Die Wolken ziehen nicht weiter

Alles ist erstarrt, die Zeit, die Wolken, die Sonne, das Bild bleibt ewig das selbe.

Ich stehe auf, ich gehe zu Bett, ich laufe durch stumme Straßen, durch den Park, wo die ersten Blätter im Fall gefangen sind, unfähig, je den Boden zu erreichen. Die Menschen um mich dagegen sind so schnell, so viel schneller als ich, ich nehme nur Schatten und Schemen wahr, ihre Stimmen so leise, dass ich sie nicht mehr höre, alles rast und rennt, nur ich verharre in jener Zwischenzeit, die nicht natürlich und nicht menschlich ist.
Die Tage dehnen und strecken sich, ohne Horizont gähnen sie mich morgens an, nur um Sekunden später das Nachglühen des Sonnenuntergangs verbrennen lassen. Die Sterne stehen still, doch der Mond wandelt seine Phasen innerhalb von Stunden.
Ich stehe auf, ich gehe zu Bett, es ändert nichts, unterscheidet nichts, ich bin wie einzementiert in mein Leben, das sich nicht verändern will. Und doch ist da kein Zement, ist da nur die Angst vor dem Unbekannten, vor dem Nicht-mehr-ich-selbst-sein, vor der großen Veränderung, die ich doch so sehr erhoffe.

Im Gespräch mit Kunden spreche ich rasch über Politik, denn das ist ein Feld, das ich kenne: die Aufregung, den Willen selbst des konservativen Bio-Bürgertums zur Revolte, zum Umsturz. Wie sie alle darauf warten, dass endlich ein Retter kommt, einer, der endlich mal sagt, was passiert, egal wie unangenehm diese Wahrheit sei, die aber wenigstens ein einziges Mal die Wahrheit ist.
Sie alle sehnen sich danach, dass es uns endlich schlecht genug geht, dass wir nicht mehr mit Scheindebatten die Symptomatik verkleistern, sondern endlich an der Wurzel des Problems arbeiten: dem Verlust an Gemeinschaft, der Vereinzelung des Menschen im Staat, der Entfernung von Regierung und Regierten, dem ewigen Ich-Primat in Zeiten des verblassenden Gemeinsinns.
Sie alle sehnen sich danach, durch die Wahrheit von ihren Lügen, auch von ihren Selbstlügen erlöst zu werden.
Sie alle, denke ich, sage ich, schreibe ich, und meine doch nur mich.
Ich habe es satt, mich selbst mit Vorwürfen und Entschuldigungen zu überhäufen, ich habe es so satt, meinen Mund zu halten aus Sorge, irgendjemand könnte meinen wahren Gedanken zu nahe kommen. Und das nicht einmal aus Sorge, dafür abgelehnt zu werden, nein, viel schlimmer: ich habe Angst, jemand könnte auf den Gedanken kommen, mich meiner Gedanken wegen zu mögen.

"Es ging immer nur um Dich, Kirren! All die Spiele, die Marathorn trieb, alle Fäden, die er zog, alles tat er immer nur für Dich!"
"Arket, das ist doch lächerlich. Was ist an mir so Besonderes, dass er..."
"Nichts! Du bist Nichts! Du bist ein unfähiger Magier, ein ängstlicher Mensch, ein Nichtsnutz. Und doch hat Marathorn in Dir etwas gesehen, das niemand sehen konnte."
"Du täuschst Dich, das kann nicht sein."
"Weißt Du, weswegen ich mit Dir gegangen bin? Warum ich Dich beschützt habe, als die Soldaten uns angegriffen haben?"
"Weil Du mein Freund bist?" Kirren sprach das so leise aus, als ahnte er, dass dies nicht Arkets Antwort sein würde.
"Weil Marathorn es mir befohlen hat. Weil Marathorn schon seit Jahren ahnte, dass etwas geschehen sollte, habe ich immer zu Dir gehalten. Er hat mir Versprechungen gemacht dafür, er hat geschworen, es gelte, nicht nur Dich zu beschützen, sondern uns alle, doch ich glaube das nicht mehr." Arkets Stimme wurde plötzlich ruhiger, doch sein Atem verriet, dass seine Wut nicht geringer geworden war, im Gegenteil konnte Kirren die Hitze, die langsam in Arket aufstieg fast schon selbst spüren.

Die Worte fließen nicht mehr, ich muss sie mir mühsam aus der Haut schneiden, die Stimme in meinem Kopf erzählt nicht mehr, spricht nicht mehr. Ich dachte, ich hätte den Zensor, der mich schweigen lässt, schon vor langer Zeit überwunden, dass all die Wahrheiten, die ich schon für Andere aufschrieb, ihn endlich hätten machtlos werden lassen, doch ich habe mich getäuscht. Tatsächlich bin ich in noch tieferes Schweigen verfallen, habe ich mich noch mehr in meiner Wortlosigkeit vergraben, habe nach all den offensichtlichen Wahrheiten aufgehört, irgendetwas zu erzählen, als gäbe es nichts mehr zu sagen.
Doch nur, weil ich keine Worte dafür habe, heißt es nicht, dass ich nicht sprechen muss.

Die Wolken stehen wie gemalt an einem stetig sich wandelnden Himmel, die Sonne zieht rückwärts ihre Bahn zwischen Sternen, die schon verloschen waren, bevor ich erstmals meine Augen öffnete. Ich gehe zu Bett, ich stehe morgens auf, neue Tage beginnen, alte vergehen mit dem Abendrot zu Nichts als einer weiteren Erinnerung, die ich nicht haben werde.
Ich bin allein mit meinen verrinnenden Worten, mit meinen verblassenden Träumen, mit meinen Wahrheiten und meiner Angst.
Ich bin allein in einem Leben voller Menschen, ich sehe sie sich verändern, wachsen und sterben, doch nehme ich keinen Anteil, interessiere ich mich nicht. Sie alle sind wie ich, wir sind alle eins, alle sind wir allein, einsam.

Die Wolken ziehen nicht weiter, der Tag wird nicht enden, keine Nacht wird mehr kommen.