Usus operi    Introspektion, nur mit Vorsicht zu genießen.

Herausforderungen, my ass

Ich weiß gar nicht, wo anfangen. Theoretisch schreibe ich gerade an einem Newsletter für den Verein, tatsächlich jedoch bleibe ich an irgendwelchem nöligen Zeug hängen. Und an reddit, weil sich ja sonst nix ergibt. Der Newsletter jedenfalls beginnt mehr oder weniger damit, dass die letzten sechs Monate eine Zeit voller Herausforderungen waren, und ich denke nur: Herausforderungen! Natürlich, was sonst? Als ob das Leben nicht immer herausfordernd wäre. 

Ganz ehrlich: die letzten 40,25 Jahre meines Lebens waren herausfordernd. Die letzten zehn- bis vierzigtausend Jahre der Menschheit waren herausfordernd. Die letzten Jahrmillionen hier auf der Erde waren herausfordernd. Die Jahrmilliarden seit dem Urknall waren herausfordernd. Alles war und wird immer sein: herausfordernd! 

Ich habe keine Toleranz mehr für dieses Wort. Für dieses Gefühl. Für diesen Zustand. So wenig wie ich in meiner täglichen Yoga-Praxis das Kamel länger als einige Sekunden halten kann (wenn überhaupt länger als eine Sekunde), so wenig ertrage ich dieses Herausforderungsmantra: Dieser Weg wird kein leichter sein.

Gleichzeitig weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Denn nur dadurch, dass ich mich dem Wort verweigere oder den Dauerzustand emotionaler Anspannung vermeiden will, wandelt sich ja nicht gleich alles zum Besseren. Jetzt brennen auf Samos statt in Moria die Zelte, Donald Trump könnte immer noch wiedergewählt werden, die Deutsche Bahn bekommt es immer noch nicht auf die Kette, die richtige Wagenreihung ihrer Züge anzuzeigen, und ich, ja ich höchstpersönlich scheitere ja auch an der Herausforderung, einen Text über Herausforderungen zu schreiben, ohne das Wort "Herausforderung" zu benutzen.

Was also tun? Vielleicht nicht so sehr auf die Anstrengung und das implizierte Scheitern konzentrieren, sondern eher auf die Chance zum Wachstum.

Pfft.

Klassischer Selbsthilfe-Ratgeber-Sprech. Willkommen in der Neufassung des Gelassenheitsgebets. Nicht hilfreich, wenn man eigentlich einen Newsletter schreiben will. Oder sich zumindest selbst vergeben, dass man die Zeit der Corona-Herausforderungen nicht genutzt hat, um das Herausforderungsmanagement zu verbessern oder aber sich aus dem Würgegriff der akuten Perspektivlosigkeit zu befreien. 

Denn darum geht es ja eigentlich: nicht so sehr darum, Herausforderungen zu meistern, sondern wieder eine Perspektive zu bekommen, die einen konstruktiven Blick in die Zukunft erlaubt. Momentan gibt es das für mich nicht. Natürlich ist jede Kontrolle Illusion, das hat uns ja das letzte halbe Jahr noch deutlicher gezeigt als alle Jahre zuvor. Natürlich hatte ich auch schon vorher nur begrenzte Kontrolle über mein Leben. Aber jetzt bin ich so sehr von außen gesteuert, dass ich mich gar nicht mehr in irgendeine Richtung bewegen kann.

Und auch das ist Illusion. Eine wunderbare kleine Selbstlüge, die es mir erlaubt, die Verantwortung für meine Tätigkeiten und mehr noch Untätigkeiten einfach abzugeben. Als hätte ich so viel Zeit auf reddit verbracht, weil das Leben plötzlich zu unberechenbar geworden wäre, um einfach an meinen Geschichten zu arbeiten. Oder mir irgendwie einfallen zu lassen, wie ich wieder Theater machen kann in einer Zeit, da Theatermachen einfach nur nicht geht. Oder eben nur nicht einfach geht. 

Und da kann ich mich also jetzt über das Wort aufregen oder über die Daueranspannung, letztlich konzentriere ich mich dabei doch nur auf einen Nebenschauplatz. Die Herausforderung stellt sich mir ja bloß, weil ich nicht aktiv an die Dinge herangehe. Das Hindernis muss ich ja nur überwinden, weil ich meinen Weg nicht sorgfältig genug geplant habe. Und ja, Pläne gehören in das gleiche Reich der Legenden, wo Kontrolle über die Zeitläufte möglich ist, aber zumindest kann man sich ja mal in eine Richtung bewegen statt einfach nur liegenzubleiben, wenn man beim Üben des Kamels einfach umgefallen ist. 

Was also tun? Nicht nachdenken und einfach den Newsletter schreiben. Und dann einfach weitermachen, einfach immer weiterschreiben und weiterhin nicht nachdenken, denn wozu muss ich denn nachdenken, wohin mein Leben gehen soll? Ich weiß es ja im Grunde schon: ich will - immer noch - Autor sein, Bücher schreiben, Geschichten erfinden und vielleicht ein bisschen was über die Welt erzählen. Denn auch wenn meine Sicht der Dinge vielleicht nicht spektakulär ist oder aber irgendwen aufrüttelt: mir ist es wichtig, mich in dieser Welt zu verorten und zu verstehen, warum die Dinge so sind wie sie sind. Und auch wenn niemand außer mir selbst je lesen sollte, was ich hier schreibe, ist es doch immerhin für mich relevant zu wissen, wie ich irgendwann einmal gedacht habe über die Welt und die Herausforderungen, denen ich mich stellen muss. 

Fremdleben

Liegt vielleicht an diesem Noch-nicht-wieder-ganz-da, vielleicht an dem Zwischendurch-mal-raus, vielleicht an dem Sowieso-immer-alles-anders: fühle mich fremd in meinem Leben. Was auch immer das ist, mein Leben. 

Klingt natürlich pathetisch, auch im englischen Sinn des Wortes. Meint aber ganz eindeutig, dass ich es einfach nicht weiß. Weder wer ich bin, noch wer zu sein ich mir wünsche. Oder, vielleicht zutreffender bislang: wer ich mir erlaube zu sein im Rahmen meiner eng gesteckten Grenzen des für andere Zumutbaren. 

Zu oft, denke ich, ich mache mich klein. Klar, ich vergeude, verspiele, verkenne mein Potential. Sage ich seit Jahren, ohne dass sich etwas ändert. Wie auch, wäre ich doch derjenige, der umsteuern müsste, das Schiff aus dem Trockendock hinaus in die offene See, wo es etwas zu riskieren, vielleicht etwas zu verlieren, garantiert aber etwas zu gewinnen gäbe. Erfahrung zum Beispiel. 

Stattdessen betrachte ich nur meinen eigenen Verfall, untersuche meine Langeweile, sehe mir beim Prokrastinieren zu. Aufbruchsimpulse zu setzen, wie mir das früher ab und zu gelang; mich zu motivieren, aus meiner Komfortzone auszubrechen und Neues zu wagen; mich mir abzustreifen und eine neue Identität anzulegen; alles schwieriger geworden. 

Ich stecke fest in dem Kokon, von dem ich letztes Jahr schrieb, ein Schmetterling auf der Suche nach der Freiheit, nach der Unbeschwertheit, vielleicht auch auf dem Weg in den ewig blauen Himmel unbegrenzter Möglichkeiten. Noch arbeite ich daran, der zu werden, der ich sein soll, doch ohne ein klares Bild, ohne einen überzeugenden Willen, ohne das Ablegen der ewigen Angst vor dem, was ich werden, was ich erreichen könnte, will ich mich nicht an die Enthüllung wagen. 

Der Künstler, das habe ich irgendwann in den letzten Tagen gelesen, muss loslassen können. Wer sich mit dem Gedanken arrangieren kann, das eigene Werk irgendwann anderen zur Rezeption, aber auch zur Interpretation überlassen zu können, wird erst richtig produktiv. Vielleicht trifft das auch auf alle schaffenden Menschen zu, die ein Stück ihrer Seele fixieren wollen, vielleicht auch sich selbst in einer Welt verankern wollen, die sie nicht gänzlich verstehen. Und die sie durch ihre Kunst bereichern und damit sich selbst ein Stück weit einverleiben. 

Vielleicht ist das aber auch etwas, das ich nun, da ich mich so fremd fühle in mir selbst und in dem Alltag, den ich kenne, aber irgendwie nicht so recht mag, auch übernehmen kann. Auf meine innere Stimme hören (statt auf Podcasts zu Fernsehserien) und mit der Welt in Kontakt treten. Wieder einmal fühlen, wer ich bin inmitten all der Fremde. 

In Zeiten von Corona und empfohlenem Rückzug ist das natürlich ein absonderlicher Spagat: mit Abstand Anderen näher zu kommen. 

Vielleicht ist Franz-Thomas doch auf dem richtigen Weg gewesen, vielleicht war seine Geschichte doch das, was ich erzählen wollte, ausformulieren muss, damit ich mich selbst wieder neu erfinden kann. Franz-Thomas ist dieser seltsame Typ, über den ich dauernd schreibe in den Wettbewerben. Der so phlegmatisch, so selbstmitleidig, so fernab von allen Menschen ist, die ihn lieben können wollen. Wenngleich Liebe vielleicht ein zu großes Wort dafür ist, was Franz-Thomas fehlt; Heimat reichte schon, Wurzeln zum Anankern an die Welt, damit das Wachsen in den Himmel nicht zum Verlust der Bodenhaftung führt. Damit die Seele nicht zu dünn wird, wenn man sich ausstreckt, um Andere zu berühren. 

Flurry Rush

Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Kaum wieder daheim falle ich zurück in meine schlechten Angewohnheiten. Ich nenne sie schlecht, weil es schwerfällt, sie vor mir selbst zu rechtfertigen. Nicht zu schreiben beispielsweise und statt dessen Breath of the Wild zu spielen. Geht nach zweiwöchiger Videospiel-Abstinenz übrigens deutlich besser als vorher. Gleichzeitig nagt an mir der Gedanke, dass ich vielleicht lieber Fortschritte beim Yoga machen sollte statt bei Links Flurry Rush.
Man kann nun aber nicht überall sein. Alles machen. Jeden zufriedenstellen, vor allem nicht mich und meine Ambitionen. Von denen es im Übrigen so viele gibt, dass ich nicht weiß, wo anzufangen und was zu streichen wäre. 

Die einfache,
hedonistische Lösung wäre zu tun, was gerade in den Sinn kommt,
doch instant gratification ist tückisch.
Gefährlich fast.

Was bleibt, ist die traurige Gewissheit, viel gewollt und wenig geschafft zu haben.
Wie jetzt beispielsweise. Schlafen könnte ich, nachts um halb eins. Statt dessen arrangiere ich hohle Worte, die an ein nicht existentes Publikum gerichtet sind und selbst mich nur in dem Moment erreichen, da sie vom Gehirn über die Finger digitalisiert werden.

Was witzig ist, weil digitus
das lateinische Wort für Finger ist.
Wobei
...
witzig?

Und dann ist das Denken einfach aus. Weggeknipst wie ein erlöschendes Display, das Bewusstsein einfach erloschen, verloren für die Lichthungrigen, Erleuchtungssüchtigen. Für diejenigen, die sich Tiefe erhofft haben, vielleicht auch eine Meta-Ebene. Vor allem für mich. Die Bedeutung verschwimmt, verschwindet, war vielleicht niemals wirklich da.

Der Flurry Rush ist eine Attacke nach Ausweichen. Aufs Timing kommt es an, auf das Drücken von Knöpfen, vor allem aber auf die Reaktion auf einen gegnerischen Angriff. Es ist kein eigenständiges Handeln, kein Agieren, kein richtungsgebendes Verfahren. Es geschieht, weil etwas anderes vorher geschieht. Actio - Reactio.

Vielleicht doch ins Bett.
Tiefsinniger nämlich
wird's nicht.