Wachstumsschmerzen

Was alles andere betrifft, bin ich nicht sicher.
Wie sollte ich auch, denn mal wieder bricht alles um mich auseinander, alle meine Wahrheiten entpuppen sich als potemkinsche Dörfer, alle Fassade platzt ab, während ich zusehe und zusehends erstarre. Denn meine Wahrheiten, stelle ich fest, sind nicht mehr als Pappmaché und Holzverschalung, Schmuckdekor und Realitätsimitat. Mein Leben ist irgendwas künstliches, stelle ich fest, und unter dieser Lackschicht, stelle ich weiter fest, ist irgendwas, das ich nicht anfassen, geschweige denn sehen will.

Ich habe zu kämpfen damit, dass ich erwachsen werden muss, seit zehn Jahren, vielleicht schon länger habe ich mit dieser Adoleszensierung zu tun, die ich nicht hinter mir lassen kann, egal, wie wenig ich mich auch rasiere. Mir wird zwar gesagt, dass mir Kundinnen hinterherschauen, als hätten sie schmutzige Gedanken bei meinem Anblick, zuhause bin ich aber immer noch das gleiche unsichere Kind, das sich von seinen Geburtstraumata immer noch abnabeln muss.
In der Hoffnung, dass irgendwann doch noch jemand kommt und meine Unordnung für mich aufräumt wie meine Mutter früher mein Zimmer, wenn sie vermutete, dass ich irgendwo unter dem Gerümpel verschüttet worden sei, schiebe ich immer noch alles auf die lange Bank, die nicht etwa länger, sondern einfach nur voller wird. Ich habe Angst vor diesem Stapel an Dingen, die sich da auftürmen, Angst vor dem, was ganz unten begraben sein mag, Angst davor, dass alles über mir zusammenstürzt.

Und dann wieder habe ich wieder so einen Abend, an dem ich aus Versehen entgrenzt bin, zuviel Alkohol ist im Spiel, das kenne ich, da mache ich dumme Sachen. In einem anderen Leben war ich auf einem Rosenmontagsball, ich habe getanzt und getrunken und gelacht und noch mehr getrunken und noch mehr gelacht, anschließend saßen wir mit einer Hummel im Taxi und mir war so schlecht, dass ich fast ins Treppenhaus gebrochen hätte.
An diesem Abend war da Felix. Ich erinnere mich nicht mehr anders an ihn als den schönsten Mann, den ich bis dahin gesehen hatte (was er nicht war); als einen Mann, der mit mir, dem deutlich älteren, geflirtet hat (was er nicht tat); als einen Mann, der mich, hätte ich mich nicht trotz (oder angesichts) meiner drohenden Alkoholvergiftung an meine Prinzipien geklammert, vor den Augen seiner Freundin geküsst hätte (was er nicht gemacht hätte). Dass ich die nächsten Tage im Bett lag, rührte nicht allein vom Alkohol und nicht von der Erkältung her, die ich mir aus all den fremden Bechern ertrunken hatte. Ich kämpfte mit mir, mit meinen Prinzipien, mit meinem Entsetzen darüber, dass ich meine Beziehung beinahe im Vollrausch über Bord geworfen hatte. Ich haderte mit mir, denn ich verstand nicht (weder tat ich es damals, noch verstehe ich heute), woher diese Anziehung kam, die sich selbst in der Nüchternheit noch als eine Sehnsucht in den Vordergrund all meines Denkens spielte, die mit der Geborgenheit meiner Beziehung nichts zu tun haben schien, denn sie war bloße Begierde nach diesen Lippen, diesem Körper, ein Verlangen nach einem Verlangen.

"Siehst du," das habe ich letzte Woche nach meiner letzten alkoholinduzierten Entgrenzung gesagt, "da ist keine Emotion, das ist keine Liebe, keine Herzensangelegenheit, das ist rein körperlich."
Und da erschrak ich nicht, haderte nicht, trennte nicht zwischen dem betrunkenen und dem nüchternen Ich. Mein Verstand, mein alles ausbremsender Verstand hatte sich verabschiedet, war mit den anderen Theaterleuten gegangen, die mich, ihn und sie mit vielen halbleeren Rotweinflaschen zurückließen.

Ich habe versucht, diese Geschichte anders und anderen zu erzählen.
Dem Freund, der Verständnis und Besorgnis in einer heiteren Gelassenheit vermischte, weil er mich kennt und den Alkohol und die Beziehung, die ich zum Freund und zum Alkohol pflege; weil er da differenziert, wo ich es nicht will.
Der Arbeitskollegin, die ich am nächsten Nachmittag ablösen sollte, die mich aber statt dessen noch zwei Stunden vertrat, während ich leichenblass und mit einem kühlen Tuch auf der Stirn im Lager zwischen den Regalen lag.
Weder ihr noch der Sportfreundin konnte ich sagen, was ich herausschreien wollte, und immer noch sind meine Lippen versiegelt, ich kann nicht aussprechen, was ich fühle: diese Angst, mein Selbst unter meinen Händen zersplittern zu spüren.
Zumindest konnte ich den Wein erwähnen, diese Unmengen an Wein, die ich in mich hineingeschüttet haben muss. Als sie, die Sportfreundin, diesen, genau diesen Wein getrunken habe, habe sie aus Spaß einen in einer Buntglasscheibe eingebrachten Frosch geküsst.
So absurd das schien, und so absurd es auch jetzt noch klingt, so gut kann ich es mir vorstellen, sowohl bei ihr als auch bei dem Wein.

Protokollieren muss ich, soweit ich es noch im Gedächtnis habe, was geschah.
Wir trinken Wein, viel und zuviel Wein, er, sie und ich. Auf der Bühne sitzen wir, nur dort ist Licht, der Zuschauerraum liegt im Dunkeln. Es könnte ein Stück sein, denke ich heute, es ist eine Szene, in der Konflikte aufgedeckt werden, eine Szene, in der ein ganzes Leben auf den Prüfstand gestellt wird und nicht besteht.
Er, sie und ich, wir sitzen beleuchtet im Dunkel der Welt und trinken Wein. Über Fremd- und Selbstwahrnehmung sprechen wir, über genutztes und vergeudetes Potential, über Intelligenz und Lebenstauglichkeit. Er macht mir leider Komplimente, weil ich ihr meine Erkenntnissplitter als Weisheiten unterjubeln kann, und Komplimenten kann ich nicht widerstehen, wenn ich angeschlagen bin.
"Wie machst du das", fragt er, "dass du gleichzeitig so betrunken bist und doch so klar denken kannst?"
Ich weiß es nicht, sage aber trotzdem etwas, das er mir als weitere Weisheit abnimmt. Ich kann mich nicht daran erinnern, was es war, heute bin ich gewillt, an die Relativität von Klarheit zu glauben. Die letzte Flasche ist plötzlich leer, es sind nur noch zwei Gläser Wein übrig, ihres und meins. Er hat die Wahl und nimmt mein Glas, ob ich etwas dagegen hätte, interessiert ihn nicht, er trinkt. Stunden vorher haben wir über Homosexualität gesprochen. Über meine, denn er hat eine Freundin. Nicht anwesend, aber immerhin. Jetzt sprechen wir wieder über Homosexualität.
Erst hier unter den Theatermenschen mache ich das wieder. Nirgendwo sonst mache ich das, und ich merke, wie lange ich mich doch schon wieder versteckt habe, nicht absichtlich verstellt, aber die Wahrheit anderen Menschen vorenthalten durch Schweigen, durch Aggression, durch Ablenken. Es sei kein Thema, das relevant wäre, war meine andauernde Selbstrechtfertigung, und doch ist es relevant, denn so wenig ich ausschließlich schwul und erst weit später alles andere sein wollte, kann ich ausschließlich alles andere sein und nur ganz am Rande schwul. So lange ich mit einem Mann zusammenlebe, kann ich nicht so tun, als wäre meine Homosexualität nichts, was mich nicht beträfe.
In meiner Erinnerung, die jetzt schon durch Rechtfertigung gefärbt ist, fragt er mich, wie das ist, wenn zwei Männer sich küssen. Ich ahne heute, dass diese Frage nicht ursächlich von ihm kam, sondern dass das eine Pornophantasie ist, dass ein angetrunkener Hetero-Mann plötzlich und unmotiviert Interesse an Gleichgeschlechtlichkeit äußert. Ich befürchte, dass er die Frage zwar gestellt hat, aber eher als Reaktion auf etwas, das ich sagte: "Ich fände jetzt Rumknutschen super."

Beim Rosenmontagsball habe ich das auch gesagt, doch dann kam das Taxi und die Hummel und die Übelkeit. Beim Rosenmontagsball war alles Spaß und gute Laune und die Zukunft noch tierisch weit weg.

Letzte Woche dagegen ist fast zehn Jahre später. Ich bin fast zehn Jahre älter, die Zukunft hat längst ohne mich begonnen und ich habe nicht vor lauter Spaß an der Freude getrunken. Es kamen kein Taxi und keine Hummel, wir waren immer noch zu dritt auf der Bühne, sie und er und ich. Irgendwann vorher hatten wir einen versehentlich handgreiflichen Streit, aus trivialen Gründen, sie hat ihn angeschrien und er hat mich gewürgt, woraufhin ich zurückschlug. Irgendwann vorher simulierte er eine sexuelle Belästigung an ihr, die sie nicht mitbekam, aber die Obszönität der Geste galt auch nicht ihr, dem vermeintlichen Opfer, sondern mir, dem angewiderten Beobachter. Irgendwann vorher saßen wir auf der Bühne und sprachen über die Freiheit des Geistes.
Meine Erinnerung verlangt, dass er mich geküsst hat, mein schlechtes Gewissen sagt mir, dass ich ihn geküsst habe. Wahrscheinlich waren wir beide betrunken und neugierig genug, um einander gleichermaßen küssen zu wollen. Er war überrascht und fühlbar angesprochen, sagte, dass er selten so gut geküsst worden sei. Ich war überrascht und schockiert und gleichzeitig begierig nach mehr.
"Siehst du," sage ich zu ihr, wie als Antwort auf eine Frage, die sie gestellt haben könnte und die doch nur meine aufbrechenden Selbstzweifel sind, die ich da adressiere, "da ist keine Emotion, das ist keine Liebe, keine Herzensangelegenheit, das ist rein körperlich."
Und ich will es glauben, und doch ziehe ich ihn wieder an mich und er zieht mich an sich und wir küssen uns.

Das Verlangen nach dem Verlangen hält an. Auch eine Woche später kann ich es nicht vergessen, auch wenn ich weiß, dass es mit ihm nichts zu tun hat. Es ist etwas, das allein mit mir zu tun hat, mit dem Vermissen von etwas, das in langjährigen Beziehungen verloren gehen kann. Dem Freund habe ich von dem Kuss erzählt, es war das Erste, was ich ihm sagte und sagen wollte am nächsten Tag.
Hatte ich ihn geküsst, weil ich unglücklich in meiner Beziehung oder nur betrunken war?
Sollte ich, wenn es keine Rolle für unsere Beziehung spielte, es überhaupt ansprechen, denn zeigte die Erwähnung eines unwichtigen Themas nicht, dass es eben doch relevant sei?
Sollte ich den Freund überhaupt mit möglichen Zweifeln an unserer Beziehung belasten, sollte ich diese schlafenden Hunde wecken?
Die Arbeitskollegin hatte ich vorher um Rat fragen wollen, um eine Antwort auf meine Zweifel, doch zwischen den Regalen liegend kamen mir keine Worte über die Lippen. Und so schleppte ich meine Zweifel mit nach Hause und ließ sie dann doch fahren.
Ich erzählte ihm von dem Kuss, von dem Wein, von meinen Zweifeln. Und der Freund fragte nur, ob er sich Sorgen machen müsse, um mich oder um uns oder um ihn. Und in dem Moment, da ich antwortete, wusste ich, dass ich die Wahrheit sprach: "Das einzige, weswegen wir uns sorgen müssten, ist mein Problem mit Alkohol."

Ich liebe den Freund, das tue ich wirklich, egal, wie piefig unser Alltag oft ist. Aber das ist eben Alltag, und dieser Alltag hat auch etwas Beruhigendes angesichts meines eher fragmentarischen Restlebens. Ich versuche, mich seit Jahren neu zu erfinden; und auch wenn der Gedanke verlockend scheint, noch einmal ganz von Neuem zu beginnen, bin ich doch klug genug zu wissen, dass alles, was mich jetzt in meinem Leben beschwert, auch Ballast nach einem Neuanfang wäre.
Meiner Angst und meinen Sorgen kann ich nicht davonlaufen, wenn sie Selbstzweifel und Missmut heißen. Der Freund dagegen liebt mich bedingungslos, er verhindert nicht meine Wendungen, meine Häutungen, Wandlungen; im Gegenteil gibt er mir den Freiraum, all das auszuprobieren, ohne mich unter Erwartungsdruck zu setzen.
Das ist nicht selbstverständlich, das weiß ich.
Trotzdem habe ich das Gefühl, wieder einmal, dass alles falsch ist, was mein Leben ausmacht. Ich kann nicht erkennen, was andere in mir sehen, fühle nur die Erwartungen, den Druck, der auf mir lastet. Mein Rat wird gesucht, meine Hilfe gebraucht, meine Expertise erwartet, meine Anwesenheit angefordert. Ohne mich ginge nichts, wird mir gesagt, und doch kann ich das nicht glauben, denn es ging doch schon immer ohne mich, noch nie war ich wirklich nötig, damit die Welt sich drehte.
Und doch scheinen sich in letzter Zeit die Vorfälle zu mehren, dass sich da jemand für mich und für kompetent ausgegeben hat. Diese Fußstapfen kann ich nicht ausfüllen, diese Lücke ist zu groß für mich. Habe ich irgendwann angefangen zu lügen über meine Fähigkeiten? Habe ich behauptet, all das zu sein, was andere in mir sehen? Ich muss ein Lügner sein, ein Hochstapler.
Dass ich das kann, weiß ich, das ist eines meiner wenigen Talente: ich bin überzeugend, wenn ich es sein muss, die Angst macht mich zum besten Erfinder der Welt. Doch der einzige, den ich überzeugen möchte, der glaubt mir nicht. Ich kenne mich zu gut, um auf meine Lügen hereinzufallen; ich kann meine Wahrheiten nicht so sehr verbiegen, dass ich sie selbst nicht mehr erkenne. Alle Fassaden bekommen Risse und darunter erkenne ich das Flickwerk meines Kulissenbaus.

Vielleicht ist das Erwachsenwerden; das Anerkennen, dass man größer geworden ist; dass einem die Kindheit nicht mehr passt. Vielleicht ist es auch das: Fehler zu machen und anzuerkennen, dass sie auch nur Erfahrungen sind; und dass es auf den Umgang mit ihnen ankommt und nicht auf sie selbst. Vielleicht ist es auch das: nicht mehr sentimental werden, wenn idealisierte oder übertriebene Erinnerungen an die Oberfläche des Bewusstseins treiben. Vielleicht ist es auch das: mehr machen als machen wollen.