Fortschreitungen    Weil Stehenbleiben auch nicht hilft.

Das Timing der Welt

Zwei Jungs, 13 oder vielleicht 14 Jahre alt, haben mich auf dem zweiten Heimweg vom offenen Bücherschrank überholt. Zugegeben: ich habe mich überholen lassen. Seit ich beschlossen habe, dass die Welt im Zweifelsfall eben auch mal auf mich warten kann, habe ich es nicht mehr eilig. Die Welt und ich - wir haben manchmal Schwierigkeiten beim Timing. 

Die Jungs jedenfalls überholten mich - und es waren zwei Jungs, ganz sicher. Auf meinem Rück- und Hinweg vom und zum offenen Bücherschrank hatte ich sie nämlich schon gesehen. Üblicherweise ist der Schrank immer voll, ich kann maximal einen schmalen Band quer auf die dichtgestopften Reihen legen. Diesmal war nicht nur Platz für meine drei mitgebrachten Bücher, sondern auch für ein weiteres Dutzend, das ich noch zuhause liegen hatte. Manchmal passt das mit dem Timing doch - mit der Welt und mir. 

Auf dem Weg jedenfalls vom und zum Bücherschrank sah ich zum ersten und zweiten Mal die beiden Jungs, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt, also in genau dem Alter, in dem ich dieses Dutzend Bände einer Fantasy-Reihe zu lesen begann. Erst, als ich doppelt so alt war, fiel mir auf, dass der moralische Kompass des Autors nicht mit meinem übereinstimmte und dass auch meine Ansprüche ans Erzählen höher geworden waren. Getrennt habe ich mich trotzdem lange nicht von den Büchern, wozu auch? Ich hatte den Platz auch für mittelmäßige Literatur. Heute weiß ich: alles eine Frage der Zeit. 

Denn mittlerweile bin ich dreimal so alt wie die Jungs. Ich bin am Zenit der durchschnittlichen Lebenserwartung für Männer meines Jahrgangs angekommen, habe ihn schon überschritten eigentlich. Ich werde also sterben. Und Erben werde ich nicht haben. Nur Räume mit zu vielen Dingen darin.

Also miste ich aus, bringe Bücher fort, an denen mein Herz nicht hängt. In denen beispielsweise kein Platz ist für Jungen wie mich damals oder die Jungs heute. Denn als sie mich überholten, die beiden Jungs, sah ich, was mir vorher entgangen war: sie hielten sich an den Händen, nicht wie wenn einer den anderen zu dessen Rettung hinter sich her zog, sondern aus Zuneigung, aus einem Gefühl der Zusammengehörigkeit heraus. 

Mein Herz, das tat einen kleinen Hüpfer. 

Die Welt nämlich in der Zeit, als ich 13 oder 14 war, als ich diese Bücher las, war eine andere. Der 175er war gerade aus dem Grundgesetz gestrichen worden, als ich erkannte, dass der 175er und wie der 175er auch mich betraf, als ich verstand, dass der 175er mir zu einer noch unglücklicheren Zeit nicht nur Gefängnis, sondern vielleicht auch den Tod eingebracht hätte, weit vor dem Zenit meiner durchschnittlichen Lebenserwartung. 

Die Jungs jedenfalls dürften daran nicht gedacht haben. Und sie dürfen daran auch nicht denken müssen. Sie müssen nicht wissen, dass sie zu einer glücklicheren Zeit geboren wurden, zumindest was ihre Liebe angeht. Und sie müssen auch nicht wissen, dass ihre Unwissenheit mich ein klein wenig glücklicher gemacht hat. 

Manchmal trennen wir uns von Dingen, von Büchern, von Vorstellungen, von Paragraphen, von der Notwendigkeit, es immer allen recht machen zu wollen. Manchmal trennen wir uns davon, wer wir einmal waren in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit. Und dann passt es manchmal auch wieder mit dem Timing zwischen der Welt und mir.  

Kondens

Nebel drückt sich an
die Scheibe auch von innen
dunstbeschlagen die Synapsen
im Kopf zertasten sich
die Worte fehlen mir und

Im Wannenbad schwimme ich
aus meiner Haut löst sich
mein Schweiß schmeckt
nach Mitternacht esse ich
meine Wut hält mich, nicht

Aus den Feldern steigt
der Mond verliert sich zwischen
den Sternen ist unser Streit
gleich sind wir

How to not drown

Es mag sich anfühlen wie Schmerz und doch ist es nur Leere. Langeweile. Ein entnordeter Kompass. Reparabel vielleicht, vielleicht aber auch einfach nur ein weiteres Ding, was zu ignorieren ist. Zu überspielen. Spielend leicht ist das, es nennt sich "so tun als ob", und das ist ja nun mal das Einfachste von allem. 

Alles nämlich ist einfach, wenn ich es nur will. Und auch wenn das Einfache das ist, was mir in der Regel nicht gelingt, ist das nur eine weitere Regel, die zu brechen ist. Eine Grenze zu überwinden, ein Knoten zu durchschlagen, eine leere Seite zu beschreiben. Wieder und wieder die gleichen Worte aufs Papier setzen: Ich kann das. Ich kann das. Ich kann das. 

Im Grunde wie Magie. Licht in der Dunkelheit finden und die Dunkelheit dann einfach überstrahlen damit. Alle Geister austreiben, alle Schatten verjagen, alle Zweifel exorzieren. Das wollte ich schon einmal, ich erinnere mich daran. Kein Zweifler mehr sein an mir selbst und meinen Fähigkeiten. Dann kam die Pandemie, fokussierte mich auf mich selbst, und was ich gesehen habe, hat mir nicht mehr Vertrauen in mich selbst gegeben. 

Darum: Ich kann das. Ich kann das. Ich kann alles. Ich kann auch diese dumme Geschichte schreiben, ich kann mich um Stipendien bewerben, um Schreibseminare, ich kann bei Wettbewerben mitmachen, ich kann sogar welche gewinnen, wenn ich mich nur richtig anstrenge. Vielleicht kann ich auch irgendwann wieder aufhören, mich zu isolieren, mich zu verzwergen, so zu tun, als hätte ich es nicht verdient, gemocht zu werden. 

Denn das ist es ja eigentlich: ich will gemocht werden und glaube gleichzeitig nicht, dass es gut für mich ist, sichtbar zu sein. Selbst dieses repetierende Experiment einer emotionalen Selbstoffenbarung, diese Exhibition meiner Gefühle, meiner Sorgen, meines pathetischen Gejammers: auch nur Auswurf eines verwirrten Gefühls von "Sieh mich, aber schau nicht hin". Denn ganz ehrlich: wenn ich wollte, dass dies jemand liest, der mich kennt, dann schriebe ich unter meinem echten Namen. 

Und doch akzeptiere ich die Möglichkeit, dass ich gelesen und erkannt werde. Dass ich vielleicht - mal wieder - bemitleidet werde. Oder verspottet, was weiß ich. Dass sich jedenfalls mein doofes altes Trauma wiederholt. Dass ich auf mich aufmerksam mache und es bereue. 

Wie machen das wohl andere Menschen, die große Kunst schaffen und daran nicht zerbrechen. Oder gehen diese Menschen das Risiko ein, obwohl sie wissen, dass sie daran zerbrechen könnten? Oder wissen sie, dass nicht die Kunst sie zerstört, sondern die Zweifel, die sie haben könnten an sich und dem, was sie erschaffen? 

Ein Fritzfranz-Problem: zu wissen, wie es ist zu leben, aber doch Angst davor haben, es wirklich zu tun. Den Schmerz einfach wegprokrastinieren. Und ja, nicht alles ist Schmerz, das wenigste, um genau zu sein. Vieles ist einfach Arbeit. Langwierige, langweilige Arbeit. Wort an Wort reihen, tief im Gehirn nach dem nächsten Wort graben und dann an das vorige heften, einfach immer wieder und immer weiter. Und von nichts anderem angetrieben als der Hoffnung, dass alles irgendwann Sinn ergibt. Dass irgendwann am Ende noch genügend Kraft übrig bleibt, um auszujäten, was nicht mehr ins Bild passt. Oder einfach ignorieren, dass eine Selbstentblößung vielleicht mehr zeigt als beabsichtigt. 

Wer sich am Grunde des Ozeans wiederfindet und nicht ertrinken will, muss einfach in irgendeine Richtung gehen und nicht zwischendurch umkehren. Sieh nicht zurück, geh einfach immer weiter voran. Ich kann das. Ich kann das. Ich kann das. 

Die anderen Menschen

Als ob die Zeit stehengblieben wäre oder nur ich in ihr; alles so surreal; alles entkoppelt von mir. 

Oder eigentlich natürlich andersherum, ich so distanziert von allem, als gebe es die Welt da draußen nicht, als gebe es die Menschen nicht, die mich irgendwie kennen. Oder zu kennen glauben. 
Das alte Spiel: ich glaube, eine Maske zu tragen oder ein ganzes Kostüm, ein anderer als ich selbst zu sein und: dass mich niemand durchschaut. Als ob es wirklich Menschen interessierte, was ich tue.

Im Fernsehen einen Bericht über eine nicht-binäre Transperson gesehen. Sie, die Person, hat sich vor einigen Wochen die Brüste abnehmen lassen, fühlt sich seither mehr wie sie selbst; gleichzeitig glaubt sie, die Transperson, dass auf der Straße sich dauernd Menschen nach ihr umdrehen, dass die Menschen auf der Straße sie zu lesen, einzuordnen versuchen, und vor allem glaubt sie, dass diese Versuche scheitern und dass deshalb die Menschen irritiert auf sie, die Transperson, reagieren. 

Aus queerer Perspektive gesehen mag das vielleicht plausibel klingen. Kaum ist der Bericht über eine Transperson angekündigt, lese ich die Transperson als trans. Ich als queerer Mensch erkenne die Transperson in diesem Beitrag eindeutig als trans, vor allem, weil sie noch mitten im Prozess steckt. Ob ich sie auf der Straße jedoch als trans gelesen hätte? Ob vor allem ein nicht-queerer Mensch auf den Gedanken gekommen wäre, sie als trans zu lesen oder lesen zu wollen? Ich bezweifle es. Die Menschen auf der Straße hätten sicherlich nur das unbewusste Gefühl bekommen, dass da jemand nicht selbstsicher ist, dass da jemand zwar auf dem Weg zu sich selbst, aber noch nicht angekommen ist. 

Die Menschen interessieren sich in der Regel nicht. Zumindest nicht für viele Dinge außer sich selbst. Wir alle haben unsere großen und kleinen Kämpfe, die wir tagtäglich mit uns und unserer Umwelt ausfechten, sei es die klemmende Schublade, sei es die Frage nach dem Abendessen, sei es die Suche nach der fehlenden Socke. Oder die Frage danach, wie es nach einer Flut weitergehen soll, die alles zerstört hat, was einmal das Leben ausmachte. Niemand interessiert sich für das Leid der Anderen, und wenn, dann auch nur, um das eigene Leid nicht angehen, nicht heilen zu müssen. 

Darum vielleicht die Distanz. Ich will mein eigenes Leid heilen, ich will mich selbst wiederfinden. 

Oder aber: ich habe keine Lust mehr auf das Desinteresse anderer Menschen an mir. 

Und auch das ist lächerliches Selbstmitleid. Menschen haben Interesse an mir. Ich bin nur kurz draußen auf dem Balkon, um nachzusehen, wie der Lavendel den Rückschnitt verkraftet hat bislang, da ruft eine Freundin von der Straße hoch, ob ich mit ihr einen Kaffee trinken will. Letzte Woche war ich mit einer anderen Freundin frühstücken. Es gibt sehr wohl Menschen, die an mir interessiert sind. 

Es ist vielmehr so, dass ich kein Interesse an anderen habe. Warum, frage ich mich. Warum ist das so? Und wie kann ich das ändern, falls ich es ändern will. Will ich das ändern? 

Es ist das Insel-Dilemma, das mein Fritz-Franz-Protagonist durchlebt. Er interessiert sich nicht für andere Menschen, er meidet Begegnungen und Beziehungen, wo es nur geht. Manchmal natürlich geht es nicht anders. Dann braucht er Menschen, vor allem die körperliche Intimität, die seine grundlegendsten Bedürfnisse an Nähe befriedigt. Sex, mehr braucht er nicht von diesen anderen Menschen, denn für alles andere hat er sich selbst. 

Ein trauriger Protagonist eigentlich - und ein wütender, der seine Wut weder verbergen noch kanalisieren kann. Und klar, er fürchtet die Intimität und Nähe genau so, wie er sie sucht. Er weiß, dass er etwas braucht, aber er weiß nicht, wie er die Angst, die mit dem Brauchen einhergeht, besiegen kann. Darum lenkt er sich ab, stürzt sich in Abenteuer, in Dummheiten, in Affekte; sportelt bis zum Umfallen, trainiert seinen Körper in ungesunde Höhen vermeintlicher Schönheitsideale und sitzt am Ende des Tages doch nur alleine in seiner Wohnung. 

Wobei, wer weiß. Ich kenne ihn nicht, weniger noch als er sich kennt. Das - unter anderem - ist mein Problem mit der Geschichte: ich kenne meinen Protagonisten nicht, ich kann ihn nur lose erfühlen, nur erahnen, was er so tut und will und fürchtet; sein restliches Leben ist Nebel für mich. Ich kann ihn mir nicht im Kontext anderer Menschen vorstellen; vielleicht weil ich meinen eigenen Menschen-Kontext nicht mehr erkenne, weil ich mich eben selbst von allen anderen so abgekoppelt habe. Um niemandem zur Last zu fallen, dachte ich früher, doch nun weiß ich: um nicht die Ernsthaftigkeit und Gebundenheit einer Beziehung eingehen zu müssen. Was paradox ist, bin ich doch seit fast 20 Jahren mit meinem Mann zusammen, seit fast zehn Jahren sind wir verheiratet; und doch fühle ich mich manchmal seltsam ungebunden, seltsam frei. Vielleicht muss das so sein, vielleicht darf es das auch, vielleicht sind wir uns auch einfach nur Menschen in unserem Leben, die einander viel bedeuten, die das gleiche denken und wollen und tun, aber wir sind nicht so sehr ineinander verwoben, dass wir uns emotional zu sehr aneinander binden. 

Nein. Das ist es nicht. Wir sind ja im Wesentlichen nur aneinander gebunden; und vielleicht erklärt es das: wir haben uns aneinander gebunden und uns dadurch von der restlichen Welt abgenabelt. Wir brauchen sie nicht, suchen sie nicht, wir sind uns oft, meistens selbst genug. Andere Menschen sind eine Zugabe, ein Extra, aber wenn nicht, dann nicht. Oder vielleicht ist das auch nur meine Sicht der Dinge.

Wobei die eigentlich relevante Frage ja bleibt: inwiefern ist das relevant? Wie sehr steuert mein Bezug zu meinem Mann, wie sehr steuert mein Bezug zu anderen Menschen mein Leben? Was änderte sich, wäre ich weniger distanziert zu allem und allen, nähme ich mehr Anteil am Leben der Anderen? Machte es mich glücklicher? Oder - und das ist eine meiner Grundempfindungen - überforderte es mich einfach nur? Denn auch das ist ja ein Grund für meine Distanz: nicht nur will ich anderen nicht zur Last fallen, auch sind andere eine Last für mich. Mitgefühl kann ich haben, Empathie ist mir nicht fremd, aber die Verantwortung einer Freundschaft kann ich nur selten tragen. Vielleicht, weil mein eigenes Gepäck schon schwer genug ist. 

Entkoppelt also, fern von allem, ausgestiegen aus der Zeit. Warum? 

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