Fortschreitungen    Weil Stehenbleiben auch nicht hilft.

Schuppungen

das Zwischen teilt
es oder fällst du
nur ab vor Glauben

das Brechen der
Haut schilfert dich
suchst du denn Halt

schorfst dir die Worte
selbst am Wetzstahl
deiner Verheißung

der Riss reißt nur
dich in den Abgrund
die Klippe sind wir

Die unvollständige Liste der Phasen

Überraschung. Keine Ahnung eigentlich, warum da diese Überraschung ist. Oder eigentlich: keine Ahnung, warum das Fehlen von Überraschung überhaupt nicht überraschend ist. M. nannte das neulich "Huch-Politik". Recht hat er. Dauernd ist irgendwas total überraschend, zumindest für jene, die eigentlich damit beschäftigt sein sollten, Dinge nicht überraschend zu finden, sondern Entwicklungen zu betrachten, zu extrapolieren und die Weichen dafür zu stellen, dass die eigentlich als kommend sichtbare Überraschung eben keine Überraschung mehr ist. Aber da ist offensichtlich niemand, um die Weichen zu stellen, und alle, die noch da sind, müssen also die unausweichlichen Härten akzeptieren. Und das, was für alle, die nicht angestrengt wegschauen, eigentlich keine Überraschungen sind, sondern absehbare Entwicklungen. 

Hoffnung, natürlich, die ist verständlich, die ist erklärbar, nachvollziehbar, eigentlich auch manchmal ganz niedlich. Süß fast. Wenn sie nicht so unerträglich wäre. So unerträglich abstoßend. Hoffnung. Worauf denn? Dass sich Naturgesetze unnatürlich verhalten? Dass die Grundlagen der der Organischen und Biochemie nicht auf objektiver Beobachtung basieren, sondern auf launengetriebener Kreativität? Und dass Exponentialfunktionen mal lieber nur Potentialfunktionen sein sollten, weil das manchen Menschen besser in den Kram passt?

So geht das nicht, Realität ist nicht optional. 

Wut. Kurz war da Wut. Aber Wut, was nützt das? Wut ist ein nutzloses Gefühl. Wut ändert nichts an der Realität, es ändert nur die Energie zwischen den Menschen, und selten in günstigem Maß. Wut nährt nur die Stille zwischen den Menschen, entfernt sie voneinander. Wut will Widerstand, fordert Opposition, und wo keine ist, wird eine gemacht. Wut will wachsen, will Zorn werden, will Gewalt werden und Zerstörung. Wut will vor allem eines nicht: Aushalten, Auseinandersetzung, Aussöhnung. Wut ist Wortlosigkeit. 

Resignation also, was sonst. Bleibt ja sonst nichts. Nur wer sich arrangiert mit den sich unaufhörlich entwickelnden Entwicklungen, wird bleiben. Was aber bedeutet bleiben, wenn doch nichts bleibt, wie es war? Wenn alles sich ändert, kann niemand doch ungeändert bleiben. Ist Resignation dann überhaupt möglich, ist es nicht eher Resistenz? Resilienz? Sich selbst treu bleiben, wenn die Welt es schon nicht tut? Oder ist Treue (wie Ehre) weit überschätzt? Oder ist Treue (wie Solidarität) weit unterschätzt? 

Oder sind alle die falschen Worte?

Verwirrung, also klar, die bleibt. Die ist gekommen, um zu bleiben. Äußert sich manchmal in Missverständnissen, manchmal in schiefen Gleichnissen, manchmal in unachtsamen Flunkereien, die als Scherze durchgehen könnten, wenn nicht Leben davon abhingen. Wenn es nicht so verdammt ernst wäre. Aber ernst, was heißt das? Ernst fühlt sich 2021 anders an als 2020 und 2020 anders 2019. 2019 war ernst eigentlich nur: hoffentlich geht die Welt nicht kaputt, weil die Menschen so dumm sind. 2021 ist ernst: Triage. Und unvermeidbare Zerstörung der Welt. Vielleicht auch da eine Art Triage: Orte, die wahrscheinlich sicher sind. Orte, die vielleicht gerettet werden können. Orte, die vielleicht aufgegeben werden müssen. Und natürlich der ganz große Rest, wo menschliches Leben unmöglich ist.

So fühlt es sich auch manchmal in meinem Gehirn an: Verlässlichkeiten, die noch unangegriffen sind. Vermutungen, die sich noch richtig anfühlen. Verwirrungen, die mitunter beunruhigen. Und schließlich der ganze große Rest an Verzweiflungen über den Zustand der Welt und vor allem über die galoppierende Egozentrik und Ignoranz viel zu vieler Menschen. 

Wo also soll das enden? Hier etwa?

Das Timing der Welt

Zwei Jungs, 13 oder vielleicht 14 Jahre alt, haben mich auf dem zweiten Heimweg vom offenen Bücherschrank überholt. Zugegeben: ich habe mich überholen lassen. Seit ich beschlossen habe, dass die Welt im Zweifelsfall eben auch mal auf mich warten kann, habe ich es nicht mehr eilig. Die Welt und ich - wir haben manchmal Schwierigkeiten beim Timing. 

Die Jungs jedenfalls überholten mich - und es waren zwei Jungs, ganz sicher. Auf meinem Rück- und Hinweg vom und zum offenen Bücherschrank hatte ich sie nämlich schon gesehen. Üblicherweise ist der Schrank immer voll, ich kann maximal einen schmalen Band quer auf die dichtgestopften Reihen legen. Diesmal war nicht nur Platz für meine drei mitgebrachten Bücher, sondern auch für ein weiteres Dutzend, das ich noch zuhause liegen hatte. Manchmal passt das mit dem Timing doch - mit der Welt und mir. 

Auf dem Weg jedenfalls vom und zum Bücherschrank sah ich zum ersten und zweiten Mal die beiden Jungs, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt, also in genau dem Alter, in dem ich dieses Dutzend Bände einer Fantasy-Reihe zu lesen begann. Erst, als ich doppelt so alt war, fiel mir auf, dass der moralische Kompass des Autors nicht mit meinem übereinstimmte und dass auch meine Ansprüche ans Erzählen höher geworden waren. Getrennt habe ich mich trotzdem lange nicht von den Büchern, wozu auch? Ich hatte den Platz auch für mittelmäßige Literatur. Heute weiß ich: alles eine Frage der Zeit. 

Denn mittlerweile bin ich dreimal so alt wie die Jungs. Ich bin am Zenit der durchschnittlichen Lebenserwartung für Männer meines Jahrgangs angekommen, habe ihn schon überschritten eigentlich. Ich werde also sterben. Und Erben werde ich nicht haben. Nur Räume mit zu vielen Dingen darin.

Also miste ich aus, bringe Bücher fort, an denen mein Herz nicht hängt. In denen beispielsweise kein Platz ist für Jungen wie mich damals oder die Jungs heute. Denn als sie mich überholten, die beiden Jungs, sah ich, was mir vorher entgangen war: sie hielten sich an den Händen, nicht wie wenn einer den anderen zu dessen Rettung hinter sich her zog, sondern aus Zuneigung, aus einem Gefühl der Zusammengehörigkeit heraus. 

Mein Herz, das tat einen kleinen Hüpfer. 

Die Welt nämlich in der Zeit, als ich 13 oder 14 war, als ich diese Bücher las, war eine andere. Der 175er war gerade aus dem Grundgesetz gestrichen worden, als ich erkannte, dass der 175er und wie der 175er auch mich betraf, als ich verstand, dass der 175er mir zu einer noch unglücklicheren Zeit nicht nur Gefängnis, sondern vielleicht auch den Tod eingebracht hätte, weit vor dem Zenit meiner durchschnittlichen Lebenserwartung. 

Die Jungs jedenfalls dürften daran nicht gedacht haben. Und sie dürfen daran auch nicht denken müssen. Sie müssen nicht wissen, dass sie zu einer glücklicheren Zeit geboren wurden, zumindest was ihre Liebe angeht. Und sie müssen auch nicht wissen, dass ihre Unwissenheit mich ein klein wenig glücklicher gemacht hat. 

Manchmal trennen wir uns von Dingen, von Büchern, von Vorstellungen, von Paragraphen, von der Notwendigkeit, es immer allen recht machen zu wollen. Manchmal trennen wir uns davon, wer wir einmal waren in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit. Und dann passt es manchmal auch wieder mit dem Timing zwischen der Welt und mir.  

Kondens

Nebel drückt sich an
die Scheibe auch von innen
dunstbeschlagen die Synapsen
im Kopf zertasten sich
die Worte fehlen mir und

Im Wannenbad schwimme ich
aus meiner Haut löst sich
mein Schweiß schmeckt
nach Mitternacht esse ich
meine Wut hält mich, nicht

Aus den Feldern steigt
der Mond verliert sich zwischen
den Sternen ist unser Streit
gleich sind wir