davor bewahrt, mir zu begegnen.

„Wir haben einen Auftrag für Dich.“
„Es geht um diese Frau.“
„Du weißt, was Du zu tun hast?“
Nadja. Ein Sommer am See. Wasserperlen auf der Haut. Ihr silbriges Lachen. Unser erster Kuss. Die Nacht unter den Sternen. Wir waren sechzehn gewesen.
„Natürlich.“

Natürlich log ich.

Nadja zu finden, war nicht schwer. Sie hatte das kleine Haus und das enge Leben ihrer Eltern übernommen. Sie arbeitete in der Stadtverwaltung, ging einkaufen, spielte mit ihrer Tochter, liebte ihren Mann, fütterte den Hund. Ich folgte ihr mehrere Tage lang, beobachtete sie aus der Ferne, versuchte zu verstehen. Warum gerade sie?
Bei keinem Auftrag zuvor hatte ich mir diese Frage gestellt. Konnte es wirklich sein, dass meine Auftraggeber nicht von Nadja und mir wussten? Es gab nur eine Erklärung: sie wollten mich und meine Loyalität auf die Probe stellen. Sie wollten das Werkzeug prüfen, das sie erschaffen hatten. Allerdings würden sie feststellen müssen, dass das Werkzeug nicht ohne Fehler war. Dieses Mal würde ich versagen.
Ich saß in meinem Wagen gegenüber von Nadjas Haus, als ein Auto vorfuhr. Ihm entstieg eine mittelgroße Frau in einem schlichten Kostüm. Sie hatte keine auffälligen Gesichtszüge, trug keinen Schmuck, war dezent geschminkt. Bis auf den Koffer in ihrer Hand, der sie als Vertreterin einer Kosmetikfirma auswies, war ihre gesamte Erscheinung so unspektakulär und mittelmäßig, dass mir zweierlei bewusst wurde. Erstens erkannte ich, wie sehr diese Mittelmäßigkeit bei der Ausführung der Aufträge half. Darum also war ich ausgewählt worden. Zweitens erkannte ich, dass ich zu lange gezögert hatte. Nach mir war nun auch diese mittelmäßige Frau beauftragt worden, sich um Nadja zu kümmern.
Als die Frau das Gartentor öffnete, stieg ich aus. Als die Frau zur Haustür ging, rannte ich über die Straße. Als die Frau ihren Finger auf den Klingelknopf legte, griff ich nach ihrem Arm. Ein Glockenton. Die Frau sah mich an, in ihren Augen ein rotgoldener Schimmer und - ganz kurz nur - Neugier. Als Nadja die Tür öffnete, hielt ich noch immer den Arm der mittelmäßigen Frau umklammert, als hinge nicht das Gewicht eines leblosen Körpers daran. Dann ließ ich los und floh.

Ob ich danach eine Wahl gehabt hätte, weiß ich nicht. Ich kenne das Gefühl nicht, wählen zu müssen. Ich habe nie eine klare Vorstellung davon bekommen, was ich wirklich wollte. Seit die rotgoldene Sonne in meinem Geist aufgegangen war, war mein Leben einfach passiert, und alles schien richtig gewesen zu sein. Doch jetzt war die Welt aus den Fugen und ich hatte immer noch keine Vorstellung davon, was sonst ich hätte tun können.
Wie immer also ging ich wieder hin, als sie mich das letzte Mal riefen. Ich ging hin, um zu sterben.

Später

Bewerbe
Dezember 4, 2013

Später, einen Tag, einen Monat, ein Jahr später. Die Zeit verliert sich im Starren aus Fenstern, im Hoffen auf Wunder. Die Zeit ist vergangen vor Langeweile. Sie wartet nicht mehr darauf, dass Du erwachst, die Augen öffnest, siehst, was vor Dir liegt. Die Zeit ist fort. Zurück bleibst Du mit leeren Händen, leerem Herzen. Nichts kehrt je zurück, denkst Du und weißt, dass es stimmt und doch nicht stimmt. Wie alles eine Wahrheit ist und gleichzeitig eine Lüge. Deine Wahrheiten sind Nebel, der aus fernen Bäumen steigt. Deine Lügen sind sinnloses Paddeln in der Mitte des Meeres. Der nächste feste Boden, die einzig erreichbare Wahrheit ist der Grund unter Dir und den wirst Du nicht lebend erreichen. Verloren bist Du. Schlägst nur aus Trotz noch mit den Beinen. Gib auf, lass Dich sinken, atme aus, sieh den Luftblasen zu, die von Dir fort, von der Dunkelheit fort aufsteigen ins ferner werdende Licht. Nichts kehrt zurück, ist der vorletzte Gedanke. Der Schmerz in den Lungen überwältigt Dich, und dann ist da - ganz kurz, zu spät - die alte Angst, die Dich am Leben halten will. Du öffnest den Mund. Wasser, salziges, kaltes Wasser füllt Deinen Rachen, Deine Lungen. Das letzte, woran Du denkst, ist der Geschmack von Tränen.

Du hast wieder geweint im Schlaf. Die Kissen aus dem Bett geworfen. Dein Körper verfangen in der Decke. Alles tut weh. Jede Bewegung. Das Licht. Die Laute der Straße, Autos, Menschen, Baustellenlärm. Alles beißt sich in Deinen Körper. Schließt Du die Augen, spürst Du noch die Wellen wogen in Deinen Lungen. Spürst das lichtlose Dunkel, in dem irgendwo richtiger, fester Grund sein muss, unzählige Faden tief. Du kannst nur liegen, an das Wasser denken und an die Angst, niemals mehr irgendwo anzukommen, da Du atmen kannst, leben kannst ohne den Geschmack von Salz auf den Lippen. Dann steigt erneut alles empor in Dir. Die Wellen werden wütender Sturm und ziehen Dich wieder hinab. Du kannst nicht anders als versinken.

Später, Jahre später, Tage später, immer noch tanzen Flecken vor Deinen Augen, wenn Du den Kopf zu schnell drehst. Jemand spricht. Du stehst Du am Fenster. Siehst hinaus. Willst das Dunkel nicht mehr spüren, auch wenn es Dich Deinen Grund kostet. Die Narben auf Deinen Armen, wo das Meer herausbrach, sind noch nicht verheilt. Die Stimme sagt wieder etwas. Du siehst aus dem Fenster. Legst Deine Stirn an das Glas. Kaltes Glas, das unter Deiner Berührung langsam warm wird. Nicht unangenehm ist das, aber kalt war besser. Kalt ist immer besser.
„Was sehen Sie?“ Die Stimme gibt nicht auf. „Menschen. Meer. Autos.“ Vor dem Fenster ist leerer Park. Herbst hat die Blätter von den Bäumen genommen. Du siehst nicht hin. Schließt Deine Augen. Versuchst irgendetwas zu fühlen, das nicht Glas ist, aber da ist nichts. „Was sehen Sie wirklich?“ Als ob das jemanden interessierte. Als ob das wichtig sei, als ob irgendetwas wirklich sei. „Ich weiß, Sie glauben, ich wäre hier, um Sie zu quälen, zu überwachen oder um herauszufinden, ob Sie verrückt sind. Ob wir Sie hierbehalten sollen.“ Die Stimme wird leiser, geht im anschwellenden Rauschen des Meeres unter. Du spürst das Ziehen Deiner Fingerspitzen am Schorf der Wunden. „Ich bin hier, um Ihnen zu helfen.“ Wo ist der tiefe, dunkle Grund? Du fällst. Das Meer ist dunkler diesmal, nicht graugrünes Blau, sondern rostiges Braun. Herbst, denkst Du noch, dann fließt wieder Schwärze über Deine Augen und trägt Dich fort.

„Wie geht es Ihnen heute?“ Es ist ein Mann. Jetzt erst, Wochen später siehst Du, es ist ein Mann. Er hat kurzes braunes Haar, an den Schläfen leicht grau. Falten um die Augen, die er sich ins Gesicht gegraben hat, damit Du denkst, er lache viel und sei freundlich. „Sie sind ein Mann.“ Er lächelt nicht, sagt nichts,  wahrscheinlich wusste er es schon. Er schreibt etwas auf. „Beantworten Sie bitte die Frage. Wie geht es Ihnen heute?“ Er schreibt alles auf. Wenn Du nichts sagst, schreibt er eben das auf. Um sich nicht zu langweilen vielleicht. Um das Kratzen des Stiftes auf dem Papier zu hören und nicht das Brüllen des Sturms in seinem Kopf. „Hören Sie das auch?“ Er antwortet nicht. Vielleicht hört er den Sturm nicht, nicht Deine Frage. Vielleicht ist das Kratzen des Stiftes lauter als Deine Stimme. Vielleicht interessiert er sich auch nicht für Dich. „Wie geht es Ihnen heute?“ Seit Wochen geht das so. Du legst Dein Gesicht in Deine Hände. Kalt sind sie. Eiskalt wie das Meer. Bevor die Handflächen Deine Augen bedecken, fangen die Narben Deinen Blick. Rote lange Striemen. Du hältst die Luft an. Spürst, wie Übelkeit in Dir aufsteigt bei der Erinnerung an das Weiß der Knochen unter der Haut. Das Weiß, das so lange zu sehen war, bevor Blut floß, Minuten, Stunden, Jahre vielleicht. Das Weiß hat sich in Deine Netzhaut gebrannt. Selbst jetzt, da Du die Handflächen gegen die Augen drückst, siehst Du es vor Dir, bar allen Fleisches. Das Weiß vor dunklem Grund. Dann wirst Du ohnmächtig.

Später lassen sie Dich gehen. Das Rot der Narben ist ausgeblichen. Das Tosen der Brandung ist dem Schlagen Deines Herzens gewichen. Du hast ihnen von Deiner Leere erzählt. Vom Dunkel, das in Dir schläft. Du hast behauptet, das Meer zähmen zu können. Hast gesagt: „Ich will leben.“ Hast gespürt, dass es eine Wahrheit ist, vielleicht Deine. Sie haben Dir geglaubt. Der Mann mit den grauen Schläfen hat es aufgeschrieben.
Irgendwann glaubst auch Du die Lüge. Willst sie glauben. So wie die Menschen an dem Ort sie glauben wollen, wird Dir klar. Sie wollen sie wie ihre eigenen Lügen glauben, damit sie glücklich sein können. Was ist das für ein Leben, denkst Du. Zu wissen, dass nichts wiederkehrt. Trotzdem weiterzugehen, das Dunkel im ungeschützten Rücken. Zu hoffen, dass die wiederkehrende Flut Dich nicht doch noch verschlingt. Aber wenn es macht, dass sie aufhören, Dich zu fragen, wie es Dir geht, dann überzeugst Du sie davon, dass alles gut ist, dass das Meer sanfter geworden ist, dass der ferne Grund nicht mehr an Dir zieht. Eine schöne Vorstellung ist das. Eine schöne Vorstellung, die Du da gegeben hast. Fehlt nur der Applaus. Fehlt nur der sich senkende Vorhang.

Später, Sekunden oder Monate später wird es zum wiederholten Mal Herbst. Du hast eine Arbeit gefunden, die nichts in Dir berührt. Menschen sind da, die kommen und gehen, mit Dir sprechen wie mit Haustieren oder Kindern. Wie sie alle gedankenlos reden und nichts sagen. Du packst Deine Sachen. Willst fort von den Menschen, die so sehr überall sind. „Was machst Du heute abend noch?“ Die Frage erschreckt Dich, keiner der Menschen hat bislang so mit Dir gesprochen. Als ob wichtig sei, was Du antwortest. Dass Du antwortest: „Nichts. Nach Hause. Schlafen.“ Du ziehst die Jacke an. Schulterst die Tasche. Gehst, doch der Mensch kommt mit. „Ich dachte. Vielleicht möchtest Du. Könnten wir. Vielleicht. Was meinst Du?“ – „Was meinst Du?“ Es interessiert Dich nicht. Du willst nach Hause, willst das erste Mal wirklich nach Hause. Während der Mensch immer noch spricht, läufst Du schneller. Änderst die Richtung, nur fort vom Menschen, doch der Mensch folgt. „Warte, ich bringe Dich heim. Wo wohnst Du?“ Du drehst Dich nicht zum Menschen um. „Nein. Danke. Nirgends.“ Du rennst bald. Spürst Deinen Puls. Dein Herz. Deine Lungen. Du fliehst weiter. Schließlich, endlich, bist Du wieder allein, weißt nicht wo, irgendwo, auf der falschen Seite der Gleise. Du hörst das Rauschen wieder. Angst vor dem Dunkel steigt auf, doch es ist nur der Zug, der bald den Bahnhof erreicht. Dein Zug. Du fängst wieder an zu laufen. Du rennst wieder, Du rennst quer über die Gleise.

Anders

Semiliterarisches Lebenslogbuch von
Anders Wolf, ab und an
mit Erkenntnisgewinn.
Impressum

Und nein,
ich will Eure Cookies nicht.
Datenschutzerklärung

Anderswann