Abruptum | ANDERSWOLF

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Alles außer Ahnung

[cries in Gen-X]

Abruptum

Usus operi
Juni 25, 2023

Als sie mir das Geschenk überreichen, ein Album Best of Bühnenwolf, haben sie es fast geschafft. Für ein paar Sekunden fühle ich mich der Klippe nah, der ich mich seit Monaten fernhalte. Ich überlege zu springen, mich fallen zu lassen, mich einfach dem Sog zu ergeben, doch dann ist der Moment vorbei, ich stehe wieder sicher, die Vertigo ist vergangen, bin wieder stabil. 

Ist nicht so, als trauerte ich nicht. Oder eigentlich: als hätte ich nicht schon genug Tränen vergossen. Wobei: wie viele Tränen sind ausreichend, um zehn, zwanzig Jahre eines Lebens angemessen zu verabschieden? Wie viele habe ich nach dem Tod meiner Großeltern vergossen? Wie viele nach dem Tod der lieben Freundin? Wann darf ich mich mit zwei lachenden Augen auf und über die neue Stadt freuen und nicht nur mit mindestens einem weinenden?

Die Wahrheit ist: es wird nie genug sein und doch immer zu viel. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass alle Freundschaften den Umzug überleben werden. Noch nicht mal, wenn ich mich ganz besonders anstrengte: es wird anders sein, weil ich einfach fort bin. Keine zufälligen Treffen, kein spontanes Kaffeetrinken, keine überraschenden Besuche, kein Theater mehr, keine gemeinsamen Projekte. Das ist vorbei. Diesen Teil der Entwicklung zu bedauern ist richtig und wichtig.

Andererseits ändert Weinen nichts, im Gegenteil steht jede Träne für einen verlorenen Moment, einen verschwundenen Punkt im Raum-Zeit-Kontinuum, eine ausgelöschte Zukunft. Wir beweinen, was wir nicht mehr haben werden, wir beweinen den Schmerz, der uns ausfüllt; wir trauern um das, was nie wieder sein wird, statt uns auf das zu freuen, was vielleicht kommen kann. Wir schauen zurück, klammern uns an das Vergangene - und verpassen Gegenwart und Zukunft.

Natürlich bewegen wir uns in verschiedenen Geschwindigkeiten durch diesen Abschied. Während ich mich seit dem Sommer (und seien wir ehrlich: im Grunde seit Jahren, Jahrzehnten) darauf habe vorbereiten können, war die Ankündigung für die meisten anderen doch eher abrupt und hat sie auch dementsprechend geschockt. Ich hatte Monate Zeit, mich zur Klippe vorzutasten und in die unermessliche Tiefe hinab zu starren, mich an die Perspektive zu gewöhnen. 

Ich hatte Gelegenheit, mir den Absprung vorzustellen; alle anderen jedoch habe ich mehr oder weniger über die Kante geschubst. Kein Wunder also, dass sie von dem Abruptum - sagen wir mal - unerfreut sind. Niemand wird gerne vor vollendete Tatsachen gestellt, und auch wenn es meine Entscheidung ist, was ich mit meinem Leben anfange: es tangiert letztlich alle Leben, die mit meinem verbunden sind, und sei es auch noch so lose. 

Ich weiß nicht, ob man lernen kann, solche Veränderungen, die ja letztlich sehr eigene sind, so zu moderieren, dass am Ende alle glücklich sind. Ich weiß, es gibt so etwas wie Change Management, aber dem liegt ja eine gemeinschaftlich zu erkennende Dringlichkeit zur Veränderung zugrunde. Diese Notwendigkeit ist ja hier nur knapp und sehr persönlich beim Mann und mir gegeben; alle anderen hatten kein Problem mit dem Status Quo.

Ähnlich bei meinem Coming Out vor zweieinhalb Leben: als ich nach Jahren der Introspektion plötzlich die Erkenntnis oder eher Akzeptanz gefunden hatte, mich als schwul zu identifizieren und mich nicht davor zu fürchten oder dafür zu hassen, wollte ich es auch nicht mehr für mich behalten. Dass das nicht alle begeistern würde - darauf hatte ich keinen Gedanken verschwendet. Warum sollte sich jemand nicht für mich und meine neu gefundene Selbstliebe freuen?

Stellt sich raus: Menschen wollen Sicherheit und mögen nur selten Überraschungen. Sie werden nicht gerne mit Fakten konfrontiert, die ihre Vorstellungen von der Welt (oder ihre eigenen Pläne) ins Wanken bringen können. Es scheint, als würde niemand gerne über den Rand einer Klippe geschubst. Wenn sie die Veränderung ahnen, Zeichen für einen bevorstehenden Wandel wahrnehmen können, dann ist es (vielleicht) akzeptabel. Wenn nicht, dann aber mal echt nicht. 

Ebenfalls zu besichtigen war das (vielleicht) bei Corona. Das hat ja auch niemand (außer Epidemiologys) so richtig kommen sehen und hat darum (fast) ausnahmslos alle gleichermaßen getroffen - bis die Veränderungsträgen plötzlich zu Anpassungsunwilligen mutierten und sich in einen ideologisch verbrämten Widerstand reinstilisierten, der an der virologischen Wirklichkeit komplett vorbeidriftete und nicht wenige Coronaleugnys das Leben kostete.  

Natürlich hätten wir uns alle am Status Quo verbeißen und daran ersticken können, aber so realitätsavers sind ja dann doch die wenigsten. Am Ende verstehen die meisten, dass sich die Dinge nun mal ändern, manchmal langsam, manchmal schnell. Dass alles immer gleich bleibt, das wünschen wir uns vielleicht. Aber dass das nicht so ist, wissen wir spätestens, wenn wir  morgens nicht mehr so elastisch aus dem Bett hüpfen wie vor zwanzig oder dreißig Jahren. 

Nun ist der Umzug insgesamt weniger dramatisch: niemand müsste mit einer Selbstlüge leben oder sich an die ECMO anschließen lassen, wenn der Mann und ich in Bad Nauheim blieben; im Gegenteil ging es uns - bis auf eine einsetzende Fatigue - ganz gut. Der Mann ist im Job an einer guten Position, im Theater hätte ich (Achtung, überspitztes Selbstlob) jedes Stück mit meiner Teilnahme geadelt. Und Bad Nauheim selbst? Einzigartig schöne Stadt, soziales Netz. 

Und doch: langweilig das alles. Dem Mann wird vor lauter Betriebszugehörigkeit demnächst eine versilberte Uhr aufgedrängt; meine Unausweichlichkeit im Theater wurzelt nicht zuletzt in meiner Selbstbestätigungsnot; Bad Nauheim ist anstrengend vergangenheitsverliebt. Nur das soziale Netz: nicht langweilig, aber eben doch löchrig. Die Pandemie hat gezeigt, dass irgendwie alle untereinander Vertrauenskontakte waren; mir und dem Mann allein blieben der Mann und ich. 

Klar, auch da gehört Einsatz dazu. Wer sich nicht meldet, weil er sich niemandem aufdrängen will, gerät leicht in den Hintergrund. Und wären wir im Abflauen der Pandemie schon umgezogen und nicht nach drei postpandemischen Theaterprojekten: wer weiß, ob das Abruptum ebenso empfunden worden wäre. So war ich nochmal eine kurze Zeit omnipräsent - und bin es demnächst kein bisschen mehr: einfach von der Klippe gekippt. 

Insofern ist da natürlich Abschiedsschmerz, in seiner Nostalgie fast schon überwältigend, während ich durch die Bilder im Album blättere und mich an die Momente dahinter erinnere: Mephisto, Verkündigungsengel, Feldprediger, Marquis Posa, noch andere, kleinere Rollen; vor allem anderen aber das größte Geschenk, das mir der Verein je gemacht hat: Die letzte Königin, mein eigenes Stück, die ultimative Selbstverwirklichung, nur ich auf der Bühne, drei Stunden lang. 

So, denke ich, ist es letztlich immer, wir sind am Ende immer allein auf der Bühne, können natürlich hoffen, dass die anderen in den Reigen einsteigen, sich auf uns verlassen, uns vertrauen, sich mit uns fallen lassen; aber am Ende sind wir für uns selbst verantwortlich. Für unseren eigenen Erfolg ebenso wie für unseren eigenen Schmerz. Wir können versuchen, ihn zu teilen, ihn mitzuteilen, doch wirklich spüren werden wir ihn nur selbst. 

Vielleicht habe ich deswegen im Grunde schon damit abgeschlossen, mich innerlich schon verabschiedet und jedes wir sehen uns nochmal vor dem Umzug gedanklich um ein vielleicht ergänzt. Nicht absichtlich, nur um sicher zu gehen. Ich habe mir den Rückweg mit all den Arbeiten in der neuen Wohnung ohnehin schon verbaut; und auch wenn wir natürlich das Ganze nochmal streichen könnten: trotz aller Angst vor dem Neuen freue ich mich auch darauf. 

Natürlich ist nicht gesagt, dass in der neuen Stadt nur alles super sein wird. Wir werden anfangs Schwierigkeiten haben, Anschluss zu finden. Klar, durch die Arbeit, durch den Alltag werden wir mit Menschen in Kontakt kommen, aber immer werden wir die neuen mit den alten vergleichen und nicht selten zum Schluss kommen: das Bad Nauheimer Netz, so löchrig es manchmal schien, es hielt doch, und es hielt gut und hat uns gut aufgefangen. 

In der neuen Stadt sind es erstmal nur der Mann und ich. Das ist nicht ganz schlimm, das wissen wir, im Zweifels- und Pandemiefall sind wir uns auch genug, ohne uns ausschließlich auf die Nerven zu gehen; aber manchmal braucht es eben auch Input von Außen, neue Gedanken, neue Gesichter, Disruption des Alltags. Vor allem brauche ich das, brauchte das, war doch vor allem ich als Arbeitsfreier von üblichen sozialen Kontakten abgeschnitten. 

Vielleicht - und das ist der letzte Gedanke, mit dem ich mir die Klippe vom Hals und die Tränen hinter der Maske zu halten versuche - sind die alten Freundys auch nur ängstlich, dass sie ersetzt werden könnten; dass ich irgendwann bessere Freundschaften schließen und die alten vergessen könnte. Dass ich sie nicht mehr brauchen und also nie mehr zurückkehren müsste.

Tatsächlich ist es wahrscheinlich eher so, dass - so unvorstellbar dem gebrannten Kind in mir das auch erscheinen mag - sie mich wirklich mögen. Dass wir einander nicht nur Knoten im sozialen Netz waren, sondern Herzensmenschen, die wir gerne sehen, hören und sprechen. Dass die miteinander verbrachte Zeit mehr war als Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre und Jahrzehnte. Dass sie gemeinsames Leben war. Das eben nun vorbei sein wird. 

Den Schmerz darüber kann ich aber nicht teilen, will ihn niemandem aufdrängen, will ihn vielleicht aber auch einfach nicht formulieren, um die naheliegende Frage nicht beantworten zu müssen: wenn es so schmerzt, warum dann nicht bleiben? Warum den Plan nicht ändern, warum an etwas festhalten, das doch mitunter wie ein Fehler scheint und nicht ausschließlich wie ein Befreiungsschlag aus einem eingefahrenen Leben?

Und klar, vielleicht ist das tatsächlich nur, wie manche sagen, eine midlife crisis. Vielleicht anders behandelbar als mit einem Neuanfang in einer fremden Stadt. Ein Motorrad vielleicht oder ein junger Geliebter, ein Haus samt Hausboy? Ein neuer Job, eine Fortbildung, ein riskantes Hobby, ein Ayahuasca-Retreat? Vielleicht doch die Angst vor einer Absage über Bord werfen und sich als professioneller Schauspieler oder Autor versuchen? Ist vielleicht alles besser als das Abruptum.

Und doch gibt es gute Gründe, die für den Umzug sprechen. Allen voran das Haus mit Garten und die Heimat, die es verspricht. Die Familie, die in der relativen Nähe lebt und deren Nähe man vor allem angesichts der jüngsten Todesfälle mehr zu schätzen weiß. Die Notwendigkeit, sich in einer fremden Umgebung neu auszurichten und die alten Muster aufzubrechen. Die maximale Disruption also, noch dazu zu einem Zeitpunkt, an dem sie uns nicht nur überfordert. 

Die Menschen, die zurückbleiben, geben das, wenn sie nüchtern darauf blicken, schon auch zu. Es gebe Gründe, nachvollziehbare sogar, und wenn da diese Kleinigkeit von 300 km nicht wäre, würden sie uns auch vorbehaltlos unterstützen. So versuchen sie sich für uns zu freuen und sind doch für sich traurig. So wird es sich für uns alle eine kurze oder lange Weile anfühlen. Bis der Alltag wieder einsetzt und damit eine langsam voranschreitende Entflechtung.

Manche Freundschaft wird das nicht überleben, und vielleicht rührt auch diese Angst manche zu Tränen: dass dieses Wir, das es gab, dann einfach fort sein wird. Dass es ersetzt wird durch etwas, das dauernd mit der Vergangenheit verbunden sein wird und nicht mehr mit der Zukunft. Dass das Best of Wir nicht um neue Höhepunkte erweitert werden kann. Ob es das aber würde, bliebe ich, ist ja auch nicht gesagt. Wir kennen die Zukunft nicht.

Und so ist das einzige, das bleibt, sich hineinzustürzen in die noch bleibende Gegenwart, die Momente, die als Erinnerung bleiben sollen, so bewusst zu erleben, dass sie dem Schleifstein der Zukunft standhalten. Nicht immer wird das gelingen, manchmal werden wir ganz grandios daran scheitern. Die Angst vor dem Scheitern darf uns aber nicht aufhalten, denn einen Weg daran vorbei gibt es nicht, es geht voran, immer nur voran und niemals zurück.

Anders

Semiliterarisches Lebenslogbuch von
Anders Wolf, ab und an
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