ANDERSWOLF

Weil Stehenbleiben auch nicht hilft.

How to drown

"So tun als ob", schrieb ich im Juli 2021, sei ja wohl nicht nur das einfachste, sondern vor allem das einzig richtige in einer Situation, in der das Sich-Zurecht-Finden mal echt nicht mehr funktioniert, weil der Kompass - und sei es aus Versehen - entnordet ist. Alles sei einfach, schrieb ich, wenn ich nur wirklich wollte.

Pfft.

"Fake it 'til you make it" ist ja wohl die bescheuertste Selbstlüge, die ich mir in den letzten Jahren erzählt habe. Ich springe ja auch nicht ins Meer, wenn ich zwar nicht schwimmen kann, aber plane, so zu tun, als wüsste ich es. Sich bewusst selbst zu überschätzen, ist eine der einfachsten Möglichkeiten, sich ins Unglück zu stürzen. 

Ich habe 2022 ein mir fremdes Leben simuliert, in Mustern gelebt, die mir nicht unbekannt, aber auch nicht eigen waren. Zwar hatte ich mit Urlauben, Theaterprojekten und Schreibwettbewerbe ein paar Bojen, die mich durch das Jahr gelotst haben, dazwischen lagen aber weite Meilen voller Nichts.

Diese seelische Leere hatte ich für 2020 erwartet, doch im ersten Corona-Jahr konnte ich noch von vorigen Reserven zehren. Die Daueranwesenheit meines Mannes gab meinem Tag Struktur, über die Vereine hatte ich Aufgaben, Digitalyoga hielt mich flexibel, und irgendwie war die Pandemie trotz allen Horrors ja auch aufregend. 

Im zweiten Corona-Jahr pendelten die Welt und ich uns ein in der allgemeinen Überforderung. Ich verließ ich meine Vereinsvorstände, mein Mann kehrte zurück ins Büro, und statt Yoga zu machen starrte ich jetzt immer häufiger vom Fenster aus auf Menschen, die komplett rationalitätsentkoppelt durch die Straßen marschierten. 

Mit leichter Restüberforderung bin ich dann ins dritte Jahr der Pandemie gestolpert. Aus Gesprächen mit anderen weiß ich (mittlerweile), dass es nicht nur für mich ein fragmentiertes Jahr war. Noch dazu war ich so viel weg wie seit Jahren nicht, und wenn ich mal daheim war, war ich doch nicht mehr daheim

Nach außen habe ich so getan, als sei alles in Ordnung, während in mir alles verfiel. Ich war desorientiert in meinem eigenen Leben und unfähig, die offensichtlichen Baustellen wirklich anzugehen. Stattdessen habe ich mir Youtube-Videos reingezogen, Netflix-Serien, Pornographie oder Soziale-Medien-Müll. 

Ich habe - offensichtlich - versucht, mich in einem Meer aus Nichtigkeiten zu ersäufen. Ich wollte - so meine Vermutung - einfach etwas fühlen, irgendwas. Oder - so meine Befürchtung - ich wollte nur nicht mich fühlen. Dann doch lieber einen sechsstündigen Verriss von Dr. Strange in the Multiverse of Madness gucken.

Hauptsache nicht denken. 

Denkvermeidung funktioniert leider nur an der Oberfläche. Das Gehirn arbeitet ja auch unbemerkt, es vermisst dauernd die Welt und rekalibriert unsere Erwartungen mit unserer Wahrnehmung. Und wenn der Tauchgang erst begonnen hat, geht es so lange abwärts, bis man ganz unten ankommt.

Gesunkene Erwartungen schwächen nämlich auch die Notwendigkeit ab, den kümmerlichen Status Quo zu ändern. Wer nichts erwartet, ist zwar schätzungsweise auch mit nichts zufrieden, wird aber auch nichts investieren, denn es gibt ja auch nichts zu gewinnen. Und irgendwann ist dann auch das Selbstwertgefühl ersoffen. 

Wenn man überhaupt noch fühlt. 

2022 sind einige Menschen in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis gestorben, nicht an Covid, sondern an üblichen, nicht weniger einschneidenden Todesursachen. Aber entweder hat die Pandemie meine grundsätzliche Reaktionsfähigkeit auf das Sterben anderer Menschen eingeschränkt oder ich bin einfach kaputt gegangen. 

Mir ist das erst retrospektiv aufgefallen, als ich anlässlich des Jahreswechsels meine Tagebucheinträge des letzten Jahres durchgegangen bin. Wie häufig ich da aufgeschrieben habe, den ganzen Tag mit nichts als Videos zugebracht zu haben. Und wie beiläufig ich anlässlich eines Todesfall geschrieben habe: "Fühle nichts dazu."

Ich weiß nicht, wie das von außen ausgesehen hat. Eine Freundin hat vor ein paar Tagen zu mir gesagt, wenngleich im Kontext des angekündigten Umzugs, sie habe durchaus gemerkt, wie ich mich im letzten Jahr entfernt hätte, nicht nur von ihr, sondern auch von gemeinsamen Freunden und Bekannten. 

Wenn ich die Wahl hatte, habe ich lieber Unpässlichkeit vorgeschützt als mich in eine soziale Interaktion zu begeben. Mir waren selbst mir liebe Menschen lästig geworden. Als der Mann mal für eine Woche weg war, ist mir erst nach einigen Tagen aufgefallen, dass ich seit seiner Abreise mit niemandem mehr gesprochen hatte. 

So kann es nicht weitergehen, denke ich mir und frage mich gleichzeitig: was also tun? Partiell hat sich die Frage schon unbeabsichtigt beantwortet, weil der Mann und ich ja in eine andere Stadt ziehen. Meine Muster aus dem letzten Jahr werde ich dort so nicht aufrechterhalten können.

Gleichzeitig droht mir eine noch stärkere Verwahrlosung, weil ich da noch weniger mit Menschen zu tun haben muss als hier. Um mich irgendwie einzugewöhnen, Kontakte zu knüpfen, ein neues soziales Netz zu weben, werde ich wohl wieder arbeiten gehen, in Vereine eintreten, das Naheliegende eben. 

Ich muss aber meine Tage grundsätzlich neu strukturieren und ausrichten: Ich brauche eigene Projekte, Dinge, an denen mein Herz hängt, und die mich auch dann an die Oberfläche ziehen, wenn mir die Kraft zum Gerade-so-über-Wasser-Halten auszugehen droht. Eine Rettungsweste gegen den Ruf der Tiefe. 

"So tun als ob" ist nämlich nicht die Lösung auf die Frage, wie man mit selbsterschütternden Krisen umgeht. Es kann nicht darum gehen, sich und anderen etwas vorzumachen in der Hoffnung, niemand und vor allem man selbst würde nicht erkennen, wie ernst die Lage ist. "So tun als ob" ist nicht die Lösung, sondern: Tun.

Januar 4, 2023

Fortschreitungen

Fortschreitungen erschaffen und lösen Dissonanzen und Konsonanzen in der Musik.
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